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Ein ganz schön starker Plan!

Über den Autor

Arne Svingen wurde 1967 in Oslo geboren. Er hat als Journalist gearbeitet, ist aber seit seinem Debüt als Schriftsteller 1999 längst so erfolgreich, dass er sich ganz aufs Schreiben konzentrieren kann. Arne Svingen wurde mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet. Ein ganz schön starker Plan! ist sein erstes Buch im Boje Verlag.

BASTEI ENTERTAINMENT

Ein total genialer Plan

Vor über einem Jahr habe ich diese Übersicht gezeichnet und unter meine Matratze gelegt.

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Sollte ich mich jetzt also freuen, weil ich recht behalten hatte? Es war nicht gerade Freude, die mich durchströmte, als ich am Küchentisch stand und den Zettel anglotzte. Er hatte mitten auf besagtem Küchentisch gelegen, als ich aus der Schule nach Hause kam. Obwohl ich den Inhalt sofort begriffen hatte, überflog ich den Text ein weiteres Mal.

Wie soll man reagieren, wenn ein Papa abhaut? Ich weiß es nicht, aber mein Kopf kochte und ich hätte gern einen sauteuren Gegenstand an die Wand gefeuert.

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Früher oder später hatte ja etwas Wahnwitziges passieren müssen. Papa war frauensüchtig. Na ja, eigentlich wollte er nur süchtig nach einer einzigen Frau sein. Problem Nr. 1: Die fand er nie. Problem Nr. 2: Er fand jede Menge andere Frauen, die er eigentlich gar nicht wollte. Er hatte es mit einer Lehrerin mit Papageienstimme probiert und mit einer Köchin, die nur Tiefkühlpizza aß. Eine Woche war er mit einer Friseurin mit ziemlich dünnen Haaren zusammen gewesen. Die Liste war inzwischen ziemlich lang. Er suchte die Frau fürs Leben im Supermarkt, im Internet und in Cafés. Aber sie hatte sich offenbar ungeheuer gut versteckt.

Bis jetzt.

Ich legte den Zettel wieder hin. Papa war noch nie verreist. Ich hatte nicht einmal die Wahrscheinlichkeit dafür ausgerechnet, dass gerade das passieren könnte. Hatte Papa wirklich die große Liebe gefunden? Nach der er überall gesucht hatte?

Ein Mädchen, das einen Kopf kleiner und zwei Jahre jünger war als ich, kam zur Tür herein. Ich schwenkte den Zettel und meine Schwester rümpfte die sommersprossige Nase.

»Was hat er denn jetzt wieder angestellt?«, fragte Ida.

»Amuur und sonstwas.« Resigniertes Gesicht.

»Oh Himmel, nicht schon wieder Amuur. Wer ist es denn diesmal?«

»Keine Ahnung. Aber er ist weggefahren und wir sollen Oma anrufen.«

»Den Drachen?«

Ida stellte ihre Schultasche weg, las den Zettel, nahm den Saft aus dem Kühlschrank und trank gleich aus dem Karton. Das zeigte mir, dass sie total fertig war, denn Ida ist einwandfrei eine Glasbenutzerin. Wenn ich Ida zusammenfassen sollte, würde ich sagen, dass sie tiefernst und verdammt intelligent ist, und sie kann so traurig werden, dass man glaubt, die Erde wird noch vor dem Mittagessen untergehen. Ich habe Erwachsene sagen hören, Ida sei mein genaues Gegenteil. Und ich habe wirklich immer das Gefühl gehabt, dass die Erde von meinem Kopf aus gesehen ein wenig anders wirkt. So, als wäre ich mit den falschen Schrauben zusammengedreht worden und hätte einige Ersatzteile abgekriegt, die nur so halbwegs funktionieren. Es ist besser, du bist du selbst, als dass du versuchst, ein anderer zu sein, wie Papa immer sagt.

