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Ein einziger Faden

„Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, der wird am Ende beides verlieren.“

Benjamin Franklin (1706–1790)

Prolog

Die Tür zum Büro steht einen Spalt breit offen. Beim Blick hindurch fallen sofort die raumhohen Fenster ins Auge, die das Zimmer von zwei Seiten begrenzen. Über den Himmel davor ziehen dunkle Wolken. Gischt spritzt von außen gegen das Sicherheitsglas. Das Meer tobt wie ein wildes Tier. Schaum tanzt auf den mächtigen Wellen, die ohne Unterlass heranrollen. Lediglich ein Stück Felsen, auf dem das Haus einsam thront, ist zu erkennen. Sonst ist da nur Wasser und das scheint zu brüllen: „Du gehörst hier nicht her!“ Der Raum an sich ist karg eingerichtet, außer einem imposanten Schreibtisch aus hellem Holz und einem großen, modernen Stuhl gibt es hier nicht viel. Auf dem Tisch steht eine Tasse aus dünnem Porzellan, aus der Dampf aufsteigt. Es duftet nach frisch gebrühtem Kaffee. Das leuchtende Hologramm eines Computerbildschirms erhebt sich dahinter. Zwei weitere sind rechts und links leicht schräg zu dem ersten angeordnet. Auf ihnen blinkt und flimmert es. Auf einem lassen kleine Fenster Einblicke in die Leben von Menschen zu, die rund um die Uhr gefilmt und beobachtet werden. Da ist das Paar, das seit inzwischen zwei Jahren versucht, ein Kind zu bekommen – und keinen Erfolg damit hat. Wie so oft weint die Frau, der Mann gibt sein ganzes Herz, um sie zu trösten. Vergebens. Da ist die junge Angestellte, die allein in einer elegant eingerichteten Wohnung lebt und die meiste Zeit mit ihrer Arbeit verbringt, die sie problemlos zu Hause verrichtet. Abends steht sie immer öfter mit einem Glas Rotwein in der Hand am Fenster und blickt sehnsuchtsvoll in die Ferne. Sie wirkt in sich gekehrt, ihre Augen sind müde. Da ist der ältere Herr, der vor sieben Monaten Witwer wurde. Und nun versucht, seinem Leben in Stille und Einsamkeit einen neuen Sinn zu geben. Da ist die Wohngemeinschaft aus drei jungen Studenten, von denen einer allmählich die Geduld verliert. Manchmal, wenn er in seinem Zimmer ist und seine Mitbewohner längst schlafen, trommelt er mit seinen Fäusten wütend auf ein Kissen ein. Er würde dabei am liebsten laut schreien. Doch die anderen sind nah und er lässt nicht zu, dass sie seinen Schmerz hören. Auf einem der Computer laufen unablässig Nachrichten durchs Bild. Meldungen aus aller Welt erscheinen, wie von magischer Hand geschrieben. Weiße Buchstaben auf schwarzem Grund. Gibt es einmal eine kurze Pause in dieser Flut, blinkt der Cursor hinter dem letzten Satzzeichen bereits ungeduldig. So als würde er darauf warten, dass endlich etwas geschieht und es weitergeht. Mehr, immer noch mehr. Auf dem dritten Bildschirm zeigen Diagramme Messwerte an, die stetig aktualisiert werden und die zu den Menschen passen, die in den kleinen Fenstern gegenüber zu erkennen sind. Sind ihr Herzschlag und ihr Puls in Ordnung? Wie viele Stunden haben sie in der letzten Nacht geschlafen und wie ausgeruht sind sie? Auf welche Weise hat sich das Volumen ihres Gehirns verändert, wie steht es um die Größe von Präfortalem Cortex und Mandelkern? Wie hoch ist der Füllstand ihrer Medikamente?

Teil 1

Kapitel 1

Pina schlägt mit der flachen Hand zweimal hintereinander auf ihren Schreibtisch aus hellem Erlenholz. Das krachende Geräusch, das dabei entsteht, widerspricht der Haptik unter ihren eisig kalten Fingern. Das Holz fühlt sich samtig weich an und ist gleichzeitig unzerstörbar hart. Der bläulich flimmernde Bildschirm, der perfekt auf ihre Augen- und Sitzposition eingestellt ist, verschwindet mit den Schlägen von einer Sekunde auf die andere ins Nichts. An seiner Stelle erscheint ein gerahmtes Foto, auf dem ein glückliches Paar abgebildet ist, das in die Kamera lächelt. Die beiden halten sich fest an den Händen und spazieren an einem herrlichen Sommertag durch einen uralten Olivenhain. Der strahlend blaue Himmel und das Silbergrün der Blätter um sie herum sehen so real aus und bilden einen so krassen Kontrast zueinander, dass es Pina in den Augen schmerzt. Sie kneift ihre Lider zusammen, öffnet sie weit, kneift sie wieder zusammen und wirft einen letzten Blick auf das Foto, das ihr alles bedeutet. Sie neigt leicht ihren Kopf zur Seite und nickte den beiden lächelnd zu. Dann fasst sie die wollene Strickjacke, die sie über der eleganten, weißen Bluse trägt, mit beiden Händen an den Knopfleisten und zieht diese fest um sich herum. Sie fröstelt.

Einen Augenblick später steht sie von ihrem Schreibtisch auf, verlässt den ansonsten spärlich eingerichteten Raum und begibt sich über den Flur in ihre geräumige Küche. Dort glänzen die Schrankfronten, Armaturen und die Spüle klinisch sauber, nichts davon scheint sie regelmäßig zu benutzen. Die Chromteile blitzen so blank, dass sie sich in ihnen spiegelt. Sie erkennt ihr dunkles Haar, das wie immer zu einem strengen Zopf gebunden ist, der auf ihrem Oberkopf bei jeder Bewegung leicht hüpft. Ihre braunen Augen fixieren den nagelneuen Imaterialisator. Ein grünes Licht blinkt oben in einer Reihe von Anzeigen. „Ein gutes Zeichen“, murmelt Pina und geht zielstrebig auf das Gerät zu. Sie tippt eine Zahlenfolge ein und die Tür öffnet sich lautlos. Im Imaterialisator steht – wie bestellt – ein Teller mit einem dampfenden Nudelgericht und passendem Besteck dazu. Sowie ein extra dünn geschliffenes Glas und eine Flasche Xinomavro, bereits entkorkt und auf die perfekte Trinktemperatur gekühlt. Sie stellt die Nudeln auf die Anrichte und nimmt das Glas aus dem Imaterialisator. Sie gießt sich einen großzügigen Schluck des griechischen Rotweins ein. Leicht schwenkt sie das Glas, dessen Stiel so dünn ist, dass er zwischen ihren Fingerkuppen verschwindet. Sie riecht an der dunkelroten Flüssigkeit und kostet ein wenig davon. Woher ihre Vorliebe für genau diesen Wein stammt, kann sie sich nicht erklären. Doch seine herausfordernde Säure belebt ihren müden Geist jedes Mal aufs Neue. Mit dem Weinglas in der Hand macht sie sich auf den Weg in ihr Wohnzimmer und stellt sich an das imposante Panoramafenster. Davor fällt ein üppig bewachsenes Tal steil ab. Es wechselt sich mit kleineren Hügeln ab, auf denen hin und wieder rotgedeckte Häuschen stehen. Etwas weiter in der Ferne erhebt sich eine schroffe Felsformation, hinter der die Sonne langsam untergeht. Zwischen sich und den grauen Felsen entdeckt Pina das ihr vertraute Glitzern in Silbergrün. Die letzten Sonnenstrahlen und der leichte Wind sorgen für diesen Effekt, für den sie jeden Abend aufs Neue ihren Schreibtisch verlässt. In dem Tal unter ihrem Fenster wachsen fast eine Million uralter Olivenbäume. Zu weit entfernt, um jeden von ihnen als einzelne Pflanzen wahrnehmen zu können. Nah genug, um das Glitzern zu bestaunen. Vor ihren Augen verschmelzen die Bäume zu einem Meer aus wogendem Grün. Wie gerne wäre sie jetzt genau dort unten.

