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Ein Weihnachtswunder zum Verlieben

Über die Autorin

Ali Harris arbeitete als Journalistin für diverse Frauenmagazine, unter anderem Red, Elle, Stylist, Cosmopolitan und Company und sie war stellvertretende Kulturredakteurin bei der britischen Glamour, bevor sie eine Familie gründete und ihren ersten Roman schrieb. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in London.

Ali Harris

Ein Weihnachtswunder zum Verlieben

Aus dem Englischen von
Stefanie Retterbush

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Ben.

In unendlicher Liebe …

Donnerstag, 1. Dezember

Noch vierundzwanzig verkaufsoffene Tage bis Weihnachten

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Erstes Kapitel

Ich schaue aus dem Schlafzimmerfenster hinaus in den dunklen Wintermorgen, während draußen sanft die Schneeflocken vom Himmel rieseln. Ist es das?, frage ich mich. Der Wind hat nicht gedreht, wie der bei Mary Poppins, der sie zur Familie Banks wehte, oder wie der Tornado, der Dorothy nach Oz trug, aber vielleicht, nur vielleicht, versucht das Universum mir mit diesem flauschigen Niederschlag ja zu sagen, dass mein Leben sich bald ändern wird. Ein Schneewirbel, der dem Wirbel der Ereignisse vorausgeht, auf den ich schon so lange warte.

Ich lasse die Gardine wieder fallen und flitze zur Frisierkommode, wo mein Adventskalender gegen den Spiegel lehnt. Lächelnd öffne ich das erste Türchen und stecke mir die Schokolade in den Mund. Das Bild dahinter zeigt eine Schneekugel. Noch ein Zeichen dafür, dass bald alles auf den Kopf gestellt wird?

Eine halbe Stunde später lasse ich die Haustür hinter mir ins Schloss fallen, wuchte mein Fahrrad die Treppe vor dem Haus hinunter und springe dann schwungvoll auf, ein kribbelndes Gefühl der Vorfreude in der Magengrube. Heute wird Großes geschehen. Ich weiß es einfach.

Wie an jedem anderen Arbeitstag trage ich auch heute eine schlichte schwarze Hose, eine weiße Hemdbluse (mit einem Thermo-Unterhemd darunter) und flache Schnürschuhe. Darüber habe ich einen Strickpulli gezogen, meinen warmen knielangen Dufflecoat, eine Bommelmütze und einen bunt geringelten Schal, den ich mir fest um Hals und Mund geschlungen habe. Kein besonders toller Look, aber um diese Tageszeit sieht mich ohnehin niemand. Und auch sonst zu keiner Tageszeit. Seit zwei Jahren hat mich niemand mehr richtig angeschaut. Seit damals, als Jamie sich von mir getrennt hat.

Wobei ich mich seitdem natürlich grundlegend verändert habe und völlig über ihn hinweg bin. Na ja, vielleicht nicht völlig. So was braucht eben seine Zeit. Zwei Jahre sind nicht besonders lang, um eine fünfjährige Beziehung zu verarbeiten, oder? Es ist mir egal, was meine Schwester sagt, ich finde es vollkommen nachvollziehbar, dass ich ihn noch nicht ganz vergessen habe. Und außerdem konzentriere ich mich seit der Trennung auf andere Bereiche meines Lebens. Ich meine, immerhin wohne ich nicht mehr bei meinen Eltern. Das ist doch auch schon mal was. Okay, dann wohne ich eben jetzt bei meiner großen Schwester Delilah und ihrem Mann Will im ausgebauten Dachgeschoss ihres Hauses mit Blick auf einen traumschönen kleinen Platz in Primrose Hill, aber das ist was anderes, weil ich nämlich unabhängig bin. Wie man es von einer Frau mit achtundzwanzig Jahren eigentlich erwarten sollte. Na ja, unabhängig, wenn man mal davon absieht, dass ich als Gegenleistung für die kostenlose Unterkunft morgens und abends auf meine dreijährige Nichte Lola und meinen zweijährigen Neffen Raffy aufpasse. Nicht gerade ideal, aber ich will nicht klagen.

