Logo weiterlesen.de
Ein guter Blick fürs Böse

Über die Autorin

Ann Granger war früher im diplomatischen Dienst tätig. Sie hat zwei Söhne und lebt heute mit ihrem Mann in der Nähe von Oxford. Bestsellerruhm erlangte sie mit der Mitchell-und-Markby-Reihe und den Fran-Varady-Krimis. Nach Ausflügen ins viktorianische England mit den Lizzie-Martin-Romanen, knüpft sie mit der Serie um Inspector Jessica Campbell wieder unmittelbar an die Mitchell-und-Markby-Reihe an.

ANN GRANGER

EIN GUTER BLICK
FÜRS BÖSE

EIN FALL FÜR LIZZIE MARTIN
UND BENJAMIN ROSS

Kriminalroman

Aus dem Englischen
von Verena und Axel Merz

BASTEI ENTERTAINMENT

Danksagung

Ich möchte Radmila May danken, einmal für ihre Freundschaft, aber auch für ihre hilfsbereite Unterstützung bei der Recherche der Gesetze aus der viktorianischen Zeit, die ich für dieses Buch benötigte.

KAPITEL EINS

Elizabeth Martin Ross

Man kann einen schönen Frühlingstag in London nicht mit dem Frühling auf dem Land vergleichen, doch die Stadt gibt sich Mühe. Die staubbedeckten Bäume treiben aus. Über den Dächern hängt ein Leichentuch von feinem Schmutz, jedoch ist es dünner als die schlimme schwarze Decke, unter der die Straßen während des Winters ersticken. Die Fußgänger sind nicht länger bis zu den Augenbrauen vermummt, nun, da sich die beißend kalten und windigen Regenschauer gelegt haben. Die Leute scheinen glücklicher zu sein, während sie eilig ihren Geschäften nachgehen. Nach den letzten Monaten, in denen man gleich einem Gefangenen das Haus kaum verlassen hatte, war all dies pure Verlockung. Ich wischte sämtliche anstehenden Aufgaben beiseite, wies Bessie, unser Mädchen, an, es mir nachzutun, und wir machten uns zu einem langen Spaziergang auf, um die wärmende Sonne auf unseren Gesichtern zu spüren.

Der Fluss verströmte nicht den üblichen starken Geruch, als wir ihn von Süden, wo wir wohnten, nach Norden überquerten. Wir hatten es Mr. Bazalgette und seinem neuen, verbesserten Abwassersystem zu verdanken, dass wir auf die Taschentücher vor den Nasen verzichten konnten. Ich überlegte, den neuen Damm hinunter bis nach Blackfriars zu spazieren und von dort, sollte ich nicht zu müde sein, weiter bis hin zur hoch aufragenden Festung des Tower. Das war eine recht ordentliche Strecke, sodass wir dort endgültig um- und nach Hause zurückkehren würden. Außerdem fing hinter dem Tower Wapping an mit dem Londoner Hafen und dem berüchtigten St. Katherine’s Dock.

»Wapping ist keine Gegend, wo eine Dame spazieren gehen sollte«, äußerte Bessie mahnend. »Nicht einmal ich sollte mich dort herumtreiben.«

Ohne Zweifel hatte sie recht. Wapping zog sich um den Hafen und die anderen Docks herum und pulsierte vor Aktivität. In den Straßen und Wirtshäusern drängten sich Seeleute aller Nationen. Wachszieher boten Opium feil. Billige Herbergen grenzten an Bordelle. Regelmäßig zog man bei Wapping Stairs Leichen aus dem Fluss, und längst nicht alle hatten den Tod durch Ertrinken gefunden. Ich wusste über all dies Bescheid, weil ich mit einem Police Inspector verheiratet bin, wenngleich er glücklicherweise zum Scotland Yard gehört.

»Vielleicht schaffen wir es gar nicht bis zum Tower«, entgegnete ich Bessie. »Doch wir geben unser Bestes.«

An diesem Punkt erklang hinter uns eine Stimme. Wir drehten uns um und bemerkten Mr. Tapley, der grüßend seinen Regenschirm schwenkte und durch die Mautstelle hastete. Es machte nicht den Anschein, als würde es heute regnen, doch Mr. Tapley vergaß seinen Regenschirm niemals, wenn er sich zu seinem, wie er es nannte, üblichen Ertüchtigungsspaziergang aufmachte. Er war von kleiner Statur und so dürr, dass es schien, als reichte schon ein Windhauch, um ihn gleich einem achtlos weggeworfenen Zeitungsfetzen davonzuwehen. Trotzdem war er zumeist forschen Schrittes unterwegs. Er trug, was ich im Stillen seine »Uniform« nannte: eine karierte Hose und einen Gehrock, dessen ursprünglich schwarze Farbe längst in einem flaschengrünen Ton schimmerte, ähnlich einer Taftbluse im Sonnenschein. Ein flacher Hut mit geschwungener, breiter Krempe vervollständigte seine Erscheinung. Diese Art Kopfbedeckung war seit ungefähr zwanzig Jahren aus der Mode. Ich erinnere mich, dass mein Vater stets einen ähnlichen Hut aufsetzte, bevor er zu seinen Hausbesuchen aufbrach. Er hatte ihn damals eine ordentliche Stange Geldes gekostet, doch mein Vater hielt die Ausgabe für gerechtfertigt. Ein Arzt täte gut daran, wohlhabend auszusehen, betonte er. Andernfalls könnten seine Patienten das Gefühl haben, er sei nicht angesehen, und nach einem Grund dafür suchen. Tapleys fleckiger, abgerissener Hut hatte seine beste Zeit hinter sich, doch er trug ihn schräg in den Nacken gerückt wie ein junger Mann.

»Guten Tag, Mrs. Ross! Was für ein wundervoller Tag, nicht wahr?« Bevor ich reagieren konnte, beantwortete er seine Frage selbst. »Ja, ein wunderschöner Tag. Man möchte beinahe singen, so schön ist er. Ich hoffe, Sie sind wohlauf? Und Ihr Gatte ebenfalls?«

Seine Augen leuchteten hell. Ein breites Lächeln zog tiefe Furchen in sein Gesicht und ließ Ähnlichkeit mit einem Stück Waschleder aufkommen, doch die dabei entblößten Zähne waren angesichts seines Alters in gutem Zustand. Ich schätzte ihn um die sechzig.

Ich versicherte ihm, dass Ben und ich uns bester Gesundheit erfreuten, und gab Bessie, die an meiner Seite ging, einen kleinen Schubs, damit sie aufhörte zu kichern.

»Sie schnappen ein wenig frische Luft!«, stellte Mr. Tapley fest und lächelte Bessie ein weiteres Mal an.

Verlegen knickste Bessie und murmelte: »Jawohl, Sir.«

»Und Sie haben recht damit, die Gelegenheit zu nutzen«, fuhr Tapley in meine Richtung gewandt fort. »Bewegung, meine liebe Dame, ist von größter Bedeutung für die Erhaltung der Gesundheit. Ich versäume meinen Spaziergang niemals, gleich welches Wetter wir haben. Doch heute kann man nicht umhin, sich glücklich zu schätzen!«

Mit einem theatralischen Schwenken seines Regenschirms zeigte er auf den hinter uns liegenden Fluss, der im Sonnenlicht glitzerte. Schiffsverkehr jeglicher Art tuckerte geschäftig auf und ab. Da fuhren Leichterschiffe, Lastkähne, dampfgetriebene Schlepper und sogar ein Schiff, das mit dem Zeichen der Wasser-Polizei gekennzeichnet war, zwischen allen Jollen hin und her kreuzten und häufig nur durch ein Wunder einer Kollision entgingen.

»Unsere großartige Stadt bei der Arbeit, auf dem Lande und zu Wasser«, bemerkte Tapley und benutzte den Regenschirm wie ein Schulmeister, der mit einem Stock oder einem Lineal auf mit Kreide unterstrichene Wörter an der Tafel deutete. »Meine Empfehlung an Inspector Ross«, fuhr er nahtlos fort. »Möge er nicht nachlassen in seinen tapferen Bemühungen, London von Schurken zu befreien.«

Er tippte sich an den Hut, strahlte und setzte seinen Weg fort. Wir beobachteten, wie er eine kleine Gruppe umrundete, die sich um einen Straßenkünstler versammelt hatte, mit federndem Gang seiner kleinen, zierlichen Füße die Strasse überquerte und sich in Richtung der im Norden liegenden schmalen Gassen von The Strand aufmachte.

»Was für ein komischer alter Kauz, nicht wahr?«, bemerkte Bessie ebenso respektlos wie treffend.

»Er hat offensichtlich einiges mitgemacht«, entgegnete ich. »Es ist nicht seine Schuld – zumindest wissen wir es nicht genau.«

Bessie dachte darüber nach. »Man kann immer noch den feinen Herrn in ihm erkennen«, räumte sie schließlich ein. »Er muss einmal vermögend gewesen sein. Vielleicht hat er das Geld verspielt, oder er hat getrunken …« Ihre Stimme bekam mit einem Mal einen begeisterten Unterton. »Vielleicht hatte er einen Geschäftspartner, der sich mit dem Geld davongemacht hat, oder vielleicht …«

»Das reicht jetzt!«, unterbrach ich sie mit Nachdruck.

Bessie war in unsere Dienste getreten, als Ben und ich geheiratet und einen eigenen Haushalt gegründet hatten. Sie besaß die unterentwickelte, drahtige Statur eines in kargen Verhältnissen aufgewachsenen Menschen, gepaart mit dem wachen Verstand und den geschärften Sinnen eines Kindes aus dem Armenviertel. In ihrer Loyalität war sie gleichermaßen ungestüm wie mit ihrer Meinung.