„Pina, in zwei Minuten verliert die Pasta ihre optimale Esstemperatur.“ Die Stimme, die im Hintergrund ertönt, lässt sie zusammenzucken. Obwohl ihr blecherner Klang sie jetzt bereits seit einer Weile begleitet, fragt sich Pina, ob sie sich je daran gewöhnen wird. Sie seufzt einmal tief, schüttelt den leidigen Gedanken ab und folgt dem Rat. Zurück in der Küche setzt sie sich an den runden Esstisch mit dem kunstvoll gedrechselten Fuß, an dem zwei passgenau designte Stühle stehen. Ohne großen Appetit schlingt sie ihre Nudeln hinunter. In der Sekunde saust ein leises Zischen an ihrem Ohr vorbei, es kündigt einen Videoanruf an. Auf dem Tisch, gleich neben Pinas Teller, erscheint ein Bildschirm, der in seiner Größe perfekt auf das Platzangebot angepasst ist.

„Du erhältst einen Videoanruf von Mary. Soll ich diesen für dich annehmen?“

Pina würgt die Nudeln hinunter, die sie sich gerade in den Mund geschoben hatte. Dabei verschluckt sie sich und antwortet, während ein Hustenanfall ihren zierlichen Körper schüttelt.

„Ja, bitte annehmen.“

Es zischt erneut. Und schon erscheint Marys rundes, liebes Gesicht in dem leuchtenden Rechteck neben Pinas Teller. Ihre Freundin winkt wie verrückt in die Kamera und plappert sofort drauflos. Das erheitert Pina und gibt ihr gleichzeitig die Möglichkeit, zu Atem zu kommen und ihre Mahlzeit zu beenden.

„Hast du von dieser neuen Möglichkeit gehört? Bestimmt hast du schon davon gehört! Ich bin ja so aufgeregt. Du hast ja keine Ahnung, wie aufgeregt. Kannst du dir das vorstellen? Ich kann wieder arbeiten gehen. Sie wollen diese verrückte Technologie tatsächlich dafür nutzen, dass ich meinen Beruf wieder ausüben kann. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll, ich bin so überglücklich!“

„Mary!“ Pina verkneift sich ihr Lachen nicht länger und prustet los. „Mary! Stopp! Ich kann dir nicht folgen. Hole mal Luft. Was ist neu? Wie kann es sein, dass du wieder arbeiten gehen kannst?“

„Oh, entschuldige, ich dachte, du wüsstest was. Dein Vater wüsste vielleicht was? Du bist doch immer die erste, die alles Neue erfährt.“

„Ich habe nichts von meinem Vater darüber gehört. Jetzt schieß schon los, was ist das für eine verrückte Technologie?“

„Mit ihr kann man endlich wieder Menschen treffen. Pina, nach all den Jahren!“

„Wie soll das denn möglich sein?“, fragt Pina, die die Skepsis in ihrer Stimme nicht unterdrücken kann.

„Na ja, nicht in echt natürlich. Aber man kann digitale Räume betreten. Frag mich nicht, wie das funktionieren soll. Aber ich habe es so verstanden. Es öffnet sich eine Tür, ähnlich wie die Computer-Holos erscheinen, und durch diese Tür kann man dann einen anderen Raum betreten. Und jemand anderes kann das von seiner Seite aus eben auch. Dann begegnet man sich in einem Raum. Herrgott, ich weiß es doch auch nicht besser!“

„Dein Ernst?!?“

„Ja! Das Grandiose ist, dass die Kinder ebenfalls durch diese Türen treten können, die in ihrem Zuhause erscheinen. Und ich eben auch. Und dann können wir alle in diesem digitalen Kindergarten zusammen sein. Ich glaube, es funktioniert ein bisschen wie diese Brillen, die man aufsetzt und zack ist man am Strand, wandert in den Bergen oder fliegt durchs Weltall. Du weißt schon, diese Brillen, die es früher einmal gegeben hat. Damals, bevor dieser Wahnsinn hier seinen Lauf nahm.“

„Aber das hört sich ja fantastisch an! Dann kannst du wirklich wieder mit deinen Kindern arbeiten. Das hast du dir so sehr gewünscht.“

„Ich kann dir gar nicht sagen, wie froh ich darüber bin. Und stell dir vor, wenn das gut funktioniert, dann können wir das vielleicht auch privat nutzen. Dann sehen wir uns endlich alle wieder. Wenn es klappt, dann öffnen sie die Technologie ganz bestimmt für alle Leute und alle möglichen Gelegenheiten. Dann können wir uns bei mir oder bei dir zum Essen treffen oder zum Quatschen. Pina, das wäre der helle Wahnsinn!“

Pina bemüht sich darum, ihrer aufgeregten Freundin zu folgen. Gleichzeitig verschlägt es ihr fast die Sprache und eine einzelne Träne der Erleichterung rinnt über ihre Wange. Das Leben und der Alltag haben sich besonders in den vergangenen vier Jahren für sie alle radikal geändert. Aber es liegt auch so viel Positives und Hoffnungsvolles in all den Neuerungen, die fast monatlich verkündet werden. Ein schier unglaublicher Fortschritt in Technik und Digitalisierung rast wie eine Tsunamiwelle über sie hinweg. Und nun bekommen sie wohl wirklich die Chance, sich bald wieder miteinander zu treffen. Sich bald wieder wie in einer längst untergegangen geglaubten Normalität zu bewegen. Die Erinnerungen an ihr Leben davor verblassen von Tag zu Tag mehr. Sie sind wie alte Polaroidfotos aus der Jugend ihres Vaters, die er in einer kleinen Pappkiste aufbewahrt. Während sie an den Rändern verschwimmen, sich in ein nebulöses Nichts auflösen, bleiben ein paar hartnäckige bunte Flecke darauf erhalten. Sie sind wie Pinas Sehnsüchte, ihre tiefen Emotionen und Hoffnungen, die immer da sind und sich niemals gänzlich auslöschen lassen. Diese bunten Flecken erinnern sie daran, dass ihr Leben einstmals völlig anders verlaufen war. Dass es nicht nur aus Arbeit, Essen und Schlaf, sondern ebenso aus Lachen, festen Umarmungen und zärtlichen Berührungen bestand. Die beiden Freundinnen schauen sich durch die Kamera hindurch in die Augen, so gut es eben geht. Dann stoßen sie virtuell mit ihren Gläsern auf diese aufregende Nachricht an, die sie beide in Hochstimmung versetzt. Schweigend lassen sie die nächsten Minuten an sich vorüberziehen, trinken ein paar Schlucke von ihrem Wein. Aber mit jedem Moment wird aus dem zarten Lächeln in Marys Gesicht ein breiteres Grinsen. Sie kann nie lange still sein oder Trübsal blasen. Und so plappern sie bald wieder, lachen über eine Serie, die sie auf einem der beiden verbliebenen TV-Kanäle gesehen haben. Sie diskutieren sich die Köpfe heiß über ihre Freundin Hannah, die erneut hofft, schwanger zu sein. Mary erzählt etwas von ihrem Mann Fritz, doch Pina hört nur noch mit einem halben Ohr zu. In Gedanken sieht sie alle ihre Lieben um einen großen Tisch versammelt, gemeinsam schlemmen und sich dabei in die Gesichter schauen. Es würde einfach nur fantastisch werden!

