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Ein bunter Blumenstrauß: Liebe & Schicksal Großband 4 Romane 7/2021

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Inhaltsverzeichnis

  • Ein bunter Blumenstrauß: Liebe & Schicksal Großband 4 Romane 7/2021
  • Copyright
  • Kunterbuntes unterm Grimsteig
  • Lebe unseren Traum, Geliebte
  • Dr. Härtlings schwerste Stunde
  • Das Kind der neuen Chirurgin

Ein bunter Blumenstrauß: Liebe & Schicksal Großband 4 Romane 7/2021

Anna Martach, A.F.Morland


Dieser Band enthält folgende Romane:


Anna Martach: Kunterbuntes unterm Grimsteig

A.F.Morland: Lebe unseren Taum, Geliebte

A.F.Morland: Dr. Härtlings schwerste Stunde

A.F.Morland: Das Kind der neuen Chirurgin




Endlich ist es soweit. Dr. Claudia Voss und ihr Mann Fred sind überglücklich, denn Claudia hat einen gesunden Sohn zur Welt gebracht. Doch das Glück währt nicht lange. Claudia verliert ihren geliebten Mann. Ihre Schwiegermutter steht ihr hilfreich zur Seite und kümmert sich sehr liebevoll um den kleinen Flori. Zu Claudias großen Kummer kommt auch noch die Sorge um ihre Schwester Helga, die dem Schlankheitswahn verfallen ist …


Kunterbuntes unterm Grimsteig


Alpendoktor Daniel Ingold

von Anna Martach


Der Umfang dieses Buchs entspricht 105 Taschenbuchseiten.


Die Nachricht verbreitet sich in Hindelfingen wie ein Lauffeuer: Am Grimsteig will eine Gruppe von Studenten ein Experiment ausführen, um das Leben in früheren Zeiten nachzuempfinden. Doch schon zu Beginn ergeben sich in der Gruppe einige Probleme, und die Meinungen der Anwohner zu dem Projekt gehen weit auseinander.


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




1

„Hast schon gehört?“ Vreni Kollmannberger kam mit allen Anzeichen von Aufregung in die Poststelle, wo ihre Freundin Trudi gerade etwas lustlos damit beschäftigt war, irgendwelche Listen auszufüllen. Diese Frage war für Vreni typisch. Was sie zu verbreiten hatte, war in der Regel so neu und unbekannt, dass es außer ihr noch niemand gehört hatte.

Trudi, eine einfache Frau mittleren Alters, schaute interessiert auf.

„Hat der Doktor sich endlich entschlossen, die Bernie zu heiraten?“

„Ach, Schmarrn, ich glaub‘ fast, die beiden wollen uns alle an der Nase herumführen. Die sollten doch schon längst verheiratet sein. Glaubt denn unsere Frau Tierärztin, sie könnt‘ was Besseres bekommen als den Doktor? Nein, in diesem Punkt gibt‘s nix Neues. Aber stell dir vor, auf dem Waldstück drunten an der Theine, wo auch unsere Waldbühne ist ...“ Sie machte eine Pause und holte Luft, während Trudi mit weit geöffneten Augen an ihren Lippen hing.

„Ja, nun sag doch endlich, was gibt‘s da drunten? Tust ja grad so, als wär‘s ein Staatsgeheimnis“, forderte sie ungeduldig.

„Na, pass auf, ich hatt‘s direkt vom Dernbacher Franzl, dem Wirt vom Kreuzkrug. Da drunten an der Theine macht eine Gruppe von Studenten ein Experiment – leben wie im Altertum, oder so ähnlich. Die wollen ein paar Hütten bauen, die dann später stehenbleiben sollen, wenn sie haltbar genug sind. Naja, und ernähren wollen sie sich von dem, was es so gibt. Vom Dornhuber Wolfgang haben sie wohl die Erlaubnis, dass sie auf dem Kornfeld was von Hand ernten dürfen. Und wenn man‘s so bedenkt, Obst gibt‘s im Augenblick an den Bäumen, Pilze wachsen auch schon auf der Wiese und im Wald. Aber ob das geht? Auf jeden Fall ...“

„... ist das eine depperte Idee“, verkündete Trudi eine eigene Meinung, was sie nur selten tat. „Erst mal mogeln die ja wohl. Wenn‘s recht so leben wollten, hätten‘s anfangen müssen im Frühjahr, um das Korn und was auch immer selbst anzubauen und zu pflegen. Außerdem liegt das Lager, oder wie immer man das nennen will, viel zu nah am Ort. Was denken die sich denn dabei, ist ja wohl ein ziemlicher Schmarrn.“

Vreni schaute ihre Freundin verblüfft an. Seit wann besaß die denn eine eigene Meinung und verbreitete die auch noch so deutlich?

„Meinst also net, dass wir alle noch was daraus lernen könnten? Ich denk‘, wenn man feststellen kann, wie das damals alles gelaufen ist ...“

„Ach, Quatsch.“ Zum zweiten Mal an diesem Tag unterbrach Trudi ihre Freundin, was schon mehr als bemerkenswert war. „Schau dir doch nur mal die Geschichte an. Wie haben die Leut‘ denn damals gelebt? Eine einzige Plackerei war das, von früh bis spät. Krankheiten gab‘s zuhauf, und die Menschen waren dumm und ungebildet, weil‘s gar keine Möglichkeit besaßen, was zu lernen oder auch mal was anderes zu tun. Vor allem für die Frauen war‘s doch schlichtweg eine Hölle. Ein Kind nach dem anderen gebären, Arbeit ohne Ende, keine Hilfsmittel, wie wir sie heut‘ haben. Nein, ich halt‘s net für eine gute Idee.“

„Sag mal, hast was?“, erkundigte sich Vreni und legte der anderen Frau scheinbar besorgt die Hand auf die Stirn. „Soll ich den Doktor rufen?“

„Ach, geh, lass mich aus.“ Trudi machte eine abwehrende Bewegung, und Vreni lächelte plötzlich verständnisvoll.

„Hast dich mal wieder mit dem Berti gehabt? Was hat er denn nun wieder zu lamentieren?“

Trudi stieß mit einem Ruck die Luft aus den Lungen.

„Wenn ich das nur wüsst‘. Er jammert über alles, dabei hat er doch eine gute Arbeit, und außerdem einen reizenden Chef. Daheim kann ich ihm nix recht machen, mal sind die Semmeln zu hart, oder er findet ein Staubkorn auf dem Schrank, die Kinder sind ihm zu laut oder zu leise – Himmel, manchmal wünscht‘ ich, wir wären net verheiratet, auch wenn er dann wieder ganz ungeheuer lieb sein kann. Aber weißt, da lob‘ ich mir doch ein Mannsbild wie unseren Doktor. Der tät‘ bestimmt net an allen herummäkeln.“

„Ach, der hat bestimmt auch seine Macken, da mach‘ dir mal nix vor. Und eigentlich hängst ja auch sehr an deinem Berti. Wirst halt damit leben müssen, dass er manchmal mit sich und der Welt unzufrieden ist.“

„Naja, man wird sich doch wohl noch was wünschen dürfen, oder net?“, seufzte Trudi. „Und ich wünsch‘ mir halt manchmal, dass ich ein Mannsbild an meiner Seite hätt‘ wie den Daniel Ingold, auch wenn ich meinen Berti net so einfach hergeben tät‘. Aber lassen wir das. Jetzt erzähl‘ mir mehr von diesen Studenten. Wie kommen die nur auf eine so narrische Idee? Und noch dazu ausgerechnet hier in Hindelfingen?“

Vreni fühlte sich in ihrem Element. Jetzt konnte sie endlich loslegen.



2

Der Mann, der offensichtlich das Objekt einiger Träume war, saß gerade in seinem Sprechzimmer und erklärte einer älteren reizenden Dame, dass sie mit der Psoriasis, der gemeinen Schuppenflechte, keine größeren Probleme haben würde, dass sie aber auf ihr angegriffenes Herz zu achten hätte.

Agatha Müller sah diese Notwendigkeit aber nicht so recht ein, was vielleicht daran lag, dass die Schuppenflechte sich deutlich sichtbar an den Ellenbogen und hinter den Ohren breit machte, während sie ihr Herz natürlich nicht sehen konnte und auch kaum Beschwerden daran verspürte.

Agatha war in mancher Hinsicht bemerkenswert. Die alte Dame würde in ein paar Tagen ihren neunzigsten Geburtstag feiern. Sie bewohnte und bewirtschaftete noch immer allein ein kleines Haus, arbeitete recht fleißig im Garten und verwöhnte mittlerweile vierzehn Ur-Ur-Enkel. Eine stolze Leistung, wie nicht nur Daniel fand. Doch im mancher Beziehung konnte sie ausgesprochen dickköpfig sein, was der Doktor mal unter vier Augen der Bernie gegenüber als Altersstarrsinn bezeichnet hatte. Trotzdem fand er Agatha liebenswert, wenn auch manchmal etwas schwierig.

„Und wie krieg‘ ich das Zeugs nun wieder weg?“, forschte sie nun wohl schon zum vierten Mal. Daniel seufzte auf und begann noch einmal von vorn.