Ich atme tief durch und schaue mich staunend um. Wie soll man an einem solchen Tag nicht fröhlich sein und zuversichtlich? Die Dächer der vornehmen Regency-Häuser entlang des Chalcot Square tragen weiße Hauben, als sei eine dicke Kugel Vanilleeis auf den pfefferminzgrünen, orangen, himbeerrosa und zitronensorbetfarbenen Häusern geschmolzen. Und der hübsche kleine Park, den sie umgeben, sieht aus wie eine festliche Weihnachtstorte, mit dickem weißem Zuckerguss glasiert. Ich fahre los und wackele ein wenig unsicher hin und her, während ich den Park umrunde und auf die Regent’s Park Road radele.

Dort überquere ich die Straße und fahre in Richtung Primrose Hill, wobei ich mit Kraft in die Pedale treten muss, um mich durch die dicke gefrorene Schneeschicht zu kämpfen, die unter meinen Reifen knirscht. Dann höre ich kurz auf zu strampeln und lasse das Rad einfach den Berg hinunterlaufen, spüre, wie mir der Wind um die Wangen pfeift, werfe den Kopf in den Nacken und schließe die Augen, bis es mir fast vorkommt, als schwebte ich schwerelos durch Raum und Zeit. Ich mache die Augen wieder auf, packe den Lenker fest und trete wieder wie wild in die Pedale. Denn heute bin ich ausnahmsweise fest entschlossen, weit zu kommen.

Es kommt mir fast vor, als sei ich wie von Zauberhand rückwärts durch die Zeit katapultiert worden, als ich in den Portland Place einbiege. Auf der ganzen Straße sind weit und breit keine Fahrzeuge zu sehen, und ich kann mir lebhaft vorstellen, wie es hier ausgesehen haben muss, als Kopfsteinpflaster und Pferde und Kutschen das Stadtbild bestimmten. Und während ich mir noch in allen Farben ausmale, wie ich in viktorianischer Garderobe ausgesehen hätte, biege ich auch schon ab in die New Cavendish Street und dann in die Great Titchfield Street, vorbei an unbeleuchteten Pubs und Restaurants, und dann schwenke ich schwungvoll in eine kleinere Straße und bremse und komme schliddernd vor dem Kaufhaus zum Stehen: Hardy’s – dem Ort, der seit zwei Jahren meine zweite Heimat geworden ist und wo heute endlich all meine Karriereträume wahr werden.

Zweites Kapitel

Hardy’s liegt elegant an einer Ecke, an der sich zwei Straßen treffen, einen Katzensprung nördlich (oder, wie manche Leute behaupten, auf »der falschen Seite«) der Regent Street. Auf der anderen Seite liegt Soho mit seinen unzähligen berühmten Theatern, den legendären Restaurants und den coolen angesagten Bars. Aber wir hier in »Noho« sind ein bisschen wie die weniger berühmte, aber viel hübschere Verwandtschaft von Soho. Offiziell liegt Hardy’s im Stadtteil Fitzrovia und damit für die Menschenmassen, die tagtäglich zu den großen Geschäften in der Regent und Oxford Street pilgern, viel zu weit ab vom Schuss. Die allermeisten Touristen haben keinen Schimmer, dass es uns überhaupt gibt, und die Londoner besuchen lieber einen schicken Selfridges, einen altmodischen Liberty oder einfach einen praktischen John Lewis, als eigens den weiten Weg hierher zu wagen.

Das kleine, aber perfekt ausgelegte Kaufhaus reckt sich vor mir in die Höhe wie ein Aufklappbild aus einem weihnachtlichen Kinderbuch. Ich lehne mich im Sattel zurück und schaue liebevoll an der Fassade hoch, noch etwas außer Atem von meinem ungewohnten Sprint hierher. Normalerweise habe ich es nicht so eilig, zur Arbeit zu kommen, aber heute ist alles anders: Um Punkt neun Uhr findet die große Ankündigung statt. Sharon, unsere Personalchefin, ist letzte Woche ins Warenlager gekommen und hat mir im Vertrauen erzählt, sie wollten jemand zur stellvertretenden Verkaufsleiterin befördern. Sie meinte, sie hätten jemanden im Auge, der schon seit geraumer Zeit für das Unternehmen arbeite (Hallo! Zwei Jahre!), der die Ware in- und auswendig kenne (ich bin ja auch bloß für das gesamte Warenlager zuständig) und ebenso die Kunden (unsere Stammkunden kenne ich aus dem Effeff). Dann sagte sie, sie wollten jemanden, dem der Laden wirklich am Herzen liegt. Und wenn das nicht mal der Wink mit dem Zaunpfahl war, dann weiß ich es auch nicht. Es gibt nichts, was ich nicht über Hardy’s weiß. Und Sharon weiß, wie gerne ich im Verkauf wäre, in Kontakt mit den Kunden, mittendrin, als Teil des großen Ganzen.

