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Ein erotisches Angebot

1. KAPITEL

London, Juni 1812

Unzählige Lichter funkelten in den Ulmen der Vauxhall Gardens, und zwischen den Wasserspielen und Kaskaden, in den Kolonnaden und Laubengängen tummelte sich in dieser Nacht der Masken eine bunt gemischte Menschenmenge.

Inmitten dieser Wunder stand mit wild klopfendem Herzen Margaret Leigh. Sie war hergekommen, um einen Herrn zu treffen, einen Herrn, der für ihre Gesellschaft zahlen wollte.

„Willst du es wirklich tun, Maggie?“ Ihr Cousin runzelte kritisch die Stirn. „Es widerspricht dem Anstand.“

Sie warf ihm einen amüsierten Blick zu. „Ausgerechnet du sprichst von Anstand?“

Henry war schon immer das schwarze Schaf der Familie gewesen. Sohn eines Schulmeisters und Neffe eines Pastors, lief er dennoch, kaum dass ihm der Flaum wuchs, davon und schloss sich einer Theatertruppe an, um Schauspieler zu werden. Inzwischen allerdings war von der Familie kaum noch jemand da, der ihn deswegen hätte verurteilen können; nur Margaret und ihr jüngerer Bruder lebten noch.

Henry nickte und winkte verächtlich ab. „Ach, zum Teufel mit dem Anstand! Das Leben ist zu kurz, um sich nicht zu vergnügen, so gut man kann.“

Margaret stieß nervös den Atem aus. „Nun, zurzeit kann ich mir weder Vergnügen noch Anstand leisten.“

Voller Mitgefühl schürzte Henry die Lippen. Da er enge grüne Hosen und ein grünes Wams trug und dazu Hörner auf dem Kopf, wirkte er mit diesem Ausdruck ausgesprochen komisch.

Margaret unterdrückte ein Lachen.

Derzeit trat Henry in einigen kleinen Rollen im Covent Garden Theater auf. Das Kostüm des Puck, das er trug, stammte von dort, und für Margaret hatte er ein Feenkleid ausgeborgt – ein Gewand in zartestem Rosa aus vielen Lagen hauchfeinen Schleierstoffs, sodass sie dahinzugleiten schien, anstatt zu schreiten. Noch nie hatte sie eine so wunderschöne Robe getragen.

„Da sind wir“, rief Henry, als sie die Pavillons am South Walk vor sich sahen.

Margaret, Tochter eines verarmten Geistlichen, und ihr Cousin Henry, ein unbekannter Schauspieler, sollten bei dem Duke of Manning zu Gast sein. Derselbe hatte für das Maskenfest mehrere nebeneinanderliegende mit Blumen und bunten Seidenbahnen geschmückte Logen gemietet. Schon drängten sich darin die Gäste. Die meisten Herren trugen schwarze Dominos, die Damen jedoch glänzten mit den unterschiedlichsten Kostümen, vom ländlichen Milchmädchen bis zur ägyptischen Pharaotochter. Margarets besagter Gentleman hatte arrangiert, dass ihr Treffen inmitten der Freunde des Dukes stattfand.

Reuig lächelnd sah Margaret ihren Cousin an. „Wenn unsere Eltern uns jetzt sehen könnten.“

Henry lachte. „Wahrscheinlich drehen sie sich im Grabe um. Ich höre förmlich deinen Vater.“ Er gestikulierte, als stünde er predigend auf einer Kanzel. „Ich aber sage euch, dass ihr nicht Umgang pflegen sollt mit Ehebrechern …

Margaret stiegen Tränen in die Augen. „Du klingst wahrhaftig wie er.“

„Mein schauspielerisches Talent …“, meinte Henry sachlich.

Vor gerade einmal zwei Monaten war ihr Vater unverhofft an einem Schlaganfall dahingeschieden, und immer wieder einmal überkam sie zu den unmöglichsten Zeiten die Trauer. Er war aus seiner Generation der Letzte gewesen. Nun sind wir Waisen, dachte sie.

Henry setzte ein aufmunterndes Lächeln auf und stieß sie kameradschaftlich an. „Ich wage zu behaupten, dass dein Vater den Duke of Manning nicht als anständige Gesellschaft für dich betrachtet hätte.“

„Und seinen Freund auch nicht.“ Den Herrn, mit dem sie sich treffen wollte.