»Da steht ja nicht mal, wohin er gefahren ist«, seufzte Ida. »Er kann überall auf der Welt sein. Ich rufe ihn an.«

Sie griff zum schnurlosen Telefon und gab Papas Handynummer ein. Sofort fing es im Schlafzimmer an zu klingeln.

»Oh nein, immer vergisst er das Handy«, stöhnte Ida.

»Ich hab mir was überlegt«, fing ich an und wartete, bis sie das Telefon zurückgelegt hatte. Das war die pure Lüge. Die Idee hatte mich getroffen wie ein Schlag auf den Hinterkopf. Oder wie ein Blitz aus heiterem Himmel, wie Papa das nennt, auch wenn ich ziemlich sicher bin, dass man Wolken braucht, um einen Blitz zu produzieren. »Ich hab keine Lust, den Drachen anzurufen.«

»Wer soll uns denn dann versorgen?«

Ich sagte, sie sollte sich setzen. Dann setzte ich mich ihr gegenüber auf einen Stuhl und schaute ihr tief in die Augen. So, wie ich mir vorstellte, dass verantwortungsbewusste große Brüder mit wahnwitzigen Plänen das tun sollten.

»Wir versorgen uns selbst.«

Sie schien ein wenig zu brauchen, um zu begreifen, was ich da gesagt hatte.

»Versorgen uns selbst?«, wiederholte sie langsam in überaus skeptischem Tonfall.

»Ja, hör zu. Papa hält Oma für eine runzlige Wutechse. Nie im Leben wird er sie anrufen. Papa redet doch nie direkt mit ihr. Wir müssen doch immer alles für ihn ausrichten. Also können wir ein paar Tage allein sein und alles tun, wovon wir immer schon geträumt haben.«

»Wovon haben wir denn immer schon geträumt?«, fragte Ida, noch immer mit der skeptischen Stimme.

Ich überlegte. So weit hatte ich eigentlich noch nicht gedacht. Aber sofort zeigten sich eine Menge Möglichkeiten.

»Zum Frühstück Eis essen. Im Fernsehen anschauen, was wir wollen. Die Unterhose wechseln, wann wir wollen. Wenn Oma bestimmen darf, steigt ihr das zu Kopf. Ich glaube, Diktatoren sind nettere Babysitter als sie.«

»Das stimmt«, seufzte Ida.

»Dann ist das abgemacht. Papa bleibt doch sicher nur ein paar Tage weg.«

»Wir … wir können es ja probieren«, sagte sie.

Probieren war gut. Ida machte mit. Sie packte ihre Hausaufgaben aus und verteilte die Bücher auf dem Tisch. Ich suchte mir Papier und zog den Kugelschreiber heraus, den ich immer in der Tasche hatte. Wie immer wurde alles klarer, als ich es in ein Diagramm setzte.

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Drachengebrüll per Telefon

Wir wohnten im zweiten Stock in einem grauen Block. Ich weiß, nicht gerade spannend. Hier oben hatten meine Eltern schon gewohnt, als Ida und ich noch nicht auf der Welt waren. Eine glückliche Familie in einem tristen Block. Das waren wir.

Vor vier Jahren brannte Mama mit einem Handelsvertreter durch und ließ sich in einem Land nieder, von dem wir noch nie etwas gehört hatten. Sie versprach, dass wir uns in den Ferien sehen würden. Bisher ist das aber nicht passiert. Plötzlich waren wir eine triste Familie in einem tristen Block.

Als Papa lange genug getrauert hatte, weil Mama uns verlassen hatte, beschloss er, sich die perfekte Frau fürs Leben zu suchen. Keine, die mit dem erstbesten Staubsaugerverkäufer durchbrennt, sondern eine, die er mit all seiner Liebe überschütten könnte. Eine, die unseren Alltag zum Fest machen würde. Das klang ziemlich anstrengend. Aber Papa sagte, er habe ein Loch im Herzen. Er würde es nicht ertragen, wenn noch mehr darin gebohrt würde. Vielleicht war es die Angst vor all den Löchern, die es für ihn fast unmöglich machte, die Richtige zu finden. Oder vielleicht war es einfach unglaublich schwierig, eine nette Frau zu finden. Ich habe das ja nie versucht. Egal, Papa ist keiner, der sich schnell geschlagen gibt.