Was Thomas Tapley anging, so wusste man nicht viel über ihn. Bessie war nicht die Einzige, die darüber spekulierte, was ihn in derart widrige Umstände gebracht hatte. Er logierte in einem sehr alten Haus am unteren Ende unserer Straße, das nicht zusammen mit unserer relativ jungen Häuserzeile errichtet worden war, sondern aus einer Zeit lange vor dem Bau der Eisenbahn stammte. Damals musste es umgeben gewesen sein von Wiesen und Feldern, ein ausladender gregorianischer Bau mit schönen, vom Zahn der Zeit ein wenig angenagten, bröckelnden Giebeln und einem vornehmen Eingang. Vielleicht war es früher im Besitz eines wohlhabenden Geschäftsmannes oder eines finanziell unabhängigen Gentlemans gewesen. Dieser Tage jedoch gehörte es einer gewissen Mrs. Jameson, ehrbare Witwe eines Klipperkapitäns.

Die Nachbarn waren überrascht gewesen, als die Witwe vor sechs Monaten Thomas Tapley als Untermieter bei sich aufgenommen hatte – schließlich war sie eine Dame und musste auf ihren guten Ruf achten. Wenn sie gezwungen war, zur Aufbesserung ihres Einkommens eines ihrer Zimmer zu vermieten, so hätte man eher einen Geschäftsmann als Mieter erwartet. Doch Mr. Tapley besaß eine gewisse, ebenso charmante wie unschuldige Art. Trotz seiner heruntergekommenen Erscheinung hielten ihn schon bald alle für einen Exzentriker und billigten seine Anwesenheit.

Wie seltsam war es doch, dass eine zufällige Begegnung und ein einfacher Austausch von Höflichkeiten mich und Bessie in eine Morduntersuchung ziehen sollten. Wer hätte auch damit gerechnet, dass wir an diesem schönen, hellen Frühlingstag zu den letzten Personen gehörten, die Thomas Tapley lebend zu Gesicht bekommen und mit ihm gesprochen hatten, bevor er eines gewaltsamen Todes starb.

Wir erreichten den Tower. Die Sonne war angenehm, ohne dabei heiß zu sein, und wir waren überrascht, dass wir so weit gekommen waren. Wir machten kehrt und wappneten uns für den langen Weg nach Hause. Auf dem Fluss hier herrschte noch mehr Betrieb, sofern das überhaupt möglich war, und die Schiffe waren größer. Dort waren die Kohleschiffe und lieferten den Brennstoff für die Londoner Öfen und Dampfmaschinen. Wir erblickten ein Vergnügungsboot mit den ersten Tagesausflüglern der Saison und in der Ferne sogar die hohen Masten eines Klippers, was mich an Mr. Tapleys Vermieterin denken ließ. Doch es war ein flüchtiger Gedanke, und im nächsten Moment hatte ich den armen Tapley bereits wieder vergessen.

Wir waren ordentlich erschöpft, als wir die Waterloo Bridge wieder erreichten. Das Ufer hier war stets ein belebter Ort. Es herrschte reger Verkehr von Passanten auf dem Weg zum Waterloo Terminus oder von dort zurück. Viele waren mit der Kutsche unterwegs und noch mehr zu Fuß. Unvermeidbar hatten sich hier Straßenunterhalter und Fliegende Händler eingefunden, die allerlei »nützliche Dinge für die Reise« feilboten, dazwischen immer wieder gewöhnliche Bettler. Sie wagten sich nicht auf die mächtige Brücke – dafür sorgte schon der Wächter an der Mautstelle, der dies niemals gebilligt hätte. Die Polizei vertrieb sie ebenfalls, sofern sie einen von ihnen erwischte. Doch die Missetäter kehrten stets zurück. Selbst ein gelegentlicher Arrest wegen Verkehrsbehinderung schreckte sie nicht ab.

Bessies scharfe Augen hatten etwas entdeckt. Sie zerrte an meinem Arm. »Missus, dort ist ein Clown. Möchten Sie, dass wir umkehren?«, zischte sie.

Inzwischen hatte ich ihn ebenfalls gesehen. Er stand vielleicht zehn Meter entfernt an einer Stelle, die es uns unmöglich machte, die Brücke zu überqueren, ohne dicht an ihm vorbeizukommen. Ich erinnerte mich an die kleine Menge, an der wir auf dem Hinweg vorbeigekommen waren. Womöglich hatte sie dem gleichen Kerl zugesehen. Falls ja, so hatten die Zuschauer ihn vor meinen Blicken verborgen. Andernfalls hätte ich ihn wohl kaum übersehen – ein größerer Kontrast zum fadenscheinigen kleinen Mr. Tapley war schwer vorstellbar. Die grell gekleidete Gestalt des Clowns war nicht zu übersehen: ein beleibter Mann mittleren Alters in einem weiten, geflickten, etwas über knielangen Kleid, das den Blick auf Ringelstrümpfe und übergroße Stiefel freigab. Um den Hals trug er eine breite Krause, eine Art Pelerine, die bis über beide Schultern reichte. Über die grell orangefarbene Perücke, deren Locken ihm über die Ohren hingen, hatte er eine merkwürdige, schwer beschreibbare Haube gestülpt. Sie ähnelte einem umgedrehten Eimer, verziert mit allerlei Papierblüten und Büscheln aus ausgefransten Papierstreifen. Das Ganze wurde von einem breiten Band gehalten, das unterhalb seines Doppelkinns zu einer Schleife gebunden war.

Der Clown jonglierte harmlos mit ein paar Bällen und tat, als würde er den einen oder anderen im nächsten Augenblick fallen lassen, nur um ihn dann doch noch aufzufangen, während er ununterbrochen mit hoher, lauter Frauenstimme unverständliches Zeug vor sich hin plapperte. Seine Possen waren mir egal – es war sein bemaltes Gesicht, das mir Angst machte: ein leichenblass geschminktes Antlitz, tiefschwarz nachgezogene Augen, über denen sich lange Wimpern bogen, und ein grotesker grellroter, riesiger Kussmund, dazu auf jeder Wange ein weiterer runder roter Fleck.

Ich mochte Clowns noch nie, obwohl dieses Wort gänzlich ungeeignet ist, um das Entsetzen zu beschreiben, das sie in mir hervorrufen. Bei ihrem bloßen Anblick gerate ich in Panik. Mein Herz pocht, und Angst schnürt mir die Kehle zu, sodass ich nicht mehr schlucken kann. Ich bekomme kaum Luft. Man mag mich für töricht halten, doch die Reaktion ist da und lässt sich nicht verleugnen.

Diese tief verwurzelte Angst rührt von einem Ereignis aus meiner Kindheit her. Ich war damals sechs Jahre alt. Mein Kindermädchen namens Molly Darby überzeugte meinen Vater, dass mir der Besuch eines fahrenden Zirkus, der auf den Feldern am Rande unserer Stadt gastierte, Freude bereiten würde. Mein Vater hatte Bedenken. Als Arzt kannte er die Gefahren, die man einging, wenn man sich in Gruppen von Leuten aufhielt, die es mit der Sauberkeit nicht so genau nahmen. Doch zum damaligen Zeitpunkt grassierte kein Fieber in der Stadt, und Molly blieb beharrlich. »Sie wird es mögen, Sir. Glauben Sie mir, alle kleinen Kinder lieben den Zirkus.«

Was sie meinte war, dass sie den Zirkus liebte.

Mein Vater drehte sich zögernd zu mir um und fragte mich, ob ich gehen wolle. Hingerissen von Mollys Versicherungen bezüglich der Wunder, die mich im Zirkus erwarteten, sagte ich Ja. Also stimmte mein Vater zu unter der Bedingung, dass Mary Newling, unsere Haushälterin, uns begleitete. Heute denke ich, dass er Mollys Motiven misstraute, die sich lediglich in Begleitung einer erst Sechsjährigen als Anstandsdame vergnügen wollte. Er hatte damit sicherlich recht, denn als Molly hörte, dass Mrs. Newling mit von der Partie sein würde, machte sie ein langes Gesicht. Doch letzten Endes war sie froh, dass wir überhaupt gingen, und sie riss sich zusammen.

Was Mary Newling angeht, so brauchte es eine ganze Stunde, um sie zu überreden. »Das ist nichts, wo eine anständige Frau hingehen sollte! Es wimmelt dort nur so von Gaunern und Vagabunden, und die Leute tun Dinge, die sie besser sein lassen sollten!« Die letzten Worte waren begleitet von einem scharfen Blick zu Molly.    

Molly errötete, doch sie blieb standhaft. »Doktor Martin sagt, er ist einverstanden.«

Also machten wir uns mit einer immer noch murrenden Mary Newling auf den Weg. Ich hüpfte voller Vorfreude dahin. Wenn überhaupt, so hatte Marys Warnung bezüglich der Vagabunden den Ausflug noch aufregender gemacht. Ich wusste nicht, was ein Vagabund war, doch es schien ein faszinierendes Ding zu sein.

Meine Begeisterung schwand ein wenig, als wir auf einer harten Bank in dem riesigen Zelt unsere Plätze eingenommen hatten. (»Zirkuszelt!«, flüsterte Molly mir zu. »So nennt man es.«) Noch nie zuvor hatte ich mich in einer so riesigen (wie mir schien) Menge aufgehalten. Wir hatten einen Aufpreis bezahlt und durften in der ersten Reihe sitzen, doch hinter uns herrschten Rangeleien und laute Wortwechsel und Geschimpfe, während die Menge hin und her wogte, um besser sehen zu können. Mary Newling machte ein finsteres Gesicht, legte mir die großen, von Arbeit gezeichneten Hände über die Ohren und klemmte meinen Kopf wie in einem Schraubstock ein. Es war sehr heiß und die Luft roch schlecht.

Vor uns befand sich eine kreisförmige, mit Sägemehl aufgefüllte Fläche, die man, wie Molly wichtigtuerisch erzählte, Manege nannte. Noch war sie leer, doch jeden Augenblick nun würde sie sich mit den atemberaubendsten Sensationen füllen.