„Mary, ich glaube, ich muss bald Schluss für heute machen. Mir fallen schon die Augen zu. Den ganzen Tag vor dem Bildschirm… Und morgen wird es bei all meinen Terminen nicht besser. Sei mir nicht böse!“

„Ach was! Geh schlafen, ruh dich aus. Wir sprechen uns die Tage wieder und dann erzähle ich dir, wie es mit dem digitalen Kindergarten läuft. Ob alles gut geklappt hat!“

„Ja, mach das unbedingt. Gute Nacht, Mary.“ Pina klatscht zweimal in ihre Hände, das Gesicht ihrer Freundin verschwindet und mit ihm der kleine, leuchtende Bildschirm neben ihrem Teller. Inzwischen ist es finster in ihrer Küche geworden.

„Soll ich das Licht für dich anschalten?“, fragt die Stimme aus dem Hintergrund.

„Nein, das ist nicht nötig. Ich gehe gleich ins Bett schlafen“, antwortet Pina ihr ins Dunkel hinein. Manchmal vergisst sie, dass der Stimme ein simples „Ja“ oder „Nein“ ausreicht, dass sie nicht nach einer Erklärung verlangt. Manchmal erscheint sie ihr wie ein neuer Freund, an den sie sich noch immer nicht gewöhnt hat, wie ein Partner, mit dem sie sich das Appartement teilt. Pina steht auf, stellt den leergegessenen Teller, das Weinglas und die halbvolle Flasche Xinomavro in den Imaterialisator, tippt auf dem beleuchteten Tastenfeld herum und verschließt das Gerät. Daraufhin geht sie hinüber ins Badezimmer und startet mit ihrer Abendroutine. Sie zieht ihre Kleider aus, putzt sich die Zähne und öffnet im Anschluss das Schränkchen, in dem schon ihre tägliche Medikamentenration für sie bereitliegt. Sie nimmt die Pillen in der vorgeschriebenen Reihenfolge und schaut sich nach ihrer Bodylotion um, die nicht an ihrem Platz steht. Kurz darauf findet sie die Tube versteckt hinter dem Föhn, wo sie sie am Morgen vergessen hat. Pina drückt etwas von der samtigen Lotion heraus, verteilt sie großzügig auf den Beinen, ihrem Bauch und den Armen. Sie massiert sie gründlich mit kreisenden Bewegungen ein, bis nichts mehr von dem hellen Film auf ihrer Haut zu erkennen ist. Sie streichelt sich ein weiteres Mal sanft über ihren Hals und die Brüste. Sie schlingt ihre Arme um sich, schließt die Augen und genießt für einen kurzen Augenblick ihre eigene Wärme. Dann steigt sie in ihren seidenweichen Pyjama, der sich wie eine zärtliche Umarmung anfühlt. Im Schlafzimmer lässt sie die Stimme gar nicht erst das Oberlicht einschalten. Sie findet ihr Bett blind, schlüpft unter die schwere Decke und fällt auf der Stelle in einen traumlosen, tiefen Schlaf, der ihr die Kraft und die Energie für den kommenden Tag bringen soll.

Kapitel 2

„Deine digitale Silvesterparty startet in 30 Minuten“, tönt die Pina immer vertrauter werdende Stimme aus dem Lautsprecher. Der ist so perfekt in die Decke ihres Appartements integriert, dass sie seine Lage nicht ausmachen kann. Sie streckt Arme und Beine unmotiviert in die Höhe und schwingt sich mit einem Ruck von ihrem bequemen Sofa mit den tiefen Polstern empor. Wieder ist ein Jahr vergangen, ist es das vierte oder fünfte seit dem großen Unglück? Zwar erinnert sie sich genau, aber ihre Tage fließen ineinander. Einer gleicht dem anderen, eine Woche der anderen, ein Jahr ist inzwischen exakt wie das zuvor. Arbeit, Essen, Yoga, Schlaf – und von vorne. Einzig die Momente am Fenster mit dem vertrauten Ausblick geben ihr Halt. „Irgendwann!“, sagt sie laut vor sich hin. „Irgendwann werde ich dort unten an diesem Ort sein.“ Aber nicht heute. Heute wird gefeiert. Das kommende Jahr und eine Errungenschaft, auf die sie seit Wochen gewartet hat. Endlich ist der Tag gekommen, an dem es zum ersten Mal allen erlaubt ist, die Technologie auszutesten, über die sie einst mit ihrer Freundin Mary sprach. Diese neue Technologie, die es ihnen ermöglicht, sich zu begegnen. Seit Tagen wird sie von der Firma in allen Nachrichtensendungen als die bedeutendste Erfindung seit Inkrafttreten der so wichtigen Isolationsmaßnahmen angepriesen. Und diese soll mit alle Bürgern und Bürgerinnen zum Jahreswechsel gebührend gefeiert werden.

