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Ein dunkles Geheimnis

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Broken Dishes
  8. Kapitel 1
  9. Kapitel 2
  10. Kapitel 3
  11. Kapitel 4
  12. Kapitel 5
  13. Kapitel 6
  14. Kapitel 7
  15. Kapitel 8
  16. Kapitel 9
  17. Kapitel 10
  18. Kapitel 11
  19. Kapitel 12
  20. Kapitel 13
  21. Kapitel 14
  22. Kapitel 15
  23. Kapitel 16
  24. Kapitel 17
  25. Kapitel 18
  26. Danksagung
  27. Anmerkung der Autorin

Über dieses Buch

Tod auf der Familienranch!
Benni hilft ihrer Freundin Shawna bei der Eröffnung ihrer neuen Ferienranch. Wer hätte denn ahnen können, dass ein Hund dort menschliche Knochen ausgräbt und sie direkt in ihren nächsten Fall stolpert? Nun muss Benni nicht nur die Eröffnungsfeierlichkeiten retten, sondern auch das Geheimnis des Toten aufdecken. Nach und nach wird klar, dass sich vor Jahren eine unfassbare Tragödie auf der Ranch abgespielt haben muss und dass auch Menschen in den Fall verwickelt sind, die Benni über alles schätzt und liebt …

Über die Autorin

Earlene Fowler lebt mit ihrem Mann, einer Unmenge von Quilts und dreiundzwanzig Paar Cowboystiefeln im kalifornischen Fountain Valley. In Amerika hat die Benni-Harper-Serie Kultstatus. Besuchen Sie auch die Website der Autorin: www.earlenefowler.com

Earlene Fowler

Ein dunkles Geheimnis

Ein Benni-Harper-Krimi

Aus dem amerikanischen Englisch von Berthold Radke

Für alle Polizeibeamten,
die für unsere Sicherheit sorgen,
und
für alle Quilterinnen und Quilter,
die uns warm halten.

Broken Dishes

Broken Dishes ist ein einfaches Quiltmuster, bestehend aus Dreiecken, die in 4-Patch-Rastern angeordnet sind. Die Blöcke werden in verschiedenen Winkeln gekippt, um den Broken-Dishes-Effekt zu erzielen. Es ist ein beliebtes Muster, das fast bis 1790 zurückverfolgt werden kann, und eines der häufigsten und ältesten Entwürfe in der Geschichte der Quilts überhaupt. Sein Name könnte durch verschiedene Ereignisse, etwa Haushaltsunfälle oder Geschirrbruch auf den beschwerlichen und holprigen Wegen in den Westen, inspiriert worden sein, aber wie auch viele Quiltmuster lässt er sich keiner bestimmten Herkunft zuordnen. Die Geschichten der Muster erreichen uns meist durch Folklore, alte Zeitschriftenartikel und gelegentliche Tage- oder Logbucheintragungen. Broken Dishes ist ein wunderbares Muster, um farbenfrohe Stoffreste zu verarbeiten, kann jedoch genauso faszinierend und modern aussehen, wenn man lediglich zwei Farben verwendet. Weitere Namen für dieses Muster sind Old Tippecanoe, Bow Ties, Hour Glass, Whirling Blade und Yankee Puzzle.

Die Broken DIS Ferienranch

SAN CELINA COUNTY, KALIFORNIEN

Genießen Sie unsere sanften, mit Eichen bewachsenen Hügel, zutrauliche Pferde, wunderschön ausgestattete Hütten und Gästezimmer, köstliches Essen und die echte Gastfreundschaft des Westens!

Die Broken DIS Ranch befindet sich im atemberaubenden Cholame Valley der Diablo Mountain Range, nahe Parkfield, der »Erdbebenhauptstadt der Welt«.

Inmitten von zwölftausend Hektar zerklüfteter, herrlicher Landschaft der küstennahen Bergkette von Central California können unsere Gäste den wahren Westen erleben. Jagen, Angeln, Wanderritte, Wandertouren, Squaredances, Barbecues und Ranchrodeos sind nur einige der aufregenden Aktivitäten, die Sie erwarten!

Seit 1936 im Besitz der Familie Darnell, ist die Broken DIS eine echte Rinderranch mit echten Cowboys!

LUXURIÖSE HÜTTEN UND LODGES

ROMANTISCHE HONEYMOONHÜTTE

OFFENE KAMINE, SCHWIMMBAD

VOLLPENSION, DREI MAHLZEITEN TÄGLICH

WANDERRITTE

GEFÜHRTE JAGDAUSFLÜGE

Ideal als romantisches Versteck, für Familienfeste, Geschäftstreffen oder religiöse Zuflucht.

Bleiben Sie einen Tag oder eine Woche!

Informationen und Reservierungen unter:

Broken DIS Ferienranch

P.O. Box 100

Parkfield, Kalifornien

Kapitel 1

»Joe Darnell war mein Freund, Benni«, sagte Daddy und schlug mit seinem Ahornstock auf den Boden unseres Ranchhauses. Unterm Teppich vibrierte der Holzboden und ließ meinen Hund Scout, eine Kreuzung aus schokoladenfarbenem Labrador und deutschem Schäferhund, auf seinem Platz vor dem verglimmenden Feuer winseln. »Freunde helfen einander.«

»Ich gehe für dich hin«, sagte ich quer durch das Zimmer. Ich saß auf dem mit rosa Velours bezogenen Lehnstuhl meiner Großmutter Dove. »Der Arzt hat gesagt, du sollst dich in den kommenden zwei Wochen nicht überanstrengen.«

Vor zwei Tagen waren Daddy und sein Pferd beim Viehtreiben von einem jungen Bullen, der seine Freiheit um jeden Preis verteidigen wollte, angegriffen worden. Pferd und Bulle hatten den Zusammenprall unbeschadet überstanden, aber Daddy hatte sich einen dreifachen Beinbruch zugezogen, was seine Gutmütigkeit und Geduld auf eine harte Probe stellte. Vor allem jetzt, da er der Meinung war, die Tochter seines besten Freundes benötige seine Hilfe.

»Er war mein Freund«, beharrte Daddy mit zitternder Stimme. Er wandte den Blick ab, doch ich konnte noch sehen, wie sich seine hellblauen Augen mit Tränen füllten.

Mein Vater, trotz seiner Herkunft aus Arkansas ein ernster, schweigsamer Mann des Westens, zeigte seine Gefühle derart selten, dass sich in meinem Hals ein Kloß bildete. Daddy kannte viele Leute, doch nur wenige nannte er seine Freunde. Joes tödlicher Herzinfarkt vor vier Monaten hatte uns alle zutiefst erschüttert. Er war nur einundsechzig geworden, lediglich drei Jahre älter als Daddy, worüber ich lieber nicht nachdenken wollte.

Ich stand auf und ging zu dem braunen Kordsessel, in dem er saß; sein schwerer Gips lag auf dem dazugehörigen Fußschemel. Scout folgte mir und stupste mit der Schnauze gegen Daddys freie Hand. Ich hockte mich auf die gepolsterte Armlehne.

»Ich springe für dich ein«, bot ich an. »Als dein Ersatzmann … äh, Ersatzfrau.« Ich berührte seine raue Hand mit den Fingerspitzen und lachte. »Klingt irgendwie komisch.«

Der Anflug eines Lächelns ließ den sorgenvollen Blick in seinem faltigen, sonnengegerbten Gesicht etwas sanfter werden. »Ich weiß, was du meinst, Kürbis.« Gedankenverloren kratzte er mit den Fingern die Außenseite seines Gipsverbands, als juckte der Gips. »Du bist ein gutes Mädchen. Aber Shawna und Johnny brauchen mich. Broken Dishes braucht mich.«

Die Broken DIS Ranch, die von den Bewohnern des San Celina County liebevoll Broken Dishes genannt wurde, war seit fast sechzig Jahren im Besitz der Familie Darnell. Als meine Eltern vor fünfunddreißig Jahren aus Arkansas an die Central Coast von Kalifornien zogen, hatte Joe sie herzlich in der abgeschiedenen ländlichen Gemeinschaft von San Celina willkommen geheißen. Joe, damals noch Junggeselle, war Daddys erster Freund in Kalifornien geworden.

»Anything you can do, I can do better«, sang ich leise, um ihn zu necken.

