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Ein bisschen Single – und andere bühnenreife Vorstellungen

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Ein bisschen Single –
und andere bühnenreife Vorstellungen

Als auch ihr dritter Ex-Freund freudestrahlend von seiner bevorstehenden Hochzeit erzählt, kommt Angie doch langsam ins Grübeln: Warum ist sie mit 31 noch nicht unter der Haube? Warum ignoriert Kirk – Lebensgefährte seit immerhin fast zwei Jahren – ihre schmachtenden Blicke vor den Schaufenstern mit Eheringen so konsequent? Schlimmer noch: Warum stellt er sie noch nicht mal seinen Eltern vor?

Angie beschließt, dem Mann auf die Sprünge zu helfen – mit Erfolg, wie ihre Freunde missmutig feststellen müssen. Sie finden, der bodenständige Kirk ist viel zu brav für die temperamentvolle Italienerin. Und das Schicksal scheint ihnen Recht zu geben, denn gerade, als alles gut zu werden scheint, wirft Angie sämtliche Pläne über den Haufen …

Lynda Curnyn

Ein bisschen Single – und andere bühnenreife Vorstellungen

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Katja Henkel

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1. KAPITEL

Festsitzende Deckel und andere Theorien über das männliche Verhalten.

Alles begann mit einer Nachricht auf meinem Anrufbeantworter.

„Rate mal, wer heiratet?“ sagte eine Stimme, die ich nur zu gut kannte.

Sie gehörte Josh. Meinem Ex-Freund. Der nun der Verlobte einer anderen war. Nicht, dass ich Josh jemals hatte heiraten wollen, schließlich litt er unter einer unüberwindbaren Abneigung gegen Zahnseide. „Haben vielleicht die Steinzeitmenschen Zahnseide benutzt?“ hatte er mich einmal gefragt. „Und? Leben diese Steinzeitmenschen vielleicht noch?“ hatte ich geantwortet. Unsere Beziehung dauerte nur sechs Monate, dann verkündete ich, dass ich keine Lust hätte, mit fünfundsechzig darauf achten zu müssen, dass er vor dem Zubettgehen sein Gebiss herausnimmt. „Okay, okay, dann benutze ich eben Zahnseide“, antwortete er. Aber da war es schon zu spät. Die Romantik war weg.

Und jetzt wollte er also heiraten. Eine Frau, die er kaum drei Monate nach unserer Trennung vor vier Jahren, kennen gelernt hatte. Er war nicht mein erster Ex-Freund, der diesen Weg beschritt. Randy, mein Freund vor Josh, begann bereits gerade mal sechs Wochen, nachdem wir uns tränenreich getrennt hatten, den Hochzeitsmarsch zu blasen. Dann gab es noch Vincent, meine erste Liebe – der war nun schon seit beinahe einer Dekade verheiratet. Gemäß meiner Mutter – die in Rufweite seiner Mutter in Marine Park in Brooklyn wohnt und es nie versäumt, mich auf dem Laufenden zu halten – haben Vincent und seine Frau bereits das dritte Kind in der Mache.

Wenn ein Ex heiratet, dann kann man noch darüber lachen. Beim Zweiten wird man nervös. Aber beim Dritten? Drei?

Dann beginnt man, es persönlich zu nehmen. Ich meine, warum verspüren die Männer nie bei mir das Verlangen, im Namen der ewigen Liebe Unsummen an Geld rauszuschmeißen?

„Das ist das Dilemma mit den festsitzenden Deckeln“, erklärte meine Freundin Michelle.

„Festsitzende Deckel?“ Vielleicht kannte sie ja eine Weisheit, die meine Welt wieder zurecht rückte. Schließlich hatte sich Michelle in den vier Jahren, in denen ich mir einen Wirtschaftsabschluss erarbeitet hatte, den ich nie brauchte, sich einen Ehemann, ein Haus und einen Diamanten von der Größe New Jerseys geangelt.

„Das kennt man doch“, fuhr sie fort. „Man versucht die ganze Zeit erfolglos, den Deckel eines Marmeladenglases zu öffnen, der sich keinen Millimeter bewegt. Und wenn man dann das Glas jemand anderem gibt, geht es völlig problemlos auf. Oder glaubst du wirklich, dass Jennifer Aniston, egal, was für eine hübsche Frisur sie hat, bei Brad Pitt hätte landen können, wenn es da nicht vorher Gwyneth gegeben hätte? Und schau dir mich und Frankie an.“ Das war der Mann, mit dem sie seit sieben Jahren verheiratet war. Sie hatte ihn sich kurz nach seiner Trennung von Rosanna Cuzio, der Ballkönigin unserer Highschool, gegriffen.

Nachdem Michelle mir ihre Theorie so geschickt erläutert hatte, konnte ich es nicht länger leugnen. Offenbar hatte ich Josh, Randy und Vincent erfolgreich darauf vorbereitet, beim nächstbesten Mädchen das Ehegelübde abzulegen. Meine Güte, für meine Bemühungen hätten sie mich eigentlich zur Trauzeugin machen müssen.

Stattdessen war ich nur die Ex-Freundin, die vielleicht oder vielleicht auch nicht zur Hochzeit eingeladen wurde, was davon abhing, wie sicher sich die Braut ihres künftigen Ehemannes war.

Sofort betrachtete ich Kirk, meinen derzeitigen Freund, mit anderen Augen. Wir waren seit einem Jahr und acht Monaten ein Paar, was seit meinem dreijährigen Verhältnis mit Randy absoluter Rekord war. Wir gaben ein richtig nettes, kleines Paar ab, Kirk und ich. Ich bekam inzwischen sogar Einladungen zu Partys, die an uns beide gerichtet waren — daran sieht man doch, wie ernst unsere Beziehung genommen wurde. Die Frage war: Würde mich Kirk eines Tages zu seiner Hochzeit einladen, oder …?

„Kirk … Sweetie“, sagte ich, als wir in dieser Nacht vor dem flackernden Fernsehschirm im Bett lagen. Die Möglichkeit, miteinander zu schlafen, hing wie eine ungestellte Frage in der Luft.

„Hm?“ Er konnte seinen Blick nicht vom Fernsehschirm losreißen, der Krimi schien ihn völlig zu vereinnahmen.

„Deine letzte Freundin … Susan?“

„Ja?“ Nun sah er mich doch an, allerdings ein wenig beklommen. Offenbar befürchtete er eines dieser „Beziehungsgespräche“.

„Ihr beide wart recht lange zusammen, oder? Wie lange noch mal? Zwei Jahre?“

„Dreieinhalb.“ Er erschauerte. Ich schluckte. Offenbar bewegte ich mich auf ganz dünnem Eis.

Doch ich gab nicht auf. „Habt ihr beide denn nie übers, ähm, Heiraten gesprochen?“

Er lachte. „Machst du Witze? Das war der Grund für unsere Trennung. Sie hat mir das übliche Ultimatum gestellt – entweder, wir heiraten, oder es ist vorbei.“ Er schnaubte. „Überflüssig zu erwähnen, dass ich mich für Letzteres entschieden habe.“

Aha. Erleichtert schmiegte ich mich an ihn. Er verfiel wieder in seinen vegetativen Zustand, als die Polizisten im Fernsehen einem völlig überraschten Täter Handschellen anlegten.

Wenn also Susan dafür gesorgt hatte, dass der Deckel sich ein wenig bewegte, dann konnte das nur Eines bedeuten: Nun war ich in der Lage, ihn komplett zu öffnen. Himmel, in einem Jahr war ich vielleicht bereits verheiratet!

Das wollte ich am nächsten Tag mit meiner besten Freundin Grace beim Mittagessen feiern. Was alleine schon ein Ereignis war, da Grace wegen ihrer sensationellen Karriere und ihrem Freund kaum noch Zeit hatte. Als Zugeständnis an ihre hektische Lebensweise hatten wir uns in einem Restaurant verabredet, das nur zwei Blöcke von ihrem Büro lag. Natürlich wusste Grace nicht, dass ich in Feierstimmung war, bis ich mit meinem Wasserglas mit ihr anstieß und sagte: „Du kannst mir gratulieren. Ich werde heiraten.“

„Wie bitte?“ Ihr fielen beinahe die graublauen Augen aus dem Gesicht. Dann starrte sie auf den Ringfinger meiner linken Hand, der, natürlich, unberingt war.

„Nicht jetzt. Aber eines Tages.“

Sie verdrehte die Augen, kräuselte die Nase und sagte mit ihrer üblichen Ironie: „Gratuliere.“

Typisch Grace. Sie war in der Lage, als Dreiunddreißigjährige ohne Ehering am Finger auch noch zu lachen. Sie ist eine der stärksten und unabhängigsten Frauen, die ich kenne. Nicht nur, dass sie immer einen umwerfenden Freund an ihrer Seite hat, sie hat auch einen Wahnsinnsjob als Produktmanagerin für Roxanne Dubrow Cosmetics. Ja genau, diese Roxanne Dubrow. Die, für die man extra zu Saks auf der Fifth Avenue marschieren muss. Grace ist während der Junior Highschool mal ganz kurz mit meinem Bruder Sonny gegangen. Aber wir freundeten uns erst an, als sie mir auf dem Schulhof das Leben rettete. Ein riesengroßes Mädchen namens Nancy, die nicht ertragen konnte, dass ich gute zwanzig Kilo weniger wog als sie, wollte gerade meinen Kopf gegen die Betonmauer knallen. Grace ging dazwischen, groß und blond und kräftig, und empfahl Nancy, sich besser aus dem Staub zu machen. Jeder, selbst Nancy, hatte Respekt vor Grace. Ich bewunderte sie maßlos. Umso mehr, als sie mich zu ihrer neuen besten Freundin machte, obwohl ich in der achten und sie bereits in der neunten Klasse war. Ihre Clique war nicht gerade begeistert davon, dass sie mich überall hin mitschleppte. Aber Grace ließ sich davon nicht beeindrucken.

