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Ein falscher Traum von Liebe

Über die Autorin

Christine Birkhoff hat ihre ersten Lebensjahre im Waisenhaus, die frühe Kindheit bei ihrer Großmutter verbracht. Sie lebte dann bei ihrer Mutter und ihrem leiblichen Vater, später beim Stiefvater. Nach mehreren Jahren, die sie aus beruflichen Gründen im Ausland verbrachte, ließ sie sich zur Polizistin ausbilden und arbeitet auch heute noch in diesem Beruf. Sie lebt mit ihrem Mann und der gemeinsamen Tochter in Dortmund. Das Verfahren gegen ihren Stiefvater wurde aus formalen Gründen eingestellt.

Christine Birkhoff

Ein falscher Traum
von Liebe

Der lange Weg aus der Hölle
meiner Kindheit

INHALT

  1. Kapitel 1: Kindheit
  2. Kapitel 2: Jürgen und Margot
  3. Kapitel 3: Angst und Hoffnung
  4. Kapitel 4: »Eine für alles«
  5. Kapitel 5: Die Schlinge zieht sich zu
  6. Kapitel 6: Ein Leopardenbett im Mädchenzimmer
  7. Kapitel 7: Bulimie und Todeswunsch
  8. Kapitel 8: Flucht und Freiheit
  9. Kapitel 9: Alfons
  10. Kapitel 10: Althoff
  11. Kapitel 11: Aufwachen … und ein neues Leben
  12. Kapitel 12: Ende vom Anfang
  13. Kapitel 13: Helfen statt hilflos
  14. Anhang: Rückblicke meiner Freundinnen
  15. Nachwort

KAPITEL 1
Kindheit

Meine Mutter war gerade achtzehn Jahre alt geworden, als sie erfuhr, dass sie schwanger war. Ihre »Geburtstagsfeier« war somit ein echter Volltreffer. Bei Bekanntwerden ihrer Schwangerschaft wurde sie aus dem erzkatholischen Elternhaus geworfen, des Mädchengymnasiums verwiesen, und schließlich landete sie in einem Mutter-Kind-Heim im Sauerland. Im Kloster der Barmherzigen Schwestern kam ich am einunddreißigsten Oktober 1965 zur Welt. Da ich das Produkt einer tabuisierten Beziehung meiner Mutter zu einem Araber war, landete ich unmittelbar nach meiner Geburt im Waisenhaus und nicht sofort bei meiner Großmutter. Meine Mutter holte in diesen Jahren ihr Abitur nach und begann im Anschluss in Münster ein Lehramtsstudium. Bis zum heutigen Tag ist sie Grundschullehrerin in Westfalen.

Kurz nach meinem dritten Geburtstag erhielt meine Großmutter mütterlicherseits den Auftrag von meiner Urgroßmutter, »ins Heim zu gehen und nachzuschauen, ob man was sieht«. Als sie zurückkehrte und berichten konnte, dass der orientalische Einschlag optisch offensichtlich an mir vorbeigegangen war, durfte sie mich wenig später ins großelterliche Haus holen.

Über zwei Jahre lebte ich bei den alten Damen und glänzte durch aggressives Verhalten im Kindergarten und ständiges Bettnässen.

Ich sehe noch heute meine Großmutter tränenüberströmt im Kindergarten stehen, wenn die Erzieherinnen ihr mal wieder eines der vielen schrecklichen Vorkommnisse erzählten. Die Fassungslosigkeit und Ohnmacht in ihrem Gesichtsausdruck, der Schmerz in ihren Augen und ihre unendliche Güte haben sich für immer in mein Gedächtnis eingebrannt.

Meine Oma schmierte mir stets leckere Brote mit Leberwurst, die ich stolz in meinem knisternden Butterbrotpapier in den Kindergarten mitnahm. Es gab einen Jungen, der ganz wild auf diese Leberwurststullen war, und irgendwann hatte er unsere Brote heimlich ausgetauscht. So biss ich in großer Vorfreude auf den erwarteten Geschmack in mein Brot. Es schmeckte entsetzlich! Angeekelt spuckte ich alles wieder aus und wurde für dieses Benehmen natürlich scharf ermahnt. Wut kochte in mir hoch. Das kleine Monster war erwacht. Durch hämisches Lachen hatte sich der Junge verraten.

»Was ist das auf dem Brot?«, schrie ich ihn an.

»Schmalz!«, entgegnete er und schob sich den letzten Bissen meines Leberwurstbrotes in den Mund.

Ich bin überzeugt, dass ich keinen blassen Schimmer hatte, was genau eigentlich Schmalz ist, aber schon das Wort genügte, um meine Wut zu schüren. Ich ergriff ein Bauklötzchen und zielte damit außer mir vor Rage auf den Kopf des Jungen. Der brüllte los und blutete entsetzlich. Schon in diesem Moment bereute ich meine eigene Unberechenbarkeit, aber es war zu spät. Das übliche Desaster der wüsten, aber auch berechtigten Beschimpfungen der Kindergärtnerinnen brach über mich herein. Alle kümmerten sich um den blutenden Jungen, und ich schrumpfte innerlich zu einem Häufchen Elend zusammen. Es grenzt an ein Wunder, dass ich diesen Kindergarten bis zum letzten Tag unbeschadet besuchen konnte. Man muss damals wirklich übermenschlich viel Geduld mit mir aufgebracht haben, anders kann ich mir das nicht erklären. Erstaunt hat mich als Kind, dass ich im Kindergarten für solche Aktionen nicht geschlagen wurde. Vielleicht wurde mit mir gesprochen, oder es wurden anderweitige Sanktionen verhängt. Ich weiß es nicht mehr.

Wenn ich von meiner Großmutter spreche, dann denke ich stets an ihre schier unermessliche und unerschöpfliche Güte. Sie sprach immer leise und bedacht mit mir, und ich betete sie an. Meine Oma war mein Heiligtum (meine Uroma ein Mitläufer). Die Male, die ich nach der Schule nicht nach Hause musste, sondern von ihr abgeholt wurde, waren die Highlights im Kindesalter. Sie freute sich auf mich und zeigte diese Freude auch. Ihr war ich nicht lästig, und ich spürte mit jeder Faser meines Körpers und meines kleinen Herzens, dass ich geliebt wurde. Noch heute habe ich ein immenses Bedürfnis nach diesem Gefühl. Es ist wie ein Hunger, den man aus dem Kindesalter mit ins Erwachsenendasein hinübernimmt. Da war dieses Gefühl des Erwartetwerdens. Der Tisch war gedeckt und das Essen gekocht, und Oma gab sich wahnsinnig viel Mühe, meine Lieblingsspeisen zu kochen. Sie panierte auf einzigartige Weise Schnitzel, und ich hätte Stunden zuschauen können, wie sie die Schnitzel liebevoll in Mehlschwitze wendete, den Zwieback rieb und die Schnitzel dick damit umhüllte. In einer alten gusseisernen Pfanne wurden sie dann liebevoll gebrutzelt, und Oma gab stets Acht, dass auch nur ja nichts von der kostbaren Panade verloren ging.

Nie und nimmer hätte ich als kleines Kind daran gedacht, dass sich die Wut und Enttäuschung über mein Elternhaus ausgerechnet gegen diese einzige, mich aufrichtig liebende Person richten würden.

Ich war bereits in der Schule, als ich aus irgendeiner Situation heraus völlig ausflippte und in meinem Tobsuchtsanfall nicht mehr zu bremsen war. Ich erinnere mich nicht mehr genau an jedes Detail, weil ich mir jahrelang alle erdenkliche Mühe gegeben habe, diesen schrecklichen Tag zu vergessen. Ich schrie und tobte, und meine Großmutter wich entsetzt vor mir zurück. Sie starrte mich mit angsterfüllten Augen an und blickte direkt in den Abgrund meiner verletzten Kinderseele.

In meiner Rage riss ich die Küchenschublade auf, ergriff ein Messer und kreischte hysterisch: »Komm mir keinen Schritt näher! Sonst stech ich dich ab!«

Meine Oma wich weiter zurück und murmelte mit Tränen in den Augen: »Oh Gott, oh Gott, oh Gott!« Dann verließ sie fluchtartig die Küche.

Ich sackte in mich zusammen, ließ das Messer fallen und saß erschüttert auf dem Linoleumboden der Küche. Die Hände vors Gesicht geschlagen, erlitt ich einen Heulkrampf und brauchte über eine Stunde, um mich wieder zu erholen. Ich hatte Angst vor mir selbst bekommen. Ich fühlte mich schuldig und spürte, dass eine Grenze überschritten worden war. Es war die Grenze der Zumutbarkeit, nicht aber die Grenze der unerschütterlichen Liebe meiner Oma zu mir. Mit ihrer Liebe schürte sie mein schlechtes Gewissen. Ich stürzte in ihre tröstenden Arme und weinte, was das Zeug hielt.

Die wenigen Besuche meiner Mutter empfand ich jedes Mal als persönliche Katastrophe, waren sie doch geprägt von Hass und Lieblosigkeit mir gegenüber. Meine Mutter war wildentschlossen, meinen leiblichen Vater um jeden Preis zu heiraten und der Welt zu demonstrieren, dass alles prima gelaufen war. Diesen Mann hatte ich bereits im Alter von zwei Jahren als künftigen Schrecken meiner Kindheit kennen lernen dürfen, und ich war sicherlich nicht traurig darüber, dass ihm die Nonnen irgendwann Hausverbot erteilt hatten. Stattdessen wurde ich gelegentlich von meiner Mutter übers Wochenende »nach Hause« geholt, und ich lernte in der kleinen Einzimmerdachgeschosswohnung meines Vaters, was es heißt, ohnmächtig der Gewalt von Erwachsenen ausgesetzt zu sein. Zwei Narben in meinem Gesicht sind unauslöschliche Zeugnisse dieser Gewaltübergriffe meines leiblichen Vaters.

Seine Ausbrüche kannten an Perversität keine Grenzen: So forderte er mich beispielsweise auf, mir eine von den zu Dekorationszwecken an der Wohnzimmerwand aufgehängten Kamelpeitschen auszusuchen. Schwieg ich, ergriff er irgendeine und traktierte mich so lange, bis das Blut floss. Als Kind wusste ich, dass es zwei gute Anzeichen gab: Das erste war, wenn mein Vater seine Schuhe putzte und auf Hochglanz polierte. Innerlich atmete ich jedes Mal auf, weil ich wusste, dass dieser Tyrann nun endlich die Wohnung verlassen würde. Das zweite war der Anblick meines eigenen Blutes. Mein Vater konnte kein Blut sehen, und so fanden seine körperlichen Misshandlungen ein jähes Ende, wenn ich aus Mund oder Nase blutete oder mein Gesicht auf die Tischplatte knallte und die Haut aufriss. Das waren die guten Zeichen, denn sie bedeuteten das vorläufige Ende einer momentanen Qual.

Am Tag, als meine Mutter von ihrem ersten Lehrergehalt eine kleine Wohnung anmieten konnte, erschien sie urplötzlich im Hause meiner Großeltern, und es entbrannte ein heftiger Kampf um mich. Meine Mutter stand auf der einen Seite der Haustür, meine beiden Großmütter auf der anderen. Drei Erwachsene zerrten an meinen Armen und Beinen, und zu guter Letzt hatte meine Mutter ihr Ziel erreicht. Fortan sollte ich bei meinen Eltern leben.

Die Wohnung bot keinen Platz für ein Kinderzimmer. Offensichtlich sollte sie auch keinen Platz dafür bieten. Ein Kinderbett vor dem Gasboiler im Badezimmer war der einzige Beweis für die Existenz eines Kindes in dieser Wohnung. Der Gasboiler, so erzählten mir meine Eltern, sei in Wahrheit eine große Kamera, die alles filmen würde, was ich in Abwesenheit meiner Eltern tat. Als sie mich erstmalig im Badezimmer über Nacht einschlossen, um mit Bekannten zu feiern, war ich jünger, als meine eigene Tochter Mia heute ist. Eine Toilette gab es im Badezimmer nicht. Sie befand sich im Flur.

Eines Nachts wachte ich auf, weil ich dringend zur Toilette musste. Und unglücklicherweise musste ich »groß«. Minutenlang versuchte ich, meinen unbändiger werdenden Stuhldrang zu unterdrücken, in der panischen Hoffnung, dass sich die Tür bald wieder öffnen würde und meine Kerkermeister zurückkehrten. Es war umsonst. In meiner Verzweiflung absolvierte ich mein Geschäft in der Dusche und betete inständig, dass die Strafe milde ausfallen würde.

Das Gebrüll meiner Mutter und meines Vaters riss mich aus dem kindlichen Tiefschlaf.

»Kein normales Kind scheißt nachts!«, schrie meine Mutter wie von Sinnen, und ein höllischer Schmerz zuckte durch meine Kopfhaut. An den Haaren schleifte sie mich aus dem Bett, zerrte mich wutentbrannt zur Dusche und drosch auf mich ein. »Du Miststück! Das hast du extra gemacht! Du bist ein Ekel! Hätte ich gewusst, was aus dir geworden ist, hätte ich dich gleich nach der Geburt wieder reingeschoben!«

Die seelischen Grausamkeiten und der Ideenreichtum meiner Mutter kannten keine Grenzen. Eine bei ihr beliebte abendliche Tradition war es, mich nach dem Duschen aufzufordern, mich nackt auf den Boden des Badezimmers zu legen. Sie kniete sich vor mich hin, riss mir unsanft die dünnen Schenkelchen auseinander, roch in meine Scham und sagte dann entweder: »Zieh den Schlafanzug an!« oder »Du stinkst! Wasch dich, du Sau!« Jeden Abend musste ich diese erniedrigende Prozedur über mich ergehen lassen, und wenn ich heulte und jammerte, schlug sie mir ins Gesicht und drückte mich auf den Boden. Wann immer ich diesen alten muffigen Teppichboden unter meinem Rücken spürte, starb ein Stückchen mehr an Intimität. Mir wird schlecht, wenn ich heute daran denke. Ich habe gelernt, diese Erinnerung zu akzeptieren als ein Manifest, das mir keine Therapie der Welt nehmen kann.

An einem Wintermorgen wachte ich auf und stellte fest, dass an Aufstehen nicht zu denken war. Mir war entsetzlich heiß, und meine Glieder gehorchten mir nicht mehr. Meine Mutter verließ wie gewohnt um halb acht das Haus, um zum Unterricht in die Schule zu gehen. Mich ließ man im Badezimmer liegen, und als eine Besserung meines Zustandes am Mittag nicht festzustellen war, bequemte man sich, einen Arzt zu holen. »Ihre Tochter hat eine schwere Lungenentzündung und bedarf der absoluten Ruhe«, konstatierte er. Über eine Woche lang ließen mich meine Eltern alleine in meinem Bettchen vor dem Gasboiler liegen. Niemand war da, der mir die durchgeschwitzten Hemdchen wechselte oder mir etwas zu trinken brachte. Ich fieberte vor mich hin und wachte auf, wenn meine Mutter schimpfend irgendeine streng riechende Paste auf die kleine Brust schmierte und mit scharfem Ton fragte: »Haste Durst?«

Ach ja, der Gasboiler und die Kamera. Dieser Lüge kam ich übrigens schnell auf die Spur. Nachdem ich mich wochenlang kaum traute, auch nur in der Nase zu bohren, befahl mir eines Tages mein kleines Teufelchen in mir, mich auf einen Hocker zu stellen und Faxen zu machen. Ich steigerte mich immer mehr in dieses Spiel hinein und schnitt Grimassen, von denen ich überzeugt war, dass sie JEDEN Erwachsenen zur absoluten Weißglut bringen würden. Unverschämtheiten, quasi … Als sich nach Tagen des bangen Wartens nichts tat, wusste ich, dass meine Mutter und mein Vater meine ständigen Lügen (die gab es wirklich) mit Prügelaktionen und »Du musst jetzt hundert Mal schreiben: ICH DARF NICHT LÜGEN!« straften, es selbst aber keineswegs mit der Wahrheit so genau nahmen. Von diesem Tag an schloss ich Freundschaft mit dem Gasboiler und genoss die Stunden der Einsamkeit, in denen ich friedlich den Tanz der kleinen Flamme betrachten konnte.

Mein Leben hatte sich nach den kurzen Jahren im großelterlichen Haushalt von Grund auf geändert. Bei Oma gab es einen großen Garten, und geschimpft wurde nur, wenn es Anlass dazu gab. Ich erinnere mich an heiße Sommertage, in denen ich mit meinem roten Frotteehöschen durch den Sommerregen sprang und in geistiger Verzückung die Rufe meiner Oma überhörte. Dass diese Sommerregen zumeist eine Begleiterscheinung von Gewittern war, entzog sich meiner kindlichen Kenntnis. Die Tropfen prickelten auf meiner sonnengebräunten Haut und begannen in kleinen Pfützen auf und ab zu tanzen. Im Garten bauten die beiden alten Damen Obst an. Ich futterte mich durch Erdbeerreihen, stieg auf die Bäume, um die ersten reifen Kirschen zu pflücken, und juchzte vor Freude, wenn Oma mit dem Pflaumenkäscher bewaffnet zum Zwetschgenbaum marschierte. Ich robbte mich abwechselnd von den Stachelbeersträuchern hinüber zu den weißen Johannisbeeren, lag wenig später unter den Büschen üppiger roter Beeren und beendete meine kulinarische Obstreise mit dicken Rhabarberstangen, die ich roh aß. Ich durfte für knapp drei Jahre ein ganz normales, ständig spielendes und bewegungsfreudiges Mädchen sein.

In der Wohnung meiner Eltern war alles anders geworden. Regelmäßig musste mich meine Mutter morgens aus der Bettdecke wickeln, weil ich jede Nacht aus dem Bett fiel und dabei die Decke festhielt. Das Ergebnis war, dass ich zusammengeschnürt gleich einer Kohlroulade auf dem Boden lag und dort ausharrte, bis der Morgen graute. Nie im Leben wäre ich auf die Idee gekommen, nach meinen Eltern zu rufen. Sie zu wecken, wäre der Garant für weitere Übergriffe gewesen, und diese versuchte ich, wie besessen zu vermeiden.

Nach der Schule musste ich in der Klasse, in der meine Mutter unterrichtete, warten und mit den Hausaufgaben beginnen. An einem Tag verschwand ein Junge aus der Klasse und kam nach der üblichen »Ich-muss-mal-aufs-Klo«-Zeit nicht wieder. Meine Mutter fand ihn dann auf der Jungentoilette, wo er verzweifelt versuchte, sich mit nassem Klopapier die roten Striemen auf dem Rücken zu kühlen. Der Junge war der Sohn von Herrn Bürger, einem Lehrerkollegen meiner Mutter. Es gab ein Riesentheater, die restlichen Schüler wurden vorzeitig nach Hause geschickt, und meine Mutter kümmerte sich um den armen Jungen. Vor der Schuldirektorin wetterte sie über ihren Kollegen und verlangte, dass dieser zur Rechenschaft gezogen werden müsse. Was auch immer anschließend besprochen wurde: Tatsache war, dass meine Mutter als zuständige Klassenlehrerin die Aufgabe übernahm, täglich den Rücken des Kindes zu begutachten, um sicherzustellen, dass sich ihr Lehrerkollege an seine Besserungsbeteuerungen auch wirklich hielt.

Als ihre Tochter, der sie täglich die Genitalien begutachtete und während der Prügelaktionen meines Vaters stets so tat, als wäre sie gar nicht anwesend, befremdete mich ihr grandioser Auftritt. Mehr noch, es widerte mich an, und ich beschloss in meiner kindlichen Logik, den kleinen Bürger-Sohn blöd zu finden. Er genoss den Schutz meiner Mutter, den sie mir versagte.

Meine eigene Klassenlehrerin mochte ich eigentlich sehr gern. Sie war eine ältere, etwas korpulente Kollegin und verzweifelte an meinem Ungehorsam. Wann immer sich die Gelegenheit bot, störte ich als selbstberufener Klassenclown den Unterricht. Der Unterricht langweilte mich enorm, da ich noch vor meiner Einschulung mit fünf Jahren lesen und schreiben konnte. Ein nicht aus dem Mund entfernter Kaugummi, der, immer wieder aufs Neue unter die Tischplatte geklebt, überlebte, ließ das Fass schließlich überlaufen. Frau Schliemann packte mich am Arm, schleifte mich in die kleine Pausenhalle und versohlte mir vor versammelter Mannschaft den Hintern. So richtig verstanden habe ich das damals nicht. Ich selbst empfand mich schließlich nicht als so schlimm. Als Frau Schliemann dann nach Unterrichtsschluss meiner Mutter ihr Leid über meinen Ungehorsam klagte, hatte sie für die restlichen drei Schuljahre bei mir verschissen. Ich empfand sie als Denunziantin, der es offensichtlich Spaß machte, Öl ins Feuer zu gießen. Sie musste doch wissen, was mich zu Hause erwarten würde!

Meine Mutter ergriff meinen Arm und zerrte mich nach Hause. Sie drohte: »Du weißt ja, was auf dich zukommt, wenn ich das deinem Vater erzähle!«

Ja, ich wusste es, und ich spürte, dass sie gar nicht darauf aus war, mich vor seinen Übergriffen zu schützen, sondern lieber ihre eigene Tochter opferte, in der Hoffnung, dass nach diesen Prügelattacken ihre eigene Haut sicherer war angesichts der an mir ausgelebten Aggressionen. Mein Vater schlug denn auch, was das Zeug hielt. Immer wieder sausten seine Fäuste auf mich herab, und wenn ich schrie, schlug er noch fester zu, damit ich aufhören sollte zu schreien. Und dann endlich kam wieder das eine von den beiden guten Zeichen. Erleichtert stellte ich fest, dass ich mich bei seinem letzten Schlag nicht mehr auf den Beinen halten konnte. Ich spürte, wie ich das Gleichgewicht verlor, der Boden unter meinen Füßen schwand und wie ich kopfüber in Richtung Küchentischplatte fiel. Mit einem Krachen landete meine linke Augenbraue auf der Tischkante, die Haut platzte auf, und das Blut schoss über den Tisch, über den Boden und über mein Gesicht.

Ich hatte endlich Ruhe. Es war wieder einmal vorbei. Wir fuhren ins Krankenhaus. Meine Mutter brachte mich zum wiederholten Male in die chirurgische Ambulanz. Ich hörte sie reden: »… ein unmögliches Kind … ständig verletzt … hört ja einfach nicht … das hat sie nun davon … bin es leid … zum Kotzen … jaja … muss sie nun mal durch … wer nicht hören will, muss fühlen … « Ich kochte vor Wut und schaute ihr direkt in die Augen. Diesem Blick aus sechsjährigen misshandelten Kinderaugen konnte sie nicht standhalten. Sie verließ den OP-Raum, und der Arzt und die Schwester fassten mich grob an. »Nein, nein! Du bekommst keine Narkose, das machen wir schön so, ohne Betäubung. Wenn ich das genäht habe, wirst du wohl nächstes Mal besser auf deine Mutter hören, stimmt’s?«

Jeden einzelnen Stich spürte ich. Der größte und schmerzlichste Stich bohrte sich in meine Seele. Sie lügt doch! Warum glauben die Erwachsenen immer alles, was ihnen Erwachsene erzählen? Warum fragt mich denn keiner? Warum bestraft mich dieser Arzt zusätzlich für die Schläge meines Vaters? Sie alle sind Verräter! Sie sind Verräter an kleinen Kinderseelen …

Im dritten Schuljahr beschloss ich, mit Martina wegzulaufen. Martina fand es zu Hause auch blöd, und ganz in der Nähe ihrer elterlichen Wohnung war eine kleine Koppel, auf der zwei Ponys standen. Wir wollten uns auf diese Ponys setzen und einfach davonreiten. Schlafen würden wir in Scheunen und uns dicht an die Ponys kuscheln. Dann würden alle sehen, was sie davon hätten. Nach der Schule ging ich also nicht in die Klasse meiner Mutter, sondern stiefelte mit Martina in Richtung Ponykoppel. Es war ein gewagtes Unternehmen, und schon allein die Tatsache, dass ich nicht in der Klasse meiner Mutter erschien, bedeutete die sichere Todesstrafe für mich. An Umkehren war also gar nicht mehr zu denken. An der Wiese angekommen, streichelten wir die Ponys, die nichts anderes im Sinn hatten, als nach Leckerlis zu betteln. Als die Tiere dann merkten, dass wir gar keine Leckereien dabeihatten, bissen und schnappten sie nach uns.

»Ich geh dann jetzt lieber nach Hause«, sagte Martina.

»Und unser Plan?«, entgegnete ich entgeistert. »Wir wollten doch abhauen?«

»Och nö, lass mal«, sagte Martina, »meine Mutter wartet bestimmt schon mit dem Essen auf mich. Tschüss, bis morgen«, und Martina war weg.

Ich stand neben diesen bissigen blöden Ponys, und in meinem Kopf spielten sich grauenhafte Szenen ab. Auf die Idee, zu meiner Oma zu gehen, kam ich gar nicht. Ich trottete mit hängendem Kopf zurück in die Schule und stellte mit Schrecken fest, dass die letzte Unterrichtsstunde schon beendet war und meine Mutter vor der Schule stand. Ich konnte nicht anders, ich musste bitterlich weinen. Einen schönen Mist hatte ich mir da eingebrockt. Heulend beichtete ich, dass ich mit den Ponys und Martina abhauen wollte, aber dass alles nicht geklappt hätte. Meine Mutter verpasste mir eine Ohrfeige, bei der ich das Gefühl hatte, ihre Hand käme an der gegenüberliegenden Seite meines Gesichtes wieder heraus. Sie sprach kein einziges Wort mit mir.

Zu Hause berichtete sie meinem Vater brühwarm von meinem Vorhaben abzuhauen. Er legte mich übers Knie und zimmerte wie wild auf meinem Hintern herum. Es hörte und hörte nicht auf. Einsperren müsse man mich. Ich sei ein undankbares Kind und er würde mich totschlagen, so schrie er. Ich riss mich los und rannte ins Badezimmer. Mein Vater rannte hinter mir her, und ich war mir sicher, dass ich diesen Übergriff nicht überleben würde, wenn nicht ein Wunder geschähe. Es geschah kein Wunder, aber das sichere Zeichen des Endes war nicht mehr allzu weit. Ein heftiger Schlag mit seiner Faust gegen meinen Hinterkopf traf mich und schleuderte meinen Kopf in Richtung Bett. Wieder hörte ich das bekannte Krachen und Knirschen, als meine Nasenwurzel auf die Kante krachte. Da war es! Blut! Es hörte auf. Und wieder fuhren wir zum Krankenhaus, und wieder nähte der Arzt die klaffende Wunde ohne Narkose. Ich hatte mit noch nicht einmal acht Jahren mit meinem kleinen Leben abgeschlossen.

Nach der Schule durfte ich die Wohnung grundsätzlich nicht mehr verlassen. Ich saß dann immer auf meiner kleinen Eckbank in der Küche, starrte durch das Fenster in den Hinterhof des Hauses und sah auf dem Nachbargrundstück die Kinder spielen. Ich fühlte mich entsetzlich einsam und meiner Freiheit beraubt. Meine Mutter hatte gelogen. Wir waren keine Familie. Nichts war gut.

Das Radio dudelte den ganzen Nachmittag. An das klingende Geräusch vor der Sendung Zeitzeichen werde ich mein ganzes Leben lang denken. Ich zucke noch heute zusammen, wenn ich die Einleitungsmelodie dieser Radiosendung höre. Das sind die Momente, in denen ich völlig losgelöst von meiner Willensbeeinflussung durch einen Zeittunnel zurückrase in die Finsternis meiner Kindheit. Es sind die Momente, in denen ich als erwachsene Frau plötzlich geistesabwesend wirke, weil ich eigentlich gerade wieder an diesem Küchentisch sitze und sechs Jahre alt bin.

Meine Zeit vertrieb ich mir mit Laubsägearbeiten und Lesen. Ich habe alles gelesen, was mir in die Finger kam. Die Bücher von WAS IST WAS haben mir dabei das Leben gerettet. Ich konnte eintauchen in die Welt der Dinosaurier, erlebte die Entstehung der Welt, reiste in das unendliche Universum und kannte sämtliche Hunderassen von A-Z. Damals war es schick, Mitglied im Bertelsmann Club zu sein, und mein Vater schaffte ständig neue Bücher herbei. Wenn es darum ging, mich ruhigzustellen, waren meine Eltern äußerst engagiert. War mir mal wieder ein Sägeblatt durchgeknallt, so brauchte ich nicht lange zu fragen, und es gab Nachschub. Das Wohnzimmer war tabu für mich. Wollte ich zur Toilette gehen, so hatte ich meinen Vater um Erlaubnis zu bitten. Es gab Tage, an denen er schlecht gelaunt war. An diesen Tagen bereitete es ihm ein ungeheuerliches Vergnügen, mir den Toilettengang zu verbieten, und er wartete nur darauf, dass mein Geschäft in die Hose ging. Diese Freude habe ich ihm jedoch nie bereiten können. Auch heute noch bin ich ein Meister im Einhaltenkönnen.

Als ich sieben Jahre alt war, traktierte mich mein Vater urplötzlich mit Vorhaltungen über mein Essverhalten. Rückblickend betrachtet war das, was ich aß, völlig normal. Ich hatte ein Faible für Fleisch entwickelt und mochte das Obst bei meinen Eltern nur dann nicht, wenn es schon vor sich hin schrumpelte. Eine alte Banane, die schon gänzlich schwarz gefärbt war, motivierte meinen Vater urplötzlich, mir einen Vortrag zu halten. »Du bist ein Mensch«, so konstatierte er, »der später einmal alle Menschen um sich herum verhungern lassen wird. Du wirst über Leichen gehen und niemandem etwas abgeben. Schau dir diese Banane an. Nur, weil sie schon ein bisschen schwarz ist, kann man sie trotzdem essen. Du wirst jetzt diese Banane essen!« Er schälte diese abfallreife Banane, brach ein Stückchen ab und hielt es mir direkt vor den Mund. »Iss jetzt sofort diese Banane!«, schnauzte er mich an. Als ich genauer hinschaute, sah ich voller Entsetzen kleine Würmer auf dem Fruchtfleisch krabbeln. Mir wurde speiübel, und ich begann zu würgen. Nie und nimmer würde ich dieses Gewimmel essen, eher ließe ich mich totschlagen. Ein plötzlicher Schlag ins Gesicht zeigte mir eindringlich, dass mein Vater mal wieder auf Frustablassen aus war. Ich presste die Lippen aufeinander und sagte kein Wort. Aus dieser Nummer kam ich sicherlich nicht unbeschadet heraus. Als es unvermittelt an der Tür klopfte und ich zeitgleich das Geld auf dem Küchentisch für die Monatsmiete liegen sah, zählte ich eins und eins zusammen. Das musste unser Vermieter sein, der über uns wohnte und die Miete kassieren wollte.

»Ja! Moment!«, rief mein Vater und starrte mich hasserfüllt an. Er stopfte sich das Stückchen Banane in den Mund, schmiss den Rest in den Abfalleimer und öffnete dem Vermieter die Tür. Mit ungläubigen Augen starrte ich auf meinen schmatzenden Vater, der, während er dem Vermieter das Geld aushändigte, den letzten Bissen herunterschluckte. Wochenlang habe ich darauf gewartet, dass die Maden aus seinen Augen, Ohren oder seiner Nase krabbeln würden. Leider umsonst … Diesem alten Kauz von Vermieter war ich ab diesem Tag in ewiger Dankbarkeit verbunden …

Es erstaunt mich immer wieder, dass niemand im Umfeld misstrauisch wurde angesichts meiner vielen Verletzungen. Es erstaunt mich, obwohl ich immer wieder in meinem Polizeialltag mit jedweder Form der Ignoranz konfrontiert werde und daher gar nicht mehr zu staunen bräuchte. Insbesondere bei Kindesmisshandlung und noch deutlicher bei den Verdachtsmomenten des Kindesmissbrauchs stelle ich fest, dass alle Menschen denken, solche Sachen würden immer nur »woanders« passieren. Selbst der beste Freundes– und Bekanntenkreis beruhigt sich lieber immer wieder selber, als die Augen zu öffnen und eine solche Wahrheit zu akzeptieren. Auf keiner Stirn steht geschrieben »Kinderschläger«. In keinem Gesicht der Welt erkennen wir den »Kinderschänder«. Sie alle können noch so nett, noch so engagiert, noch so »liebevoll« sein … Das unvorstellbare Leid der Kinder spiegelt sich ausschließlich im Verhalten der kleinen Opfer wider. Und dennoch werden die Eltern dieser Kinder immer begutachtet unter der Prämisse, ob man sich bei »denen« eine solche Tat vorstellen könnte. Ein fataler Irrtum! Und es sind auch nicht immer DIE Kinder, die introvertiert und verschlossen wirken. Und es sind auch nicht immer DIE Kinder, die phallusartige Gebilde malen. Im Leben nicht wäre ich später mit vierzehn Jahren auf die Idee gekommen, kleine Pimmelchen zu malen, weil ich missbraucht wurde.

Im dritten Schuljahr erhielt ich oft den Auftrag, irgendwelche allgemein gültigen Meldungen durch alle Klassen der Grundschule zu tragen. Ich bekam dann einen Zettel in die Hand gedrückt und startete mit meinem Umlauf. Wie Speedy Gonzales spurtete ich durch die Gänge und Flure, stets bemüht, durch die Geschwindigkeit meiner Erledigungen positiv aufzufallen. Obgleich ich der Störenfried der Klasse war, galt ich doch als extrem zuverlässig, wenn es um das Übertragen von Aufgaben ging. An einem dieser Tage fiel mir auf, dass je schneller ich ging, desto schneller flitzten die Bodenfliesen unter meinen Füßen hinweg. Steigerte ich die Geschwindigkeit, so hatte ich das Gefühl, auf einem Laufband zu stehen. Nicht meine Füße flitzten, sondern der Boden … Im vollen Tempo hatte ich auf einmal das Gefühl für meine örtliche Position verloren. War ich an der 4c schon vorbei, oder kam diese Klassentür noch? Wohl oder übel musste ich mich von den Bodenfliesen trennen und schaute auf. RUMS machte es, und ich torkelte benommen zurück. Ich begriff, dass ich nicht in Höhe der 4c gewesen war, sondern exakt in Höhe der Garderobe. Leider hatte ein Kind vergessen, die Garderobentür zu schließen, und ich war volle Granate vor diese Tür gedonnert. Fontänenartig schoss das Blut in kurzen pulsierenden Abständen aus meiner Nase. In Ordnung war das nicht, das war mir schnell klar. Ich ging vorsichtig vom zweiten Stock durch den Flur zum Treppenhaus und stieg die Stufen zum ersten Stock und anschließend zum Erdgeschoss hinunter. Hinter mir sah es aus, als hätte man ein abgestochenes Schwein durch die Gänge getragen. Die vielleicht fünfundzwanzig Sekunden, die bis zum Öffnen der Hausmeistertür vergingen, reichten völlig aus, um mich in einer Blutlache stehen zu lassen. Als mich der Hausmeister sah, kollabierte er fast. Der Notarzt und RTW wurden alarmiert, und nichts half in der Zeit des Wartens. Die Blutungen waren nicht zu stoppen.

Ich hatte mir das Nasenbein glatt durchgebrochen, und die Region um beide Augen verfärbte sich zusehends. Nach zwei Tagen sah ich aus wie das Phantom der Oper in einer Negativaufnahme. Schwarze, breite Ringe zeichneten sich um beide Augen und Nase, und ich schwoll ballonartig an. Nie wieder habe ich erlebt, dass meine Eltern so eindringlich von Bekannten und Freunden gefragt wurden, was denn um Himmels willen mit mir passiert sei! Das Misstrauen war förmlich zu spüren, und ich feixte innerlich! Dieses eine Mal hatten sie nun wirklich alle zu Unrecht meine Eltern in Verdacht, und obwohl sie nichts, aber auch wirklich gar nichts dafür konnten, weil es tatsächlich ein Unfall war, so freute ich mich doch unbändig über diese Unannehmlichkeiten. Lieber einmal zum falschen Zeitpunkt als keinmal. Genau das habe ich mit meinen sieben Jahren gedacht. Unter diesem Verdacht ließen mich meine Eltern tatsächlich für über einen Monat in Ruhe, denn Gott sei Dank brauchte der Verlauf aller Farbspektren viele Wochen, um gänzlich abzuklingen. Dieses Erlebnis gefiel mir außerordentlich!

KAPITEL 2
Jürgen und Margot

Im Bekanntenkreis meiner Eltern gab es ein Ehepaar, Jürgen und Margot. Jürgen war selbstständiger Unternehmer und besaß eine Firma, die Transformatoren und Batterieladegeräte produzierte. Margot war Mutter und Hausfrau, und dieser Umstand allein veranlasste meine Mutter zu ständigen Hetzereien. Meine Mutter war der Auffassung, dass Nurhausfrauen allesamt faule und geldgeile Weiber seien, die den ganzen Tag nichts anderes täten, als sich die Fingernägel zu polieren. Und Margot? Ja DIE hatte es natürlich NUR auf Jürgens Geld abgesehen, war ohnehin strohdoof und wäre ohne diesen fantastischen Mann niemals auf einen grünen Zweig gekommen. Dass Jürgen und Margot zwei Söhne hatten, die Margot zu erziehen hatte, und dass Margot sich ausschließlich allein um den großen Haushalt kümmerte, waren Gegebenheiten, die meine Mutter verächtlich zur Seite schob.

Jürgen und Margot gehörten zur wohlhabenden Bürgerschaft unserer Kleinstadt. Sie besaßen eine Eigentumswohnung in einem neu erbauten und damals als »chic« geltenden Hochhaus. Ihre Wohnung war auffallend teuer eingerichtet, und eine riesige Couchlandschaft aus cremefarbenem Leder war der Mittelpunkt des Wohnzimmers. Weiche chinesische Teppiche lagen groß und üppig auf dem Parkettboden, und überall funkelte und glitzerte es. Da standen kristallene Gläser und Karaffen in den Regalwänden, das Schlafzimmer war eine einzige Spiegellandschaft, und die Wasserhähne im Bad und dem Gäste-WC leuchteten goldfarben. Jürgen fuhr als Einziger in unserer Stadt einen vornehmen, bordeauxfarbenen Jaguar, und Margot kurvte mit einem wuchtigen Volvo durch die Straßen. Beide waren immer sehr elegant gekleidet: Margot war Stammkundin in der teuersten und elitärsten Boutique der Stadt und fiel mit ihrem extravagant-teuren Stil überall auf. Damals war die Gruppe Baccara populär, und Jürgen legte oft die Platte Sorry, I’m a lady auf und schwärmte vor seinen Söhnen, seiner Frau, meinen Eltern und mir, wie sehr »seine Margot« doch Ähnlichkeit mit einer der beiden Sängerinnen habe. Die Ehe schien völlig intakt zu sein.

Jürgen trug immer ganz fein aussehende Stoffhosen und superweiche Rollkragenpullover. Ich fasste diese Pullis gern an und ließ mich auch gern von Jürgen in den Arm nehmen.

»Das ist Kaschmir, eine ganz teure Wolle«, erklärte mir Jürgen mit seiner tiefen und ruhigen Stimme. »Kaschmir ist so teuer, weil die Kaschmirziege im Himalajagebirge wohnt und das Unterfell mit der Hand gezupft wird.«

Mit acht Jahren wollte ich am liebsten auch so einen weichen Pullover, und meinen ersten Schal aus Kaschmir schenkte mir Jürgen wenige Jahre später zu meinem zwölften Geburtstag. Außerdem roch Jürgen sehr gut und besaß unzählige Herrendüfte der erlesensten Marken. Alles an ihm erschien so unglaublich gepflegt und vornehm. Er trug den Schnauzer ganz gerade und korrekt gestutzt, das leicht graumelierte Haar modisch kurz, und er erzählte mir, dass er seine Haare selber schneiden würde, weil er das besser könnte als jeder Friseur.

Wow!, habe ich damals gedacht, gibt es irgendetwas, was dieser Mann nicht kann?

Wann immer ein Elektrogerät kaputtging, schleppten meine Eltern den Föhn oder den Toaster, die Super-8-Kamera oder den Projektor mit zu Jürgen und Margot. Jürgen saß dann in unendlicher Geduld bei Margot und meinen Eltern am Tisch in seinem hellbraunen Ledersessel und reparierte so ganz nebenbei irgendein Gerät. Genauso gab es kein Spielzeug, das Jürgen nicht wieder in Ordnung bringen konnte! Nicht nur uns Kinder, sondern bestimmt auch die Erwachsenen hat Jürgen mit seiner souveränen Art beeindruckt. Er fand für alles eine Lösung.

Im Gegensatz zu Jürgen und Margot besaßen meine Eltern lediglich einen alten Peugeot 404, der jeden Freitag von meiner Mutter und mir gewaschen werden musste und ausschließlich von meinem Vater gefahren wurde. Meine Mutter hatte am Steuer eines Autos nichts zu suchen. Es war Jürgen, der meine Mutter kurz vor ihrem dreißigsten Geburtstag überredete, den Führerschein zu machen. Ihr erstes eigenes Auto, ein grashüpfergrüner Renault mit Revolverschaltung, war sein Geschenk zur bestandenen Prüfung. Als meine Mutter ein knappes Jahr später anlässlich einer Vollbremsung mit dem gesamten Unterboden und den Pedalen auf dem Asphaltboden landete, stellte sich heraus, dass Jürgen in seiner unglaublichen Großzügigkeit wohl doch nicht so spendabel gewesen war. Beim Schrotthändler schaute meine Mutter das erste Mal auf den Kfz-Brief und musste feststellen, dass ihr Vehikel bereits stolze fünfzehn Jahre auf dem Buckel hatte. Jürgen wusste dies natürlich sofort und logisch zu begründen. So habe er doch extra ein altes Auto gekauft und alles neu machen lassen, damit meine Mutter keine Angst bekäme. Sicherlich wäre sie doch gehemmt gefahren, wenn sie einen Neuwagen lenken würde. Ich war zwar erst zwölf Jahre alt, aber diese Erklärung habe selbst ich ihm nicht abgenommen, im Gegensatz zu meiner Mutter, die das natürlich vollkommen nachvollziehbar fand und Jürgen »sooo dankbar« war, dass er sich solche Gedanken machte …

Zwischen meinem sechsten und elften Lebensjahr schleppte ich jeden Freitag unzählige Putzeimer auf die Straße, und obwohl alles besser war, als am Küchentisch zu sitzen, widerte mich diese Aufgabe an. Mein Vater war in diesen Stunden meist zum Pokern in einem verräucherten Hinterzimmer einer Spelunke und tauchte erst am Abend wieder auf, wenn wir gemeinsam zur Sauna fuhren.

Jeden Freitagabend besuchten wir diese Sauna, und fast alle Bekanntschaften, die meine Eltern in diesen Jahren machten, rekrutierten sich aus den Stammgästen der Sauna. Nach der Sauna wurde ich abgefüttert und in meinem Badezimmer eingeschlossen, weil sich meine Eltern noch bei irgendwelchen Leuten trafen.

Mit Jürgen und Margot war das anders. Jürgen regte sich darüber auf, dass mich meine Eltern allein ließen, und wies meine Mutter in meinem Beisein zurecht, wie unverantwortlich er dieses Prozedere fand. Bei den wenigen Besuchen bei uns zu Hause kam Jürgen regelmäßig an meine Eckbank in der Küche, streichelte mir über mein Haar und sagte mit tiefer und dunkler Stimme: »Du bist so ein hübsches und liebes Mädchen. Du hast es nicht gut hier.«

Mir war das damals unheimlich. Denn Jürgen schien neben meinen Großmüttern der einzige Mensch zu sein, dem mein Wohlbefinden am Herzen lag.

Seine tiefe Stimme war ungewohnt für mein Ohr, denn meine Eltern sprachen meist sehr laut und in schrillen Tonlagen mit mir, und von einem Mann war ich liebevolle Worte ganz und gar nicht gewohnt. Und hübsch fand ich mich nun am allerwenigsten.

Als Jürgen damals meiner Mutter unverblümt die Meinung sagte, änderte sich meine Haltung ihm gegenüber schlagartig. Ich fand diesen Mann so ungeheuerlich mutig. Meine Eltern waren damals Götter für mich. Sie waren die Götter meines nicht vorhandenen Kinderzimmers und entschieden minütlich über mein Schicksal. Ihren Entscheidungen stand ich als Kind hilflos und mit grenzenloser Ohnmacht gegenüber. Jürgen musste auch ein Gott sein und noch dazu ein viel mächtigerer Gott als meine eigenen Eltern.

So jedenfalls erschien mir das damals, denn schließlich wurde ER von meinen Eltern nicht bestraft, sondern er erreichte, dass meine Eltern sich nach den Saunabesuchen darauf einließen, mich mitzunehmen.

Ich war gern bei Jürgen und Margot, denn beide gaben mir das Gefühl, in ihrer Wohnung stets willkommen zu sein. Mit Ulf durfte ich gemeinsam Abendbrot essen, und ich genoss den Anblick von Margot, die in der Küche stand, um unsere Brote zu schmieren und uns zu verwöhnen. Nichts schien ihr zu viel zu sein. Ulf und Martin hatten jeder ein eigenes Zimmer, und Ulf und ich durften in seinem Zimmer ungestört spielen. Ulf hatte tolle Spielsachen, und ich konnte mein Glück kaum fassen: So, oder so ähnlich, musste das Kinderparadies aussehen, da war ich mir sicher.

Spätabends, wenn wir dann wieder nach Hause fuhren, lag ich selig schlafend auf der Rückbank des Peugeots. Doch noch auf der Heimfahrt wurde ich jäh mit der Realität konfrontiert: Mein Vater hatte sich sehr oft und ausgiebig dem Alkohol gewidmet, und jedes Mal entbrannte ein heftiger Streit zwischen meinen Eltern. Meine Mutter schrie, er möge doch um Himmels willen langsamer fahren, und mehr als einmal rollte ich bei seinen rasanten Kurvenfahrten von der Rückbank herunter und harrte anschließend unten im Wagenfond liegend aus, was wohl als Nächstes passieren würde. Diese Heimfahrten eskalierten im Laufe der Jahre: Mal fuhr mein Vater entgegengesetzt durch Einbahnstraßen, mal legte er sich mit einem fremden Verkehrsteilnehmer an und brüllte dann provokativ aus dem Fenster: »Du Arschloch! Wo hast du fahren gelernt? Ja komm her! Wir klären das!«

Meine Mutter schrie meinen Vater an: »Abdul! Hör doch auf damit! Fahr bitte weiter!«

»Charab Allah, Gundis! Lass meinen Arm los!« Und KLATSCH, hatte meine Mutter sich die erste von mehreren Ohrfeigen eingehandelt.

Zu Hause angekommen schrien sie mich an: »Sofort ins Bett, Christine!« Und sie stritten und diskutierten weiter wie die Kesselflicker!

Dann folgten die Prügelaktionen, die ich als stumme Zuhörerin in meinem Bett liegend verfolgte, bis ich über den Schreien meiner Mutter schließlich eingeschlafen war.

Ich wusste nicht, was mir lieber war: in meinem Badezimmer eingeschlossen zu sein oder zu Jürgen und Margot mitfahren zu dürfen …

Es gab Freitagabende, an denen lud mein Vater zehn bis fünfzehn Personen zum arabischen Essen zu uns nach Hause ein. An diesen Freitagen ging mein Vater nicht zum Pokern, sondern kochte den ganzen Tag lang. Als Kind hatte ich immer das Gefühl, dass er gern viele Gäste bewirtete. Mein Vater hatte bei diesen Kochgelagen stets gute Laune und freute sich, dass ich bestimmte Speisen aus seiner Heimat sehr gern aß. Diese Momente waren die einzigen, die mir in Erinnerung geblieben sind, in denen ich meinen Vater als Vater erlebte.

»Papa«, fragte ich ihn dann, »machst du auch wieder Kebab?« Oder: »Papa, machst du wieder den Reis mit Mandeln und Rosinen? Und den gelben Reis? Und den roten Reis?«

Mein Vater blickte mich an, hob mich herauf auf die Küchenanrichte, und seine großen braunen Augen schauten mich warm an.

»Christine«, antwortete er, »ich mache dir so viel Kebab, wie in deinen Bauch reinpasst, und das Fleisch, das ich nicht gebrauchen kann, schenke ich dir, damit du die wilden Katzen füttern kannst.«

Wenn mein Vater kiloweise den Reis kochte und mal mit Safran, mal mit Tomaten und mal mit Mandeln und Rosinen abschmeckte, dann war er für einen Bruchteil meines kleinen Lebens wirklich mein Vater. Er investierte viel Liebe und Leidenschaft in seine Kochkünste, und diese positiven Gefühle zogen mich an. Bevor wir in die Sauna fuhren, wurde das Wohnzimmer ausgeräumt. Alle Möbel wurden im Badezimmer vor meinem Bett aufgebaut, und ein kleiner Spalt blieb frei, damit ich in mein Bett krabbeln konnte. Der Wohnzimmerboden wurde mit Teppichen ausgerollt, große lederne Sitzkissen wurden verteilt und die gewaltig aussehenden Kupferteller bereitgestellt. Auf diesen Tellern wurden später die verschiedenen Reissorten, die Fleischspieße, das Bohnenfleisch und das Kebab verteilt. Für alle Gäste lagen die typisch orientalischen Herren-Nachthemden bereit, und der arabische Abend konnte beginnen.

In Scharen strömten nach der Sauna die Gäste ins Wohnzimmer, und obwohl sie an meiner Küchenbank vorbeimussten, ignorierten sie meine Anwesenheit. Selbst Margot stürzte unmittelbar ins Wohnzimmer. Ausschließlich Jürgen hielt an meinem Platz inne. Als er mich an einem dieser Abende ins Bett bringen wollte, begleitete meine Mutter ihn. Das war eine echte Sensation, denn ich erinnere mich an kein einziges Mal, an dem meine Mutter oder mein Vater mich jemals zu Bett gebracht hätten. Vermutlich wollte sie einfach nur gut bei ihm ankommen, und wieder einmal rügte Jürgen meine Mutter, als er sah, dass sich das Badezimmer in eine Abstellkammer verwandelt hatte. Ohnehin, so schimpfte er, seien diese Wohnverhältnisse nun wirklich »unter aller Sau«. Jürgen entwickelte sich in meinem kleinen Kinderköpfchen langsam, aber sicher zu einem »Traumpapa«, um den ich Ulf und Martin ernsthaft beneidete …

Niemals wurde dieser Mann laut, und er schien eine große Begabung zu besitzen, Kinderseelen zu verstehen. Ich hätte ihm bedingungslos mein Herz ausgeschüttet und konnte damals noch nicht ahnen, dass ich dies eines Tages auch tun und später bitter bereuen würde.

In den knapp fünf Jahren dieser Freundschaft verschlechterte sich das Verhältnis zwischen Margot und meiner Mutter zusehends. Zu Hause war ich es ohnehin gewohnt, dass über alles und jeden gelästert wurde, und Margot, die Nurhausfrau, war allein schon aufgrund ihrer privilegierten Stellung meiner Mutter ein Dorn im Auge.

Verglichen mit dem Leben meiner Mutter führte Margot sicherlich das schönere und normalere Leben. Letzteres schien meine Mutter ganz offensichtlich zu verdrängen. Jürgen war kein Mann, der sich im Haushalt engagierte, und der Alltag musste von Margot alleine bewältigt werden. Ich bin sicher, dass sie zwar nicht in Arbeit erstickte und sich regelmäßig den schönen Dingen des Lebens widmete, ihre Mutterrolle jedoch ernst nahm und diese gewissenhaft ausfüllte.

Das Leben dieser beiden Frauen hätte gegensätzlicher nicht sein können. Während bei uns zu Hause meine Mutter allein das Geld verdiente, mein Vater es jedoch allein verwaltete, verdiente im Hause Karnasch Jürgen das Geld. Margot schien nie Geldsorgen gehabt zu haben und bekam offensichtlich alles, was sie brauchte. Regelmäßig fuhr sie mit ihren beiden Söhnen für zwei Wochen auf die Kanarischen Inseln, und die beiden Jungs wurden genauso oft neu eingekleidet, wie sich Margot selbst die neusten Klamotten leistete.

Über Kleidungsstücke wurde bei uns zu Hause nicht gesprochen: Mein Vater ging einkaufen und brachte im Winter die nötigen Strumpfhosen für mich mit, die abscheulich auf der Haut kratzten und für erneute Übergriffe auf mich sorgten, weil ich immer wieder einen Versuch unternahm, diese grässlichen Dinger nicht anziehen zu müssen. Meine Oma fasste sich dann ein Herz und kaufte im Geschäft Hilde Schönbom die weichen Strumpfhosen von Ergee, und überdies gab’s dann eine kleine gelbe Gummi-Ente als Geschenk dazu. Meine Mutter rächte sich für diese liebevollen Gesten damit, dass sie stets die Aldi-Strumpfhosen gewaschen und dabei immer die Ergee-Strumpfhosen »vergessen« hatte. Während es bei Jürgen und Margot an modernen Elektrogeräten nicht mangelte, gab es bei uns zu Hause noch nicht einmal eine Waschmaschine. Meine Mutter musste die Wäsche in einem großen Plastikeimer waschen, und der einzige Luxus, den mein Vater ihr gönnte, war eine kleine elektrische Wäscheschleuder, die ständig kaputtging und mit allen Kräften festgehalten werden musste, weil sie quer durch den Keller tanzte, wenn sie denn dann mal funktionierte.

Aus irgendwelchen unergründlichen Quellen bezog mein Vater gebrauchte Kleidung für meine Mutter und mich, und ich erinnere mich an zahlreiche Streitigkeiten, die die beiden ums Geld führten. Mein Vater verspielte offensichtlich große Summen an Bargeld, und meine Mutter warf ihm vor, nichts aus seinem Leben zu machen. Sicherlich hatte sie nicht ganz Unrecht mit ihrer Meinung, aber dieser Lebenswandel war schon vor der Eheschließung abzusehen. Während arabische Freunde meines Vaters erfolgreich studierten oder zumindest eine Lehre absolvierten und beruflich Fuß fassten, verdiente er sich seinen Lebensunterhalt mit dubiosen Geschäften. Seiner arabischen Natur nach wäre er vermutlich ein exzellenter Autohändler geworden, denn zwei bis drei Male im Jahr stopfte er den Peugeot 404 bis oben hin voll, fuhr binnen drei Tagen nach Syrien und verkaufte dort restlos alles. Dann setzte er sich in den nächsten Flieger, kaufte in Frankfurt am Main einen anderen Peugeot 404 und fuhr zurück in unsere Stadt. Das Beste, was diesem Mann passieren konnte, war eine junge Lehrerin, eine Beamtin auf Lebenszeit, die ihn unbedingt heiraten wollte und mit der er seine Rente abgesichert sah.

Bei solch einem Leben war es sicherlich vorprogrammiert, dass meine Mutter ihren Neid auf Margot immer weniger verheimlichen konnte. Und vielleicht hat auch Margot gespürt, wie ihr eigener Ehemann von dieser kurz gehaltenen und unterdrückten Frau angehimmelt wurde. Vielleicht hat sie auch gespürt, dass Jürgen für diese »arme Gundis« der Held und Retter war und Gundis ihrem Mann ein Gefühl vermitteln konnte, das er bei seiner Frau Margot sicherlich nach über zehn Ehejahren nicht mehr fand: das Gefühl, in völliger Kritiklosigkeit auf das Podest der Göttlichkeit gehoben zu werden.

Margot war nach außen hin eine unabhängige und kritische Frau, die sich nicht scheute, klar und offen ihre Meinung zu sagen. Sie kümmerte sich keinen Deut darum, was die Klatschtanten der Stadt alles über sie erzählten, und begegnete diesem Tratsch mit immer selbstbewussteren modischen Outfits. Sie gehörte zu den ersten Frauen, die sich auf der Düsseldorfer Königsallee bei einem Schönheitschirurgen die Reiterhosen entfernen ließen, und propagierte offen den Erfolg dieser Eingriffe. Meine Mutter lästerte mit einer anderen Bekannten darüber, dass Margot »nach dem Essen immer kotzen würde, um nicht zuzunehmen«.

Ich habe mich in den letzten Jahren oft gefragt, ob Margot tatsächlich bulimisch war. Ich könnte es sehr gut verstehen, denn ich möchte nicht wissen, wie viel Einblick sie in die Gedankenwelt ihres Jürgens hatte, die sie im wahrsten Sinne des Wortes »ankotzte«. Als sie sich später trennten, bezahlte ihr Jürgen lebenslang eine unvorstellbar hohe Summe an monatlichem Unterhalt, und heute erscheint mir dieses Geld als »Schweigegeld«.

Jürgen hatte eine Schwester, die mit einem Kripobeamten in Wiesbaden verheiratet war. Aus dieser Ehe entstand eine Tochter, und Jürgen wurde »Simonchens« Patenonkel. Wann immer Jürgen Zeit und Gelegenheit hatte, fuhr er mit seinem Jaguar und unzähligen Päckchen nach Wiesbaden und überhäufte Simone mit diesen Geschenken. Wenn Jürgen von seiner Nichte sprach, verklärte sich sein Blick, und er schwärmte auffällig von seinem »Engelchen«. Damals habe ich mir nichts dabei gedacht, außer, dass sie in meiner Fantasie ein weißes Gewand trug und blonde Locken hatte.

An einem Abend, als wir wieder einmal bei Jürgen und Margot waren, lernten wir Jürgens Mutter kennen. Trude hatte schlesische Weißwürstchen gekocht, und im späteren Verlauf des Abends trafen noch Norbert, Jürgens Bruder, und dessen Frau Irmhild ein. Irmhild war in anderen Umständen und hörte den ganzen Abend mit versteinerter Miene den Gesprächen zwischen Jürgen und seiner Mutter zu. Norbert war ein verschlossen wirkender Mann, der seine Gesichtszüge hinter einem Vollbart verbarg und kein einziges Wort sprach. Er arbeitete in der technischen Abteilung der Firma seines Bruders und war verantwortlich für die Entwicklung von Prototypen für Spezialaufträge, die die Firma aus aller Welt erhielt. Die beiden hatten sich gerade ein Reihenhaus in der Neubausiedlung am katholischen Krankenhaus gekauft und waren im Begriff, das Haus einzurichten, um bald einziehen zu können.

Der Vorteil des Hauses war, dass Jürgens Firma nur einen Steinwurf weit entfernt war und Jürgen seinen Bruder zu jeder Tages- und Nachtzeit ins Büro bestellen konnte, wenn wieder irgendwelche Spezialaufträge eiliger Natur eingegangen waren.

Jürgen wurde von seiner Mutter nur »Jückele« genannt, und er nannte seine Mutter ausschließlich »Muddel«. Alles, was wir von Jürgens Vater erfuhren, war, dass dieser Polizeibeamter in Breslau war. Punkt. Nicht mehr und nicht weniger. Offensichtlich war er verstorben, da aber weder sein Name noch sonst eine Anekdote von seiner Existenz zeugten, geriet diese an dem besagten Abend in Vergessenheit. In all den folgenden Jahren sollte dieses offensichtliche Tabu auch nicht ein einziges Mal gebrochen werden.

»Jückele«, so schwelgte Trude, »weißt du noch, als wir auf der Flucht waren und uns noch nicht einmal mehr Kartoffeln kaufen konnten?«

»Das waren schwere Zeiten, Muddel«, antwortete Jürgen. »Aber du hattest immer eine Lösung und hast uns gerettet!«, entgegnete Trude.

Wir erfuhren aus dem angeregten Gespräch der beiden, dass Jürgen kleine Kupfergitter aus Hauswänden gekratzt hatte. Diese Kupfergitter waren an den Außenwänden der Häuser als Verdeckung von Abflussrohren angebracht, und es gab sie an fast jedem Haus in Schlesien. Jürgen hatte also nachts diese Gitterchen mit einem kleinen Nagel herausgekratzt und so viele davon an einen Eisenwarenhändler verkauft, dass die Familie wieder einige Wochen über die Runden kam. Trudes Bewunderung für ihren ältesten Sohn war kaum zu übersehen, geschweige denn zu überhören. Das »Jückele« war der Retter der Familie und hatte wohl immer eine passende Idee parat, sich und seine Familie aus jedwedem Schlamassel zu ziehen. In ihrem Verhalten, Jürgen auf ein Podest zu stellen und ihm bedingungslos zu huldigen, waren sich meine Mutter und Trude wesentlich ähnlicher als Schwiegermutter und Ehefrau.

Als sich meine Mutter wenige Monate später an Jürgen wandte, um sich beim Kauf einer Eigentumswohnung beraten zu lassen, vermittelte Jürgen ihr eine Wohnung im Neubaugebiet am katholischen Krankenhaus. Das Reihenhaus seines Bruders und seiner Schwägerin lag direkt gegenüber von unserem Hauseingang. Er hatte uns strategisch klug untergebracht, denn seine zweite Nichte, die Tochter von Irmhild und Norbert, wurde häufig von ihrem Onkel besucht, sodass Jürgen zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen konnte.

Als ich sechzehn Jahre alt war, erfuhr ich, dass Irmhild ihrem Schwager Hausverbot erteilt hatte und Jürgen seine zu diesem Zeitpunkt acht Jahre alte Nichte nicht mehr besuchen durfte. Norbert, der sicherlich die Gründe für diesen innerfamiliären Bruch kannte, saß zwischen zwei Stühlen. Schließlich hatte er sein ganzes Leben nichts anderes gemacht, als für seinen Bruder zu arbeiten, und war es gewohnt, von diesem »über Wasser gehalten zu werden«. Die Ehe zerbrach, Norbert zog aus und wurde einige Zeit später zum Mittelpunkt Düsseldorfer Polizeieinsätze. Er spazierte splitterfasernackt über die Düsseldorfer Kö, verteilte Tausendmarkscheine und gab an, der leidende Jesus Christus zu sein. Norbert verbrachte seine letzten Jahre im medikamentösen Delirium und wurde von seiner Mutter Trude bis zu seinem Tod gepflegt. Und natürlich war es Jürgen, der stets bemüht war, die besten Ärzte und die besten Kliniken ausfindig zu machen, wenn Norbert trotz seiner Medikamente wieder einmal ausflippte. Jürgen hatte ja schon immer gern geholfen … Von Irmhild wurden meine Mutter und ich seit der Aussprache des Hausverbots nicht mehr gegrüßt, denn meine Mutter war zu diesem Zeitpunkt schon längst die neue Lebensgefährtin an Jückeles Seite.

KAPITEL 3
Angst und Hoffnung

Meine Mutter beschloss, die Eigentumswohnung zu kaufen. Eine im Erdgeschoss liegende, circa hundert Quadratmeter große Wohnung mit einem eigenen kleinen Garten. Vom Garten aus brauchte man nur über einen Zaun zu steigen, überquerte dann ein kleines brachliegendes Grundstück und gelangte auf das Firmengelände von Jürgen Karnasch. Die Fenster der Versandabteilung konnte man von unserer Terrasse aus gut sehen, und Jürgen parkte seinen Jaguar fortan so, dass meine Mutter erkennen konnte, wann er in der Firma zugegen war. Von alledem hatte ich zum damaligen Zeitpunkt nicht den Hauch einer Ahnung.

Als wir umzogen, war ich gerade elf Jahre alt geworden, und die Tatsache, dass ich nun wirklich ein eigenes Zimmer haben sollte, beschäftigte mich viel mehr als äußere Gegebenheiten. Meine Mutter redete davon, dass nun alles viel schöner werden würde, und ich hoffte inständig, dass dann auch die Streitereien zwischen meinen Eltern ein Ende finden würden. Mein größter Wunsch war es, einen Hund besitzen zu dürfen. Dieser Wunsch blieb mir verwehrt. Dafür aber erhielt ich die Erlaubnis, mir einen Hamster zu halten. Ich war glücklich wie noch nie, als ich in der Zoohandlung Walke meinen kleinen Stups kaufte. Mein Zimmer wurde mit einem alten Bett und einem noch älteren Schrank ausgestattet. Für Dekorationen, Tapeten oder Farbe an den Wänden hatten meine Eltern weder Zeit noch Lust und auch kein Geld übrig. Mich störte das nach den Jahren vor dem Gasboiler jedoch nicht. Oma schenkte mir eine kleine Yucca und bezahlte den Hamsterkäfig mit Zubehör. Während ich abends in meinem Bett lag, raste Stups Runde für Runde in seinem Laufrad, und über dem monotonen Geratter schlief ich irgendwann ein. Ich war mittlerweile in der siebten Klasse des Mädchengymnasiums, und mit einigen Mädchen verband mich eine innige Freundschaft. Es waren Freundschaften, die bis heute andauern sollten.

Da war Anka, mit der ich im letzten Jahr der Grundschule gelegentlich morgens zur Schule gehen durfte und die, genau wie ich, Mitglied im örtlichen Schwimmverein war. Oma hatte mich im Schwimmverein angemeldet, weil ich ihr erzählt hatte, dass ich panische Angst bei den so genannten Schwimmübungen mit meinem Vater ausgestanden hatte. Er hielt mich derartig ungeschickt unter dem Bauch, dass mein Kopf jedes Mal vornüber ins Wasser platschte und ich zu ertrinken drohte. Mein Vater war extrem ungeduldig, und ich empfand ihn als absolut brutal in seinen Methoden. Irgendwann war er so entnervt, dass er mich einfach losließ und mich anschnauzte: »Wenn du nicht ertrinken willst, musst du schwimmen!«

Bis er mich endlich wieder aus dem Wasser zog, war ich bereits so oft untergegangen, dass ich literweise Wasser geschluckt und Todesängste ausgestanden hatte. Wieder festen Boden unter den Füßen, kotzte ich erst mal das ganze Wasser aus und schwor mir, mich nie wieder mit meinem Vater ins kühle Nass zu begeben. Im Schwimmverein lernte ich hingegen so schnell, dass ich binnen eines Jahres regelmäßig in der Juniorenriege trainieren durfte. Im Schwimmverein lernten wir Dana kennen. Dana war groß und schlank und hatte eine richtige Schwimmerfigur. Mit ihren vollen Lippen und der üppigen Oberweite sah sie bereits mit zwölf Jahren aus wie Brigitte Bardot. Ein Vergleich übrigens, der von den Jungs oft angestellt wurde und Dana regelmäßig in Rage brachte. Als Dana dann zu unserem Glück in der siebten Klasse eine Ehrenrunde drehte, kam sie zu uns in die Klasse, und das Kleeblatt war komplett. Im selben Jahr kamen Gitta und Carla hinzu. Gitta war die Tochter eines stadtbekannten Majors und konnte die Vorstellungen ihres Vaters hinsichtlich Outfit und Lebenseinstellung so gar nicht erfüllen. Sie gehörte der alternativen Szene an und bereicherte unsere Mädchentruppe mit drögen Sprüchen und unglaublicher Coolness. Carla war die Tochter eines Brauereidirektors, und wir alle mussten neidlos anerkennen, dass sie mit ihren glatten, langen, mahagonibraunen Haaren eine echte Schönheit war. Sie war mit ihren Eltern aus Berlin in unsere Kleinstadt gezogen, und ihre Bedenken, dass es bei uns in der Provinz langweilig sein würde, konnten wir relativ schnell ausräumen.

Wir waren mehr als nur Freundinnen, waren innigste Vertraute, und trotz unserer Unterschiedlichkeit fühlten wir uns wie Schwestern verbunden. Ein Gefühl, das wir noch heute zutiefst genießen.

In der Schule hatten die Lehrer keinen blassen Schimmer, was bei uns zu Hause geschah. Meine Leistungen waren konstant gut bis mäßig, und ich war bekannt für meine große Klappe. Oft wurde ich zum Leidwesen der Lehrer zur Klassensprecherin gewählt, und für mich war Schule in erster Linie ein Ort der Erholung und des Spaßhabens. Mein großes Glück war, dass das Gymnasium in derselben Straße war, in der meine Großeltern ihr Haus hatten. So konnte ich mein inniges Verhältnis zu meiner Oma pflegen und brauchte zu Hause nichts davon zu erzählen. Oma kam in der großen Pause regelmäßig zur Schule und brachte mir zwei Pausenbrote und eine Kinder-Milchschnitte vorbei. In den letzten Jahren der Schulzeit wurde sie auch von Gitta sehnsüchtig erwartet, die regelmäßig eines von den Pausenbroten von mir geschenkt bekam. Komischerweise wurde unter uns Mädchen nie darüber gelästert, dass Oma jede Pause an der Schule stand. Sie war beliebt, und offensichtlich spürten alle, wie ungeheuer wichtig Oma für mein Seelenleben war.

Als wir in unsere Eigentumswohnung zogen, erschien ich für die Außenwelt als völlig normales, großschnäuziges Mädchen, das deutlich sichtbar jünger war als der Durchschnitt der Mitschülerinnen.

Zu Hause eskalierte jedoch die Situation. Nichts wurde besser, sondern das Gegenteil traf ein. Die Streitereien zwischen meinen Eltern liefen immer häufiger und lautstärker ab und fanden zumeist am späten Abend ihren Höhepunkt. Mein Vater hatte mit den meisten Hausbewohnern binnen weniger Wochen Streit und pöbelte die Leute auf peinliche Art und Weise an. Über uns wohnte eine Apothekerfamilie. In der Mittagspause, wenn die Apotheke geschlossen war, wurde dort zu Mittag gegessen und anschließend musiziert. Der Herr Apotheker spielte Klavier, seine Frau die Violine, und der Sohn sang dazu. DAS war zu viel für meinen Vater, der sich beim Anhören seiner orientalischen Musik aufs Übelste belästigt fühlte. Mehr noch. Seiner Meinung nach waren diese Aktionen extra geplant und gegen ihn persönlich gerichtet, und er schrie schon im Hausflur, dass niemand, aber auch wirklich niemand, es schaffen würde, ihn aus dem Hause zu ekeln, nur weil er ein Araber sei!

Wutschäumend polterte er dann die Treppe hoch und schlug mit seiner Faust gegen die Wohnungstür der Apothekerfamilie. Gegen den rhetorisch gewieften und gebildeten Apotheker kam mein Vater mit seinem grammatikalisch desaströsen Deutsch nur schwerlich an. Dieser Mann setzte den tobenden Araber verbal schachmatt, und dem blieb nur noch die Flucht in seine arabischen Flüche, in vehementes Gestikulieren und in noch mehr Grammatikfehler. Wenn man dieses wild rumhampelnde Männchen sah, konnte man eigentlich nur lachen. Es war aber Abdul, mein Vater, und ich versank vor Scham im Boden. Warum konnte er sich nicht ganz normal benehmen? Er ging doch ohnehin nicht arbeiten und benötigte wahrlich keine Mittagspause. Alles, was er erreichte, war, dass ihn niemand aus dem Hause grüßte und alle Eigentümer verächtlich die Nase rümpften, wenn sie ihm begegneten. Und dass er nicht gegrüßt wurde, reizte ihn erneut bis aufs Blut. Einer Nachbarin vom Apotheker, die einen Mops besaß, schrie er mitten auf der Straße voller Wut und Hass entgegen, sie sähe im Gesicht genauso zermatscht aus wie ihr Köter. Ich gebe zu, in diesem Punkt hatte er tatsächlich Recht, aber so etwas konnte er gern denken, nicht aber sagen, geschweige denn herausschreien.

Meine Eltern und ich wohnten noch keine vier Wochen in diesem Haus, und schon hatten wir die gesamte Eigentümergemeinschaft gegen uns aufgebracht. Mich wundert unter diesen Umständen rückblickend nicht, dass uns kein einziger Mensch aus dem Haus geholfen hat, als sich die Gewaltausbrüche meines Vaters verschlimmerten und eine Gegenwehr kaum noch möglich war.

Es verging nicht eine Nacht, in der ich nicht aufwachte, weil neben dem üblichen Geschrei meiner Eltern nun auch Möbel umgestoßen wurden. Die Gewalt meines Vaters richtete sich in der neuen Wohnung nicht mehr gegen mich, sondern ausschließlich gegen meine Mutter. Es war, als hätten wir die Rollen getauscht. War sie früher stumme Zuschauerin und blieb relativ verschont, während mein Vater mich blutig schlug, so war ich jetzt die stumme Zuhörerin, und sie musste dran glauben.

»Nein! Abdul! Nein! Nicht! Tu’s nicht! Abdul! Bitte!«

»Ich fick dich jetzt so, wie du deinen Jürgen fickst!«, schrie mein Vater. Gläser polterten und klirrten, Stühle fielen um, und am Getrappel der Füße konnte ich erkennen, dass eine regelrechte Hatz stattfand. »Du Nutte! Du Hure! Wer bist du eigentlich, Gundis? Eine Scheißbeamtin auf Lebenszeit? Geh doch zu deinem Jürgen, wenn er besser ist. Margot hatte ich auch. Jawohl! Und sie war besser als du!«, schrie mein Vater wie von Sinnen.

Ich kauerte mich unter meiner Bettdecke zusammen und stellte mir die Frage, warum ich nicht einfach hineinging ins Wohnzimmer und beiden sagte, dass sie aufhören sollten. Ich hatte Angst. Unermesslich große Angst. Wenn er mit ihr fertig war, würde er vielleicht doch noch in mein Zimmer kommen und mich wieder windelweich schlagen. Und wenn er sie totschlug? Ich wusste nicht ein noch aus.

Nach einem gellenden schmerzerfüllten Schrei meiner Mutter war es plötzlich beängstigend still geworden im Wohnzimmer. Ich befürchtete das Schlimmste.

Kurz darauf wurde die Tür meines Kinderzimmers aufgerissen. Meine Mutter stand im Nachthemd vor mir, und in der Dunkelheit konnte ich erkennen, dass sie sich ein Tuch auf den Kopf drückte.

»Komm sofort raus aus deinem Bett!«, zischte sie mich an. »Der dreht durch und schlägt uns tot! Wir müssen weg hier!« Sie zerrte mich an meinem Arm in den Flur.

Plötzlich stand mein Vater vor uns und versperrte uns den Weg. Seine Augen waren blutrot unterlaufen, er stank nach Alkohol, und sein Blick war die Boshaftigkeit in Person.

»Nur über meine Leiche, Gundis !«, schrie er hasserfüllt. In der einen Hand hielt er eine Bierflasche, in der anderen Hand einen schweren Marmoraschenbecher.

»Mein Hamster!«, schrie ich voller Panik. »Mama! Er wird Stups töten! Ich muss ihn holen!«, damit riss ich mich von der Hand meiner Mutter los, rannte zurück in mein Zimmer und klemmte mir den Käfig unter den Arm.

»Deinen Hamster willst du also mitnehmen?«, fragte mein Vater in drohendem Ton. Er warf die Bierflasche in die Ecke und nahm mir den Käfig weg.

»Papa! Bitte! Tu ihm nichts! Lass Stups in Ruhe!«, flehte ich meinen Vater an.

Doch er wühlte den Hamster aus seiner Watte-Ecke. Mit weit aufgerissenen Augen starrte Stups meinen Vater an und biss zu. Aus dem Finger meines Vaters quoll das Blut, und außer sich vor Raserei schmiss mein Vater den Hamster quer durch die Wohnung. Stups knallte gegen die Wohnzimmerwand, fiel auf den Boden und blieb dort regungslos liegen. An der weißen Wand zeugte ein kleiner Blutfleck von der Tat meines Vaters.

Meine Mutter nahm mich, noch bevor ich einen Ton sagen konnte, erneut an meinem Arm, schubste meinen Vater zur Seite, öffnete die Wohnungstür und lief mit mir durch den Hausflur in die Dunkelheit. Mit einem dumpfen Geräusch landete der Marmoraschenbecher direkt neben uns auf dem Boden im Erdreich. Hinter uns hörten wir meinen Vater grölen und randalieren.

Barfuß rannten wir um unser Leben. Meine Mutter im Nachthemd mit einer stark blutenden Kopfwunde und einem Küchentuch, das sie sich gegen die Kopfwunde presste, in der einen Hand, ich an der anderen Hand, im Schlafanzug und bitterlich um meinen Hamster weinend. Bestimmt, so war ich mir sicher, hatte Stups diesen Schlag gegen die Wand nicht überlebt. Ich sollte Recht behalten.

Wir landeten schließlich völlig erschöpft bei einer Kollegin meiner Mutter. Uta war alleinerziehend, hatte zwei Söhne und wohnte zum Glück nicht weit weg von unserer neuen Eigentumswohnung. Eines stand fest: Zurück konnten wir auf keinen Fall mehr. Mir war alles gleichgültig. Ich fühlte mich apathisch und sah die Welt nur noch durch einen Nebelschleier. Ich hätte starke, tröstende Arme gebraucht, doch niemand war da, der mir diesen Schmerz, diese Wut und diese Hilflosigkeit nehmen konnte. Uta kümmerte sich um meine Mutter, und ich schlief auf dem Sofa in ihrem Wohnzimmer nach nur wenigen Minuten ein. Wir sollten einige Tage bei Uta und ihren Söhnen Unterschlupf finden. Mein Vater wusste nicht, wo wir uns aufhielten, und das war auch gut so. Morgens, auf dem Weg zur Schule, duckten wir uns in Utas Auto. Ich wurde am Gymnasium herausgelassen und rannte so schnell ich konnte auf den Pausenhof zu meinen Freundinnen. Meine Mutter und Uta fuhren dann weiter zur Grundschule.

Uta schien mit ihrem Leben und ihren zwei Söhnen völlig überfordert zu sein. Der Haushalt war entsetzlich chaotisch, und nichts schien organisiert zu sein. Eine Aufgabenverteilung gab es nicht, und niemand fühlte sich für irgendetwas verantwortlich. Es gab kein Toilettenpapier, das Waschpulver ging zur Neige, und Milch war dann eben auch nicht mehr im Kühlschrank. Mir erschien das alles völlig planlos und wirr. Gemeinsame Mahlzeiten fanden nicht statt, und Regelmäßigkeiten gab es nicht. Arndt, der jüngere Sohn, war in meinem Alter. Werner, sein älterer Bruder, war sechzehn Jahre alt, fuhr ein schneidiges Kleinkraftrad von Kreidler und war die meiste Zeit mit Musikhören und seinem Aussehen beschäftigt. Er war ein Fan von Pink Floyd und Queen und verehrte Freddy Mercury. Stundenlang saß er mit mir vor seiner aufwendigen Stereoanlage und spielte mir Stücke aus seiner gigantischen LP-Sammlung vor. Seine Musiksammlung, seine Anlage und sein Moped waren sein ganzer Stolz. In Arndts Zimmer konnte man keinen Fuß auf den Boden setzen, und ständig roch es in seinem Zimmer nach Hamsterpisse und Schmutzwäsche. Ich habe den Hamsterkäfig dann sauber gemacht und festgestellt, dass sich das Tier überhaupt nicht anfassen ließ. Offensichtlich hatte Arndt keine Lust, sich mit dem Hamster zu beschäftigen, und er schien ihm egal zu sein.

Nach zwei Tagen, die ich Uta entweder telefonierend oder hysterisch herumschreiend erlebt hatte, bekam sie von jetzt auf gleich einen Tobsuchtsanfall. Das Chaos in ihrer Wohnung nervte sie plötzlich, und schuld waren natürlich ihre faulen Nichtsnutze von Söhnen. Arndt und Werner schienen diese Anfälle ihrer Mutter bereits zu kennen, denn sie suchten sofort Deckung in ihren Zimmern. Uta war eine sehr große und sehr kräftige Frau vom Typ Walküre. Als sie feststellte, dass Arndts Tür verschlossen war, trat sie diese kurzerhand ein, und das Holz splitterte an allen Ecken und Enden. Arndt warf schützend seine Hände vors Gesicht, und Uta prügelte wie von Sinnen auf ihren jüngsten Sohn ein. Sie beschimpfte ihn dabei aufs Übelste, und zu guter Letzt nahm sie seine Gitarre von der Wand und schmetterte diese mit aller Gewalt auf die Schreibtischkante. Arndt heulte Rotz und Wasser, und ich stand mit weit aufgerissenen Augen im Flur. Ich kannte Uta von meiner Grundschulzeit und wäre nie im Leben darauf gekommen, dass diese Lehrerin, diese Frau Prinz, derartig ausrasten konnte.

Werner saß auf seinem Bett und wartete in seinem Zimmer darauf, dass er an die Reihe kam. Werner war groß und kräftig und stellte sich seiner Mutter in den Weg. Er schrie Uta an, dass sie sich um nichts kümmern würde und es noch nicht einmal fertigbrächte, die Wäsche zu waschen oder zu kochen. Ich fand, dass Werner Recht hatte, und bewunderte seinen Mut. Uta stürzte sich auf ihren Ältesten und schlug mit einem Kleiderbügel auf ihren Sohn ein. Er sei genauso mies wie sein »Erzeuger«, aber er würde sie nicht fertigmachen, so wie sein Vater das getan habe! Der Kleiderbügel zerbrach, und Uta schnappte sich einen Gürtel. Sie prügelte mit der Schnallenseite immer weiter auf Werner ein, bis dieser in sich zusammensackte und nur noch wimmerte. Körperlich war ihr Werner eigentlich locker überlegen, aber eine noch intakte Hemmschwelle in dem Jungen ließ eine Gegenwehr nicht zu. Als Uta ihr Werk vollendet hatte, setzte sie dem Ganzen die Krönung auf: Sie marschierte schnurstracks ins Wohnzimmer und riss, ungeachtet der Kabel, die Stereoanlage auseinander und warf die liebevoll sortierten LPs quer durch den Flur. Dann knallte sie mit einem lauten Krachen die Tür zu und verbarrikadierte sich für den Rest des Tages. Der Orkan war vorbei.

Werner sah übel aus. Sein rechtes Auge war zugeschwollen. Die Gürtelschnalle hatte ihn frontal getroffen. Überall an den Armen hatte er Rötungen und Striemen, und er sah mächtig verheult aus. Arndt schluchzte und hielt seine kaputte Gitarre im Arm. Er streichelte sie und murmelte immer wieder: »Warum macht sie das?«

Ich half den Jungs, so gut ich konnte, beim Aufräumen. Dabei erzählten sie mir, dass Uta in regelmäßigen Abständen ausrasten würde und insbesondere ihr Hass auf Werner grenzenlos sei. Tagelang würde sich ihre Mutter nicht um ihre Söhne kümmern, und aus heiterem Himmel kämen dann diese Wutausbrüche. Zwischen uns dreien herrschte tiefe Betroffenheit. Werner murmelte, dass er so schnell wie möglich abhauen würde und diese Frau ihn mal kreuzweise könnte. Arndt konnte sich kaum beruhigen. Er nannte seine Mutter »Mami« und litt wie ein Tier. Zwei Jahre später ging Arndt für ein Jahr als Austauschschüler nach Amerika. Als er zurückkehrte, war aus dem schüchternen Jungen ein hübscher junger Mann geworden, dem die Zeit in Amerika sichtlich gutgetan hatte. Vielleicht lebt Arndt heute in Amerika, dem Land, das ihm für viele Monate Ruhe vor seiner Mutter geboten hatte. Von Werner weiß ich nur, dass dieser immer nach München wollte. Ich habe von beiden Jungs nie wieder etwas gehört. Als ich zwanzig war, erfuhr ich über Umwege, dass Uta ein schreckliches Schicksal ereilt hatte. Tagelang war sie einfach nicht in der Schule erschienen, und meine Mutter ließ dann im Auftrag der Schule mit einem Schlüsseldienst die Wohnung öffnen. Uta saß kichernd und lachend in ihrem Bett. Sie stank erbärmlich, hatte sich eingenässt und spielte mit ihrem eigenen Kot. Im Krankenhaus stellten die Ärzte dann fest, dass sich ein faustgroßer Tumor in Utas Gehirn breitgemacht hatte. Bei der OP ist Uta gestorben. Meine Mutter muss sich damals fürchterlich aufgeregt haben, dass Utas Söhne weder bei der Beerdigung noch bei der Wohnungsauflösung zugegen waren. Als mir diese Geschichte erzählt wurde, konnte ich Werner und Arndt bestens verstehen. Meine Sympathien gehörten eindeutig ihnen.

Nach ein paar Tagen bei Uta hatte Jürgen für meine Mutter und mich eine kleine möblierte Dachgeschosswohnung in der Nähe der Schule, an der meine Mutter unterrichtete, gefunden. Sooft es ging, durfte ich bei Oma schlafen, und ich war dankbar dafür. In der kleinen Wohnung war absolut kein Platz für uns beide: Sie bestand aus einem Minizimmer mit Schlafcouch und einem Schrank. Ein Kohleofen diente als Heizquelle. Der zweite Raum war vom ersten durch einen Vorhang abgetrennt. Das war die Küche, und hätte nicht unter dem Dachfenster in der Küche eine zweite Couch gestanden, so hätte ich mit meiner Mutter in einem Bett schlafen müssen. Eine Dusche befand sich als kleine Kabine zwei Stockwerke unter uns im Flur, und eine Toilette gab es ein Stockwerk tiefer. Ständig war es abartig kalt dort. Ich hasste diese Behausung.

Wenn ich dort übernachten musste, kam Jürgen am Abend vorbei und brachte mich ins Bett. Dankbar und hungrig nach Liebe und Zärtlichkeit fand ich es wohltuend, von ihm in den Schlaf gekrault zu werden. Jürgen half uns, und Jürgen half gern.

Normalität herrschte in meinem elfjährigen Leben ausschließlich in der Schule und bei meiner Oma. Ich wagte es gar nicht, Lehrern in der Schule von den Vorkommnissen zu Hause zu erzählen, weil mir alles viel zu peinlich und viel zu asozial war. Lieber vertraute ich mich meinen Freundinnen an, und ich war glücklich, wenn diese mich zu sich nach Hause einluden. In den meisten Familien war ich ein gern gesehener Gast, weil ich nicht groß auffiel und keine Ansprüche stellte. Überdies war ich sehr höflich und sagte »bitte« und »danke«, aber nicht, weil ich es sagen musste, sondern weil es mir ein echtes Bedürfnis war. Ich war es einfach nicht gewohnt, etwas zu trinken angeboten zu bekommen, geschweige denn, dass sich irgendjemand für mich Mühe machte und mich gar zum Essen einlud. Wenn Dana sich bei mir ausheulte, dass sie jede Woche die Treppe putzen musste oder ihre Mutter mal wieder verlangte, dass sie ihr Zimmer aufräumen sollte, dann konnte ich eigentlich nur müde lächeln. Verglichen mit meinem Leben waren das alles nur Kinkerlitzchen. Und trotzdem: Wenn es um unsere ureigenen Probleme ging, waren wir Mädchen immer füreinander da und hörten uns stets aufmerksam zu. Ich glaube, die Tatsache, dass wir uns derartig respektierten und in diesem extremen Maße einander ernst nahmen, hat damals das Fundament für eine lebenslange Freundschaft geschaffen. Auch heute noch genießen wir das Gefühl, uns nichts erst langatmig erklären zu müssen, sondern bereits in dem Augenblick, in dem wir den Mund aufmachen und anfangen zu erzählen, verstanden werden. So intolerant viele von uns auch erzogen wurden: Im Miteinander herrschte immer eine einzigartige Toleranz und Offenheit.

Dass wir unsere Eigentumswohnung so plötzlich wieder verlassen mussten, belastete mich nicht weiter. Ich besaß ohnehin keine wertvollen Güter und vermisste meinen Vater verständlicherweise nicht eine Sekunde lang. Da ich bei meiner Oma weitestgehend abgeschirmt von den Alltagssorgen meiner Mutter lebte, bekam ich auch nur am Rande mit, dass sie die Hölle durchmachte. Mein Vater stellte ihr ständig nach und weigerte sich natürlich, die Eigentumswohnung zu verlassen. Mehr noch: Er ließ seinen Lieblingsbruder nach Deutschland kommen und wohnte über vier Monate mit Amir in der Wohnung. Nur aus Erzählungen meiner Mutter weiß ich, dass die beiden Chaoten die Wohnung völlig verwüstet hatten und meine Mutter später eine neue Toilettenschüssel einbauen lassen musste, weil die alte nicht mehr zu reinigen war. Vom Mobiliar blieb nichts mehr übrig, denn nach und nach hatte mein Vater das meiste verkauft oder irgendwelchen Gespielinnen geschenkt. So war es denn auch der Streit um einen Kühlschrank, der zu einem Polizeieinsatz auf offener Straße führte. Mein Vater und Amir wollten den Kühlschrank gerade einer Freundin schenken, als meine Mutter urplötzlich an der Wohnung der Dame erschienen war und ihr Eigentum zurückforderte. Das Ende vom Lied war, dass die beiden Brüder mit einem Messer hinter meiner Mutter herjagten und anschließend versuchten, Jürgens Jaguar (er hatte zwischenzeitlich meine flüchtende Mutter aufgenommen) mittels körperlicher Gewalt anzuhalten. Sie traten vor das Auto und spuckten auf die Scheiben, und erst die Ordnungshüter konnten sie stoppen.

Ich hingegen genoss die nie gekannte Freiheit bei meiner Großmutter in vollen Zügen, und ich hatte bald sämtliche Hunde der Nachbarschaft in meiner Obhut. War ich mit Wuschel eine Stunde spazieren gegangen, so wartete Stöpsel bereits auf mich, und kehrte ich mit diesem zurück, dann musste ich mit Panja, einer Schäferhündin, los. Dana hatte damals auch einen Hund, einen beleibten Cockerspaniel, und sie war dankbar, dass sie nicht mehr allein durch die Wälder marschieren musste. Mit den Fahrrädern fuhren wir in die umliegenden Dörfer und entdeckten eines Tages einen kleinen Ponyhof. Dessen Besitzer lebte in einem Wohnwagen auf dem Hof, und der alte Mann war froh, wenn wir Kinder die Ständer seiner Ponys regelmäßig misteten und das Sattelzeug in Ordnung hielten. An den Wochenenden kamen bei schönem Wetter die Spaziergänger in Scharen, und für drei Mark fünfzig konnte man sich für dreißig Minuten ein Kinderpony mieten. Wenn die Eltern mit den Ponys nicht zurechtkamen, gingen wir Kinder mit und sorgten dafür, dass alle Beteiligten wieder wohlbehalten am Hof ankamen.

Das gesamte Frühjahr, den Sommer und den größten Teil des Herbstes verbrachte ich meine Freizeit auf diesem Ponyhof. Der alte Mann dankte uns Kindern die freiwillig geleistete Arbeit damit, dass wir unter der Woche und bei schlechterem Wetter umsonst mit den Ponys ausreiten durften. Meine beiden Lieblinge hießen Victor und Hector und waren Grauschimmel-Shetlandponys. Ich konnte mein Glück kaum fassen, wenn ich auf dem blanken Rücken von Victor saß und durch die Wälder ritt. Die Nähe zu diesen Tieren, das Gefühl der Wärme und die Weichheit ihres Fells sowie das immense Vertrauen, das die Ponys mir vermittelten, linderten die Wunden meiner Seele. Victor und Hector wieherten mir fröhlich entgegen, wenn ich verschwitzt mit meinem Fahrrad auf den Hof kurvte, und ich genoss das Gefühl, erwartet zu werden. Es war das Gefühl, das ich in meiner gesamten Kindheit vermisste und noch heute so sehr brauche. Der alte Mann, dem der Ponyhof gehörte, schaffte es in diesen Monaten, mir das Selbstvertrauen zu geben, doch noch irgendwo gebraucht zu werden und nicht »über« zu sein. Würde er heute noch leben, so würde ich ihm gern erzählen, dass auch er zu meinen Lebensrettern gehört. Die unstillbare Liebe zu den Pferden, das Ausleben dieser Passion und die Selbsttherapie mit diesen wundervollen Tieren haben ihren Ursprung auf diesem kleinen Ponyhof.

An einem Tag im Herbst kam ich wieder einmal zum Hof geradelt und vermisste sofort das Wiehern meiner beiden Schützlinge. Als ich in den kleinen Stall kam, blieb ich wie angewurzelt stehen. Fassungslos schaute ich auf die leeren Ständer. Panik kroch in mir hoch. Eine alte knochige Hand legte sich auf meine Schulter.

»Sei nicht traurig, Christine«, murmelte der alte Hofbesitzer, »ich musste sie verkaufen. Der Winter kommt, und da werden wir hier kein Geschäft machen.«

Tränen stiegen in mir hoch. Victor und Hector verkauft? Das konnte und durfte nicht wahr sein! »Wo sind sie?«, fragte ich schluchzend.

»Wandler hat sie gekauft.«

Um Gottes willen, das war eine Katastrophe! Wandler war ein stadtbekannter Kirmesbudenbesitzer, ein Schausteller, der auch Ponyreiten und Fahrten in Ponykutschen anbot. Wandlers Ponykutschen wurden elektrisch betrieben, und die Ponys mussten den ganzen Tag im Kreis laufen, ob sie wollten oder nicht. Ich war mir sicher, dass Victor und Hector erblinden würden, und ich fing bitterlich an zu weinen. Im Geiste sah ich mich mit Victor durch die Wälder reiten.

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