Er fuhr sich mit den Fingern durch die dichten, fast weißen Haare. »Du weißt, dass ich dir vertraue, aber Joe hat die Ranch bis auf den letzten Penny mit Hypotheken belastet, als er all die Hütten und das Gästehaus gebaut hat. Er war der festen Überzeugung, das Geschäft mit der Ferienranch könne den Besitz seines Vaters retten.« Sein Blick wurde wieder trübe. Joe war gestorben, bevor die ersten Gäste eingetroffen waren.

»Shawna ist clever«, warf ich ein. »Und sie arbeitet hart.«

»Die ist doch noch feucht hinter den Ohren. Und der wilde, junge Bock, den sie da geheiratet hat …«

»Sie ist Joes Tochter«, unterbrach ich ihn. »Und ich bin deine Tochter. Glaubst du nicht, dass wir zwei ein bisschen was vom gesunden Menschenverstand unserer Väter geerbt haben?«

Shawna Darnell Abbott war Joes einziges Kind. Ich hatte sie erst als Erwachsene kennen gelernt, da sie nicht im San Celina County aufgewachsen war. Joe und Shawnas Mutter hatten sich scheiden lassen, als Shawna zwei Jahre alt war, und sie war in New York aufgewachsen, ohne großen Kontakt zu ihrem Vater. Vor zwei Jahren, als sie einundzwanzig war, verstarb unerwartet ihre Mutter. Shawna kam in den Westen, um ihren Vater zu besuchen und die verlorenen Jahre wettzumachen. Sie kehrte nie mehr nach New York zurück.

Als Joe starb, war sie gerade sechs Monate mit Johnny Abbott verheiratet, einem jungen Mann aus der Gegend, den Joe ursprünglich als Teilzeitgehilfen auf der Ranch eingestellt hatte. Johnny, ebenfalls dreiundzwanzig Jahre alt, hatte den Großteil seiner Kindheit in der Bäckerei seiner Eltern in Paso Robles oder beim Skateboarden vor der öffentlichen Bücherei verbracht. Genau wie Shawna war Johnny nicht auf dem Land aufgewachsen, und man konnte sich nur schwer vorstellen, wie er mit seinem überheblichen Lächeln und seinen wilden kastanienbraunen Haaren eine zwölftausend Hektar große Ferien- und Rinderranch leiten wollte.

Daddy nahm wieder seinen Stock und umklammerte ihn, bis seine Knöchel weiß wurden. »Ich werde mich nicht dazu äußern, was ihr beide könnt oder nicht könnt. Ihr braucht mich dort einfach, falls es Probleme gibt.«

»Du musst erst mal wieder gesund werden«, widersprach ich. »Und ich brauche dich hier, damit du auf Scout aufpassen kannst. Du weißt doch, dass ich ihn nicht nach Broken Dishes mitnehmen kann.« Wie auf den meisten Ranches gab es auch dort eigene Ranchhunde, und ihr Territorialverhalten war eher ausgeprägt. Kämpfende Hunde waren das Letzte, was wir zur Eröffnung der Ferienranch brauchten. »Außerdem weißt du, dass es auf der Ranch nur eine begrenzte Zahl an Schlafplätzen gibt. Sämtliche Hütten und Zimmer sind für die Gäste reserviert, und du müsstest mit den Cowboys in der Arbeiterbaracke schlafen. Ich glaube nicht, dass die engen Kojen im Moment sehr bequem für dich wären.«

Daddy sah missmutig auf seine Zehen, die aus dem Gips hervorlugten, und antwortete nicht. Er wusste, dass ich Recht hatte, war aber dennoch frustriert. Ich ging zum Panoramafenster. Es war Ende Januar, und die Hügel um die Ramsey Ranch, auf der ich aufgewachsen war, leuchteten von dem unglaublichen Grün dieser Jahreszeit an der Central Coast. In der kreisrunden Auffahrt beugte sich mein Ehemann Gabe Ortiz, der Polizeichef von San Celina, über die geöffnete Haube meines fast neuen Ranger Pick-up und fummelte am Motor herum. Meine Gramma Dove, die mich aufgezogen hatte, seit ich sechs war, stand in ihrer Bluejeans neben ihm und hatte einen Korb mit frischen Eiern in die Seite gestützt. Ihr weißer Zopf schwang hin und her wie der Schweif einer Stute, während sie ihm ausführlichst eine Geschichte erzählte und wild mit ihrer freien Hand gestikulierte. Obwohl ich nichts hörte, konnte ich mir sein tiefes Lachen vorstellen, das mich immer noch alles andere als kalt ließ.

Ich sah, wie sich Gabes Levi’s um seine muskulösen Joggerschenkel spannte. Meine Gedanken schossen zurück zu jenem Dezembertag im Jahre 1992, als er auf die Ranch meines Vaters gekommen war, um den kaputten Anlasser meines alten Trucks von der Harper Ranch zu reparieren. Ich war erst neun Monate lang verwitwet, fühlte mich orientierungslos und unsicher. Bislang eher flüchtig miteinander bekannt, hatten wir an diesem Tag Feuer gefangen, und seither war mein Leben nicht mehr dasselbe. Kaum zu glauben, dass es schon über drei Jahre her war. Ich wandte mich wieder an Daddy, der sorgenvoll und grübelnd ins Feuer starrte.

»Ich rufe dich …« jeden Tag an, wollte ich sagen und merkte dann, dass es schwierig werden könnte, »… sooft ich kann, an. Ich verspreche, dass ich dich auf dem Laufenden halte. Du hast im vergangenen Jahr hart gearbeitet, um Joe mit der Ranch zu helfen. Du weißt, dass er dir wirklich dankbar war für alles, was du getan hast.«

Er stieß einen tiefen Seufzer aus und antwortete nicht. Ich wusste nicht, wie ich ihn sonst noch trösten konnte, ging zu Doves Stuhl zurück und nahm mir die Liste, die in den vergangenen zwei Monaten meine Rettungsleine gewesen war. Es war bereits Freitag, und es gab noch so viel zu tun, bis in drei Tagen die ersten Gäste auf Broken Dishes eintreffen würden.

Gleich nach Joes Tod hatte mich Shawna, mit der ich mich im letzten Jahr trotz unseres Altersunterschieds von vierzehn Jahren angefreundet hatte, in ihre Sorgen um die Ranch eingeweiht. Ein paar Wochen nach Joes Beerdigung, als ich ihr dabei half, ein paar der umfangreichen Unterlagen der Ranch zu sichten, hatte sie die finanziellen Schwierigkeiten zur Sprache gebracht.

»Wir verlieren Broken Dishes, wenn nicht bald diese Ferienranch anläuft«, sagte sie und fuhr sich mit der Hand durch die gewellten dunkelbraunen Haare. Ihre elfengleichen Züge verzogen sich sorgenvoll. »Ich … ich weiß gar nicht, wo ich anfangen und was ich tun soll. Dad und ich wollten Broschüren anfertigen lassen, ein paar Reisebüros anrufen … seine Beerdigung war so teuer …« Ihre junge Stimme zitterte, und eine einzelne Träne rann ihr die sommersprossige Wange herunter. »Ich kann ihn doch nicht enttäuschen, Benni.«

»Mach dir keine Sorgen«, beruhigte ich sie. »Ich rede mit Dove, und wir überlegen uns was.«

Meine Erfahrungen und Kontakte, die ich meinem Job als Leiterin des Josiah Sinclair Folk Art Museums verdanke, brachten mich auf die Idee, zusätzlich zum Rancherlebnisprogramm für Städter auch ein Angebot an Quiltkursen zu organisieren. Quilterinnen hätten die Möglichkeit, ihre Männer oder Freunde mitzubringen, und könnten neben dem Quiltunterricht in den wahren westlichen Lebensstil hineinschnuppern, den viele Reisemagazine in arg idealisierender Herrlichkeit priesen. Shawna war von der Idee entzückt.