„Hier hab ich Ihnen eine leichte Hydrocortison-Salbe aufgeschrieben, mehr braucht‘s bei diesen einfachen Symptomen noch net. Die tragen S‘ ein- bis zweimal täglich auf, da wo die Schuppen sich zeigen. Dann bleibt die Haut zwar noch ein bisserl gerötet, aber nach und nach wird‘s besser werden, und auch der Juckreiz wird nachlassen. Haben S‘ denn jetzt verstanden, was ich gesagt hab über Ihr Herz?“

Verschmitzt lächelnd schaute die alte Frau ihn an. „Da übertreiben S‘ doch wohl ein bisserl, Herr Doktor. Was sollt‘ mir das denn bringen, wenn ich tu, was S‘ da vorschlagen? Net aufregen, weniger arbeiten – mein ganzes Leben lang hab ich gearbeitet. Was glauben S‘ denn wohl, was passieren tät‘, würd‘ ich mich jetzt auf die faule Haut legen? Nein, nein, damit brauchen S‘ mir erst gar net zu kommen.“

„So geht‘s aber net“, widersprach Daniel. „Wenn S‘ net ein bisserl mehr auf sich Acht geben, dann können S‘ net alt werden.“ Im gleichen Moment, da er die Worte ausgesprochen hatte, sah er ein, welchen Unsinn er gerade geredet hatte.

„Alt bin ich schon, Herr Doktor“, lachte die Frau. „Aber wollen S‘ mir tatsächlich auf meine alten Tage jeden Spaß verderben? So geht‘s nun aber wirklich net. Ich weiß net, wie viel Zeit der Herrgott mir noch schenkt. Aber das wenige werd‘ ich nutzen, um zu leben, jeden Tag aufs Neue. Also kommen S‘ mir net mit einem kranken Herzen. Das einzige, was mich stört, sind diese Schuppen.“

Daniel hatte der resoluten Rede lächelnd zugehört. Er konnte sich recht gut vorstellen, wie Agatha im Verlauf ihres Lebens alle Schwierigkeiten gemeistert hatte. Mit Mut, Freundlichkeit, und wo‘s nötig war, auch mit Strenge, hatte sie alle Schwierigkeiten aus dem Weg geräumt. Sicher war es ein langer Lernprozess gewesen und oftmals schwierig. Aber die Lebensweisheit, über die Agatha verfügte, war nicht mit Gold aufzuwiegen. Da machte es nicht viel aus, dass sie manchmal ein bisschen dickköpfig war. Daniel kannte die alte Dame seit seinem ersten Tag in Hindelfingen und wusste sie mittlerweile zu nehmen. Also übte er sich in Geduld.

„Das tät‘ net lang dauern, bis die Schuppen zurückgehen. Und bei Ihnen ist die Psoriasis ja net stark ausgeprägt. Da tät‘s schon Menschen geben, die das überall am ganzen Körper haben, und da weiß man dann auch eine andere Therapie einzusetzen. Nur ist bis heut‘ noch niemandem so recht bekannt, wodurch das ausgelöst wird, und wie man das dauerhaft heilen kann. Also kann ich Ihnen nur raten ...“

„Ach, Schmarrn, so was hat‘s alle Zeiten lang gegeben, und früher hat auch kein Doktor gewusst, was zu tun war. Da bin ich ja schon froh, dass es jetzt besser werden kann. Wir werden sehen. Und mein Herz lassen S‘ mal meine Sorge sein. Dem tät‘s in den nächsten Tagen wieder besser gehen. Einer meiner Enkel wird hier bei dem Experiment unten an der Theine dabei sein, und ich freu‘ mich drauf.“

„Was denn für einen Experiment?“, fragte Daniel verblüfft.

„Ach, hat die Vreni das noch net überall herumerzählt? Oder haben S‘ das vielleicht überhört?“ Sie berichtete von dem Plan, für einige Zeit das Leben in der Vergangenheit nachzustellen.

„Und da wollen die jungen Leut‘ schon mal nachfragen, wenn‘s net weiter wissen.“

„Dann passen S‘ nur gut auf sich auf. Net, das S‘ täglich da hinunterlaufen. Ich wollt schon noch ein bisserl länger was haben von meiner ältesten und liebsten Patientin“, mahnte der Arzt.

„Ja, was hör‘ ich denn da, Schmeicheleien? Sie sind ja ein ganz Durchtriebener. Nein, solche Worte heben S‘ sich besser für Ihre Bernie auf. – Wann, haben S‘ gesagt, ist Verlobung? Mein Gedächtnis lässt doch langsam nach.“

Daniel lachte herzhaft auf. Das Gedächtnis von Agatha Müller war vermutlich um Längen besser als das der meisten anderen Leute hier am Ort. Und eine Verlobung stand nun mal nicht an, was aber nicht so sehr an ihm lag. Darüber brauchte er jetzt aber kein Wort zu verlieren, sämtliche Tatsachen aus seiner Beziehung zur Bernie waren eigentlich gut bekannt.

Agatha tätschelte ihm gutmütig den Arm und stand auf.

„Das wird schon was werden, Herr Doktor, die Bernie ist ein kluges Madl, die wird so ein fesches Mannsbild net einfach davonlaufen lassen.“ Sie ging hinaus, und Daniel dachte an die bildhübsche Tierärztin, Bernhardine Brunnsteiner. Ob er wohl heute einen neuen Versuch machen sollte, sie um ihre Hand zu bitten? Er liebte die Frau von Herzen, und auch sie empfand nicht anders für ihn, wie er sehr wohl wusste. Nun, er sollte auf jeden Fall durch Minchen oder Maria, seine getreuen Arzthelferinnen, einen Blumenstrauß besorgen lassen. Mehr als wieder einmal um Zeit zu bitten würde Bernie wohl nicht tun.



3

„Was denn, hier draußen sollen wir leben?“ Karin, eine der Studentinnen, die ab heute ein neues Leben führen sollten, verzog entgeistert das Gesicht. Für einen modernen Menschen, der an die Annehmlichkeiten der Zivilisation gewöhnt war, musste es sie wie ein reiner Anachronismus anmuten. Dabei waren die Modalitäten doch eigentlich vorher schon geklärt worden, und alle Teilnehmer waren freiwillig hier – immerhin gab es gute Noten beim Professor dafür.

Sie standen hier auf einer Wiese, rechts, vielleicht fünfzig Meter entfernt, floss die Theine, in unmittelbarer Nähe begann der Wald, und hinter ihnen, vielleicht hundert Meter weit weg, gab es größere Felsen, die schon zum Grimsteig gehörten. Ein großer Stapel Holz, relativ ebenmäßige Stämme, lagen auf einem Haufen, eine Palette, abgedeckt mit einer Plane, enthielt das notwendige Zubehör, um kochen, waschen und arbeiten zu können – aber das war auch schon alles.

Die hier anwesende Gruppe von zwölf Leuten würde allein mit der Arbeit der eigenen Hände alles aufbauen müssen, was notwendig war. Natürlich hatte ein jeder vorher gewusst, um was es ging. Allerdings schien nicht jedem so ganz klar gewesen zu sein, dass dieses Experiment tatsächlich eine Abkehr von der übrigen Welt bedeutete. Davon zeugte auch die Tatsache, dass sich in fast jedem persönlichen Gepäckstück elektronische Geräte befanden, die hier draußen ohne Strom natürlich nicht lange funktionieren würden.

Burkhard Filbinger, der diesen Versuch ins Leben gerufen hatte, lächelte insgeheim. Da hatte er vorher noch so viel reden können, begriffen hatten die Kommilitonen das Ganze offenbar noch nicht richtig.

Er deutete jetzt großzügig auf die Höhlen, die sich hier am Fuß des Grimsteigs befanden.

„Ich erkläre euch die Sache am besten noch einmal“, begann er, und augenblicklich richtete sich die Aufmerksamkeit der anderen auf ihn. „Wir werden hier anfangen eine Siedlung zu gründen, wie es unsere Vorväter getan haben. Mag sein, dass es die ersten Tage sehr schwierig werden wird. Hier auf der Palette ist alles, was wir benötigen sollten, aber nix, was uns aus dem täglichen Leben allzu vertraut wäre. Werkzeug ist wichtig, damit werden wir zwei Hütten bauen, in denen jeweils sechs von uns leben können. Wenn‘s uns gefällt, dürfen es auch mehr Hütten werden. Wer sich zutraut, sich mit Axt und Hammer net gleich selbst umzubringen, darf sich schon mal freiwillig melden.“

Leises Gelächter klang auf.

„Bis die Hütten stehen, was machen wir da? Wo sollen wir essen, wo schlafen? Und wo sind die Wasserleitungen, damit wir ein Bad anlegen können. Außerdem brauchen wir Strom, wo gibt es den?“ Ein junger Mann aus der Gruppe hatte diese Fragen gestellt und schaute sich etwas ratlos um.

Klaus Müller, der Enkel der alten Agatha, stand neben ihm und stieß ihn freundschaftlich an.

„Da hast wohl was verpasst im Semester, glaub‘ ich. Strom und Wasser tät‘s net geben, da drüben ist die Theine, wennst schon jetzt ein Bad brauchst. Unsere Madln müssen halt lernen, die ersten Tage über dem offenen Lagerfeuer zu kochen, später im Haus müssen wir einen Ofen konstruieren. Und wennst wirklich klug bist, kannst dir ja Gedanken über eine Wasserleitung vom Fluss hierher zu den Häusern machen. Meine Oma ist schon so alt, dass sie in ihrer Jugend noch so gelebt hat. Wenn‘s gar net anders geht, wird sie uns gern helfen.“

Die Gesichter einiger waren bei seinen Worten lang und länger geworden.

„Das ist net dein Ernst“, stieß eines der Madln hervor.

