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Ein Winter voller Träume

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Vorwort
  8. Prolog
  9. Ein Jahr später
    1. Kapitel 1
    2. Kapitel 2
    3. Kapitel 3
    4. Kapitel 4
    5. Kapitel 5
    6. Kapitel 6
    7. Kapitel 7
    8. Kapitel 8
    9. Kapitel 9
    10. Kapitel 10
    11. Kapitel 11
    12. Kapitel 12
    13. Kapitel 13
    14. Kapitel 14
    15. Kapitel 15
    16. Kapitel 16
    17. Kapitel 17
    18. Kapitel 18
    19. Kapitel 19
    20. Kapitel 20
    21. Kapitel 21
    22. Kapitel 22
    23. Kapitel 23
  10. Epilog
  11. Rezept: Almas Zimtschnecken
  12. Rezept: Lussekatter
  13. Rezept: Pepparkakor

Über dieses Buch

Kristin hat als alleinerziehende Mutter von drei Kindern und als Briefträgerin in einem kleinen Ort in Jämtland alle Hände voll zu tun. Nichts geht ihr über ihre kleine Familie, zu der auch der eigenwillige Hahn Emil gehört. Aber auch für die anderen Menschen am Ort hat Kristin ein Herz. Eines Tages vertraut ihr Alma, eine schwer erkrankte alte Dame, an, wie sehr sie sich nach ihrem erwachsenen Enkel Jerik sehnt, den sie zuletzt als kleinen Jungen gesehen hat. Kristin kommt auf eine verhängnisvolle Idee: Sie engagiert einen Schauspieler, der den Verschollenen für Alma spielen soll. Womit Kristin jedoch nicht gerechnet hat: dass anstelle des Schauspielers der »echte Jerik« im Dorf auftaucht. Und dass er obendrein noch unverschämt attraktiv ist …

Über die Autorin

Mia Jakobsson ist mit den Geschichten von Astrid Lindgren und Selma Lagerlöf aufgewachsen. Sie liebt die verschneiten Wälder ebenso wie die langen Sommerabende, an denen die Sonne nie unterzugehen scheint.

Nach ihrem Sommerroman Liebe ist wie Knäckebrot, entführt sie ihre Leser mit Ein Winter voller Träume wieder in den schwedischen Winter!

MIA JAKOBSSON

EIN Winter
VOLLER
Träume

Roman

Für Mama

Liebe Leser,

vielleicht wundert ihr euch in diesem Buch darüber, dass Menschen, die einander nicht kennen, sich von der ersten Begegnung an einfach duzen.

Das ist in Schweden schon seit einem halben Jahrhundert so üblich, und deshalb habe ich meine Personen das dieses Mal auch konsequent machen lassen.

Alle duzen sich, egal wie alt sie sind oder welches Amt sie bekleiden.

Nur die königliche Familie wird niemals und unter keinen Umständen geduzt!

In meinem Roman gibt es keine Könige, aber eine Briefträgerin, die für reichlich Chaos sorgt, weil sie glaubt, sie müsse helfend in das Leben ihrer Postempfänger eingreifen, und sich dabei selbst in Schwierigkeiten bringt.

Ich wünsche euch viel Spaß im winterlichen Schweden.

Herzlichst

Mia Jakobsson

Prolog

»Ich will doch nur wissen, wie es ihm geht …« Hoffnungslosigkeit begleitete Almas Worte. Die Wangen der alten Frau waren ausgemergelt, ihre fieberglänzenden Augen lagen tief in den Höhlen. Jeder Atemzug fiel ihr sichtlich schwer.

»… ob er überhaupt noch lebt …« Die Stimme brach, und Alma schlief erschöpft ein.

Kristin hielt ihre Hand und presste die Lippen aufeinander, um nicht laut aufzuweinen. Sie hatte Angst, dass Alma nicht mehr aus ihrem ohnmachtähnlichen Schlaf erwachen würde. Denn damit war jederzeit zu rechnen, hatte Dr. Bjurström gesagt.

»Jerik!« Alma schlug die Augen auf. Sie lächelte matt, als Kristin sich über sie beugte, dann schloss sie die Augen wieder.

Ich hätte dir so gewünscht, dass du deinen Enkel noch einmal sehen, noch einmal in die Arme schließen kannst, dachte Kristin traurig. Seit Alma ihr ihre Lebensgeschichte anvertraut hatte, hoffte Kristin wie sie auf ein Lebenszeichen des verschollenen Enkels. Sie hatte sogar selbst recherchiert, doch es gab keine Spur, die zu Jeriks Mutter Astrid oder ihm selbst führte.

Alma hatte gleich doppeltes Leid erfahren müssen. Zuerst hatte sie ihren Sohn Thorvald durch einen Unfall verloren, unmittelbar darauf packte seine Frau Astrid ihre Koffer, um zusammen mit ihrem fünfjährigen Sohn zurück nach Stockholm zu ziehen. Sie hatte sich in Norråker nie wohlgefühlt und machte kein Hehl daraus, dass sie ihre Schwiegermutter nicht leiden konnte. Und so meldete sie sich nie wieder bei Alma, obwohl diese ihr lange Briefe nach Stockholm schickte und sie immer wieder bat, ihr den Kontakt zu Jerik nicht zu verwehren.

Ein halbes Jahr später kamen Almas Briefe zurück. Astrid war mit ihrem Sohn umgezogen und hatte keine Adresse hinterlassen.

Inzwischen waren dreißig Jahre des Hoffens und Wartens vergangen.

Kristin zuckte zusammen, als jemand leicht ihre Schulter berührte. Neben ihr stand Helen Åkerblom. »Geh nach Hause, Kristin«, sagte sie leise. »Ich wache bei ihr.«

Helen umarmte sie kurz, dann verließ Kristin das Haus.