Nachdem ich einige Quiltlehrerinnen angeschrieben hatte, erhielt ich zu meiner großen Überraschung und Freude einen interessierten Anruf von der weltberühmten Victory Simpson aus dem Küstenstädtchen Monterey, etwa vier Stunden nördlich von San Celina. Neugierig geworden, studierte ich die biografischen Daten auf ihren Bestsellern über Quilts – Victory war selbst auf einer Ranch aufgewachsen, und so war ihr Interesse an dem ländlichen Umfeld durchaus verständlich. Als ich sie über Shawnas und Johnnys Lage informierte, war sie so freundlich, ihr Honorar um die Hälfte zu reduzieren. Die acht Teilnehmerplätze waren an einem Tag ausgebucht, und wir hatten sogar eine Warteliste für einen möglichen zweiten oder sogar dritten Kurs, falls Victory sich dazu bereit erklärte.

Während ich den Quiltkurs organisierte, wurde meine Gramma Dove aktiv und überredete den Ausschuss der Frauenmissionsunion der San Celina First Baptist Church, ihr jährliches Planungs- und Arbeitstreffen auf der Ranch abzuhalten, was nicht allzu schwierig war, weil Dove die Kosten selbst zu tragen versprach. Da bereits vier Jäger auf die Ranch kamen, war Broken Dishes für die erste Zeit schon ausgebucht.

Ich lehnte mich im Stuhl zurück und studierte meine Liste. Sollte ich zuerst im Folk Art Museum anrufen, um sicherzustellen, dass es während meiner Abwesenheit eine Vertretung gab? Oder doch lieber Tina von The Fabric Patch, dem Stoffgeschäft in Morro Bay, wo für jene Quilterinnen, die ihre eigenen Nähmaschinen nicht mitbringen konnten, drei Leihgeräte abgeholt werden mussten? Morgen sollte ich auf der Ranch sein, um beim Einrichten des größten Gemeinschaftsraums zu helfen, dem Murietta-Raum, benannt nach Joaquin Murietta, einem berüchtigten Räuber der Gegend. Dort sollten das Quilten und der Quiltunterricht stattfinden. Drei Tage schienen nicht zu reichen, um alles rechtzeitig hinzubekommen.

Daddy räusperte sich, und ich sah auf. Er starrte aus dem riesigen Panoramafenster. Die Traurigkeit in seinem Gesicht verschlug mir glatt den Atem. Vor beinahe zweiunddreißig Jahren war meine Mutter gestorben, und seither war Joe vielleicht der einzige Mensch gewesen, mit dem Daddy seine Gefühle hatte teilen können. Wieso hatte mein Vater nicht wieder geheiratet? Keine Gelegenheit, kein Bedürfnis? Darüber hatten wir nie gesprochen. Meine Gespräche mit ihm drehten sich immer nur um Dinge, die den Ranchalltag betrafen, Viehpreise, Familienkram, Doves letzte Streiche, die ihn stets irritierten, oder um den endlosen Tratsch in der ländlichen Gemeinschaft. Ich beneidete ihn um die enge Beziehung, die offenbar zwischen Joe und ihm bestanden hatte. Es gab so viele Geheimnisse, die mein Vater strikt für sich behielt, Dinge, die ich vor ein paar Jahren herausgefunden hatte, als ich ihn nach den Umständen meiner Geburt gefragt hatte. Ich liebte meinen Vater, aber oft schmerzte es mich, dass er mit voller Absicht so vieles vor mir verbarg.

Ich legte meine Liste hin und ging zu seinem Sessel, setzte mich auf den Boden neben sein eingegipstes Bein und legte meine Wange an den kühlen weißen Gips, der unter seiner aufgeschnittenen Wranglers herausschaute. Scout, der die Traurigkeit im Zimmer spürte, versuchte sich auf meinen Schoß zu kuscheln, als wäre er ein Welpe.

»Ich werde alles tun, was du tun würdest, wenn du dort wärst«, sagte ich und umarmte Scouts warmen Körper. »Ich verspreche, ich werde dich nicht enttäuschen, Daddy.«

Er antwortete nicht, sondern legte mir die Hand auf den Kopf und streichelte ihn sanft, so wie ich Scout streicheln würde, und ließ seine Berührung die Worte sagen, die er entweder nicht ausdrücken wollte oder nicht ausdrücken konnte.

Kapitel 2

»Nieder mit den Bunnies!«, verkündete die Quilterin drei Tage später, als ich den Murietta-Raum im Gemeinschaftshaus betrat. Wie alle neuen Gebäude der Ranch war es ein Blockhaus mit hohen Decken und breiten Panoramafenstern.

Der Kommentar verhieß nichts Gutes, und so blieb ich erst mal stehen und lächelte nervös. Es war zehn Uhr morgens am ersten Tag des Quiltseminars, und alle lernten sich noch kennen. Die meisten Quilterinnen waren gestern spätnachmittags eingetroffen, an einem sonnigen, aber frostigen Montag.

»Wie bitte?«, fragte Bunny irritiert, die schlanke, etwas über fünfzigjährige Verwalterin von Broken DIS, die gerade mit derselben sachlichen Autorität den Raum betreten hatte, mit der sie die Ranch führte und ihr robustes, kleines Bridle Horse Gumby ritt.

Ein kalter Januarwind fegte durch die geöffnete Doppeltür und blähte die rot-weißen Ginghamvorhänge auf. Das Geweih eines Fünfenders über der Tür bewegte sich keinen Millimeter, doch der alte Cowboyhut, der im Geweih hing, zitterte leicht.

Die Quilterin, auf deren Namensschild Karen Olson stand, zog das obere Ende des Quilts aus ihrer Nähmaschine. Es war ein einfaches neunteiliges Muster, für das sie blau-gelben Flanellstoff verwendete, mit großäugigen Enten und tanzenden blauen Häschen drauf.

Die übrigen Quilterinnen, die ihre Maschinen hufeisenförmig auf den Tisch ihrer Lehrerin Victory Simpson ausgerichtet hatten, lachten nur und verstanden offenbar, was sie meinte. Gerade hatte Victory nach der ersten Unterrichtsstunde eine kurze Pause eingelegt. Ich war an ihr vorbeigekommen, als ich auf dem langen Flur der Lodge nach den Toiletten gesucht hatte. Die Quilterinnen arbeiteten jetzt eine halbe Stunde lang an ihren eigenen Entwürfen.

»Es ist sicher nicht persönlich gemeint«, sagte ich zu Bunny. Während meiner Arbeit als Museumsleiterin hatte ich oft mit Quilterinnen zu tun gehabt und wusste, dass sie überwiegend freundlich und friedfertig waren.

Karen lächelte. »Ist es auch nicht. Ich komme aus Iowa, wo sich die Karnickel ausgiebig in meinem Garten bedient haben. Ich bin ziemlich sauer auf sie. Eigentlich liebe ich Häschen. Sie sind hinreißend. Es würde mir auch nichts ausmachen, mit ihnen zu teilen, wenn sie mir wenigstens ein oder zwei Karotten übrig gelassen hätten. Zumindest genug für einen Kuchen!« Sie hielt den oberen Teil ihres halb fertigen Wiegenquilts hoch. »Dieser Quilt ist für mein zukünftiges Enkelkind. Bitte beachtet, dass kein bisschen Schnee in der Landschaft ist.« Sie war mit ihrem Ehemann Dennis aus dem verschneiten Mittelwesten angereist, damit er in den Hügeln Wildschweine jagen und in den Seen angeln konnte, während sie am Quiltkurs teilnahm.

Die anderen Quilterinnen hinter ihren surrenden Maschinen ergingen sich in übertrieben überschwänglichen Komplimenten, ohne auch nur einen einzigen Stich zu verpassen, eine Fähigkeit, die erfahrene Quilterinnen meist perfekt beherrschten.

Marty Brantley, eine weißhaarige Witwe aus Südkalifornien, blickte zu Bunny auf. Marty arbeitete an einem kniffligen, überlappenden Texas Lone Star Quilt nach einem exklusiven neuen Entwurf von Victory Simpson, mit dem sie gestern begonnen hatte. »Wie sind Sie eigentlich zu dem Namen Bunny gekommen?«

»Ich erzähle Ihnen die Kurzfassung«, sagte Bunny. »Mein richtiger Name ist Charlotte Hopp. Zu meinem ersten Osterfest bekam ich von meiner Tante eine Karte mit einem Häschen drauf, in dessen Gesicht man das Foto eines Kindes einschieben konnte, was meine Tante prompt getan hatte.« Sie stemmte ihre Hände in die schmalen Hüften und grinste die Damen an. Trotz ihres Namens war Bunny mit ihren langen Beinen in Wranglers, ihren tüchtigen Händen und ihrem kräftigen, baumgeraden Rücken auch optisch die perfekte Hollywoodbesetzung für die Rolle der Ranchverwalterin.