Pina lockert ihre verspannten Schultern, reibt sich die Müdigkeit des verplemperten Nachmittags aus den Augen. Einerseits ist sie neugierig auf diese bahnbrechende Erfindung, andererseits steht ihr der Sinn kein Stück nach einer Silvesterparty. Aber was unternimmt man sonst am letzten Abend des Jahres 2026? In ihrem Schlafzimmer dreht sich der Teil ihres Kleiderschrankes, in dem die festliche Garderobe hängt, wie eine Drehtür. Er erinnert sie an die Tür in dem Gebäude, in dem sie früher gearbeitet hat. Erinnerungsfetzen von Diskussionen mit Kollegen, dreckigen Kaffeetassen in der Spülküche und einem großen Büro voller plappernder Menschen tauchen vor ihrem inneren Auge auf. Flashbacks, die aber sofort in ein undefinierbares Nichts zusammenfallen und ihr lediglich wie ein Film erscheinen, den sie einmal gesehen hat. Als sie vor dem Schrank anhält, stellt dieser seine Drehungen ein und präsentiert ihr ein smaragdgrünes Kleid, das von feinen Silberfäden durchwirkt ist. Im richtigen Licht würden die zauberhaft schimmern. Pina seufzt. Das Kleid und seine Farbe gefallen ihr. Und wenn der Schrank es vorschlägt, dann sollte sie es wohl auch anziehen. Sie schlüpft aus dem bequemen Einteiler, dessen Samtstoff so angenehm wärmt und ihr stets eine wohlige Umarmung schenkt. Sie betrachtet sich in dem großen Spiegel der Schranktür, lässt den Blick von oben nach unten über ihren Körper gleiten. Ja, da ist sie noch, die Pina von früher. Aber die letzten Jahre haben ihr Äußeres verändert, selbst in den eigenen Augen wirkt sie ungelenk, ihre Haut ist matt und blass. Aber das ist ein geringer Preis! Sie nimmt das smaragdgrüne Kleid von dem mit Stoff bezogenen Bügel. Es passt perfekt, endet exakt zwei Zentimeter über dem Knie und der spitze Ausschnitt lässt nur so viel vom Ansatz ihrer Brüste erkennen, wie sie es sich selbst ohne Scham gestattet. Ohne Vorankündigung verändert sich das Licht im Raum, es wird schummrig. Der Kronleuchter über ihrem Kopf verwandelt sich in eine metallische, um die eigene Achse rotierende Kugel, die Lichtpunkte und Spiegelungen an Decke und Wände wirft. In der Spiegeltür erkennt Pina den Glitzereffekt der hauchdünnen Silberfäden, bestaunt ihn aus weit aufgerissenen Augen. Sie lächelt müde über ihre eigene Begeisterungsfähigkeit. Die Kleiderwahl ihres Schrankes ist perfekt, so wie sie es gewohnt ist. Sie begibt sich in ihr Bad. Dort frischt sie ihr festliches Make-up auf, das sie früher am Nachmittag bereits sorgfältig aufgetragen hat. Sie nahm sich extra viel Zeit dafür, denn inzwischen ist es eine ungewohnte Übung, mit Stiften, Pinseln und Quasten zu hantieren. Nur selten macht sie sich diese Mühe noch. Zum Abschluss zieht Pina an dem großen, festen Gummi, der ihr Haar zusammenhält. Ihr üblicher Zopf löst sich auf und ein Schwall dunkler Wellen ergießt sich über ihren schmalen Schultern.

Vom Wohnzimmer her vernimmt sie leise Musik, die langsam anschwillt. Die sie lockt und auffordert, zu der Party zu gehen. Im Laufen zieht sie sich die Pumps über ihre nackten Füße. „Autsch“, flucht sie. Auch an diese unbequemen Dinger ist sie inzwischen nicht mehr gewöhnt. Die spitzen, hohen Schuhe fühlen sich wie Fremdkörper an, sie quetschen ihre Zehen in eine Position, aus der es kein Entrinnen gibt. Sie wischt sich über die Handflächen und an der Wohnzimmerwand erscheint zum ersten Mal die versprochene Tür. Ihr Rahmen wird von Tausenden Lichtern umsäumt. Funken sprühen und die Wand wirkt plötzlich instabil. Alles scheint zu schwanken, sich in leichten Wellen zu bewegen. Als sie auf den hellen Rahmen zugeht, verschwindet die Mauer und ein Durchgang öffnet sich. Die Musik wird augenblicklich lauter, fröhlich plappernde Stimmen sind dahinter zu vernehmen, Gläser klirren. Von der Decke hängen hunderte der metallischen Kugeln herab, von denen eine gerade noch Pinas Schlafzimmer erstrahlen ließ. Bunte Lichter zucken durch einen riesigen und festlich geschmückten Raum. Sie blinzelt und schaut sich hilflos um, sie sucht nach einem Orientierungspunkt auf der anderen Seite. Vorsichtig streckt sie ihren Arm aus, legt die Hand zaghaft und flach auf eine heller flimmernde Stelle. Das vertraute, leise Zischen erklingt und zeigt an, dass das System ihren Handabdruck erkennt und akzeptiert. Die Luft um sie herum ist augenblicklich wie elektrisiert, der gesamte Raum wird in immer heftigere Schwingungen versetzt. Sie setzt vorsichtig einen Fuß über die imaginäre Schwelle. Das ist sie also! Das ist die neue Möglichkeit, Menschen zu treffen, wieder Begegnungen erleben zu dürfen. Sie zögert kurz, bevor sie ihren zweiten Fuß folgen lässt. Ganz ohne jeden Widerstand betritt sie den Saal, der bereits mit fröhlichen Feiernden angefüllt ist. Unter ihnen erkennt sie einige ihrer Freunde, die ihr zur Begrüßung aufgeregt winken.

Kapitel 3

„Begeben Sie sich zügig durch die Schleuse und gehen Sie anschießend direkt an ihren Arbeitsplatz!“ Die Stimme aus dem Lautsprecher, die tagein und tagaus den gleichen Satz wiederholt, klingt kratzig und bestimmend. Sie hört sich ein bisschen so an, als sei sie es endgültig leid, immer dieselben 15 Wörter aufzusagen. Der komplette Ablauf ist wie am Tag zuvor und an dem davor, denkt sich Iggy, der in einer ordentlichen Reihe mit seinen Kollegen vor der Schleuse ansteht. Er hüpft von einem Bein auf das andere und zählt die Männer, die vor ihm auf Einlass warten. Es sind fünf. Ein dicker Typ hinter ihm schnauft: „Du hast es ja eilig, an deine Arbeit zu kommen…“ Iggy ignoriert ihn. Im Ignorieren ist er in den letzten Jahren ein wahrer Meister geworden. Was geht ihn der Mist von anderen Leuten an? Als er endlich an der Reihe ist, vernimmt er das vertraute „Pfff“, das den herabrieselnden Desinfektionsnebel begleitet. Über dem Schleusenausgang, der ihn in die Markthalle führt, blinkt eine Ziffernfolge in grellem Grün. Ebenso vertraut. Seine Körpertemperatur liegt bei exakt 36,47 Grad Celsius. Sie schwankt bei den täglichen Kontrollen kaum. Weder damals, als das Virus zum zweiten Mal unter ihnen wütete, noch heute. Seit er hier arbeitet, ist es nicht einmal vorgekommen, dass seine Temperatur zu hoch war und man ihm den Zutritt zu seinem Platz verweigert hätte. Der liegt im hinteren Teil der riesigen, uralten Markthalle, bei der inzwischen an allen Ecken und Enden Lack oder Beton abbröckelt. Es ist ein respekteinflößendes Gebäude, das er schon als kleiner Junge kannte. Heute scheint es ihm so vertraut, dass er sich manchmal fragt, ob er je woanders gewesen ist. Die Markthalle und der imposante Tisch aus Stahl gehören zu seinem Leben, dass sie wie Freunde für ihn geworden sind. Die dunkel angelaufenen Eisenstreben, die die schwere Decke halten, und die trüben Fenster, die von Gittern ebenfalls aus Eisen durchzogen sind, haben sich fest in sein Gedächtnis eingebrannt. Früher einmal war es jedem Menschen erlaubt, hierher zu kommen. Es wurde Ware angeboten, um Beträge gefeilscht, laut geflucht und am Ende doch fast alles verkauft. Es wurde viel gelacht, gepfiffen und gerufen. Jetzt ist es meist still. Denn neben den Arbeitern verschiedener Gewerke, die durch die Schleuse eingelassen werden, ist es nur wenigen Leuten gestattet, die Markthalle zu betreten. Die Lebensmittel werden auch nach dem Ende der zweiten Pandemie weiterhin hier vorsortiert, verarbeitet und direkt an ihren Bestimmungsort geschickt. Niemand muss sich mehr die Mühe machen, um einen guten Preis für Fleisch, Obst oder Gemüse zu feilschen. Niemand bekommt die Gelegenheit, sich die Rosinen aus dem Angebot der Händler herauszupicken. „Die einen erhalten immer automatisch die Rosinen, die anderen den Rest, der für sie übrig bleibt“, grummelt Iggy in seinen dunklen Bart, der ihm in den letzten Tagen besonders wild von seinem kantigen Gesicht absteht.