Langsam schritt sie den schmalen Weg am See entlang. Es war sehr kalt. Der Herbst steuerte mit voller Kraft auf den Winter zu, die Luft war erfüllt vom Geruch des zermodernden Laubes. Nebelschwaden wehten zwischen den Bäumen und zerfaserten im aufkommenden Herbstwind, während Wolken in rascher Folge über das fahle Licht des Mondes zogen. Es waren nur noch zwei Monate bis Weihnachten. Wahrscheinlich das erste Weihnachtsfest ohne Alma!

Endlich ließ Kristin den lange unterdrückten Tränen freien Lauf. Für sie war es unvorstellbar, dass Alma bald nicht mehr da sein sollte. Und dass die alte Frau zudem von dieser Welt gehen musste, ohne dass ihr größter Wunsch in Erfüllung ging. »Und ich kann nichts für sie tun«, flüsterte Kristin verzweifelt.

Plötzlich kam ihr eine Idee. Flüchtig zunächst, doch Kristin blieb stehen, schaute über den See und ließ zu, dass diese Idee in ihrem Kopf Gestalt annahm.

Sie schüttelte energisch den Kopf. Nein, das kann ich nicht machen! Doch der Gedanke ließ sie nicht mehr los.

Lotta und Lasse, ihre beiden jüngsten Kinder, lagen bereits im Bett, als Kristin nach Hause kam. Nur ihre älteste Tochter Livia saß noch im Wohnzimmer und wartete auf sie. Neben ihr thronte Hahn Emil, den Kristin als winziges Küken auf einer ihrer Posttouren am Wegrand gefunden hatte. Eigentlich hatte sie ihn damals bei einem Bauern in der Umgebung abgeben wollen, aber die Kinder hatten so lange gebettelt, ihn behalten zu dürfen, bis sie schließlich nachgab.

Von dem alten Hühnerstall hinter dem Haus allerdings wollte Emil nichts wissen. Er bevorzugte das Familiensofa und entwickelte allmählich eine ziemlich eigenwillige Persönlichkeit.

»Danke, dass du auf die Kleinen aufgepasst hast, Livia«, sagte Kristin und umarmte ihre Tochter herzlich.

Die Vierzehnjährige grinste. »Alma ist ja so etwas wie unsere Großmutter. Ich spiele gerne den Babysitter, damit du dich um sie kümmern kannst.« Sie musterte prüfend das Gesicht ihrer Mutter. »Hast du geweint?«

»Ein bisschen.« Kristin brachte ein schwaches Lächeln zustande. »Ich wünschte, ich könnte mehr für Alma tun.«

Livia blickte sie liebevoll an. »Du tust doch schon alles für sie. Mehr geht wirklich nicht.«

Die Worte hallten in Kristin nach, und nachdem Livia ins Bett gegangen war, traf Kristin endlich eine Entscheidung. Sie wusste nicht, ob es richtig oder falsch war, aber sie war jetzt fest entschlossen, den letzten Wunsch einer Sterbenden zu erfüllen, und so setzte sie sich mitten in der Nacht an ihren Küchentisch und begann einen Brief, der ihr ganzes Leben auf den Kopf stellen sollte.

Liebe Oma!

Erinnerst du dich noch an mich? Ich bin dein Enkel Jerik, und ich habe erst vor Kurzem deine Adresse gefunden. Ich hoffe, du freust dich über meinen Brief …

Ein Jahr später

Kapitel 1

»In diesem Jahr kommt der Winter früh.« Johan Svärd rieb sich die vor Kälte geröteten Hände. »Ich spüre ihn schon in den Knochen.«

»Ja.« Kristin nickte freundlich, verschwieg aber, dass sie sich auf den Winter freute. Auf kuschelige Abende vor dem Kamin, während draußen der Schnee fiel. Auf Schneeballschlachten mit ihren Kindern und den anschließenden Kakao zum Aufwärmen. Sogar ihre Arbeit bereitete ihr im Winter Freude, auch wenn das bedeutete, dass sie das Postfahrrad durch den Schnee schieben musste und ihr oftmals ordentlich kalt wurde auf ihrer Route.

Am Ende stand immer die Rückkehr in die Wärme ihres Zuhauses.

Diese Wärme kannte Johan schon lange nicht mehr. Früher war er zur See gefahren, bis ihm nach einem Arbeitsunfall der rechte Unterschenkel amputiert werden musste. Im Anschluss verlor er seinen Job, danach verließ ihn seine Frau, und jetzt fristete er ein einsames Leben in dem alten Häuschen am Rande des Dorfes.

Es war allgemein bekannt, dass er kaum finanzielle Mittel hatte. Arbeit gab es in dem kleinen Dorf für ihn nicht, und Johan war zu stolz, Almosen anzunehmen. Im Sommer hatte er wenigstens hin und wieder einen Aushilfsjob bei einem der Bauern in der Umgebung. Im Winter aber war er auf das bisschen Rente angewiesen, das er bekam.

Jetzt fiel es Kristin schwer, ihm den Brief zu überreichen. Sie hatte am Absender erkannt, dass es sich um ein Schreiben des Energieversorgers handelte, und wusste, dass er erst vor zwei Wochen eine Mahnung erhalten hatte.

Johan wurde blass. »Die schon wieder«, murmelte er.

»Tut mir leid, Johan«, sagte Kristin bedrückt.

Er winkte ab. »Von mir aus sollen sie den Strom abstellen. Ich habe mich inzwischen an die Kälte gewöhnt.«

»Ich könnte dir …«, begann Kristin, doch Johan fiel ihr grob ins Wort.

»Ich will das nicht, Kristin! Ich komme klar.«

Sie wussten beide, dass das nicht stimmte, aber Kristin verzichtete auf einen weiteren Versuch, ihn umzustimmen. Sie hatte ihm schon einmal angeboten, ihm Geld zu leihen, aber Johan wollte davon nichts wissen.