»Wir sind zusammengepfercht wie Heringe!«, meckerte Mary Newling unbeeindruckt. »Und so, wie das hier stinkt, haben viele der Anwesenden keine Ahnung, wozu Wasser und Seife da sind. Wenn jemand ohnmächtig wird, hat er nicht mal eine Gelegenheit umzufallen. Man müsste die arme Seele dort ablegen …« Sie zeigte auf die mit Sägespänen bedeckte Fläche der Manege.

In diesem Moment nahm eine Kapelle ihren Platz auf dem seitlich gelegenen Podium ein. Sie bestand lediglich aus einem Paar Geigenspielern und einem Trompeter; ein vierter Mann schlug entweder auf eine Trommel oder rasselte mit einem augenscheinlich selbst gebastelten Instrument, einer Stange, an der unterschiedliche Stücke Metall angebracht waren. Es machte einen großartigen Lärm, wenn er das Ende seiner Stange auf den Boden rammte. Ich war mehr als bereit, Mollys Behauptung, dies sei ein richtiges Orchester, Glauben zu schenken.

Als das Orchester verstummte, schritt ein Gentleman mit ordentlich gestutztem Schnauzbart in die Manege, gekleidet in eine leuchtend rote Jacke und weiße Reithosen. Er schwenkte grüßend seinen Zylinder, hieß uns willkommen und mahnte uns, auf die erstaunlichsten Dinge vorbereitet zu sein. Dann drehte er sich um und deutete mit seiner langen Peitsche auf den hinter ihm liegenden und mit einem Vorhang abgetrennten Eingang.

Zu meiner Begeisterung wurden die Vorhänge von unsichtbaren Händen beiseitegezogen, und zum Vorschein kamen mehrere wunderschöne weiße Ponys mit wippenden Federbüschen zwischen den Ohren. Als der Mann mit dem Zylinder mit der Peitsche knallte, galoppierten sie im Kreis um ihn herum. Dann kam ein weiteres, phantastisch geschmücktes Pferd hinzu. Die Menge atmete hörbar ein, und stellenweise erklangen Pfiffe, denn auf seinem breiten Rücken ritt aufrecht stehend die schönste Frau, die ich jemals gesehen hatte. Sie war in ein sehr knappes, fransenbesetztes Korsett aus smaragdgrünem Satin gekleidet, dazu trug sie helle pinkfarbene Strümpfe. Während das Pferd im Kreis herumgaloppierte, hob die Reiterin im grünen Kostüm die Arme und zeigte allerlei anmutige Posen. Schließlich krümmte sie sich in einer unglaublichen Weise, legte die Handflächen auf den Rücken des Pferdes und hob die Beine geradewegs in die Höhe, um auf den Händen stehend durch die Manege zu reiten.

»Widerlich! Sie zeigt ja alles, was sie hat!«, empörte sich Mary Newling. Doch ihr Protest wurde von wildem Applaus, Pfeifen und Bravorufen übertönt.

Dann war die Darbietung vorbei, und die Frau ritt bereits auf den Ausgang der Manege zu, als sie plötzlich herunterfiel und mit in die Luft gestreckten Beinen auf der Kehrseite landete. Die meisten Zuschauer hielten es für einen Teil der Darbietung, und so erhielt sie erneut Applaus.

Als Nächstes kam der »Starke Mann«, gekleidet in ein Trikot mit Leopardendruck und scharlachrote Stiefel. Er wuchtete mühelos unglaublich schwer aussehende Hanteln.

»Betrug!«, knurrte Mary Newling. »Da ist mit Sicherheit nur Luft drin!«

Inzwischen applaudierte und jubelte ich mit der Menge und genoss die wundervolle Zeit. Dann spielte das Orchester erneut, und herein kamen die Clowns.

Es waren Gestalten aus meinen Alpträumen, unförmig und grotesk gekleidet und gleichermaßen geschminkt. Sie taumelten, fielen übereinander, stolperten und bewarfen sich und das Publikum mit Kübeln voller Papierschnipsel, während sie alle möglichen Arten von Kunststückchen vorführten. Aus meinem kindlichen Blickwinkel heraus wurde mir schnell klar, dass irgendein derber Unfug in die Manege eingedrungen war. Das war keineswegs lustig, das war eine Bedrohung. Ausgerechnet dann löste sich eine dieser erschreckenden Gestalten aus der Gruppe und rannte mit blutrotem, grinsendem Mund und weit ausgestreckten Armen geradewegs auf mich zu …

Natürlich musste ich an die frische Luft gebracht werden, und das erwies sich als gar nicht so einfach. Die Menge wollte weiter unterhalten werden und gab auch den Weg nicht frei, sodass Mary and Molly mich nach draußen hätten bringen können. Sie fluchte und pfiff, Molly möge das »Heulen der Göre« gefälligst unterbinden.

Auf dem Heimweg schluchzte ich ohne Unterlass. Molly Darby tat es mir nach; sie ahnte wohl, dass sie für das ganze Unglück getadelt werden würde. Mary Newling war zu gleichen Teilen damit beschäftigt, mich zu trösten und Molly zu schelten und in triumphierendem Ton zu verkünden, sie hätte von Anfang an kommen sehen, dass dieser Ausflug in Tränen enden würde.

Die Erinnerung an all diese Schrecken stürzte auf mich ein, als ich hier und jetzt den Clown anstarrte, einen armen harmlosen Kerl, der ein paar Penny zu verdienen versuchte. Bessy ergriff meinen Arm. »Keine Angst, Missus«, sagte sie laut. »Wir gehen einfach weiter und überqueren den Fluss hinter Westminster Abbey! Es ist kein großer Umweg.«

Doch ich war mittlerweile fußlahm und vermutete, dass Bessie ebenfalls müde war. Der Gedanke an einen überflüssigen Umweg, lediglich einer absurden Angst geschuldet, ließ mich verlegen werden. Ich fühlte mich beschämt, dass ich mich vor einem Mädchen von gerade sechzehn Jahren so dumm aufführte. Ich riss mich zusammen. »Nein, Bessie«, entgegnete ich mit fester Stimme. »Wir gehen an ihm vorbei und überqueren wie geplant die Brücke. Er kann schließlich nichts dafür … Warte!« Ich griff mit der Hand in den Geldbeutel, den ich am Handgelenk trug, und nahm ein paar Münzen heraus. »Geh und wirf sie in seine Schale.«

Bessie nahm die Münzen, die ich ihr hinhielt, und ging zügig auf den Clown zu. »Bitte sehr!«, sagte sie laut und blickte ihm direkt in das bemalte Gesicht. »Ist dir eigentlich klar, dass du mit deinem Anblick einige Leute erschreckst?« Sie ließ die Münzen klimpernd in die Holzschale zu seinen Füßen fallen.

Der Clown gluckste und sah an Bessie vorbei in meine Richtung. Er nahm den merkwürdigen Hut von den orangefarbenen Locken und verneigte sich, während er mich aus schwarzen, glänzenden Augen fixierte. Sein Blick hatte etwas so Scharfsinniges und Wissendes, dass ich für einen Moment wie erstarrt war und nichts anderes mehr wahrnahm. Ich versuchte den Blick abzuwenden, doch es gelang mir nicht. Der Clown richtete sich wieder auf und setzte den Hut auf, ohne den Blick abzuwenden.

»So eine Frechheit!« Bessie war wieder an meiner Seite. »Sie derart anzustarren. Er hat kein Benehmen, dieser Kerl, auch wenn er ein Clown ist! Selbst ein Clown sollte eine anständige Dame auf einem harmlosen Spaziergang nicht so anstarren!« Erzürnt wedelte sie in seine Richtung.

Das brach den Bann. Der Clown wandte den Blick ab, und ich erwachte aus meiner Lähmung. »Komm weiter!«, sagte ich zu Bessie und marschierte direkt an dem Clown vorbei auf die Brücke. Bessie trottete neben mir her.

Unvermittelt sahen wir direkt vor uns erneut Thomas Tapley, der sich ebenfalls auf dem Weg nach Hause befand. Falls er unterwegs nicht irgendwo angehalten hatte, hatte er wahrscheinlich eine ähnlich weite Strecke zurückgelegt wie Bessie und ich. Doch sein Schritt war nach wie vor zügig, und wir würden ihn nicht einholen. In diesem Augenblick überholte uns jemand anderes. Verwundert stellte ich fest, dass es der Clown war.

Er hatte seine Aufführung abgebrochen. Verfolgte er uns etwa? Mein Herz klopfte schmerzhaft. Doch er zeigte kein Interesse an uns. Er hastete an uns vorbei, und ich erhaschte einen Blick auf seine grelle Garderobe. Als er Tapley fast erreicht hatte, wurde er langsamer, sodass er in gleichbleibendem Abstand ein paar Schritte hinter ihm blieb. Hätte Tapley sich umgedreht, so wäre ihm der Kerl nicht sofort aufgefallen. Auf der Brücke herrschte geschäftiges Treiben, und ich gewann den Eindruck, dass der Clown sorgfältig darauf achtete, stets ein paar Fußgänger zwischen sich und dem abgewetzten flaschengrünen Gehrock zu behalten.

Tapley drehte sich nicht um. Seine Gedanken kreisten wahrscheinlich ähnlich den unseren um den Nachhauseweg und das willkommene Pfeifen des Teekessels auf der Herdplatte. Die beiden gingen schneller als wir, und die Menge, die sich vor dem Clown geteilt hatte, schloss sich hinter ihm wieder und entzog ihn meinem Blick. Es war klar, dass sie die andere Seite weit vor uns erreichen mussten, sodass ich mich nicht weiter wunderte, als wir dort ankamen und nichts mehr von ihnen zu sehen war.

