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Ein Weitgereister kehrt zurück

Ein Weitgereister kehrt zurück

Wege der Asche Anagarika Govindas

Herausgegeben von

Birgit Zotz

Edition Habermann

München 2021

Inhalt

Birgit Zotz • Zur Einleitung

Steffen Ernst • Ein Kreis schließt sich

Birgit Zotz • Die Lebensreise eines Weltbürgers

Volker Zotz • Wege der Asche

François Maher Presley • Der steinige Weg der Heimkehr

Volker Zotz • Anagarika Govinda und Sachsen

Birgit Zotz • François Maher Presley und Anagarika Govinda

Über den Tod: Ein Gespräch mit Lama Anagarika Govinda

Autoren

Lama Anagarika Govinda im Bronze-Relief von Gertraud Wendlandt, 2018

(Denkmal am Ehrengrab Govindas auf dem Friedhof in Waldheim)

ZUR EINLEITUNG

Birgit Zotz

Ebenso bewegt wie der sich über mehrere Erdteile erstreckende Lebensgang des als Ernst Lothar Hoffmann geborenen Anagarika Govinda (1898-1985) waren die Wege seiner sterblichen Überreste. Erst Jahre nach seinem Tod wurden diese auf drei Kontinenten bestattet. Zuletzt kam es 33 Jahre nach dem Tod des deutschstämmigen Lama zur Beisetzung eines Teiles der Asche in einem Ehrengrab des mittelsächsischen Geburtsortes.

Zu diesem Ereignis am 20. April 2018, das die Stadt Waldheim, die Lama und Li Gotami Govinda Stiftung und die François Maher Presley Stiftung für Kunst und Kultur gemeinsam ausrichteten, erhielten die zahlreichen Gäste ein kleines Buch, das sie kurz über Govindas abenteuerliches Leben, sein vielfältiges Werk und die Vorgeschichte der späten Bestattungen unterrichtete.1

Nachdem dieser Band bald nach dem Anlass seines Entstehens vergriffen war, kam es wiederholt zu Anfragen an die Lama und Li Gotami Govinda Stiftung, ihn erneut zugänglich zu machen. Es schien sinnvoll dies mit dem vorliegenden Band in erweiterter Form zu tun, um zusätzliche Information für einen größeren Leserkreis bereitzustellen sowie im Rückblick etwas über das Ereignis von Govindas symbolischer Rückkehr nach Waldheim zu dokumentieren.

Über den Festakt am 20. April 2018 berichteten sächsische Medien ausführlich. Ein Film des Senders Mittelsachsen TV beginnt mit den Worten: »Dieser Tag geht in die Geschichte der Stadt Waldheim ein. Zahlreiche Besucher, viele Waldheimer und einige Gäste fanden sich auf dem Friedhof ein. Sie alle wollten dabei sein, wenn ein Weitgereister zurückkehrt. In der Friedhofskapelle Blumengrüße, die Urne mit einem Teil der Asche und ein Bildnis von Lama Anagarika Govinda. Ihn galt es an diesem Tag zu ehren. Festredner erinnerten an Stationen seines Lebens.«2

An der Zeremonie in der Friedhofskapelle und dem abschließenden Empfang im Rathaus nahmen Angehörige des politischen und kulturellen Lebens Sachsens, Vertreter der Lama und Li Gotami Govinda Stiftung, des von Govinda 1933 gegründeten Ordens Ārya Maitreya Mandala sowie der François Maher Presley Stiftung für Kunst und Kultur teil. Auch das Sächsische Staatsministerium für Kultus war vertreten. In der Friedhofskapelle gedachte Steffen Ernst, der Bürgermeister Waldheims, in einer Ansprache des bedeutenden Sohnes seiner Stadt, worüber die Leipziger Volkszeitung berichtete:

»›Auf allen Stationen seines Lebens hinterließ Anagarika Govinda Spuren‹, würdigte Steffen Ernst in seiner Ansprache in der Friedhofskapelle. Govindas Arbeiten machten nicht nur die buddhistische Kultur in Europa und Amerika bekannt, sie ließen ihn zum Weltbürger werden. Und so steht es auch auf seinem Grabstein geschrieben: ›Autor, Künstler, Weltbürger.‹ Drei wesentliche Begriffe, die den Sohn Waldheims charakterisierten, wie der ebenfalls anwesende Prof. Dr. Volker Zotz als Vorsitzender der Lama und Li Gotami Govinda Stiftung es beschrieb.