Marty kicherte entzückt. »Dann heißen Sie also Bunny Hopp?«

Bunny zog eine Grimasse und fuhr sich mit der Hand durch ihre kurzen silbrigen Locken. »Anscheinend haben meine Eltern meinen Spitznamen nicht konsequent zu Ende gedacht.«

»Ich weiß, wie das ist«, sagte eine kleine, eifrige Frau mit grau melierten Haaren. Es war eine Quilterin aus Long Island, New York. »Ich hab mich letzte Nacht allen hier als Katherine vorgestellt, aber meine Eltern nannten mich immer nur Kitty.«

»Kitty ist ein niedlicher Spitzname«, sagte Karen.

»Nicht, wenn man mit Nachnamen Katz heißt«, erwiderte die Frau.

Die mitleidig lautstarke Anteilnahme der Quilterinnen war noch zu hören, als ich Bunny den Flur entlang in die riesige Küche folgte.

»Scheint ja eine nette Gruppe zu sein«, meinte sie und ging auf die große Kaffeekanne zu, die den ganzen Tag für Gäste und Mitarbeiter der Ranch gefüllt war.

»Finde ich auch«, sagte ich. »Sie stammen aus dem ganzen Land, das macht die Sache besonders interessant. Ich glaube, die Idee mit Quiltkurs und Gästeranch wird sich durchsetzen und zukünftig das heiße Reiseabenteuer sein.«

»Wär sicher in Shawnas und Johnnys Sinn«, erwiderte Bunny und gab Sahne und Zucker in ihren Becher. »Apropos Reise, wer ist denn deiner Meinung nach die Heimliche Reisende?«

Eine alte Freundin aus Highschoolzeiten, die mittlerweile in einem Reisebüro arbeitete, hatte mich von dem Gerücht in Kenntnis gesetzt, dass sich die Heimliche Reisende, die Verfasserin einer Kolumne in über zweihundert Zeitungen landesweit, unter unseren Gästen befände. Eine gute Kritik über die Broken DIS Ranch wäre wie ein Royal Flush beim Poker um Reisegäste. Und ich mochte mir erst gar nicht ausmalen, wie sich eine schlechte Beurteilung auf unser taufrisches Unternehmen auswirken konnte.

»Ich habe nicht die leiseste Ahnung«, gestand ich.

»Schwer zu glauben«, sagte Bunny mit dem Rücken zu mir, während sie sich Kaffee einschenkte. »Wo du doch so eine berühmte Detektivin bist.«

Als sie sich umdrehte, schnitt ich eine Grimasse, obwohl sie die Wahrheit sagte. Es war eine wohlbekannte Tatsache, dass ich stets in irgendwelche Verbrechen hineinstolperte, nicht immer zur Freude meines Mannes, des ultrakorrekten Polizeichefs. »Das kriege ich schon noch heraus. Hoffentlich ist es das einzige Rätsel, das wir in den nächsten vierzehn Tagen zu lösen haben. Shawna und Johnny können sich einen schlechten Ruf nicht leisten.«

»Wohl wahr«, sagte Bunny und starrte einen Moment lang in ihren Kaffee, bevor sie den ersten Schluck nahm.

»Die Heimliche Reisende könnte jede der Quilterinnen sein«, mutmaßte ich und begann, auf der Suche nach etwas Essbarem Schranktüren und Schubladen in der militärisch korrekt sortierten Küche zu öffnen. An diesem ersten Tag war bereits so viel zu tun gewesen, dass ich noch keine Zeit fürs Frühstück hatte.

»Vielleicht sollten wir eine Wettgemeinschaft gründen.« Bunny deutete auf den riesigen Kühlschrank. »Rich hat ein paar Schokoladennapfkuchen gebacken.«

»Spitze!« Gerade, als ich die Kühlschranktür öffnete, kam Rich Trujillo, unser Ersatzkoch, herein.

»Hände weg«, befahl er in gespielter Verärgerung und drohte mir mit einem großen Holzlöffel. »Die sind für die zahlenden Gäste.«

Ich schnappte mir einen Napfkuchen und duckte mich unter dem Löffel hinweg. »Und was ist mit den schuftenden Aushilfen?«

»In der Speisekammer steht ’ne Packung Cracker.«

Rich Trujillo war ein guter Freund von mir, den ich angefleht hatte, für zwei Wochen als Koch einzuspringen. Die eigentliche Chefköchin der Ranch, Lupe, war noch bis Mitte Februar unten in Mexiko, um ihre alte Mutter zu besuchen. Heute verbarg sich Richs vertraute Uniform aus knallbuntem Hawaiihemd und gestärkten Jeans hinter einer sauberen weißen Schürze. Er war ein ausgezeichneter Koch, Ende fünfzig, mit breitem Kinn und dichten, grau melierten Haaren. Bevor er sich in Morro Bay zur Ruhe gesetzt hatte, war er in Phoenix Feuerwehrmann gewesen, sogar der beliebteste der Stadt, da er zuvor als Koch im mexikanischen Restaurant seiner Eltern gearbeitet hatte. Er hatte die Herzen vieler Stammgäste gebrochen, als er seine Restaurantkarriere an den Nagel gehängt hat, um künftig Feuer zu bekämpfen.

Ich blickte Rich in die Augen und nahm einen riesigen Bissen von dem schokoglasierten Napfkuchen. »Hmmm, echt Señor mocosa grande.«

Er lachte über meinen erbärmlichen Akzent.

»Wie hast du ihn genannt?«, fragte Bunny.

»Mr. Großer Racker«, erklärte er, schnappte sich eine besonders große Dose Chilis und tat so, als wolle er nach mir werfen.

Ohne mit der Wimper zu zucken, biss ich noch mal von meinem Kuchen ab. »Was gibt’s zu Mittag?«

Er sah Bunny an und schüttelte den Kopf. »Wie um alles in der Welt kriegt sie irgendwas geregelt, wenn sie nur ans Essen denkt?«

»Damit du’s weißt: Ich bin seit fünf Uhr auf«, stellte ich klar. »Ich habe Sam und Lindsey beim Füttern der Pferde geholfen. Dann hab ich einige Pferde gestriegelt und ein paar Ställe ausgemistet. Danach bin ich Victory beim Vorbereiten ihrer ersten Lektion zur Hand gegangen und habe den Quilterinnen beim Aufstellen ihrer Maschinen geholfen. Und das alles, ohne zu frühstücken. Was hast du gemacht?«

»Du verschlingst gerade einen Teil davon«, antwortete er. »Es gibt Hühnchen, Reis und grüne Chilikasserolle zum Mittagessen. Und Schokoladennapfkuchen zum Kaffee, wenn du welchen für die zahlenden Gäste übrig lässt.«

Ich stopfte mir das letzte Stück Kuchen in den Mund. »Ich hab dich vermisst, Rich. Tausend Dank, dass du uns hier hilfst. Ich stehe für immer in deiner Schuld.«

»Hab dich auch vermisst, mija«, erwiderte er und öffnete die Chilidose mit einem elektrischen Dosenöffner. »Und du schuldest mir nada.«

Als er sich wieder seinen Kasserollen widmete, schob Bunny sich neben mich und flüsterte: »Hilfst du beim Servieren des Mittagessens? Ich rate dir sehr dazu. Im Grunde wäre es besser, du würdest bei jeder Mahlzeit aushelfen.«

Heute Morgen war ich zum Frühstück nicht angetreten, da es mir wichtiger schien, die Pferde zu striegeln und herzurichten. Sie gehörten zur Hauptattraktion der Ranch. Ich stöhnte leise. »Was hat Rita gemacht?«

Rita ist meine Kusine. Ich erzähle den Leuten lieber, dass wir nur ganz entfernt verwandt sind, dummerweise aber sind ihre Großmutter und meine Großmutter Schwestern, wir also blutsverwandte Kusinen und damit enge Verwandte, wenn man aus dem Süden stammt. Was bei uns der Fall ist.