Und jetzt saßen wir hier, noch immer Freundinnen. Die einzigen Mädels, die sich aus Brooklyn hatten retten können, unversehrt, ohne einen dickhalsigen Schläger namens Sal zu heiraten und jährlich ein Baby zu produzieren. Graces Eltern waren, als sie sechzehn war, nach Long Island gezogen, in der Hoffnung, ihr auf diese Weise Zigaretten, Jungs und schlechtes Benehmen auszutreiben. Trotzdem verbrachten wir unsere Sommerferien zusammen. Wenn meine Eltern mich im Juni aufs Schiff setzten, fühlte ich mich immer wie ein Kind, das in die Sommerferien geschickt wird. Direkt nach dem College zog Grace nach Manhattan, und ich folgte ihr ein Jahr später. Sie war für mich die Schwester, die ich nie hatte. Meine Mutter hatte sie sogar als ehrenhaftes Mitglied in unsere Familie aufgenommen.

„Machst du dir denn nie Sorgen, Grace? Hast du keine Angst, dass du einmal ganz alleine dastehst?“ Ich forschte in ihrem Gesicht nach Anzeichen von Unsicherheit.

Sie zuckte mit den Schultern. „In dieser Stadt kann eine Frau alles bekommen, was sie will. Wenn sie ihre Karten geschickt zu spielen versteht.“

Für Grace war es leicht, so was zu behaupten. Sie war groß und üppig, hatte kinnlanges zerzaustes blondes Haar und perfekt geformte Gesichtszüge. Sie war einfach wunderschön. Während ich … ich war immer die „kleine Angie DiFranco“ – und bin es immer noch –, etwas über einssechzig groß mit lockigem schwarzen Haar, das sich erfolgreich gegen jegliche Styling-Produkte wehrt, und Schenkeln, die drohten, so zu werden, wie die meiner Mutter. Ich seufzte. Was sollte nur aus mir werden, für den Fall, dass Kirk und ich nicht heirateten?

„Was ist mit dir und Drew?“ Vielleicht zog Grace ihren aktuellen wunderschönen Freund ja als Ehemann in Erwägung. „Denkst du jemals an … du weißt schon?“

„Natürlich“, sagte Grace. „Jedes Mädchen denkt daran.“

Erleichtert stellte ich fest, dass ich wenigstens nicht die einzige Hysterikerin über dreißig war. Zumal Grace und Drew sich erst seit einem Jahr kannten – also mindestens acht Monate weniger als Kirk und ich.

„Aber es ist nicht das Wichtigste“, sagte sie.

Am nächsten Tag, als ich zur Arbeit fuhr, wurde mir bewusst, dass Grace Recht hatte. Heiraten war nicht alles. Ich hatte so viel um die Ohren, dass eine Hochzeit im Grunde überhaupt kein Thema war. Ich war Schauspielerin, und derzeit sogar arbeitende Schauspielerin. Okay, es handelte sich um einen Job bei Rise and Shine, einer Gymnastiksendung für Kinder, die nur im Kabelfernsehen lief. Aber wenigstens sammelte ich Erfahrung vor der Kamera. Denn Agenten weigerten sich, Schauspieler zu nehmen, die nichts anderes vorweisen konnten, als zahllose Off-Off-Broadway-Shows.

Als ich in den gelben Turnanzug und die babyblauen Strumpfhosen schlüpfte, was nun mal mein Los als Co-Moderatorin der Sendung war, fragte ich mich zum etwa hundertsten Mal, ob es gut für meinen Lebenslauf war, mit einer Gruppe Sechsjähriger Sprünge und Dehnungsübungen zu machen.

„Hey, Colin“, rief ich meinem Co-Moderator zu, als ich das Studio betrat, eine Tasse Kaffee fest umklammernd. Ein Nachteil dieses Jobs war, dass man morgens um fünf aufstehen musste, um rechtzeitig zur Aufzeichnung um sechs da zu sein. Zu keiner anderen Uhrzeit war der Fernsehsender bereit, uns das Studio zu überlassen. Dabei hatte unsere Sendung ein zwar kleines, aber treues Publikum, bestehend aus Eltern und deren Kindern, die in Form gebracht werden sollten.

Colin blickte erschrocken von dem Buch hoch, in dem er gerade las, um mir dann sein übliches Lächeln zuzuwerfen. Colin war einer der wenigen Menschen, der in der Lage war, morgens um sechs zu lächeln. Er war von Natur aus fröhlich, und deswegen auch der perfekte Moderator für Rise and Shine. Die Kinder liebten ihn, und in den sechs Monaten unserer Zusammenarbeit hatte ich ihn ebenfalls lieben gelernt. Er war ein warmer, großzügiger, liebevoller Mann, der gut mit Kindern umgehen konnte. Ganz zu schweigen davon, dass er großartig aussah, mit feinen Gesichtszügen, blauen Augen, langen Wimpern und kurzem, dunklem Haar, das immer nach dem neuesten Trend geschnitten war. Er hatte alles, was sich eine Frau von einem potenziellen Ehemann wünschen konnte. Ich wäre vielleicht sogar mit ihm ausgegangen, bis er eine andere Frau geheiratete hätte – wenn er nicht schwul gewesen wäre.

„Was liest du da?“ Ich beugte mich über ihn, um den Buchtitel zu sehen.

„Ach, nur das.“ Er lächelte und sah irgendwie verlegen aus, als er eine schon recht zerlesene Ausgabe von Die Herausforderungen der Kindererziehung hochhielt. „Dachte mir, das könnte vielleicht hilfreich sein. Was die Sendung angeht, weißt du?“

Darüber musste ich lachen. „Colin, wir wollen nur, dass sie fit bleiben, wir sollen sie nicht erziehen.“

Er gluckste. „Ich weiß, ich weiß. Aber du hast doch gesehen, wie wild sie manchmal sind.“

Colin nahm seinen Job bei Rise and Shine wirklich sehr ernst.

„Bist du bereit?“ fragte er.

Ich seufzte. „So bereit man nur sein kann.“

Ich war nach wie vor erstaunt darüber, dass ich diesen Job überhaupt bekommen hatte – bis zum Casting hatte ich nicht einen Tag in meinem Leben Sport getrieben. Und jetzt brachte ich jeden Morgen eine Gruppe von zehn verschlafenen Kindern dazu, zu hüpfen, zu turnen und sich zu dehnen. Zum Glück waren meine babyblauen Strumpfhosen dick genug, um meine Cellulite zu verbergen.

„Alle auf Position“, rief Rena Jones, unsere Aufnahmeleiterin mit Blick in unsere Richtung. Nun ja, eher in meine Richtung. Sie betete Colin an. Und tolerierte mich. Weil sie extrem viel Wert auf Pünktlichkeit legte … und ich eher nicht.

Nachdem Colin und ich uns vor der Kamera positioniert hatten, legte ich das erforderliche fröhliche Gesicht auf und machte mit Colin zusammen eine etwa dreiminütige Einführung, um eine Bevölkerungsgruppe mit dem vermutlich geringsten Körperfett dazu zu überreden, zu hüpfen, zu turnen und sich zu dehnen. Im Namen der guten Gesundheit. „Gewohnheit ist für die gute Gesundheit entscheidend“, erklärte Rena immer, wenn irgendjemand – meistens ich – auf die Tatsache hinwies, dass die meisten Sechsjährigen kein Herz-Kreislauf-Training benötigten.

Trotz alledem fand ich die Routine irgendwie gut. Meine Füße setzten sich in Bewegung, sobald die Musik begann: Zirkus-Rhythmen und ein Sänger, der klang wie eine Kreuzung aus Barnes der Dinosaurier und Britney Spears. Ich kannte die Schrittfolge für die Aufwärmphase. Und wenn wir uns dann dehnten, in die Hocke gingen oder Beinübungen machten, wusste ich, dass mein Körper biegsam genug war. Zudem war ich in der Lage zu joggen, zu springen und durch den Raum zu fegen und gleichzeitig zehn Knirpsen aufmunternde Worte zuzuwerfen. Knirpse, wie ich hinzufügen möchte, die versuchten, es ihren Eltern Recht zu machen. Die Eltern saßen vor der Wand aufgereiht und schauten zugleich stolz und besorgt drein, weil sie befürchteten, ihre Kleinen könnten stolpern, hinfallen und dann aus der Sendung gekickt werden. Und sie hatten doch so hart dafür gearbeitet, dass ihre Kinder ins Fernsehen kamen!

In dem Moment, in dem der Uhrzeiger die Dreißig-Minuten-Marke erreichte, seufzte ich wie immer leise auf (was ich allerdings als gesundes Ausatmen zum Wohle meiner winzigen Schüler tarnte), um dann eine letzte Dehnung zu machen und die glücklichen Zwerge unter dem Applaus, der die Sendung beendete, ziehen zu lassen.