»Mir kann alles genommen werden«, sagte er mit finsterer Miene, »aber nicht mein Stolz.«

Kristin nickte. Sie wusste nur zu gut, was er meinte.

Johan betrachtete sie abschätzend, ein bitteres Lächeln umspielte seine Lippen. »Stolz muss man sich leisten können, nicht wahr?«

»Glaubst du wirklich, dass ich so denke?«, fragte Kristin betroffen.

Beschämt schüttelte Johan den Kopf. »Tut mir leid, Kristin«, murmelte er. »Ich wollte dich nicht verletzen.«

»Das weiß ich.« Kristin strich sanft über seinen Arm. »Eigentlich bin ich es, die sich entschuldigen muss. Ich kenne deine Einstellung und hätte einfach den Mund halten sollen.« Sie betrachtete ihn ernst. »Aber ich finde den Gedanken unerträglich, dass du frierend in der Dunkelheit sitzt, weil dir der Strom abgestellt wurde«, fügte sie leise hinzu.

»Kerzenlicht kann sehr romantisch sein.« Johan zwinkerte ihr zu und wedelte mit dem Brief in seiner Hand. »Und noch ist es nicht so weit. Erst kommt noch eine letzte Mahnung, bevor sie mir wirklich den Saft abdrehen.«

Er sagte es leichthin, aber Kristin ahnte, wie es wirklich in ihm aussah. Sie hätte ihm nur zu gerne einmal erfreuliche Post gebracht.

»Wir sehen uns«, sagte Johan und hob noch einmal den Brief in seiner Hand. »Wenn du mir die letzte Mahnung bringst.«

Kristin verabschiedete sich bedrückt und setzte ihre Postrunde fort.

Der nächste Besuch war erfreulicher. Offensichtlich hatte Alma bereits auf sie gewartet und sie durch das Fenster gesehen, denn sie riss die Tür auf, kaum dass Kristin vom Rad gestiegen war, blieb aber auf ihrem Stock gestützt an der Tür stehen.

»Post aus Stockholm?«, rief sie ihr entgegen und strahlte, als Kristin nickte. Sie nahm den Brief an sich und presste ihn ans Herz.

Kristin stellte die Entscheidung, die sie in jener Nacht vor einem Jahr getroffen hatte, immer wieder infrage, kam jedoch jedes Mal zu dem Schluss, dass sie genauso wieder handeln würde. Denn der Brief, der angeblich von Jerik stammte, hatte Alma das Leben gerettet.

Bereits wenige Stunden nachdem Kristin ihr das Schreiben damals vorgelesen hatte, hatte die alte Frau sich aufgerichtet und nach einer heißen Suppe verlangt.

Zwei Wochen später war sie das erste Mal aufgestanden und hatte Dr. Bjurström, der sie ermahnte, im Bett zu bleiben, einen alten Quacksalber geschimpft. Ihr Befinden hatte sich stetig verbessert, und so hatte sie schließlich in ihr Haus zurückkehren können. Doch die Krankheit hatte Spuren hinterlassen. Alma war recht kurzatmig und musste sich schon nach leichten Anstrengungen hinsetzen. Außerdem hatte sich die Arthrose in ihren Knien so verschlimmert, dass Alma sich nun beim Gehen auf einen Stock stützte.

»Kommst du auf einen Kaffee ins Haus?«, fragte Alma jetzt sichtlich glücklich. »Dann kannst du mit mir zusammen Jeriks Brief lesen.«

»Ich bin spät dran«, log Kristin. Sie wollte den Brief nicht lesen, den sie selber geschrieben hatte. Denn seit Alma glaubte, dass ihr Enkel sie wiedergefunden hatte, musste Kristin immer weiter Briefe in Jeriks Namen verfassen, weil sie auf keinen Fall wollte, dass Alma ihn ein zweites Mal verlor, was unweigerlich zu einem Rückfall führen würde.

»Dann komme ich heute Nachmittag zu dir zum Kaffee«, lud Alma sich selbst ein. »Ich bringe Zimtschnecken mit.«

»Aber das ist doch viel zu anstrengend für dich«, wandte Kristin ein.

Alma wischte ihre Bedenken mit einer Handbewegung beiseite. »Backen ist für mich ein Vergnügen, keine Anstrengung.«

»Dann hole ich dich mit dem Auto ab«, sagte Kristin, aber auch davon wollte Alma nichts hören.

»Gustav fährt mich nachher in Helens Laden. Anschließend kann er mich zu dir bringen.«

Gustav, der Dorfschreiner, war eng mit Almas Mann befreundet gewesen und ebenso wie Kristin und Helen immer für sie da, wenn sie Hilfe benötigte. Früher hatte Alma Kristin regelmäßig besucht, aber nun fiel ihr selbst die kurze Strecke zu Kristins Haus schwer.

»Dann erzähle ich dir, wie es Jerik geht. Ich bin so gespannt, ob er und Lena inzwischen ein Paar sind, ich wünsche es ihm so sehr.« Alma strahlte. »Wenn er sie heiratet und die beiden ein Kind bekommen, werde ich Urgroßmutter!«

In Anbetracht von Almas Begeisterung gelang es Kristin nur mit Mühe, einen Seufzer zu unterdrücken. Sie hatte so manches Mal mit dem Gedanken gespielt, Alma die Wahrheit zu sagen. Doch wenn sie so wie jetzt den Glanz in Almas Augen sah, wenn sie miterlebte, dass ihr Leben im Alter wieder lebenswert war, wusste sie, dass die Wahrheit zwar ihr eigenes Gewissen erleichtern, Alma aber nur schaden konnte. Alma durfte niemals erfahren, dass es nicht ihr Enkel war, der ihr regelmäßig schrieb. Dass es keine Lena gab, kein elegantes Apartment in Stockholm mit Blick auf den Nybroviken und auch keinen Flugplan, der Jerik daran hinderte, seine Großmutter zu besuchen. Denn Kristin hatte Jerik kurzerhand zum Piloten gemacht, als Alma ihn in ihren Antwortbriefen immer wieder bat, bald nach Norråker zu kommen. Natürlich flog er ausschließlich Langstrecke, hatte ständig Stand-by-Einsätze, was bedeutete, dass er jederzeit für die Fluggesellschaft erreichbar und es ihm möglich sein musste, innerhalb von sechzig Minuten am Flughafen Arlanda einzutreffen.

