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Ein frivoler Plan

Bronwyn Scott

Ein frivoler Plan

1. KAPITEL

London, Anfang Mai 1829

Sie würde sich nicht verkaufen lassen wie eine preisgekrönte Stute bei Tattersall’s! Ungläubig ließ die elegant frisierte Julia Prentiss den Blick hin- und herwandern zwischen ihrem Onkel Barnaby und Mortimer Oswalt, dem lüsternen alten Kerl, der gekommen war, um auf sie zu bieten. Kaum konnte sie es ertragen, dass bei diesem Gespräch so getan wurde, als stünde sie nicht mitten im Arbeitszimmer ihres Onkels und hörte zu – oder als hätte sie keinen eigenen Verstand und könnte nicht für sich selbst sprechen.

„Natürlich würde ich für Ihre Nichte einen guten Brautpreis zahlen. Sagen wir fünfzehntausend Pfund.“ Zuversichtlich legte Mortimer Oswalt die Hände auf seine purpurfarbene Weste. Durch den vorstehenden Bauch darunter verlieh sie ihm das Aussehen eines überreifen Apfels. Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und musterte Julia. Seine wässrigen blauen Augen waren noch immer blutunterlaufen von der Nacht, die er in der Stadt verbracht hatte.

Fünfzehntausend Pfund! Julia unterdrückte eine unangemessene Bemerkung. Wie konnte er es wagen, für sie auf dieselbe Weise zu bieten, wie man es für Waren am Hafen machte oder bei einer Auktion! Unter seinem gierigen Blick lief es ihr kalt den Rücken hinunter. Die Vorstellung, wie seine Hände besitzergreifend über ihren Körper glitten, verursachte ihr Übelkeit. Sie hoffte, diese albtraumhafte Vorstellung würde nie Wirklichkeit werden.

Ängstlich richtete Julia ihren Blick nun auf Onkel Barnaby. Onkel Barnaby würde das Angebot sicher zurückweisen, auch wenn die Gespräche schon so weit gediehen waren. Schließlich entstammte Mortimer Oswalt nicht denselben Kreisen wie sie. Ihr Onkel war der Viscount Lockhart, ein anerkannter Politiker aus dem Oberhaus. Oswalt war hingegen nur ein Londoner Kaufmann. Ein reicher Londoner Kaufmann, um genau zu sein, aber dennoch ein Kaufmann, ungeachtet der Tatsache, dass er im Jahr mindestens dreimal so viel verdiente wie sie. Der Titel der Lockharts mochte mit keinem Vermögen verbunden sein, doch sie gehörten den Peers an, und Peers schlossen keine Ehen mit Männern aus der Stadt.

„Fünfzehntausend Pfund, sagen Sie? Das ist sehr großzügig, ein sehr respektables Angebot. Ich bin sicher, dass wir zu einer Übereinkunft kommen werden.“ Onkel Barnaby lächelte resigniert und vermied es offenbar mit Absicht, seine Nichte anzusehen.

Julia war wie vor den Kopf geschlagen. Was war in ihn gefahren, dass er sie an diesen alten Mann verkaufte? Es war an der Zeit, etwas dazu zu sagen. Dieser lächerliche Handel – nein, dieser abscheuliche Handel! – war für ihren Geschmack schon viel zu weit fortgeschritten. Sie nahm sich zusammen und versuchte, höflich zu bleiben.

„Mit allem Respekt – ich lehne ab.“

Ihre Stimme war laut genug, um gehört zu werden. Sie übertönte das Gespräch der Männer. Unglaublicherweise warfen beide ihr nur kurz einen strafenden Blick zu und sprachen dann weiter.

„Fünftausend Pfund jetzt und zehntausend, nachdem mein Arzt sie untersucht hat. Ich werde einen Vertrag aufsetzen und ihn Ihnen heute Nachmittag zuschicken. In fünf Tagen kommt mein Arzt zurück in die Stadt. Wir lassen die notwendigen Untersuchungen vornehmen, dann werde ich einen zweiten Vertrag aufsetzen, sobald ihr Zustand bestätigt wurde.“ Trotz dieses sehr intimen Themas klang Oswalts Stimme sehr geschäftsmäßig.

Julia erbleichte bei seinen groben Forderungen. Sie sah ihren Onkel an und stellte zufrieden fest, dass er bei diesen Worten zu schwanken schien. Allerdings nur kurz.

„Ich stehe für die Keuschheit meiner Nichte ein. Ich versichere Ihnen, dass solch peinliche Maßnahmen nicht nötig sind.“ Onkel Barnaby hustete verlegen.

Mortimer Oswalt schüttelte den kahlen Kopf. „Ich muss darauf bestehen. Ich habe mit meinen Geschäften nur deshalb ein Vermögen gemacht, weil ich stets auf die Qualität meiner Investitionen achte. Darf ich Sie daran erinnern, dass ich im November sechzig werde? Meine ersten beiden Frauen waren nicht in der Lage, mir den Erben zu schenken, den ich verlangte. Meine ärztlichen Ratgeber versicherten mir, dass eine jungfräuliche Gemahlin die Probleme beseitigen würde, die es bisher auf diesem Gebiet gegeben hat. Ich muss rasch einen Erben bekommen. Meine Braut muss noch Jungfrau sein und in der Lage, schnell ein Kind zu empfangen und zu gebären.“ Er warf Onkel Barnaby einen einschüchternden Blick zu. „Bei der Geburt meines Kindes werde ich Ihrer Familie fünftausend Pfund zusätzlich bezahlen.“

Entsetzt sah Julia zu, wie ihr Onkel bei dieser erneuten Summe innerlich kapitulierte. Doch sie ließ sich nicht so leicht beeinflussen.

„Ich denke nicht daran!“ Sie stampfte mit dem Fuß auf, damit die Männer sie nicht noch ein zweites Mal ignorieren konnten. „Onkel, du kannst mich nicht zwangsweise verheiraten. Es gibt neue Gesetze. Das Verlobungsgesetz von 1823 gestattet Menschen, aus freiem Willen zu heiraten.“ Es war ein schwacher Versuch, und sie wusste es. Gesetze ließen sich nur durchsetzen, wenn man einen Anwalt hatte oder das Geld, einen zu engagieren. Sie verfügte weder über das eine noch über das andere.