Es war deutlich, dass er keinen Kurs für alleinerziehende Väter gemacht hatte. Väter mit durchlöcherten Herzen erleben vielleicht ziemlich viel Durchzug in ihrer Persönlichkeit. Auf jeden Fall sollten Papas mehr sein als gute Witzeerzähler, die viele DVDs kaufen. Sie sollten kochen können. Kleider kaufen. Dafür sorgen, dass Hausaufgaben gemacht werden. Abends vorlesen.

Die Gerüchte in der Schule behaupteten jedenfalls, das sei das normale Papa-Benehmen.

Papa wäre gern Musiker geworden, konnte aber kein Instrument spielen. Er nahm allerlei Jobs an und war immer bereit, etwas Neues auszuprobieren. Einmal bekam er einen Job als Kranführer, nachdem er im Internet ein Handbuch gelesen und sich selbst einen Kranführerschein gebastelt hatte. Niemand kam ums Leben, aber offenbar hätte nicht viel gefehlt. Entweder arbeitete er zu viel oder war die ganze Zeit zu Hause.

Ich bessere mich morgen oder nächste Woche, versprach Papa immer. Versprechen war seine starke Seite. Ich fragte mich manchmal, was er den Frauen versprach, mit denen er sich traf. Denn Papa kam an. Jedenfalls wirkte es so, als ob die Frauen ihn wollten. Was sie an ihm fanden, begriff ich wirklich nicht. Ich hätte ihn nicht empfohlen.

Unsere feste Babysitterin war der Drache. Wir mussten Oma selbst anrufen, denn Papa konnte die Vorstellung nicht ertragen, mit jemandem reden zu müssen, der ihn an Mama erinnerte.

Der Drache sagte immer, sie habe ihre eigenen Methoden. Während Papa vorschlug, dass wir uns eine Fernsehsendung über den fettesten Teenager der Welt ansehen könnten, verkündete der Drache: Macht jetzt eure Hausaufgaben, sonst schicke ich euch direkt ins Bett.

Der Rest des Gesprächs konnte ungefähr so klingen:

»Aber wenn ich jetzt schlafen gehe, kann ich doch keine Aufgaben machen.«

»Du hast mich verstanden.«

»Eigentlich bin ich ein bisschen müde …«

»Aufgaben machen, Håkon!«

Es war nicht so leicht, den Drachen zu verstehen. Ihre einzige Übung mit Kindern war ja Mama gewesen und wir wussten schließlich, was dabei herausgekommen war.

Nichts hasste der Drache mehr als Entschuldigungen. Die wollte sie nicht mal mit ihrem tauben Ohr hören. Das Problem war, dass gute Entschuldigungen meine Spezialität sind. Man könnte sogar sagen, meine große Begabung. Es würde mich nicht wundern, wenn ich eines Tages Professor für Ausflüchte werde.

In diesem Moment brüllte das Telefon in meinen Gehörgängen. Es konnte Papa sein. Oder das wöchentliche Verhör durch den Drachen.

»Hallo, hier ist Oma«, sagte die Stimme im Telefon.

Ich musste tief Luft holen und mich zusammenreißen, um positiv zu klingen.

»Hallo«, sagte ich. »Was macht die Gicht?«

»Wie oft muss ich das noch sagen? Ich bin nur mit dem Knie gegen den Wohnzimmertisch gestoßen. Und das war vor über einem halben Jahr.«

»Das höre ich gern. Uns geht es auch allen gut. Ich muss jetzt weiter Aufgaben machen«, sagte ich und hoffte, dass das Gespräch an diesem Tag kurz ausfallen würde.