Einmal hatte Alma sogar überlegt, selbst zu ihrem Neffen nach Stockholm zu fahren. Glücklicherweise hatte sie auf Dr. Bjurström gehört, der ihr dringend von der anstrengenden Reise abgeraten hatte. Doch für Kristin wurde es auf Dauer immer schwieriger, Ausreden zu erfinden. Die Stewardess Lena, Jeriks angebliche Freundin, gab es seit zwei Monaten. Lena flog ebenfalls Langstrecke, aber meist mit einer anderen Crew. Und so bat Kristin in Jeriks Namen um Verständnis, dass er immer noch keine Zeit für einen Besuch aufbrachte, weil er seine knappe Freizeit mit der Frau seines Herzens verbringen wollte.

Irgendwann, hatte Kristin ihn schreiben lassen, komme ich ganz bestimmt. Ein fatales Versprechen, das niemals gehalten werden konnte.

»Bis heute Nachmittag«, verabschiedete sich Alma jetzt und ging auf ihren Stock gestützt ins Haus.

Kristin blickte ihr nachdenklich hinterher. Sie freute sich auf Almas Besuch und die gemeinsame Kaffeestunde, auch wenn ihr die Heuchelei zunehmend schwerfiel.

Niemand außer Kristins bester Freundin Ingela kannte die ganze Geschichte.

Die beiden Frauen waren zusammen aufgewachsen, sie kannten sich seit ihrer gemeinsamen Kindergartenzeit in Stockholm, und es gab nichts, was sie einander nicht anvertrauen konnten. Ingela lebte mit ihrem Mann Bengt, einem bekannten Fotografen, noch immer in Stockholm.

Als Anders vor fünf Jahren gestorben war, war Ingela sofort nach Norråker gekommen, um Kristin beizustehen. Lotta war da gerade erst zwei Tage auf der Welt gewesen.

Kristin war dankbar, dass es ihrem Mann noch vergönnt gewesen war, seine kleine Tochter zu sehen. Er hatte so gekämpft, um diesen Tag zu erleben, hatte noch genau zwei Tage überlebt, bevor ihn die Kräfte verließen.

Noch heute sprach Ingela davon, wie sehr sie der Zusammenhalt der Menschen in Norråker berührt hatte. Alle waren für Kristin da gewesen, hatten ihr zur Seite gestanden und sie unterstützt. Und wenn Kristin auch manchmal das Gefühl gehabt hatte, die Situation nicht aushalten zu können, so fühlte sie sich mit ihrer Trauer um Anders nie alleingelassen.

Heute war Ingela ihr eine große Hilfe beim Briefwechsel zwischen Alma und Jerik. Denn Jeriks Adresse war eigentlich die von Ingela in Stockholm, Ingela hatte sogar einen Briefkasten mit Jeriks Namen an ihrem Haus anbringen lassen. Die meisten Briefe von Alma an Jerik fing Kristin ab, aber hin und wieder gelangte doch einer der Briefe nach Stockholm, zum Beispiel wenn Alma Gustav einen Brief mitgab und der ihn dann in einen Briefkasten außerhalb Norråkers einwarf. Ingela schickte ihn dann zurück an Kristin.

Kristin sammelte sie in einem Karton unter ihrem Bett, ohne einen einzigen davon zu öffnen. Anfangs hatte sie vorgehabt, diese Briefe zu vernichten, aber das brachte sie nichts übers Herz. Almas Herzblut steckte in jedem einzelnen von ihnen. Und da Alma ihr immer erzählte, was sie Jerik geschrieben oder welche Fragen sie ihm gestellt hatte, war es für Kristin nicht schwierig, in ihren Briefen darauf zu reagieren. Und wann immer Ingela mit ihrem Mann auf Reisen war, besorgte sie Postkarten und Briefmarken des jeweiligen Landes, die Kristin dann in Jeriks Namen an Alma schickte. Ganz so, als würde er zwischen den Flügen an seine Großmutter denken.

Bisher funktionierte das reibungslos. Alma war glücklich und vor allem gesund, dafür nahm Kristin ihre Gewissensbisse in Kauf. Doch hinter allem schlummerte ständig die Angst, dass sie irgendwann aufflog.

Denk nicht daran, ermahnte sie sich. Nur nicht daran denken.

Sie setzte ihre Postrunde fort, und dann war es auch schon Zeit, die beiden Kleinen abzuholen.

»Mama! Mama!« Lotta kam mit ausgebreiteten Armen auf sie zugerannt.

Seit ihr älterer Bruder Lasse die Grundschule besuchte, fühlte die Fünfjährige sich in der Vorschule nicht mehr wohl. Ihre erste Frage galt auch gleich ihm. »Ist Lasse zu Hause?«

Kristin schüttelte den Kopf. »Wir holen ihn jetzt zusammen von der Schule ab.«

Die Grundschule befand sich gleich neben der Vorschule, was für die beiden Geschwister in den ersten Tagen nach den Ferien zu Problemen geführt hatte.

Lotta wollte nicht einsehen, dass sie nicht mehr mit ihrem Bruder zusammen sein durfte. Und da Lasse nicht mehr in die Vorschule durfte, ging sie einfach nach nebenan in die Grundschule und setzte sich neben ihn auf die Schulbank. Zur Erheiterung der ganzen Klasse, einschließlich Lasses Lehrerin.

Nur Lasse selbst fand das überhaupt nicht komisch.