Ich war erfüllt von dunklen Vorahnungen, doch ich sagte mir, dass meine Phantasie wieder einmal mit mir durchging. Trotzdem – ich hatte den Eindruck, als hätte der Clown Thomas Tapley verfolgt.

KAPITEL ZWEI

An diesem Abend erwähnte ich Ben gegenüber nichts von dem Clown. Ich hatte Bessie gewarnt, ebenfalls zu schweigen. Als wir nach Hause gekommen waren, hatten wir uns ohne Umschweife an die Zubereitung des Abendessens gemacht, und so kam es, dass wir nicht einmal untereinander über das Erlebte redeten. Ich schämte mich wegen meiner Feigheit, als die mir mein Verhalten nun erschien. Außerdem war ich ein wenig beunruhigt wegen Tapley, auch wenn ich mir sagte, dass das wohl nur eine Projektion meiner eigenen Angst war.

Was ich Ben erzählte, war, dass wir Mrs. Jamesons Untermieter getroffen hatten. Ich überbrachte seine Grüße und seine Hoffnung, Ben möge London von Halunken befreien.

»Wir geben unser Bestes«, entgegnete Ben ironisch. »Doch es ist ein bisschen wie bei diesem griechischen Monster. Man schlägt einen Kopf ab, und sieben neue Köpfe wachsen nach.«

»Du meinst die Hydra«, sagte ich.

»Genau. Die Londoner Unterwelt ist wie die Hydra. Wir nehmen einen Ganoven fest und stellen ihn vor Gericht. Der Richter steckt ihn ins Gefängnis. Doch noch bevor der Prozess zu Ende ist, machen neue Ganoven da weiter, wo der erste aufgehört hat.« Er hielt inne und nahm einen Bissen von der Pastete. »Sonst bist du also niemandem begegnet?«

»Niemandem, den wir kennen«, antwortete ich, indem ich Wahrheit und Diskretion zugleich Genüge tat.

Bis zum nächsten Abend passierte nichts mehr. Es war ein geschäftiger Tag gewesen. Wir hatten das Abendessen beendet und unterhielten uns im Salon vor dem Kamin. Die Abende waren immer noch so kalt, dass man abends heizen musste. Der Salon war ein dunkles Zimmer ohne Sonne und stets ein wenig kühl. In der Küche war Bessie auf ihre übliche geräuschvolle Art mit dem Abwasch zugange.

Plötzlich gab es ein lautes Scheppern, gefolgt von Bessies erschrockenem Ausruf.

»Dieses Mädchen!«, brummte Ben. »Hat sie schon wieder einen Teller kaputt gemacht?«

Doch ich war bereits auf den Beinen. Bessies lauter Schreckensruf ließ mehr als einen zerbrochenen Teller erahnen, und tatsächlich, die Wohnzimmertür flog auf, und Bessie erschien mit nasser Schürze und schief auf dem Kopf sitzender Haube.

»O Sir! O Missus!«, japste sie. »Es ist etwas ganz Schlimmes passiert!«

Ben, an den täglichen Umgang mit schlimmen Dingen gewöhnt, zuckte lediglich mit den Schultern und nahm seine Zeitung wieder auf. Er überließ es mir, mich um diesen häuslichen Notfall zu kümmern, was immer es sein mochte.

»Was ist denn, Bessie?«, fragte ich und eilte zu ihr. In diesem Moment hörte ich eine andere fremde weibliche Stimme in der Küche schluchzen.

»Es hat einen Mord gegeben, Missus! Mr. Ross, Sir! Sie müssen ganz schnell kommen!«

Mit bewundernswerter Ruhe ließ Ben die Zeitung sinken. »Und wo genau ist dieser Mord passiert, Bessie?«, fragte er. »Draußen auf der Straße? Wir haben nichts gehört.«

»Nein, Sir. Es ist Mrs. Jamesons Hausmädchen!«

»Was denn, sie wurde ermordet?« Bens Tonfall wurde scharf, während er sich erhob.

Ich ahnte, von wem die schluchzenden Laute stammten. »Ist sie in unserer Küche?«, fragte ich. Ich wartete nicht auf eine Antwort und rannte an Bessie vorbei in Richtung Küche, dicht gefolgt von Ben. Dort saß ein Mädchen in Bessies Alter in sich zusammengesunken auf den kalten Steinfliesen und weinte. Als sie uns erblickte, fing sie zu heulen an und wälzte sich auf dem Boden.

»Sie hat einen Anfall!«, rief Ben. »Hol einen Holzlöffel, und schieb ihn zwischen ihre Zähne. Sie beißt sich sonst in die Zunge!«

»Nein, nein, sie ist nur völlig verängstigt …«, unterbrach ich ihn. Ich sprang zu dem Mädchen, um es bei den Schultern zu packen und festzuhalten, damit es sich beruhigte, doch es hockte vor mir wie ein Tier, das außerstande war, auf zwei Beinen zu stehen. »Wie heißt du?«

Sie starrte mich an und bewegte die Lippen, ohne ein Wort hervorzubringen.

»Sie heißt Jenny«, informierte uns Bessie. »Los, Jenny, lass den Unsinn, und steh gefälligst auf.« Sie wurde sogleich aktiv und eilte forschen Schrittes zu dem aufgelösten Hausmädchen, um es auf die Füße zu ziehen, obwohl die unglückselige Person aussah, als könnte sie in der nächsten Sekunde erneut zu Boden sinken.

Ben sprang ein und schob hastig einen Küchenstuhl vor. Jenny sank darauf nieder und starrte zu uns auf, während Tränen über ihre Wangen liefen. Ben beugte sich zu ihr hinunter. »Nun, Jenny, was hat das alles zu bedeuten?«, fragte er freundlich, aber bestimmt.

»Sie müssen sofort mitkommen, Sir, bitte«, hauchte sie. »Meine Herrin hat mich geschickt, Sie zu holen. Das wäre schneller, als den Bobby auf seiner Runde zu suchen.«

»Ist Mrs. Jameson verletzt?«, fragte Ben.

»Nein, Sir, es ist Mr. Tapley, der Untermieter. Er ist tot, Sir, schrecklich zugerichtet und voller Blut! Er liegt auf …«, an dieser Stelle verlor Jenny die Beherrschung und schluchzte erneut lauthals los.

Ben richtete sich auf. »Ich gehe nachsehen, was dort los ist. Das Mädchen bleibt besser hier. Bessie, du machst ihr einen starken heißen Tee! Es dauert sicher nicht lange, Lizzie, es sei denn, die Dinge …«

»Aber ich komme mit!«, unterbrach ich ihn. »Was auch immer passiert ist, die arme Mrs. Jameson ist allein im Haus. Sie ist wahrscheinlich schrecklich durcheinander, und womöglich befindet sie sich in Gefahr. Und nicht zuletzt benötigt sie Unterstützung. Während du herausfindest, was Mr. Tapley zugestoßen ist, kann ich mich um Mrs. Jameson kümmern.«

»Schon gut, schon gut, also dann!« Er war bereits auf dem Weg nach draußen, ohne innezuhalten, um seinen Hut zu nehmen.

Ich rannte hinter ihm her, und bald darauf erreichten wir zusammen Mrs. Jamesons Haus. Die Vordertür stand offen, und sämtliche Gaslampen im Erdgeschoss brannten hell. Es war inzwischen dunkel genug, um das künstliche Licht zu entzünden, doch vermutlich hatte Mrs. Jameson die Lampen in der Absicht angezündet, Eindringlinge abzuschrecken, die vielleicht noch auf der Lauer lagen. Ich spähte in die uns umgebenden Schatten, doch es war niemand zu sehen oder zu hören.

Ben rief den Namen der Witwe, während wir die wenigen Stufen hinaufstiegen. Sie schien uns gehört oder gesehen zu haben, denn sie erwartete uns bereits in der Halle. Sie war blass und zitterte und rang sichtlich um ihre Fassung, doch sie begrüßte uns förmlich.

»Danke für Ihr Kommen, Inspector, und auch Ihnen, Mrs. Ross. Ich bin untröstlich, dass ich Ihnen solche Umstände bereite, aber der arme Mr. Tapley …« Sie brach zitternd ab.

»Wo ist der Tote?«, fragte Ben leise.

»Die Treppe hoch, Inspector. In seinem kleinen Wohnzimmer. Er hat die beiden Zimmer im ersten Stock mit Blick zur Straße.«

Ben rannte die Stufen hoch. Ich nahm Mrs. Jameson beim Arm und führte sie in ihren Salon.

»Ich mache Ihnen eine Tasse Tee«, sagte ich, als sie Platz genommen hatte.

»O nein, Mrs. Ross, bitte machen Sie sich nicht so viele Umstände, Jenny kann …«

Sie brach ab, als ihr bewusst wurde, dass sie Jenny losgeschickt hatte, um Ben zu holen.

»Jenny sitzt mit unserer Magd Bessie in unserer Küche«, sagte ich. »Sie kommt wieder, sobald Bessie sie ein wenig beruhigt hat. Vielleicht würde etwas Stärkeres als Tee helfen. Haben Sie Wein, vielleicht Sherry oder Madeira?«

Darauf reagierte sie plötzlich und erwiderte mit entschiedener Stimme: »O nein, in diesem Haus gibt es keine alkoholischen Getränke, Mrs. Ross.«

»Es lag mir fern …«, entschuldigte ich mich.

Sie schloss für einen Moment die Augen. Als sie sie wieder öffnete, schien sie sich gesammelt zu haben. »Auch keinen Tee, danke sehr, Mrs. Ross. Doch ich bin für Ihre Gesellschaft dankbar.«

Über uns hörten wir, wie eine Tür geschlossen wurde, und Bens Schritte erklangen auf der Treppe.