»Erzähl doch mal, wie es euch geht, bitte.«

»Plus-minus ganz normal. Ida macht in der Badewanne Toast, ich jongliere mit Messern, und Papa hat das Schlafzimmer voll mit nackten Frauen.«

»Håkon!«, sagte Großmutter vorwurfsvoll. »Ich tippe, ihr seid allein.«

»Tippst du jetzt neuerdings?«, fragte ich und fürchtete für einen Moment, Papa könnte sie informiert haben.

»Dein Vater treibt sich wohl mit irgendeiner Frau herum.«

»Nein, Keramik, wie üblich.« Papa setzte gerade auf Tassen und Schüsseln und machte einen zeitraubenden Abendkurs für Keramik.

»Soll ich rüberkommen und euch bei den Aufgaben helfen?«

»Nicht doch, nicht doch, hier ist alles in bester Ordnung. Niemand hat sich verletzt oder wird sich verletzen. Wir machen einen großen Bogen um den Wohnzimmertisch.«

»Das mit dem Wohnzimmertisch ist über ein halbes Jahr her.«

»Warum redest du dann noch immer darüber?«

»Das reicht jetzt, Håkon. Gib mir mal Ida!«

»Ich fand es auch nett, mit dir zu reden. Alles Gute für die Gicht«, sagte ich und gab Ida den Hörer. Sie wusste genau, wie sie Oma beruhigen konnte. Auch sie verriet nicht, dass Papa verreist war.

Ich malte auf, wie Oma zusammengesetzt war.

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Sowie Ida zum dritten Mal beteuert hatte, dass alles in Ordnung sei, und sich von Oma verabschiedete, zeigte ich ihr eine Liste mit Vorschlägen für den Abend.

  1. Wasserrutsche bauen
  2. Hüpfburg aus Kissen im Wohnzimmer aufbauen
  3. Beim Essen auf dem Kopf fernsehen
  4. Draußen auf dem Gang Schlagball mit Wasserballons spielen

»Ich glaube, ich mache Hausaufgaben«, sagte Ida trocken und setzte sich an den Tisch.

»Oder Hausaufgaben machen. Das hätte ganz oben stehen müssen, zusammen mit Spülen und Aufräumen. Warum ist mir das bloß nicht eingefallen?«, fragte ich säuerlich.

Ida benutzte fast niemals irgendwelche Ausreden. Ihr war die Vernunft für die ganze Familie zugeteilt worden, und sie fand es wichtiger, zu tun, worum sie gebeten wurde. Manchmal fragte ich mich, ob wir überhaupt verwandt sein könnten. »Altklug«, hatte Papa sie einmal genannt. Andererseits: Es wäre vielleicht zu viel des Guten gewesen, wenn Ida auch noch meine einzigartigen Fähigkeiten gehabt hätte.

Natürlich hätte ich an diesem Abend ebenso langweilig sein müssen wie sie. Am nächsten Tag war wieder Schule und mein Ausredenlager war fast leer. Dass Papa weggefahren war, war zwar eine gute und wahre Entschuldigung, aber ich konnte sie ja nicht benutzen.

Ich setzte mich ihr gegenüber an den Tisch und zog meine Schulbücher aus der Schultasche.

»Ich dachte, wir könnten heute Abend Kartoffelchips mit Ketchup essen«, sagte ich.

»Das klingt gut«, antwortete Ida. Ich erwiderte ihr Lächeln, ging in mein Zimmer und schob die Hand hinter die Schublade unter dem Bett. Dann zog ich eine Plastiktüte heraus. In der Tüte steckte ein Schuhkarton und in dem Schuhkarton lag eine kleine Schachtel und in der Schachtel hatte ich eine Tüte Gummifrösche, die ich für eine ganz besondere Gelegenheit aufbewahrt hatte.

»Vorspeise«, teilte ich mit und servierte die Frösche auf einem Teller.