„Ja, sagt mal, was habt ihr euch eigentlich vorgestellt? Ihr alle habt doch lang genug gelernt, wie das Leben damals gewesen ist. Kommt also jetzt net her und erklärt, es müsst‘ anders gewesen sein.“

Die Freundin von Burkhard Filbinger, Dorothea Gassner, schaute sich mit einem spöttischen Gesichtsausdruck um. „Also bitte, Herrschaften, ich erwarte jetzt ein bisserl Freude und Enthusiasmus. Es wär‘ doch wohl gelacht, wenn wir das net schaffen würden. Und ich denk‘, wir werden net nur eine Menge Spaß an der Sache haben, wir werden auch einiges lernen, was uns später im Leben zugutekommt.“

Die Begeisterung hielt sich auch weiterhin in Grenzen, einige von ihnen hatten tatsächlich gedacht, man würde die Abende und Nächte in einem Hotel oder einer Jugendherberge verbringen und nur tagsüber quasi ein Spiel spielen. Jetzt wurden sie mit dem Ernst des täglichen Lebens konfrontiert, und sie waren ziemlich verschreckt. Aber andererseits wollte sich auch keiner eine Blöße geben, so kam niemand auf die Idee, gleich wieder abzureisen.

„Wenn die Madln die Hausarbeit machen, und die meisten anderen von uns die Hütten bauen – wer besorgt dann die Nahrung? Ich mein, da gäb‘s ja mehr, als nur ein paar Äpfel zu pflücken oder was auch immer. Ich denk da gerade an ein schönes Stückerl Fleisch.“

„Meinst am End‘ gar, wir sollten auch noch Tierhaltung einführen, damit ein Stückerl Fleisch auf dem Tisch ist? Dann müsst‘ allerdings auch jemand die Tiere schlachten und ausnehmen.“ Burkhard schien alles recht genau überlegt zu haben, aber hätte er das nicht, wäre niemals von seinem Professor das Einverständnis gekommen. Von dem hatten sie auch noch einen Besuch zu erwarten, doch zunächst sollten die jungen Leute allein klarkommen.

„Ich glaub‘ net, dass wir‘s einfach zusätzlich machen sollten“, fuhr der junge Mann fort. „Da wär‘s sicher klüger, wenn wir durch Tauschhandel was bekommen könnten. Lasst euch aber noch eines gesagt sein – kein Geld. Wir haben hier schließlich nix verdient. Und wir müssen froh und dankbar sein, dass man uns gestattet, Obst von den Bäumen zu pflücken, Korn auf den Feldern und auch anderes Gemüse zu ernten. Allerdings nur für den Eigenbedarf. Ich will hoffen, dass das einem jeden klar ist. Wer sich jetzt noch berufen fühlt, einen Feldhasen zu fangen, den werd‘ ich sicher net dran hindern. Derjenige wird dem Vieh aber wohl nachlaufen müssen, alles andere wär‘ Wilderei. Haben wir uns verstanden? Gut, dann können wir ja wohl anfangen.“

Zögernd und sogar etwas lustlos begannen die Mannsleut‘ auszupacken. Dorothea scharte die Madln um sich, gemeinsam würden sie zunächst beim Dornhuber einen Besuch abstatten, um sich vorzustellen und gleich einiges mitzunehmen. Schließlich musste man gleich heut‘ damit anfangen zwölf Leute zu bekochen. Ab morgen ließ sich bestimmt eine andere Einteilung finden.



4

Die erste Aufregung um das „depperte Projekt an der Theine“ hatte sich gelegt. Allerdings hatten plötzlich erstaunlich viele Leute drunten am Fluss etwas zu tun oder wollten einen Spaziergang machen, der genau in diese Richtung führte. Und jeder, der neugierig den unebenen Weg entlangkam, reckte den Hals, um nur ja nichts von dem zu verpassen, was sich dort auf der Wiese abspielte. Wie es kommen musste, mangelte es nicht an Kommentaren hilfreicher oder hämischer Art, und manches Mal mussten die jungen Männer, die eifrig mit Holz und Werkzeug beschäftigt waren, an sich halten, um nicht passend herauszugeben oder gar auf eine unmissverständliche Aufforderung zur Rauferei einzugehen. Gerade die Burschen aus dem Ort taten sich groß darin, die Studenten zu provozieren. Das war nicht besonders freundlich, aber noch hatte sich niemand gefunden, der diesem Schabernack ein Ende bereiten konnte, vielleicht auch deswegen, weil es noch niemandem aufgefallen war.

Die erste Mahlzeit hatte sich als Katastrophe erwiesen. Die Madln hatten es nicht fertiggebracht auf dem offenen Feuer eine Suppe zu kochen, und so hatten sich alle mit mehr oder weniger knurrendem Magen in ihre Schlafsäcke gerollt. Kaum jemand hatte in der ersten Nacht gut geschlafen, gerädert und verspannt von der ungewohnten Haltung auf dem Boden waren sie am Morgen aufgestanden und hatten mehr oder weniger lautstark über die Tatsache geschimpft, dass es hier keine heiße Dusche und erst recht keinen heißen Kaffee gab.

Wenig später geschah dann aber das kleine Wunder; Agatha kam zu Fuß hinaus, und sie machte Burkhard in wenigen Worten deutlich klar, dass auch die Menschen der vergangenen Zeiten durchaus das Recht hatten, die Hilfe älterer und erfahrener Leute anzunehmen. Woher sonst hätten sie schließlich wissen sollen, was zu tun war. Die freundliche und sympathische Art der alten Dame nahm den jungen Frauen die Befangenheit; besonders diejenigen, die sich gerade bei der Hausarbeit nicht besonders sicher fühlten, wurden hier nicht ausgelacht oder gescholten.

„Schaut her, wie man‘s früher gemacht hatte. Es ist kein Vergleich zu dem, was heut‘ passiert. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie meine Mutter die Wäsche bis hier zur Theine geschleppt hat, um sie mit Bürste und Schmierseife und Soda zu waschen. Und erst das Kochen auf dem Herd. Dirndln, ich sag euch, wenn der Wind falsch gestanden hat, dann qualmte jeder Herd, und nix hat richtig geschmeckt. Mein Vater pflegte dann immer zu sagen, die Schornsteine tragen Trauer. Aber trotzdem war meine Mutter eine zufriedene und glückliche Frau, vielleicht lag‘s daran, dass sie ihre Arbeit gern getan hat, und deswegen war sie auch gut.“

„Sie machen aber auch ganz den Eindruck, als wären S‘ glücklich“, wandte Dorothea ein.

„Ja, bin ich. Wer so ein langes Leben hinter sich hat, der hat auch fast alles erlebt, was es geben kann. Aber ich hab mein bescheidenes Auskommen, eine große Familie, und ich bin noch immer in der Lage, mich selbst zu versorgen, was ich auch als Geschenk vom Herrgott ansehen muss.“

Erstaunt hatten die jungen Frauen zugehört. Für sie wirkte es unüblich, dass jemand mit derart geringen Ansprüchen tatsächlich zufrieden sein konnte.

Der reiche Erfahrungsschatz der alten Dame tat ein Übriges, um die Frauen zu verblüffen. Das Essen, was sie unter der Anleitung von Agatha zustande brachten, war denn auch so schmackhaft, dass alle glaubten, noch nie so gut gegessen zu haben.

Ganz anders lief es bei den Mannsbildern. Burkhard hatte natürlich auf die Bauanleitungen und Pläne aus dem Museum zurückgreifen können, und in der Theorie sah das alles auch recht logisch und sogar einfach aus. Doch selbst ihm war vorher nicht ganz klar gewesen, welch ein Gewicht Holz besaß, so dass die Männer mehr als einmal vor fast unlösbaren Problemen standen. Mit Sicherheit wurden auch hier große Fehler gemacht, doch es ging langsam voran. Den Zeitplan konnte man allerdings schon nicht mehr einhalten, diese Tatsache zeichnete sich schon nach dem ersten Tag ab.

Beim gemeinsamen Mittagessen tauschten die Gruppen dann ihre Erfahrungen aus.

„Da habt ihr es dann aber gut getroffen, im Gegensatz zu uns“, beschwerte sich einer der Männer. „Es kann ja wohl net gut angehen, dass ihr Hilfe habt und euch alles beigebracht wird, während wir in halsbrecherischer Weise unsere Hütten bauen müssen.“

„Nun beschwer dich mal net, wir schaffen das schon“, versuchte Burkhard die aufgeregten Gemüter zu beruhigen. „Die Madln bekommen einen Kochkurs, und wir haben doch wenigstens eine Anleitung, mit der wir was anfangen können.“

„Aber wohl kaum Hütten bauen“, entfuhr es Dorothea.

Burkhard warf ihr einen bösen Blick zu.

„Ich glaub‘ net, dass du das vergleichen solltest. Schließlich tun wir die richtig harte Arbeit.“

„Ach, glaubst am End gar, wir drehen Däumchen?“, fuhr sie empört auf. „Da haben wir‘s ja wieder mal, dass kaum ein Mannsbild in der Lage ist, die Arbeit der Frauen tatsächlich zu würdigen. Dann geh doch mal hin und wasch‘ die Wäsche im kalten Wasser. Lauf in den Wald, such Kräuter, Beeren und Pilze, damit du auch was zu beißen hast bei deiner schweren Arbeit. Und was der Dinge sonst noch mehr sind.“

Er machte einen Rückzieher. „Ich glaub‘ dir‘s ja, dass auch das alles wichtig und net weniger schwer ist. Und wir führen das Experiment ja auch grad deswegen durch, weil wir einen Einblick haben wollen in die Arbeit der alten Zeiten. Wir sollten daraus lernen, auf beiden Seiten.“

Sie nickte besänftigt, nahm sich aber vor, ihrem Freund bei nächster Gelegenheit zu zeigen, was eine Frau zu tun hatte, während ein Mannsbild gerade mal mit Axt und Hammer, mit Sichel, Dengel und Sense umgehen musste.