„Gehst du heute Abend mit Kirk aus?“ fragte Colin, als wir in den kleinen Umkleideraum im hinteren Teil des Studios liefen. An der Art, wie er diese Frage stellte, merkte ich, dass er mit der Entwicklung meiner Beziehung zufrieden war. Seine Trennung von Tom vor zwei Monaten war hart gewesen – Colin war ein monogamer Mann –, aber augenscheinlich fand er Trost in der Tatsache, dass auch andere Menschen sich für immer treu bleiben wollten.

„Natürlich“, antwortete ich, mit all der Zuversicht, die ich wohl haben durfte, wenn man bedachte, in welcher Phase unserer Beziehung wir uns befanden.

Später am Abend musste ich jedoch feststellen, dass Kirk sich in einer anderen Phase befand.

Wir waren in seiner Wohnung, in der ich unter der Woche meistens übernachtete. Nicht nur, weil er Ecke 27. Straße und Third Avenue und damit deutlich näher am Studio wohnte als ich, sondern, weil wir einfach jede wache Minute miteinander teilen wollten – und auch jede schlafende, was oft der Fall war, da Kirk dazu tendierte, früh wegzudösen.

Davon abgesehen war Kirks Einzimmer-Apartment in einem bewachten Wohnblock eine willkommene Abwechslung zu meiner Zweizimmerwohnung ohne Fahrstuhl, die ich mit Justin teilte. Justin war nicht nur mein Mitbewohner, sondern neben Grace mein bester Freund. Kirks Apartment war eine Oase der Ordnung, in den Schränken hingen Reihen von gut gebügelten Hemden, und die Filmplakate an den Wänden waren präzise aufgehängt (ja, wir beide waren Kinofans, obwohl Kirk eine beunruhigende Vorliebe für Horrorstreifen hatte, während mir eher die Klassiker und alles mit Mel Gibson gefiel).

Selbst sein Medizinschränkchen ist ein unvergesslicher Anblick, dachte ich, als ich an diesem Abend meine Zähne putzte. Die Zahnpasta lag sorgfältig aufgerollt neben dem glänzenden Becher mit seiner Zahnbürste. Sein Rasierzeug (ein Geschenk seiner Ex, das ich einmal durch eine Packung Gillettes ersetzen wollte, allerdings ohne Erfolg) schmiegte sich sehr hübsch an eine Flasche Chanel for men (ein Geschenk von mir, besten Dank, er benutzte es nur unter ernsthaftem Druck). Dort bewahrte ich auch mein Antihistaminikum auf – ich neige beim geringsten Anlass zu Allergien: Pollen, Hausstaubmilben, Schimmelpilze. Mit einem zufriedenen Seufzen spuckte ich die Zahnpasta in das strahlend weiße Waschbecken, spülte dann sorgfältig die Reste hinunter, damit das Porzellan nichts von seinem Glanz verlor, und ging zurück ins Schlafzimmer, wo Kirk sich auf dem Bett ausgebreitet hatte. Vor sich einen Laptop, dessen Bildschirm er intensiv studierte.

„Zeit zum Spielen.“ Ich hüpfte in Boxershorts und T-Shirt (was ich aus der untersten linken Schublade geklaut hatte) aufs Bett.

„Lass mir noch eine Minute, Sweetie.“ Er blickte kurz hoch und warf mir ein anerkennendes Lächeln zu.

Ich machte es mir neben ihm bequem, schielte auf den Bildschirm, der mit einem Haufen unverständlicher Codes übersät war, und schnappte mir das Buch, das ich auf Kirks Nachttisch aufbewahrte. Das Theater und sein Double von Antonin Artaud. Ich schlug Seite fünf auf, exakt die Seite, die ich die letzten sechsmal ebenfalls aufgeschlagen hatte, und begann zu lesen. Nun, nicht wirklich zu lesen – mein Blick wanderte immer wieder über Kirks Profil.

Er hatte die schönsten Augenbrauen, die ich je gesehen hatte. Fast pechschwarz auf cremweißer Haut und normalerweise glatt, obwohl sie sich jetzt gerade über seinen grauen Augen runzelten, während er fast ohne zu Blinzeln auf den Bildschirm starrte. Von Anfang an hatte ich ihn für seine Fähigkeit bewundert, sich in allen möglichen Situationen zu konzentrieren. Verstehen konnte ich das ehrlich gesagt aber nicht. Ich höre sofort auf, wie ein intelligentes Lebewesen zu denken, wenn ich mich der Möglichkeit des Beischlafs gegenüber sehe. Um genau zu sein war es sogar Kirks scheinbares Desinteresse am anderen Geschlecht, das mich von Anfang an gereizt hatte.

Wir lernten uns bei meinem „Tagesjob“, oder Zweitjob, kennen. Ich arbeite als Teilzeit-Kraft in der Kundenberatung bei Lee and Laurie Catalog. So kam ich an das Geld, das ich als Schauspielerin nicht verdiente. Zu dieser Zeit arbeitete Kirk für Lanix, die zufälligerweise die Software herstellten, mit der Lee and Laurie arbeiteten, und eines Tages kam er vorbei, um die Version zu aktualisieren. Von der ersten Sekunde an, als ich sah, wie eifrig er sich an einem der vielen Terminals bei Lee and Laurie zu schaffen machte, fühlte ich mich von ihm angezogen. Er sah mit seinem dunkelbraunen Haar, den intelligenten grauen Augen, den vollen Lippen und dem kräftigen Kinn nicht nur sehr gut aus, er war auch klug. Sogar so klug, dass er nichts und niemanden wahrzunehmen schien, nur die Codes, die er in jeden einzelnen Terminal eintippte. Das war wahrscheinlich der Grund dafür, dass ich ihm derart schnell verfiel, zumindest behauptete Grace das, die ich mehrfach anrief, um ihr von jedem fehlgeschlagenen Flirtversuch meinerseits zu berichten. Trotzdem fand ich immer wieder einen Grund, um Kirk an meinen Schreibtisch zu locken – eine nicht funktionierende Maus, ein klemmendes Keyboard (lag an den Sesamkörnern vom Mittagessen, aber zumindest hatte ich ihm ein Lächeln abgerungen) und totales Nichtbegreifen der neuen Software, die er gerade installiert hatte. Und während er geduldig an meiner Maus wackelte, mein Keyboard reinigte und die neuen Prozeduren noch einmal erklärte, machte ich alberne aber nett gemeinte Witze, stellte mich nah genug neben ihn, um „aus Versehen“ seinen Arm zu berühren (der wunderbar muskulös war) oder ihm gewinnend in sein hübsches und scheinbar völlig ausdrucksloses Gesicht zu lächeln.

„Ich bin verrückt nach ihm“, erzählte ich Grace in der zweiten Woche.

„Das liegt an der Herausforderung“, antwortete sie. „Der kannst du nicht widerstehen.“

Sie hatte Recht. Und deswegen folgte ich schließlich ihrem Rat, mich „um Himmels willen einfach mit ihm zu verabreden“. Und er sagte zu meiner Überraschung ja. Ich war vom ersten Tag an Feuer und Flamme. Kirk war anders als alle Männer, die ich vorher gekannt hatte. Erstens einmal verdiente er genug Geld, um das Abendessen zu bezahlen. Außerdem konnte ich nicht anders, als seinen Ehrgeiz zu bewundern, wenn er mir von seinem Traum, eine eigene Software-Firma zu gründen, erzählte … Nicht weniger bewunderte ich, als es soweit war, seinen wohlgeformten Körper, den er viermal die Woche im Fitnessstudio trainierte.

Die Wärme dieses schlanken, muskulösen Körpers sickerte jetzt wieder in mein Bewusstsein, ich schmiegte mich enger an ihn, den Blick fest auf die Seiten meines Buches gerichtet, bis er endlich sein Gewicht verlagerte, den Laptop schloss und auf den Nachtisch stellte.

Freudig klappte ich das Buch zu und spürte, wie ein erregendes Gefühl von Triumph durch meinen Körper schoss, wie immer, selbst noch nach fast zwei Jahren Beziehung. Sie können mich für eitel halten oder nymphoman, es ist mir völlig egal – für mich gab es nichts Schöneres, als Kirk mit einem verwegenen Glitzern in den Augen auf mich herablächeln zu sehen.

„Komm her, du“, sagte er mit heiserer Stimme, als ob ich mich die ganze Zeit zurückgehalten hätte.

Ohne zu zögern grätschte ich meine Beine um ihn und begeisterte mich an der Feststellung, dass er in Sekundenschnelle von Software auf Hardware umgeschaltet hatte, und das, obwohl man kaum erkennen konnte, dass sich eine Frau unter dem weiten T-Shirt, das ich trug, versteckte. Trotzdem fanden seine großen Hände zielsicher den Weg unter den Stoff, ertasteten meine eher mageren Hügel und streichelten sie.

Ich seufzte, wohl wissend, was kommen würde. Denn wenn es etwas gab, was Kirk und ich inzwischen bestens im Griff hatten, dann den Sex. Wie ein Wissenschaftler hatte er ewig lang an mir herumexperimentiert, um herauszufinden, was er tun musste, um mich dahin zu bringen, wo ich hin wollte. Und trotzdem wird es nie langweilig, dachte ich, als er sich auf mich rollte und sich dann kurz auf die Fersen hockte, um sich ein immer bereitliegendes Kondom aus der Nachttischschublade zu nehmen.