Kristin auch nicht. Ihr Sohn war ausgesprochen sensibel. Ein zarter Junge, mit dunkelblondem Wuschelkopf und einer Brille, die ihm das Aussehen eines kleinen Gelehrten verlieh. Er wusste erstaunlich viel für sein Alter und wurde dafür oft gelobt. Das wiederum weckte Lottas Neid. Sie wollte unbedingt mit ihrem Bruder mithalten.

Lotta war zwar ein Jahr jünger als Lasse, dafür aber einen halben Kopf größer. Sie war sehr robust, und Kristin musste stets aufpassen, dass Lasse sich nicht zu sehr von seiner Schwester bevormunden ließ.

Im Grunde war Kristin sogar froh, dass die beiden schulisch jetzt getrennt waren. Lasse tat es gut, nicht mehr ständig der Dominanz seiner Schwester ausgesetzt zu sein, und er entwickelte inzwischen eigene Sozialkontakte. Das hatte Lotta in der Vorschule nicht zugelassen, sie hatte ihren Bruder förmlich als ihr Eigentum betrachtet.

Lotta zog eine Grimasse. »Du hast gesagt, ich darf nicht mehr in die Grundschule gehen!«

»Du darfst nicht aus der Vorschule weglaufen und dich zu ihm in die Klasse setzen«, stellte Kristin richtig. »Wir holen ihn jetzt nur gemeinsam ab.«

Lasse stand mit seinem Mitschüler Sven auf dem Schulhof, und Kristin bekam mit, dass die beiden Jungen sich zum Spielen verabredeten. Sie freute sich für ihren Sohn. Offensichtlich ganz im Gegensatz zu Lotta, die die Ärmchen in die Hüften stemmte und Lasses neuen Freund finster anblickte.

»Du kannst nicht zu uns kommen. Lasse ist mein Bruder, der spielt nur mit mir!«

Hilfesuchend blickte Lasse zu Kristin.

»Natürlich darf Sven kommen, wenn seine Mutter nichts dagegen hat«, sprang sie ihm sofort zur Seite.

Lotta stampfte mit dem Fuß auf. »Ich will aber nicht, dass der kommt. Lasse soll mit mir spielen.«

»Du kannst doch auch eine Freundin aus der Vorschule einladen«, schlug Kristin vor.

Lotta verschränkte die Arme vor der Brust. »Lasse ist meine Freundin.«

»Ich kann überhaupt nicht deine Freundin sein.« Lasse schüttelte den Kopf und brachte zu Kristins Erstaunen sogar den Mut auf, seiner Schwester zu widersprechen. »Ich bin nämlich kein Mädchen. Nur Mädchen können Freundinnen sein. Und du bist meine Schwester, deshalb kannst du auch nicht meine Freundin sein. Und außerdem habe ich jetzt einen Freund.« Er legte einen Arm um Svens Schulter.

Sven war sichtlich stolz über die Freundschaftsbekundung und legte nun seinerseits einen Arm um Lasses Schulter. Die beiden wirkten wie ein Bollwerk gegen die übergriffige Schwester, und selbst Lotta schien einzusehen, dass sie dagegen im Moment nicht ankam.

Kristin jedoch war sicher, dass ihre Tochter das nicht auf Dauer hinnehmen würde.

Livia war bereits zu Hause, als die drei dort ankamen. Sie hatte den Tisch gedeckt und rührte in der Suppe auf dem Herd, die Kristin am Abend zuvor gekocht hatte.

»Danke, meine Große!« Kristin musste sich ein bisschen recken, um ihre Tochter auf die Wange zu küssen. Livia war mit ihren 15 Jahren jetzt schon größer als sie und kam damit eindeutig nach ihrem Vater.

Kristin selbst war klein und zierlich. Sie und Livia wirkten eher wie Schwestern als wie Mutter und Tochter.

»Kein Thema, ich habe auch Hunger. Außerdem habe ich große Neuigkeiten!« Livia strahlte vor Stolz.

Erwartungsvoll schaute Kristin ihre Tochter an. Livia war bildschön. Groß, schlank, mit hüftlangen Locken. Egal ob zu einem Kleid oder zu Jeans, sie trug fast immer einen Hut, der ihr ausgezeichnet stand.

»Ich bin dieses Jahr die Lucia«, verkündete Livia strahlend. »Ich wurde einstimmig gewählt.«

Kristin umarmte ihre Tochter glücklich. »Das sind wirklich tolle Neuigkeiten! Ich freue mich sehr für dich.«

»Danke. Ich mich auch. Aber ich brauche dafür unbedingt ein neues Kleid.« Livia schaute ihre Mutter bittend an. »Ich habe im Internet schon ein tolles Lucia-Kleid gesehen. Bitte, bitte, Mama, du musst mir das unbedingt bestellen!«

»Wie teuer ist es denn?«, fragte Kristin voll schlechter Vorahnung und schluckte tatsächlich schwer, als Livia ihr den Preis nannte.

»Bitte sag, dass das geht«, flehte Livia.

Kristin strich ihr liebevoll über die Wange. Sie würde ihr Erspartes anbrechen müssen, das Geld, das sie für Notfälle beiseitegelegt hatte. »Bitte, Livia, lass mich darüber nachdenken«, sagte sie ruhig. »Ich werde es versuchen, aber ich kann es dir jetzt noch nicht versprechen.«

Livia schien das als Zusage zu deuten. »Danke, Mama!«, rief sie freudestrahlend.

Später am Nachmittag trafen Alma und Sven gleichzeitig ein. Alma trug einen großen Teller mit Zimtschnecken in den Händen.

Kristin musste lachen, weil Sven den Teller nicht aus den Augen ließ. Alma buk nachweislich die besten Zimtschnecken in ganz Norråker, und diese hier dufteten verführerisch. Als sie Alma den Teller aus der Hand nahm und auf den gedeckten Tisch stellte, bemerkte sie, dass er warm war, als käme das Gebäck gerade erst aus dem Ofen.