Rita Mosley Johnson. Wie kann ich meine Kusine Rita aus Pine Bluff, Arkansas, beschreiben? Sie ist die Dolly-Parton-Version von mir – einsfünfundfünfzig groß, lange, gelockte rotblonde Haare, braune Augen. Rein körperlich ähneln wir uns sehr. Wir haben sogar dieselbe Kleidergröße. Doch während ich einfache, alte Wranglers bevorzuge, trägt sie knallenge Röcke in Farben, die einen Habicht auf tausend Meter erblinden lassen. Ich zieh mir T-Shirts und gelegentlich karierte Westernhemden mit Druckknöpfen über. Sie trägt nabelfreie Oberteile mit Ausschnitten, wo eigentlich BH-Träger sein sollten. Für gewöhnlich binde ich meine langen Haare zu einem einfachen Zopf zusammen. Ihre toupierte erdbeerblonde Mähne dagegen verleiht dem Ausdruck Dallasfrisur eine völlig neue Bedeutung.

Und sie sollte in den kommenden zwei Wochen auf der Ferienranch bedienen, eine Situation, die mir immer noch nicht ganz geheuer war. Als ich vor drei Tagen gerade nach Broken Dishes aufbrechen wollte, stand sie zum dritten Mal in drei Jahren vor meiner Tür, mit ihrer üblichen Geschichte über einen untreuen Ehemann, kein Geld und keine Bleibe. Ich hatte die Wahl, sie mitzunehmen oder sie in unserem Haus in San Celina bei meinem Mann Gabe wohnen zu lassen. Ihm vertraute ich ja, aber sie ritt auf noch ganz anderen Rodeos.

»Wir könnten eine Kellnerin gebrauchen«, hatte Shawna mir am Telefon gesagt, als ich sie fragte, ob ich Rita mitbringen könne. »Die beiden, die ich eingestellt habe, wollen lieber nach Alaska trampen.« Ein leises, müdes Seufzen war durch die Leitung zu hören. »Ich wollte gerade die Arbeitsvermittlung anrufen.«

»Rita hat mal in einem Waffle House Coffeeshop gearbeitet«, sagte ich in der Hoffnung, meine Empfehlung später nicht zu bereuen. Shawna bot ihr Kost und Logis und hundertfünfzig Dollar pro Woche an. So ließ sich das Problem mit der Kellnerin lösen, und Rita hätte etwas Startkapital, falls sie sich diesmal dazu durchringen würde, Skeeter endgültig den Laufpass zu geben.

Bunny trat von einem Stiefel auf den anderen. »Ich will ja nicht petzen, aber falls der heutige Morgen eine Kostprobe ihrer Talente war … Um es mal so auszudrücken: Wahrscheinlich kriegt sie eine Menge Trinkgeld von unseren männlichen Gästen. Wenn die weiblichen sie nicht vorher umbringen. Drei Mal haben sie um Butter gebeten, die schließlich ich ihnen gebracht habe.«

Ich seufzte. »Schon gut, ich verstehe. Hat Shawna es schon gemerkt?«

»Was gemerkt?«, fragte Shawna, als sie die Küche betrat. Ihre dunklen Haare waren auf ihrem Kopf zu einem Dutt festgesteckt, und ihr rot kariertes Westernhemd, die inoffizielle Uniform der Ranch, schmiegte sich perfekt um ihre jugendliche Figur. Sie lächelte mich an, ihre hübschen, feinen Gesichtszüge wirkten heute so fröhlich wie bei einer Disneyfigur.

»Mach dir keine Sorgen, es ist nichts Ernstes. Es geht um meine Kusine Rita.«

Shawna lachte. Sie war zwei Jahre jünger als Rita, aber hundertmal reifer. »Lass mal, Benni. Sie flirtet halt gern. Ich kann mir vorstellen, dass alle diese Frauen sie schon zurechtweisen würden, wenn’s sein müsste.«

»Da dürftest du Recht haben. Aber ich werde wohl trotzdem bei den Mahlzeiten einspringen, damit alle fairen und gleichen Zugang zu den Gewürzen erhalten.«

Ich wusste Shawnas Verständnis zwar zu schätzen, doch sie hatte keine Ahnung, wie durchgeknallt Rita sein konnte. Ich sorgte mich vor allem um die Rancharbeiter, deren Baracken nur einen Steinwurf entfernt von der Hütte standen, in der Rita, ich und Lindsey O’Brien, die einzige weibliche Arbeiterin auf der Ranch, untergebracht waren. Abgesehen davon, dass wir es uns nicht leisten konnten, die Heimliche Reisende zu vergraulen, schon gar nicht an unserem Eröffnungstag.

»Du machst doch jetzt schon viel zu viel«, sagte Shawna.

»Kein Problem. Außerdem sind zwei Kellnerinnen besser als eine. Es gibt kein Essen, das zu schnell serviert wird. Also, keine Sorge.«

»Leichter gesagt als getan«, erwiderte sie und blinzelte rasch mit ihren grauen Augen.

Shawna hatte sich nach dem Tod ihres Vaters um die finanziellen Probleme der Ranch gekümmert, während Johnny die Leitung der Ranch übernommen hatte, mit enormer Hilfe von Bunny und Whip Greenwood, dem wichtigsten Cowboy. Solch eine emotionale und physische Last zu tragen, während man gleichzeitig um den Vater trauerte, war eine gewaltige Aufgabe für jemanden von gerade mal dreiundzwanzig Jahren. Bis jetzt hatte Shawna sie besser gemeistert als viele wesentlich ältere Leute, die ich kannte.

»Wie geht’s Pokey?«, fragte ich. Eines ihrer zwanzig Pferde hatte ein verletztes Bein, das Whip erfolglos mit Umschlägen behandelt hatte.

»Ich musste den Tierarzt anrufen«, sagte sie, schluckte schwer und versuchte, sich ihre Besorgnis nicht anmerken zu lassen. »Unsere Rechnung von Dr. Kreft ist ohnehin schon so hoch. Gott sei Dank können wir die Schulden abtragen.«

»Daran ist er gewöhnt«, sagte ich. »Die meisten Rancher heutzutage kommen gerade eben über die Runden. Dafür hat einer der Jäger heute Morgen ein Wildschwein von dreihundert Pfund erlegt und ist ganz aus dem Häuschen.«

»Das ist ja großartig«, rief sie in fast kindlicher Begeisterung. »Und wann kommt Gabe endlich?«

»Am Freitag«, erwiderte ich und warf einen Blick auf den Kalender des Futterlieferanten an der Wand. Heute war Dienstag, der 30. Januar. »Falls er seinen ganzen Papierkram erledigen kann, bleibt er vielleicht drei oder vier Tage. Bevor er bei den Marines war, hat er eine Zeit lang auf der Rennbahn von Santa Anita gearbeitet. Er könnte als zusätzlicher Cowboy helfen.«

»Tut mir leid, dass ihr beide getrennt schlafen müsst«, bedauerte sie. »Obwohl ich natürlich froh bin, dass alle Zimmer vermietet sind. Ich habe Victory die Honeymoonhütte gegeben. Das war wohl das Mindeste, was ich tun konnte.«

»Ganz deiner Meinung«, stimmte ich zu. »Sie tut uns einen Riesengefallen.«

Obwohl Broken Dishes größer war als die meisten Ferienranches, war der Andrang auf das Quiltwochenende so überwältigend gewesen, dass beinahe jedes Bett vergeben wurde. Es gab acht Blockhütten, einige für zwei, andere für vier Personen, und eine Baracke für die männlichen Arbeiter und Cowboys. Shawna und Johnny lebten im alten Adobehaus, und Bunny wohnte in einer kleinen Hütte auf der Rückseite des Stalls.

»Ich hoffe, dass die Baracke bequem genug ist für Gabe«, sagte Shawna.

Rich ließ vom Brotteig ab, den er knetete, und sah sich um. »Wenn Gabe die Unterkünfte der Marines und den Dschungel von Vietnam überlebt hat, wird er deine Baracke als geradezu himmlisch empfinden«, feixte er. »Mensch, da bekommt man glatt das Gefühl, wieder Rekrut zu sein. Ich vermisse bloß die harte Matratze.«

»Oh, das tut mir leid, vielleicht könnten wir …«, begann Shawna.