Ich war Wachs in seinen Händen, sobald er in mich eindrang stieg in mir wie immer eine gewohnte Hitze auf. Ich konnte mich wirklich nicht beschweren, außer vielleicht darüber, dass Kirk beim Sex nicht sonderlich gerne küsste. Um genau zu sein, berührte er meine Lippen gar nicht mehr, wenn wir vereinigt waren. Aber das ist okay, dachte ich und blickte in sein leicht errötetes Gesicht, sah seine dunklen Wimpern und seine vollen Lippen. Ich hatte von hier unten einen ziemlich guten Blick. Und gerade als ich mich auf den Rhythmus einstellte, erfüllte ein plötzliches und ziemlich unerwartetes Bild meine Gedanken. Ich stellte mir vor, dass Kirk mich auszog, hochhob und auf ein Himmelbett legte, das ich noch nie zuvor in meinem Leben gesehen hatte. Und als ich mich in Gedanken umwandte und den Berg von Kleidern betrachtete, während Kirk den letzten Knopf an meinem – T-Shirt? – öffnete, sah ich zu meinem Entsetzten Berge aus weißer Seide. Hatte ich in meiner überhitzten Fantasie ein Hochzeitskleid gesehen?

O Gott, dachte ich, als mein Köper zu zucken begann – fast ein wenig unwillig, es war noch viel zu früh – und dann hatte ich den größten Orgasmus meines Lebens. Ich riss die Augen auf, als sich ein fremder, markerschütternder Schrei meinen Lippen entrang. Ich dachte schon fast, Kirk wäre es gewesen, denn im Gegensatz zu mir hatte er keine Probleme damit, sein Vergnügen lauthals zu äußern. Bis ich direkt in seine überraschten Augen sah. Nur Sekunden später spürte und hörte ich seine eigene Befriedigung, und sein Körper wurde ganz weich.

„Wow“, sagte er, als er schließlich den Kopf hob und mich wieder ansah. „Das war ja was.“ Lächelnd beugte er sich zu mir herunter und küsste mich flüchtig.

Ich studierte seinen Gesichtsausdruck. Das war wirklich etwas, dachte ich, und spürte, wie mein Herz hoffnungsvoll schlug. Aber bedeutete es etwas? Nun, es bedeutete auf jeden Fall etwas, denn mit Kirk zu schlafen war immer wie eine Offenbarung. Doch diesmal war die Offenbarung von etwas anderer Art. Zumindest für mich, dachte ich, schaute in seine Augen und suchte in ihnen nach den gleichen Gefühlen, die mich gerade übermannten.

Ich sah ein Glänzen in Kirks Augen, aber wovon es herrührte, musste erst noch herausgefunden werden. Dann hörte ich seine nächsten Worte.

„Ich habe dich noch nie so … stark gespürt. Das muss ja ein wahnsinniger Orgasmus gewesen sein, wie?“ fragte er lachend, lehnte sich dann mit einem Gesichtsausdruck zurück, der keine Frage darüber offen ließ, was er fühlte. Stolz. Die übliche Selbstgefälligkeit, die einen Mann überkommt, wenn er guten Sex geboten hat. Und dann führte er sich wieder wie ein Wissenschaftler auf. „Woran, glaubst du, lag das? Ich meine, es war ja immerhin nur die blöde Missionarsstellung. Nichts Besonderes.“ Er nahm seine Hand, die mich gerade noch sanft massiert hatte, von meiner Hüfte und schlug damit aufs Bett. „Vielleicht an der neuen Matratze? Mein Gott, wenn ich das geahnt hätte, hätte ich dem Verkäufer ein Trinkgeld gegeben.“

Grundgütiger.

Normalerweise wäre ich inzwischen total angewidert gewesen, wenn Kirk sich nicht auf den Rücken gedreht und mich fest in die Arme genommen hätte. Vielleicht lag es daran, wie sich seine muskulöse Brust unter mir anfühlte. Oder daran, wie sanft seine Hände meinen Rücken streichelten. Oder vielleicht wollte ich einfach nur glauben, dass er, obwohl er sich als Mann über sexuelle Techniken begeistern konnte, doch noch etwas anderes gespürt hatte — etwas, das er nicht in Worte fassen konnte. Jedenfalls wurde ich ganz weich und klammerte mich an diesem Gefühl fest, worum auch immer es sich handelte. Zumindest, bis die Realität mich wieder hatte. Was ziemlich schnell der Fall war.

Kirk blickte auf seine Uhr, entwirrte unsere Gliedmaßen und setze sich auf. „Es ist schon zehn? Ich muss packen.“

„Packen?“ Kälte kroch meinen Rücken hinauf, als er aus dem Bett sprang, Boxershorts anzog und zum Schrank lief.

„Verdammt, habe ich etwa vergessen, dir davon zu erzählen?“ Er drehte sich um, sah mich mit verblüfftem Ausdruck an, als würde er im Geiste seine Aufgabenliste durchgehen und feststellen, dass er einen der wichtigsten Punkte vergessen hatte: mich.

Da ich annahm, dass er einen Kunden treffen wollte, setzte ich gerade eine Rede darüber an, dass es schön wäre, so etwas rechzeitig zu erfahren. Doch dann sprach er weiter.

„Ich fahre übers Wochenende nach Hause.“

Das ließ mich innehalten. Kirk fuhr nach Newton, Massachusetts. Um seine Eltern zu besuchen. Eltern, wie ich hinzufügen möchte, die ich bisher noch nicht kennen gelernt hatte.

„Wann hast du das denn beschlossen?“ Vage Panik machte sich in mir breit.

„Hmm … letzte Woche? Wie auch immer, ich habe erst heute Morgen die Tickets besorgt. Ich wollte dir noch davon erzählen …“

Seine Stimme verklang, als ich begann, den Tatsachen ins Auge zu sehen: Kirk machte seinen halbjährlichen Besuch zu Hause, und er hatte mich nicht dazu eingeladen. Wieder nicht. Ich dachte an Joshs spöttische Stimme auf meinem Anrufbeantworter. Während ich wegen eines Hochzeitskleides einen Orgasmus hatte, plante Kirk eine Reise zu seinen Eltern, und zwar ohne mich. Ganz offensichtlich war ich nicht die Frau, die bei Kirk den Deckel öffnen konnte. Wenn man bedachte, dass Kirk bereits dreimal in den vergangenen eineinhalb Jahren nach Hause gefahren war, ohne mich einzuladen, dann war der Deckel wohl absolut luftdicht verschlossen.

Da ich nicht wusste, wie ich das Thema „Elterntreffen“ ansprechen sollte, bezog ich mich auf das aktuellere Problem. „Ich wünschte, du hättest mir das früher gesagt …“ Dann hätte ich die Möglichkeit gehabt, meine Position als Freundin auszubauen, dachte ich, sprach es aber nicht aus.

„Tut mir Leid, Noodles“ antwortete er zerknirscht. „Du weißt doch, wie beschäftigt ich mit diesem neuen Kunden war. Habe ich dir erzählt, dass ich ein Programm für Norwood Investments schreibe? Die haben überall im Land Geschäftsstellen. Wenn ich Norwood an Land ziehe, dann habe ich Aufträge für die nächsten Jahre …“

Seine Worte brachten mich einen Moment zum Schweigen. Vielleicht lag es an dem Kosenamen, den er mir in der Anfangszeit unserer Beziehung gegeben hatte, als ich es gewagt hatte, Pasta für ihn zu kochen, die er als typisch amerikanischer Junge Nudeln mit Soße nannte. Nachdem ich ihm erklärt hatte, dass meine italienische Mutter ihn am Ohr packen und rauswerfen würde, wenn er ihre Pasta jemals als „Noodles“ bezeichnen würde, hatte er mich liebevoll so genannt. Aber es lag nicht daran, dass ich den Mund hielt. Es lag auch daran, wie er mich unterschwellig daran erinnerte, ein Software-Experte auf dem aufsteigenden Ast zu sein. Und dass er nichts anderes im Kopf hatte, als das Programm, das er vor sechs Monaten entwickelt hatte. Und nun war auch noch eine angesehene Firma wie Norwood Investments darauf aufmerksam geworden. Angesichts dieser Tatsache traute ich mich nicht, meinen Wunsch, seine Eltern kennen zu lernen, zu äußern.

„Hey, Noodles?“ Kirk zog Jeans und T-Shirt an. „Ich renne mal schnell zu Duane Reade, um noch ein paar Sachen für die Reise zu besorgen. Brauchst du was?“

Ja, dachte ich. Ja, ich sollte mal meinen Kopf untersuchen lassen. „Äh, nein, ich brauche nichts“, antwortete ich verhalten.

„Okay, ich bin in einer Viertelstunde wieder da.“ Er küsste mich noch flüchtig auf die Stirn, bevor er das Apartment verließ.

In der Sekunde, in der ich die Tür ins Schloss fallen hörte, schnappte ich mir das Telefon. Ich brauchte eine zweite Meinung. Genauer gesagt: die Meinung eines Ex-Freundes. Und nachdem mich mein Stolz davon abhielt, den seit neuestem verlobten Josh zurückzurufen, wählte ich Randys Nummer, die ich noch immer im Kopf gespeichert hatte. So gab es wenigstens doch einen Vorteil, wenn man seine Männer nicht heiratete. Man konnte gute Freunde gewinnen.

