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Ein gefährliches Feuer

1. KAPITEL

„Habe ich Sie nicht schon mal irgendwo gesehen?“ Der Kassierer im Lebensmittelgeschäft starrte sie unverwandt an.

Sie steckte das Wechselgeld ein. „Wohl kaum.“

Plötzlich lachte er. „Ich hab’s! Sie sehen aus wie diese Schauspielerin, Kitty Colgan. Sie spielt die Heaven in der Familienserie ‚Die Rothmans‘. Meine Mutter hängt jede Woche wie gebannt vor dem Fernseher.“ Bevor sie es verhindern konnte, griff er nach der Kiste mit ihren Einkäufen. „Mom nimmt diese Seifenopern viel zu ernst. Regt sich mächtig auf, weil sie die Heaven aus der Serie rausstreichen.“

„Lassen Sie mich das tragen“, wandte sie ein. „Es ist nicht schwer.“

„Schwer genug für eine kleine Lady.“ Treuherzig grinste der hochgewachsene Junge auf sie herab. „Ich wette, man verwechselt Sie öfter mit Kitty Colgan.“

Sie öffnete die Ladentür. „Nein, das ist das erste Mal.“

„Na, die Colgan würde auch eher einen Mercedes fahren“, bemerkte der Kassierer fröhlich, als sie den Kofferraum des alten, schlammbespritzten Fords öffnete, der vor dem Laden parkte. „Aber in deren Schuhen möchten Sie jetzt sicher ohnehin nicht stecken. Ihren Job ist sie los, und dieser Filmstar, mit dem sie liiert war, hat eine Neue. Die wird sich ihren teuren Schlitten bald auch nicht mehr leisten können.“

„Besten Dank.“ Sie knallte den Kofferraumdeckel zu, kaum dass er die Finger weggezogen hatte.

„Wohnen Sie hier in der Gegend?“

„Nein, ich bin auf der Durchreise.“ Sie glitt hinter das Steuer.

„Das wäre ich auch gern.“ Verdrossen blickte er auf die einsame Landstraße.

Kittys Hände zitterten, als sie den Motor anließ. So viel zu ihrer Verkleidung! Sie riss sich den Hut vom Kopf, warf ihn auf den Rücksitz und fuhr sich mit den sorgfältig manikürten Händen durch das seidenglatte, silberblonde Haar, das nun offen über ihre schmalen Schultern fiel.

Vor vier Tagen erst war sie glücklich, unbeschwert und nichts Böses ahnend aus Los Angeles nach London zurückgekehrt. Während des Flugs hatte sie nur an die herrlichen freien Wochen gedacht, die vor ihr lagen, und an den Thriller, den sie nun endlich zu Papier bringen wollte. Doch kaum hatte sie die Londoner Stadtvilla betreten, war ihr die gute Laune vergangen.

Ihr Vater hatte sie nicht nur mit seinen ehrgeizigen Plänen für ihre weitere Karriere überrascht, sondern auch mit der Nachricht vom Tod ihrer Großmutter. Mit einem Monat Verspätung, wohlgemerkt. Zu spät, um am Begräbnis teilzunehmen.

„Sie ist im Schlaf gestorben“, hatte Grant lässig erklärt. „Du hast also keine Versöhnung am Sterbebett verpasst.“

Er hatte ihr die Information absichtlich vorenthalten. Hätte sie die Dreharbeiten zu den letzten Folgen der Rothmans unterbrechen müssen, um zur Beerdigung nach England zu fliegen, wäre die Produktion ins Stocken geraten. Folglich wäre sie nicht rechtzeitig frei gewesen, um in Grants neuestem Film mitzuspielen. Was Kitty ihm jedoch wirklich übel nahm war die Tatsache, dass er noch andere, viel unehrenhaftere Motive gehabt hatte, ihr Martha Colgans Tod zu verschweigen. Ihre bitteren Vorwürfe hatten zu einer lautstarken Auseinandersetzung geführt.

Sie hatten beide Dinge gesagt, die sie besser nicht gesagt hätten. Grant, ein international erfolgreicher Filmstar und seit zwanzig Jahren im Geschäft, war es nicht gewohnt, kritisiert zu werden. Bescheidenheit war nicht gerade seine Stärke. Wenn man ihn reizte, bekam er einen Tobsuchtsanfall wie ein Kleinkind in der Trotzphase. Dass es irgendwann zwischen ihnen zum Bruch kommen würde, war schon lange absehbar gewesen.