Der berüchtigte Duke of Manning war mit der Gemahlin des Earl of Linwall durchgebrannt, lebte nun mit ihr zusammen und hatte mit ihr mehrere Kinder gezeugt. In dieser Loge hier waren der Duke und seine Lady leicht zu erkennen. In Kostüme des vergangenen Jahrhunderts aus schimmernden Brokatstoffen gekleidet, begrüßten sie ihre Gäste.

„Für ein Paar, das in Sünde lebt, sehen sie außerordentlich glücklich aus“, meinte Margaret.

„In der Tat. Der Lohn der Unanständigkeit.“ Henry nahm sie beim Arm und zog sie mit sich.

Sie wiesen dem Lakaien am Eingang der Loge ihre Einladungen vor und wurden eingelassen. Margaret musterte all die schwarzen Dominos. Seiner sei rot abgefüttert, hatte er ihr geschrieben.

Doch sie konnte kein Rot entdecken.

Sie erinnerte sich an die Anzeige in der Times.

Gesucht – gebildete Dame vornehmer Abstammung als Gesellschafterin. Wohlhabender Gentleman bietet großzügige Vergütung.

Margaret hatte darauf geantwortet. Sie antwortete auf jede Anzeige, in der eine Gouvernante oder Gesellschafterin gesucht wurde. Andere Berufe gab es für Frauen ihres Standes kaum. Bisher hatte sie keinen Erfolg gehabt. Als daher der in der Anzeige erwähnte Gentleman einen Lakai mit einer schriftlichen Antwort schickte, stieg ihre Hoffnung.

Und zerschellte sofort wieder.

Die Gesellschaft, die der Herr suchte, war anderer Natur, als sie es sich vorgestellt hatte. Er suchte eine Mätresse.

In seinem recht geistreichen Antwortbrief klang unterschwellig schmerzlich empfundene Einsamkeit an. Margaret antwortete ihrerseits, obwohl es höchst unschicklich war. Sie schrieb eine höfliche Absage.

Er schrieb zurück.

Wieder und wieder schrieb er, charmante Briefe, voller Esprit und verzweifelter Einsamkeit, in denen er sie zu überreden suchte. Jedes Mal sagte sie ihm ab, doch bald schon war es täglich ihre größte Freude, seinen Lakai mit einem Schreiben eintreffen zu sehen. Sie konnte seine Briefe gar nicht schnell genug lesen.

Schließlich schlug der Gentleman eine Zusammenkunft vor, für die er ihr zwanzig Pfund zahlen würde. Das Treffen, bot er an, sollte auf ebendiesem Maskenfest in Vauxhall stattfinden.

Zwanzig Pfund – beinahe so viel, wie sie als Gesellschafterin einer alten Dame in einem ganzen Jahr verdienen würde.

Und sie brauchte das Geld ganz verzweifelt.

Während dieser Überlegungen hatte ihr Cousin sie zu einem Tisch mit Erfrischungen geführt, und sie nahm sich ein Glas Claret, in der Hoffnung, dass der Wein sie ein wenig beruhigen werde.

„Sieh es als Abenteuer“, meinte Henry.

„Ja, ein Abenteuer“, flüsterte sie vor sich hin, trank ihr Glas leer und nahm gleich ein zweites.

„Guter Gott!“, rief Henry begeistert. „Da ist Daphne Blane!“

Daphne Blane war der Liebling der Londoner Bühnen, eine außerordentlich gefragte Hauptdarstellerin, die man zurzeit privat sehr oft an der Seite eines Aristokraten sah.

„Woran erkennst du das?“ Margaret sah nur eine Frau in antikem griechischem Kostüm mit einer goldenen Maske vor dem Gesicht.

„Aber sie ist unverwechselbar!“ Henry setzte sein Glas ab. „Ich muss sie unbedingt begrüßen. Es wird sie beeindrucken, dass ich zu den Gästen gehöre.“

Ohne Henry sank Margaret der Mut. Sie sollte sich davonmachen, hinunter zu den Kähnen laufen, die die Besucher über den Fluss zurück in die Stadt brachten, und sehen, dass sie heimkam.

Stattdessen trank sie einen weiteren Mut befeuernden Schluck Wein und hielt Ausschau nach einem unauffälligen Winkel, in den sie sich zurückziehen könnte.

Eine junge Frau im Schäferinnenkostüm trat an sie heran. „Kenne ich Sie?“

Mochte Gott verhüten, dass jemand hier sie kannte! Dann wäre sie nie hergekommen.

„Oje, das klang plump, nicht wahr?“ Die maskierte junge Dame zog eine Grimasse.

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