Das Kaufhaus selbst hat schon bessere Zeiten erlebt, heutzutage haben wir kaum noch Kunden, und unser Sortiment würde auch in ein Museum passen, aber trotzdem liebe ich den alten Kasten. Darum war ich auch ganz aus dem Häuschen, als ich hier vor zwei Jahren einen Job ergattert habe – wenn auch nur im Warenlager. Damals dachte ich, das sei nur eine kleine Zwischenstation, bis jemand mein Potential erkennt und mich in den Verkauf befördert. Aber darauf habe ich bisher vergeblich gewartet. Zumindest bis heute …

Ich werfe einen Blick auf die Uhr an der Kaufhausfassade. Es ist gerade erst halb sieben. Ich schließe mein Fahrrad auf dem Stellplatz ab und kann den Blick einfach nicht von der Fassade mit den warmen Sandsteinziegeln wenden. Hardy’s ist in einem wunderschönen vierstöckigen Gebäude untergebracht. Im modernen Erdgeschoss finden sich große Schaufenster, darüber reihen sich entlang der ersten Etage traumhaft schöne, geschwungene Barockfenster wie ein Dutzend wachsamer Augen, die auf die Straße hinunterschauen. Die schmalen rechteckigen Fenster im nächsten Stock scheinen wie lange Wimpern, die nur darauf warten, den vorbeiflanierenden Passanten neckisch zuzuzwinkern. Die Silhouette des Daches wird beherrscht von reich verzierten Balkonen mit Säulen und einem mittig platzierten Turm mit Kuppeldach, das nun mit einer dünnen Schneeschicht bedeckt ist. Vorne an diesem Turm ist eine Uhr, die den vorbeigehenden Londonern schon seit hundert Jahren die Zeit anzeigt. Aber als ich jetzt so zu ihr hinaufschaue, scheinen die Zeiger vollkommen stillzustehen, als sei die Zeit selbst eingefroren und erstarrt. Sogar die Fenster scheinen mich mit leerem Blick anzuglotzen. Fast ist es, als sei das ganze Haus in einen tiefen Dornröschenschlaf verfallen.

Es mag zwar der 1. Dezember sein, aber davon ist bei Hardy’s nichts zu spüren. Eigentlich müsste das jetzt gerade die geschäftigste Einkaufszeit des ganzen Jahres sein, aber der Laden liegt Tag für Tag da wie eine verlassene Geisterstadt. Und um dem Elend die Krone aufzusetzen, hat die Geschäftsleitung in diesem Jahr auch noch beschlossen, ausgerechnet an der Weihnachtsdekoration zu sparen. Weshalb Hardy’s traditioneller Publikumsmagnet, die gut fünfzehn Meter hohe Fichte, die jahrzehntelang immer gleich neben der Haupttreppe stand, wo sie sich unter Christbaumschmuck bog und stolz die Stapel zauberhaft verpackter Weihnachtsgeschenke bewachte, kurzerhand gestrichen wurde. In einem Anfall von Sparsamkeit schlug Rupert Hardy, ein Hardy der vierten Generation in der Geschäftsleitung, vor, wir sollten stattdessen die zwei Dutzend billigen, geschmacklosen silbernen Plastiktannen aufstellen, die sein Vater Sebastian irgendwann in den achtziger Jahren angeschafft, aber nie aufgestellt hatte. Rupert meinte, sie seien eine kleine Verbeugung vor den modernen Zeiten, dem trendigen »Weihnachtsminimalismus«, aber wir alle wissen nur zu gut, dass es bloß eine Sparmaßnahme ist. Doch um welchen Preis?, bin ich versucht zu fragen. In einem Laden ohne den leisesten Hauch von Weihnachtsstimmung will doch niemand einkaufen. Und die Kunden brauchen nur einen Blick auf die erbärmliche Fensterdekoration zu werfen und wissen gleich, dass Hardy’s die festtägliche Weihnachtsstimmung gänzlich abgeht.