Onkel Barnaby setzte dazu an, sie zu schelten, doch Oswalt hob eine Hand, um ihn zu unterbrechen. „Lockhart, gestatten Sie mir, es ihr zu erklären. Bald schon wird sie meine Frau sein, und sie muss lernen, Anweisungen von ihrem Gatten entgegenzunehmen. Junge Damen wachsen sehr behütet auf, und man muss sie lehren, wie es abläuft in der Welt.“

Julia unterdrückte ein Schaudern. Sie fühlte sich angewidert von der Art und Weise, wie Onkel Barnaby sich fügte. Eher würden sie den jüngsten Tag erleben, als dass sie selbst Anweisungen oder sonst irgendetwas von einem so verworfenen Mann wie Mortimer Oswalt entgegennahm.

Oswalt sprach weiter. „Miss Prentiss, die Einzelheiten dieser Übereinkunft mögen Ihrer Aufmerksamkeit entgangen sein. Junge Damen wie Sie sind sich oftmals nicht darüber im Klaren, wie kostspielig der Lebensstil ist, den Sie für selbstverständlich halten – die Pferde, der Landsitz, die Kleider, die Unterhaltungen und all das, was eine junge Frau als ihren rechtmäßigen Anspruch ansieht. Besonders schwierig ist es, ein schönes Mädchen wie Sie aufzuziehen, denn es ist weitaus teurer, dessen Ansprüche zu erfüllen. Eine reizvolle junge Dame sticht heraus. Sie kann es sich nicht leisten, zweimal dasselbe Kleid zu tragen, wie vielleicht ein Mauerblümchen, das niemand bemerkt. Ein hübsches Mädchen muss immer vorteilhaft herausgestellt werden. Kurzum, eine reizvolle Tochter – oder, wie in diesem Fall, eine reizvolle Nichte – kann eine Last werden für eine Familie. Ihrem Onkel ist es so ergangen. Seine Schatullen sind leer. Niemand wird ihm mehr etwas leihen. Er hat alles eingesetzt, was er nur konnte, für dieses gemietete Stadthaus und diese eine Saison für Sie. Sie sind die letzte Perle, die noch zu seinem Titel gehört. Gelingt es nicht, eine finanziell vorteilhafte Verbindung für Sie zu vereinbaren, werden Ihre Tante, Ihr Onkel und Ihre Cousins im Armenhaus landen, von Ihnen selbst ganz zu schweigen. Sie werden mit ihnen all die Entbehrungen erleiden.“ Oswalt beendete seinen Vortrag und begann, seine Nägel zu säubern. „Sie haben Ihnen diese Saison nicht nur verschafft, um Ihnen persönlich eine Freude zu bereiten, sondern auch, um etwas von ihren jahrelangen Investitionen zurückzuerhalten.“

„Sag mir, dass das nicht stimmt, Onkel“, bat Julia und drehte sich zu dem armen Mann herum. Oswalts Enthüllungen hatten ihm Unbehagen verursacht, und er schien hinter dem Schreibtisch in seinem Ledersessel zu versinken. Julia schnürte es fast die Kehle zu, als sie die Wahrheit begriff.

„Es stimmt. Ich kann nichts davon abstreiten. Unsere Taschen sind leer. Wir brauchen Oswalts Angebot.“

„Es muss eine andere Möglichkeit geben! Ich liebe ihn nicht und ich werde ihn nicht lieb gewinnen. Er ist ein abscheulicher alter Mann, wenn er sich auf diese Weise eine Braut kauft.“ Julia hielt sich nicht zurück mit ihren Worten, obwohl Oswalt nur ein Stück von ihr entfernt saß.

„Julia! Still! Dieser Ausbruch gehört sich nicht für eine Dame!“, schalt ihr Onkel. Er versuchte, an ihr vorbei zu blicken, und sie las in seinem Gesicht die Furcht, Oswalt könnte bei ihrem Temperamentsausbruch sein Angebot zurückziehen.

Julia stemmte die Hände in die Hüften, zum Kampf bereit. „Was ist mit dem Schiff von Cousin Gray? Das Geld, das er für die Ladung bekommt, wird doch gewiss unsere Probleme lösen?“

„Grays Unternehmen ist riskant. Es ist ein Glücksspiel. Ich würde lieber in eine sichere Sache investieren.“ Onkel Barnaby sah sie strafend an. „Vergiss deine Manieren nicht, Julia. Es gehört sich nicht, in Gesellschaft über Geld zu sprechen.“

„Dir scheint es nichts auszumachen. Du und Oswalt, ihr habt mich bewertet wie ein Stück Vieh auf dem Markt.“ Diese Bemerkung ging zu weit, aber wenn sie mit einem Wutausbruch von dieser Vereinbarung loskam, dann sollte das so sein.

Oswalt schien jedoch nicht abgestoßen zu sein. Er wandte Julia seine gesamte Aufmerksamkeit zu. „Ah, ich bekomme wohl eine rothaarige Frau mit Temperament, was? Vielleicht ist diese Heißblütigkeit das, was ich brauche, um mich zu erwärmen. Meine Liebe, ich freue mich über Ihre Leidenschaft, und es ist mir gleichgültig, wenn Sie mich nicht lieben. Ich liebe Sie ganz gewiss nicht, und ich habe auch nicht vor, Gefühle für Sie zu entwickeln. Ich brauche nur eine Jungfrau aus gutem Hause in meinem Bett, mit einer Familie, die mein Angebot akzeptiert. Abgesehen davon wird es aufregend sein, Sie zu zähmen. Wenn der Arzt keine Einwände hat, dann werde ich eine Sondergenehmigung einholen, sodass wir am Sonntag getraut werden können.“

„Meine Frau wird das Hochzeitsfrühstück ausrichten wollen“, warf Onkel Barnaby ein, der sich entspannte, nun, da das Angebot anscheinend nicht zurückgenommen wurde.