Rich hob eine mehlbestäubte Hand und schenkte ihr ein breites Grinsen. »War nur Spaß. Meinem alten Rücken geht’s prima, und ich amüsiere mich prächtig.« Seine ermutigenden Worte vertrieben jedoch nicht die Anspannung aus ihrem Gesicht.

Ich legte ihr eine Hand auf den Rücken. »Ächzen und Stöhnen gehört zu einer solchen Arbeit nun mal dazu, Shawna. Ignorier einfach alle Klagen in den kommenden zwei Wochen. Das Gezeter hinter den Kulissen schweißt das Team zusammen.«

Rich und Bunny lachten.

Shawna sah mich aus ihren grauen Augen zweifelnd an. Sie nahm ihre Rolle als Boss sehr ernst, wie man es von einer verängstigten Dreiundzwanzigjährigen mit einer solch immensen Verantwortung erwarten würde. »Wenn du es sagst …«

»Falls sich irgendwer beschwert, schick ihn zu mir, dann sage ich dir, ob du dir wirklich Gedanken darüber machen musst. Abgemacht?«

Sie nickte, ihr verkniffener Mund entspannte sich etwas. »Abgemacht.« Sie wandte sich an Rich. »Wie läuft’s in der Küche?«

»Alles nach Plan«, sagte er und wischte sich die Hände an der Schürze ab. »Hühnchenkasserolle mit Sopaipillas zum Mittagessen. Zum Abendessen gibt es Hühnchen mit Knödel und Kirschtorte mit hausgemachtem Vanilleeis.«

Ich griff mir ans Herz. »Rich, du bist der perfekte Mann.«

»Du könntest mir deine Anerkennung erweisen, indem du den Abwasch machst«, sagte er lachend und deutete auf die große, glänzende Spülmaschine am Ende der Küche.

»Auf gar keinen Fall, das überlasse ich Sam. Übrigens, brauchst du Hilfe bei der Vorbereitung fürs Abendessen? Sam ist ganz wild darauf, mit dir zu arbeiten.«

Sam war mein Stiefsohn, Gabes einziges Kind und vor über zwei Jahren nach San Celina gezogen, um die verkorkste Beziehung zu seinem Vater wieder hinzubiegen. Vor kurzem hatte er beschlossen, sich der Kochkunst zu widmen und Chefkoch zu werden. Mit Billigung seiner Eltern hatte er sich erst mal von der Cal Poly University befreien lassen, um zu arbeiten. Ich hatte meine beste Freundin Elvia überredet, ihn vorübergehend von seinem Job in ihrem Buchladen zu entbinden, damit er auf der Ranch helfen konnte. Außerdem hatte ich Sam versprochen, dass er, wenn er nicht gerade Wanderritte begleitete oder Ställe ausmistete, mit Rich zusammenarbeiten könne. Der war als Koch zwar Autodidakt, aber ein wahres Naturtalent.

Rich nickte und blickte mich mit seinem kupferfarbenen Gesicht freundlich an. »Ich könnte Hilfe bei den Vorbereitungen zum Abendessen gut gebrauchen, aber selbst bei seinem Arbeitstempo reicht Sam nicht aus, jetzt, da alle Gäste eingetroffen sind.« Er wandte sich wieder seinem Brotteig zu und knetete weiter.

Shawna war ihre Sorge anzusehen. Bei ausgebuchtem Haus und Minimalbelegschaft musste jeder sich ranhalten.

»Kein Problem«, sagte ich. »Während Victorys Quiltseminar kann ich dir zur Hand gehen und Gemüse klein schneiden.« Ich streckte Shawna die Handflächen entgegen. »Siehst du, Problem gelöst. Jetzt suche ich Rita, damit wir die Tische fürs Mittagessen decken können.«

»Und ich seh mir mal die Wasserpumpe in der Nordkoppel oben am Condor Pass Trail an«, sagte Bunny. »Whip meint, sie sei verstopft gewesen, als er das letzte Mal mit einer Gruppe dort war.«

Die Pumpe war das erste Ziel auf einem der fünf organisierten Wanderritte der Ranch. Bevor Joe gestorben war, hatte er unglaublich geackert, um die Pfade freizulegen und zu markieren und entlang der Strecke an strategisch günstigen Stellen Wasserlöcher für die Pferde und Latrinen für die Reiter anzulegen. Für das nächtliche Viehtreiben und die Jagdausflüge, die er geplant hatte, gab es etwa zwei Reitstunden von der Ranch entfernt eine zusammengeschusterte Jagdhütte, die MudRun genannt wurde.

Shawna lächelte nervös. »Klingt so, als ob für heute alles glattliefe. Und es sind ja nur noch dreizehn Tage.«

»Die erste Veranstaltung ist immer die schwierigste«, sagte ich. »Nächstes Jahr ist das alles schon ein alter Hut für dich.«

»Hoffentlich«, sagte sie und ging zur Tür. Ich folgte ihr auf die breite Vorderveranda der Lodge hinaus, wo wir einen Augenblick verharrten und unsere Blicke über die Ställe und die Baracke schweifen ließen. Schaukelstühle aus ungehobeltem Holz mit blau-roten Paisleykissen standen hier aufgereiht. Am anderen Ende der Veranda machten ein paar Quilterinnen Pause und genossen die Sonne des späten Vormittags. Sie lächelten und winkten uns zu.

Ich beugte mich vor und stützte meine Unterarme auf das raue Verandageländer. Shawna tat das Gleiche, und wir beobachteten, wie Sam einen kleinen mausgrauen Wallach striegelte. Seine beruhigenden Worte klangen wie ein Lied, das von der frischen Winterbrise in Wellen fortgetragen wurde. Laut und leise, laut und leise. Hinter ihm erhob sich in dunklem Grünbraun die Diablo Mountain Range und setzte sich vom eisig blauen, wolkenlosen Himmel ab. Ein Rotschwanzbussard stieß herab, nutzte die Luftverhältnisse für seine mittägliche Beutejagd und kam so nah heran, dass wir die weißen Bänder auf seinen braunen Schwanzfedern sehen konnten. Heute war es richtig kühl. Der Wetterbericht im Fernseher unserer Hütte hatte fürs Cholame Valley Höchstwerte um die dreizehn Grad vorhergesagt, was für Ende Januar, Anfang Februar nicht ungewöhnlich war. Ich musste die Quilterinnen daran erinnern, sich für unseren Wanderritt entsprechend warm anzuziehen.

Nach einigen Minuten des Schweigens fragte ich: »Muss sonst noch irgendwas erledigt werden?«

Shawna biss sich auf die Lippe, ohne mich anzusehen. »Ich mache mir Sorgen um Johnny. Der Erfolg der Ranch ist für ihn dermaßen wichtig, als wäre es ein Test für seine Männlichkeit oder so. Falls es nicht klappt, wird er allein sich die Schuld geben, und das ertrage ich nicht.« Mit einem Daumennagel pulte sie einen Dreckklumpen vom ungestrichenen Verandageländer. »Und ich weiß, es klingt kindisch, aber ich will meine Mutter bei mir haben. Und ich vermisse Dad.«

»Ich weiß.« Sie hatte nur eine so kurze Zeit mit ihren Eltern verbringen dürfen, vor allem mit ihrem Vater. Nun lastete die riesige Verantwortung auf ihr, nicht die Generation zu sein, welche die Familienranch verlor. Ganz zu schweigen von dem Versuch, Joes Ruf im San Celina County gerecht zu werden.

Sie schüttelte rasch den Kopf und sagte: »Wir geben einfach unser Bestes, sollen doch die Kühe ihre Fladen fallen lassen, wo sie wollen. Ich weiß, dass Dad nichts anderes von mir erwarten würde.«

Ich schickte ein Stoßgebet gen Himmel und wünschte ihr die Kraft, die sie und Johnny benötigen würden, um ihr erstes Ehejahr und dieses Unternehmen zu meistern. »Du hast vollkommen Recht. Und vergiss nicht, dass du einen Haufen Freunde hast, die mit anpacken.«

Sie lächelte mich schüchtern an. »Ich kann dir gar nicht sagen, wie dankbar ich dir bin.«

»Benni!« Eine schrille Stimme unterbrach Shawnas Worte. Meine Kusine Rita trat aus unserer Hütte und führte sich auf wie ein gehetzter Elch. »Ben-ni!« Sie war lediglich mit zwei Handtüchern bekleidet, eins um ihren Kopf, das andere bedeckte notdürftig den Rest. Einer der Cowboys, ein junger Mann in den Zwanzigern namens Chad, trat zufällig gerade aus seiner Baracke und wurde Zeuge ihres Auftritts. Mit offenem Mund stand er da und starrte auf meine knapp bekleidete, kreischende Kusine.