Autor, weil Anagarika Govinda bereits im Kindesalter erste Verse verfasste und sein Leben lang Gedichte, Drehbücher und auch den Bestseller ›Der Weg der weißen Wolken‹ schrieb.

›Künstler zu sein war für Anagarika Govinda das Wesentliche‹, trug Zotz weiter vor. ›Er schrieb einmal: Ich möchte als Künstler wiedergeboren werden.‹ Denn die wesentlichen Dinge ließen sich nicht in Worten, sondern nur in der Kunst ausdrücken.

Weltbürger, weil sich der Würdenträger selbst als ›indischer Staatsbürger europäischer Herkunft und buddhistischer Religion, der einem tibetischen Orden angehört und an die Bruderschaft der Menschen glaubt‹ bezeichnete.«3

Mit den buddhistischen Riten in der Friedhofskapelle und am Grab hatte die Lama und Li Gotami Govinda Stiftung mit der Stadt Waldheim einen in Sachsen wirkenden buddhistischen Abt aus Vietnam betraut: »Ungewohnte Töne klingen aus der Kapelle auf dem Waldheimer Friedhof. Der Abt Bhiksu Thich Hanh Tan und sein Begleiter tragen einen buddhistischen Segensspruch vor, in dem es um Weisheit und Mitgefühl geht. Sie ehren damit Lama Anagarika Govinda.«4

Würdig umrahmte ein regionales Orchester den Ablauf in Kapelle und Grab. »Dann ging die Urne mit den Überresten von Lama Anagarika Govinda auf die letzte Reise. Musikalisch begleitet, legte der Zug die letzten Meter der Heimkehr des Weitgereisten zurück. In Waldheimer Erde gebettet, erinnert das Ehrengrab mit Stein und seinem Relief an eine außergewöhnliche Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts. Zahlreiche Menschen erwiesen Lama Anagarika Govinda diese späte Ehre.«5

Das von der François Maher Presley Stiftung für Kunst und Kultur gestiftete Bronzerelief des Grabdenkmals schuf die Bildhauerin Gertraud Wendlandt. Die 1951 in Altentreptow (Mecklenburg-Vorpommern) geborene Künstlerin studierte von 1971 bis 1976 an der Kunsthochschule Berlin Weißensee bei Karl Lemke, Werner Stötzer und Karl-Heinz Schamal. Sie lebt und arbeitet in Alt Schönau bei Waren (Müritz). Ihre Skulpturengruppen, überlebensgroßen Plastiken, Brunnen und weitere Werke finden sich in der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe, der Kunstsammlung und Hochschule in Neubrandenburg sowie in weiteren Museen etwa in Flensburg und Alt Schwerin. Eine Marmorbüste von Georg Philipp Telemann wurde 2017 in der Hamburger Laeiszhalle aufgestellt. François Maher Presley schrieb über die Künstlerin: »Absichtsvoll gliedert Gertraud Wendlandt ihre Plastiken und lässt sie als gestaltete, Widerstand leistende Substanz Raum verdrängen. Damit macht sie unsere Vorstellung von Raumbezogenheit und Raumentfaltung als nicht sichtbare, identitätslose Qualität für den Betrachter erfahrbar.«6

Gertraud Wendlandt behandelte das Relief auf eine Weise, die rasch zu einer natürlichen Patinierung führte. Die Darstellung von Govindas Profil sollte nicht neu wirken, sondern etwas von der buddhistischen Grundlehre der Nichtdauer aller Gegebenheiten ausdrücken. Genau dies wurde nach der Beisetzung der Asche von einer Waldheimer Stadträtin der CDU moniert. Sie forderte, das Bronzerelief mit »Klarlack« zu überziehen, um Patina zu vermeiden.7 Wegen der Bedenken der Kommunalpolitikerin nahm die Stadt das ihr als Geschenk der François Maher Presley Stiftung zugdachte Denkmal zunächst nicht an.