Oswalt nickte großzügig. „Meine neue Braut wird eine letzte Gelegenheit bekommen, vor unserer Abreise mit Familie und Freunden zusammen zu sein und dies zu genießen.“ Er warf Julia einen bedeutungsschweren Blick zu. „Ich verspüre nicht den Wunsch, in London zu bleiben, wo die Vergnügungen der Saison von unseren ehelichen Pflichten ablenken könnten. Wir werden sofort auf meinen Landsitz im Lake District reisen. Er ist sehr abgelegen und gut ausgestattet. Wir werden nicht von äußeren Störungen beeinflusst werden. Sobald wir gute Neuigkeiten verkünden können, werde ich in die Stadt zurückkehren.“

Julia schluckte schwer. Seine Absichten waren eindeutig. Sie würde auf dem Land eingesperrt sein. Ihre einzige Aufgabe im Leben würde darin bestehen, seine niederen Bedürfnisse zu befriedigen und einen Erben für sein Vermögen zu gebären. Sie war neunzehn Jahre alt, aber ihr Leben war vorbei.

Sie nickte beiden Männern kurz zu. „Ich wünsche noch einen guten Tag“, sagte sie, dann machte sie auf dem Absatz kehrt und ging hinaus, ehe die Männer erkennen konnten, welche Furcht sie bei diesen gedankenlosen Verhandlungen in ihr geweckt hatten.

Sobald sie in ihrem Zimmer war, sperrte Julia ihre Tür ab und lehnte sich gegen das feste Eichenholz, suchte Trost in der Berührung des soliden Materials. Die kleine Uhr auf dem Tisch unter dem Fenster zeigte, dass das ganze abscheuliche Gespräch nicht länger als zwanzig Minuten gedauert hatte. Es war noch nicht ganz elf Uhr am Vormittag, und ihr Leben war nahezu ruiniert. Die gute Nachricht dabei bestand darin, dass ihr Leben eben nur nahezu ruiniert war.

Vermutlich könnte alles noch schlimmer sein. Oswalt und ihr Onkel hätten den Vertrag bereits unterzeichnet haben können. Oswalt hätte mit einer Heiratserlaubnis und einem Pfarrer im Schlepptau kommen und sie im Arbeitszimmer heiraten können.

Julia erschauerte und dachte, dass das unwahrscheinlich wäre, da sein Arzt nicht bei der Hand war, um ihre Jungfräulichkeit zu bestätigen. Fünf Tage. Mehr Zeit hatte sie nicht, ungeachtet der Möglichkeit, dass der Arzt auch früher in die Stadt zurückkommen könnte oder dass Mortimer Oswalts Wunsch nach Eile ihn veranlassen könnte, einen anderen Mediziner zu engagieren, der nicht verreist war.

Es war Zeit zu handeln, wenn sie nicht unter Oswalts Herrschaft leben und auf sein baldiges Ende hoffen wollte. Die Ereignisse im Arbeitszimmer hatten sie nicht im Zweifel darüber gelassen, dass weder ihre Proteste noch die Gesetzgebung sie jetzt retten würden. Es stimmte, dass ein Gesetz verabschiedet worden war, welches Paaren erlaubte, ohne elterliche Zustimmung zu heiraten, aber es verbot den Eltern nicht, eine Ehe zu arrangieren.

Die finanzielle Lage ihres Onkels war ihr auf schmerzliche Weise überaus deutlich gemacht worden, ebenso die Gründe für ihre Londoner Saison. Sie war das einzige Pfand, das ihrem Onkel geblieben war. Er stellte sie auf dem Heiratsmarkt zur Schau, um ein Angebot zu erhalten, dass die Familie vor dem Armenhaus bewahren würde.

Nicht zum ersten Mal verfluchte Julia ihre außergewöhnliche Schönheit. Seit sie vierzehn Jahre alt geworden war und angefangen hatte, weibliche Formen zu entwickeln, hatte ihr Aussehen für Männer eine Anziehungskraft besessen, die sie nicht verstand. Wenn sie in den Spiegel blickte, sah sie ein gewöhnliches Mädchen mit grünen Augen, die in den Winkeln leicht nach oben zeigten, einem Mund, der als breit gelten konnte, und rotbraunen Locken, die ihre Cousins im Scherz mit der Farbe von Herbstlaub verglichen. Aber im Grange, wo sie wohnten, hatten zahlreiche Leute vorgesprochen, als sie vergangene Weihnachten begonnen hatte, Besucher zu empfangen, und bei den örtlichen Tanzveranstaltungen war ihre Tanzkarte stets voll gewesen. Nach ihrer Vorstellung bei Hofe in London war es genauso gewesen.

Auch wenn es ihr nicht ganz leicht fiel, sich das einzugestehen, so wusste sie doch, dass der Antrag von Oswalt nicht die einzige Gelegenheit darstellte, bei der ihr Onkel versucht hatte, mit ihrem Aussehen seine finanzielle Lage zu verbessern. Bei verschiedenen Anlässen hatte er sie ins Dorf geschickt und sie gebeten, mit den Kaufleuten zu sprechen, denen sie Geld schuldeten, und sie zu bitten, ihnen noch etwas länger Kredit zu gewähren.

Julia begann, im Zimmer auf und ab zu laufen, und ihre Angst machte Zorn Platz. Sie würde nicht zulassen, noch einmal auf so schamlose Weise missbraucht zu werden. Wenn sie wollten, dass sie Oswalt heiratete, würde man sie gefesselt und geknebelt aus dem Haus schleppen müssen. Sie hielt inne. Plötzlich begriff sie, dass es genau dazu kommen würde. Man würde sie buchstäblich zum Altar schleifen, und das wäre nur eine von vielen Entwürdigungen, die sie ertragen müsste.

Ganz plötzlich erkannte sie mit erschreckender Deutlichkeit ihre Möglichkeiten. Wenn sie im Haus ihres Onkels als jungfräuliche Debütantin blieb, würde sie keine Möglichkeit haben, etwas gegen eine Heirat mit Oswalt zu unternehmen. Das war absolut klar. Sie musste selbst einen Weg finden, den Vertrag zu brechen. Das würde ernsthafte Konsequenzen nach sich ziehen, doch die könnte sie ertragen.