»Ich gehe direkt zum Scotland Yard.« Er zögerte. »Es ist keine gute Idee, Sie beide allein und schutzlos hierzulassen. Vielleicht sollten Sie zu unserem Haus gehen.«

Also ist Mr. Tapley tot, dachte ich. Es war nicht irgendein schlimmes Missverständnis, und er lag auch nicht verletzt oder ohnmächtig dort oben. Ich sah zur Decke hinauf und überlegte, ob es der Raum über diesem war, in dem er leblos am Boden lag.

»Ich bleibe hier«, sagte Mrs. Jameson unerwartet entschlossen.

»So schrecklich der Gedanke auch sein mag, dass der arme Mr. Tapley leblos dort oben liegt, so falsch erscheint es mir, das Haus mit Ausnahme seiner Leiche leer zurückzulassen. Es wäre, als hätte ihn jeder im Stich gelassen. Es wäre nicht schicklich. Ich fürchte mich nicht vor einem Toten, Mr. Ross.«

Ich dachte, dass es eher die Lebenden waren, wegen denen Ben sich sorgte. Doch auf dem Gesicht der Witwe lag ein Ausdruck von Sturheit, und wir erkannten, dass sie ihre Entscheidung getroffen hatte. Sie würde bleiben und eine Art Totenwache halten. Wenn jemand wie die Witwe Jameson erst einmal zu einer Entscheidung gelangt war, was richtig war und was nicht, dann war er nicht mehr davon abzubringen.

»Ich kann mit Mrs. Jameson hier warten, wenn sie das möchte«, sagte ich.

Ich sah, dass Ben darüber alles andere als glücklich war, doch er hatte es eilig, zum Yard zu kommen, und nickte. »Ich schicke so schnell es geht ein paar Beamte her. Sollte ich unterwegs dem Constable auf Streife begegnen, schicke ich ihn schon hierher. Bis dahin betritt niemand, nicht eine einzige Person, diesen Raum. Ist das klar? Lizzie, du sorgst dafür, dass niemand ins Obergeschoss geht?«

Ich versprach es und ging mit ihm zur Haustür, um hinter ihm abzusperren. »Und schließt euch am besten im Salon ein. Ich wünschte wirklich, ihr würdet zu uns nach Hause gehen«, wiederholte er seine Bitte noch einmal.

»Mach dir keine Sorgen«, sagte ich optimistisch.

Mit dem Versprechen, so bald wie möglich zurückzukehren, machte er sich auf den Weg. Ich kehrte zur Witwe Jameson in den Salon zurück und schloss die Tür hinter mir ab, wie Ben es verlangt hatte. Ich spürte den Blick der Witwe auf mir.

»Das ist alles ein furchtbarer Schock«, flüsterte sie, als ich ihr gegenüber Platz genommen hatte. »Eine barbarische Angelegenheit! Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll! Der arme Mr. Tapley! Er ist – er war so ein angenehmer Untermieter.« Sie faltete die Hände im Schoß und sah mich hilflos an. »Wer wäre zu solch einer furchtbaren Tat imstande? Und in meinem Haus!«

Ich schätzte sie um die sechzig, vielleicht ein oder zwei Jahre jünger als ihr verstorbener Untermieter. Ihr dichtes, graues Haar war ordentlich in der Mitte gescheitelt und straff zu beiden Seiten in den Nacken gekämmt, wo es in einem gedrehten Knoten endete. Sie trug ein kastanienbraunes Kleid mit Spitzenkragen und Manschetten an den Ärmeln und vermittelte den Eindruck äußerster Respektabilität. Mein Blick fiel auf ihre Hand, und ich entdeckte ihren Ehering. Es war der einzige Schmuck, den sie trug. In Gedanken versuchte ich mich in die Lage eines Einbrechers zu versetzen, der womöglich von Tapley aufgescheucht worden war. Doch der Salon sah aus, wie wahrscheinlich Tausend andere im ganzen Land auch. Alles in allem war er nicht ärmlich eingerichtet, doch er ließ auch nicht auf Wohlstand schließen. Ich sah eine Gruppe bequemer Sessel, einen verblassten türkischen Teppich, zwei niedrige Tischchen, auf einem davon eine aufgeschlagene Bibel. Die einzigen anderen interessanten Gegenstände waren ein Porträt des verstorbenen Mr. Jameson mit einem schwarzen Seidenband sowie ein Paar chinesischer Vasen auf dem Kaminsims, die er vielleicht von einer seiner Reisen mitgebracht hatte. Zwischen ihnen stand eine massive Uhr aus Ebenholz und tickte eintönig. An der Wand hing ein Alphabet-Spiel, hergestellt von Kinderhand.

Alles machte einen vollkommen normalen Eindruck. Die einzige Kuriosität, wenn man es so nennen konnte, war ein seltsam deplatziert wirkendes Schaukelpferd in einer Ecke des Zimmers. Das hübsche Spielzeug war weiß mit schwarzen Flecken, und es hatte eine lange Mähne und einen Schweif aus echtem schwarzem Pferdehaar. Der Sattel aus rotem Samt war verblasst und ordentlich abgenutzt.

Ihr erster Ehemann hatte Mrs. Jameson nicht unversorgt zurückgelassen, überlegte ich. Nichtsdestotrotz hatte sie die oberen Räume einem Untermieter überlassen. Gab es finanzielle Gründe dafür, oder war es vielleicht die Einsamkeit gewesen? Hatte sie sich sicherer gefühlt mit einer anderen Person, einem Mann im Haus? Jemandem, der mit ihr unter einem Dach wohnte, während sie älter wurde? Eine junge Dienstmagd war da alles andere als hilfreich, insbesondere während der Abendstunden. Nicht, dass der arme Thomas Tapley imstande gewesen wäre, die beiden Frauen zu beschützen. Wie es aussah, hatte er ja nicht einmal sich selbst schützen können.

Die Wirtin hatte mein Interesse an dem Schaukelpferd bemerkt. »Es gehörte meiner Tochter Dorcas«, sagte sie. »Sie starb im Alter von zehn Jahren an Diphtherie. Etliche Kinder in der Nachbarschaft erkrankten damals, und alle sind gestorben. Wir wohnen nicht weit vom Flussufer, und Fieber war damals wie heute sehr verbreitet. Dorcas liebte Dobbin, auch als sie schon größer war und nicht mehr auf ihm reiten konnte. Nachdem Ernest und Dorcas mich allein gelassen haben und an einen besseren Ort gegangen sind, steht Dobbin hier in seiner Ecke und leistet mir Gesellschaft.«

»Es tut mir sehr leid«, sagte ich. »Auch dass Sie nach Ihren schmerzlichen Verlusten nun auch noch dies hier durchmachen.«

Ich zögerte. Ich wollte die arme Frau nicht unter Druck setzen, wo sie offensichtlich die größte Mühe hatte, ihre Fassung zu bewahren. Doch meine Neugier gewann die Oberhand. »Sie haben nichts gehört? Es gab keine Hinweise auf einen Eindringling?«

Sie schüttelte den Kopf. »Keine. Sicher, die Wände sind sehr dick hier im Haus, doch ich denke, ich hätte gehört, wenn Mr. Tapley geschrien hätte. Und er muss wohl geschrien haben, nicht wahr?« Sie rang um Fassung. »Wenn er aufgeblickt und den Attentäter auf sich zustürmen gesehen hat, mit einer Waffe in der Hand? Oh, Mrs. Ross, ich hätte nie gedacht, einmal so etwas ansehen zu müssen. So viel Blut, der Teppich war ganz durchnässt von Blut.« Sie brach ab, für den Augenblick abgelenkt wegen dieses hässlichen Details.

»Vielleicht hat er nicht geschrien, falls er überrascht wurde«, führte ich aus. »Falls der Angreifer sich angeschlichen hat …« Hastig hielt ich inne. Jetzt war nicht der Zeitpunkt für derartige Bilder.

Sie beugte sich vor. »Er muss leise wie eine Maus ins Haus und die Treppe hochgeschlichen sein. Weder Jenny noch ich haben den Schuft gehört. Ich kann es nicht fassen. Es erscheint völlig unmöglich, dass ein Fremder, ein Mörder, in mein Haus eindringt! Wie hat er das gemacht?«, fragte sie ernst.

Das will die Polizei vermutlich auch gerne wissen, dachte ich im Stillen. »Hatten Sie Mr. Tapley heute bereits gesehen?«

»Nein, doch das war keineswegs unüblich. Mr. Tapley stand stets recht spät auf und nahm sein Frühstück in einem Café ein. Ich hätte es gerne gesehen, wenn er hier bei mir gefrühstückt hätte, doch er sagte, er wäre gewohnt, in ein Café zu gehen und die Zeitungen zu lesen. Womit er den Rest des Tages verbracht hat, weiß ich nicht. Zum Abendessen war er wieder da. Es ist – es war die einzige Mahlzeit, die er hier einnahm. Er hatte seinen eigenen Haustürschlüssel, wissen Sie?«

Sie bemerkte meine Überraschung. »Ich hatte zuerst nicht die Absicht, einem Untermieter einen eigenen Schlüssel zu überlassen«, beeilte sie sich zu sagen. »Doch Mr. Tapley bat mich darum und versprach, ihn nicht zu verlieren. Also stimmte ich zu. Es sind nur Jenny und ich hier, und wären wir zufällig gleichzeitig aus dem Haus gewesen, so hätte er keine Möglichkeit gehabt, vor unserer Rückkehr ins Haus zu gelangen. Es schien vernünftig zu sein, dass er imstande war, alleine ins Haus zu kommen. Wie dem auch sei, in der Regel war er rechtzeitig zum Abendessen zurück. Doch heute Abend kam er nicht nach unten. Ich dachte, dass er vielleicht eingeschlafen war, und schickte Jenny an seine Tür klopfen. Ich meine, die Tür zu seinem Wohnzimmer. Er antwortete nicht, und sie öffnete die Tür, um nachzusehen, und da sah sie ihn …«

Sie verschränkte die im Schoß gefalteten Hände fester. »Sie kam kreischend die Treppe herunter und erklärte, Mr. Tapley wäre ermordet worden. Natürlich habe ich sie ermahnt, sich nicht so töricht zu benehmen, wie sollte so etwas auch möglich sein? Wer sollte so eine friedfertige Person umbringen, und ausgerechnet hier? Ich rannte selbst nach oben, um nachzusehen, und musste feststellen, dass Jenny Recht hatte. Es war ein furchtbarer Anblick.« Die Witwe schauderte. »Niemand bringt mich dazu, mir noch einmal seinen Leichnam anzusehen, nicht einmal, wenn die Polizei es verlangt!«

»Ich denke nicht, dass sie das tun wird«, sagte ich. »Nicht, wenn Sie der Polizei versichern, dass es ganz sicher Mr. Tapleys Leiche ist.«

»Oh, aber sicher!«, beharrte sie. »Sein Gesicht war der Tür zugewandt. Seine Gesichtszüge, verstehen Sie, waren nicht so – lädiert. Es ist sein Hinterkopf …«

Sie schlug die Hand vor das Gesicht.