„Ich dachte, dir wäre all das gar nicht so wichtig“, sagte Randy. Ich hatte ihn gefragt, warum wir niemals übers Heiraten gesprochen hatten.

„Was heißt all das?“ fragte ich.

„Du weißt schon, Hochzeit, Kinder. Übrigens, habe ich dir erzählt, dass Cheryl und ich gerade an unserem ersten Baby arbeiten?“

„Das ist wunderbar“, antwortete ich wie betäubt. „Wie genau meinst du das, dass mir Hochzeit und Kinder nicht so wichtig sind?“

Randy lachte. „Komm schon, Ange, du weißt doch genauso gut wie ich, dass für dich immer deine Karriere im Vordergrund stand. Du wolltest doch immer ein großer Filmstar werden.“

„Schauspielerin. Ich bin Schauspielerin.“

„Wie auch immer.“

Als ich kurz darauf auflegte, fragte ich mich, ob ich vielleicht einen falschen Eindruck vermittelte. Stimmt, ich hegte den Wunsch, mit meinem schauspielerischen Talent Karriere zu machen. Und auch wenn ich in den vier Jahren, nachdem ich meinen festen Job im Verkauf aufgegeben hatte, nicht gerade eine Traumrolle ergattert hatte, so war Rise and Shine doch immerhin auch etwas, oder?

Offenbar musste ich aber etwas realistischer werden, wenn ich diesen speziellen Deckel irgendwann öffnen wollte. Ich war einunddreißig Jahre alt. Und ich wurde auch nicht jünger, was meine Mutter nie versäumte, mir in Erinnerung zu rufen. Ich musste endlich beginnen, wie eine Ehefrau auszusehen.

2. KAPITEL

Ich bin keine wirkliche Ehefrau, aber ich spiele eine im Fernsehen.

Als ich am nächsten Morgen nach der Sendung Justin dabei erwischte, wie er versuchte, ein Sofa durch die enge Eingangstür unseres Apartments zu quetschen, erkannte ich, dass ich zwar nicht wie eine Ehefrau aussah, aber sehr wohl so klingen konnte.

„Was in aller Welt tust du da?“ schrie ich. Dabei wusste ich ganz genau, was er tat. Er sammelte das, was andere Leute wegschmeißen. So liebenswert Justin auch war, er hatte eine der schlimmsten Eigenschaften, die ein Mitbewohner haben kann. Er litt unter Sammelwut.

„Hey.“ Er musste zu mir hoch schauen, weil er über seinem letzten Fundstück gebeugt stand: ein türkisgrünes Sofa, das ohne Zweifel schon bessere Zeiten gesehen hatte. „Kannst du dir vorstellen, dass jemand so was wegschmeißt?“

Kann ich, dachte ich, als ich die gelben Blumen und die platten Sitzkissen mit erneutem Horror betrachtete.

„Das stand genau vor unserem Haus.“

Ich hätte am liebsten laut geseufzt. Eine fadenscheinige Couch schätzungsweise aus dem Jahr 1975, direkt vor unserem Haus. Wie hätte Justin da widerstehen können?

„Justin, wir haben bereits zwei Sofas.“ Er hatte eigentlich versprochen, das eine rauszuwerfen, als er mit dem anderen ankam. In Justis Fall war es ein Fluch, dass er Tante Eleanors geräumige, mietpreisgebundene Zweizimmerwohnung geerbt hatte. Nicht genug, dass Tante Eleanor ihrem Lieblingsneffen sowieso schon jede Menge Möbel hinterlassen hatte. Zusätzlich hatte Justin unter anderem vier Fernseher, drei Videorekorder, sechs Aktenschränke und einen Weber-Grill angeschleppt, den er vermutlich vorab für sein Traumhaus in einem Vorort besorgt hatte. Ein Traumhaus mit einer Garage, die groß genug war, das Yankee-Stadion zu beherbergen, für den Fall, dass irgendein künftiger Bürgermeister Rudy Guilanis Drohung in die Tat umsetzte, das Heimatstadion der Bronx Bombers abreißen zu lassen. Sollte das jemals der Fall sein, würde sich Justin mit Sicherheit verpflichtet fühlen, Teile davon aufzubewahren. In seinem wirren, kleinen Kopf war Justin davon überzeugt, dass er nicht etwa Müll ansammelte, sondern ihn vielmehr rettete.

„Ange, könntest du mir mal eben helfen?“ fragte er.

Ich seufzte. Mir war bewusst, dass ich erstmal nachgeben musste, weil ich ansonsten so lange im Hausflur festsitzen würde, bis die neue, monströse Anschaffung meines Mitbewohners in die Wohnung befördert war.

„Wie hast du die überhaupt hier hoch bekommen?“ Auch wenn Justin recht muskulös war, konnte ich mir nicht vorstellen, dass er ein 150-Kilo-Sofa die vielen Treppen zu unserer Wohnung ganz allein hinaufgetragen haben sollte.

„David aus 3 B hat mir geholfen. Und er sagte auch, dass er noch ein paar alte Lampen hätte, falls ich interessiert sei …“

Oje! „Justin, Schatz, wir sollten uns mal unterhalten …“, begann ich sanft, um das begeisterte Glitzern in seinen Augen nicht völlig zum Erlöschen zu bringen. Doch gerade, als ich eine Rede über die Gefahren der Wiederverwertung beginnen wollte, klingelte das Telefon.

„Könntest du …?“ Ich deutete auf die Couch, die zwischen mir und der Wohnungstür stand. Dann ließ ich mich gegen den Türrahmen sinken.

„Hallo“, sang er mit seiner üblichen munteren Stimme in den Hörer. „Hallo Mrs. Di, wie geht es Ihnen?“

Meine Mutter. Ich setzte mich auf die Sofalehne und wartete, während Justin seinen Charme an meiner Mutter ausließ. Manchmal glaube ich, dass sie nur anruft, um mit ihm zu sprechen, jedenfalls klingt ihre Stimme immer besonders fröhlich, wenn Justin mir irgendwann den Hörer reicht. Aber das war Justin. Auch ich war ganz entzückt gewesen, als wir uns vor vier Jahren im Improvisations-Kurs kennen lernten. Damals begannen wir beide gerade mit dem Schauspielunterricht. Justin hatte seinen Job hinter der Kamera an den Nagel gehängt, als sein erster Film ihm zwar eine Menge Begeisterung und einen angesehenen Filmpreis einbrachte, aber leider keinen Verleih. Er behauptete, etwas anderes probieren zu müssen, nachdem er feststellte, wie schwierig es war, einen Film herauszubringen. Ich wunderte mich darüber, weil ich es mindestens ebenso schwer fand, als Schauspielerin Erfolg zu haben.

Unser Improvisations-Lehrer hatte uns zusammengebracht, weil ich als Einzige ohne Partner war, als Justin sogar noch später als ich zum Unterricht auftauchte. Ich fürchtete mich ein wenig davor, mit ihm zusammenzuarbeiten, schließlich war er mit seinem dunkelblonden Haar, den grünen Augen und seiner Größe ein wirklich gut aussehender Mann und genau der Typ, den ich lieber mied. Gut aussehend und noch dazu Schauspieler – er musste einfach eingebildet sein. Sie können sich also vorstellen, wie ich mich fühlte, als der Lehrer mit uns die erste Übung machte. Ich musste mich mit dem Rücken vor Justin stellen und mich direkt in seine Arme fallen lassen. „Um Vertrauen aufzubauen“, wie uns der Lehrer erklärt hatte. Und Vertrauen hatte sich tatsächlich aufgebaut. Von dem Moment an, als ich Justins festen Griff spürte, wusste ich instinktiv, dass er immer für mich da sein würde. Und das war er auch. Zum Beispiel, als meine frühere Mitbewohnerin mich vor zwei Jahren rauswarf, weil sie Platz für ihren neuen Freund brauchte. Justin hatte mir seine Wohnung ohne mit der Wimper zu zucken angeboten, im Gegensatz zu den Wimpern meiner Mutter, als sie erfuhr, dass ich künftig einen männlichen Mitbewohner haben würde. Doch als ich Justin zum ersten Mal mit nach Hause brachte, gewann er sofort ihr Herz. Seitdem wohnen wir zusammen.

„Diesen Sonntag?“ hörte ich Justin jetzt sagen. „O Mrs. Di, Sie bringen mich da in Schwierigkeiten. Sie wissen doch, dass ich zu Ihren Manicotti nicht nein sagen kann, aber Lauren kommt zu Besuch.“

Lauren war seit drei Jahren Justins Freundin, wobei sie bisher insgesamt vermutlich nicht mehr als drei Monate miteinander verbracht hatten. Lauren war Theaterschauspielerin, die immer wieder die eine oder andere Hauptrolle bekam, aber nie eine in New York. Momentan spielte sie Ibsen, und zwar ausgerechnet in South Florida.