Sofort begann sie darüber nachzudenken. Die offensichtlichste Möglichkeit war, davonzulaufen. Wohin sollte sie gehen? Wer könnte ihr helfen? Sie setzte sich auf das Bett und seufzte. Auf keine dieser Fragen hatte sie eine Antwort, aber das spielte kaum eine Rolle. Sie war zu klug, um die Wirklichkeit zu ignorieren. Gleichgültig, wo man sie entdeckte, man würde sie nach London zurückschleppen und sie zwingen, den Vertrag ihres Onkels zu erfüllen.

Nein, weglaufen war keine gute Möglichkeit. Wenn sie ganz ehrlich war, dann musste sie sich eingestehen, dass die Chancen, Oswalt erfolgreich zu entkommen, äußerst gering waren, denn er würde vermutlich erfahrene Fachleute engagieren, um sie zurückzuholen. Während ihres kurzen Aufenthalts in London hatte sie viel gelernt, aber nicht genug, um sich für eine unbegrenzte Zeit zu verstecken oder zumindest bis zu ihrem vierundzwanzigsten Geburtstag, wenn die Vormundschaft ihres Onkels endete. Doch selbst dann war nicht sicher, ob mit ihrem vierundzwanzigsten Geburtstag auch Oswalts Vertrag mit ihrem Onkel enden würde.

Sie stand auf und begann wieder, auf und ab zu gehen. „Denk nach, Julia, denk nach. Wie kannst du aus diesem Vertrag herauskommen?“, murmelte sie. Sie könnte die Gesetzgebung von 1823 ausnutzen und einen anderen heiraten. Ihr Onkel würde sie nicht daran hindern. Diesen Gedanken verwarf sie sofort wieder. Wo sollte sie innerhalb von fünf Tagen einen Ehemann finden, der bereit war, das Risiko einzugehen und sie nur zu heiraten, um einen bestehenden Ehevertrag außer Kraft zu setzen?

Wo sollte sie so schnell einen Ehemann auftreiben? Aber es brauchte keinen Ehemann, um ruiniert zu sein. Sie konnte versuchen, Gerüchte über sich selbst in die Welt zu setzen. Das könnte funktionieren. Sie begann, einen Plan zu entwickeln.

Da war dieser Tanzabend heute bei Lady Moffat. Dort würden sich auch einige der Beaus einfinden, die ihr den Hof machten. Sie könnte einen von ihnen auf die Terrasse hinauslocken, zu einem Spaziergang im Garten überreden, ein wenig mit ihm plaudern und flirten und dafür sorgen, dass sie in einer kompromittierenden Situation angetroffen wurden.

Ja.

Nein.

Julia schüttelte den Kopf. Oswalt müsste dann im ersten Zorn seinen Antrag zurückziehen, weil ihm Hörner aufgesetzt worden waren. Aber vielleicht war ihm das gleichgültig. Vielleicht glaubte er ihr nicht und bestand trotzdem auf der Untersuchung, und dann würde der Arzt ihren Schwindel aufdecken. Diese Idee barg zu viele Risiken. Außerdem konnte sie sich trotz ihrer schwierigen Lage nicht dazu hinreißen lassen, sich so weit zu erniedrigen, wie ihr Onkel es getan hatte, und einen Unschuldigen zu benutzen. Sie konnte es nicht über sich bringen, einen ihrer Verehrer so zu beschwindeln.

Damit der Vertrag nichtig wurde, musste sie sich gründlich ruinieren lassen. Sie musste sich heute Nacht die Unschuld nehmen lassen und am Morgen zurückkommen, um es zu beweisen. Dann wäre Oswalts Plan durchkreuzt. Doch wie konnte sie das anfangen?

Eine Möglichkeit war natürlich die Prostitution. Sie konnte nach Covent Garden gehen und sich dem ersten Mann anbieten, der vorbeikam. Aber das war keine gute Idee. Zufällig hatte sie einmal mitgehört, wie Cousin Gray seinen jüngeren Brüdern einen ernsten Vortrag darüber hielt, wählerisch zu sein, wenn man seine Bedürfnisse befriedigen wollte, da man sich sonst mit sexuell übertragbaren Krankheiten anstecken konnte. Unglücklicherweise hatte Cousin Gray sie bemerkt, ehe sie mehr erfahren konnte. Aber selbst wenn sie sich nicht vorstellen konnte, wie man solche Krankheiten bekam, schien es ihr kein guter Handel zu sein, eine Infektion und das, was Gray den „schleichenden Tod“ genannt hatte, gegen ein Dasein als Oswalts Sklavin zu tauschen. Bei Oswalt hatte sie zumindest die Hoffnung, dass er bald starb.

Gewöhnliche Prostitution kam also nicht infrage, aber die allgemeine Richtung stimmte. An der Wand machte Julia kehrt und durchschritt den Raum noch einmal, ging um das Bett herum und stellte sich ans Fenster. Sie hatte von ihren Cousins auch vage skandalöse Berichte gehört über Bordelle, in denen Jungfrauen versteigert wurden. Das war eine ernsthafte Möglichkeit. Sie wusste nicht genau, was das bedeutete, aber ganz bestimmt wäre sie danach kompromittiert.

Julias Magen zog sich zusammen, und ihr wurde ein wenig übel bei der Vorstellung an das, was sie da ins Auge gefasst hatte. Würde sie das durchhalten? Würde sie sich einem fremden Mann hingeben können? Wäre das besser als die empörenden Aussichten, die Oswalts Angebot für sie bedeuteten?

Tatsächlich erschienen ihr die Möglichkeiten, die ihr offenstanden, genauso abscheulich wie eine Heirat mit Oswalt. Es war grässlich, sich die Konsequenzen ihrer Entscheidung vorzustellen. Wenn sie sich dafür entschied davonzulaufen, würde sie vor mehr als nur vor Oswalt fliehen. Sie würde für immer aus der Gesellschaft ausgestoßen sein. Niemand wollte mit einer Frau Umgang pflegen, die das getan hatte, was sie jetzt erwog. In ihrer Zukunft würde es keinen Ehemann und keine Kinder geben. Ihre Familie würde nichts mehr mit ihr zu tun haben wollen. Danach wäre sie unwiderruflich auf sich gestellt.

Sie würde frei sein. Ganz sich selbst überlassen.