Seufzend betrachte ich den aufgesprühten Kunstschnee, der das Dutzend kleiner, mickriger Bäumchen rahmt, die offensichtlich für die Raunächte stehen sollen, drei in jedem der vier großen Schaufenster. Sie sehen zum Gotterbarmen aus. Und der echte Schnee, der sich heute Morgen wie Puderzucker auf das Straßenpflaster gestäubt hat, lässt unsere halbherzig geschmückten Weihnachtsfenster umso trauriger erscheinen.

Ich marschiere zum Personaleingang an der Seite des Gebäudes, ziehe meine Karte durch das Lesegerät und lächele Felix zu, unserem Wachmann, der wie immer völlig in sein Sudoku vertieft ist. Auf dem Weg den Flur hinunter gehe ich am Schwarzen Brett der Belegschaft vorbei, auf dem der aktuelle »Mitarbeiter des Monats« aushängt. Diesmal ist es meine gute Freundin Carly. Ich freue mich wirklich für sie; sie hat es sich redlich verdient. Als persönliche Einkaufsberaterin leistet sie tolle Arbeit, und sie hat ein unnachahmliches Talent dafür, den Kunden zu helfen, ihren eigenen, individuellen Stil zu finden, ganz gleich, ob groß oder klein, dick oder dünn und egal welche Persönlichkeit oder Vorlieben derjenige hat. (Sie hatte mal einen präoperativen transsexuellen Kunden, der, als er nach zwei Stunden mit Carly das Kaufhaus wieder verließ, aussah, als sei die OP vollkommen überflüssig. Unglaublich.) Sie sagt, sie ist wie eine Heiratsvermittlerin, nur dass sie Kunden und Kleider verkuppelt.

Aber ich kann nicht leugnen, wie enttäuscht ich war, dass nicht ich für diese Auszeichnung ausgewählt wurde. Ich war noch nie Mitarbeiterin des Monats, während Carly diese Ehre nun bereits zum zweiten Mal zuteil geworden ist. Halb so wild, sage ich mir, als ich da so vor ihrem Foto stehe – und sehe, wie alles an ihr vor Lebendigkeit nur so zu sprühen scheint: ihre Augen, Zähne, Haut, Haare; ja, sie strahlt förmlich –, denn heute ist mein Tag. Carly mag den Job als Einkaufsberaterin bekommen haben, aber eine leitende Position für jemanden, der Hardy’s wie seine Westentasche kennt? Das klingt doch sehr nach mir.

An dem Anschlagbrett hängen Fotos sämtlicher Angestellter. Und ich kann mit Stolz behaupten, jeden einzelnen davon mit Namen zu kennen; ich weiß, mit wem sie zusammenleben, wie ihre Kinder heißen, wie alt sie sind und welche (unerschöpflichen) Talente in ihnen schlummern. Ich weiß, wo sie wohnen, ich kenne ihre Sorgen und ihre Träume. Da wäre zum Beispiel Gwen, die Leiterin der Kosmetikabteilung; eine aufgeweckte Frau und eine unglaublich gepflegte Erscheinung, die hinter ihrem strahlenden aufgesetzten Lächeln ein dunkles Geheimnis verbirgt: einen gewaltigen Berg an Kreditkartenschulden. Oder nehmen wir Jenny, Gwens treue Assistentin. Sie ist fünfunddreißig und bemüht sich seit einiger Zeit erfolglos, ein Baby zu bekommen. Im Laufe meiner zwei Jahre bei Hardy’s habe ich mit ansehen müssen, wie aus einer strahlenden Braut eine verzweifelte Ehefrau wurde, von der Sorge zerfressen, womöglich nie Mutter zu werden. Sie und ihr Mann wollen es nun mit einer künstlichen Befruchtung versuchen, weshalb sie unbedingt mehr verkaufen muss, um möglichst viel von ihrer Kommission zurücklegen zu können. Es ist furchtbar mit anzusehen, wie niedergeschlagen sie ist, weil nichts los ist im Laden.

