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Ein folgenschwerer Unfall

1. KAPITEL

Annika und Hendrik standen noch immer fassungslos vor dem Hotel: Ihre Mutter warf aus vollen Händen Geldscheine vom Balkon und juchzte dabei wie ein fröhliches Kleinkind.

„Das habe ich gemeint“, brachte Annika schließlich heraus. „Wir können sie nicht eine Sekunde allein lassen!“ Susanne litt an einer bipolaren Störung, sie war manisch-depressiv. Und sie hatte, schon bevor sie bei ihren Kindern am Fürstenhof zu Besuch gekommen war, ihre Medikamente abgesetzt. „Mama!“, rief Annika nun zum Balkon hinauf. „Was tust du denn? Hör sofort auf mit dem Blödsinn!“

„Aber wieso denn?“, entgegnete Susanne. Ben eilte den Geschwistern zu Hilfe, sammelte die Geldscheine ein und nahm sie auch den Kollegen wieder ab, die sich in einer kleinen Traube unter dem Balkon zusammengefunden hatten.

„Leute, die Party ist vorbei!“, herrschte er die Zimmermädchen und Pagen an. „Zurück an die Arbeit. Und kein Wort zu niemandem!“

„Was machst du nur für Sachen?“, fragte Hendrik seine Mutter, als er und seine Schwester sie in ihrer Wohnung aufs Sofa bugsiert hatten.

„War das ein Spaß!“ Susanne strahlte.

„Mag ja sein, dass du das alles wahnsinnig witzig findest!“, herrschte ihre Tochter sie an. „Aber das ist es nicht. Im Ernst! Du musst deine Medikamente wieder nehmen.“ Hilfe suchend blickte Susanne zu ihrem Sohn.

„Vielleicht gibt es ja Medikamente, die weniger stark sind …“, sagte der hilflos. Er wusste, wie sehr Susanne die Tabletten verabscheute.

„Die Ärzte hätten ihr nicht diese Medikamente verschrieben, wenn Mama sie nicht auch brauchen würde“, hielt Annika dagegen. Sie mussten etwas tun. So ging das einfach nicht weiter. Ihre Mutter ließ sich tatsächlich darauf ein, es noch einmal mit Tabletten zu versuchen. Aber nur, wenn sie schwächer waren als die, die ihr bislang verordnet worden waren. Annika erklärte sich seufzend einverstanden. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, wo sie solche Medikamente herbekommen sollten.

Gemeinsam mit Hendrik durchsuchte sie das Gepäck ihrer Mutter. Susanne führte ein ganzes Arsenal an Arzneimitteln mit sich: Pillen gegen Konzentrationsschwäche, Tropfen gegen Prüfungsangst … Aber bei einer bipolaren Störung war dieses ganze Zeug absolut wirkungslos.

„Vielleicht ist die Angelegenheit ein bisschen schwieriger, als ich dachte“, gab Hendrik schweren Herzens zu.

„Wie schön“, erwiderte Annika. „Endlich sind wir mal einer Meinung.“

„Aber was jetzt?“, fragte er. „Willst du sie wirklich wieder in eine Klinik bringen?“

„Es geht nicht darum, was ich will oder nicht“, meinte Annika. „Wir müssen sehen, was gut für Mama ist. Und stationär ist sie nun mal am besten versorgt. Die Ärzte können die Medikamente so einstellen, dass Mama wieder ein halbwegs normales Leben führen kann.“

„Du weißt, was sie davon hält …“, wandte er ein.

„Hast du einen besseren Vorschlag?“ Er dachte einen Augenblick nach.

„Was ist mit Tante Vero?“, fragte er dann. „Die beiden sind immer super miteinander ausgekommen. Vielleicht kann sie Mama ja für eine Weile aufnehmen.“ Seine Schwester nickte langsam.

„Ich rufe sie gleich mal an“, erklärte sie.

Alfons war ehrlich erbost. Der neue Geschäftsführer, Lukas Zastrow, hatte ihm beiläufig mitgeteilt, dass er in Zukunft nicht mehr für die Einteilung der Zimmermädchen verantwortlich war. Diese Aufgabe sollte ab sofort Cosima Zastrow erledigen, die als Hausdame eingestellt worden war.

„Seine Mutter!“, wetterte Alfons. „Wie ich diese Vetternwirtschaft hasse!“

„Vielleicht steckt auch deine Charlotte dahinter?“, wandte Hildegard ein. „Am Ende ist der Posten der Hausdame so etwas wie eine Wiedergutmachung …“

Auch Werner ärgerte sich über den neuen Geschäftsführer. Lukas war ihm sofort auf die Schliche gekommen: Der Senior hatte nämlich Schmiergelder an den Präsidenten des Golfverbandes gezahlt, damit die German Open im Fürstenhof ausgerichtet werden würde.