Seine Arbeit als Metzger geht ihm so mühelos von der Hand, dass seine Gedanken von alleine das Weite suchen. Sie verlassen die Markthalle und gehen auf eine Zeitreise. Sie springen zurück in längst vergangene Jahre, in denen seine Zukunft rosig aussah und ihm das Leben unbeschwert und leicht erschien. Er sieht sein jüngeres Ich, wie es nach der Schule durch die Straßen streift, wie es sich auf sein Fahrrad schwingt und an den See außerhalb der Stadt fährt. Wie es von Freunden begrüßt wird, die mehr als ein kühles Bier bereithalten. Er sieht, wie es sich nach dem Mädchen mit den Sommersprossen umschaut und sich ihm vorsichtig nähert. Wie es die Metzgerlehre beginnt, zum ersten Mal das scharfe Messer an einen Tierkörper ansetzt und erfolglos versucht, das Zittern der Hand vor seinem Meister zu verbergen. Und er erinnert sich, wie es schließlich mit einem hochroten Kopf auf einer Bühne steht, um die Urkunde als Jahrgangsbester entgegenzunehmen, mit der sein selbstbestimmtes Leben beginnen sollte.

Die Erinnerungen lassen ihn in getrübter Stimmung zurück in der Gegenwart aufschlagen. „Was soll’s, es ist halt alles anders gekommen“, grummelt er erneut. Eigentlich will er sich nicht zu sehr beklagen, das machen die anderen um ihn herum schon genug. Es hätte ihn deutlich schlimmer treffen können – damals.

Kaum hatte Iggy seine Lehre abgeschlossen, wurde die Welt von einem bis dahin unbekannten, tödlichen Virus befallen. Es drängte die Menschen über zwei lange Jahre ins Private, denn die um Machterhalt rangelnden Politiker fanden keine Lösung, um sie zu beschützen. Ein stetes Hin und Her der Entscheidungen, Regeln und Maßnahmen verunsicherte Jung und Alt. Zahlreiche Todesfälle verstärkten bei einigen den Drang, sich voneinander fernzuhalten. Andere versammelten sich auf Straßen und Plätzen, um lautstark gegen alles zu demonstrieren. Doch je mehr sie sich radikalisierten, desto weniger Anklang fanden ihre Forderungen bei denen, die sich an Abstand, Masken über Mund und Nase und ähnliche Vorschriften hielten. Viele seiner alten Schulfreunde verloren in diesen beiden Jahren ihre Jobs, noch bevor sie richtig damit begonnen hatten. Die kleinen Unternehmen, Lokale oder Geschäfte, die sie zuvor ausgebildet hatten, gingen pleite, eines nach dem anderen. Er selbst konnte sich glücklich schätzen, denn sein Handwerk wurde weiterhin gebraucht. Doch das allgemeine Wehklagen wurde immer lauter, einen Plan aus der Misere gab es nie. Und so blieb die Bevölkerung nach dieser Pandemie tief gespalten und ängstlich zurück.

Heute kommt Iggy diese Zeit wie ein Witz vor. Wie ein kühler Abendhauch, der vor dem Frost echter Winternächte warnt. Die Pharmazie sprang damals dort ein, wo die Politik versagte. Ein Impfstoff wurde schnell entwickelt – und alles schien nach und nach in gewohnten Bahnen zu laufen. Das war jetzt etwa fünf Jahre her. Kaum glaubten die Menschen, sie seien noch einmal mit dem Schrecken davongekommen, da überrollte eine zweite, viel heftigere Pandemie die Welt. Überall starben die Menschen wie die Fliegen. Das neue Virus mutierte so schnell zu immer tödlicheren Varianten, dass die Forscher, die gerade erst die Rettung gewesen waren, mit ihrer Arbeit nicht hinterherkamen. Ihre Mittel wurden über Nacht wertlos.

Bei dieser zweiten Pandemie zog man darum auf ungewöhnliche Weise die Notbremse. Die Regierung, die keinerlei Rückhalt mehr spürte, kapitulierte vor dem Virus. Sie übergab alle Geschäfte an die Firma. Die versprach, in absehbarer Zeit einen ganz neuen Impfstoff herzustellen. Und bis es so weit war, nicht nur umfassende Schutzmaßnahmen zu erlassen, sondern deren Einhaltung mit allen Mitteln durchzusetzen. Der Aufschrei nach Demokratie und Freiheit in der Bevölkerung blieb nahezu aus. Viel zu groß war inzwischen das Misstrauen, in die, die sie schon einmal so bitter enttäuscht hatten. Und viel zu heftig war die Angst vor dem unerbittlichen Tod, der für sie alle zum täglichen Begleiter geworden war. Keine Familie blieb ohne Verluste. Und so lehnte sich, zumindest in Iggys Erinnerung, niemand dagegen auf, dass die Firma – wie man sie bis heute schlicht nennt – die Reißleine diesmal konsequent zog. Die Einwohner jedes Ortes, jeder Stadt im Land wurden von einer Sekunde auf die andere festgesetzt. Ein Lockdown nie dagewesenen Ausmaßes. Jeder musste zunächst dort bleiben, wo er oder sie sich in diesem Augenblick aufhielt. Niemandem war es erlaubt, einen einzigen Schritt ohne die Genehmigung der Firma zu tun. Jede Bewegung wurde strengstens mithilfe der Ortungsfunktion ihrer Smartphones oder anderer technischer Hilfsmittel kontrolliert. Mit den Handys zu kommunizieren, war hingegen nur in absoluten Ausnahmefällen erlaubt, um das Wiedererstarken alter Protestbewegungen gleich im Keim zu ersticken.

Die Fernsehsender, die auf zwei reduziert worden waren und ebenfalls der Firma unterstanden, hämmerten täglich Durchhalteparolen in die Köpfe der Menschen. Sie waren es, die immer einen winzigen Hoffnungsschimmer am Glimmen hielten und damit die Menschen ruhig stellten. Bald, ganz bald würde es ein neues Heilmittel geben. Es hatte schon einmal funktioniert, es würde wieder funktionieren. Die Bürger fürchteten sich so sehr vor weiteren Verlusten, sie ertrugen es nicht mehr, ihre Lieben zu Grabe zu tragen. An eine bessere Zukunft wollte da niemand denken, viel zu düster erschien ihnen trotz allem die Prognose. Und so kam es, dass sich das Leben aller nicht nur veränderte, es wurde ein gänzlich anderes.