Julia setzte sich auf das Bett und war einen Moment lang überrascht von dieser Entdeckung. Freiheit war plötzlich sehr teuer. Freiheit würde mehr kosten als eine peinliche Situation in einem Bordell und eine unangenehme Auseinandersetzung mit ihrem Onkel. Das wäre in einer Woche vorüber. Aber sie würde für den Rest ihres Lebens dafür bezahlen müssen.

Ebenso wäre ihr Leben, wie sie es bisher kannte, mit Oswalt vorüber. Wofür auch immer sie sich entschied, mit Sicherheit würde sich in dieser Woche alles verändern. Sie stand an einem Scheideweg, ob sie das nun wollte oder nicht. Sie wünschte, ihr Cousin Gray wäre hier, damit sie es mit ihm besprechen konnte. Doch Julia vermutete, dass sie sich am besten daran gewöhnte, allein zu sein und nur sich selbst zu vertrauen. So würde ihr Leben von nun an immer sein. Vielleicht war dieser Tag der letzte, an dem sie über ihr Schicksal entscheiden konnte. Konnte sie ihren eigenen Fähigkeiten vertrauen und ihren eigenen Weg gehen, oder müsste sie sich in Oswalts Hände begeben?

Wollte sie sich lieber dem Schicksal fügen, dessen Richtung sie schon kannte? Nein. Nicht dieses Mal. Sie würde ihren Mut zusammennehmen und ihr Leben selbst in die Hand nehmen.

Julia biss sich auf die Lippe. Plötzlich fühlte sie sich sehr verängstigt und begann, die einzige Möglichkeit zu durchdenken, die sich ihr bot. Es musste die Auktion sein. Vor ihrem inneren Auge begann ein Plan Gestalt anzunehmen.

Sie würde ihre Tante und ihren Onkel davon überzeugen, dass sie einverstanden war und froh über die Entscheidung, die sie für sie getroffen hatten. Dann würde sie die Kutsche rufen und ihnen beiden sagen, dass sie die gute Nachricht über ihre Verlobung ihrer Freundin Elise Farraday erzählen wollte.

Aber zuerst musste sie sehen, wie das Wetter war.

Julia zog den Vorhang am Fenster zurück und warf einen Blick nach draußen. Der Frühnebel verzog sich, und der blaue Himmel eines Spätfrühlingstages zeigte sich. Es war glaubhaft, dass sie ein paar Straßen zu früh die Kutsche verlassen würde, um ein Stück zu Fuß zu gehen und den schönen Tag zu genießen. Dann könnte sie fliehen, durch den Covent Garden gehen und von dort in die besseren Bordelle Londons gelangen, wo sie ihren Plan durchführen wollte. Bis zum Morgen wäre sie entehrt.

Von einem Fremden.

Unter peinlichen Umständen.

Ohne irgendeine Hoffnung auf ein Zurück.

Es war ein Plan.

Es war ihre einzige Chance.

Ihre einzige?

Das Wort erschreckte Julia. Eine ihrer Regeln lautete, nicht in Entweder-Oder-Kategorien zu denken. Das Leben war zu kompliziert, um es in schlichtes Schwarz oder Weiß einzuteilen, in ja und nein, richtig und falsch, tun oder lassen.

Gab es einen anderen Weg? Eine ebenso sichere, aber weniger öffentliche Möglichkeit? Julia fühlte sich feige, das auch nur zu erwägen, aber vielleicht gab es einen Weg, sich ruinieren zu lassen und sich dennoch vor der Entdeckung zu schützen, bis sie gezwungen war, die Wahrheit im Zusammenhang mit dem Vertrag ihres Onkels zu offenbaren. Sollte dies der Fall sein, so wäre ihr das lieber im Vergleich zu einer öffentlichen Zurschaustellung bei einer Auktion. Es blieb das Risiko, dass jemand sie erkannte, das Risiko, entdeckt zu werden, ehe die Tat vollbracht war. Wie ein Funke erwachte ein neuer Plan in ihrem Hinterkopf zum Leben und verschaffte sich Gehör.

Ein anderer Weg.

Ein anderer Mann.

Keiner der jungen Burschen, die sie als Debütantin umschwärmt hatten, kam dafür infrage. Wie von selbst erschien vor ihrem inneren Auge sehr verschwommen das Bild eines Mannes, dem sie einmal begegnet war – kennengelernt wäre zu viel gesagt, denn sie hatte ihn nur aus der Ferne gesehen, in einem überfüllten Ballsaal an einem ihrer ersten Abende in London. Doch man hatte über seine Anwesenheit geflüstert, und viele Mütter fühlten sich genötigt, ihre sittsamen Töchter auf die Gefahren hinzuweisen, die von diesem Mann ausgingen.

Es war Paine Ramsden, dritter Sohn eines Earls, in weniger freundlichen Kreisen bekannt als ein Schurke, dessen Ruf so schlecht war, dass man ihn in der guten Gesellschaft nicht empfing. Julia hatte schnell erfahren, dass er an diesem Tanzabend nur seiner Tante zuliebe teilnahm, der Dowager Marchioness of Bridgerton, Lily Branbourne, die trotz der öffentlichen Empörung wegen seiner zweifelhaften Moral bekannte, dass er ihr Lieblingsneffe war.

Julia lächelte in sich hinein. Paine Ramsden stand in dem Ruf, ein unwiderstehlicher Charmeur zu sein, der ebenso großzügig mit seiner Zuneigung verfuhr wie mit seinen Finanzen. In jener Nacht im Ballsaal machten zudem andere Gerüchte die Runde – dunklere, gegen die Frauengeschichten und eine Neigung zur Verschwendung harmlos waren. Gerüchte über Zeiten im Ausland, als Strafe für ein Duell wegen einer Frau. Und damit hörten die Verdächtigungen noch nicht auf. Es wurde erzählt, seit seiner Rückkehr lebe er genusssüchtig am Rande der Halbwelt, nachdem er sich einen heruntergekommenen Spielsalon gekauft hatte, um seinen Lebensunterhalt damit zu verdienen.