Dazu sollte es jedoch nicht so bald kommen. Kaum waren die Männer wieder bei der Arbeit, passierte das Unglück.

Einer der anderen ließ einen Hammer aus der Hand genau auf den Arm von Burkhard fallen. Da man hier mit großen Gewichten und Geräten hantierte, handelte es sich natürlich auch nicht um einen kleinen Hammer.

Augenblicklich zeigte sich eine heftig blutende Wunde, und der ganze Arm wurde taub.

Durch den provisorischen Verband aus Leintüchern sickerte das Blut schon durch, als Burkhard in Begleitung von Agatha in der Praxis von Daniel Ingold ankam. Die alte Dame, die darauf bestanden hatte, den Verletzten zu begleiten, damit die anderen weiterarbeiten konnten, rief Minchen einen kurzen Gruß zu, dann deutete sie auf ihren Begleiter.

„Da pressiert es, könnt ihr ihn rasch zum Doktor geben? Den hat‘s arg erwischt.“

„Ja, freilich, ein Momenterl tät‘s trotzdem dauern“, erklärte Minchen mitleidig. „Der Doktor behandelt gerade einen anderen Patienten, und in dem zweiten Sprechzimmer ist auch ein eiliger Fall. Aber ich werd‘ zusehen, dass es ganz rasch geht. In der Zeit können wir ja schon mal die Karteikarte anlegen.“

Agatha lächelte zufrieden und ging heim. Sie hatte sich für diesen Tag mehr als genug angestrengt und war jetzt rechtschaffen erschöpft. Ob der Doktor wohl doch ein klein bisserl recht hatte mit seiner Warnung im Bezug auf ihr Herz? Ach nein, wohl kaum, sie war nun mal eine alte Frau, da konnte sie eben nicht mehr so viel tun wie die jungen Hüpfer.

In der Praxis nahm Maria die Personalien auf und füllte dann auch den Unfallbericht aus. Da es sich bei dem Experiment um eine genehmigte Studienveranstaltung handelte, gab es besondere Vorschriften und Berichte.

Mitfühlend schaute die junge Arzthelferin auf den verletzten Mann. Er war bleich, kämpfte aber tapfer gegen die Schmerzen und das Gefühl, jeden Moment zusammenbrechen zu müssen. Mit festem Griff hielt er sich am Tresen der Rezeption fest, und die Knöchel der gesunden Hand wurden weiß, so stark war sein Griff. Die Antworten auf die Fragen von Maria klangen gepresst. Offensichtlich konnte er sich nicht mehr lange auf den Füßen halten.

„Nun gehen S‘ und setzen sich noch einen Moment hin“, bat die junge Frau sanft. „Es dauert jetzt net mehr lang, aber der andere Patient ist genauso arm dran wie Sie.“

Burkhard nickte angespannt und wandte sich dem Wartezimmer zu, doch er stolperte mehr als er ging. Eine junge Frau sprang hilfsbereit auf und stützte ihn. Er bekam nur einen kurzen Eindruck von leuchtend blauen Augen und haselnussbraunen Haaren, eine sanfte Stimme sprach behutsam auf ihn ein, und endlich konnte er sich setzen.

„Du meine Güte, was haben S‘ denn gemacht?“, fragte die freundliche Stimme. Eine Hand griff nach der seinen, und diese Berührung war wohltuend. Burkhard versuchte ein Lächeln, spürte aber selbst, dass es kläglich misslang.

„Ein Arbeitsunfall, wenn man so will“, erklärte er unglücklich.

„Das muss aber eine gefährliche Arbeit sein, wenn man anschließend so ausschaut.“

„Ach, lachen S‘ ruhig, wer mit solchen Kameraden gestraft ist, braucht keine Feinde mehr.“

Die freundliche Stimme lachte hell auf, sie gehörte der feschen Anna Abraham. Die hübsche junge Frau war die Tochter des Bezirksförsters Egidius Abraham. Sie selbst hatte sich entschieden in den Polizeidienst zu treten und war auch schon angenommen worden. Zum Einstellungsverfahren gehörte aber auch eine ausführliche medizinische Untersuchung, die Daniel Ingold vornehmen sollte. Ihm vertraute Anna mehr als dem Dienstarzt, und schließlich war es ihr auch freigestellt, von welchem Doktor sie sich untersuchen ließ. So hatte es der Zufall gewollt, dass Anna dem verletzten Mann ein wenig helfen konnte. Eines wusste sie recht genau, es war wichtig, dass Menschen mit Verletzungen und Schock möglichst bei Besinnung blieben. Gleichzeitig brauchten sie eine emotionale Betreuung, also genau das, was auch Agatha schon gemacht hatte, indem sie Burkhard hierher begleitete. Und dass der junge Mann unter Schock stand, war kaum zu übersehen, da mochte er sich doch so sehr bemühen, sich zu beherrschen und das Ganze zu überspielen.

Anna sorgte dafür, dass er redete und so abgelenkt wurde von seinem Unfall. Außerdem fand sie das ganze Experiment hochinteressant, gerade auch, weil sie hier im ländlichen Bereich aufgewachsen war, wo noch viele alte Traditionen und Gewerke aus dem Handwerk gepflegt wurden. So hatte sie schon früh Zugang gefunden zu den Arbeiten, die vor drei- oder vierhundert Jahren ausgeübt wurden. Nie hätte sie sich allerdings vorstellen können, selbst in dieser Richtung etwas zu unternehmen, aber sie fand es faszinierend, dass sich Leute bereitgefunden hatten, einen solchen Versuch zu wagen.

So kam es, dass die beiden jungen Leute ins Gespräch vertieft waren, als Minchen hereinkam und den Verletzten ins Sprechzimmer bat. Burkhard warf Anna noch einen dankbaren Blick zu und wunderte sich dann über sich selbst. Seit er Dorothea kennengelernt hatte, war es ihm nicht eingefallen ein anderes Madl auch nur anzuschauen. In letzter Zeit hatte es jedoch immer wieder Streit zwischen ihnen gegeben. Das lag zum Teil daran, dass die Frau in ihren Ansichten über das Experiment und seine Auswertungen anders dachte als er. Burkhard sah in dem Versuch die Möglichkeit einer Rekonstruktion, aus dem sich für das Leben in der heutigen Zeit noch Rückschlüsse ziehen ließen. Dorothea würde am liebsten einen Zeitsprung in die Vergangenheit machen und dort die ganze Gesellschaft mit den Strukturen umwandeln. Sie war nicht bereit einzusehen, dass allein schon aus der Überlieferungen und Erziehung der Menschen der damaligen Zeit kein anderes Handeln möglich war. Die meisten Veränderungen waren langsam und schleichend vor sich begangen, auch die Rolle der Frau in der Gesellschaft hatte sich nicht schlagartig geändert.

Das wollte Dorothea nicht gerne einsehen, und sie hatte endlose Diskussionen mit Burkhard und den anderen geführt, die natürlich kein Ergebnis gebracht hatten. Im Verlauf dieser letzten Wochen hatte der junge Mann erkannt, dass seine Gefühle für Dorothea nicht so tief und intensiv waren, wie er zuvor angenommen hatte. Ganz ernsthaft hatte sich plötzlich die Frage gestellt, ob das seine Vorstellung einer lebenslangen Beziehung war – in ständigem Wettstreit mit der Frau an seiner Seite zu stehen, nicht im partnerschaftlichen Verhältnis, sondern im Gegeneinander, weil sie ständig der Ansicht war, alles mindestens ebenso gut zu beherrschen wie der Mann.

Warum nur? Es war doch viel klüger gemeinsam etwas aufzubauen und die Fähigkeiten des einzelnen voll auszunutzen, statt sich allein schon aus Trotz an den Dingen zu versuchen, die der andere viel besser konnte.

Burkhard schalt sich selbst einen Narren, dass ihm ausgerechnet in dieser Situation solche Gedanken durch den Kopf gingen. Hatte er denn im Augenblick nicht andere Sorgen? Und doch, da war diese Anna, die schon ein ganz besonderes Madl zu sein schien, und er würde sie zu gern wiedersehen. Fast gewaltsam riss er sich von der Vorstellung los, diese schöne junge Frau im Arm zu halten, und gleich darauf stand er Doktor Ingold gegenüber.

Der Arzt entfernte vorsichtig den provisorischen Verband und schüttelte den Kopf.

„Das schaut aber gar net gut aus. Haben S‘ denn noch nie was von Sicherheitsvorkehrungen am Bau gehört?“, erkundigte er sich, nachdem er einen Blick auf den Unfallbericht geworfen hatte.