Dann fällt mein Blick auf das Foto von Guy aus der Herrenoberbekleidung. Ich vermute, er hat sich die Zähne eigens für dieses Foto bleichen lassen; man braucht beinahe eine Sonnenbrille, um nicht von diesem Strahlen geblendet zu werden. Normalerweise ist er immer famos herausgeputzt, aber in letzter Zeit fehlt ihm irgendwie das gewisse Etwas. Sein langjähriger Freund Paul hat ihn für einen jüngeren Mann sitzenlassen, und den drohenden vierzigsten Geburtstag vor Augen suhlt sich Guy nun schon seit Wochen in völlig untypischer Schwermut. Weshalb wir uns alle ein bisschen Sorgen um ihn machen.

Ein weiteres Belegschaftsmitglied, das auf die vierzig zugeht und nicht gerade glücklich darüber ist, ist unsere Personalchefin Sharon. Sie lebt bei ihrer ältlichen Mutter. Und ich glaube, in ihrem Leben gibt es nicht viel anderes als die Arbeit. Ganz sicher bin ich mir jedenfalls, dass sie rettungslos in Rupert Hardy verknallt ist, nicht bloß, weil sie es mir selbst gestanden hat, sondern weil ich oft genug gesehen habe, wie sie ihn anschaut, wenn sie gemeinsam ihre Runde durch das Kaufhaus machen. Die sonst so harsche Sharon wirkt in seiner Nähe viel weicher; sie entspannt sich, ihre Zunge ist nicht mehr so spitz und ihr Gesicht freundlicher und herzlicher. Ich glaube, sie würde noch viel weicher werden, würde er auch nur einen Funken Interesse zeigen und ihr zu verstehen geben, dass ihre Zuneigung auf Gegenseitigkeit beruht. Tut er aber nicht, und so läuft sie durch das Kaufhaus wie eine gereizte Löwin und faucht jeden an, der ihr in die Quere kommt, womit sie sich bei ihren Kollegen schrecklich unbeliebt macht.

Was ich deshalb so genau weiß, weil ich beim Auspacken der Ware jedem einzelnen meiner lieben Kollegen zuhöre, die reihum hereinkommen, um mal für eine Weile dem Publikumsverkehr im Verkauf zu entkommen. Wobei wir natürlich ohnehin nicht so furchtbar viele Kunden haben, um die sie sich kümmern müssten. Sie kommen also zu mir herein, und ich höre geduldig zu, was sie mir zu erzählen haben: über das Leben und die Liebe, über Probleme und Erfolge. Sie reden, und ich höre zu. Und dadurch fühle ich mich irgendwie besonders; ich bin nicht bloß eine kleine Paketauspackerin, ich bin die hausinterne Lebenshilfe, Hardy’s heimliche Kummerkastentante. Aber nicht mehr lange, sage ich mir, als ich beschwingt den Gang entlanghüpfe. Meine Tage im Warenlager sind gezählt.

Zielstrebig laufe ich durch die Notausgangstüren, die vom Personaleingang geradewegs in das imposante Atrium im Erdgeschoss führen, mit den dunklen, holzvertäfelten Wänden und der ausladenden Treppe (neumodischen Schnickschnack wie etwa einen Aufzug sucht man bei Hardy’s vergeblich), die sämtliche Stockwerke inklusive des Untergeschosses miteinander verbindet. Der Laden ist ganz klassisch aufgeteilt. Na ja, gelinde gesagt. Derzeit wirkt es wie ein verstaubtes altes Kaufhaus, wie man es abseits gelegen in einem verschnarchten Provinzkaff erwarten würde. Die ursprünglich wunderschöne Einrichtung – beeindruckende Art-déco-Lüster und alte Mahagonitresen – wurde während Sebastian Hardys Amtszeit erbarmungslos herausgerissen und durch Neonröhren und plastikverkleidete weiße Module und Regalauslagen ersetzt. Und nun steckt das ganze Warenhaus in einer Achtziger-Jahre-Zeitschleife fest, aus der es kein Entkommen gibt.