»Versuchen Sie nicht so sehr an die Einzelheiten zu denken«, drängte ich. »Erzählen Sie mir nur, was dann passiert ist.«

»Oh, natürlich. Ich wusste, dass ich sofort handeln musste!« Ihr Tonfall wurde lebhafter. »Es erschien sinnlos, nach einem Arzt zu rufen. Also schickte ich Jenny, um Ihren Ehemann zu holen, Mrs. Ross. Ich dachte, dass er zu dieser Zeit wohl zu Hause sein würde. Ich bin so froh, dass er da war und dass er so schnell gekommen ist.«

Ich überdachte kurz das Gehörte. Die Ermittlung des Todeszeitpunktes war von entscheidender Bedeutung. Möglicherweise konnte der von der Polizei bestellte Arzt etwas dazu sagen. Andererseits war Tapley ein unauffälliger Untermieter gewesen, der das Haus nahezu unbemerkt betreten und verlassen hatte. War er überhaupt wie üblich draußen gewesen für seinen Spaziergang? Seine Wirtin hatte ihn im Tagesverlauf nicht zu Gesicht bekommen. Bessie und ich waren ihm am vorangegangenen Tag begegnet. Doch hatte ihn irgendjemand heute gesehen? Was hatte er tagsüber normalerweise gemacht, nach dem Aufstehen und dem Frühstück, bevor er am Abend wieder zum Essen am Tisch der Witwe Jameson erschienen war? Hatte er die Stunden damit verbracht, durch London zu spazieren? Oder hatte er die Zeit in verschiedenen Cafés, Restaurants oder Lesesälen totgeschlagen, Museen besucht oder einfach nur im Park gesessen? War er nach seinem Spaziergang ins Haus zurückgeschlüpft und hatte den Rest des Tages ungestört in seinen beiden Zimmern verbracht?

Mit einem Mal kam mir ein schrecklicher Gedanke. Thomas Tapley hatte einen Haustürschlüssel gehabt. Hatte er sich irgendwo in der Stadt mit seinem Mörder getroffen und ihn zu sich nach Hause mitgenommen? Hatte das Opfer – nichts von der drohenden Gefahr ahnend – dem Mörder womöglich mit seinem eigenen Schlüssel Zutritt verschafft?

»Können Sie mir sagen …«, setzte ich an und verbesserte mich sogleich. »Ich wollte sagen, die Polizei wird bestimmt alles wissen wollen, was Sie ihr über Mr. Tapley erzählen können. Beispielsweise, wie er Ihr Untermieter wurde. Hatten Sie eine Anzeige aufgegeben? Konnte er Referenzen vorweisen?«

»Alles?« Mrs. Jameson blickte erschrocken drein. »Aber ich weiß doch so gut wie gar nichts über ihn! O meine Liebe, das hört sich vermutlich befremdlich an, schließlich habe ich ihn in mein Haus gelassen, obwohl ich nichts über ihn wusste … doch er war ein so freundlicher, stiller und vergnügter Gentleman. Ich glaubte, ihm trauen zu können, auch was den Haustürschlüssel angeht. Selbstverständlich werde ich der Polizei alles sagen, was ich weiß.«

In diesem Augenblick läutete die Uhr auf dem Kaminsims, und wir zuckten beide zusammen.

Mrs. Jameson atmete tief durch. Ich denke, das Reden half ihr, denn es war, als wäre plötzlich ein Damm gebrochen, und die Worte sprudelten aus ihr hervor.

KAPITEL DREI

Patience Jameson

»Wie ich bereits erwähnte, war der Name meines Ehemanns Ernest, und er war der Kapitän des Klippers Josie. Seeleute verbringen zwangsläufig einen Großteil ihrer Zeit fernab der Heimat, und ich pflegte ihn oft zu necken, dass er mehr mit Josie zusammen war als mit mir.

Seine letzte Fahrt führte ihn zu den Westindischen Inseln. Auf der Heimreise nach London erkrankte er am Fieber und starb. Wir stammen beide aus Quäker-Familien, und keiner von uns rührte auch nur einen Tropfen Alkohol an, gleich welcher Art. Auch seiner Mannschaft verbot Ernest den Alkohol. Doch auf dieser letzten Reise befanden sich unter der Fracht einige Fässer Jamaikarum. Der Bootsmann hatte nach Ernests Tod das Kommando übernommen und schlug vor, den Leichnam in Rum zu konservieren, um ihn zu mir nach Hause bringen und beerdigen zu können. Natürlich hätten sie ihn auch auf See bestatten können, doch Mr. Brand – der Bootsmann – dachte, dass ich Ernests sterbliche Überreste lieber in England zur letzten Ruhe betten wollte. Das war sehr freundlich von Mr. Brand. Also stachen sie ein Fass an und kippten den Rum in ein anderes Behältnis. Dann haben sie Ernests Leiche irgendwie zusammengeklappt, in das Fass gesteckt und dieses wieder mit Rum aufgefüllt und schließlich den Deckel darauf befestigt. Ich weiß nicht, was sie mit dem restlichen Rum gemacht haben. Ich fürchte, sie haben ihn getrunken. Doch die Methode war erfolgreich, und Ernest wurde in Alkohol konserviert zu mir zurückgebracht. Ich habe ihn in seiner Heimatstadt Norwich begraben und empfand es als einen Trost.

Das war ziemlich merkwürdig, wissen Sie, aber als der Bestatter Ernest für die Beerdigung vorbereitete, fragte er mich, ob er den Verstorbenen rasieren und ihm die Haare schneiden sollte, bevor ich meinen geliebten Mann im Sarg zu sehen bekam. Ich sagte ihm, dass dies sicher nicht nötig sein würde. Doch er erklärte mir, dass Ernests Haare, Bart und Schnurrbart nach seinem Tod und während der Heimreise im Fass noch weiter gewachsen wären und das Ernest inzwischen aussah wie ein Straßenräuber oder ein Eremit. Ich stimmte also zu, damit Ernest bei der Beerdigung wieder wie ein zivilisierter Mensch aussah.

Ich war es gewöhnt, über längere Zeiträume hinweg allein zu sein, während sich mein Ehemann auf See befand, und sämtliche wichtigen Entscheidungen und Arrangements für mich allein zu treffen, und so kam ich besser zurecht als manch andere Witwe. Ernest hatte eine Lebensversicherung abgeschlossen, sodass ich nicht mittellos zurückblieb. Natürlich erbte ich auch das Haus. Doch ich musste sehr sparsam haushalten, und so kam ich auf die Idee, einen Untermieter zu nehmen. Ich überlegte, nach Möglichkeit an einen älteren Gentleman zu vermieten. Junge Männer sind unzuverlässig. Ein älterer Mann macht wenig Ärger. Junge Vertreter und Handlungsreisende hingegen sind geradezu prädestiniert für Scherereien, Mrs. Ross, und volltrunken nach Hause zu kommen ist nur eine der Unannehmlichkeiten, die sie einem bereiten! Ich fragte zuerst bei der Quäkergemeinde nach, doch zum damaligen Zeitpunkt suchte niemand dort eine Unterkunft. Also gab ich eine sorgfältig formulierte Anzeige in einer der lokalen Zeitungen auf, in der ich betonte, dass es sich um einen alkoholfreien Haushalt handelte. Gleich am nächsten Tag meldete sich Mr. Tapley.

Er wirkte ein wenig heruntergekommen, doch es war offensichtlich, dass er ein Mann von vornehmer Herkunft und entsprechender Bildung war. Er strahlte so eine – eine Herzensgüte aus, in seinem Gesicht, seiner Art und seiner Stimme. Ich habe keine andere Beschreibung dafür. Man könnte sagen, eine Art Unschuld.

Normalerweise hätte ich gezögert, einen mir völlig unbekannten Mann ohne richtige Referenzen in mein Haus zu nehmen. Er brachte nur eine einzige Empfehlung, von seiner früheren Wirtin in Southhampton. Sie schrieb, dass er ein vorzüglicher Mieter gewesen war, stets rechtzeitig seine Miete gezahlt und keine Unruhe gestiftet hatte. Sie bedauerte seinen Auszug. Ich fragte ihn, was der Grund für seinen Ortswechsel war, und er antwortete, er hätte Lust verspürt, nach London zurückzukehren, wo er als junger Mann gelebt hatte.