Sie bat Alma, schon Platz zu nehmen, und holte den Kaffee aus der Küche. Als sie zurückkam, fiel ihr Blick auf den Briefumschlag neben Almas Gedeck.

Alma lächelte. »Meine Antwort an Jerik. Hast du den Briefkasten schon geleert?«

Kristin schüttelte den Kopf. Sie leerte den Kasten meist am frühen Morgen, kurz bevor ihr Kollege Olof ihr die Post für Norråker brachte und im Gegenzug die Briefe und Pakete aus dem Dorf mitnahm.

»Du kannst mir den Brief dalassen, ich gebe ihn Olof morgen mit«, sagte Kristin und zwang sich zu einem Lächeln, als Alma sich überschwänglich bedankte.

Wenn du wüsstest! Du hast überhaupt keinen Grund, dich bei mir zu bedanken.

»Wie geht es denn Jerik?«, erkundigte sie sich betont beiläufig, obwohl sie jedes Wort seines Schreibens kannte.

»Es geht ihm gut«, berichtete Alma eifrig. »Ich glaube, er ist sehr verliebt in seine Lena. Leider hat er mir immer noch keine Fotos geschickt, obwohl ich ihn schon mehrfach darum gebeten habe. Er ist auf meine Bitte nicht einmal eingegangen.«

»Vielleicht hat er es einfach vergessen«, murmelte Kristin. In Wirklichkeit hatte sie zum wiederholten Male nicht gewusst, was sie dazu schreiben sollte. Es gab keine Fotos!

Vielleicht sollte ich mir einfach Fotos besorgen, überlegte sie. Von irgendeinem attraktiven Mann und irgendeiner hübschen Frau. Am besten gleich von einem Paar.

Und dann? Wie sollte es weitergehen? Gründeten die beiden möglicherweise irgendwann eine Familie? Dann musste sie sich immer neue Geschichten ausdenken. Und Babyfotos besorgen.

»Bedrückt dich irgendwas?«, fragte Alma plötzlich besorgt. »Du wirkst so nachdenklich.«

Kristin kamen beinahe die Tränen. Was Alma dummerweise bemerkte.

»Was ist denn los, Kristin? Kann ich dir helfen?«, fragte sie sanft.

Du bist der letzte Mensch, der mir helfen kann, schoss es Kristin durch den Kopf. Sie zwang sich zu einem Lächeln. »Es ist alles in Ordnung«, sagte sie, doch Almas Miene blieb skeptisch.

»Du würdest mir doch sagen, wenn …« Alma wurde durch lautes Kindergeschrei aus dem Wohnzimmer unterbrochen.

Erleichtert über die Störung sprang Kristin auf. »Entschuldige bitte«, sagte sie und lief nach nebenan. Dort zerrten Lotta auf der einen und Lasse auf der anderen Seite an Sven.

»Sven ist mein Freund«, rief Lasse empört.

»Aber ich heirate den Sven, und dann hast du gar nix mehr über den zu bestimmen. Dann ist das nur noch meiner!«, trumpfte Lotta auf.

Es fiel Kristin schwer, nicht zu lachen, trotzdem bemühte sie sich um einen strengen Gesichtsausdruck. Mehr schlecht als recht.

»Was ist hier los?«, fragte sie.

Lasse ließ Sven los und wies anklagend auf seine Schwester. »Lotta lässt mich nicht mit meinem Freund spielen.«

Lotta reckte angriffslustig das Kinn in die Höhe. »Der Sven ist jetzt mein Freund! Ich heirate den nämlich, wenn wir groß sind.«

Kristin überlegte fieberhaft, wie sie die Situation am besten lösen konnte. Schließlich fragte sie Lotta: »Hast du Sven überhaupt gefragt, ob er dich heiraten will?«

Lotta starrte zuerst Kristin, danach Sven mit gerunzelter Stirn und zusammengezogenen Brauen an. Dann trat sie ganz dicht an ihn heran und umfasste seinen Oberarm besitzergreifend mit beiden Händen.

»Heiratest du mich, wenn wir groß sind?« In ihrer Stimme schwang ein drohender Unterton mit.

Sven nickte eingeschüchtert. »Ja«, hauchte er.

»Aber du bist mein Freund«, rief Lasse weinerlich.

Sven wandte sich ihm zu. »Ich trau mich aber nicht, Nein zu sagen«, flüsterte er so laut, dass es für jeden im Zimmer zu hören war.

Wenn das mal nicht die Voraussetzung für eine glückliche Ehe ist, dachte Kristin amüsiert. Sie ließ sich aber nichts anmerken und versuchte, ihrer Tochter klarzumachen, dass sie entweder friedlich mit beiden Jungen spielen oder die beiden in Ruhe lassen sollte.

Lotta entschied sich für die zweite Möglichkeit und stapfte beleidigt aus dem Zimmer. Kurz darauf waren ihre Schritte auf der Treppe zu hören, dann knallte die Tür zu ihrem Zimmer.

»Die sind wir los«, stieß Sven erleichtert aus.

»Abwarten«, sagte Lasse, der seine Schwester besser kannte. »Die kommt bestimmt gleich wieder.«

Das vermutete Kristin auch, und so schlug sie den beiden vor, ein Spiel daraus zu machen. »Versteckt euch, dann muss Lotta euch suchen.«

Beide nahmen den Vorschlag begeistert auf.

Bereits als Kristin zurück zu Alma ging, hörte sie, dass Lotta wieder nach unten kam.

»Was war denn los?«, fragte Alma.

»Lotta hat sich verlobt«, erwiderte Kristin trocken und erzählte Alma die ganze Geschichte.

Kurz darauf kamen die Kinder zu ihnen, einträchtig vereint diesmal, und alle zusammen machten sie sich über die Zimtschnecken her. Für die Kinder gab es Kakao, Alma und Kristin tranken ihren Kaffee.