Im Erdgeschoss finden sich die Kosmetik-, die Lederwaren- und die Schmuckabteilung. Im ersten Stock ist die Abteilung für Designerkleidung untergebracht (eine ziemlich irreführende Bezeichnung, da es dort nichts annähernd Modisches oder Begehrenswertes gibt), und daneben Unterwäsche und Schuhe. Im zweiten Stock folgen dann die Kinderabteilung sowie Kurzwaren und Hüte. Im dritten Stock gab es mal einen Friseur- und Kosmetiksalon (wo seinerzeit meine Mutter arbeitete), aber der wurde längst geschlossen, und so ist dort oben jetzt nur noch Rupert Hardys Büro untergebracht. Im Untergeschoss schließlich findet sich die Herrenabteilung, die auch Sportwaren einschließt und hauptsächlich aus todlangweiligem Jagd-, Angel-, Golf- und Schützenbedarf besteht – ach ja, und der entzückende alteingesessene Teesalon, eine klassische britische Institution, in der kleine Leckereien und natürlich Tee serviert werden. Da das ganze Gebäude sehr offen gestaltet ist, kann ich von hier bis hinauf in das Kuppeldach blicken, und ich atme tief durch, während ich mir all die altmodischen Auslagen anschaue. Ich liebe den typischen Geruch von Hardy’s, ein anheimelnder, leicht verstaubter Duft, der mich geradewegs in meine Kindheit zurückversetzt. Viele verschiedene Gerüche mischen sich hier: Kopfnoten von altem Leder und Holz, Basisnoten von Moschus und Gewürzen, Harz und Vanille. Aber am eindringlichsten ist für mich hier das alles beherrschende Bewusstsein der unzähligen Lebensgeschichten, die sich unter diesem Dach abgespielt haben. Einschließlich meiner eigenen.

Trotz der unchristlichen Uhrzeit geht es hier zu wie in einem Bienenstock. Die Putzkolonne summt fleißig wie ein Schwarm Arbeitsbienen herum, bringt den Fußboden auf Hochglanz und poliert die Regale. Auf der anderen Seite der Kosmetikabteilung sehe ich Jan Baptysta, den polnischen Chef der Reinigungstruppe, der schon länger bei Hardy’s arbeitet als ich.

»Ahhh, Evie-englische-Ehefrau!« Und dann winkt er mir begeistert von seinem Platz hinter der Industriebohnermaschine zu und strahlt mich mit einem breiten Zahnlückenlächeln an, als ich seinen Gruß winkend erwidere.

Diesen Spitznamen hat er mir nach unserem Gespräch darüber verpasst, dass seine Eltern ihn nach Johannes dem Täufer benannt haben, woraufhin ich ihm erzählte, dass meine Mutter bei der Namenswahl für meine große Schwester Delilah versehentlich zur Bibel statt zum Babynamenbuch gegriffen hat und ihr die bunte Namensvielfalt darin so gut gefiel, dass sie auch bei Noah, Jonah und mir wieder darauf zurückgekommen ist. Jan meinte, seine Mutter würde uns aufgrund dieses Zufalls sicher für das perfekte Paar halten.

Dabei will Jan Baptysta mich gar nicht zur Frau. Zumindest kann ich mir das nicht vorstellen. Er ist mindestens fünfzehn Jahre älter und wiegt einen halben Zentner mehr als ich. Überhaupt wirkt er so massig wie ein Panzer mit seinem rasierten Schädel, den dicken, mit Tätowierungen übersäten Armen und den tief liegenden, durchdringenden dunklen Augen. Aber seinem etwas einschüchternden Äußeren zum Trotz führt er die übrigen Reinigungskräfte mit ruhiger Autorität. Und sie danken es ihm mit einer fröhlichen und sehr engagierten Arbeitshaltung. Bis auf Jan ist keiner von ihnen fest bei Hardy’s angestellt; sie sind alle Leiharbeiter eines Reinigungsunternehmens, und viele von ihnen haben schon die ganze Nacht in diversen anderen Betrieben in der ganzen Stadt geschuftet. Und doch stecken sie eine unglaubliche Energie in ihren Job und machen ihre Arbeit mit Stolz, auch wenn dies die letzte Etappe einer Zwölfstundenschicht ist. Wie Jan arbeiten einige von ihnen bereits seit Jahren hier, aber von ihnen hängen keine Fotos an der Pinnwand. Ja, die meisten Angestellten von Hardy’s würden sie nicht mal erkennen, wenn sie ihnen auf der Straße begegneten. Was wirklich eine Affenschande ist, denn es sind ganz entzückende Leute.

Da wäre zum Beispiel Velna aus Lettland, deren große Liebe der Eurovision Song Contest ist. Sie singt ununterbrochen während der Arbeit, womit sie ihre Kollegen langsam, aber sicher in den Wahnsinn treibt. Auf dem iPod hat sie sogar eine Liste mit sämtlichen Siegertiteln des Grand Prix. Ihr größter Traum ist es, eines Tages selbst bei dem Wettbewerb anzutreten, aber niemand bringt es übers Herz, ihr zu sagen, dass sie leider überhaupt nicht singen kann.