„Mit Sicherheit hockt der Bursche gerade auf dem Schoß seiner Mutter und erzählt ihr alles brühwarm“, knurrte Werner.

„Kann durchaus sein“, erwiderte Charlotte, die von den krummen Touren ihres Exmannes schon lange die Nase voll hatte.

„Und bestimmt überlegen die beiden sich schon, wie sie mir eins reinwürgen können!“, fürchtete er.

„Langsam wirst du paranoid, weißt du das?“, seufzte Charlotte. „Bisher haben sich Cosima und ihr Sohn sehr anständig verhalten. Im Gegensatz zu dir.“

„Alles, was ich verlange, ist, dass du den Mund hältst“, bat er. „Falls dich einer fragt: Du hast von nichts eine Ahnung.“

„Die Lügerei soll also weitergehen?“ Sie hatte das alles so satt. Aber er flehte sie förmlich an, mit ihm an einem Strang zu ziehen. Schließlich versprach sie immerhin, sich die Sache zu überlegen.

Tatsächlich hatte Lukas gleich seine Mutter über das informiert, was er bei der Prüfung der Fürstenhof – Bücher herausgefunden hatte.

„Damit lässt sich bestimmt etwas anfangen.“ Cosima war sichtlich erfreut.

„Bisher kann man die Bestechung aber noch nicht beweisen“, versuchte er, sie zu bremsen.

„Aber wenn wir ein wenig bluffen … Wir treiben den lieben Herrn Direktor ein bisschen in die Enge. Mal sehen, was passiert.“ Doch Lukas hielt das für keine gute Idee. „Steigt dir dein neuer Posten schon zu Kopf?“, schnaubte sie.

„Nur weil ich eine andere Meinung habe als du?“, gab er zurück. „Du willst den offenen Konflikt mit den Saalfelds. Aber damit erreichst du gar nichts.“ Er hatte einen besseren Plan, wenn sie Charlotte dazu bringen wollten, Cosima ihre Hotelanteile freiwillig zu überschreiben. „Wir müssen ihr beweisen, dass wir vertrauenswürdig sind. Und deshalb werden wir diese kleine Affäre unter den Teppich kehren. Vorerst.“

„Du bist ja ein richtiges Schlitzohr geworden“, stellte seine Mutter spöttisch fest. „Na schön. Machen wir es zur Abwechslung mal so, wie du es willst. Vielleicht hast du ja wirklich recht.“

Werner hatte in der Zwischenzeit die Dinge schon wieder auf seine Weise geregelt. Er verfasste eine Expertise, die er dem Präsidenten des Golfverbandes zum Unterschreiben schickte. So könnten sie behaupten, das Geld, das der Präsident überwiesen hatte, sei ein Honorar gewesen.

„Wenn dieser Zastrow denkt, er hat mich in der Hand, hat er sich getäuscht“, verkündete der Senior zufrieden. „Von so einem Anfänger lasse ich mich doch nicht vorführen.“ Charlotte schwieg. Es war nicht zu übersehen, dass sie sich bei der ganzen Angelegenheit ausgesprochen unwohl fühlte. „Mal was anderes“, sagte ihr Exmann nun. „Was ist mit deinem Geburtstag? Ist nicht mehr lange hin …“

„Was soll damit sein?“ Sie runzelte die Stirn.

„Du willst doch bestimmt eine schöne Feier machen?“ Sie zuckte die Achseln. Es sei doch gar kein runder Geburtstag, gab sie zu bedenken. „Na und? Wenn Charlotte Saalfeld ihren Geburtstag feiert, ist das immer eine große Sache“, insistierte er.

„Was redest du denn da?“, entgegnete sie irritiert. „Das stimmt doch gar nicht.“

„Meine Liebe, ich finde, wir müssen ein Zeichen setzen“, erklärte er. „Falls du es noch nicht bemerkt hast – mittlerweile zweifelt schon die Belegschaft daran, ob du die legitime Saalfeld-Erbin bist.“ Das war für Charlotte nur ein Grund mehr, kein großes Fest zu veranstalten.

„Und Cosima würde es bestimmt als Provokation empfinden“, fürchtete sie.

„Wir können nicht immer auf sie Rücksicht nehmen“, erwiderte der Senior. „Wir haben den beiden einen neuen Job gegeben. Deine feine Freundin darf hier umsonst wohnen. Irgendwann ist mal genug.“ Charlotte wirkte keineswegs überzeugt. „Wir sind nicht verantwortlich für den Mist, den Wiggerl vor über fünfzig Jahren verzapft hat!“, brauste er auf.

„Ich will aber keinen Ärger“, sagte sie hilflos. „Schon gar nicht zu meinem Geburtstag.“

„Keine Sorge“, versuchte er, sie zu beruhigen. „Du kennst mich doch. Ich passe schon auf, dass alles ganz entspannt und harmonisch wird.“ Er würde die Feier organisieren. Und für den Augenblick widersprach Charlotte nicht.

Annika hatte immer wieder probiert, ihre Tante zu erreichen – vergeblich. Nun wartete sie auf den Rückruf und spazierte derweil durch den Park. Es war mal wieder typisch. Immer musste erst was passieren, bevor Hendrik kapierte, dass ihre Mutter Hilfe brauchte.

„Hallo Annika!“ Die Worte rissen sie aus ihren Gedanken. Lukas stand vor ihr. Sie hatte ihn vorher gar nicht bemerkt. „Was treibst du dich hier so allein im Park herum?“

„Ich wollte ein bisschen Ruhe haben.“ Ein leiser Vorwurf lag in ihrer Stimme.

„Ist was passiert?“, wollte Lukas wissen.

„Nein, nichts“, behauptete sie. „Meine Mutter hatte nur … eine kleine Krise.“ Da klingelte auch schon ihr Handy. Tante Vero.

„Ich habe gerade mit Tante Vero gesprochen.“ Nach dem Telefonat war Annika sofort zur Schießanlage gekommen, um ihren Bruder zu informieren.

„Kann Mama zu ihr?“, fragte Hendrik.

„Sie war bei ihr, bevor sie im Fürstenhof aufgetaucht ist“, seufzte seine Schwester. „Tante Vero hat sie rausgeschmissen.“

„Oh nein …“ Er ahnte Böses.

„Es hat damit angefangen, dass Mama ihre eigene Wohnung verlassen musste, weil sie ihre Miete nicht mehr zahlen konnte“, erzählte Annika aufgewühlt. Ihre Mutter hatte ihnen nicht mal gesagt, dass sie pleite war. „Tante Vero hat Mama daraufhin aufgenommen, in ihre Wohnung. Zuerst klappte es auch ganz gut – bis Mama begonnen hat, die Wohnung zu renovieren.“ Susanne hatte offensichtlich ein regelrechtes Trümmerfeld verursacht. „Tante Veros Freund hat alles auf eigene Kosten instand setzen müssen“, fuhr Annika fort. „Dafür hat Mama die Zeit genutzt, um mal ausgiebig shoppen zu gehen. Sie hat Tante Veros Kreditkarte benutzt. Bis zum Limit.“

„Kein Wunder, dass Tante Vero sie rausgeschmissen hat“, stöhnte Hendrik.

„Da noch nicht.“ Annika klang bitter. „Sie hatte trotz allem noch Geduld mit Mama. Aber dann war Mama mit Tante Veros Freund im Bett.“ Hendrik fehlten die Worte. Was sollten sie mit Susanne bloß machen?

Annika konfrontierte ihre Mutter mit allem, was sie erfahren hatte. Susanne reagierte beschämt und zerknirscht.

„Ich habe Angst, dass du völlig die Kontrolle über dich verlierst“, meinte Annika schließlich. „Unsinn!“, wehrte sich Susanne sofort. Auf gar keinen Fall würde sie in eine Klinik gehen. „Wenn du eine Lungenentzündung hättest, würdest du auch ins Krankenhaus gehen“, mahnte ihre Tochter.

„Ich habe aber keine Lungenentzündung!“

„Deine Krankheit ist noch viel schwerer zu bekämpfen“, argumentierte Annika. „Und manchmal habe ich das Gefühl, du hast den Kampf schon aufgegeben. Alle um dich herum sehen, was du dir damit antust! Nur du nicht!“ Erschrocken verzog Susanne das Gesicht.

„Ich habe mir diese Krankheit nicht ausgesucht“, sagte sie dann leise.

„Und deswegen tust du auch nichts dagegen?!“, erwiderte ihre Tochter. „Mama, ich will dich nicht loswerden. Ich will nur, dass du endlich die Hilfe bekommst, die du so dringend brauchst.“

Cosima Zastrow hatte die Fürstensuite geräumt und war in den Dienstbotentrakt des Hotels gezogen. Rosalie hatte nur darauf gewartet. Nun ließ sie sich von Herrn Sonnbichler die Schlüssel geben. Dass Alfons das gar nicht passte, verstand sich von selbst.

„Rosalie zieht in die Fürstensuite?!“ Ben glaubte, seinen Ohren nicht zu trauen, als der Portier ihm davon berichtete.

„Warum nicht?“, meinte der bitter. „Ist doch ihr gutes Recht. Sie ist jetzt doch Miteigentümerin des Fürstenhofs.“

„Rosalie?!“ Ben blieb der Mund offen stehen.

Aber Alfons hatte keine Zeit, weiter mit ihm zu plaudern. Der Senior wollte dringend mit ihm sprechen. Als Erstes versicherte Werner dem Portier, dass es das kleinere Übel gewesen sei, Frau Zastrow als Hausdame zu engagieren.

„Die Alternative wäre, dass Charlotte ihre Hotelanteile an diese Frau überschreibt.“ Alfons nickte nur. Er wusste von der Geschichte. Cosima und Charlotte waren auf Wunsch Ludwig Saalfelds als Babys vertauscht worden. „Ihnen ist ja wohl klar, dass das auf gar keinen Fall passieren darf?“ Wieder nickte Herr Sonnbichler. „Sind Sie auf meiner Seite?“

„Selbstverständlich“, antwortete Alfons.

„Sehr gut.“ Der Senior lächelte. „Dann hätte ich nämlich noch eine besondere Aufgabe für Sie. Charlotte hat bald Geburtstag.“

„Ich weiß.“

„Können Sie ein schönes Fest für sie organisieren? Und zwar, ohne dass diese Zastrow es mitkriegt?“ Natürlich konnte Herr Sonnbichler das. Werner reichte ihm einen Zettel. „Schauen Sie, ich habe hier schon mal eine Liste mit den Gästen vorbereitet.“ Alfons warf einen Blick darauf und pfiff beeindruckt durch die Zähne.

Ben saß im Personalraum und starrte vor sich hin, als Simon hereinkam.

„Alles in Ordnung?“, fragte der.

„Hast du gewusst, dass Rosalie Anteile am Fürstenhof besitzt?“ Simon nickte. Rosalie hatte ihm das neulich selbst unter die Nase gerieben. „Hat sich eigentlich noch nie einer gefragt, woher sie das viele Geld dafür hat?“, wollte Ben wissen.

„Vielleicht hat sie es geerbt? Oder im Lotto gewonnen? Wieso fragst du?“ Ben hatte einen ganz anderen Verdacht. Aber den wollte er mit seinem Kumpel jetzt nicht besprechen, also wechselte er das Thema.

„Wie geht es mit Fanny? Hältst du jetzt wirklich Abstand zu ihr?“ Die Dreiecksgeschichte zwischen Fanny, Simon und André hatte in den letzten Wochen den ganzen Fürstenhof in Atem gehalten. Simon nickte. Fanny hatte sich eigentlich für den heutigen Abend mit ihm verabreden wollen.

„Aber das Thema ist für mich durch“, erklärte er. „Stattdessen geht sie mit meinem Vater aus.“

„Und das findest du nicht schlimm?“, staunte Ben.

„Du hast doch immer gesagt, wir sollen mit dem Affentheater aufhören!“, brauste Simon auf. Ben hielt besser den Mund. Aber ganz so egal schien es seinem Freund doch nicht zu sein, wenn Fanny mit André ausging.

Der Chefkoch war nicht Fannys erste Wahl gewesen – sie hatte viel zu spät entdeckt, dass ihre Gefühle eigentlich Simon galten. Doch der wollte nun nichts mehr von ihm wissen. Nur weil sie André nicht verletzen wollte, hatte sie dessen Einladung ins Kino angenommen. Der Chefkoch war deshalb allerbester Laune. Und er konnte es sich nicht mal verkneifen, seinem Sohn gegenüber klarzustellen, dass er ihn bei Fanny ausgestochen habe.

„Du warst ja schon immer gut darin, dir in die Tasche zu lügen.“ Simon konnte über seinen Vater nur den Kopf schütteln.

Susanne saß an der Hotelbar und plauderte mit einem Kellner, als sie Lukas entdeckte. Sofort bat sie ihn, sich zu ihr zu setzen.

„Geht es Ihnen gut?“, fragte der.

„Oh ja, ganz wunderbar“, antwortete sie. „Nur meine Tochter macht mir ein bisschen Sorgen. Ich glaube, sie ist verliebt. Unglücklich verliebt. Und ich weiß auch, in wen.“ Mit einem hintergründigen Lächeln blickte sie ihn an.

„Tut mir leid“, sagte Lukas. „Aber ich glaube, Sie irren sich.“

„Bestimmt nicht“, beharrte sie. „Sie müssen sich nur etwas mehr um sie bemühen. Annika ist manchmal ein wenig schüchtern.“

„Na schön, ich bleibe dran“, versprach Lukas mit einem Grinsen. Sie strahlte, wurde dann aber sofort wieder traurig.

„Schade, dass ich hier wegmuss.“ Lukas betrachtete sie gerührt. Er hatte auf Nachfrage von Hendrik erfahren, dass Susanne morgen ins Krankenhaus sollte. „Dann sehe ich meine Kinder gar nicht mehr. Und ich habe sie doch so gern um mich.“ Verzweifelt barg sie ihr Gesicht in ihren Händen. Lukas wusste gar nicht, wie er mit der Situation umgehen sollte. Aber er empfand ehrliches Mitgefühl für Annikas Mutter.

Später packte Susanne ihre Sachen zusammen – ihre Kinder halfen ihr dabei. Und sie hatte noch eine Überraschung für die beiden.

„Mein erster Roman!“ Sie drückte dem verblüfften Hendrik einen Stapel Papiere in die Hand.

„Das sind ja an die hundert Seiten?!“, staunte er.

„Ich habe die ganze letzte Nacht daran geschrieben“, erklärte sie stolz. „Mit der Hand.“

„Wir lesen es, so schnell wir können“, versprach er. Es war ihm deutlich anzumerken, dass er ein schlechtes Gewissen hatte. Für beide Geschwister war es schwer, ihrer Mutter gegenüber so hart zu sein. Aber in einer Klinik war Susanne nun mal am besten aufgehoben.

2. KAPITEL

Charlotte hatte Cosima abends in der Wäschekammer aufgesucht, um sie zu fragen, ob sie etwas für ihren Geburtstag plante – der ja auf denselben Tag fiel wie Charlottes.

„Möchten Sie eine Feier machen?“ Frau Zastrow schüttelte den Kopf.

„Nein. Und Sie?“

„Eigentlich schon“, gab Charlotte zögernd zur Antwort. „Und ich würde mich sehr freuen, wenn Sie auch kommen.“

„Das ist lieb, aber mir ist im Moment nicht nach Feiern. Markus’Todestag war gerade erst.“ Charlotte nickte betroffen. „Seitdem er … nicht mehr da ist, habe ich meinen Geburtstag nicht mehr gefeiert“, fuhr Cosima fort.

„Diese Frau ist die Unverschämtheit in Person!“, empörte sie sich kurz darauf ihrem Sohn gegenüber. „Ich hätte erwartet, sie bietet an, eine große Feier für mich zu organisieren. Und stattdessen lädt sie mich nur zu ihrem Geburtstag ein.“ Sie dachte gar nicht daran, als kleine Nebenfigur auf Charlotte Saalfelds rauschendem Fest aufzutauchen. „Ich habe all die Jahre in armen Verhältnissen gelebt“, keifte sie. „Ganz im Gegensatz zu der feinen Charlotte! Und was ist der Dank? Ein Job als Dienstmädchen!“

Charlotte erklärte ihrem Exmann zur gleichen Zeit, dass sie es sich nun doch anders überlegt hatte: Sie wollte keine große Geburtstagsfeier. Das wäre ein Affront gegenüber Cosima. Und das wollte sie um jeden Preis vermeiden.

„Willst du etwa so tun, als wärst du nie geboren?“, ereiferte sich Werner. „Nur, damit deine feine neue Freundin zufrieden ist?“

„Nein, aber ich kann etwas diskreter sein“, fand Charlotte. „Im Gegensatz zu mir hat Cosima ein schweres Leben gehabt. Und daran muss ich sie nicht ausgerechnet an ihrem Geburtstag erinnern, indem ich meinen wie eine Königin feiere.“ Werner tat so, als würde er sich dem Willen seiner Exfrau fügen. Aber in Wahrheit dachte er gar nicht daran, die Vorbereitungen für das große Fest wieder rückgängig zu machen. Alfons hatte schon jede Menge organisiert: Sogar die Presse würde bei diesem Anlass dabei sein!

Charlotte gegenüber behauptete er später, er habe die große Feier auf ihren Wunsch hin wieder abgeblasen.

„Aber ich möchte dich einladen. In die Oper.“

„Wir beide? Wie früher?“ Sie lächelte. „Hast du vergessen, dass wir nicht mehr verheiratet sind?“

„Haben nur gestandene Ehepaare Zutritt im Opernhaus und Freunde nicht?“, hielt er dagegen.

„Freunde …“, wiederholte sie nachdenklich. „Sind wir das?“

„Das hoffe ich“, sagte er. „Uns verbindet immer noch viel. Die Kinder, der Fürstenhof, unsere Erinnerungen …“ Die beiden tauschten einen beinahe liebevollen Blick. Und Charlotte ließ sich auf seine vermeintliche Einladung ein.

Die erneute Begegnung mit Susanne Bruckner hatte Lukas keine Ruhe gelassen. Und so fragte er am nächsten Morgen Dr. Michael Niederbühl, ob der ihm ein wenig über bipolare Störungen erzählen könne. Das war nicht gerade Michaels Spezialgebiet.

„Es gibt viele verschiedene Varianten“, begann er. „Das Hauptproblem ist, dass die Patienten in ihren manischen Phasen ihr soziales Umfeld zerstören. In der darauf folgenden Depression wird das dann bedauert. Ein richtiger Teufelskreis.“

„Also brauchen diese Menschen ein stabiles soziales Umfeld“, stellte Lukas nachdenklich fest. „Und eine feste Struktur.“ Der Arzt nickte.

Spontan bot Lukas Susanne Bruckner einen Job in der Hotelwäscherei an. Seine Mutter war zwar alles andere als begeistert von der neuen Angestellten, die ihr Sohn da anschleppte, aber Lukas war entschlossen: Er wollte Susanne helfen. Und Annika auch.

„Sie wird Ihnen vor Dankbarkeit um den Hals fallen, wenn sie davon erfährt!“, jubelte Susanne, die es kaum erwarten konnte, an die Arbeit zu gehen.

„Dein Lukas ist wirklich ein Prachtkerl! Du hast mir nie erzählt, wie reizend er ist. Du musst ihn unbedingt mal zum Essen einladen.“ Annika hatte keine Ahnung, wovon ihre Mutter sprach. Außerdem mussten sie los, ins Krankenhaus. „Also zuerst dachte ich ja auch, ich muss wieder in die Klinik“, sprudelte Susanne heraus. „Aber dann habe ich erfahren, dass hier am Fürstenhof dringend jemand für die Wäscherei gesucht wird. Das ist eine wichtige Arbeit!“ Annika verdrehte die Augen – worauf wollte ihre Mutter hinaus? „Und dann kam dein Lukas zu mir. Er findet, dass ich die Richtige bin für diese Stelle, und hat mich gefragt, ob ich Lust darauf habe.“

„Er hat dir einen Job gegeben?!“ Annika stand das Entsetzen ins Gesicht geschrieben.

„Toll, oder?!“ Susanne strahlte sie an.

„Was hast du dir dabei gedacht?!“ Außer sich vor Zorn hatte sich Annika vor Lukas aufgebaut. „Meine Mutter ist manisch-depressiv! Das ist nichts, was man mit ein bisschen Wäschewaschen heilen kann!“

„Das ist mir klar“, erwiderte er ruhig. „Aber vielleicht hilft es ja trotzdem ein wenig.“

„Soll ich dir verraten, was meiner Mutter geholfen hätte?“, giftete sie. „Wenn wir mit ihr in eine Klinik gefahren wären. So, wie wir es besprochen hatten. Zu richtigen Experten, die genau wissen, was man für sie tun kann. Aber diese Hilfe wird sie jetzt nicht bekommen.“ Annikas Stimme wurde ätzend. „Vielen Dank, Lukas. Und das sage ich dir: Wenn Mama jetzt in eine Depression fällt und sich wieder etwas antut, dann bist du schuld. Du allein.“ Entgeistert verzog er das Gesicht.

„Du glaubst, sie ist selbstmordgefährdet?“, fragte er.

„Meinst du etwa, ich will sie zum Spaß in die Klinik stecken?“, schnaubte Annika. „Endlich hatte ich sie so weit, und dann kommst du und machst alles kaputt.“

„Ob sie in der Klapsmühle wieder gesund wird, bezweifele ich.“ Annika fand es sehr ignorant, eine psychiatrische Klinik abfällig als „Klapsmühle“ zu bezeichnen. Aber Lukas hielt dagegen, sie solle ihrer Mutter lieber helfen, als sie wegzusperren.

„Ich habe doch alles probiert.“ Annikas Stimme wurde traurig. „Aber ich war machtlos. Unsere Familie ist den Bach runtergegangen.“ Zweimal hatte ihre Mutter versucht, sich das Leben zu nehmen. „Sie muss in die Klinik!“

„Es gibt auch ambulante Hilfen“, argumentierte er. „Und ich denke, das Wichtigste für sie ist ihre Familie, bist du. Ist dir eigentlich klar, wie sehr deine Mutter dich liebt?“

Kurz darauf beobachtete Annika Susanne gerührt, wie sie summend die Wäsche des Fürstenhofs erledigte. Sie schien es wirklich ernst zu meinen mit diesem Job. Trotzdem war Annika noch immer in Sorge. Aber auch Susanne machte sich Gedanken über ihre Tochter.

„Für dich gibt es nur eins: die ganz große Liebe!“, stellte sie fest. „Und wenn du die nicht triffst, stirbst du lieber als alte Jungfer. Du nimmst das Leben zu schwer. Du genießt nicht, was es zu geben hat. Dieser Lukas ist doch ein Schnuckel. Warum klappt es nicht mit euch?“

„Ich will nicht darüber reden“, wehrte Annika ab.

„Wie immer. Du weichst aus, du verdrängst …“ Als ob ihre Mutter anders wäre, hielt Annika ihr vor.

„Warum nimmst du deine Tabletten nicht mehr?“ Darüber wollte Susanne nicht sprechen. Aber Annika ließ nicht locker. „Irgendwann kommt der Absturz“, fürchtete sie. „Ich will nicht wieder ständig Angst um dich haben. Bitte.“

„Wenn ich das Teufelszeug nehme, fühle ich mich wie tot“, erklärte ihre Mutter da leise und unglücklich. „Es geht mir gut. Lass mir noch ein bisschen Zeit. Lass mich noch ein bisschen leben, bevor …“ Sie brachte den Satz nicht zu Ende. Aber Annika verstand auch so, was Susanne hatte sagen wollen. Und sie verstand, was ihre Mutter sich wünschte: einfach nur ein wenig Zeit für ein normales Leben.

Nach dieser Unterhaltung machte Annika einen kleinen Spaziergang über die Almwiese. Sie wollte ein bisschen nachdenken. Wie friedlich es hier war. Sie wünschte, sie wäre hier geboren. Vielleicht wäre ihre Mutter hier nie krank geworden. Am Ende hatte Lukas recht, und Susanne fand durch die Arbeit und die schöne Natur zur Ruhe. Das wäre so fantastisch … Auch wenn es nicht realistisch war. Lukas … Ihre Mutter war völlig hin und weg von ihm. Sie war richtig besessen von der Idee, dass Annika und er zusammengehörten. Und süß war er ja wirklich. Aber was Beziehungen anging …

Hendrik wusste noch nichts vom neuesten Stand der Dinge und ging davon aus, dass seine Schwester Susanne gerade ins Krankenhaus brachte. Deshalb verabredete er sich für den Abend mit Marie. Sie sollte ihn nach ihrer Schicht zu Hause abholen. Dann wollten sie gemeinsam nach München fahren.

„Ich hoffe, du bist nicht sauer, weil ich gestern mit deinem Vater aus war?“ Fanny hatte Simon auf dem Tennisplatz getroffen.

„Du kannst ausgehen, mit wem du willst“, meinte Simon nur und schlug einen weiteren Ball übers Netz.

„Ich glaube, André war am Ende ein bisschen böse auf mich“, sagte sie leise. „Ich glaube, er dachte, nach dem Kino würde noch etwas laufen – zwischen uns, meine ich.“

„Und? Ist was gelaufen?“, fragte Simon, während er seinen Blick fest auf die Ballmaschine gerichtet hielt.

„Natürlich nicht!“, entrüstete sie sich.

„Ist mir sowieso egal“, erklärte er. „Macht, was ihr wollt.“

„Kannst du nicht mal einen Augenblick aufhören zu spielen?“ Mit einer Fernbedienung stellte Simon die Ballmaschine aus. „Empfindest du denn gar nichts mehr für mich?“

„Was soll ich sagen?“ Er zuckte die Schultern. „Ich finde eben, du und mein Vater, ihr passt besser zusammen als wir beide.“

„Das finde ich überhaupt nicht“, protestierte sie. „Und falls du es noch nicht gemerkt hast: Ich weiß es jetzt. Ich liebe nur dich.“ Nun war es heraus. Und Simon konnte sie nur überrascht anstarren.

Er war dann einfach davongestapft. Fanny lief ihm nach, auch wenn sie kaum mit ihm Schritt halten konnte.

„Nun bleib doch endlich mal stehen!“ Inzwischen waren sie auf einem Waldweg angekommen. „Wieso weichst du mir ständig aus? Das ist total unfair!“

„Weißt du, was ich total unfair finde?!“, fauchte Simon sie an. Immerhin war er stehen geblieben. „Dieses ganze Hin und Her von dir. Zuerst sind wir ein Paar, dann machst du Schluss. Und jetzt kommst du angelaufen und sagst, ups, ich hab’s mir wieder anders überlegt.“ Er hatte einfach genug von Frauen, die nicht wussten, was sie wollten.

„Aber ich will dich!“, beschwor sie ihn. „Ich liebe dich! Und was ist mit den wundervollen Nächten, die wir zusammen verbracht haben? Kannst du dich denn an gar nichts mehr erinnern?“ Er schwieg. Und sie näherte sich ihm. Streichelte sein Gesicht, nestelte an seinem T-Shirt. „Jetzt tu bitte nicht so, als wenn du alles Schöne vergessen hast, was zwischen uns war …“

Er zögerte, doch dann konnte er Fanny beim besten Willen nicht mehr widerstehen. Sie seufzte glücklich, als er sie an sich zog und leidenschaftlich küsste. Eng umschlungen sanken die beiden zu Boden. Da knackte ein Ast. Erschrocken fuhren sie hoch. Und standen Auge in Auge mit André, der gerade einen kleinen Spaziergang hatte machen wollen.

Fanny rannte ihm hinterher, bis in die Küche.

„André, es tut mir leid“, entschuldigte sie sich zerknirscht. „Ich hätte dir sagen sollen, dass ich mich für Simon entschieden habe.“

„Treibst du es gern in aller Öffentlichkeit?“, knurrte der Küchenchef nur. Am liebsten hätte er sie auf der Stelle rausgeworfen.

Simon fand die Sache hingegen eher amüsant. Seinem Vater geschah es nur recht, einmal einen Denkzettel zu bekommen. So selbstgefällig, wie der sich wegen Fanny aufgeführt hatte …

Auch Marie musste kichern, als sie von Fanny erfuhr, was sich im Wald abgespielt hatte.

„Meine Beziehungsprobleme sind nicht zum Lachen, die sind zum Heulen, verdammt noch mal!“, ereiferte sich Fanny. Sie traute sich kaum noch in die Küche. Und Simon wollte sie auch nicht sehen. „Ich kann hier nicht mehr arbeiten“, stellte sie unglücklich fest.

„Willst du etwa kündigen?“, staunte Marie.

„Ich muss“, stöhnte Fanny. „Oder ich sterbe.“

„Jetzt reg dich ab“, mahnte ihre Freundin. „Wo willst du denn hin?“ In den Alten Wirt konnte Fanny auf gar keinen Fall zurück.

„Am besten, ich ziehe nach München“, überlegte sie. „Oder nach Hamburg. Oder noch besser: Ich wandere aus.“

„Übertreib nicht“, erwiderte Marie grinsend. „Das mit dem Abstand geht auch einfacher. Emma ist doch weg. Wir brauchen ein neues Zimmermädchen. Frag mal unsere neue Hausdame.“

„Den ollen Drachen?“ Fanny war sichtlich skeptisch. „Die ist doch so unsympathisch wie nur irgendwas.“

3. KAPITEL

Ben hatte beschlossen, Rosalie mit seinem Verdacht zu konfrontieren, und stellte sie jetzt im Fitnessraum zur Rede.

„Darf ich mal ganz höflich fragen, woher du die Kohle hast, mit der du Teilhaberin des Fürstenhofs geworden bist?“, begann er. Sie musterte ihn abfällig. „Zwanzig Prozent des Hotels – die haben doch locker zwei Millionen gekostet“, insistierte er weiter. „Hast du das Geld auf der Straße gefunden oder unterm Bett? Oder vielleicht ganz zufällig im Wald?“

„Was soll das?“, entgegnete Rosalie spitz.

„Das weißt du ganz genau.“ Er durchbohrte sie mit seinem Blick.

„Das Geld stammt aus einer Erbschaft“, log sie. „Von meiner Tante.“

„Na toll“, meinte er sarkastisch. „Dann rufe ich gleich Emma an und gratuliere ihr.“ Schließlich müsste Emma als Rosalies Schwester dann auch geerbt haben.

„Das Geld kommt von einer Tante väterlicherseits“, behauptete Rosalie jetzt. „Und da wir verschiedene Väter haben, hat Emma damit nichts zu tun. Sonst noch Fragen?“

„Eine Menge!“, knurrte er.

„Gib dir keine Mühe“, säuselte sie. „Es ist so, wie ich es sage.“ Ben war sich jetzt ganz sicher: Rosalie log wie gedruckt. Irgendwie musste sie das Geld gefunden haben, das er damals im Wald vergraben hatte …

Werner legte Lukas heute die Expertise vor, für die er dem Präsidenten des Golfverbandes angeblich das Honorar gezahlt hatte.

„Diesen Aufwand hätten Sie sich sparen können“, bemerkte Lukas trocken. „Offensichtlich handelt es sich um eine Bestechung. Aber ich hatte nie die Absicht, diesen Sachverhalt gegen Sie zu verwenden.“ Werner musterte ihn skeptisch. „Sie sollten mir vertrauen“, fügte der neue Geschäftsführer hinzu. „Je eher Sie begreifen, dass ich nicht Ihr Feind bin, desto besser unsere Zusammenarbeit. Meinen Sie nicht auch?“

„Bevor ich jemandem Vertrauen schenke, überzeuge ich mich zunächst davon, ob er es verdient“, erwiderte der Senior. Das konnte Lukas natürlich verstehen.

Kurz darauf kam Ben zu Werner ins Büro und erzählte ihm, was er glaubte: „Sie wissen, dass man mir das Geld von der Versicherung gestohlen hat, die zwei Millionen. Und ich bin sicher, das war Rosalie.“ Emmas Schwester hatte ihn mal an der Stelle im Wald getroffen, wo das Geld vergraben gewesen war.

„Das darf doch nicht wahr sein!“

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