Keiner von ihnen hatte jedoch ahnen können, dass Grants Hausangestellter an der Tür lauschte. Und dass derselbe Mann ihnen schon seit Monaten nachspionierte und ein Vermögen damit verdiente, Einzelheiten über ihr Zusammenleben an die Presse weiterzuleiten. Was er an diesem Abend zu hören bekam, war deftig genug, um ihn geradewegs zum nächsten Telefon stürmen zu lassen.

Die Nachricht von ihrem Zerwürfnis hatte am nächsten Morgen die Schlagzeilen beherrscht, noch untermauert von der Tatsache, dass Kitty überstürzt aus der Villa in ein Hotel umgezogen war. Drei grässliche Tage lang hatten die Details ihrer Trennung von Grant die Klatschspalten gefüllt. Er selbst war gestern Arm in Arm mit seiner glamourösen Filmpartnerin Yolanda Simons nach Südfrankreich abgereist.

Ihn konnte das alles nicht erschüttern. Mit Ausnahme der indiskreten Meldung über seine Kinnstraffung im vergangenen Jahr war ihm jede Erwähnung in den Medien willkommen. Dass eine Frau dabei ihren Ruf zu verlieren hatte, interessierte ihn herzlich wenig. Vermutlich lachte er sich jetzt ins Fäustchen, weil die sensationshungrigen Reporter sein größtes Geheimnis noch immer nicht aufgedeckt hatten. Kitty aber war klar geworden, dass sie schon viel zu lange in einer Welt voller Lügen lebte.

Meile um Meile rollte der Wagen dahin. Ihr Weg führte sie immer tiefer in die vertraute, windgepeitschte Einsamkeit der Moore hinein. Mittags vertrieb strahlender Sonnenschein die grauen Wolken, die düster über der Landschaft hingen, doch je näher Kitty ihrem Ziel kam, desto nervöser wurde sie.

Zwei unglückliche Umstände hatten ihre Kindheit überschattet – der Tod ihrer Mutter, die bei ihrer Geburt gestorben war, und die Tatsache, dass Jenny Colgan nicht verheiratet gewesen war. Kittys Großeltern hatten ihre Enkelin großgezogen, jedoch eher aus Pflichtgefühl denn aus Liebe. Sie war ein einsames Kind gewesen, das zu Hause größtenteils ignoriert wurde und in der Dorfschule kaum Anschluss fand.

So sehr sie sich auch dagegen sträubte, die Flut der Erinnerungen ließ sich nicht mehr aufhalten. Erinnerungen, untrennbar verwoben mit dem schönen, dunklen Gesicht eines jungen Mannes. Jake. Jake! Vergeblich versuchte sie die Gefühle zu unterdrücken, die sein Bild in ihr auslöste. Über Jahre hinweg – länger, als ihr lieb war – hatte Jake Tarrant ihre Gedanken beherrscht.

Ihre Großeltern waren die ärmsten Pächter auf dem Land der Tarrants gewesen, ihr Großvater ein verbitterter Einzelgänger, der den Gutsherrn und seine Nachbarn für sein eigenes Versagen als Landwirt verantwortlich machte. Kitty war fünf Jahre alt gewesen, als sie Jake zum ersten Mal begegnet war. Hinter einer Hecke versteckt, hatte sie ihm beim Reiten zugesehen. Er, ein selbstbewusster, hochgewachsener Zehnjähriger, der ihr gehörigen Respekt einflößte, hatte sie in der Annahme, sie habe sich verlaufen, nach Hause gebracht.

Jake besuchte damals ein exklusives Internat und kam nur am Wochenende und in den Ferien nach Hause, wo er mehr oder weniger sich selbst überlassen blieb. Nach dem Schrecken, den er ihr bei ihrer ersten Begegnung eingejagt hatte, brauchte er Monate, um Kittys Vertrauen zu gewinnen.

Es gelang ihm, indem er Süßigkeiten strategisch geschickt in einigem Abstand von ihren Lieblingsverstecken platzierte. Sie war scheu und misstrauisch wie ein wildes Tier, weder an Zuwendung noch an Gesellschaft gewöhnt. Jahre später gestand er ihr, dass er dieselbe Taktik einmal bei einem Fuchs ausprobiert hatte. Den Fuchs hatte er nicht zähmen können, Kitty schon.