„Genau, dieses Wochenende dreht sich ganz um meine Beziehung“, fuhr Justin mit einem Lachen fort. „Aber Angela hat noch nichts vor, soweit ich weiß. Warten Sie mal einen Moment, meine Liebe. Ich gebe sie Ihnen. Lassen Sie es sich gut gehen, Mrs. Di.“ Sehr aufgeräumt angesichts der Tatsache, dass er gerade meine Wochenendpläne durchkreuzt hatte, reichte er mir den Hörer.

„Hi, Ma.“ Ich ließ mich ungeschickt von der Lehne des Sofas auf die Sitzfläche rutschen, woraufhin eine Staubwolke in die Luft stieg.

„Angela!“ schrie meine Mutter in mein Ohr, als sei sie überrascht, meine Stimme zu hören. Sie schien es tatsächlich immer wieder für ein Wunder zu halten, dass ich nicht täglich niedergeschossen wurde. Schließlich wohnte ich außerhalb der Avenue A. Das einzige, was Ma über „Alphabet-City“ wusste, hatte sie aus dem gleichnamigen Film, in dem es von blutigen Straßenschlachten nur so wimmelte. Mein Bruder hatte es für nötig erachtet, ihr diesen Film zu zeigen, kurz nachdem ich bei Justin eingezogen war.

„Wie geht es dir, Ma? Und Nonnie?“ Nonnie ist meine Großmutter, die im Erdgeschoss des Hauses meiner Mutter in Brooklyn wohnt. Sie könnten genauso gut zusammenwohnen, so viel Zeit, wie sie in der Küche meiner Mutter verbrachte.

„Nonnie geht’s gut. Sie freut sich schon darauf, dich am Sonntag zum Essen zu sehen. Sonny und Vanessa kommen auch!“ Als ob mein arroganter Bruder Sonny und seine schwangere Frau für mich ein Grund wären, zu kommen.

Ich seufzte innerlich. Wenn meine Mutter es sich einmal in den Kopf gesetzt hatte, ihre Familie zum Sonntagsessen zu versammeln, gab es keine Entschuldigung, von einer Gehirnoperation einmal abgesehen. „Die Familie kommt zuerst“, sagte sie immer. Und ich wusste, sie hatte Recht.

„Du bringst doch Kirk mit, oder?“

„Nun, er ist am Wochenende nicht in der Stadt.“

„Ach ja?“

An ihrem beeindruckten Tonfall konnte ich erkennen, dass sie glaubte, er hätte geschäftlich zu tun. Und da Kirk gelegentlich wirklich zu Kunden fahren musste, beschloss ich, die Seifenblase nicht platzen zu lassen. Kirk hatte meine Familie schließlich schon kennen gelernt. Himmel, er war praktisch ein ehrenhaftes Mitglied. Dieser Idiot.

„Hör mal, Ma, ich muss auflegen. Justin hat so eine … Couch mitgebracht.“ Ich blickte erneut auf den schäbigen Stoff. „Wir müssen sie aus der Halle schaffen.“

„Eine Couch? Ich dachte, ihr habt gerade erst eine Couch bekommen.“

„So ist es. Justin legt sich aber eine Sammlung zu.“

Sie lachte so, als ob sie einfach alles, was Justin tat, absolut entzückend fände. Und als ich einhängte und zur Ladestation schaute, die ich mit dieser Monstrosität im Weg niemals erreichen konnte, rief ich nach meinem absolut entzückenden Mitbewohner, der in seinem Zimmer verschwunden war, vermutlich, um ein Yankee-Spiel anzusehen.

„JUSTIN!“ bellte ich so laut, dass es im ganzen Stockwerk zu hören war.

„Was gibt’s?“ Er streckte seinen Kopf aus dem Zimmer und sah mich stirnrunzelnd an. Als ob ich es wagen würde, ihn zu stören.

„Was meinst du mit was gibt’s?“ rief ich und klopfte auf die Couch, woraufhin eine weitere Staubwolke aufstieg.

„Huch, ich hatte gar nicht gemerkt, dass die Couch so staubig ist“, kommentierte er mein folgendes Nieskonzert.

„Offenbar gibt es eine Menge Dinge, die du nicht bemerkst“, entgegnete ich frustriert. „Wie zum Beispiel, dass wir bereits zwei Sofas haben. Oder dass ich mich Sonntagabend nach Brooklyn schleppen und mindestens bis fünf Uhr Montag früh wach bleiben muss …“

„Aber du gehst doch nie vor Mitternacht ins Bett. Nicht einmal, wenn du zu Hause bleibst.“

„Das ist nicht der Punkt!“ schrie ich.

Justin starrte mich nur überrascht an. „Was ist denn dann der Punkt?“

„Der Punkt ist … der Punkt ist …“ Ich hatte einen Kloß im Hals. Und dann brach es aus mir heraus: „Kirk will am Wochenende seine Familie besuchen.“

„Warum hast du deiner Mutter dann nicht einfach gesagt, dass du mit ihm fährst?“

„Weil ich nicht mit ihm fahre.“

„Oh.“ An seinem verwirrten Gesichtsausdruck war klar zu sehen, dass er noch immer nicht verstand.

„Er hat mich nicht gefragt.“

„Oh.“ Sein Ton zeigte, dass er nun verstanden hatte.

„Hätte er mich nicht fragen müssen, ob ich mit will?“

Justin dachte einen Moment darüber nach. „Wolltest du denn mitgehen?“

Ich seufzte. „Das ist nicht das Thema.“ Vielleicht hatten Männer doch ein dickeres Fell, als ich mir eingestehen wollte. „Das Thema ist, dass wir seit fast zwei Jahren zusammen sind und ich seine Eltern noch nicht getroffen habe. Und das, obwohl er öfter bei meiner Mutter in Brooklyn war, als ich zählen kann.“

„Brooklyn ist viel näher als – woher kommt er noch mal? Brookline?“

Ich stöhnte. „Newton. Das Problem ist, dass er unsere Beziehung nicht ernst nimmt. Nicht ernst genug, um mich seinen Eltern vorzustellen. Oder mich zu … heiraten.“

Justin wurde ganz bleich. „Dich heiraten?“ fragte er, und es klang, als hinterließen diese Worte einen bitteren Geschmack in seinem Mund. Was für ein Problem haben Männer nur immer mir dem H-Wort?

„Ja, mich heiraten“, antwortete ich. „Warum ist es so schwer vorstellbar, dass Kirk mich heiraten könnte? Schließlich schlafe ich mit ihm, ich esse mit ihm, teile einige meiner intimsten Gedanken mit ihm, und das seit einem Jahr und acht Monaten. Findest du nicht, dass es an der Zeit ist, jetzt eine echte Bindung einzugehen?“

„Wir essen und schlafen miteinander.“ Justin lächelte. „Und wir heiraten auch nicht.“ Er machte eine Pause und warf mir einen amüsierten Blick zu. „Oder?“

„Vergiss es.“ So liebenswert Justin auch war, er würde mich nie verstehen. Schließlich war er ein Mann. Und mit Männern kannte ich mich aus. Ich bin in einer Familie voller Männer aufgewachsen. „Lass uns einfach einen Platz für dieses Sofa finden.“ Ich überlegte, wo wir es hinstellen könnten, bis ich Justin davon überzeugt hatte, dass es überflüssig war. Dann dachte ich an Kirks müllfreie Wohnung und stellte fest, dass es außer Liebe noch andere Gründe für eine Ehe gab. Wie zum Beispiel Immobilien.

Ich beschloss, dem Komitee mein Problem vorzutragen. Das Komitee bestand aus drei Frauen, die zu allem und jedem eine Meinung hatten. Ich teilte mir mit ihnen viermal die Woche ein Büro. Wir beantworteten telefonisch Fragen von Kunden, die aus dem Lee and Laurie-Katalog bestellen wollten. Ich war Michelle dafür dankbar, dass sie mir den Job besorgt hatte. Für meine Schauspielkarriere war der Job gut, es gab angenehme zehn-bis-fünfzehn-Uhr-Schichten und, ob Sie’s glauben oder nicht, eine Krankenversicherung. Eine sehr gute. Und das ist genau das, was ein Mädchen mit Träumen und regelmäßig verstopfter Nase braucht.

Es war auch ein Mekka für Ehefrauen, die in Scharen bei Lee and Laurie angestellt waren und sich ein wenig Extrageld dazu verdienten, sobald die Kinder alt genug waren, Schlüsselkinder zu sein.

Daher rührte auch meine Entscheidung, das Komitee zu befragen, das aus Michelle Delgrosso bestand, die offenbar nur bei Lee and Laurie arbeitete, um sich kostspieligen Lipgloss und überteure Haarschnitte leisten zu können, wodurch ihr schulterlanges Haar beneidenswert weich und glänzend aussah, Roberta Simmons, eine über vierzigjährige, verheiratete Mutter zweier perfekter Kinder, und Doreen Sikorsky, die eine Carte Blanche im Spiel war, mit einer mutmaßlichen Scheidung in ihrer Vergangenheit und so vielen Verschwörungstheorien, dass ich den meisten ihrer Aussagen eher misstrauisch gegenüberstand.

„Hey“, grüßte ich, als ich unser Büro betrat, in dem momentan Michelle und Doreen saßen. Doreen telefonierte, aber wenigstens konnte ich mit Michelle sprechen. Schließlich war sie der Inbegriff dessen, was meine Mutter als erstrebenswert erachtete. Geboren in Brooklyn. Mit dreiundzwanzig verheiratet. Und Besitzerin eines Hauses mit drei Schlafzimmern in Marine Park.