Burkhard grinste etwas schief. „Wir wollten in einer Zeit leben und arbeiten, wo‘s net mal dieses Wort gegeben hat, geschweige denn die Ausführung.“

„Ach, herrje, dann gehören S‘ zu den Studenten drunten an der Theine? Ich hab davon gehört, wie wohl ein jeder hier.“

„Ach ja, und ein jeder scheint der Meinung zu sein, uns bei der Arbeit mehr oder weniger gute Ratschläge geben zu müssen. Ich tät‘ was drum geben, wenn man uns in Ruhe lassen würd‘. Diese ganzen Zuschauer verfälschen die Ergebnisse, die wir zu erzielen hoffen.“

„Ja, die Leut‘ hier in Hindelfingen sind meistens freundlich und hilfsbereit, aber manchmal auch ein bisserl dickköpfig. Und wenn jemand ihre Hilfe ablehnt, dann mögen die das gar net gern. Ich fürcht‘, damit werden S‘ leben müssen. Aber ich werd‘ mal mit dem Herrn Pfarrer Feininger reden, der hat hier eine Menge Einfluss auf die Leut‘. Nehmen S‘ das aber net übel, die meisten meinen es nur gut. Jetzt wollen wir uns aber mal gründlich um Ihren Arm kümmern. Das war ein ziemlich großer Hammer, ja? Da werden S‘ die nächsten Tage auf keinen Fall weiter mit an den Hütten bauen können. Wir röntgen das jetzt erst mal, und wir wollen hoffen, dass kein Knochen gebrochen ist.“

Daniel deckte die offene Wunde vorsichtig ab. Er wollte zuerst wissen, ob eine Fraktur vorlag, dann wäre es klüger, den jungen Mann sofort ins Hospital bringen zu lassen. Auch so hielt er es für keine gute Idee vom Burkhard, weiter in der Gruppe zu bleiben. Er würde allerdings nur eine Empfehlung aussprechen können, und er hatte so ein Gefühl, dass der Patient sich nicht viel daraus machte.

Die Aufnahmen ergaben zum Glück keinen Bruch, doch der Arm musste natürlich mit einer Schiene stillgelegt werden, was Burkhard gar nicht gefiel. So langsam setzten Schmerzen im ganzen Arm und der Schulter ein, und eigentlich wünschte der Mann sich nichts sehnlicher als irgendwo gemütlich im Bett zu liegen und sich pflegen zu lassen. Das war natürlich vollkommen unmöglich, wenn er nur daran dachte, dass sein augenblicklicher Lebensraum aus einer Höhle bestand, das gemütliche Bett nichts anderes war als ein Lager aus Decken und Fellen, und dass es niemanden gab, der sich in besonderer Weise um ihn kümmern würde.

Schließlich waren die anderen elf fleißig damit beschäftigt das aufzubauen, was für die nächsten Wochen das Zuhause aller sein sollte. Aber wie würde das ausschauen, wenn er jetzt aufgab? Burkhard war ziemlich sicher, dass innerhalb von drei Tagen das Experiment als gescheitert erklärt werden würde, ließe er die anderen jetzt allein. Da musste er nicht lang überlegen, er würde im Lager bleiben und halt eben da mit anfassen, wo es ihm möglich war.

Der Arzt schien über diese Entscheidung nicht sehr überrascht, vielleicht hatte er schon damit gerechnet.
Wohl versorgt mit einem sauberen Verband und einer hinderlichen Schiene, sowie einem Rezept für Schmerzmittel, hätte Burkhard sich eigentlich auf den Weg zurück machen können. Doch da gab es eine innere Stimme, die ihn trieb, hier noch im Wartezimmer zu verweilen, um noch einmal mit Anna zu sprechen.

Es dauerte eine gute Weile, bis die junge Frau wieder aus dem Sprechzimmer kam, offenbar war diese Untersuchung sehr gründlich gewesen. Erstaunt hielt sie inne, als sie Burkhard im Wartezimmer entdeckte.

„Immer noch hier? Ist denn der Doktor noch nicht fertig mit Ihnen?“, erkundigte sie sich teilnahmsvoll.

„Doch schon“, gestand er. „Aber ich wollt‘ eigentlich noch ein Wörterl mit Ihnen reden. Mir hat‘s lang net so gut getan mit jemand ein Gespräch zu führen.“

Anna lachte auf, und für Burkhard klang es wie das Lachen eines Engels.

„Jetzt übertreiben S‘ aber maßlos. Doch ich find‘s nett von Ihnen. Im Augenblick hab ich ein bisserl Zeit, soll ich Sie zurückbegleiten?“

Mit einem so großzügigen Angebot hatte der junge Mann gar nicht gerechnet, und er zögerte nicht eine Sekunde anzunehmen. Gemeinsam verließen sie die Praxis, und Minchen schaute ihnen hinterher.

„Ein schönes Paar“, bemerkte sie. „Aber ob das gut geht? Ich weiß net so recht, ob der Egidius damit einverstanden sein wird, wenn seine einzige Tochter ausgerechnet einen Studenten nehmen tät‘. Der hat doch im Moment noch gar keine Aussichten auf irgendwas, oder?“

„Ach, da siehst bestimmt zu schwarz. Der Bursch‘ kann schließlich in einem Museum arbeiten, oder er geht auf archäologische Ausgrabungen und find‘ einen Schatz. So übel sind die Aussichten wirklich net“, erklärte ihre Kollegin Maria.

„Ja, eben, ist denn so einer net viel zu wenig daheim und kümmert sich um die Familie?“

„Was zerbrichst dir eigentlich den Kopf anderer Leut‘?“, lachte Maria. „Da haben sich die zwei grad mal kennengelernt, und schon denkst an weiß Gott was. Kann ja auch sein, dass da gar nix ist.“

„Bei den Blicken, die grad gewechselt wurden? Das glaubst doch selbst net. Na, schauen wir mal.“



5

Es war unvermeidlich, dass Burkhard und Dorothea in Streit gerieten. Die junge Frau hatte es ihrem Freund in gewisser Weise übel genommen, dass er verletzt worden war, so als sei er selbst schuld an dem Unfall gewesen. Und dann hatte er tatsächlich die Dreistigkeit besessen mit einer bildhübschen jungen Frau zurückzukehren, vertieft in ein angeregtes Gespräch. Wie selbstverständlich hatte er sie vorgestellt als Tochter des Försters und angehende Polizeibeamtin, so als würden sie sich schon eine Ewigkeit kennen. Misstrauisch und ablehnend hatte Dorothea die andere Frau angestarrt. Mit untrüglichem Instinkt hatte sie vom ersten Augenblick an gewusst, dass Anna ihr gefährlich werden konnte.

Dabei war sie sich gar nicht einmal sicher, Burkhard wirklich zu lieben, obwohl sich eine gewisse Gewöhnung eingeschlichen hatte. Das war für sie allerdings noch kein Grund die Beziehung zu beenden. Außerdem hatte sie noch nie jemanden getroffen, mit dem sich so gut diskutieren ließ. Das reichte vermutlich nicht für eine lebenslange Verbindung, wie sie sich selbst eingestand, doch als sie jetzt zum ersten Mal spürte, dass es hier eine andere gab, die ihr Burkhard wegnehmen könnte, war ein heißer Schmerz durch ihr Herz gefahren, und sie spürte das Gefühl von Verlust.

Kaum hatte Dorothea es über sich gebracht, ein paar höfliche Worte mit Anna zu wechseln, und nicht einmal die doch recht schlimme Verwundung von Burkhard interessierte sie Augenblick. Erst später am Abend, als sich alle zurückzogen, fand die Frau eine Gelegenheit mit ihrem Freund relativ ungestört zu reden.

Die zwei Pärchen, die es schon vor dem Experiment gegeben hatte, wie auch die zwei, die sich gerade zusammenfanden, hatten eigene Höhlen im Innern, während die anderen vorn in der großen Eingangshöhle schliefen. Auf diese Weise war es möglich, auch mal was privat zu besprechen, und nicht ständig vor den Augen aller mögliche Probleme zu vertuschen.

Burkhard war verstimmt gewesen über das abweisende Verhalten und hatte eine ruhige Frage gestellt. Ihm war dabei nicht einmal klar geworden, dass sein Verhältnis gegenüber Anna zu Missverständnissen Anlass geben könnte. Dorothea war förmlich explodiert. Die Vorwürfe, die sie ihm so lautstark machte, dass die anderen notgedrungen mithören mussten, waren durch nichts begründet. Aber es gelang Burkhard nicht gleich, die Frau zu beruhigen. Natürlich war die Sache auch damit nicht ausgestanden.

Am nächsten Tag, als Burkhard trotz der Medikamente mit heftigen Schmerzen kämpfte und sich dennoch weigerte sich zu schonen, behandelte Dorothea ihn wie Luft. Das schmerzte besonders. Es war ihm nicht möglich viel zu tun, aber er gab sich Mühe hier und da mit anzufassen. Außerdem nutzte er die Gelegenheit zu beobachten, aufzupassen, zuzuhören. Seine Eindrücke wollte er schriftlich festhalten, Glück im Unglück war ja, dass der linke Arm von der Verletzung betroffen war. So blieb ihm die Möglichkeit alles das aufzuzeichnen, was sich so deutlich von dem unterschied, was heute im täglichen Leben üblich war.

Noch immer kochten die Frauen auf dem offenen Feuer, was sich auch weiterhin als außerordentlich kompliziert erwies. Eine Art Dreibein trug einen eisernen Kessel, in dem das Wasser langsam heiß wurde. Alle Frauen hofften darauf, dass die Hütten mit einem Herd bald stehen würden. Es hatte erneute Diskussionen gegeben, dann hatte aber auch Burkhard einsehen müssen, dass der augenblickliche Zustand für alle einfach unbefriedigend war. So war nach einer ungewöhnlichen Lösung gesucht worden.

Agatha besaß noch einige alte Herde, die mit Holz oder Kohlen zu befeuern waren. Diese stellte sie zur Verfügung und wollte die Frauen darauf anlernen. Damit schien ein Kompromiss gefunden, mit dem alle leben konnten.

Burkhard hockte auf einem Stapel Holz und schaute seinen Kommilitonen zu. Eigentlich hatte er befürchtet, dass sich der Bau der Hütten nach den anfänglichen Schwierigkeiten noch problematischer gestalten würde. Nachdem man jedoch zu einer einfachen Bauweise gegriffen hatte, ging alles besser voran. Schon morgen konnten die Männer hoffentlich damit anfangen einen Giebel herauszuarbeiten, und als Dach würden die Baumstämme ebenso dienen wie als Wände. Die Fugen sollten anschließend mit Lehm verschlossen werden, dann würde man schon die Aufteilung im Innern vornehmen können.