»Mm«, sagte Ida und steckte einen in den Mund, ehe sie besorgt die Stirn runzelte: »Wird das hier einer von deinen irren Einfällen?«

»Wie meinst du das?«, fragte ich und spielte den Beleidigten.

»Es ist nicht so einfach, allein zurechtzukommen.«

»Ich verspreche dir, ich werde ein verantwortungsbewusster großer Bruder werden. Ich hab schon Schlimmeres geschafft.«

»Was denn zum Beispiel?«

Ich überlegte, während ich auf dem Frosch herumlutschte. »Ich hab dem Lehrer eingeredet …«

»Ausreden zählen nicht.«

Ich hatte an diesem Tag ein leeres Echo im Kopf.

»Ich hab einmal mit dem Mund einen Goldfisch gefangen.«

»Was hat das damit zu tun, dass wir allein zu Hause sind?«

Das war eine gute Frage. Und zu der gehörte eine gute Antwort. Das war jetzt aber schwer.

»Das war auch nicht so einfach. Außerdem lüge ich ja mit dem Mund«, erklärte ich und begriff sofort, dass ich das Gespräch auf ein anderes Thema bringen musste. »Aber ich verspreche dir, dass ich dich nicht anlügen werde. Ich will nur dafür sorgen, dass der Drache keine Gehirnwäsche mit uns macht und dass wir nicht ins Waisenhaus gesteckt werden.«

»Ich will nicht ins Waisenhaus«, sagte sie ängstlich.

»Vermutlich werde ich fast gar nicht lügen müssen. Nur ab und zu eine Notlüge, damit niemand begreift, dass wir allein sind. Für mich ist das wie Rad fahren. Ich brauche doch fast nicht nachzudenken, ehe ich eine kleine Lüge loslasse.«

Es war immer leicht zu sehen, wenn Ida nicht überzeugt war, sie bekam dann eine kleine gereizte Krümmung im Mundwinkel.

»Aber es gibt so viel, das schiefgehen kann«, sagte sie besorgt. »Das ist nicht wie Rad fahren.«

»Ich glaube, du übertreibst. Wenn du erst das Gleichgewicht auf dem Fahrrad gefunden hast, verlierst du es nie wieder.«

»Das hat aber nichts mit Rad fahren zu tun.«

»Manche haben ja Pech und kriegen eine Panne, oder die Kette springt ab, oder ihnen kommt ein LKW entgegen und die Bremsen funktionieren nicht …«

»Hör auf! Wir reden hier nicht von Rad fahren, das sag ich doch«, fiel sie mir genervt ins Wort.

Ehe ich mit dem Fahrradgerede weitermachen konnte, klingelte es an der Tür. Wir sahen uns an.

»Wer kann das denn sein?«, fragte Ida.

Ich hatte Lust ihr zu erklären, dass ich kein Hellseher bin, stattdessen ging ich zur Tür und schaute durch das Guckloch. Draußen stand eine Frau, die weder alt noch jung war. Weder groß noch klein. Eine, die man nicht bemerken würde, selbst wenn sie auf und ab hüpfte und sang. Es war die Nachbarin mit den kräftigen Fäusten. Die kamen mir jedenfalls sehr kräftig vor, wenn sie an die Wand klopften. Aber wir hatten doch gar keinen Krach gemacht. Ich öffnete die Tür einen Spaltbreit.

»Hallo«, sagte ich und versuchte es mit meinem wirklich hinreißenden Lächeln.

»Ist dein Vater zu Hause?«, fragte sie.

»Kommt darauf an, wer fragt.«

Sie legte gereizt den Kopf schrägt.

»Ich bin deine Nachbarin. Du kennst mich.«

»Ich würde nicht behaupten, dass wir uns sehr gut kennen. Sie haben mich noch nie zu Tacos oder einem Schnaps eingeladen.«

»Was redest du da? Ist dein Vater zu Hause oder nicht?«

Ich machte den Spalt noch schmaler und setzte den Fuß innen vor die Tür. Solchen Nachbarinnen ist doch alles zuzutrauen. Während ich Jagd auf die Wörter machte, die sie nach Hause schicken könnten, ohne dass sie sauer würde, redete mein Mund immer weiter.