„Wo ist Roberta?“ fragte ich, weil eine zweite Meinung nicht schlecht wäre. Robertas Leben hatte mit meinem etwas mehr zu tun, zumindest wohnte sie auch in Manhattan.

„Sie ist wie immer in der Kantine“, antwortete Michelle mit einem Lächeln. „Ehrlich, ich kann nicht fassen, was diese Frau alles isst.“

„Wir können ja nicht alle bulimisch sein, Michelle“, warf Doreen ein, die ihr Telefongespräch schnell beendet hatte, um an dem Gespräch teilzunehmen.

Ich seufzte. Mit solchen Leuten musste man eben arbeiteten, wenn man einen Job mit 15 Dollar 50 Stundenlohn hatte. Ich überlegte mir, mein Problem doch besser für mich zu behalten.

Aber dann erschien Roberta und sah wie immer gesund und normal aus. Vielleicht lag es an der Kurzhaarfrisur – Frauen mit kurzen Haaren wirken immer klug und verantwortungsvoll – die ihr weiches, elfenhaftes Gesicht mit den großen blauen Augen umrahmte. Oder vielleicht lag es an der teuren camelfarbenen Hose und dem gut geschnittenen schwarzen T-Shirt. Dank dem Mitarbeiterrabatt, den Lee and Laurie seinen ergebenen Angestellten gewährte.

„Hey, Angie“, sagte sie, nahm Platz und setzte ihr Headset auf.

„Hallo Roberta“, entgegnete ich und rückte mein eigenes Headset zurecht. Doch als ich gerade mit meinem Problem beginnen wollte, hörte ich schon das bekannte lange Piepsen, das den ersten Anruf auf meiner Leitung ankündigte. Ich unterdrückte ein Seufzen und sagte die Eingangsfloskel auf, die uns während der Ausbildung eingebläut worden war. „Danke, dass Sie Lee and Laurie Catalog anrufen, wo lässige Mode zu Hause ist. Hier spricht Angela. Womit kann ich Ihnen heute helfen?“

Zum Glück war das Problem leicht zu lösen. Eine Frau fand das neue T-Shirt mit U-Boot-Ausschnitt, das die blonde Göttin auf Seite siebenundvierzig trug, so hübsch, dass sie gleich eines in jeder Farbe bestellte. Nachdem ich alles in den Computer eingegeben, mich bei ihr bedankt und den Knopf zum Beenden des Gesprächs gedrückt hatte, wirbelte ich herum, um meine Kolleginnen ansehen zu können.

„Was haltet ihr davon?“ fragte ich, als Roberta und Michelle ihre Aufmerksamkeit auf mich gerichtet hatten, während Doreen sich mit ihrem Kundengespräch beeilte. „Kirk fährt dieses Wochenende nach Hause, um seine Eltern zu besuchen“, fuhr ich fort und studierte die Gesichter der erwartungsvollen Frauen. „Ohne mich.“

„Hast du seine Eltern noch nicht kennen gelernt?“ fragte Michelle.

„Nein.“ Ich sah, wie Roberta die Stirn runzelte.

„Verlass ihn“, sagte Doreen knapp. Ich warf Roberta einen verzweifelten Blick zu, aber sie war schon wieder in ein Telefongespräch vertieft.

„Hör nicht auf sie.“ Michelle machte eine abwertende Handbewegung in Doreens Richtung, bevor sie mich mit ihren dunkelbraunen Augen fixierte. „Lass mich dir eine Frage stellen, Angie. Wie lange seid ihr zusammen?“

„Ein Jahr und acht Monate.“

„So lange, ja? Hm …“ Michelles perfekt gemalte Augenbrauen verzogen sich nachdenklich, ihre glänzenden Lippen kräuselten sich.

„Den Typ solltest du nicht heiraten. Am besten ist es, überhaupt nicht zu heiraten, glaub mir“, mischte sich Doreen wieder ein. Ich schaute noch einmal zu Roberta, aber sie war noch immer mit ihrem Gespräch beschäftigt, und so genervt, wie sie auf der Tastatur rumhämmerte, würde sie das vermutlich auch noch eine Weile lang sein. „Ein Mann wie er kann dir nicht geben, was du brauchst“, erklärte Doreen.

„Nun, das hängt ganz davon ab, was Angie eigentlich will.“ Michelle sah mich erwartungsvoll an. „Was willst du von ihm, Angie?“

Aus irgendeinem Grund verwirrte mich diese Frage. Was wollte ich wirklich von Kirk? Dann erinnerte ich mich an das Hochzeitskleid – und meinen unglaublichen Orgasmus. Ganz offensichtlich sehnte ich mich nach einer Hochzeit. Und warum auch nicht? Mir gefiel die Vorstellung, jeden Abend zu jemandem nach Hause zu kommen, zu jemandem, der auch in schwierigen Zeiten zu einem hielt. Ich wollte mein Leben mit einem Mann teilen, und nicht immer diese zwei- bis vierjährigen Beziehungen führen, über die wir dann später lachten, wie ich es manchmal mit Josh tat oder sogar mit Randy.

Und als mein Blick auf Michelles gepflegten Haarschnitt und ihre teure Jeans fiel, wurde mir klar, dass ich noch etwas wollte: ein doppeltes Einkommen. Kann man mir das vorwerfen? In New York City zu leben war bei dem lumpigen Geld, das ich mit dem Teilzeitjob und meiner Rolle bei Rise and Shine verdiente, nun wahrlich kein Honigschlecken. Damit will ich nicht sagen, dass ich Kirk nicht liebte. Das tat ich. Ein Grund mehr, unser Einkommen, unsere Telefonrechnungen, und, besonders wichtig, unsere Mietkosten zu teilen, dachte ich mit besonderem Hinblick auf meine mit Sofas voll gestellte Wohnung.

„Ich will ihn natürlich heiraten.“

Für Michelle, die bereits mit achtzehn Pläne ausgeheckt hatte, um Frankie Delgrosso, Miteigentümer (neben seinem Dad, versteht sich) von Kings County Cadillac in Brooklyn zu ehelichen, war das nicht nur selbstverständlich, sondern auch ein Grund zum Feiern. „Angela heiratet!“ schrie sie praktisch, bevor sie übergangslos zu einem: „Danke, dass Sie Lee and Laurie Catalog anrufen, wo lässige Mode zu Hause ist …“ wechselte.

„Du heiratest?“ fragte Roberta, die jetzt ihr Gespräch beendet hatte. „Kirk?“

„Natürlich Kirk!“ antwortete ich lachend. „Wen denn sonst?“ Piep. „Danke, dass Sie Lee and Laurie Catalog anrufen, wo lässige Mode zu Hause ist. Hier spricht Angela. Womit kann ich Ihnen heute helfen?“

Ich wandte mich von Robertas verwirrtem Gesicht ab und tat so, als ob ich mich auf die Frage der Kundin konzentrierte, die etwas über die Größen der schmal geschnittenen Hosen unserer Herbstkollektion erfahren wollte. Doch während ich versuchte, der armen Frau Hosen zu verkaufen, die besser zu ihrer Figur passten, fragte ich mich, warum es Roberta so merkwürdig fand, dass Kirk und ich heiraten wollten. Nachdem ich gute vier Minuten lang den Katalog durchgeblättert und die Kundin jeden meiner Vorschläge abgelehnt hatte, bellte ich frustriert: „Haben Sie schon einmal über einen verstellbaren Hosenbund nachgedacht?“ Die Frau gab mir eine entsprechend irritierte Antwort und legte beleidigt auf. Ich betete kurz, dass niemand von der Kundenservice-Qualitätskontrolle ausgerechnet diesen Anruf aufgezeichnet hatte, und wandte mich wieder an Roberta.

„Was stimmt nicht mit Kirk?“ Ich starrte sie an. Sie hatte Kirk während seines kurzen Auftritts bei Lee and Laurie auch kennen gelernt. Sie war Zeugin unseres Flirts geworden und hatte erlebt, wie aus uns langsam ein richtiges Paar wurde. Wenn sie einen Einwand hatte, wollte ich ihn hören.

„Mit Kirk ist alles in Ordnung“, sagte sie. „Ich mag Kirk sogar sehr gerne.“

„Was ist es dann?“

„Ich bin nur überrascht, das ist alles. Ich hatte nicht den Eindruck, dass ihr in diese Richtung geht.“

„Das ist genau das Problem“, gestand ich. „Kirk geht nämlich gar nicht in diese Richtung.“

„Manche Männer brauchen einen kleinen Stups.“ Michelle drehte sich wieder zu uns um. „Der Deckel muss gelockert werden. Weißt du, Frankie hatte eine Hochzeit noch nicht mal in Erwägung gezogen, als ich ihn schon zum Juwelier schleppte, um Ringe anzusehen. Ich glaube, er zückte seine Kreditkarte, bevor er überhaupt wusste, was er da tat“, fügte sie mit einem fröhlichen Kichern hinzu.

„Ach du liebe Güte.“ Doreen verdrehte die Augen.

„Wie bist du überhaupt auf die Idee gekommen?“ fragte mich Roberta.