Der junge Mann blickte sich suchend um. Wo war denn Agatha? Von Anfang an hatte er gespürt, dass die alte Dame sich hier förmlich zu Hause fühlte. So war es ein vertrautes Bild, dass Agatha sich hier aufhielt, den Madln Anweisungen und Hilfestellung gab, und eigentlich der ruhende Pol inmitten des Chaos blieb. Heute jedoch war sie nicht hier, und ihr Fehlen machte sich schmerzhaft bemerkbar.

Irgendwie hatte die resolute alte Frau alles im Griff, vielleicht brauchten Dorothea und ihre Kameradinnen jemanden, der ihnen genaue Anweisungen gab. Die fehlten jetzt. Dorothea führte sich als eine Art Anführerin, doch alles was sie sagte, passte nicht so recht, und so kam natürlich auch Widerspruch von den anderen. Kurzum, es herrschte ein ziemliches Durcheinander, und eigentlich war es ein Wunder, dass überhaupt noch ein Essen zustande kam.

Derweil mühten sich zwei der Madln unten an Fluss mit der Wäsche. Das waren zum Glück noch keine großen Mengen, aber mit den Waschmethoden hatten sich im Laufe der Zeit auch die Materialien geändert, moderne Gewebe konnte man nicht einfach im kalten fließenden Wasser mit Schmierseife reinigen.

Burkhard musste vor sich selbst zugeben, dass es mehr Schwierigkeiten gab, als er je gefürchtet hatte. Ein gut Teil davon machten ganz einfach die heutige Erkenntnisse aus. Natürlich besaß man ein ganz anderes Wissen um Zusammenhänge und Aufbau, da war es der reine Anachronismus, sich in ein längst vergangenes Zeitalter zu versetzen. Doch allein der Versuch war das ganze Experiment schon wert.

Zum Glück meinte es das Wetter gut, es war nicht zu heiß, ein leichter Wind strich erfrischend über das Land, und hier und da verdeckte auch mal eine Wolke die strahlende Sonne. Aber es regnete nicht, und Burkhard hoffte, es würde auch so bleiben, bis man die Hütten beziehen konnte und damit ein festes Dach mit einer verschließbaren Tür vorhanden war. Die Höhlen waren als Notlösung brauchbar, doch länger als ein paar Tage konnte man solche Zustände niemandem zumuten.

All das schrieb Burkhard fleißig auf, machte sogar einige Zeichnungen dazu, und kämpfte weiterhin heldenhaft mit den Schmerzen in seinem Arm. Später würde er noch einmal zum Arzt gehen müssen, um den Verband wechseln zu lassen. Vor allem wollte Daniel sich die Verletzung noch einmal anschauen, um zu überprüfen, ob sich da nicht etwas verschlimmert hatte.

Burkhard selbst bekam morgens beim Waschen schon einen kleinen Eindruck davon, und er dachte mit Grausen daran, um wie viel schlimmer dieser Unfall hätte ausfallen können. Jetzt aber drang der verlockende Duft des Essens herüber. Erstaunlich, wie rasch die jungen Frauen sich mit der schwierigen Arbeit abgefunden hatten, auch wenn immer noch einiges schiefging. Nach dem Essen legten alle eine Pause ein, die sich ein jeder auch redlich verdient hatte. Einige zogen sich bis auf die Unterwäsche aus und begannen in der erfrischend kühlen Theine zu plantschen. Bald schloss sich auch der Rest der Gruppe an, bis auf Burkhard, der etwas neidisch zuschaute.

Das änderte sich in dem Augenblick, da Anna strahlend lächelnd mit einer Tüte Obst auftauchte und sich ohne große Umstände neben dem Mann niederließ.

„Ich muss doch schauen, wie‘s meinem Patienten geht“, erklärte sie fröhlich.

Drunten am Fluss hielt Dorothea mitten in der Bewegung inne und starrte mit kaltem Blick auf die beiden. Dann stapfte sie tropfnass geradewegs auf das fröhlich lachende Paar zu.



6

Eigentlich hätte man annehmen sollen, dass im Sommer die Leute weniger unter diversen Krankheiten zu leiden hatten. Das war jedoch ein Trugschluss, denn im Sommer veränderten sich nur die Krankheiten an sich, nicht die Anzahl. Und so hatte Daniel Ingold immer alle Hände voll zu tun. Auf der einen Seite war das natürlich ein großer Vertrauensbeweis, auf der anderen Seite wünschte er sich manchmal, wie andere Leute auch drei Wochen in Urlaub fahren zu können. Dann konnte es jedoch durchaus passieren, dass er zurückkehrte, und die schweren Fälle von Herzinsuffizienz bis Gallenkolik waren so lange aufgeschoben worden, um nur ja keinen anderen Arzt aufsuchen zu müssen, dass die Erholung gleich wieder aufgezehrt war. Deshalb war der Doktor dazu übergegangen mit seiner Bernie lieber öfter mal übers Wochenende wegzufahren, während dieses Zeitraums behandelte der alte Doktor Alois Huber, der Vorgänger von Daniel in der Praxis, die Notfälle. Eine kluge Lösung, doch im Grunde nicht sehr befriedigend für den Arzt.

Bisher hatte er aber noch keine andere Möglichkeit gefunden, also blieb alles erst mal so. Es gehörte für Daniel Ingold auch zur täglichen Arbeit Hausbesuche zu machen, meist aufgrund eines Anrufs, andere Besuche gehörten zu seiner täglichen Tour, weil die Patienten nicht laufen konnten oder auf andere Weise ans Bett gefesselt waren. Und dann gab es noch die seltenen Fälle, in denen er von sich aus einen Besuch anordnete.

So einen Fall gab es heute. Agatha Müller hatte früh am Morgen einen festen Termin versäumt, und das war bisher noch nie vorgekommen. Wie sie schon selbst festgestellt hatte, funktionierte ihr Gedächtnis recht gut, sie würde den Termin also sicher nicht vergessen haben. Vielleicht fühlte sie sich nicht gut genug, um selbst die kurze Strecke zu laufen, vielleicht war es aber auch schlimmer.

Daniel wollte kein Risiko eingehen. Agatha stand ganz oben auf seiner Liste.

Er öffnete das Gartentor und atmete tief den Duft der wundervollen Rosen ein, die im Vorgarten standen. Es handelte sich um uralte Rosenstöcke mit kräftigen Blüten und einem berauschenden Duft. Die kleine Katze, die mit im Haus lebte, kam miauend den Weg entlang und strich um die Beine des Mannes. Er beugte sich nieder und streichelte das seidenweiche Fell.

„Hallo, kleine Emma. Wo ist denn dein Frauchen?“, fragte er gutmütig. Laut rief er den Namen von Agatha und wartete auf eine Reaktion. Normalerweise wäre die alte Dame bei diesem Wetter hier draußen in Garten und kümmerte sich um Blumen und Gemüse.

Keine Antwort.

Sie würde doch nicht tatsächlich bei dieser Wärme zur Theine gegangen sein, um dort den Studenten auf die Finger zu schauen? Aber nein, dafür war es viel zu schwül, und auch der leichte Wind brachte keine Abkühlung. Die jungen Leute draußen konnten das noch gut ertragen, aber für eine Frau von neunzig Jahren mit schwacher Gesundheit war das Gift.

Daniel klingelte, und die Katze wich noch immer nicht von seiner Seite. Sie versuchte mit dem Kopf die Tür aufzustoßen, und der Arzt schaute alarmiert zu. Hier stimmte etwas nicht.

Die Tür war verschlossen, und auch ein Doktor konnte nicht einfach einbrechen, selbst wenn er glaubte, dass Gefahr im Verzug war.

Kurz entschlossen griff er zum Handy und rief den Obermayr Schorsch an. Der örtliche Polizist war in erstaunlich kurzer Zeit zur Stelle. Wie alle Leute am Ort kannte er Agatha, und wie fast alle bereitete er das große Geburtstagsfest mit vor. Agatha würde doch nun nicht etwa vorher so schwer krank werden, dass sie das Fest nicht mehr erlebte?

Auch Schorsch fand das Benehmen der Katze befremdlich und die seltsame Stille ringsum bedenklich. Er als Polizist hatte das Recht die Tür aufzubrechen, und er zögerte damit auch nicht lange.

Das Haus war sehr alt, und die Schlösser an den Türen stellten kein Hindernis für den Schorsch da, er musste nicht einmal das Schloss beschädigen.

Gleich darauf öffnete sich die Tür, Katze Emma stürmte hinein und blieb dann irgendwo miauend stehen. Die beiden Männer folgten ihr, und Daniel sah seine Befürchtungen bestätigt.

Agatha Müller saß verkrampft in einem großen Ohrensessel, röchelte und rang nach Atem. Die Hände hatte sie vor der Brust verschränkt, so heftig, dass die Haut weiß wurde. Die Augenlider flatterten unruhig, und sie erkannte im Augenblick die beiden Männer kaum.

„Ich ruf den Rettungswagen“, sagte Schorsch und schaute sich nach dem Telefon um, während Daniel die Tasche öffnete und eine Spritze mit Adrenalin aufzog.

„Kein Hospital“, ächzte die alte Dame. Erstaunt schaute der Polizist auf, er hatte geglaubt, sie wäre bewusstlos.