Kristin gab sich alle Mühe, ungezwungen zu wirken, und zum Glück hakte Alma nicht mehr nach, ob ihr etwas fehlte. Auch über Jerik sprachen sie nicht mehr, bis Alma sich verabschiedete.

»Ich habe Jerik übrigens geschrieben, dass ich ihn dieses Jahr noch sehen will«, sagte Alma, als sie ihren Mantel anzog. »Und ich habe ihm klar und deutlich mitgeteilt, dass ich keine Ausreden mehr dulde.«

»Aber wenn er doch ständig unterwegs ist«, wandte Kristin ein.

Alma schüttelte ungeduldig den Kopf. »Selbst ein viel beschäftigter Pilot hat hin und wieder mal Urlaub! Und es ist doch nicht zu viel verlangt, dass er sich nach dreißig Jahren wenigstens ein paar Tage Zeit für seine Großmutter nimmt.«

Was blieb Kristin anderes übrig, als ihr zuzustimmen?

»Was soll ich nur machen?«, jammerte sie abends am Telefon.

Ingela lachte. »Du musst entweder einen Jerik herbeizaubern oder dir einen backen.«

»Jeriks kann ich nicht«, erwiderte Kristin in einem Anflug von Galgenhumor.

»Das ist eigentlich gar keine schlechte Idee«, rief Ingela. »Also, das mit dem Herbeizaubern. Natürlich im übertragenen Sinne. Wir brauchen einen Mann, der Jerik spielt. Am besten einen Schauspieler. Natürlich keinen bekannten Schauspieler, da ist die Gefahr zu groß, dass er von jemandem erkannt wird.«

»George Clooney oder Brad Pitt könnte ich mir auch nicht leisten«, warf Kristin sarkastisch ein.

»Die sind sowieso zu alt.« Ingela lachte. »Soll ich mich hier in Stockholm auf die Suche machen? Bitte, sag ja, das wäre so aufregend!«

»Danke, aber ich habe hier schon genug Aufregung«, sagte Kristin.

Ingela war offensichtlich begeistert von ihrer Idee, sie ging nicht einmal auf Kristins letzten Satz ein. »Er kommt dann unter dem Vorwand, seine Großmutter endlich wiederzusehen und sich gleichzeitig von ihr zu verabschieden. Weil er auswandert. In die USA, nach Singapur oder nach Australien.«

»Das ist großartig«, rief Kristin. »Also nicht deine Idee mit dem Schauspieler, aber das mit dem Auswandern. Wenn Jerik ins Ausland geht, ist doch plausibel, dass es nicht zu einem Treffen kommt.«

»Alma könnte sich dann aber selbst mit dem Flugzeug auf den Weg machen«, warnte Ingela.

»Alma hat Flugangst. Sie würde nie in ein Flugzeug steigen, sonst wäre sie schon in Stockholm gewesen, um Jerik zu besuchen. Die Fahrt mit dem Zug oder Bus ist zu anstrengend für sie.«

»Also kein Schauspieler?« Ingela klang enttäuscht.

»Kein Schauspieler.« Jetzt lachte Kristin. »Dafür wandert Jerik aus. Ich überlege nur noch, in welches Land. Vielen Dank für den Tipp!«

»Immer wieder gerne«, erwiderte Ingela und verabschiedete sich.

Kapitel 2

Es war für Jerik ein seltsames Gefühl, nach so vielen Jahren in das Haus zurückzukehren, mit dem er die schlimmste Zeit seiner Kindheit verband.

Bror hielt sich im Hintergrund und sagte kein Wort. Dafür war Jerik ihm dankbar, genauso wie dafür, dass sein Bruder ihn überhaupt begleitete.

Er wusste, dass Bror nichts sagen würde, bevor er nicht selbst sprach. Und so drehte er sich um und fragte mit einem gezwungenen Lächeln: »Und, was sagst du?«

»Coole Hütte«, erwiderte Bror. »Jetzt wissen wir wenigstens, wo deine Mutter sich zuletzt aufgehalten hat.«

»Ja.« Jerik schaute sich im Raum um, während er sich langsam um die eigene Achse drehte. »Nicht dass es mich je interessiert hätte«, sagte er schließlich.

»Wirklich nicht?« Bror musterte ihn aufmerksam.

Jerik zuckte mit den Schultern. »Als ich zehn war, ist sie für immer aus meinem Leben verschwunden. Sie hat mich einfach bei euch zurückgelassen.« Er atmete tief durch, bevor er hinzufügte: »Und das war das Beste, was sie je für mich getan hat.«

»Abgesehen davon, dass sie dir dieses Haus vermacht hatte«, erwiderte Bror mit einer ausholenden Handbewegung.

»Das war kein selbstbestimmter Vorgang, bei dem sie an mich gedacht hat. Ich wurde als letzter lebender Familienangehöriger und damit als ihr Erbe ermittelt«, stellte Jerik richtig.

Vor einer Woche hatte er ein Schreiben eines Anwalts erhalten und da erst erfahren, dass seine Mutter bereits vor zwei Jahren verstorben war. Seither versuchte er zu ergründen, was diese Information in ihm auslöste.

Er wusste es immer noch nicht. Wenn er allerdings seine Gefühle mit dem Schmerz verglich, den der Tod seines Adoptivvaters bei ihm ausgelöst hatte, so war es eher Gleichgültigkeit.