Davon ausgehend gab es im Sommer eine öffentlich ausgetragene Diskussion, die von der Presse auch als »Govinda-Affäre«8 oder als »Govinda-Streit« im Sinne »einer ausufernden Diskussion um den Zustand des Ehrengrabmals von Anagarika Govinda« bezeichnet wurde.9 Die Presley Stiftung überlegte einen Rückzug aus der Stadt Waldheim, dessen kulturelles Leben sie seit Jahren stark förderte.10 Der Bürgermeister machte sich persönlich auf, um Govindas Profil von übermäßigem Grünspan zu befreien: »›Ich habe einmal über das Bronzerelief gewischt, um einen Teil der Patina zu entfernen.‹ Nun sehe das Relief wieder so gealtert und lebendig aus, wie von der Künstlerin gewollt.«11 Im September 2018 löste sich das Problem auf, und die Stadt nahm das Geschenk des Denkmals an: »Erhalten bleibt nun zumindest Anagarika Govindas Grabstein samt Bronzerelief in derzeitiger Form – inklusive Grünspan. Denn dieses Mal ging der Beschluss einstimmig und ohne weitere Anmerkungen durch den Verwaltungsausschuss.«12

Diese »Govinda-Affäre«, von einem Beobachter auch als »Witz aus der Provinz«13 bezeichnet, trug dazu bei, dass der tibetische Lama mit indischer Staatsbürgerschaft und sächsischen Wurzeln vielen Menschen seiner ursprünglichen Heimat zum Begriff wurde, die ihn bis dahin nicht kannten. Dass am meisten der Grünspan auf seinem Porträt bewegte, mag man auch als Zeichen dafür sehen, wie weit Govinda sich vom Ort seiner Herkunft entfernte.

Das vorliegende Buch über Govindas symbolische Heimkehr gibt als ersten Beitrag die Rede »Ein Kreis schließt sich« wieder, die Bürgermeister Steffen Ernst am 20. April 2020 in der Friedhofskapelle auf Anagarika Govinda hielt. Mit dem zweiten Artikel »Die Lebensreise eines Weltbürgers« unternimmt die Herausgeberin einen Überblick über die Biografie und das Schaffen Govindas.

Die beiden folgenden Beiträge »Wege der Asche« von Volker Zotz und »Der steinige Weg der Heimkehr« von François Maher Presley gehen der Odyssee der sterblichen Überreste Govindas nach, im ersten Fall weltweit, im zweiten mit einem Focus auf die Geburtsstadt Waldheim.

Mit dem Verhältnis, das Govinda zu Lebzeiten zu seiner Heimatregion und damit auch zu seiner sächsischen Familie hatte, beschäftigt sich Volker Zotz sodann in »Anagarika Govinda und Sachsen.«14

Der letzte Beitrag widmet sich François Maher Presley, dessen Kulturstiftung das Grabdenkmal in Waldheim errichtete, in seinem Verhältnis zu Anagarika Govinda: »Beide Persönlichkeiten sind Grenzgänger, die konventionelle Schranken überschreiten, um als Reisende durch die Kulturen und Disziplinen der Kunst in Bewegung zu bleiben.«

Anagarika Govinda, nach dessen Überzeugung diese Bewegung auch mit dem Lebensende zu keinem Schlusspunkt gelangt, kommt zum Ausklang des Buchs selbst mit einem »Gespräch über den Tod« zu Wort: »Der Tod ist nicht das Gegenteil des Lebens und schon gar kein absolutes Ende, wie es bei oberflächlicher Betrachtung erscheint, sondern jedes Wesen pendelt fortwährend zwischen Geburt und Sterben, Neugeburt und neuem Sterben. Es ist ein Weg fortgesetzter Erneuerung.« .15

 

Birgit Zotz (Hg.): Ein Weitgereister kehrt zurück. Texte zur Beisetzung von Asche Lama Govindas in Waldheim 2018. München 2018

Mittelsachsen TV: »Ein Weitgereister kehrt zurück.« Gesendet am 27. April 2018

André Pitz: »Letzte Ruhe für Anagarika Govinda in Waldheim.« In: Leipziger Volkszeitung, 23. April 2018

Frank Korn: »Heimkehr eines Weitgereisten.« In: Sächsische Zeitung, 21. April 2018

Mittelsachsen TV: »Ein Weitgereister kehrt zurück.« Gesendet am 27. April 2018

François Maher Presley: »Gertraud Wendlandt.« In einer Mitteilung der Telemann Stiftung, Hamburg