Für Iggy, der an dem Tag der Isolation seinem Job nachging, war die Entscheidung der Firma besonders hart. Sie bedeutete, dass er nicht zurück nach Hause zu seiner Familie durfte, bei der er damals noch lebte. Ihm wurde ein kleines Zimmer über der Markthalle zugewiesen. Hier wohnt er seitdem auf einem langen Flur zusammen mit den anderen Metzgern. Sie waren für lange Jahre vom Rest der Bevölkerung isoliert. Sie sahen nie, wer ihnen die geschlachteten Tiere in die Markthalle lieferte. Und sie wussten nicht, wer die zerlegten und küchenfertig vorbereiteten Teile von dort abholte. Oder was damit im Anschluss geschah. Ihr Bewegungsradius beschränkte sich auf den jeweiligen Arbeitsplatz, ihre im Einheitslook möblierten Zimmer, einen gemeinsamen Essbereich und einen kleinen Fitnessraum mit alten Geräten. Bis heute sagt sich Iggy selbst, dass er sich glücklich schätzen muss. Schließlich überstand er beide Pandemien gesund. Der Preis dafür war ein Leben unter den immer gleichen Männern, am immer gleichen Ort. Und die völlige Isolation von seiner Familie, die er nur zu wenigen Gelegenheiten anrufen durfte. Doch dabei nahm nie jemand am anderen Ende ab. Irgendwann verzichtete er auf diese sinnlosen Anrufversuche, zu sehr schmerzte ihn das nicht enden wollende Klingeln in seinem Ohr.

Iggy schüttelt die traurigen Gedanken ab, denn seit ein paar Monaten ist ein Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Und das wird immer heller. Er erinnert sich genau an den Abend, als er erschöpft auf sein Bett fiel und in den Nachrichten hörte, dass es einen Durchbruch gegeben hat. Er sprang wieder auf, lief in dem kleinen Raum hin und her. Er streckte den Kopf hinaus in den Flur, wo eine Tür nach der anderen aufgerissen wurde. Die Metzger trafen sich, alle redeten durcheinander: Ein Impfstoff ist gefunden worden. Die Chancen standen hervorragend, dass der sie aus der Isolation befreien würde. Von diesem Tag an ging es Schlag auf Schlag. Inzwischen dürfen die Menschen längst wieder frei vor die Tür gehen. Vereinzelt kommen sogar Käufer zu ihnen in die Markthalle. Meist sind es Köche, die sich persönlich an den Auslagen der Metzger bedienen.

Kapitel 4

Mit der linken Hand, die in einem schweren Kettenhandschuh steckt, der ihm bis an den Ellenbogen reicht, schnappt sich Iggy das Lamm, das abgezogen am eisernen Haken neben seinem Arbeitstisch hängt. Er betrachtet gewissenhaft den schlanken Körper des Tieres. Er weiß genau, wo er mit dem scharfen Messer ansetzen muss, um es in seine Einzelteile zu zerlegen. Dabei will er so wenig Fleisch wie möglich am Knochen zurücklassen. Das ist er dem einstigen Lebewesen schuldig – und seinen Vorgesetzten, die seine Arbeitsschritte genauestens überwachen. In Zeiten wie diesen gibt es nichts zu verschwenden. In Zeiten wie diesen kommt es auf jedes Lebensmittel an. Und auf jeden Mann, der hier schuftet. Das wird ihm und seinen Kollegen immer und immer wieder versichert. Iggy hört nicht mehr hin, wenn sie die täglichen Motivationsreden schwingen, die ihm viel zu lang und eintönig vorkommen. Sie wurden im Laufe der letzten Wochen natürlich an die neuen Umstände angepasst, sind in seinen Ohren dennoch nur ein Haufen leerer Worte. Ein Blabla, das ihn auf die noch immer kritische Lage, die nötige Arbeit und das allgemeine Leben unter den sich stetig verändernden Voraussetzungen einschwören soll. Er ist nicht doof, er hat das Problem bereits beim ersten Mal erfasst. Und er versteht, was die Firma umtreibt, obwohl auch diese Pandemie nun bekämpft wurde. Kaum ein Stein steht nach all den Jahren auf dem anderen, die tiefsitzende Todesangst lässt sich nicht von einem Moment auf den nächsten aus den Köpfen der Menschen vertreiben. Das Gros von ihnen plagt zudem finanzielle Not, sie wissen schlicht nicht, wie sie ihre Familien durchbringen sollen. Das macht Iggy oft traurig, aber mit dem Boss der Firma tauschen oder ihn aus dem Amt jagen, das will er lieber auch nicht. Wie soll ein Mensch allein wissen, was richtig ist? Außerdem ist Iggys komplettes Wesen weder auf Rebellion, noch auf allzu viel Grübelei programmiert. Er ist prima darin, sich zu jedem Zeitpunkt mit den Umständen zu arrangieren. Er lebt, er ist gesund, er hat ein Dach über dem Kopf, er hat seine Arbeit, die er liebt; und er hat genug zu essen. Das reicht ihm. Dass mehr nicht nötig ist, hat er in den letzten Jahren gelernt. Niemand braucht ständig neue Kleidung oder technische Geräte. Er ist ein genügsamer Typ, der befolgt, was man ihm sagt. Nicht mehr und nicht weniger.

„Diese Keule sieht gut aus!“

Iggy schreckt aus seinen Gedanken auf: „Ich bin gleich mit dem Rücken fertig, den sollten Sie auch in Betracht ziehen.“ Einer seiner seltenen Kunden ist an den Arbeitstisch herangetreten. Er blickt zu dem kleinen Mann in der weißen Kochjacke hinunter, während er mit der Präzision eines Chirurgen das angesprochene Teil aus dem Tierkadaver löst. Der Koch hat in den vergangenen Wochen öfter Fleischstücke bei ihm eingekauft. Iggy schüttelt unbewusst den Kopf. „Kaufen“ kann man den Vorgang nicht wirklich nennen. Der Koch kommt in die Markthalle, sucht sich verschiedene Stücke aus, die er dann einfach mitnimmt. Die werden anschließend irgendwo anders weiterverarbeitet und für andere Menschen zubereitet, die nicht herkommen dürfen, um etwas für ihren eigenen Topf zu kaufen. Wie das alles genau vor sich geht, interessiert Iggy nicht sonderlich.

„Was gibt es? Warum schüttelst du den Kopf, Metzger?“, fragt der Koch mit strenger Stimme und skeptischem Blick.