„So geht‘s aber net“, widersprach der Arzt, erntete jedoch nur ein Kopfschütteln. Emma sprang auf den Schoß der Frau und leckte ihr über das Gesicht. Agatha löste ihre verkrampften Hände, als die Wirkung der Medizin einsetzte. Schorsch zögerte noch, hielt den Telefonhörer in der Hand und blickte fragend auf den Alpendoktor. Der seufzte.

„Lass nur, sie hat einen Dickschädel. Es wär‘ aber besser, wenn die Kollegen im Hospital sich darum kümmern täten. Ich hab‘s Ihnen doch gesagt, Frau Müller, mit Ihrem Herzen sollen S‘ net spaßen. Auch wenn‘s alle Tage seinen Dienst tut, so ist das Herz doch genauso alt wie Sie selbst. Und deswegen hat‘s das Recht, nun auch ein bisserl schwach zu werden. Aber ich kann S‘ natürlich net zwingen ins Hospital zu gehen, nur müssen wir jetzt ernsthaft was tun. Ich bin nur hier, weil S‘ heut‘ früh den Termin in der Praxis versäumt haben. Ich will mir gar net ausmalen, was passiert wär‘, wenn ich net aus einem Gefühl heraus hergekommen wär‘.“

Ein verschmitztes Lächeln tauchte schon wieder auf dem Gesicht der Frau auf.

„Nun malen S‘ mal net gleich den Teufel an die Wand, ich hätt‘ mich bestimmt wieder eingekriegt. Aber tät‘ es Ihnen denn wohl reichen, wenn der Herr Pfarrer mir jemanden hereinschickt?“

„Ja, da schau her, haben S‘ jetzt doch ein bisserl Vernunft gefunden?“, lobte Daniel spöttisch. „Nehmen S‘ mir meine Worte net übel, Frau Müller, aber als Arzt hab ich schon eine gewisse Verantwortung. Dazu gehört dann auch, mal ein paar deutliche Worte zu verlieren, wenn ich meine Patienten schützen will.“

„Glauben S‘ tatsächlich, das hätt‘ ich in neunzig Jahren net selbst gelernt? Aber ist schon recht, Herr Doktor. Und für einen so jungen Hüpfer haben S‘ bemerkenswert viel Anstand und Mut. Ich werd‘ drüber nachdenken, ob ich Sie weiterempfehlen kann.“

Der Polizist gab seltsame Geräusche von sich, so als würde er verzweifelt nach Luft schnappen, ein Seitenblick des verblüfften Arztes zeigte diesem jedoch, dass Schorsch sich nur ganz einfach bemühte, nicht vor Lachen loszuprusten. Daniel bewahrte die Fassung.

„Ich bin sehr dankbar für das Vertrauen“, erklärte er und lächelte. „Aber jetzt müssen wir erst mal dafür sorgen, dass heut‘ noch jemand hier bleibt. In dem Zustand werd‘ ich Sie net allein lassen.“

Er drohte ihr scherzhaft mit dem Zeigefinger, als sie widersprechen wollte. „Nun keine Widerrede mehr. Welchen Sohn kann ich erreichen, damit ...“

„Keinen“, unterbrach sie. „Meine Söhne haben keine Zeit, die sind alle bei der Arbeit, und ihre Frauen ebenso. Falls S‘ sich wirklich so große Sorgen machen, dann fragen S‘ den Klaus drunten bei der Gruppe an der Theine. Mag sein, dass der das auf sich nimmt.“

Sie hatte ihre Worte ohne Bitterkeit ausgesprochen, dabei war es doch absolut traurig, dass die älteren Leute oft genug am Rande der Gesellschaft lebten. Viele solcher Fälle hatte der Arzt schon drüben im Seniorenheim miterleben müssen. Aber hier schien es doch nicht ganz so arg zu sein, wenn es denn wenigstens noch Enkel gab, die bereit waren, sich zu kümmern.

Draußen vor der Tür bat Daniel den Polizisten dafür zu sorgen, dass der junge Mann auf dem schnellsten Weg hierherkam. Schorsch hielt den Arzt einen Moment auf.

„Nimm das net so eng. Ich kenne die Söhne von der Agatha. Die haben wirklich viel zu tun, und vor allem wohnt keiner direkt in der Nähe. Aber ich weiß, dass die ihre Mutter sehr lieben und auch häufig hier sind. Wenn ich eine Nachricht gebe, dann stehen alle sechs tatsächlich morgen hier vor der Tür und überschlagen sich vor Hilfsbereitschaft. Aber was glaubst, was die alte Dame dann mit mir macht? Den Kopf abreißen wäre noch das Geringste.“

„Ist gut. Dann scheint das tatsächlich einer der wenigen Fälle zu sein, wo die Familie noch intakt ist. Das freut mich.“

Das Handy klingelte, Daniel lächelte um Entschuldigung bittend, lauschte dann und wurde blass.

„Wir können gleich gemeinsam zur Theine hinunterfahren. Da scheint‘s ein dickes Problem zu geben. Dies war ein Notruf, die jungen Leut‘ haben arge Schwierigkeiten.“

„Wie schlimm?“, fragte der Polizist alarmiert.

„Genau weiß ich‘s noch net. Aber da geht‘s drunter und drüber.“ Die beiden Männer fuhren jeder mit dem eigenen Wagen. Daniel hatte später weitere Hausbesuche zu machen, und Schorsch sollte Klaus zur alten Agatha bringen.

Auf das, was sie dort erwartete, waren sie nun wirklich nicht vorbereitet.



7

Anna lachte gerade hell auf über eine Bemerkung von Burkhard, als Dorothea wie eine tropfnasse Erscheinung vor den beiden auftauchte.

„Ja, da schau her, hast eine mildtätige Samariterin gefunden? Ich denk‘, hast von Anfang an gesagt, dass Außenstehende net zugelassen sind. Klare eindeutige Ergebnisse wolltest haben, hast dich sogar mit den Einheimischen angelegt, und uns anderen jeden Kontakt verboten. Aber kaum hat der feine Herr ein kleines Wehwehchen, ist alles vergessen, und er muss getröstet werden. Noch dazu von einer fremden Frau.“

„Ja, sag mal, was ist mit dir denn los?“, fragte Burkhard verwirrt. Niemals wäre es ihm in den Sinn gekommen, dass Dorothea eifersüchtig sein könnte. Noch hatte er kein Wort mit ihr über ihre Beziehung, beziehungsweise das Ende davon, gesprochen. Und woher hätte Dorothea auch wissen sollen, dass er sich auf den ersten Blick hoffnungslos in Anna verliebt hatte? Solange er sich selbst über seine Gefühle nicht im Klaren war, wollte er noch kein Wort davon verlieren.

Wassertropfen rannen der jungen Frau über das Gesicht wie Tränen, die Haare waren fest an den Kopf geklebt, und der leichte Windzug schuf eine Gänsehaut. Dorothea machte im Augenblick keine gute Figur.

Anna stand auf. Sie spürte die ungeheure Spannung in der anderen Frau, auch wenn sie nicht verstand, was diese Aufregung ausgelöst hatte. Schließlich war sie doch nur hier, um sich nach dem Befinden von Burkhard zu erkundigen, und ein paar freundliche Worte zu wechseln. Es war schon so, auch Anna hatte sich auf den ersten Blick in den Mann verliebt, obwohl sie das noch längst nicht einordnen konnte.

Es hatte sie zuerst gerührt, wie hilflos er wirkte, seine Verletzung hatte Mitleid in ihr geweckt, aber seine fröhliche sympathische Art war dazu angetan, Gefühle zu erwecken, die über einfache Sympathie hinausgingen. Wer wollte denn auch eine Erklärung für das Phänomen Liebe auf den ersten Blick finden? So etwas musste nicht erklärt werden, man musste es hinnehmen wie eine Naturerscheinung und am besten genoss man das Gefühl ganz einfach.

Auch das war Anna noch nicht ganz klar geworden. Doch sie fühlte sich grundlos angegriffen. Das musste sie sich nicht gefallen lassen.

„Ich glaub‘, ich bin hier fehl am Platz“, erklärte sie also kühl. „Eigentlich hatt‘ ich nur freundlich sein wollen und mich davon überzeugen, dass die Verletzung net so schlimm ist. Aber scheinbar gibt‘s hier strenge Regeln und einen – einen Wachhund, der darauf achtet, dass die eingehalten werden. Bevor ich mich also beißen lass, geh ich dann lieber. Sonst müsst‘ ich womöglich noch von Amts wegen einschreiten und einen Maulkorb verhängen.“

Diese letzte Bemerkung war gemein, aber die hatte sich Anna denn doch nicht verkneifen können.

Dorothea starrte sie an, und nur langsam sickerte die Bedeutung dieser Worte in ihr Gehirn.

„Was soll das heißen?“, fauchte sie.

Burkhard stand auf. „Das sollt‘ heißen, dass du grad dabei bist, dich hoffnungslos lächerlich zu machen. Was soll denn dies‘ dumme Geschwätz? Ich bin der Anna sehr dankbar, dass sie mir gestern geholfen hat, und mehr noch, dass sie hergekommen ist und sich nach meinem Befinden erkundigt. Wenn es dich stört, dass dieser Kontakt nach draußen vorhanden ist, dann hätt‘st mir gestern vielleicht selbst helfen sollen, statt mir auch noch Vorwürfe zu machen.“

„Ist schon recht, Burkhard“, wandte Anna ein. „Ich kann das schon einsehen, dass ihr feste Regeln habt, und die machen auch bestimmt einen Sinn. Das hätt‘ man mir vielleicht aber auch etwas anders sagen können. Dann hätt‘ ich‘s wahrscheinlich ebenso gut verstanden.“

„Halt, bitte, warten S‘ noch“, bat Burkhard und stand etwas mühselig auf, weil sein Gleichgewicht durch die Verletzung nicht ganz in Ordnung war. Anna lächelte ihn an, und ihm wurde warm ums Herz. Welch ein Unterschied zwischen den beiden Frauen. Anna erschien ihm sanft und freundlich, obwohl man auch von ihr sagen konnte, dass sie eine eigenständige selbstbewusste Person war. Das musste dann doch nicht so weit gehen, dass man sich schon angegriffen fühlte, wenn jemand nur eine andere Meinung vertrat. Oder war da vielleicht noch etwas anderes?