»Heb dir deine Dankbarkeit noch ein paar Tage auf, Shawna. Dass ich meine irre Kusine hier angeschleppt habe, könnte deine Meinung noch ändern.«

Sie kicherte und klang zum ersten Mal seit Tagen wie eine junge, unbekümmerte Frau. Vielleicht war Rita doch noch zu etwas anderem nütze, als mit Männern zu flirten. Wir brauchten weiß Gott was zum Lachen.

»In New York kannte ich Mädchen, die waren genauso«, erzählte Shawna. »Die Klamotten waren vielleicht anders, aber von der Art her sehe ich keinen großen Unterschied.«

»Ich schau mal nach, weshalb sie so rumbrüllt. Ich sage ihr, sie soll sich ein bisschen bedeckt halten, wo wir uns hier so dicht auf der Pelle hocken. Nicht, dass meine Worte auch nur ein Iota Bedeutung für sie hätten …«

»Benni!«, brüllte Rita erneut und trat auf die unterste Stufe unserer Hütte. »Hilfe!«

»Halt deine Mustangs fest, Rita«, rief ich zurück und ging die Verandastufen hinunter. Beinahe verlor sie ihr Frotteetuch. »Und dein Handtuch«, murmelte ich.

Chads feuchte Unterlippe klappte noch weiter nach unten und ließ ihn ausgesprochen dämlich aussehen. Als ich an ihm vorbeiging, zog ich die Augenbrauen hoch und sagte: »Müssen Sie nicht ein paar Pferde striegeln?«

»Äh, ja doch, Ma’am«, stammelte er, klappte den Mund wieder zu und schluckte hörbar, bevor er sich umdrehte und zum Stall ging.

»Was ist denn los?«, fragte ich Rita und drängte sie in die Hütte zurück.

»Mein Föhn ist kaputtgegangen, und ich kann deinen nirgends finden. Ich hab schon überall gesucht.«

»Er ist genau hier«, sagte ich und öffnete die oberste Schublade vom Toilettentisch im Badezimmer.

Sie entriss ihn mir. »Herrjemine, da kannst du ihn ja gleich verstecken.«

»Etwas wegzuräumen heißt nicht, es zu verstecken«, kommentierte ich trocken. Obwohl ich aus Erfahrung wusste, dass sie selbst in Gegenwart meines Mannes kein Schamgefühl kannte, hätte ich es vielleicht doch drauf ankommen lassen sollen.

Sie stellte das Radio an, wandte mir den Rücken zu und schaltete den Föhn ein. Der Empfang von KCOW war laut und deutlich, obwohl wir hier in den Hügeln so weit abgelegen waren. Hereford Hank dröhnte: »Schönen Dienstag, Buckeroos und Buckerettes. Hier kommt ein rauchiges, altes Stück von unserem liebsten Cowgirl aller Zeiten – ›Three Cigarettes in an Ashtray‹.«

Rita warf die Haare nach vorne, föhnte den Haaransatz und verhunzte mit ihrem quäkenden Sopran Patsy Cline, unser liebstes Cowgirl aller Zeiten.

»Wenn du fertig bist, müssen wir die Tische fürs Mittagessen eindecken«, rief ich über das Getöse des Föhns hinweg.

Sie grinste mich kopfüber an und verstand kein Wort.

Vor der Hütte blieb ich eine Minute auf der Veranda stehen und atmete die frische, kühle Winterluft. Es würden zwei lange Wochen werden.

Als ich dann um die Ecke flitzte, um nach den Pferden zu sehen, stieß ich mit David Hardin zusammen. Er war der älteste Angestellte der Ranch, hatte bereits für Joes Vater und anschließend für Joe gearbeitet und setzte nun die Tradition fort, indem er für Shawna und Johnny arbeitete. Mit seinen siebenundsechzig Jahren wusste er mehr über Viehzucht als wir alle zusammen.

»Holla, wen haben wir denn da. Benni Harper!«, sagte er und fing mich an den Schultern auf. Die beiden freundlichen Ranchhunde folgten ihm – ein schwarz-weißer Bordercollie namens Sugar, der andere eine Mischung aus Bordercollie und Catahoulahund namens Buck, mit dem mich eine spezielle Freundschaft verband. »Wohin so eilig?«

Der Mann mit der breiten Brust und dem ansteckenden Lächeln war sein Leben lang Junggeselle gewesen. Er hinkte ein wenig, hatte einen schneeweißen Vollbart, ein breites, sonnengebräuntes Gesicht voller Falten und trug immer einen dunklen Cowboyhut mit einer feschen, kleinen Feder.

»Hallo, David«, sagte ich und beugte mich herunter, um die Hunde zu streicheln. Buck stupste Sugar mit der Nase aus dem Weg, sodass sie wieder zu David ging. Buck, mit dem ich früher oft Kühe zusammengetrieben hatte, erinnerte mich an Scout, den ich jetzt schon wie verrückt vermisste. »Ich will mal nach den Pferden sehen, die Lindsey für den Wanderritt mit den Quilterinnen heute Nachmittag ausgesucht hat. Wie läuft’s in der Baracke?«

In der langen, schmalen Baracke konnten neun Leute schlafen, sie bestand aus zwei Räumen mit jeweils vier Betten und einem Badezimmer an jedem Ende. In der Mitte lag ein Einzelzimmer mit Bad, das für gewöhnlich dem Ranchverwalter vorbehalten war. Da Bunny in einer kleinen Hütte an der Rückseite des Stalls wohnte, hatte man David wegen seines Alters und der langjährigen Beziehung zur Ranch das begehrte Mittelzimmer zugewiesen.

»So weit alles gut«, erwiderte David. »Whip ist auf der gegenüberliegenden Seite von Chad und Sam, weil er ihre Musik nicht ausstehen kann. Also hab ich auf der einen Seite diesen Hip-Hop-Kram und auf der andern George Jones.«

»Wenigstens hat Whip einen guten Musikgeschmack«, sagte ich.

Whip Greenwood war Anfang dreißig, ein paar Jahre jünger als ich. Er lebte seit beinahe zwanzig Jahren auf der Ranch und hatte für Joe Darnell gearbeitet. In meinem letzten Highschooljahr war er als junges Pflegekind nach Broken Dishes gekommen. Eine Sozialarbeiterin, die mit Joe befreundet war, hatte ihn überredet, den Jungen bei sich aufzunehmen. Für mich gehörte Whip genauso zu Broken Dishes wie die verwitterten Färbereichen, die vereinzelt auf den Hügeln standen. Schon als Junge war er sehr still gewesen, und mittlerweile war er zu einem hageren, sonnengebräunten Mann herangewachsen, der seine Arbeit in jener reservierten, wortkargen Art erledigte, die so typisch ist für die männliche Landbevölkerung des Westens.

»An diesem Wochenende könnte das Konzert in der Baracke noch vielstimmiger werden«, deutete ich an. »Gabe mag Blues und Jazz. Emory bevorzugt Hörbücher.«

Mein Cousin Emory und meine beste Freundin Elvia, die seit neuestem verheiratet waren, wollten an diesem Wochenende herkommen, um beim großen Tanz in der Scheune am Samstagabend mitzuhelfen. Es war eine öffentliche Veranstaltung und ein Experiment. Falls sie Gewinn machten, wollten Shawna und Johnny weitere Tanzabende organisieren, möglicherweise auch andere Veranstaltungen wie Hochzeiten, Firmenpicknicks und Familienfeiern. Alles, um die Ranch halten zu können. Seit einem Monat hatten wir für den Tanz kräftig die Werbetrommel gerührt.