Diese Neigungen waren Julia gleichgültig. Je ausschweifender sein Lebensstil, desto weniger wahrscheinlich war es, dass er am Morgen von falschem Ehrgefühl überwältigt wurde. Damit war ihre Wahl auf Paine Ramsden gefallen. Jetzt kannte sie die Richtung, in die sie gehen würde. Nun musste sie ihn nur noch finden und davon überzeugen, ihr die Unschuld zu nehmen. Was Letzteres betraf, so trug sie ihre Perlenohrringe in einem kleinen Beutel bei sich, um ihm das Geld zu geben, das er brauchte, um die Tat zu vollziehen. Ein Spieler wie er würde wissen, wo er sie versetzen konnte. Ja, das wäre einfach. In Anbetracht seiner armseligen gesellschaftlichen Stellung wäre es schwerer, ihn ausfindig zu machen.

Wenn sie auch nicht wusste, wo er sich aufhielt, so hatte sie doch eine recht gute Vorstellung davon, wo er sich nicht aufhielt. Sie würde ihn auf keiner der Soireen oder Musikabende finden, die heute stattfanden. In keinem der beliebten Gentlemen’s Clubs oder Spielhallen würde er anzutreffen sein. Der Klatsch sagte, dass er Räume in der Jermyn Street bezogen hatte. Die Chance, ihn dort anzutreffen, war nicht besonders groß, aber dort wollte sie beginnen, auch wenn sie von Tür zu Tür gehen und nach ihm fragen müsste. Die Vermieterin oder ein Nachbar wussten vielleicht, wo er den Abend verbrachte. Um diese späte Stunde würden bestimmt nur wenige Menschen ihre Anwesenheit bemerken.

Julia warf noch einen Blick auf die Uhr. Noch acht Stunden bis zum Einbruch der Nacht. Acht Stunden, um ihre Tante und ihren Onkel davon zu überzeugen, dass sie ihre Entscheidung akzeptierte und dass sie an diesem Abend zu Hause bleiben und an ihrer Aussteuer arbeiten wollte. Nein, das klang verdächtig in Anbetracht der Tatsache, dass sie Handarbeiten verabscheute. Besser wäre es, mit ihnen auszugehen und dann irgendwann zu verschwinden. Lady Moffats Abendgesellschaft würde gut besucht sein, und ihre Tante und ihr Onkel würden kaum mehr auf sie aufpassen, wenn ihre Tanzkarte erst voll war.

Es würde nicht schwierig sein, unauffällig durch ein rückwärtiges Gartentor zu entkommen, ohne sofort vermisst zu werden. Ihr Onkel würde im Kartenzimmer sein und sich nicht darum kümmern, was im Ballsaal geschah. Ihre Tante würde in Gespräche mit ihren Freundinnen vertieft sein und Julia bei den Farradays vermuten, die bei solchen Anlässen oft die Anstandsdamen spielten.

Entschlossen, den einmal gefassten Entschluss auch auszuführen, widmete Julia ihre Aufmerksamkeit dem großen Eichenschrank in der Ecke. Sie öffnete die Tür, und diese gab den Blick frei auf ein Dutzend Kleider aus feinster Seide und anderen edlen Stoffen. Inzwischen sah sie die Kleider mit neu erwachtem Zynismus an. Ihr Onkel hatte keine Kosten gescheut, seine Nichte für die neue Saison auszustaffieren. Die Gründe für diese Extravaganz lagen auf der Hand.

Julia klopfte mit einem Finger gegen ihr Kinn. Sie musste eine letzte Entscheidung treffen: Was trug ein Mädchen anlässlich seines Ruins?

2. KAPITEL

„Ich hätte nie gedacht, dass Sie Asse in der Hand halten!“ Voller Abscheu warf Gaylord Beaton, der junge Mann, der gegenüber von Paine Ramsden am Spieltisch saß, seine Karten auf den Tisch. „Heute Abend haben Sie teuflisches Glück, Ram.“

Die anderen an jenem Tisch in dem schwach erleuchteten Spielsaal lachten und warfen ebenfalls ihre Karten hin. „Was meinen Sie mit heute Abend? Ram hat jede Nacht teuflisches Glück!“, rief ein anderer.

„Haben Sie schon einmal daran gedacht, dass es nicht nur Glück ist?“ Mit einer geübten Handbewegung schob Paine Ramsden seine Gewinne zusammen.

„Was sollte es sonst sein? Ein fünftes As?“ Bei Gaylords kühnem Scherz verstummten die anderen und starrten ihn sprachlos an.

„Geschick“, erwiderte Paine und sah sie der Reihe nach an, ehe er ausgab. Der unterschwellige Ärger in Beatons Scherz war ihm nicht entgangen.

Dies war die zweite Nacht, in der diese jungen Burschen spielten, und die zweite Nacht, in der sie hoch verloren. Seiner Erfahrung nach war ein zorniger junger Spieler ein gefährlicher Spieler. Er musste diesen jungen Mann im Auge behalten. Er hatte gehofft, Beaton hätte letzte Nacht seine Lektion gelernt und Schritte unternommen, um seine finanziellen Verluste auszugleichen. Aber offensichtlich war Beaton der Meinung, dass er diese durch Glücksspiel minimieren könne. Ein verbreiteter Irrtum, der Paine selbst während seiner wilden, unerfahrenen Jugendjahre unterlaufen war.

Zu fünft spielten sie Commerce um hohe Einsätze. Er gewann ständig und hatte von jedem der jungen Burschen am Tisch schon hundert Pfund gewonnen. Paine sollte es genießen. Stattdessen langweilte er sich. Nein, mehr als das: Er war vollkommen teilnahmslos.

Paine legte eine seiner drei Karten ab und zog die Herzdame. Mit ihr besaß er jetzt drei der gleichen Farbe. Wieder würden die anderen verlieren. Er wartete darauf, die Vorfreude auf den Sieg zu spüren. Doch er fühlte gar nichts – nicht die Euphorie des Siegers, nicht die angenehme Benommenheit von dem billigen Brandy in seinem Glas, keine Erregung durch die Versprechungen des leichten Mädchens, das sich an seine Schulter schmiegte. Er war wie benommen.