»Meine Mutter hat übrigens nicht hier gelebt«, stellte Jerik richtig, »sondern irgendwo in Malmö. Sie hat das Landleben gehasst.«

»Deshalb musste Papa auch alles aufgeben und mit uns nach Stockholm ziehen.« In Brors Stimme lag Wehmut. Er trat neben Jerik und legte eine Hand auf dessen Schulter. »Aber ich sollte ihr dankbar sein, denn letztendlich verdanke ich ihr, dass du mein Bruder geworden bist.«

»Das verdanken wir vor allem Curt«, widersprach Jerik leise. »Dein Vater hat mich adoptiert, obwohl meine Mutter ihn schlecht behandelt hat.«

Jerik hatte den Verdacht, dass seine Mutter der Adoption vor allem deshalb zugestimmt hatte, weil sie zu dem Zeitpunkt schon geplant hatte, Curt Nyman zu verlassen.

Nicht einmal zwei Jahre war sie mit ihm verheiratet gewesen, als sie damals von heute auf morgen ohne ein Wort des Abschieds verschwand.

Damals war Jeriks größte Sorge gewesen, dass sie zurückkommen würde, um ihn zu holen. Diese Angst hatte seine Kindheit lange vergiftet, trotz Curts Versprechen, für immer bei ihm und Bror bleiben zu dürfen.

Irgendwann ließ die Angst nach und machte Platz für ein Gefühl der Sicherheit. Ab da waren Curt und Bror Jeriks Familie, an seine Mutter dachte er kaum noch.

Sie kam nie mehr zurück. Erst als er erwachsen war, hatte Curt ihm erzählt, dass Astrid sich schon Jahre zuvor von ihm hatte scheiden lassen, weil sie einen anderen Mann kennengelernt hatte.

»Eigentlich ist das Haus nicht schlecht«, unterbrach Bror seine Gedanken. »Wir könnten doch hier …«

»Vergiss es«, fiel Jerik ihm ungewohnt heftig ins Wort. »Ich kann hier nicht leben. Wir werden das Haus verkaufen.«

»Wir?« Bror schaute ihn überrascht an.

Jerik nickte. Für ihn war es selbstverständlich, sein Erbe mit seinem Bruder zu teilen, so wie er nach Curts Tod die Hälfte von dessen Erbe erhalten hatte.

Über den Anwalt hatte er sogar schon ein Kaufangebot erhalten. Ein Ehepaar aus der Nachbarschaft, das sich um das Haus und den kleinen Garten gekümmert hatte, wollte es mitsamt aller Möbel kaufen.

Jerik hatte sich das Haus erst ansehen wollen, bevor er eine Entscheidung traf. Je länger er sich jetzt darin aufhielt, desto mehr Erinnerungen drängten sich ihm auf. Besonders der Anblick der Kammer unter der Treppe erfüllte ihn mit Entsetzen. Er trat einen Schritt zurück, als Bror sie öffnete.

»Was hast du denn?«, fragte Bror überrascht.

Jerik schüttelte leicht den Kopf. »Nichts«, behauptete er, gab dann aber zu: »Meine Mutter hat mich da drin eingesperrt, wenn ich ihrer Meinung nach etwas falsch gemacht hatte.«

Bror schüttelte sich. »Das ist unvorstellbar.« Er zögerte kurz, dann trat er einen Schritt vor und sogar in die Kammer.

Jerik schalt sich selbst albern, aber er konnte sich nicht überwinden, seinem Bruder zu folgen. Ihm reichte der Blick von außen und die Erinnerung an die Albträume seiner Kindheit.

Es gab kein Licht in dem kleinen Raum. Jerik wusste noch, dass der schlimmste Moment immer der gewesen war, wenn noch ein schmaler Lichtstreif aus dem Flur hineinfiel und er genau wusste, dass es gleich stockdunkel sein würde. Dann war er eingesperrt mit den Spinnen, die ganz sicher irgendwo lauerten, jedenfalls zeugten die Spinnennetze davon, die sich durch die ganze Kammer zogen.

Er wusste noch genau, wie sich der kalte Betonboden anfühlte. Stundenlang hatte er zusammengekauert daraufgesessen und gewartet, dass die Tür wieder geöffnet wurde.

»Bror, komm da raus!« Jerik wollte die Tür zur Kammer und damit auch die zu dieser Erinnerung endgültig schließen.

»Moment«, sagte Bror. »Hier liegt so viel Kram rum. Ich glaube, ich habe was Interessantes gefunden.« Als er aus der Tür trat, hielt er eine Schachtel in den Händen. »Da sind Fotos drin«, sagte er. »Alte Briefe und Postkarten.«

Sie gingen zurück ins Wohnzimmer, wo Jerik voller Spannung beobachtete, wie sein Bruder die Schachtel öffnete und das erste Foto herausnahm. »Das ist Astrid! Da war sie noch sehr jung. Dann bist du bestimmt der kleine Junge neben ihr.«

Jerik nahm das Foto in die Hand, betrachtete seine Mutter und war doch erstaunt, wie kalt ihn ihr Anblick ließ.

»Wer ist denn die ältere Frau neben Astrid?«, fragte Bror.

Jerik betrachtete sie genauer. Da war etwas! Dunkel, nicht greifbar, aber etwas, das ein Gefühl der Wärme in ihm erzeugte.

Ihm fiel die räumliche Distanz zwischen ihr und seiner Mutter auf. So als hielte sie sich bewusst von ihr fern. Er selbst stand dicht bei seiner Mutter, die ihn festhielt, als er die Hand nach der älteren Frau ausstreckte.

»Sie kommt mir bekannt vor, aber ich habe keine Ahnung«, sagte Jerik. »Dabei habe ich das Gefühl, dass es direkt vor mir liegt. So als suchst du nach einem bestimmten Wort, das dir auf der Zunge liegt, aber es fällt dir einfach nicht ein.«

»Weißt du denn, wo das ist?«, wollte Bror wissen. »Das Haus im Hintergrund ist nicht dieses Haus hier.«

Eine blühende Naturwiese umgab das rote Holzhaus mit den weiß gestrichenen Fensterrahmen und dem Balkon über der Eingangstür, der von zwei ebenfalls weißen Säulen gestützt wurde. Drei Holzstufen führten auf eine Veranda.

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