»Macht nichts«, sagte David. »Ich hab ein ganzes Päckchen erstklassiger Ohrstöpsel. Die anderen können machen, was sie wollen.«

Ich lachte. »Ich verschwinde lieber mal und sehe nach den Pferden. Wir müssen gleich den Tisch fürs Mittagessen decken.« Buck lehnte sich an mein Bein und seufzte. Ich langte hinunter und streichelte seine seidigen Ohren.

»Hab gesehen, wie du mit Shawna auf der Veranda geredet hast«, sagte er. Plötzlich wurde sein verwittertes Gesicht ganz ernst. »Schafft sie es denn?«

»Sie ist ein zähes kleines Ding. Wenn einer die Ferienranch zum Laufen kriegt, dann sie.«

»Ich weiß, aber ich mache mir Sorgen um sie. Und um Johnny. Das ist ganz schön schwer für die beiden, in ihrem Alter.«

Ich ging mit David durch den Stall, an den zehn Boxen vorbei zur Koppel auf der Rückseite. Whip stand mit verschränkten Armen auf der Koppel und beobachtete Johnny, der ein scheues junges Quarter Horse einzufangen versuchte. Als das Pferd erneut zurückwich, begann er zu fluchen und schwenkte drohend die Trense. Der nervöse Wallach trat mit den Hinterläufen aus und scheute nur noch mehr. Er erinnerte mich an Johnny, nervös und ein bisschen unerfahren. Schließlich konnte Whip das Spektakel nicht länger mit ansehen, ging wortlos zu Johnny rüber und wollte ihm die Trense aus den Händen reißen.

»Ich kann das schon!« Johnny hielt die Trense einen Augenblick fest, bevor er sich Whips offenkundiger körperlicher Überlegenheit beugte.

»Du verängstigst den armen Kerl bloß«, sagte Whip in seinem schleppenden Tonfall.

Leise redend und ganz langsam näherte sich Whip dem Pferd, das seine Ohren ängstlich angelegt hatte. Nach wenigen Minuten duldete es Whip so dicht bei sich, dass er es berühren konnte. Whip trat langsam neben das Pferd, besänftigte es und strich ihm mit der Hand über Flanke und Hals. In wenigen Sekunden streifte er vorsichtig die Trense über den Kopf.

»Du musst ein bisschen langsamer und ruhiger sein, Johnny«, sagte er über seine Schulter. »Das Pferd kann deine Unruhe spüren.«

Johnny murmelte etwas Unverständliches, auf jeden Fall Abfälliges vor sich hin.

Whip drehte sich um und sah den jüngeren Mann verärgert an. »Was hast du gesagt?«

Johnny reckte sich und sah Whip wütend an. »Ich sagte, ich kann verdammt noch mal tun, was ich will. Das Pferd gehört mir.«

Die beiden Falten um Whips schmale Lippen wurden tiefer. »Ist mir schon klar, Mr. Abbott.« Er zog die letzten zwei Wörter in die Länge und äffte Johnny nach. »Ich glaube, dir gehört so ziemlich alles hier.« Er nahm das Führseil und wickelte es um den Koppelzaun. »Aber eigentlich gehört es eher deiner Frau.«

»Es ist unsere Ranch«, schnauzte Johnny.

»Ranch?« Whip stieß ein sarkastisches Lachen aus. »Das ist doch keine Ranch mehr. Ihr verwandelt es in einen Spielplatz für Reiche. Ferienranch.« Er drehte den Kopf und spuckte auf den Boden. »So ein Land so zu verschwenden.«

»Was weißt du denn schon?«, sagte Johnny. »Du bist doch nur hier, weil Joe Mitleid mit dir hatte. Genauso wie Shawna jetzt.«

Ich starrte Johnny an, entsetzt über seine Grausamkeit. Ich hatte Johnny immer gemocht, aber eines hatte sich seit seiner Kindheit nicht geändert, seine lebhaften Stimmungsschwankungen nämlich. Ein paar Mal hatte ich es in der Bäckerei seiner Eltern miterlebt, und noch in letzter Zeit bei Brandings und Barbecues auf der Ranch war es zu solchen Szenen gekommen.

Mir war klar, dass Johnnys harsche Worte Whip weit mehr verletzt hatten, als man es ihm ansah. Whip hatte Joe wie einen Vater geliebt und kannte, abgesehen von David, die Broken Dishes Ranch mitsamt Pferden, Rindern und Land so gut wie kein anderer. Das galt auch für Bunny, die Joe erst ein Jahr vor seinem Tod eingestellt hatte. Angesichts der langen Zeit, die Whip auf der Ranch verbracht hatte, war ich wohl nicht die Einzige, die sich darüber wunderte, warum sich Joe für Bunny entschieden und nicht einfach Whip befördert hatte. Oder weshalb Whip nicht von Joe in seinem Testament berücksichtigt worden war, obwohl der ihn praktisch großgezogen hatte.

»Das reicht jetzt, Jungs«, sagte David und ging zu Johnny. Er packte ihn an der Schulter und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Seit Johnnys erstem Arbeitssommer auf der Ranch hatte er sich bestens mit David vertragen. Er war wie ein Großvater für ihn. Was immer auch David gesagt haben mochte, es funktionierte, denn Johnny hielt den Mund und ging mit ihm davon, ohne Whip noch einmal anzusehen.

Der war knallrot vor Wut, blickte mich an und kniff die Augen zusammen.

Um die Verlegenheit zu überspielen, fiel mir nichts Besseres ein, als das Thema zu wechseln. »Sind die Pferde bereit, um sie für meinen Wanderritt mit den Quilterinnen heute Nachmittag zu satteln?«

Er nickte, seine spitzen Wangenknochen waren immer noch gerötet. »Ich habe sämtliche Hufeisen überprüft, die sind okay. Bunny sagt, du sollst Patrick reiten. Er braucht Bewegung.«

»Danke, kann ich tun.«

Er machte auf dem Absatz kehrt, verließ die Koppel und ließ den Wallach dort. Ich band ihn wieder los und führte ihn zurück auf die Weide.

Im Stall erkannte mich Patrick und streckte den Hals heraus, damit ich ihn dort kraulen konnte, wo normalerweise der Kinnriemen liegt. Er war ein smarter, kleiner Rotschimmel, ein Quarter Horse, das ich schon oft geritten hatte. Zurzeit wurde Patrick von Bunny zum Bridle Horse ausgebildet – für die komplizierte Arbeit auf einer Ranch. Er lernt sehr schnell, hatte sie mir kürzlich erzählt, und hat ein so empfindliches Maul, dass man ihn bald schon neben Pauken und Trompeten auf die Bühne stellen und trotzdem unter Kontrolle halten kann. Bei meiner Berührung schnaubte Patrick vor Wonne.

»Oh Patrick«, sagte ich, rieb seine Brust und dachte darüber nach, was ich soeben miterlebt hatte. »Warum müsst ihr Männer euch dauernd gegenseitig anmachen?«

Ich überprüfte noch einmal die Pferde, die Whip für den Wanderritt ausgesucht hatte. Es waren allesamt brave, erfahrene Tiere, auf die man sich verlassen konnte. Genau das, was wir brauchten. Für eine Gruppe unerfahrener Reiterinnen wollten Lindsey und ich keine unberechenbaren Pferde, die beim Anblick eines wirbelnden Blattes oder eines Schmetterlings durchgingen. Ich mochte meine Quiltdamen und wollte um jeden Preis verhindern, dass sie sich verletzten. Außerdem konnte sich die Ranch keine Prozesse leisten.

Als ich mich davon überzeugt hatte, dass mein Wanderritt gut vorbereitet war, ging ich zu unserer Hütte zurück, um Rita zu suchen. Sie war nirgends zu finden, obwohl etliche Beweisstücke verrieten, dass sie hier gewesen war. Das Wohnzimmer im Westernstil befand sich in akzeptablem Zustand, doch unser Schlafzimmer war ein einziges Desaster. Auf ihrem Bett, das mit derselben rot bedruckten Steppdecke wie meines zugedeckt war, herrschte heillose Unordnung. Die schwarzen Eisenpfosten an Fuß- und Kopfende waren mit Klamotten behängt. Selbst auf meinem ordentlich gemachten Bett flogen Ritas Modefummel herum.

Ich hob ein dunkel verschmiertes Papiertuch und eine offene Tube blauschwarze Wimperntusche auf, beides achtlos auf unseren Nachttisch geworfen.

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