Wie konnte das geschehen? Wann hatten die üblichen Unterhaltungen die Fähigkeit verloren, ihn zu befriedigen? Kurz nach seiner Rückkehr aus dem Ausland hatte es eine Zeit gegeben, in der es ihm genügt hatte, sich an einem zwielichtigen Ort wie diesem aufzuhalten. Weit weg von den hell erleuchteten Hallen von St. James war das Adrenalin durch seine Adern geströmt bei der Aussicht, das Messer ziehen zu müssen, das er gut versteckt in seinem Stiefel trug. Die Spielhalle hatte ihm so gut gefallen, dass er sie dem Eigentümer abgekauft hatte, der sich zur Ruhe setzen wollte.

Seitdem war er der Herrscher dieses Reiches. Junge Männer auf der Suche nach Abenteuern kamen hierher, um sich beim Kartenspiel mit ihm zu messen. Erfahrene Spieler baten ihn um Darlehen, wenn es ihnen an Glück fehlte. Die Huren boten sich ihm bereitwillig dar. Er hatte die Unterwelt gesucht, und jetzt suchte sie nach ihm.

Nur selten verließ er sie zu einem Besuch bei der ton, wie vor einigen Wochen, als er seine Tante Lily zu einem Ball begleitet hatte. Er mochte seine Tante und ihre direkte Art. Aber was die ton betraf, so bevorzugte er sein Leben außerhalb deren Vorschriften und Erwartungen. Das hatte er in Indien gelernt. Die Tatsache, dass er seines jetzigen Lebens überdrüssig war, zeigte nur, dass er neue Aufregungen suchen musste.

Unter den enttäuschten Rufen aus der Runde legte Paine die Karten hin und begann, sich die Ärmel hinunterzurollen.

„Sie können doch nicht gehen, ehe wir die Gelegenheit hatten, unsere Verluste zurückzugewinnen?“, rief einer der Dandys. „Es ist erst Mitternacht.“

„Genau das …“, erwiderte Paine und verstummte mitten im Satz. Er kniff die Augen zusammen und blickte durch das rauchige Zwielicht zur Tür. Dort war es unruhig geworden. „Meine Herren, wenn Sie mich bitte entschuldigen würden, es scheint ein Problem zu geben, um das ich mich kümmern muss.“

Paine ging zur Tür und verspürte zum ersten Mal an diesem Abend gespannte Erwartung. Das war genau, was er brauchte: etwas Unbekanntes, Unvorhergesehenes, das seine Begeisterung wieder entfachte.

„John, stimmt etwas nicht?“, fragte er den Türsteher.

John verstand seinen Beruf. Selten nur gab es eine Situation, mit der John nicht fertig wurde. Jetzt schien eine dieser seltenen Ausnahmen eingetreten zu sein. John schien erleichtert, ihn zu sehen.

„Hier ist ein Mädchen. Sie möchte Sie sprechen.“ John trat zur Seite und enthüllte damit, was seine Leibesfülle bisher vor Paine verborgen hatte.

Paine stockte der Atem, und er fühlte Erregung in seinen Lenden. Das Mädchen war atemberaubend. Ein Blick auf ihren sinnlichen Mund genügte, und er sah sie vor sich in seinem Bett liegen. Er wollte ihr das türkisfarbene Kleid ausziehen, das ihre Kurven so vorteilhaft betonte, und sie liebkosen, bis sie seinen Namen schrie. Das Blut in seinen Adern begann bei dieser Vorstellung zu kochen. Er fühlte sich wieder lebendig.

„Ist schon gut, John. Ich spreche mit ihr.“ Paine schlug dem großen Mann auf die Schulter. War das Erleichterung, was er da im Gesicht des Mädchens erblickte? Er wusste genau, dass er sie nicht kannte. Sie wirkte zu elegant für die Orte, die er gewöhnlich besuchte. Und zu unschuldig, wie er zugeben musste.

Er schenkte ihr ein Lächeln, bot ihr seinen Arm und zog sie herein. Während sie sich umsah, spürte Paine den Druck ihrer Hand durch den Ärmel seines Leinenhemdes. Er betrachtete den Ort mit ihren Augen, während sie zwischen den Tischen hindurchgingen: Da gab es den Geruch nach abgestandenem Rauch, vermischt mit dem nach Alkohol und altem Schweiß, die abgetragene Kleidung der Stammkunden, die verblichenen Bezüge der Stühle, die zerkratzten Tische.

Zu spät fiel ihm ein, dass er seinen Rock am Tisch hatte liegen lassen und nur die schlichte Kleidung trug, die er beim Spielen bevorzugte. Keine diamantbesetzte Krawattennadel, die an einem Halstuch funkelte, keine Manschettenknöpfe an den Ärmeln. Nach den Regeln der ton war er geradezu unbekleidet mit seinem einfachen weißen Hemd und der beigefarbenen Hose – von der vorgeschriebenen dunklen Abendkleidung keine Spur.

Paine ging durch einen dunklen Korridor und öffnete die erste Tür zu seiner Linken. Es war ein kleiner Raum, der ihm als eine Art Büro diente, wenn er Darlehen oder private Themen zu besprechen hatte. Er schob die junge Frau hinein und deutete auf einen Stuhl.

„Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten? Ich habe Sherry da.“ Sie schüttelte den Kopf, und Paine zuckte die Achseln. Dann schenkte er sich einen Brandy ein, nahm seinen gewohnten Platz hinter dem einfachen hölzernen Schreibtisch ein und betrachtete sie.

Schön und angespannt, stellte er fest, obwohl sie es tapfer zu verbergen versuchte. Sie zupfte nicht nervös mit ihren weiß behandschuhten Fingern irgendwo herum, sondern hielt die Hände fest im Schoß gefaltet und saß kerzengerade da. Obwohl sie ihren Körper ganz und gar zu beherrschen schien, verrieten ihre auffallend schönen, jadegrünen Augen sie. Dieses Mädchen wollte etwas von ihm.

Er konnte sich nicht vorstellen, was er einer Fremden wie ihr zu bieten haben könnte. Doch was immer es war, sie verlangte verzweifelt danach. Das verriet ihr Blick.

Sie sprach nicht, und Paine fühlte sich genötigt, die Stille zu unterbrechen. „Da wir uns noch nicht kennen, gestatten Sie mir, mich vorzustellen. Mein Name ist Paine Ramsden. Aber das wissen Sie vermutlich schon. Ich hingegen habe nicht die leiseste Ahnung, wer Sie sind und fühle mich im Nachteil.“

„Ich bin Julia Prentiss. Ich danke Ihnen, dass Sie bereit waren, mich zu empfangen.“ Sie sprach sehr sachlich, und das erweckte in Paine den Eindruck, draußen wäre es taghell und an diesem Gespräch nichts Außergewöhnliches.