Es hört sich unbefriedigend an, ich weiß, doch Mr. Tapley erwies sich in den sechs Monaten seit seiner Ankunft als ausgezeichneter Untermieter. Er zahlte seine Miete stets pünktlich. Ich habe niemals auch nur einen Tropfen Alkohol bei ihm feststellen können. Er war sehr zurückhaltend. Fast jeden Tag unternahm er einen ausgedehnten ›Ertüchtigungsspaziergang‹, wie er es nannte. Ich denke, an regnerischen Tagen hat er öffentliche Bibliotheken oder Museen aufgesucht. Oft brachte er Bücher mit nach Hause, die er bei Straßenständen gekauft hatte. Einmal zeigte er mir einen besonders schönen, in Leder gebundenen Band, den er nach seinen Worten für Sixpence von einem Mann erworben hatte, der in Whitechapel Bücher aus einem Karren heraus verkaufte. Mr. Tapley hat viel gelesen.

Das ist alles, was ich dazu sagen kann. Es gab zu keinem Zeitpunkt Anzeichen, es könnte etwas nicht stimmen. Es scheint selbst jetzt noch ganz und gar unmöglich, dass so etwas passieren konnte. Ich denke nicht, dass ich jemals wieder einen Untermieter bei mir aufnehmen kann.«

Elisabeth Martin Ross

Mrs. Jameson hatte gerade erst aufgehört zu erzählen und wischte sich die Tränen von den Wangen, als ein lautes Geräusch an der Vordertür erklang und uns alarmiert aufschrecken ließ. Mrs. Jameson sprang auf und sah mich mit gehetztem Blick an. Ich bedeutete ihr, sich wieder zu setzen und hier im Salon zu warten, während ich nachsehen ging, wer an der Tür war. Vermutlich, so beruhigte ich die Witwe, war Ben mit den Beamten vom Scotland Yard zurückgekehrt. Sie sank nicht völlig überzeugt auf ihren Stuhl zurück. Ich hatte ebenfalls Zweifel, dass Ben schon zurück war. Es war kaum ausreichend Zeit vergangen, um den Yard zu erreichen, geschweige denn zurückzukehren. Daher trat ich zum Fenster und spähte nach draußen. Vor der Tür wartete eine stämmige Gestalt in einem Umhang und mit einem Polizeihelm auf dem Kopf.

Beruhigt öffnete ich die Tür. Auf der Schwelle stand ein Constable, der den Türrahmen beinahe gänzlich ausfüllte. Von seinem Umhang perlten Regentropfen. Ich sah an ihm vorbei und stellte fest, dass es angefangen hatte zu nieseln und die Straße nass war.

»Dies dürfte der Haushalt sein, wo sich der Zwischenfall ereignet hat?«, erkundigte sich der Neuankömmling und trat einen Schritt vor.

Ich hatte nicht die Absicht, mich beiseiteschieben zu lassen. »Wer sagt das? Und wer sind Sie überhaupt?«, fragte ich unfreundlich.

Er bedachte mich mit einem herablassenden Blick. »Ich bin Constable Butcher, Ma’am, und das …«, er deutete auf die hinter ihm liegende Straße, »… das hier ist Teil meines Reviers. Ich befand mich auf meiner üblichen Streife und war gerade am anderen Ende, wo ich einem Inspector vom Yard begegnete, der mir sagte, dass ich umgehend hier vorbeischauen sollte. Es hätte einen Vorfall gegeben, und man müsste ermitteln. Also bin ich hier, und ich wäre Ihnen sehr verbunden, Ma’am, wenn Sie mir gestatten würden einzutreten. Derzeit behindern Sie mich nämlich bei der Arbeit. Sind Sie die Eigentümerin des Hauses?«

»Nein, ich bin Mrs. Ross, die Ehefrau des Inspectors, der Sie hergeschickt hat. Die Eigentümerin heißt Mrs. Jameson, und sie wartet im Salon … Und bei dem Vorfall, auf den Sie sich beziehen, handelt es sich um einen ermordeten Mann in einem Zimmer im ersten Obergeschoss.«

Es gelang mir nicht, meinen verärgerten Tonfall zu unterdrücken, doch ich trat einen Schritt zur Seite und ließ ihn ein. Hinter mir erschien Mrs. Jameson in der Tür zum Salon. Der Beamte trampelte an uns vorbei, schälte sich aus seinem Umhang und zögerte kurz, dann faltete er ihn vorsichtig zusammen und hängte ihn sich über den Arm, von wo aus die Nässe auf den Boden der Eingangshalle zu tropfen anfing. Mrs. Jameson stieß einen leisen protestierenden Laut aus.

»Ob es sich um einen Mordfall handelt, Ma’am, muss erst noch festgestellt werden. Solange diese Frage nicht vom Coroner beantwortet worden ist, handelt es sich um einen Zwischenfall. Wo befindet sich der Verstorbene? Die Treppe hoch, sagten Sie?« Er wandte sich in Richtung Treppe.

»Mein Mann … Inspector Ross bat mich sicherzustellen, dass niemand nach oben geht, bevor er zurück ist!«, sagte ich laut.

Constable Butcher blieb stehen und blickte sich zu mir um, den Stiefel bereits auf der ersten Stufe. »Er hat damit nicht das Gesetz gemeint, Ma’am!« Sein Blick war nun genauso herablassend wie sein Ton.

Ich musste ohnmächtig mitansehen, wie er die Stufen hinaufstieg. Ich konnte hören, wie er hin und her trampelte, und schließlich hörte ich ihn laut ausrufen: »Ach du Scheiße!« In der Folge war zu hören, wie er Türen öffnete und schloss, vermutlich auf der Suche nach dem Täter. Schließlich erschien er wieder am oberen Absatz und kam die Treppe herunter.

»Ich bewache das Haus, Ma’am, bis die Kollegen vom Yard hier sind«, verkündete er. »Sie gehen besser und setzen sich mit der anderen Lady in den Salon.«

In diesem Moment ertönte aus dem hinteren Teil des Hauses lautes Geklapper, und Stimmen waren zu hören.

»Einbrecher!«, rief Constable Butcher, indem er seinen Schlagstock packte und Anstalten machte, sich Ihnen entgegenzustellen.

Ich bekam seinen Ärmel zu fassen, als er davonstürzen wollte. »Das wird lediglich das Dienstmädchen sein, das zu uns geschickt wurde, um uns zu informieren. Möglicherweise hat unser Mädchen es begleitet.«

»Das werden wir gleich sehen, Ma’am!«, sagte Constable Butcher. »Bis ich mich selbst überzeugt habe, könnte es sich auch um Eindringlinge handeln! Dort oben liegt ein Toter, voller Blut und schrecklich anzusehen, und der Übeltäter könnte sich noch immer im Haus befinden!«

Ich dachte bei mir – und hoffte inständig –, dass der Mörder das Haus längst verlassen hatte. Wenigstens hatte Constable Butcher Tapleys Tod von einem »Zwischenfall« zu einer Gewalttat hochgestuft, und das ohne jede Mithilfe des Coroners.

Er setzte sich in Bewegung, und ich eilte hinter ihm her. Mit Schwung stieß er die Tür auf, und tatsächlich, dort saßen Jenny und Bessie am Küchentisch. Als Butcher hereinplatzte, sprangen sie erschrocken hoch. Jenny schrie auf, und es schien, als könnte sie jeden Moment erneut zu schluchzen anfangen.

Ich schob mich an dem Constable vorbei in die Küche. »Ich hatte also Recht. Diese junge Frau ist das Dienstmädchen des Hauses, und die andere hier ist meine Magd«, sagte ich.

»Wenn Sie es sagen, Ma’am«, gab er widerstrebend nach. Er starrte die Mädchen böse an. »Wie seid ihr hereingekommen?«, fragte er.

»Durch die Hintertür!«, giftete Bessie zurück. »Was denken Sie denn? Wir gehen nicht durch den Vordereingang. Wir sind Dienermädchen.«

Butcher nahm irritiert die Hintertür in Augenschein. Ich nahm an, er überlegte, wie er Vorder- und Hintertür gleichermaßen bewachen konnte. Schließlich trottete er zur Hintertür und legte den Balken ein, der sie gegen unbefugten Zutritt von außerhalb sicherte. Dann ging er zum Küchenfenster und rüttelte am Riegel.

Erst dann wandte er sich zu uns dreien um. »Dieser Balken bleibt vor der Tür, bis ein Beamter ihn entfernt«, ordnete er an. »Sie kehren in den Salon zurück, Mrs. Ross, das ist das Beste, was Sie tun können. Und ihr beide hier …«, Butcher starrte die Mädchen misstrauisch an. »Ihr bleibt hier. Kommt nicht auf die Idee, den Balken vor der Tür anzurühren, nicht einmal, wenn der Erzengel Gabriel persönlich anklopft und Einlass erbittet. Ich für meinen Teil gehe jetzt sämtliche Fenster im Erdgeschoss überprüfen und bewache die Vordertür. Sollte jemand kommen, so werde ich aufmachen und sehen, was zu tun ist.«

Zu unserer großen Erleichterung stiefelte er los, um seine Ankündigung in die Tat umzusetzen.

»Wer ist denn dieser fette Klops?«, fragte Bessie empört.

»Es ist der für dieses Gebiet zuständige Constable.«

»Er ist hoffentlich nicht der ermittelnde Beamte, oder?«

»Ganz bestimmt nicht!«, antwortete ich. »Mach dir keine Sorgen. Inspector Ross regelt das. Wie fühlst du dich jetzt, Jenny?«

»Ganz furchtbar, Missus! Ich bin völlig durcheinander!«, antwortete das Mädchen weinerlich.