Burkhard schaute Dorothea ins Gesicht, sah ihre wütend funkelnden Augen, und ihm kam plötzlich die Erkenntnis, dass sie eifersüchtig sein musste.

Ja, liebte sie ihn denn? Nein, beantwortete er selbst diese Frage. Sie wollte nur etwas nicht verlieren, von dem sie geglaubt hatte, dass sie es fest besaß, mochte sie es nun brauchen oder nicht. Auf jeden Fall wollte sie die andere Frau loswerden, doch Burkhard stand dazwischen.

„Ich bitte für Dorothea um Entschuldigung. Sie meint es gar net so, vielleicht hat sie hier ein bisserl zu viel Stress. Würden S‘ mir die große Freude machen, morgen mit mir einen Kaffee trinken zu gehen, damit ich diesen schlechten Eindruck wieder gutmachen kann?“

Dorothea schnappte nach Luft. Das war ein offener Bruch der Regeln, die er selbst aufgestellt hatte.

Anna zögerte, aber er schaute sie mit einem treuen Dackelblick an, und sie lachte auf.

„Na gut, ich geb‘ Ihnen noch Bescheid, wann und wo, schließlich hab‘ ich noch was zu tun.“

Sie winkte Burkhard noch einmal zu und lief dann leichtfüßig davon. Erst jetzt wandte sich der Mann wieder der anderen Frau zu.

„Bist denn eigentlich noch zu retten?“, fragte er gefährlich leise. „Wie kommst dazu, dich zu benehmen wie eine – wie eine Furie? Was hat die Anna denn getan? Bist noch gescheit? Willst hier die Anführerin spielen und über einen jeden bestimmen?“

„Das war‘s doch wohl eher, was du gewollt hast“, gab sie schnippisch heraus. „Im Übrigen ist‘s ja wohl nur dreist von dir, eine Frau hierherzubringen und ihr schöne Augen zu machen, noch dazu, wenn ich dabei bin.“

„Ist das wirklich dreist?“, fragte Burkhard plötzlich sehr ernst. „Oder ist‘s net vielmehr so, dass wir zwei im Herzen schon längst erkannt haben, dass wir gar net zusammenpassen? Sei doch mal ehrlich, Dorothea. Ist es wirklich Liebe, die du für mich empfindet, oder net vielleicht doch eher Gewohnheit?“

Sie wurde nachdenklich, aber nur für einen Moment.

„Was spielt denn das schon für eine Rolle?“, gab sie patzig zurück.

„Eine ganze Menge. Wenn‘s nämlich keine Liebe mehr ist, sollten wir offen darüber reden und dann auch die Beziehung beenden – solange wir noch Freunde sind. Du bist eine ganz besondere Frau, aber wohl net diejenige, mit der ich den Rest meines Lebens verbringen könnt‘. Ich sag‘s offen, und ich bitt‘ dich, drüber nachzudenken.“

Sie starrte ihn mit großen Augen an, sagte aber kein Wort mehr und wandte sich ab. Erst jetzt fiel den beiden auf, dass hier irgendetwas nicht stimmte.

Das Lachen und Toben der anderen war verstummt, stattdessen drang Stöhnen vom Ufer herüber. Alarmiert wechselten die beiden einen Blick und eilten hinüber. Schon aus einiger Entfernung konnten sie erkennen, dass alle verkrümmt am Boden lagen und sich den Leib hielten.

„Du lieber Himmel, haben wir heut‘ Mittag was Falsches gekocht?“, flüsterte Dorothea entsetzt. „Aber wir haben uns doch genau an die Anweisungen von Agatha gehalten. Und wieso sind wir zwei net auch betroffen?“

„Ich hab gar nix gegessen, weil ich so starke Schmerzen hatte“, erklärte Burkhard. „Und du bist doch mittendrin davongelaufen, weil du dich mal wieder über etwas geärgert hast.“

„Da hast recht. Ist ja auch egal, wir müssen sofort den Doktor rufen.“

Dem gab es nichts hinzuzufügen, und Burkhard fingerte nach seinem Handy, was er als einziger hier draußen in Betrieb hatte, um für solche Notrufe wie diesen gerüstet zu sein.



8

Die Studenten hatten sich unter Mühen in die Höhlen zurückgezogen, wo Doktor Ingold die Untersuchungen vornehmen konnte. Ernst packte er dann sein Stethoskop wieder ein und suchte in der Tasche nach den richtigen Medikamenten.

„Noch kann ich nix ganz genau sagen, aber eine Frage vorweg. Habt ihr immer das Wasser abgekocht, was getrunken und auch für anderes benutzt wird?“ Der Verdacht hatte sich bei Daniel rasch gebildet, als er gesehen hatte, dass hier Becher standen, in denen sich das Wasser aus der Theine befand. Die etwas trübe Färbung legte die Vermutung nahe, dass genau hier der Fehler lag. Er musste seine Frage wiederholen und sah dann, dass Dorothea blass wurde.

Insgeheim schimpfte Daniel. Da mochten diese Studenten ja eine ansonsten recht gute Ausbildung besitzen, aber hatte ihnen denn niemand beigebracht logisch zu denken? Jeder Dummkopf sollte doch eigentlich wissen, dass man Wasser nicht ungereinigt und ungefiltert trinken durfte.

„Hat Agatha euch das net gesagt?“, forschte er nach, als er auch einen frischen Nachtisch mit Obst fand, der mit dem gleichen Wasser angemacht worden war.

„Doch“, gestand Dorothea. „Aber ich hab net mehr dran gedacht. Und außerdem bin ich davon ausgegangen, dass die anderen das schon von allein tun würden. Ich kann mich schließlich net um alles kümmern“, brachte sie trotzig hervor.

„Dafür tät‘st dich aber ganz schön aufspielen“, warf Burkhard ein. Er war noch immer verstimmt über den Auftritt, den die Frau vorhin Anna gegenüber an den Tag gelegt hatte.

Daniel spürte, dass hier ein Streit in der Luft lag, aber das ging ihn nun wirklich nichts an. Er hatte hier im wahrsten Sinn des Wortes Erste Hilfe zu leisten, die privaten und persönlichen Probleme der jungen Leute mussten sie später schon selbst allein lösen.

„Sofort schütten S‘ erst mal alles Wasser weg, was hier ist“, ordnete er an. „Ich weiß ja net, wie weit das bei Ihnen geht mit der Wirklichkeitsnähe. Wenn S‘ tatsächlich in der Vergangenheit leben wollen, dann kann ich Ihnen jetzt nix geben, was die Symptome rasch beseitigt und die Krankheit lindert. Außerdem dürfen S‘ dann auch keine chemischen Hilfsmittel benutzen, um das Trinkwasser zu reinigen. Ich sag‘s ganz offen, auch das abkochen ist nur eine provisorische Lösung, ein Restrisiko bleibt.“

„Dann pfeif‘ ich auf die Vergangenheit“, meldete sich einer der Erkrankten. „Und wennst was dagegen hast, Burkhard, dann geh ich noch heut‘ heim.“

„Ich auch“, kam es stöhnend auch von anderen.

„Halt, wartet, keinen Aufstand hier, bitte. Ganz bestimmt werd‘ ich net zulassen, dass einer von uns unnötig leiden muss. Ist eine Selbstverständlichkeit, dass der Doktor einem jeden hilft. Bitte, Doktor Ingold, tun S‘ für die Kameraden, was möglich ist. Und das mit dem Wasser machen S‘ bitte auch.“

Daniel nickte und machte sich an die Arbeit. Weil er schon einmal da war, kümmerte er sich anschließend auch um Burkhard.

Der Polizist war mit Klaus Müller schon längst auf dem Weg nach Hindelfingen, wie durch ein Wunder hatte auch der Bursche nichts gegessen, und so war er auch nicht betroffen.

„Sagen S‘ mal, Herr Doktor, muss das Ende einer Beziehung immer in Abneigung auswachsen?“, fragte Burkhard traurig, als er mit dem Arzt allein war.

„Dazu kann ich nix sagen“, erwiderte Daniel. „Ich kann das auch net beurteilen, dazu kenn‘ ich Sie und die junge Dame zu wenig. Sehe ich das Recht, dass die Dorothea und Sie bisher zusammen waren? Dann gibt‘s also Probleme zwischen Ihnen?“

„So tät‘ ich das net unbedingt sagen. Ich hab ganz einfach festgestellt, dass wir net zusammenpassen. Eigentlich weiß die Dorothea das auch, aber sie will‘s noch net wahrhaben.“

Der Doktor runzelte die Stirn. „Ist das nur das Ende einer Liebe, oder ist da womöglich noch ein anderes Madl?“, forschte er auf gut Glück.

Die Hellsichtigkeit verblüffte Burkhard ein wenig, und er senkte verlegen den Kopf, schließlich hatte die Frage voll ins Schwarze getroffen.

„Ja, ich denk‘ schon“, gestand er. „Aber das wär‘ wohl kaum passiert, wenn ich noch Liebe für die Dorothea empfunden hätt‘.

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