„Nichts. Alles gut. Sehen Sie sich um, welche Teile für Sie passen. Das Fleisch hat eine sehr gute Qualität. Es ist genau richtig lange abgehangen.“ Iggy hat keine große Lust, sich länger mit dem Mann zu unterhalten. Besser ist es, die Arbeit ordentlich zu erledigen und nicht allzu sehr aufzufallen. Besser ist es, sich an die geltenden Regeln zu halten und dabei nicht aus der Reihe zu tanzen. Es dauert nicht mehr sehr lange, dann ist sein Arbeitstag beendet, dann zieht er sich in den Wohntrakt über der Markthalle zurück. Dort wird er mit den anderen zu Abend essen, wie er es immer macht. Um dann in seinem Zimmer zu verschwinden, die Beine hochzulegen und den Tag in aller Ruhe ausklingen zu lassen. Wie an jedem Tag in den vergangenen Jahren. Viel Abwechslung bietet sich ihm auch nach dem Ende der zweiten Pandemie nicht, aber er legt keinen besonders großen Wert darauf, unterhalten zu werden.

Kapitel 5

Seit vor einigen Wochen die zweite Pandemie von der Firma offiziell für beendet erklärt wurde, schrumpft die Zahl der Metzger stetig, die gemeinsam über der Markthalle wohnen. Einige haben sich verabschiedet, sich ein neues Zuhause gesucht. Aber ein paar, vor allem von den älteren Männern, sind geblieben. Sie sitzen auch heute nach Feierabend um den riesigen Esstisch in ihrem Gemeinschaftsraum. Derbe Sprüche fliegen von einem Ende zum anderen, kehlige Lacher erklingen. In dem großen Topf, der längst auf dem Tisch steht, brodelt es noch immer, als sei ein Feuer darunter entzündet. Der Duft des fetten Lammeintopfs mit Wurzelgemüse erfüllt den ganzen Raum. Gerade reißt sich jemand ein Stück von einem knusprigem Baguette ab und beißt so herzhaft hinein, dass es kracht. Das helle Brot ist ein Leckerbissen, den sie in den letzten Jahren nur selten auf ihren Tisch bekommen haben. Heute hat Fred es gestiftet. Es sind gleich drei Stück. Und die lassen Iggy schon bei ihrem Anblick das Wasser im Mund zusammenlaufen.

„Woher sind die denn?“, fragt Iggy schmatzend und deutet mit dem Kinn auf die Baguettes. Doch seine Kollegen hören ihn nicht. Sie sind viel zu sehr mit sich und ihren derben Scherzen beschäftigt. Er kaut, bis er den letzten Bissen hinuntergeschluckt hat und stellt seine Frage erneut, diesmal lauter und ohne schmatzendes Genuschel. Die Blicke der Metzger sind nun alle auf ihn gerichtet.

„Der Bäcker hatte was gut bei mir“, antwortet sein Zimmernachbar Fred vage. Er zuckt ausweichend mit den Schultern, schöpft Iggy eine weitere große Kelle Lammeintopf auf dessen Teller und lenkt das Gespräch schnell auf ein anderes Thema. Das Plappern der Männer schwillt kurz wieder an, um darauf gänzlich zu versiegen. Jetzt kaut jeder von ihnen genüsslich vor sich hin. Sie lassen sich das würzige Mahl schmecken, da braucht es keine weiteren Worte. Iggy ärgert sich ein wenig über diese Maulfaulheit, aber auch die kann ihm den Appetit nicht verderben. Verdammt, dieser Eintopf ist richtig gut gelungen!

Iggy streckt seine kräftigen Beine auf dem schmalen Bett aus. Sein gut gefüllter Magen quetscht sich von innen schmerzhaft gegen den muskulösen Bauch, aber er bereut die zweite Portion Lammeintopf keine Sekunde. Sein alter Freund Fred hatte wie immer fantastisch für sie alle gekocht. Doch selbst ein schmerzender Magen lenkt ihn nicht lange genug ab. Hier in seinem stillen Zimmer kommen die Gedanken wieder. Sie kreisen in seinem Kopf. Warum um alles in der Welt hat der Bäcker etwas gut bei Fred? Was soll das bedeuten? In den vergangenen Wochen ist die Stimmung unter den Metzgern irgendwie anders geworden. Selbst er, der sich am liebsten aus allem heraushält, kann das Flüstern und die angespannte Gereiztheit nicht länger ignorieren. Seine Kollegen sind stets freundlich und hilfsbereit, wie eine echte Gilde eben. Doch einige von ihnen tragen Geheimnisse mit sich herum, sie brüten regelrecht etwas aus. Sie sprechen nicht mehr so offen untereinander, immer öfter hört er einige der Männer flüstern. Seit Tagen zerbricht er sich nun schon den Kopf darüber, was hier eigentlich vor sich geht. Warum sprechen die Männer hinter vorgehaltener Hand? Warum tuscheln sie? Die alten Knacker werden mit ihrem ungewohnten Verhalten nur die Augen der Firma auf sie alle lenken. Ist es nicht besser, dass sie ihren Job erledigen und sich sonst unauffällig verhalten? Iggy ist noch nicht alt, aber seine Welt hat sich in den zurückliegenden Jahren so oft um die eigene Achse gedreht, alles hat sich verändert, dass er sich einfach nur wünscht, in Ruhe hier zu leben. Er will keinen Stress. Er will mit niemandem Ärger, schon gar nicht mir der Firma. Iggy hofft, dass es nicht so weit kommt. Aber seine Fragen kann er sich an diesem Abend nicht selbst beantworten, seine Augenlider werden schwer vom Grübeln und von seinem gut gefüllten Magen. Er döst ein. Eine Erinnerung, die ihn in letzter Zeit regelmäßig im Traum heimsucht, breitet sich prompt in seinem Kopf aus: Er sieht sich selbst, wie er nach einem anstrengenden Arbeitstag die schwere Metzgerschürze an den Haken hängt, gleich neben dem magnetischen Holzbrett, an denen alle seine Messer aufgereiht sind. Jedes Einzelne perfekt geputzt und glänzend.

Es ist der Tag! Die Pandemie wurde am Morgen für beendet erklärt. Die Menschen werden nach und nach darüber informiert, wie es nun für sie weitergeht. Wie sie wieder in ein „normales“ Leben finden können. „Was ist schon normal“, lacht Iggy in seinem Traum nervös. Sein Herz schlägt ihm bis zum Hals. Er wird endlich seine Familie wiedersehen. Seit dem Tag der kompletten Isolation hat er nichts von ihnen gehört. Kein einziges Lebenszeichen. Nicht einer der selten gestatteten Anrufe drang zu ihnen durch. Doch er ist sich sicher, dass er sie zu Hause antreffen wird. Seine Mutter, den Vater und auch seinen Bruder, der auf den Tag genau sechs Jahre älter ist als er. Er vermisste Ventus in der ganzen Zeit sehr. Seit ihren Kindertagen unternahmen sie einfach alles gemeinsam. Auch wenn Ven, wie er kurz von allen genannt wurde, nicht immer sehr glücklich damit war. Iggy hatte mehr als einmal gehört, wie sein Bruder darüber schimpfte, dass ihm der Knirps immer am Hosenbein hing. Dass er überall hin mitgenommen werden will, immer so neugierig war. Doch tief in seinem Herzen ist sein Bruder ein anständiger Kerl, da ist sich Iggy bis heute sicher. Und er fehlte ihm eben.