Ausgehungert nach Zuneigung, wurde sie bald Jakes glühendste Bewunderin. Er lockte sie aus ihrem Schneckenhaus hervor, besserte ihre miserablen Grammatikkenntnisse auf und brachte ihr das Lesen bei, sodass die Schule ihren Schrecken für sie verlor. Sie trottete hinter ihm her, wenn er zum Angeln ging, blieb ihm bei seinen Entdeckungstouren dicht auf den Fersen und wurde als Erste in seine kühnen Pläne und Ideen eingeweiht.

Ein mageres kleines Ding war sie damals, mit großen, neugierigen Augen und langem Haar, das ihr glatt über den Rücken fiel. Ihre Kleidung stammte vom Flohmarkt.

Jake zu lieben war für sie die natürlichste Sache der Welt. Irgendwann, ganz unmerklich, verwandelte sich ihre kindliche Bewunderung in ein tieferes, ernsthafteres Gefühl, so intensiv, dass es manchmal wehtat, Jake nur anzusehen. Nein, sie hatte sich nicht über Nacht in ihn verliebt. Sie konnte sich nicht erinnern, Jake jemals nicht geliebt zu haben.

Doch schon früh hatte sie lernen müssen, welcher Unterschied zwischen ihnen bestand. Sie sah noch immer Jakes Mutter in der Tür zu ihrem eleganten Salon stehen, wie sie, mühsam ihren Ekel verbergend, Jake mit schriller Stimme zurechtwies: „Du willst doch wohl dieses dreckige Gör nicht ins Haus lassen? Sie soll draußen warten. Also wirklich, es gibt Grenzen!“

Während Kitty an der Hintertür von Jessie, der Haushälterin, ein Glas Milch bekam, zog Sophie Tarrant ungeniert weiter über sie her, als wäre sie taub.

„Ich weiß wirklich nicht, was Jake an diesem Kind findet … Nun ja, sie ist bemitleidenswert, aber ich will sie nicht im Haus haben. Sie kennen doch die Familie, Jessie.

Schräge Vögel, wie ich hörte. Bringen Sie ihnen einige von Merrills abgetragenen Kleidern vorbei. Man hat ja eine gewisse Verantwortung.“

Damals hatte Kitty begriffen, wo genau die Grenze verlief. Sie wäre am liebsten davongerannt und hätte sich die Seele aus dem Leib geweint, aber sie harrte aus, denn sie wartete auf Jake. Schon damals hatte sie ihm zuliebe ihren Stolz zurückgestellt. Sie war sechzehn, als Jakes Mutter glaubte, sie noch einmal in ihre Schranken verweisen zu müssen. Und das sehr viel schonungsloser als beim ersten Mal.

„Du machst dich lächerlich mit deiner Schwärmerei für Jake, aber mach dir keine Hoffnungen“, hatte Sophie Tarrant ihr verächtlich ins Gesicht gesagt. „Eine Kinderfreundschaft, gut und schön, aber diese Gefühlsduselei ist einfach peinlich. Du nimmst das alles viel zu ernst, Kitty. Ich will nicht, dass du enttäuscht wirst. Du bewegst dich nicht in denselben Kreisen wie wir, verstehst du? Dummes kleines Mädchen! Warum hast du nur keine Mutter, die dir diese Dinge beibringt?“

Hatte sie auf Mrs. Tarrant gehört? Natürlich nicht. In ihrem jugendlichen Leichtsinn hatte sie stur an ihrer Liebe und an ihren Träumen festgehalten. Wie hätte sie auch ahnen können, dass ihre schlimmste Feindin ihr den besten Rat ihres Lebens gegeben hatte?

Fröstelnd schob Kitty die trüben Erinnerungen von sich. Der alte Ford passierte jetzt die steinerne Brücke am Ortseingang von Mirsby, einem verschlafenen Nest mit terrassenförmig angeordneten Steinhäusern an einem kahlen Berghang. Ohne nach rechts oder links zu blicken, gab sie Gas, fuhr bergan bis zu der verwitterten kleinen Dorfkirche und parkte den Wagen vor dem Friedhofstor.