„Dies ist eine ungewöhnliche Zeit für ein geschäftliches Treffen. Ich muss gestehen, ich bin sehr neugierig, was Sie hier hergeführt haben könnte.“ Paine lehnte sich in seinem Stuhl zurück, legte die Fingerspitzen aneinander und versuchte, so auszusehen, als wäre er nicht erregt von dem Anblick ihrer herrlichen Figur und dem Klang ihrer Stimme.

Er sah, wie sie schluckte. Zum ersten Mal, seit sie dieses Etablissement betreten hatte, schien sie die Fassung zu verlieren. Als sie nicht sofort sprach, bot Paine ihr seine Hilfe an. „Brauchen Sie Geld?“ Vielleicht hatte sie Spielschulden. Es war nicht ungewöhnlich, dass eine Frau beim Kartenspiel auf einem Ball oder einer Gesellschaft zu viel Geld verwettete.

Sie schüttelte den Kopf, und ihre mit Aquamarinen besetzten Ohrringe pendelten hin und her. Zu spät erkannte Paine, dass er einen Denkfehler gemacht hatte. Die Ohrringe allein hätten gut verpfändet werden können. Gütiger Himmel, er kannte sie erst seit ein paar Minuten, und schon hatte sie seine Sinne verwirrt. Er spürte seine Erregung deutlicher, und hoffte, sie würde bald auf den Punkt kommen, damit er seine eigenen Pläne verfolgen konnte.

„Ich bin gekommen, damit Sie mich ruinieren.“ Sie hatte sehr schnell gesprochen, und danach zeigte sich eine leichte Röte auf ihrem makellosen Alabasterteint.

„Ruinieren?“ Paine zog eine Braue hoch. „Was meinen Sie mit ruinieren? Soll ich Sie am Spieltisch ruinieren? Ich kann dafür sorgen, dass Sie jeden beliebigen Betrag verlieren.“

Sie sah ihm sehr ernst direkt in die Augen. Nun, da sie miteinander sprachen, hatte sie offensichtlich ihren Mut wiedergefunden. „Ich will kein Geld verlieren. Ich will meine Jungfräulichkeit verlieren. Ich möchte, dass Sie mich im Bett entehren.“

Sein Verstand warnte ihn vor einer drohenden Gefahr, während es in seinen Lenden heiß wurde bei dem Gedanken an das, was ihm da angeboten wurde. Gefährliches Vergnügen – sein liebster Zeitvertreib. „Ich bin nicht grundsätzlich gegen eine solche Vereinbarung, aber ich hätte gern mehr gewusst“, erwiderte Paine kühl.

„In fünf Tagen soll ich einen Mann heiraten, den ich absolut unerträglich finde. Er würde mich nicht mehr haben wollen, wenn ich …“ Sie verstummte und suchte nach einem passenden Wort. „Wenn ein anderer mich berührt hat.“

Paine verspürte einen Anflug von Enttäuschung. Ihrer Bitte Folge zu leisten brachte eine Fülle von offensichtlichen Hindernissen mit sich, nicht zuletzt die Aussicht, sich duellieren zu müssen. Gefahr war eine Sache, illegale Vorgänge wie Duelle eine andere. Dennoch musste es nicht zwingend ein so drastisches Ende geben. Er hatte schließlich keinen Ruf zu verlieren, und das Mädchen suchte ihn nicht auf, damit er danach etwas Ehrenwertes tat.

„Das ist eine recht folgenschwere Handlung, und sie ist nicht rückgängig zu machen, Julia.“

Er sprach ihren Namen aus, und ihm gefiel der Klang ebenso wie die Vertraulichkeit, die damit einherging. Er erhob sich und schritt um den Schreibtisch herum, entschlossen, ihr eine Lektion zu erteilen über das Wesen der Männer. Er lehnte sich an die Ecke des Tisches, die Arme verschränkt, sodass die untere Hälfte seines Körpers ihren Blicken dargeboten wurde, mitsamt der unübersehbaren Erregung, die sich klar und deutlich in seiner Hose abzeichnete. Sie sollte sehen, was ihre Bitte auslöste. Er wollte ihr eine Chance geben, sich zurückzuziehen.

„Haben Sie das durchdacht? Gibt es keine Möglichkeit für Sie, sich in diese Ehe zu fügen? Vielleicht werden Sie sich in ein oder zwei Jahren ganz gut mit ihrem Ehemann arrangiert haben. Viele Frauen stellen fest, dass sich alles von selbst klärt, wenn sie erst einmal verheiratet sind und eine Familie haben, um die sie sich kümmern können.“ Gütiger Himmel, er sprach, als wäre er Lehrerin an einer Schule für höhere Töchter.

Ihre Augen blitzten, als sie antwortete: „Ich bin kein dummes Mädchen, das gegen den Mann rebelliert, den ihre Eltern ausgesucht haben, weil sie sich in einen anderen verliebt hat. Ich versichere Ihnen, ich verspüre nicht den Wunsch, mich mit diesem Mann zu arrangieren. Mortimer Oswalt ist ein Wüstling der übelsten Sorte, und ich wehre mich dagegen, von ihm lediglich als eine Art Zuchtstute angesehen zu werden. Selbst wenn das bedeutet, dass ich niemals heiraten werde!“

Paine spürte, wie sich seine Leidenschaft plötzlich abkühlte, als er diesen Namen hörte: Mortimer Oswalt war für ihn kein Unbekannter. Zwischen ihnen bestand eine alte Feindschaft, und er hatte mit Oswalt noch eine Rechnung offen wegen einer Frau. Es käme ihm zupass, die Verlobte dieses Mannes zu ruinieren. Er war kein Jüngling mehr. Diesmal würde Mortimer Oswalt ihn nicht so leicht manipulieren können. Diesmal würde eine Unschuldige Oswalts Klauen entkommen können.

Er betrachtete das Mädchen, das vor ihm stand.

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