Mein Gesicht wurde ganz heiß. Ich wollte meinen Hochzeitskleid-Orgasmus nicht einmal Grace beichten, geschweige denn diesen drei Frauen. „Ich bin einunddreißig Jahre alt – sollte ich nicht zumindest mal darüber nachdenken?“

„Aha.“ Roberta lächelte wissend. „Die biologische Uhr tickt also? Jetzt verstehe ich. Als ich dreißig wurde, konnte ich an gar nichts anderes mehr denken.“

O Gott. Wer hatte was von Kindern gesagt? Klar, die sind süß und so, aber eins nach dem anderen …

„Darum geht es nicht, wirklich. Ich möchte einfach ernst genommen werden“, sagte ich, musste aber feststellen, dass Roberta gar nicht hinhörte. Sie erzählte zum hundertsten Mal, wie schwierig es gewesen war, ihrer Tochter beizubringen, die Toilette zu benutzen. Die Tochter wurde übrigens demnächst dreizehn und wäre davon sicher nicht begeistert gewesen. Zum Glück klingelte Robertas Telefon, bevor sie zu den Details kam. Sie würde mir keine große Hilfe sein. Michelle beendete ihr Gespräch und blickte mich wieder an.

„Du willst ernst genommen werden?“ fragte sie. „Ich verrate dir, wie das geht.“ Sie beugte sich nach vorne und flüsterte: „Mach eine Pause.“

„Ich bin gerade erst gekommen. Ich kann noch keine Pause machen“, flüsterte ich zurück.

„Im Moment ist nicht viel los“, sagte Michelle. „Mach eine Pause.“ Dann lehnte sie sich zurück. „Himmel, Roberta, du warst die ganze Zeit in der Kantine. Jetzt muss ich mal auf die Toilette.“ Sie stellte ihr Telefon auf standby, nahm ihr Headset ab und warf mir einen bedeutungsvollen Blick zu.

Ich stellte mein Telefon um. „Ich muss auch mal.“

„Ihr könnt nicht gleichzeitig eine Pause machen!“ protestierte Doreen, dann unterbrach sie sich selbst: „Danke, dass Sie Lee and Laurie Catalog anrufen …“

Zwar hatte ich ein schlechtes Gewissen, aber ich brauchte dringend Hilfe. Und so selbstbewusst, wie Michelle in ihren Calvin-Klein-Klamotten durch das Büro und die Tür eilte, war ich mir sicher, dass sie die Richtige dafür war.

„Lass uns kurz rausgehen. Dann kann ich eine rauchen.“

Ich seufzte. Nun bin ich Michelle auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, dachte ich, und bekam ein noch schlechteres Gewissen, als wir mit dem Fahrstuhl elf Stockwerke nach unten fuhren und in die unglaubliche Sommerhitze traten.

In der Sekunde, in der wir den Gehweg vor dem Gebäude betraten, hatte sich Michelle bereits eine Virginia Slims angezündet und begann, hektisch daran zu ziehen. „Willst du eine?“ fragte sie und hielt mir mit ihrer perfekt manikürten Hand die Schachtel hin.

„Na gut.“ Ich nahm eine Zigarette, obwohl ich mir das Rauchen, nachdem mein Vater an Krebs gestorben war, abgewöhnt hatte. Zumindest meistens. Manche Dinge jedoch verlangten einfach nach Nikotin.

Nachdem sie mir Feuer gegeben und ich einen tiefen Zug genommen hatte, legte sie los. „Einen Ehemann zu bekommen ist wie ein Spiel. Du musst dieses Scheißspiel mitspielen.“

„Spiel?“ fragte ich und grinste über Michelles Kraftworte, die sie vor allem bei ihrem Lieblingsthema, den Männern, so gerne benutzte.

„Also, weißt du, den Deckel kann man nicht einfach so über Nacht lösen …“

„Diese Theorie ist Blödsinn.“ Ich zog noch einmal, bevor ich die Zigarette auf den Boden warf.

„Blödsinn? Ich will dir mal was sagen. Du weißt doch, mit wem Frankie zusammen war, bevor wir uns kennen lernten, oder?“

„Ja, ja. Mit Rosanna Cuzio. Aber das war in der Highschool. Heutzutage heiratet man seinen Freund aus der Highschool nicht mehr …“

„Rosanna Cuzio war die Ballkönigin. Die verdammte Ballkönigin, Angie. Sie und Frankie waren verdammte vier Jahre zusammen. Und dann, als sie bereits das Geschirr aussucht, verlässt er sie. Er verlässt sie!“ Sie riss die Augenbrauen in die Höhe und zog an ihrer Zigarette. „Also, ein paar Monate später beginne ich, mit ihm auszugehen. Und innerhalb von zwei Jahren, wumms.“ Sie hob ihre linke Hand voller Goldringe, einer davon war ein Eineinhalb-Karäter.

Ich muss zugeben, dass dieser Ring mich fast überzeugt hätte. Bis mir Susan, Kirks Exfreundin, einfiel. Sie war zwar keine Ballkönigin gewesen, hatte aber immerhin einen Abschluss in Ingenieurwesen, und war so gesehen eine ziemlich starke Konkurrenz als Deckelöffner. „Kirks Exfreundin hat ihm ein Ultimatum gesetzt. Aber deswegen glaube ich nicht, dass er in naher Zukunft mit mir Ringe einkaufen geht. Er hat mich ja nicht einmal zu seinen Eltern eingeladen, Himmelherrgottnochmal. Klingt das nach einem Mann, der kurz davor ist, DIE Frage zu stellen?“

Michelle schüttelte den Kopf und blies Rauch in die Luft. „Du kapierst es verdammt noch mal nicht“, sagte sie. „Der Deckel ist schon lose, aber noch nicht offen. Jetzt musst du ein wenig Druck ausüben. Du musst das Spiel spielen. Im Grunde geht es dabei nur um drei Schritte.“

„Schritte?“

„Ja, damit er die verdammte Frage stellt. Der erste Schritt ist, sich zu entziehen.“

Das klang nicht gut. „Und was genau soll das bedeuten?“

„Du darfst einfach nicht immer verfügbar sein. Wenn er dich sehen will, dann hast du keine Zeit.“

Vielleicht machte ich da wirklich einen Fehler. Mir fiel Justins sehnsuchtsvoller Blick ein, wenn er erzählte, dass er Lauren nach drei Monaten wiedersehen würde. Hm …

„Und du darfst alles tun, nur nicht mit ihm schlafen.“

„Was?“ Speziell dieser Schritt würde mir fehlen. Schließlich war der Sex mit das Beste in unserer Beziehung.

„Ich weiß, wie verrückt das klingt, aber dieser ganze Mist von wegen seinen Spaß umsonst bekommen, ist wahr.“ Sie trat die Kippe mit ihren Zehn-Zentimeter-Absätzen aus.

„Ich weiß nicht, Michelle, das klingt irgendwie … manipulativ.“ Ich wollte einen ehrlich gemeinten Heiratsantrag von Kirk „So bin ich nicht“, fuhr ich fort. „Ich spiele nicht gerne.“

„Okay“, sagte sie, hob die Hand mit dem schweren Verlobungsring, um die Tür zu öffnen und zurück ins Büro zu gehen. „Aber vergiss nicht. Wenn du gewinnen willst, musst du mitspielen.“

3. KAPITEL

Willkommen in Brooklyn.

Einwohner: Verheiratet

„Mir gefällt das nicht, Angela.“ Meine Mutter stand über eine brutzelnde Pfanne mit Auberginen gebeugt. Es war Sonntag. Nach einem völlig ereignislosen Wochenende, das ich überwiegend alleine verbracht hatte (Justin und Lauren hatten sich am Samstag Gott sei Dank in die Hamptons verzogen, um ihr Wiedersehen zu feiern), war ich schon früh bei meiner Mutter angekommen. Angeblich, um ihr beim Kochen zu helfen. Während ich den Knoblauch schnitt, nahm sie mich ins Kreuzverhör. Selbst Schuld, hatte ich ihr doch erzählt, dass Kirk zu seinen Eltern gefahren war.

„Wie oft ist er schon bei uns gewesen?“ Meine Mutter wendete die Auberginen mit kaum verhohlener Entrüstung. „Das ist einfach nicht in Ordnung.“

Dieses eine Mal musste ich ihr Recht geben. Sie war noch von der alten Schule, und da musste ein Mann eine Frau mit äußerstem Respekt behandeln. Mein Vater war so ein Mann gewesen. Ich glaube, dass er die Wünsche meiner Mutter immer über seine eigenen gestellt hatte. Selbst kurz vor seinem Tod bat er meine Mutter, die an seinem Krankenbett wachte, endlich schlafen zu gehen, obwohl er wusste, dass er den Rest der Nacht Schmerzen haben würde. Meine Mutter macht sich heute noch Vorwürfe, dass sie ausgerechnet in der Nacht, in der er starb, ihrer Erschöpfung nachgab. „Ich habe meine Augen nur eine Minute zugemacht, und er war tot!“ lamentierte sie, als ob das der wahre Grund für seinen Tod sei. Auch noch vier Jahre später trug sie Schwarz, und dem Strickrock nach zu urteilen, der an den Ecken schon ausfranste, trug sie noch dieselben Kleider, die sie in ihrem ersten Witwenjahr gekauft hatte.

„Ma, warum ziehst du nicht mal das Kleid an, das ich dir geschenkt habe?“ fragte ich sie, um von Kirk abzulenken. „Was hast du damit gemacht? Es weggeschmissen?“

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