Beim Aussteigen zerrte ein eisiger Wind an ihrem Haar. Sie zitterte vor Kälte. Die Colgans lagen auf dem ältesten Teil des Friedhofs begraben. Kitty war die letzte lebende Colgan und ironischerweise die erste, der das Land gehörte, das die Familie bewirtschaftet hatte. Als der Besitz der Tarrants aufgeteilt und zum Verkauf angeboten wurde, war ihr Großvater den ganzen weiten Weg nach London gereist, um sich von ihr das Geld für den Erwerb des Hofes geben zu lassen. Er war allerdings stolz genug gewesen, den Besitz auf ihren Namen eintragen zu lassen.

Einer der Anwaltsbriefe, die sie bei ihrer Rückkehr nach London vorgefunden hatte, enthielt ein Kaufangebot für Lower Ridge. Kittys von Natur aus volle, sinnliche Lippen wurden schmal, als sie daran dachte. Nein, sie würde nicht verkaufen. Sollte der Hof doch verfallen, das Moor die Felder zurückerobern – solange sie lebte, würde Lower Ridge nie wieder den Tarrants gehören.

Sie legte die mitgebrachten Rosen vor dem schlichten Grabstein nieder. Tränen brannten in ihren Augen. Diese kleine Geste war alles, was sie zu geben hatte. Und alles, was ihre Großeltern je von ihr verlangt hatten. Respekt und Gehorsam, nicht mehr und nicht weniger.

Den leicht ramponierten Land Rover, der hinter ihrem Wagen parkte, bemerkte sie erst, als sie wieder durch das Tor schritt. Eine mächtige, sturmgebeugte Eibe hatte sowohl ihn als auch den Mann, der an der Friedhofsmauer lehnte, vor ihren Blicken verborgen. Nun hatte sie keine Chance mehr, ihm aus dem Weg zu gehen.

Er war sehr groß, sehr schlank und sehr dunkel. Vor langer Zeit einmal war ein Tarrant eine unstandesgemäße Verbindung mit einer Frau eingegangen, die von den Roma abstammte. Seine Ahnen mussten sich vor Scham im Grabe umgedreht haben. Inmitten einer traditionell blonden, hellhäutigen Familie verkörperte Jake Tarrant trotzig das Zigeunerblut, das in seinen Adern floss. Volles, etwas zu langes schwarzes Haar umrahmte seine kühnen, klar geschnittenen Züge mit den hohen Wangenknochen, dem energischen Kinn und den wachen dunkelbraunen Augen.

Er war in jeder Hinsicht ein gut aussehender Mann. Auffallend an ihm war die eiserne Entschlossenheit in seinen Zügen. Sein Gesicht hatte nichts Jungenhaftes mehr. Die stürmische Leidenschaft war einer neuen Reife gewichen.

Blitzschnell nahm Kitty all dies in sich auf, bevor sie abrupt stehen blieb. „Welche Überraschung.“ Nichts in ihrer Miene verriet, wie sehr ihr Herz raste und ihr Magen sich verkrampfte. Nur keine Schwäche zeigen, befahl sie sich. Schon gar nicht vor ihm, der sie einst so enttäuscht hatte, dass sie beinahe daran zerbrochen wäre.

Mit schnellen, geschmeidigen Schritten kam er auf sie zu, streckte die Hand aus und berührte ihre steifen, vor dem Körper verschränkten Finger. Verwirrt betrachtete sie die starke, warme Hand, die jetzt in einer stummen Geste des Beileids auf ihrer lag. Derselbe Mann hatte sich damals vor sechs Jahren beim Begräbnis ihres Großvaters verächtlich von ihr abgewandt. Unwillkürlich trat sie einen Schritt zurück und entzog sich ihm. Hass flammte in ihr auf.

„Ich sah dich durch das Dorf fahren.“ Sein Ton war höflich, die Stimme rau und dunkel wie eh und je.

Kitty hob eine ihrer schön geschwungenen Augenbrauen, die einige Nuancen dunkler waren als ihr helles Haar. „So?“

Er sah sie fragend an. „Bist du meinetwegen nicht zur Beerdigung gekommen?“

„Deinetwegen?“, wiederholte sie mit einem spöttischen kleinen Lachen. „Du bist und bleibst ein Tarrant! Glaubst immer noch, die Welt dreht sich nur um dich. Ich war nicht bei der Beerdigung, weil ich nichts davon wusste.“

„Ich habe kurz nach dem Tod deiner Großmutter mit Grant Maxwell telefoniert“, informierte er sie grimmig, die Hände in den Taschen seiner abgewetzten Kakijacke vergraben. „Soviel ich weiß, warst du zu der Zeit in London bei einer Talkshow.“

„Die Show war im Voraus aufgezeichnet worden.“

„Ich habe versucht, dich persönlich zu erreichen, aber Maxwell war nicht sehr entgegenkommend“, erklärte er gereizt. „Aber er hat es dir ausgerichtet, oder?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Mit einiger Verzögerung, ja. Ich wusste nicht, dass du es warst, der angerufen hat. Ein Akt der Nächstenliebe, nehme ich an. Die Tarrants sind ja bekannt für ihre Barmherzigkeit gegenüber den bedauernswerten Mitbürgern, die es nicht so gut getroffen haben wie sie …“

„Ich war zufällig der nächste Nachbar deiner Großmutter“, unterbrach er ihren ironischen Kommentar.

„Na, wenn das so ist …“, entgegnete sie, jedes Wort in die Länge ziehend, „danke.“

Er trat einen Schritt auf sie zu und versperrte ihr den Weg, indem er sich mit einer Hand am Torbogen abstützte. „Hör zu, ich bin dir nicht hierher gefolgt, um mir deine arroganten Sprüche anzuhören.“

Sie lehnte sich in aufreizender Pose an die steinerne Säule und fragte kokett: „Und warum bist du mir dann gefolgt?“

Irritiert wandte er sich ab. „Tja, also … es tut mir leid, was ich bei Nats Beerdigung zu dir gesagt habe“, behauptete er, aber es klang nicht wirklich reumütig.

Kitty schlenderte auf die andere Straßenseite hinüber, Jakes aufregend herben Duft nach Pferden, Leder und Seife noch in der Nase. „War es das?“, fragte sie kühl. „Ich muss Grandmas Anwalt kontaktieren.“

„Den Schlüssel von Lower Ridge habe ich“, erklärte er ruhig. „Deine Großmutter hat mich als Vermögensverwalter eingesetzt.“

„Ach, tatsächlich?“ Sie lachte nervös.

„Ich habe erst jetzt erfahren, dass du damals den Hof gekauft hast. Es war für uns alle ein Rätsel, woher deine Großeltern das viele Geld hatten.“ Finster musterte er ihr abweisendes Gesicht. „Du weißt, dass ich Lower Ridge zurückkaufen möchte. Mein Angebot liegt weit über dem Marktwert. Vor acht Jahren konntest du nicht schnell genug von hier wegkommen. Was willst du nun noch mit dem Hof?“

Im rauen Wind schmiegte sich das feine schwarze Wollcape eng um ihre vollen Brüste und sanft gerundeten Hüften. Ihr Blick war eisig. „Stimmt, der Rodeo Drive ist ja eher mein Stil. Da gehöre ich hin“, zitierte sie mit Bitterkeit in der Stimme seine abfällige Bemerkung damals beim Begräbnis ihres Großvaters. „Welches Recht hattest du, so mit mir zu sprechen?“

„Was hattest du erwartet, als du in deiner Luxuslimousine und mit einer Schar Reporter im Schlepptau hier aufkreuztest? Du hast eine Trauerfeier in ein schrilles Medienspektakel verwandelt!“

„Das war nicht meine Absicht!“, verteidigte sie sich aufgebracht.

Als er nicht reagierte, wandte sie sich ab und blickte verdrossen in die Ferne, doch sie spürte seine Nähe so deutlich wie den kalten Wind an ihrer Haut.

„Ich habe den Schlüssel jetzt nicht bei mir, aber ich könnte nach Torbeck fahren und ihn holen“, bot er an.

„Gut.“ Als sie sich unvermittelt zu ihm umdrehte, fing sie einen Blick von ihm auf, den sie nur allzu gut zu deuten wusste. Unzählige Männer hatten Kitty im Laufe der Jahre auf diese Weise angesehen, doch keiner von ihnen hatte sie auch nur im Entferntesten interessiert. Doch Jake dabei zu ertappen, versetzte sie in Hochstimmung. Verzehr dich nur nach mir, Jake, dachte sie triumphierend. Sieh dir an, was du damals verschmäht hast!

Sein schönes, stolzes Gesicht wirkte angespannt. „Meine Güte, Kitty, wir waren mal Freunde“, sagte er beschwörend.

„Das waren wir, ganz recht“, erwiderte sie ungerührt.

Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. „Hast du schon zu Mittag gegessen?“

Die Frage überraschte sie. „Nein, aber nimm dein Mittagessen lieber zu Hause bei deiner Frau ein. Da gehörst du nämlich hin“, konterte sie.

Ihre scharfe Bemerkung ließ ihn erstarren. „Liz ist tot, Kitty. Sie starb vor zwei Jahren bei einem Autounfall.“

Kitty schwieg betroffen, doch sie enthielt sich jeder Beileidsbekundung. Tot, dachte sie nur. Sie ist tot. Sie hatte Liz Tarrant nie kennengelernt. Liz hatte gelebt und war gestorben, ohne zu ahnen, wie sehr Kitty Colgan sie einst gehasst hatte. Weil Liz den Mann bekommen hatte, von dem Kitty geglaubt hatte, er sei für sie bestimmt.

Den sinnlosen Hass auf Liz hatte sie längst überwunden. Jake war es, der Liz geheiratet hatte. Jake hatte Kitty verlassen. Und nun war er Witwer. Alleinerziehender Vater von wer weiß wie vielen Kindern …

Er fuhr sich ungeduldig mit den Fingern durch das dichte schwarze Haar. „Wir treffen uns in einer halben Stunde in Lower Ridge.“

Sie nickte wortlos und beobachtete, wie er in den Land Rover sprang. Die verwaschene Jeans schmiegte sich eng um seine langen, muskulösen Beine und betonte seine sportliche Figur. Er brauchte keine Designerklamotten, um gut auszusehen. Er war auch so hinreißend attraktiv! Sie ärgerte sich, dass es ihr überhaupt auffiel.

Als er weg war, stieg sie in ihr Auto, lehnte sich zurück und schloss die Augen.

Ihre Großeltern hatten darauf bestanden, dass sie mit sechzehn die Schule verließ. Arbeit war in der Gegend schwer zu finden, also half sie auf dem herrschaftlichen Gut beim Servieren aus. Es war Sophie Tarrants Idee gewesen, die glaubte, ihren Sohn vor Kitty schützen zu können, indem sie Kittys gesellschaftliche Position unzweifelhaft klarstellte.

Jake studierte damals an der Universität und brachte an den Wochenenden oft Freunde mit nach Hause. Die einst so enge Freundschaft zwischen Kitty und ihm war dadurch neuen, verwirrenden Einflüssen ausgesetzt. Plötzlich taten sich Barrieren zwischen ihnen auf, wo vorher keine waren.

Jake begann, ihr aus dem Weg zu gehen. Wenn sie sich doch trafen, trat immer öfter betretenes Schweigen an die Stelle begeisterter Dialoge. Die Atmosphäre zwischen ihnen war merkwürdig aufgeladen, was Kitty beängstigend, aber aufregend fand.

Das, was sie ganz richtig als sexuelle Spannung interpretierte, verleitete sie dazu, Jakes Gefühle für sie zu überschätzen. Sie redete sich ein, er warte nur darauf, dass sie volljährig wurde. Tapfer ignorierte sie die vornehmen Mädchen mit dem geschliffenen Akzent, die regelmäßig auf dem Beifahrersitz seines Sportwagens auftauchten.

Rückblickend schämte sie sich für ihre naiven Fantasien. Ein Mädchen ihrer Herkunft war in seinen Kreisen als Freundin indiskutabel. Es war ihm immer unangenehm gewesen, dass sie als Bedienstete in seinem Elternhaus arbeitete, obwohl er nie ein Wort darüber verlor. Er wusste, dass ihre Großeltern das Geld brauchten.

War es Mitleid, das ihn bewog, ihr damals am Heiligen Abend ein Geschenk zu machen? Ein wunderhübsches, zierliches Silberarmband, das erste Schmuckstück, das sie je besessen hatte. Mit lässigen Worten, aber glänzenden Augen überreichte er es ihr, und sie war überglücklich. Ihr Großvater schäumte vor Wut.

Auch in jenem Jahr richteten die Tarrants den alljährlichen Silvesterempfang aus. Jessie, die Haushälterin, überredete Kittys Großeltern, Kitty nach dem Servieren im Gutshaus übernachten zu lassen.

Sophie Tarrant hatte an jenem Abend miserable Laune, weil ihr Mann sich nicht blicken ließ. Immer wieder rief sie vergeblich in seinem Londoner Apartment an und ließ ihre Wut darüber, dass sie ihn nicht erreichte, am Personal aus. Damals war Kitty klar geworden, dass Jakes Eltern wegen der ständigen Affären seines Vaters schon lange nicht mehr wirklich zusammenlebten.

Kurz vor Mitternacht drängte ein betrunkener Gast Kitty in eine Ecke der Halle und versuchte, sie zu küssen. Jake kam dazu, riss den aufdringlichen Gast brutal von ihr fort und stieß ihn mit dem Rücken an die Wand. „Lass die Finger von ihr!“, schrie er, außer sich vor Wut, und jagte sowohl ihr als auch dem Mann einen gehörigen Schrecken ein.

Als der Gast gegangen war, fuhr Jake zu Kitty herum, die bleich und zitternd im Schatten der Treppe stand. Impulsiv zog er sie an sich, presste sie an seinen harten, durchtrainierten Körper und suchte ihren Mund in einem hungrigen Kuss. Doch kaum hatte sie den leichten Whiskygeruch in seinem Atem wahrgenommen, da schob er sie von sich. Flammende Röte überzog seine Wangen. „Ich bin nicht besser als dieser Mistkerl“, stieß er hervor. „Du bist doch noch ein Kind!“

„Ich werde achtzehn“, protestierte sie verstört.

„Ja, in einem halben Jahr“, erwiderte er schroff und umfasste mit hartem Griff ihre Handgelenke, als sie versuchte, wieder in seine Arme zu schlüpfen. „Lass das! Wer ist eigentlich auf die Idee gekommen, dich heute Abend hier arbeiten zu lassen? Hier laufen viel zu viele Betrunkene herum. Du gehörst ins Bett!“

Er ließ sich auch nicht erweichen, als sie unter Tränen aufbegehrte: „Ich habe noch nicht einmal irgendetwas gegessen! Bist du jetzt stolz auf dich?“

Irgendwann in den frühen Morgenstunden, von unten drangen noch immer gedämpfte Partygeräusche herauf, kam er dann mit einem voll beladenen Teller in ihre Kammer und rüttelte sie wach. Es begann wie ein harmloses mitternächtliches Kindervergnügen. Sie saß im Bett und aß, er räkelte sich angeheitert am Fußende und brachte sie zum Lachen, indem er die ranghohen Gäste seiner Mutter nachäffte.

Kitty stand auf, um den Teller wegzustellen, und als sie wieder ins Bett kletterte, hatte sich der Abstand zwischen ihnen plötzlich verringert. Jakes Hand zitterte, als er ihre Wange berührte.

„Küss mich“, flüsterte sie scheu.

„Ich gebe dir einen Gutenachtkuss“, erwiderte er kaum hörbar. „Ach, Kitty …“, er ließ den Mund von ihrer Wange zu ihren erwartungsvoll geöffneten Lippen gleiten, „ich liebe dich.“

Überwältigt von seinem rau geflüsterten Geständnis, hatte sie sich an ihn geschmiegt. Aus diesem ersten Kuss war dann sehr viel mehr geworden, als sie beide beabsichtigt hatten. Für Kitty war es ein eher schmerzhaftes als vergnügliches Erlebnis gewesen, was sie jedoch nicht weiter störte. Mit Jake zusammen zu sein war ihr größtes Glück. Sie war tatsächlich so dumm gewesen zu glauben, er werde sich nun nicht mehr mit anderen Mädchen treffen! Damals war ihr gar nicht in den Sinn gekommen, dass Jake nur ein körperliches Bedürfnis an ihr gestillt hatte.

Erst viel später war ihr klar geworden, dass er nicht nur angeheitert, sondern sogar recht betrunken gewesen war. Sie erinnerte sich, wie er fassungslos gemurmelt hatte: „Um Himmels willen, was habe ich getan?“

Kurz entschlossen startete Kitty jetzt den Motor und kurbelte das Fenster herunter. Die eisige Luft brannte an ihren blassen Wangen.

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