»Ich weiß zum Beispiel nicht sicher, wie Sie mit Vornamen heißen. Ich habe so ein Gefühl, dass es Gudrun ist. Ich nenne Sie jedenfalls schon seit vielen Jahren Gudrun, auch wenn ich nicht ganz sicher war.«

Sie machte eine verzweifelte Handbewegung.

»Ich heiße Cecilie. Aber Herrgott, Håkon …«

»Das ist wirklich gut. Gudrun ist nicht gerade ein schöner Name. Falls Sie nicht noch andere haben, meine ich. Im Fernsehen hab ich einmal eine gesehen, die Lucy Elise Lise Elisabeth hieß. Aber sie wirkte nicht sonderlich zufrieden. Vielleicht lag das daran, dass sie schlechte Zähne hatte.«

»Ich heiße nur Cecilie.«

»Finden Sie es nicht auch ein bisschen traurig, nur einen Vornamen zu haben, den Sie sich nicht einmal selbst ausgesucht haben?«

Ihr Kopf kam mir jetzt vor wie eine Sauna, die bald den Siedepunkt erreicht haben würde. Sie wirkte furchtbar genervt, aber aufzugeben fiel ihr schwer.

»Dein Vater ist also nicht zu Hause?«, fragte sie und betonte dabei jedes Wort.

Ich schüttelte langsam den Kopf.

»Warum hast du das nicht sofort gesagt?«

»Das hätte ich ja tun können, aber manchmal bin ich ein schlechter Lügner.«

Ich log über das Lügen. Das war irgendwie seltsam.

»Was bedeutet das? Ist er doch zu Hause?«

»Nein, er ist beim Friseur.«

»Abends? Und außerdem ist dein Vater doch ganz kahl. Herrgott, ich gebe auf. Sag ihm, dass ich mit ihm reden möchte.«

»Das sage ich, wenn er fertig geschnitten hat. Er jobbt nebenbei bei Schöner Scheren, wissen Sie. Wir wollen übrigens für den Fernseher eine neue Surroundanlage kaufen, dann können Sie sich in Zukunft über den guten Klang freuen. Halten Sie einfach das Ohr an die Wand.«

An diesem Tag hätte mich nicht einmal ein Knebel stoppen können. Mein Mundwerk arbeitete ganz wie von selbst. Cecilie seufzte laut, schüttelte den Kopf und ging wieder in ihre Wohnung. Ich drehte mich zu Ida um, die alles gehört hatte.

»Da siehst du mal, wie leicht das ging«, sagte ich lächelnd. »Man muss nur ein bisschen mehr sagen als nur nein, sonst wird einem nicht geglaubt. Ein Verbrecher, über den ich mal was im Fernsehen gesehen habe, meinte, dass die Details zählen.«

»Glaubst du, sie hat das alles geglaubt?«

»Ich stecke ja nicht drin, das ist also schwer zu sagen. Aber bestimmt kommt sie so schnell nicht wieder. Vermutlich will sie auch nicht mehr mit Papa reden. Jetzt hat es so gewirkt, als ob er nicht mit ihr sprechen wollte.«

»Wir werden ja sehen«, sagte Ida kurz und machte sich wieder an ihre Hausaufgaben.

Ich sollte es wohl von Zeit zu Zeit zugeben, dass sie recht damit hat, wenn sie behauptet, dass die Lügen mich fast bei lebendigem Leib auffressen. Aber das konnte ich ihr nicht sagen. Die Wahrheit wird gern zu einem dicken Kloß, der einem dann im Hals feststeckt.

Stattdessen setzte ich mich hin und zeichnete ein Diagramm darüber, was die Nachbarin jetzt vielleicht unternahm.