»Mach ihr noch einen Tee, Bessie. Jenny, die Beamten vom Scotland Yard werden mit dir reden wollen, also nimm dich zusammen.«

»Ich kann nicht noch mehr Tee trinken!«, protestierte Jenny. »Ich bin schon ganz aufgedunsen!«

»Dann bleib zumindest ruhig sitzen. Bessie, mach das Herdfeuer an, und bleib hier bei ihr.«

Ich kehrte zum Salon zurück und versicherte Mrs. Jameson, dass alles so weit unter Kontrolle war. In diesem Augenblick hörten wir Hufgeklapper und das Geräusch von Rädern. Erneut rannte ich zum Fenster. Draußen war eine geschlossene Droschke vorgefahren. Sie glänzte vor Nässe, genau wie der schwere Umhang des Kutschers. Zu meiner Erleichterung sprang Ben aus der Kutsche, gefolgt von zwei weiteren Männern. Der jüngere der beiden war Constable Biddle. Der andere war mir unbekannt, ein älterer Mann mit einem grauen Schnurrbart, der eine mir vertraut aussehende Tasche bei sich trug. Es war der Doktor, der gerufen worden war, um den Totenschein auszustellen und eine grobe Einschätzung vorzunehmen, wie lange der arme Tapley bereits tot war.

Sie hasteten in Richtung Eingang, und ich hörte, wie Butcher sie begrüßte. Dann waren sie in der Eingangshalle.

»Keine Sorge«, beruhigte ich Mrs. Jameson, die mich aus verängstigten Augen ansah. »Es sind die Beamten vom Scotland Yard.«

KAPITEL VIER

Inspector Benjamin Ross

Ich hatte das Haus nur ungern verlassen. Ich hielt Lizzie für klug genug, nicht nach oben zu gehen. Was Mrs. Jameson betraf, so verspürte sie vermutlich kein Verlangen, sich die Leiche noch einmal anzusehen. Alles in allem war ich zuversichtlich, dass die beiden Damen im Salon bleiben und die Tür verschlossen halten würden. Doch sie waren allein, und das war nicht wünschenswert angesichts eines Mörders auf freiem Fuß. Ich machte mich auf den Weg zur Waterloo Station, wo ich eine Kutsche zum Yard nehmen konnte. Es hatte zu regnen angefangen, ein stetiges Nieseln, das seinen Weg in meinen Nacken fand. Ich hatte meinen Hut zu Hause gelassen, doch nun war keine Zeit, um umzukehren und ihn zu holen. Ich stellte meinen Mantelkragen hoch und eilte durch die mittlerweile leeren Straßen, die im Licht der Gaslampen vor Nässe glänzten.

Dann hatte ich ein wenig Glück. Ich kam um eine Ecke und erblickte die stattliche Gestalt eines Constables auf seiner Patrouille, der mir würdevoll entgegenkam. Er war mit seinem Regenumhang besser gegen das Wetter gewappnet als ich. Ich rief ihn an, und als Antwort drehte er seine Blendlaterne hoch und ließ ihren Lichtkegel über mich gleiten.

»Sie sind Mr. Ross, wenn mich nicht alles täuscht, Sir!«, sagte er überrascht.

»Sie täuschen Sich nicht, und nehmen Sie um Himmels willen die Lampe weg! Sie blenden mich!«

Er tat wie geheißen und drehte die Lampe herunter. Ich betrachtete ihn eingehender und meinte einen Beamten zu erkennen, der regelmäßig in diesem Revier auf Streife war. »Sie sind Constable Butcher, richtig?«

»Jawohl, Sir!« Er war erfreut, dass ich seinen Namen kannte. »Keine besonderen Vorkommnisse, Sir!«

»Ich bin nicht hier, um Sie zu kontrollieren, Constable. Das überlasse ich Ihrem Vorgesetzten. Ich bin auf der Suche nach einer Droschke, die mich zum Scotland Yard bringt. Leider hat es nämlich doch ein Vorkommnis gegeben.«

Rasch erklärte ich ihm die Lage und beauftragte ihn, sich unverzüglich zum Haus von Mrs. Jameson zu begeben und dort Wache zu halten.

»Es ist eine üble Geschichte, und nun warten dort zwei hilflose Frauen mit einem Toten im Obergeschoss! Zufälligerweise ist eine der Ladies meine Gattin.«

Butcher nahm Haltung an. »Wenn es in meinem Revier passiert ist, sehe ich selbstverständlich umgehend nach dem Rechten, Sir! Sie können sich auf mich verlassen!«

Er entfernte sich in einem schwerfälligen Trott.

Die Räder des Gesetzes bewegen sich manchmal langsam, doch meist effizient. Niemand würde an Butcher vorbeikommen, sobald er einmal Stellung im Haus bezogen hatte. Diese Sorge war ich los.

Nach kurzer Zeit fand ich am Bahnhof eine Kutsche, doch es war trotzdem spät, als ich den Yard erreichte. Sergeant Morris hatte längst Feierabend und war zu Hause in Camberwell. Es war eine betriebsame Nacht, und ich musste mich mit Constable Biddle zufriedengeben. Ich hatte den Kutscher angewiesen zu warten, und nun stieg ich mit Biddle in das Gefährt und nannte dem Kutscher die Adresse des nächsten Polizeiarztes. Es dauerte eine Weile, bis wir den Arzt abgeholt hatten und auf dem Weg zurück über den Fluss waren. Die ganze Zeit über verspürte ich ein ständig wachsendes Unbehagen, doch schneller ging es einfach nicht. Der Arzt, Dr. Harper, war nicht besonders erfreut, dass wir ihn gerufen hatten – er hatte beim Abendessen gesessen. Biddle hingegen wirkte freudig erregt. Er war jung und begeisterungsfähig, beides gute Eigenschaften, doch ich hätte Morris an meiner Seite vorgezogen. Ich fragte mich, wie hoch die Rechnung für die Droschke ausfallen würde, und hoffte, dass mir die Spesen ersetzt wurden.

Wir erreichten Mrs. Jamesons Haus, und ich war erleichtert, als Constable Butcher uns die Tür öffnete.

»Alles ruhig hier, Sir«, meldete Butcher, sobald er mich erblickte. »Die Ladies sind im Salon. Zwei Mägde sitzen in der Küche. Eine der beiden arbeitet hier, und die andere arbeitet bei Ihnen, Mr. Ross, Sir. Sie trinken Tee und schwatzen ununterbrochen. Die eine schluchzt ständig. Sie waren noch nicht da, als ich hier ankam, und sind erst kurz darauf hier aufgetaucht. Ich habe die Hintertür gesichert – sie führt von der Küche nach draußen. Mir scheint, Sir, dass der Schurke wohl dort hinaus entkommen ist und höchstwahrscheinlich auch durch diese Tür ins Haus eingedrungen ist! Ich habe alle Fenster im Erdgeschoss überprüft. Keines wurde gewaltsam geöffnet.«

»Die Frage, wie er ins Haus gekommen ist, bedarf als erste einer Antwort!«, raunte ich Harper zu, als wir die Treppe hochstiegen. »Doch wenn es nur dieses eine Mädchen im Haushalt gibt und sie die Küchentür offen gelassen hat, so wäre es nicht besonders schwierig gewesen.«

Wir hatten das Zimmer im ersten Obergeschoss erreicht, in dem der arme Tapley lag. Obwohl ich ihn bereits gesehen und mich innerlich gewappnet hatte, war es immer noch ein grausiger Anblick.

Ich habe mit mehr Mordfällen zu tun gehabt, als mir lieb ist. Nach meiner Erfahrung ereignen sie sich zumeist am unteren Rand der Gesellschaft. Männer töten andere Männer bei Kneipenschlägereien. Sie erschlagen ihre unglücklichen Ehefrauen in Anfällen von betrunkener Gewalttätigkeit. Die Motive sind manchmal banal und stehen in keinem Verhältnis zu der verübten Gewalttat. Kürzlich habe ich den Mord an einem Pfandleiher untersucht, der in seinem eigenen Geschäft umgebracht wurde, von einem Kunden, der den Ehering seiner Mutter nicht auslösen konnte, weil er das nötige Geld nicht aufgebracht hatte. Also hatte er beschlossen, sich den Ring auf direktem Weg zurückzuholen. Ich habe Leute wegen einer kleinen Lebensversicherung morden sehen. Das Leben ist hart für die Leute auf der Straße und nur wenig besser für arme Arbeiter. Die Versuchung ist allgegenwärtig. Die mittleren Schichten sind alles in allem subtiler im Umgang mit einem Problem oder einem Hindernis. Sie können sich Anwälte leisten, die ihre Interessen vor Gericht vertreten, und sie sind besorgt um ihren Ruf. Natürlich gibt es auch in ihren Häusern Gewalt. Anzeichen dafür habe ich immer wieder gesehen. Doch diese Fälle landen selten vor Gericht, weil die Betreffenden sich mit fanatischem Eifer um ihren guten Namen sorgen. Die misshandelte Ehefrau schwört, dass sie gegen einen Bettpfosten gelaufen ist. Das misshandelte Dienstmädchen wird mit Geld und Schlägen ruhiggestellt. Doch ein Mord kann nicht so leicht vertuscht werden. Mord ist ein Makel, von dem man sich nicht ohne Weiteres reinwaschen kann. Die Polizei lässt sich nicht mit einem entschiedenen »Nicht heute, danke sehr« von einer Morduntersuchung abbringen. Es ist die Seltenheit, mit der sich ein Vorfall wie Mord in einem Umfeld wie diesem ereignet, die ihn besonders schockierend macht. Und dieses Mal auch noch in einem friedlichen Quäkerheim! Das Ganze barg eine tragische Ironie in sich.

Thomas Tapley, der gelehrte Einsiedler, mochte heruntergekommen gewesen sein, doch nach Meinung aller war er, wie es schien, ein Gentleman gewesen. Er hatte vermutlich nicht damit gerechnet, auf diese Weise aus dem Leben zu scheiden. Genauso wenig hatte ich erwartet, jemanden wie ihn erschlagen in seinem Salon vorzufinden. Ich ermahnte mich innerlich, mit dem Philosophieren aufzuhören und stattdessen mit den praktischen Details weiterzumachen.

Der arme Kerl lag genauso da, wie ich ihn vorhin zurückgelassen hatte, als ich zum Yard gefahren war.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Ein guter Blick fürs Böse" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen