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Ein erregender Verdacht

1. KAPITEL

Matt war nun wirklich der letzte Mann, den sie wiedersehen wollte. Außerdem hätte sie ihn nie und nimmer im Vorzimmer ihrer Agentur vermutet. Matthew Whittaker war Mitinhaber eines großen Bostoner Familienunternehmens und leider auch Zeuge der größten Demütigung ihres Lebens.

Lauren blieb überrascht stehen. Sie hatte sich verspätet, was für sie ganz untypisch war. Aber die geschäftliche Verabredung zum Lunch hatte länger gedauert, als sie gedacht hatte. Außerdem schneite es, und in dem stockenden Verkehr war sie nur mühsam vorangekommen. Dieses nasskalte Januarwetter war wirklich scheußlich. So musste sie erst einmal zu Atem kommen, bevor sie es wagte, Matthew anzusehen.

Er erhob sich von der Couch und blickte auf Lauren. „Hatten wir nicht um zwei Uhr einen Termin?“

Sie sah sich Hilfe suchend nach Candace um, die nur die Augenbrauen hob und Matthew anstarrte, dann wandte sie sich ihm wieder zu. „Matt!“, sagte sie und hatte sich so weit gefasst, dass sie ein freundliches Lächeln zustande brachte. Glücklicherweise hörte sich ihre Stimme einigermaßen normal an. „Das ist aber eine Überraschung.“

„Hallo, Lauren. Ja, wir haben uns lange nicht gesehen.“

Stimmt. Das letzte Mal trug er einen schwarzen Smoking. Das war an ihrem Hochzeitstag gewesen, vor gut fünf Jahren. In seinen blauen Augen stand damals etwas, was sie irgendwie nervös machte. Aber er hatte immer schon eine etwas irritierende Ausstrahlung gehabt.

Ihre hohen Absätze klapperten laut auf dem Holzfußboden, als Lauren mit ausgestreckter Hand auf Matthew zuging. „Ich freue mich, dich wiederzusehen.“

Als er ihre Hand ergriff, spürte sie seine Wärme bis in die Zehenspitzen. „Das kann ich mir vorstellen“, sagte er und lächelte kurz. Seine Stimme klang tief und warm. „Ich meine, dass es eine Überraschung ist“, fügte er schnell hinzu.

Sie blickte hoch, und wieder wurde ihr bewusst, wie klein sie war, selbst mit den hohen Absätzen. Diese Tatsache hatte sie fast die gesamten dreißig Jahre ihres Lebens gestört.

Jung, klein und weiblich, eine schlechte Kombination, wenn man in der Welt ernst genommen werden wollte.

Bei Matthew war genau das Gegenteil der Fall. Er war gut 1 Meter 80 groß, sah gut aus, war reich und eben ein Mann. Hatte sie nicht mal irgendwo gelesen, dass die Größe eines Präsidentschaftskandidaten der ausschlaggebende Faktor dafür war, dass er die Wahl gewinnen würde?

Sie senkte den Blick und musterte ihn unauffällig. Er wirkte dunkel und irgendwie geheimnisvoll. Kürzlich hatte sie einen Artikel über ihn im Fortune Magazin gelesen. Darin stand klar und deutlich, dass er offenbar für den finanziellen Erfolg von Whittaker Enterprises verantwortlich war, dem Familienunternehmen, das unerschrocken und aggressiv seine geschäftlichen Ziele verfolgte. Wahrscheinlich war das Matthews nüchternem und offensivem Arbeitsstil zu verdanken.

Kurioserweise hatte der Boston Sentinel ihm das Prädikat „Bostons begehrtester Junggeselle“ verliehen, und das schon zwei Jahre in Folge. Nachdem sein jüngerer Bruder Noah geheiratet hatte, war die Auszeichnung automatisch auf Matthew übergegangen.

Allerdings war er bestimmt nicht hier, um die Dienste ihres Partnerinstituts in Anspruch zu nehmen. Aber weshalb dann? Tatsache war, dass er mit ihr um zwei Uhr einen Termin hatte.

Als ahne er, was ihr gerade durch den Kopf ging, meinte er mit einem beinahe verlegenen Lächeln: „Mich hast du sicher nicht als Kunden erwartet, oder?“

Himmel, nein. Auf keinen Fall. Ihn nun ganz bestimmt nicht. Nicht den Mann, der so nervtötend gelassen geblieben war angesichts ihrer quälenden Schmach vor fünf Jahren. Und der es auch jetzt wieder schaffte, dass sie sich ihrer Weiblichkeit so erschreckend erregend bewusst war.

Doch nun Schluss damit. Sie nickte ihrer Sekretärin zu und blickte dann Matthew aufmunternd an. „Das nicht. Aber komm doch mit in mein Büro. Dort können wir in aller Ruhe über deine Wünsche sprechen. Ich hoffe, wir können dir helfen.“ Er war wohl kaum daran interessiert, einen Computer die Auswahl treffen zu lassen, obgleich diese nüchterne Vorgehensweise zu Matt passen würde – gefühlskalt, wie er zu sein schien.

Er folgte ihr ins Büro und schloss die Tür hinter sich. Sie zog sich den Mantel aus. „Setz dich doch.“ Sie wies auf die Couch. „Möchtest du einen Tee? Oder Kaffee?“

„Nein, danke.“

Am liebsten hätte sie selbst einen Kaffee getrunken, das Koffein würde ihr guttun. Aber sie beherrschte sich und setzte sich auf einen Sessel, der der Couch gegenüberstand.

Er blickte sich in dem Büro um. Ganz offensichtlich fühlte er sich nicht wohl, denn er wirkte rastlos wie ein gefangener Panther.

Sie wartete.

Schließlich blickte er sie an. „Meine Schwester und meine Schwägerinnen sind alle der Meinung, dass es in der Welt sehr viel besser aussähe, wenn ich wie sie glücklich verheiratet wäre.“

Sie wartete.

„Meine Schwester hat vorgeschlagen, dass ich mich an dich wende, damit es auch wirklich klappt.“

Lauren rutschte etwas nach vorn. „Ich kann nur Kunden akzeptieren, die selbst davon überzeugt sind …“

„Sie hat wahrscheinlich recht“, unterbrach er sie schnell.

Oh. Sie lehnte sich wieder zurück. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass du professionelle Vermittlung brauchst, um eine Partnerin zu finden. Schließlich bist du Bostons begehrtester Junggeselle. Schon diese ‚Auszeichnung‘ …“ Sie lächelte spöttisch.

„Dann hast du davon gehört?“

„Natürlich. Ich lese den Sentinel. Außerdem muss ich schon von Berufs wegen über die Junggesellen hier in der Stadt Bescheid wissen.“

„Genau das ist es ja!“ Er fuhr sich aufgebracht durchs Haar. „Seit dieser alberne Titel an mir klebt, bin ich das Opfer aller habgierigen und ehrgeizigen Frauen. Ein Jahr lang der begehrteste Junggeselle zu sein, war schon schlimm genug. Aber jetzt, im zweiten Jahr, wird es allmählich unerträglich. Ich hatte ja schon bei meinem Bruder gesehen, wie skrupellos sich die Frauen auf ihn stürzten, und ich habe keine Lust, dass es mir genauso ergeht.“ Er schwieg und sah Lauren bedeutsam an. „Deshalb bin ich zu dir gekommen.“

Sie schüttelte lächelnd den Kopf. „Ich verstehe zwar, dass du wild gewordenen weiblichen Singles entkommen willst. Aber dieser Wunsch ist etwas ganz anderes als der, eine tiefe Beziehung zu einer Frau aufzubauen. Und nur in diesen Fällen kann ich helfen.“

„Ich bin sechsunddreißig, da wird es Zeit.“

„Zeit?“

Er nickte knapp. „Die letzten zehn Jahre habe ich fast nur im Büro verbracht. Ich möchte nicht erst mit sechzig anfangen, meinen Kindern das Fußballspielen beizubringen.“

Das hörte sich alles sehr sachlich, sehr geplant an. Viel zu nüchtern, dachte sie.

„Außerdem“, fuhr er fort, „habe ich nicht die Zeit, darauf zu warten, dass mir zufällig die Traumfrau über den Weg läuft. Ich bin fest entschlossen, dieses Problem gelöst zu haben, bevor der Sentinel wieder den begehrtesten Junggesellen bestimmt. Und das ist in drei Monaten.“

Aus ähnlichen Motiven kamen viele ihrer Kunden zu Lauren. Wie Matthew waren sie aus beruflichen oder sonstigen Gründen nicht in der Lage, sich für die Partnersuche Zeit zu nehmen. Und da sie es gewohnt waren, dass es für alles eine Lösung gab, gingen sie auch dieses „Problem“ nach dem gleichen Schema an, nach dem sie alles in ihrem Leben regelten. Sie waren bereit, viel Geld auszugeben, damit jemand für sie die untergeordneten Arbeiten erledigte und sie dann später nur noch die Entscheidung zu fällen brauchten.

Da war es nicht überraschend, dass auch Matthew so handelte und glaubte, auf diesem Weg in wenigen Monaten eine Frau zu finden. „Ein Partnerinstitut kann keine Wunder vollbringen“, warnte sie. „Meine Kunden vergessen immer wieder, dass sie bereit sein müssen, Zeit zu investieren. Außerdem gehören persönlicher Einsatz und emotionales Engagement dazu, wenn man eine Beziehung aufbauen will.“

„Das weiß ich doch. Ich bin bereit, Zeit mitzubringen, aber ich erwarte und vertraue darauf, dass diese Zeit nicht verschwendet ist.“ Er grinste. „Es wäre sicher eine fantastische Werbung für Ideal Match, wenn du es schaffst, Bostons begehrtesten Junggesellen unter die Haube zu bringen.“

Da hatte er nicht unrecht. Er war ein viel zu gewiefter Geschäftsmann, als dass er ihr nicht vor Augen halten würde, welche Vorteile sie hätte, wenn sie ihn als Kunden akzeptierte.

Parker, ihr Exverlobter, war genau der gleiche Typ gewesen. Kein Wunder, denn beide hatten ihre Ausbildung an der berühmten Harvard Universität gemacht und waren während des Studiums dicke Freunde gewesen. Die beiden Männer waren sich sicher in Vielem ähnlich.

Lauren dagegen war ein Beispiel für jemanden, der seine Entscheidungen aus dem Bauch heraus und mit dem Herzen traf. Glücklicherweise hatte sie einen Beruf gewählt, in dem ihr diese Eigenschaft von Nutzen war. Allerdings war sie sicher auch die Einzige in dem Gewerbe, die sich kostenlos darum bemühte, dass auch ältere Menschen einen Partner fanden. Denn die Menschen in der Seniorenresidenz, um die sie sich kümmerte, hatten kein Geld, um ihre Dienste zu bezahlen.

Wenn sie es nun schaffte, für Matthew Whittaker die passende Frau zu finden, dann würde diese Tatsache Ideal Match einen enormen Auftrieb geben, und der Name ihrer Agentur wäre in aller Munde. Was spielte es da schon für eine Rolle, dass Matt Zeuge gewesen war, wie sie von seinem Freund sitzen gelassen wurde? Und wusste, dass ihre persönliche Erfahrung in Bezug auf Liebe und Leidenschaft „bis dass der Tod euch scheidet“ gleich null war?

Nein, Matt als Auftraggeber konnte viel für ihr Unternehmen bedeuten. Ganz sicher würde sie sich mit ihm arrangieren. Schließlich war sie mit den schwierigsten Kunden zurechtgekommen, mit viel beschäftigten Managern, die immer wieder Termine versäumten, mit selbstgefälligen Perfektionisten, die meinten, dass jede Frau sich nach ihnen die Finger lecken sollte, und mit exzentrischen Frauen, für die eine pompöse Hochzeit das Wichtigste war.

Wieder blickte Matthew sich in ihrem Büro um. Offenbar gefiel ihm, was er sah. Laurens Räume lagen direkt in der Innenstadt Bostons in einem der schicken neuen Bürotürme. Die meisten ihrer Kunden arbeiteten im Zentrum und erwarteten nicht nur ein bestimmtes Renommee der Agentur, der sie sich anvertrauten, sondern verlangten auch, dass sie schnell erreichbar war.

Doch im Gegensatz zu den modernen Türmen aus Glas und Stahl, hatte Lauren ihr Ambiente sehr wohnlich und warm mit viel Holz gestaltet. Die cremefarbenen Möbel waren äußerst bequem, und wer sich darin niederließ, wurde zusehends ruhiger.

„Das sieht alles sehr gut aus“, meinte Matthew und blickte sie wieder an. „Wann hast du denn dein Institut eröffnet?“

„Das ist jetzt wohl gut vier Jahre her. Du weißt, dass Parker mir einen sehr teuren Diamantring zur Verlobung schenkte. Den habe ich gut angelegt. Das wundert dich wohl, was?“

Warum erzählte sie ihm das alles? Es ging ihn doch nichts an. Andererseits sollte er nicht glauben, dass sie sich vor Scham verkrochen hatte, unfähig, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Zwar war sie kurzfristig versucht gewesen, sich in die tröstenden Arme der Familie in Kalifornien zu flüchten. Aber dann hatte sie es sich anders überlegt und ihre Partnerschaftsagentur aufgemacht.

„Nein, das wundert mich nicht“, sagte er versonnen, fügte dann aber in normalem Tonfall hinzu: „Ich bin froh, dass du gut zurechtgekommen bist.“

„Danke.“ Sie ging nicht weiter darauf ein, denn auf keinen Fall wollte sie mit ihm noch einmal über das sprechen, was damals passiert war.

Es war im Juni gewesen, dem idealen Hochzeitsmonat. Selbst das Wetter hatte mitgespielt, es war sonnig und warm. Aber vom Wetter abgesehen, war nichts so gekommen, wie es geplant war.

Früher als junges Mädchen hatte sie immer Angst, dass ihre Partys ein Flop würden. Bei ihrer Hochzeit jedoch, da sollte alles gelingen, es sollte das größte Fest sein, das sie jemals gegeben hatte. Stattdessen wurde das, was der schönste Tag ihres Lebens hätte werden sollen, zu ihrem schlimmsten Albtraum.

Dennoch, auch diese Schmach verlief anders, als es im Buche steht. Der Bräutigam war nicht einfach abgehauen und hatte es seinem Trauzeugen überlassen, der Braut die schlimme Nachricht zu überbringen. Nein, Parker war höchstpersönlich gekommen. Und sie war auch nicht in Tränen ausgebrochen, sondern hatte die Schultern gestrafft und weitergemacht.

Sie hatte sich gerade in der Hotelsuite frisiert, als Parker die Tür aufstieß. Sie müssten unbedingt miteinander sprechen. An das, was danach kam, erinnerte sie sich wie an einen Film in Zeitlupe. Sie hatte gewusst, was Parker vorhatte, und konnte nichts dagegen tun. Er sagte die Hochzeit ab … er sei unsicher … er habe kein gutes Gefühl … er müsse sein Leben noch allein genießen … es tue ihm leid, wenn er ihr wehgetan habe …

Sie hatte ihn nur angestarrt, unfähig zu reagieren, und war wie paralysiert von dem Schock. Er hatte nicht einmal den Anstand besessen, am Vorabend mit ihr zu reden, sondern hatte es erst am Hochzeitstag getan, als die etwa hundertfünfzig Gäste bereits erwartungsvoll in der Kirche saßen und auf den Altar blickten, auf den sie in der nächsten halben Stunde zuschreiten sollte.

Dann war Matthew festlich gekleidet hinter Parker aufgetaucht. Sein Gesichtsausdruck war abweisend und wie versteinert gewesen, und wenn Lauren sich an irgendeiner Männerbrust hätte ausweinen wollen, auf seine konnte sie nicht zählen.

Doch merkwürdigerweise hatte seine Haltung sie irgendwie gestärkt. Die Gäste wurden über die veränderte Situation informiert, und dann war Lauren mit hoch erhobenem Kopf vor sie hingetreten, und der Empfang nahm seinen Lauf, allerdings für eine Hochzeit, die nicht stattfand. Die Gäste hatten ihren Mut bewundert und nicht die leiseste Ahnung, wie viel Kraft diese Farce ihr abverlangte. Hinterher war sie mit ihrer Trauzeugin „auf Hochzeitsreise“ gegangen, weil die Buchung nicht rückgängig zu machen war – der schlimmste Urlaub ihres Lebens.

Und dennoch hatte sie das Beste aus der verfahrenen Situation gemacht. Sie hatte ihre Anstellung bei einem Eheinstitut gekündigt und sich selbstständig gemacht. Zwar hatte sie selbst keinerlei Absichten mehr, zu heiraten. Aber die bösen Erfahrungen hatten sie gelehrt, sehr viel sorgfältiger als früher darauf zu achten, dass die Partner wirklich zusammenpassten.

Und je mehr glückliche Paare sie zusammenführte, desto besser hatte sie sich gefühlt. Inzwischen hatte sie schon viele Ehen gestiftet, und bei jeder Trauung hatte sie vor Glück geweint.

„Das war wohl ganz schön hart für dich?“, riss Matt sie aus ihren Gedanken.

Er brauchte nicht weiter auszuführen, worauf er anspielte. Sie beide wussten, was er meinte. Doch Lauren wollte nicht mehr darüber sprechen. Sie nahm den Ordner vom Tisch, den Candace dort vorsorglich hingelegt hatte. Zu ihrer Überraschung hatte sie sich dazu entschieden, Matthew als Kunden zu akzeptieren. Vielleicht wegen der Vorteile, die sie sich für ihre Firma davon versprach, vielleicht weil sie ihm beweisen wollte, dass sie ihr Leben fest im Griff hatte.

Sie schlug den Ordner auf. „Und was erwartest du von einer Frau? Was wünschst du dir?“

Dich. Der Gedanke war da, ohne dass Matthew wusste, wo er hergekommen war. Denn bisher hatte er noch nicht detailliert über die passende Frau an seiner Seite nachgedacht.

Laut sagte er: „Sie muss natürlich sein. Mit beiden Füßen auf der Erde stehen.“

„Und sonst?“

„Sie muss Stil haben.“ Ihm war sofort aufgefallen, dass Lauren sehr chic aussah in dem schwarzen V-Pullover zu dem schmalen grauen Rock. Dazu trug sie schwarze elegante Lederschuhe mit hohen Absätzen. Schmuck hatte sie sehr sparsam angelegt, silberne schmale Reifen in den Ohren, eine Armbanduhr und eine eng am Hals anliegende Kette aus kleinen silbernen Perlen.

Jetzt sah sie sich den Fragebogen an, den er im Vorzimmer ausgefüllt hatte, und runzelte die Stirn. „Du hast nicht alle Fragen beantwortet.“

„Nein.“

Sie warf ihm einen missbilligenden Blick zu und vertiefte sich wieder in die Unterlagen.

Während er auf ihren gebeugten Kopf sah, ging Matthew allerlei durch den Kopf. Er musste wieder daran denken, wie ruhelos und unzufrieden er in den letzten Monaten gewesen war, ohne dass er etwas dagegen tun konnte. Es stimmte, in den letzten zehn Jahren hatte er nichts als Arbeit gekannt. Er hatte nicht nur die Firma zu dem gemacht, was sie heute darstellte, sondern sich auch um seine privaten Investments gekümmert, auch das mit viel Erfolg.

Dennoch, wenn er heute mit seinen Geschwistern zusammenkam, fühlte er sich wie ein Außenseiter. Quentin hatte die Innenarchitektin Elizabeth Donovan geheiratet und war Vater eines kleinen Jungen. Allison hatte Connor Rafferty geheiratet, einen alten Freund von Quentin, den er noch vom College her kannte. Und bald danach war Noah mit Kayla Jones zum Altar gegangen. Kayla betreute die Klatschspalte des Sentinel.

Je mehr er darüber nachgedacht hatte, desto sinnvoller erschien es ihm, sich an ein Eheinstitut zu wenden. Denn er würde gnadenlos von heiratswütigen und geldgierigen Frauen verfolgt werden, solange der Sentinel ihm dieses alberne Prädikat verlieh. Aus dem gesamten Großraum Boston waren sie hinter ihm her, es war zum Verrücktwerden.

Warum sollte er es deshalb nicht einmal ein paar Monate mit Ideal Match versuchen? Das sparte ihm ganz sicher Zeit, außerdem war es gut für Laurens kleine Firma. Und nach all dem, was sie durchgemacht hatte, gönnte er ihr den Erfolg.

In genau diesem Augenblick hob sie den Kopf und sah ihn an. Sie klopfte mit dem Stift auf den Fragebogen. „Dann wollen wir mal die leeren Kästchen ausfüllen.“

Bei ihrem geschäftsmäßigen Ton konnte er sich nur mit Mühe das Lächeln verkneifen.

„Welche Haarfarbe gefällt dir am besten?“

Er blickte auf ihr Haar. „Brünett.“

Ihr dunkelbraunes Haar fiel weich über ihre Schultern. Wie gut, dass sie es nicht abgeschnitten hat, dachte er. Es schien sogar noch länger zu sein als früher.

Sie notierte seine Antwort und blickte dann wieder hoch. „Wie alt soll sie sein?“

„Ungefähr Anfang dreißig.“ Wie alt mochte sie jetzt sein? Wie alt war sie damals gewesen? Fünfundzwanzig?

Sie warf ihm einen durchbohrenden Blick zu. „Würdest du auch eine Frau in Erwägung ziehen, die älter ist als du?“

Er grinste. „Das kommt darauf an.“

„Augenfarbe?“

Laurens Augen leuchteten seegrün. Das war ihm damals als Erstes aufgefallen, als Parker ihm seine Verlobte vorstellte. „Ist nicht so wichtig, aber Grün gefällt mir am besten.“

„Größe?“

Er musterte sie. Da sie saß, konnte er die Größe nicht gut abschätzen. Wahrscheinlich war sie nicht viel größer als 1 Meter 60. Groß genug für ihn. „Nicht zu groß.“

Sie blickte ihn skeptisch an. „Du bist über 1 Meter 80. Bist du sicher, dass du eine kleine Frau willst?“

Ja, dachte er, unbedingt. Und ich will sie küssen, wenn sie nur annähernd so verführerische Lippen hat wie du, rosig und voll.

Doch dann rief er sich zur Ordnung. Er war nicht hier, um mit Lauren etwas anzufangen, sondern um sie zu engagieren. Sie war lediglich ein gutes Beispiel dafür, wie seine zukünftige Frau eventuell aussehen könnte. Denn bisher hatte er sich darum noch kaum Gedanken gemacht. Er hatte nur gewusst, was er nicht wollte. Aber als er Lauren wiedersah, wusste er plötzlich auch, was er wollte.

„Ich bin früher auch schon mit kleinen Frauen zusammen gewesen.“ Das war ein bisschen gelogen. „Das ist nichts Außergewöhnliches für mich.“

Sie sah ihn skeptisch an.

Er erwiderte ihren Blick.

Dann beugte sie sich wieder über den Fragebogen, notierte etwas, und als Matthew auch die anderen Fragen beantwortet hatte, legte sie den Ordner auf den Tisch und lehnte sich in ihrem Sessel zurück.

Sie schlug die Beine übereinander, um sie dann gleich wieder nebeneinander zu stellen.

Er wartete schweigend.

Dann räusperte sie sich. „Was ich in den letzten vier Jahren gelernt habe, ist sicher auch für dich interessant. Ich habe festgestellt, dass man nur dann die idealen Partner zusammenbringen kann, wenn man dem Kunden dabei hilft, selbst ein idealer Partner zu sein.“

„Und?“ Was meinte sie damit?

„Ich will damit sagen, dass manche Menschen, und seien sie beruflich noch so erfolgreich, eine gewisse Hilfestellung brauchen, wenn es um das andere Geschlecht geht.“

„Inwiefern?“ Warum kam sie nicht zur Sache? Er war es gewohnt, seine Karten offen auf den Tisch zu legen.

Sie rutschte etwas unbehaglich auf dem Sessel hin und her. „Ich habe den einen oder anderen Artikel über dich gelesen. Und immer wirst du als kühl, überheblich und unberechenbar beschrieben.“

Na und? Er war stolz auf diese Charaktereigenschaften, denn sie hatten ihm in geschäftlicher Hinsicht sehr geholfen, da seine Konkurrenten nie wussten, woran sie bei ihm waren. Und genau das wollte er. Allerdings waren diese Eigenschaften im Privatleben vielleicht nicht so sinnvoll. Aber wenn er mit Lauren zusammen war, war er sowieso ganz anders. Er erinnerte sich noch gut daran, dass er vor fünf Jahren nicht einmal fähig gewesen war, mit ihr eine lockere Unterhaltung zu führen. Von Selbstbewusstsein, geschweige denn von Überheblichkeit, konnte damals nicht die Rede sein.

„Dabei kann Ideal Match dir helfen“, fügte sie schnell hinzu, in der Annahme, die Charakterisierung habe ihn betroffen gemacht. „Bevor wir dich auf eine Frau loslassen, also vor dem ersten richtigen Date, werden wir das ganze Paket gemeinsam durchgehen.“

„Das ganze Paket?“

„Ja. Um dich positiv darzustellen, müssen wir alles ansprechen. Kleidung, Auftreten, Benehmen, Fähigkeiten, eine Konversation zu führen. Na, du weißt schon …“ Sie machte eine wegwerfende Handbewegung, als verstünde sich alles Weitere von selbst.

Matt erinnerte sich, dass Allison meinte, Lauren würde auch Frau Dr. Date genannt. Nun wusste er warum, und das hatte nicht nur mit ihrem Erfolg zu tun. „Dann wirst du mich sozusagen schulen?“

Sie zog kurz die Augenbrauen zusammen. „So ungefähr.“

„Mir nur recht. Du bist engagiert.“ Er war daran gewöhnt, schnelle Entscheidungen zu fällen. Anders konnte man in seinem Business nicht überleben. Er würde also ihre Dienste in Anspruch nehmen und sie gut dafür bezahlen.

Und er würde es sich nicht nehmen lassen, seinerseits Frau Dr. Date ein paar Lektionen zu erteilen.

2. KAPITEL

Luxuriös. Wieder kam Lauren dieses Wort in den Sinn, als sie den Fahrstuhl in Matts Wohnhaus betrat.

Der Portier hatte sie bereits per Telefon angemeldet. Sie hatte gehört, wie Matt ihm sagte, er solle sie heraufführen. Offenbar hatte Matt über das Wochenende keine Haushälterin. Das musste sie unbedingt später in ihren Unterlagen festhalten. Denn es hatte sich herausgestellt, dass auch die kleinste Information über einen Kunden wichtig sein konnte, um den richtigen Partner zu finden.

Sie hatten sich für diesen Sonnabend, einen anderen freien Termin konnte er nicht finden, in seinem Apartment verabredet. Dies sollte das erste Treffen sein, um ihn sozusagen in Form für die passende Frau zu bringen.

Unhörbar glitten die Fahrstuhltüren zusammen, und sie fuhr nach oben. Die mit Holz getäfelten Wände und der Teppich im Orientmuster verstärkten den Eindruck von Reichtum und Luxus, den schon die Eingangshalle vermittelt hatte. Wieder fragte sich Lauren, ob sie noch ganz bei Trost gewesen war, diesen Auftrag anzunehmen.

Sie konnte nur dann ihren Beruf erfolgreich ausüben, wenn sie einen bestimmten emotionalen Abstand zu ihren Kunden wahrte. Und das war bei Matt ganz sicher nicht der Fall, denn er war mit dem größten Drama ihres Lebens eng verknüpft.

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