Iggy verlässt zum ersten Mal seit Jahren das Gelände der Markthalle. Er tritt durch die Schleuse, dann durch das imposante Tor, das auf die früher vielbefahrene Hauptstraße führt. Doch dort ist es ruhig. Es sind keinerlei Autos zu hören oder zu sehen. Ein paar Menschen laufen umher, sie alle wirken irritiert, von dem, was sich ihnen draußen präsentiert. Die meisten Häuser sehen heruntergekommen aus, rankende Grünpflanzen haben sich ihrer Fassaden und der Fenster bemächtigt. Die Straßen sind voller Löcher und Risse. Doch da es keine Autos weit und breit gibt, stört es niemanden, dass sie über die Jahre völlig unbenutzbar geworden sind. Iggy schaut hoch zu dem blauen, klaren Himmel. Er lässt die Sonne in sein Gesicht scheinen, schließt für einen Moment die Augen und atmet tief ein. In den letzten Jahren wurden sein Himmel und seine Sonne von dem schwarzen Metall umrahmt, das das Dachfenster in seinem Zimmer einfasst. Nicht einmal ging er heimlich nach draußen, nie verließ er die Markthalle oder sein winziges Zimmer. Doch jetzt wird alles anders werden! Mit geschultertem Rucksack, der seine wenigen Habseligkeiten enthält, macht er sich auf den Weg zu seiner Familie. Er erinnert sich genau an die einzelnen Straßen, an die Kreuzungen, die er überqueren muss, als wäre es gestern gewesen, dass er den Weg zum letzten Mal abgelaufen ist. Blühendes Unkraut überwuchert gesprungene Gehwegplatten, die Bäume am Straßenrand sind wild ins Kraut geschossen. Seit Ewigkeiten hat niemand mehr das herumliegende Laub aufgefegt, das in jedem neuen Herbst heruntergefallen war. Iggy stapft durch die Blätter am Boden, er läuft und läuft, gönnt sich keine Pause. Die Häuser werden nun immer kleiner, einige sehen bewohnt aus. Eine grauhaarige Frau schaut aus dem Fenster eines windschiefen Häuschens und nickt ihm zu. Nur zwei weitere Straßen liegen noch vor ihm. Iggy marschiert ein wenig schneller. Er will nur dort hin, wo die warme Umarmung seiner Mutter und der kräftige Handschlag seines Vaters auf ihn warten. Ob sein Bruder Ven daheim ist? Iggy biegt links ab. Vor einem Schuppen steht ein Auto, lediglich durch den Rost an allen seinen Teilen zusammengehalten. Ob damit jemand durch die Gegend fährt? Die Frage verschwindet in dem Augenblick aus seinen Gedanken, als er das Heim seiner Eltern sieht. Davor steht die dunkelgrüne Tanne, die er zusammen mit Vater und Bruder gepflanzt hat. Sie ist deutlich in die Höhe geschossen, reicht nun fast bis unter das Dach. Der Rasen drumherum wuchert in alle Richtungen, in einem dornigen und komplett verwachsenen Rosenbusch blüht eine einzige rote Rose. Wie zum Trotz gruppieren sich ihre Blütenblätter in perfekter Harmonie umeinander. Keine trockene Stelle, nicht ein Insekt hat ein winziges Loch hineingefressen. Bloße Perfektion. Iggy bleibt vor der Rosenblüte stehen, ist fasziniert von ihrer vollkommenen Schönheit. Jetzt erst bemerkt er, wie still es um ihn herum ist. Er hört ein paar Vögel zwitschern, sonst nichts. Nirgendwo lachen spielende Kinder, keine Motorräder knattern, selbst die Bahn, die früher einmal in einigen Kilometern Entfernung über Schienen ratterte, gibt es nicht mehr. Rollos hängen schief in den Fenstern, die angelaufen sind und schon ewig nicht mehr geputzt wurden. Feinkörniger Sand hat sich auf der Treppe zur Tür breitgemacht. Iggy steigt die sieben Stufen empor, zählt jede einzelne, wie er es als kleiner Junge getan hatte. Die Platte auf der obersten Stufe ist lose, kurz kommt er ins Straucheln, fängt sich aber am Handlauf, an dem die Farbe gänzlich abgeblättert ist. Sein Blick fällt auf die Eingangstür, die einen Spalt breit offen steht. Er tritt hindurch, lässt seinen schweren Rucksack in den Flur fallen und muss niesen, als der aufgewirbelte Staub seine Nase erreicht. Vor ihm breitet sich eine vertraute Welt aus, die aber wie hinter einem dünnen Schleier verborgen liegt. Durch ihn sehen die Zimmer auf den ersten Blick so aus, als wurden sie vor wenigen Augenblicken überstürzt verlassen. Auf dem Küchentisch steht eine hellblaue Tasse, doch die Kruste aus eingetrocknetem Kaffee ist alles andere als frisch. Auf der Couch im Wohnzimmer liegen die Kissen kreuz und quer. Die wollene Decke, unter der seine Mutter immer ihre Beine und Füße gewärmt hat, liegt achtlos auf dem Boden vor dem gemütlichen Ohrensessel. Alles ist mit einer dicken, grauen Staubschicht überzogen. Spinnen hängen an kunstvoll gesponnenen Netzen von den Decken. Iggy reibt ein Handrücken großes Loch in die schmierige Schmutzschicht auf dem Fenster und schaut hindurch in den völlig verwilderten Garten, der einst ein Prachtstück war und der ganze Stolz seines Vaters. Prompt nutzt die Sonne den kleinen Durchschlupf und fällt in das düstere Zimmer ein. Sie lässt die Staubkörner vor seinen Augen tanzen, bringt die stickige Luft zum Flimmern. Hier drinnen ist es kalt und still wie in einer Gruft. Der Metzger lässt sich schwer in eine Ecke der verstaubten Couch fallen. Er schlägt seine Hände vor das Gesicht und sackt völlig in sich zusammen. Dicke, heiße Tränen schießen aus seinen Augen, sie tropfen auf den schmutzigen Boden unter seinen Füßen und hinterlassen dort eine schmierige Spur.

Wie jede Nacht schreckt Iggy an genau dieser Stelle aus seinem Traum auf. In seinem Gedächtnis bleiben einzig die Tränen haften, seine ersten nach Ausbruch der zweiten Pandemie. Er sieht noch immer ihre feuchten Schlieren, wie sie ein Muster auf den Fußboden malen. Auch jetzt ist sein Gesicht nass von den Tränen, die er im Traum geweint hat. Er wischt sie energisch von den glühenden Wangen, trocknet die Hand an der kratzigen Wolldecke ab, unter der er zusammengekauert liegt. Die Angst um seine Eltern und seinen Bruder verlässt ihn seitdem nicht mehr, sie liegt bleischwer auf seiner Brust. Sein Herz fühlt sich leer und einsam an, genau wie das Haus, das einmal voller Leben war. Niemand hat dort auf ihn gewartet, um ihn nach all der Zeit in die Arme zu schließen und zu begrüßen. Niemand hat ihm dort ein neues Heim geboten. Iggy setzt sich in seinem Bett auf, er lässt die Beine baumeln, doch sein Körper weigert sich, aufzustehen. Die Bilder in seinem Kopf sind zu mächtig, sie lassen ihn jedesmal wie gelähmt zurück.

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