Frank Korn: »Verwirrung um Govinda Grabmal.« In: Sächsische Zeitung, 31. Juli 2018

Dirk Wurzel: »Govinda-Affäre geht weiter: CDU-Stadträtin soll um Verzeihung bitten.« Leipziger Volkszeitung, 16. August 2018

André Pitz: »Letzte Ruhe im Govinda-Streit.« In: Leipziger Volkszeitung, 13. September 2018

10 Nadine Franke: »Stiftung denkt über Rückzug nach.« In: Sächsische Zeitung, 16. August 2018

11 »Bürgermeister säubert Govinda-Grab.« In: Sächsische Zeitung, 17. August 2018 (signiert »DA/nf«)

12 André Pitz: »Letzte Ruhe im Govinda-Streit.« In: Leipziger Volkszeitung, 13. September 2018

13 Dirk Wurzel: »Govinda-Affäre geht weiter: CDU-Stadträtin soll um Verzeihung bitten.« Leipziger Volkszeitung, 16. August 2018

14 Der Text erschien ursprünglich im Katalog zur Ausstellung über Leben und Werk Govindas in Waldheim 2016/17: Volker Zotz: »Anagarika Govinda und Sachsen.« In: Birgit Zotz (Hg.): Tibets Sachse. Ernst Hoffmann wird Lama Govinda. München: Edition Habermann 2016, S. 101 - 111

15 Ursprünglich erschienen in: Lama Anagarika Govinda: Weit über mich selbst hinaus. Gespräche über Tantra und Meditation. Hg. von Birgit Zotz. Grafing 2017, S. 35 – 42

EIN KREIS SCHLIESST SICH

Steffen Ernst

Vorwort des Bürgermeisters der Stadt Waldheim (2018)

Im nächsten Monat jährt es sich zum 120. Mal, dass der Gelehrte, Künstler und Schriftsteller Ernst Lothar Hoffmann 1898 hier in Waldheim geboren wurde. 1928, vor genau 90 Jahren hat dieser Sohn unserer Stadt den europäischen Kontinent verlassen und sich auf einen weiten Weg begeben. Dieser führte ihn buchstäblich um die ganze Erde. Von Nordafrika, wo er unter anderem die islamische Kultur studierte, begab er sich nach Indien. Dort verbrachte er die meiste Zeit seines Lebens, mehr als ein halbes Jahrhundert.

Er nahm die indische Staatsbürgerschaft und den neuen Namen Anagarika Govinda an, heiratete die bekannte indische Künstlerin Li Gotami und vertiefte sich in Indiens reiche Kultur. Die Bücher, die er darüber schrieb, wurden in viele Sprachen übersetzt und haben besonders in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg dazu beigetragen, die buddhistische Kultur des alten Indien in Europa und Amerika bekannt zu machen.

Von Indien aus hat Govinda legendäre archäologische Expeditionen nach Tibet unternommen, die er in seinem internationalen Bestseller Der Weg der weißen Wolken beschreibt. Seine bis 1949 gewonnenen Materialien und Aufzeichnungen aus Tibet dienen bis heute der Wissenschaft. Die letzten Lebensjahre verbrachte Govinda in den Vereinigten Staaten von Amerika, wo er bis zu seinem Tod 1985 Bücher schrieb und Vorträge an wissenschaftlichen Instituten hielt.

Auf allen Stationen seines Lebens von Europa über Afrika nach Asien und Amerika hinterließ er Spuren. So gibt es in Indien ein von ihm gegründetes tibetisches Kulturzentrum; an der Columbia Universität in New York besteht ein nach ihm benanntes Forschungsarchiv. Umgekehrt hinterließen alle Stationen seines langen Weges Spuren in seinem Leben. Erst 2016 bis 2017 konnten wir hier im Museum in Waldheim eine Ausstellung mit zahlreichen Gemälden sehen, in denen Govinda seine Eindrücke auf den verschiedenen Kontinenten festhielt.

Seine Studien und Reisen ließen Govinda im wahrsten Sinne des Wortes zu einem »Weltbürger« werden, der sich immer und überall für Toleranz, Offenheit und Verständigung einsetzte. Er hat sich selbst beschrieben als ein »indischer Staatsbürger europäischer Herkunft und buddhistischer Religion, der einem tibetischen Orden angehört und an die ...

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