»Bumm bäng-a-BÄNG!«, trällert sie und hüpft auf einem Bein herum, als ich an ihr vorbeikomme. Sie trägt ein Tuch über den knallroten Haaren, eine Schildpattbrille und ein Patchworkkleid über einem Rollkragenpullover, dazu Gummistiefel. Ich tanze im Vorbeigehen ein bisschen mit und muss lachen, als sie mich eine Pirouette drehen lässt. Dann wirbelt sie weiter, und ich tappe in Richtung Warenlager davon.

Außerdem wäre da noch Justyna, die eindeutig ein Auge auf Jan Baptysta geworfen hat, weshalb sie mir gegenüber auch äußerst kühl ist. Sie ist gut einen Meter achtzig groß und hat Hände und Füße so groß wie Tennisschläger. Ehrlich gesagt macht sie mir ziemlich Angst. Was ich dadurch zu kompensieren versuche, dass ich überfreundlich zu ihr bin, allerdings meist ohne erkennbare Reaktion ihrerseits.

»HalloJustynawiegehtsdennheuteso?AllesklaristderSchneenichtherrlich?«, plappere ich ohne Punkt und Komma, während sie mich mit einer Miene mustert, die fast so eisig ist wie der überfrorene Bürgersteig draußen.

Sie nickt nur knapp, dann kehrt sie mir wieder den Rücken zu und wischt weiter den Boden, wobei ihr gewaltiges Hinterteil wütend hin- und herwackelt wie das eines aufgebrachten Brauereipferdes. Ich sehe zu, dass ich weiterkomme, und winke den Putzleuten in den oberen Stockwerken kurz zu.

Am Lager angekommen, drehe ich mich vor der Tür noch mal um und werfe einen letzten Blick auf den Laden, ehe ich mich in meiner Höhle einigele. Auf der Stelle ist es vorbei mit meiner guten Laune, denn ich weiß, dass die Putzkolonne sich noch so sehr bemühen kann, dieses alte Schmuckkästchen von einem Kaufhaus kann sie einfach nicht wieder zu seinem längst vergangenen Ruhm polieren. Nichts kann verbergen, dass die Farbe von den Wänden blättert, die Mahagonivertäfelung altersdunkel und der Teppichläufer mit dem kunstvoll verschnörkelten Muster ausgeblichen und durchgetreten ist. Hardy’s so zu sehen, einen Ort, den ich seit so vielen Jahren schätze und liebe, kommt mir fast vor, als sähe ich zu, wie ein bildschöner, alternder Filmstar langsam verwelkt und stirbt.

Schon als kleines Mädchen war Hardy’s für mich so etwas wie mein persönliches Narnia; wenn ich durch die Glastüren hereinkam, glaubte ich ganz ehrlich, ein Zauberland zu betreten, in dem alles möglich war. Ich freute mich immer irrsinnig auf unseren alljährlichen Familienausflug nach London zum Hochzeitstag meiner Eltern, und das nicht nur wegen des eigentlichen Programms – ein Abstecher ins Theater oder Ballett, Abendessen in einem schicken Restaurant und eine nachmittägliche Teestunde in einem eleganten Hotel –, sondern vielmehr, weil wir auch Hardy’s jedes Mal einen Besuch abstatteten.

Jedes Jahr am 12. Dezember fuhr ich gemeinsam mit meinen Eltern nach London, wo wir dann in unserer Wohnung in Hampstead übernachteten, während meine Großeltern sich zuhause um Delilah und die Jungs kümmerten. Auch wenn meine Eltern längst aus London weggezogen waren, hatte mein Vater die Wohnung in der Stadt behalten, weil er oft geschäftlich hier zu tun hatte. Monatelang freute ich mich auf diese Reise: ein wenig kostbare Zeit allein mit meinen Eltern, weg von meinen allzu beherrschenden Geschwistern, die allesamt zu alt und damit zu cool waren, um mitzukommen.

Dort angekommen putzten wir uns dann immer fein heraus. Ich in einem süßen Sonntagskleidchen mit Schleife um die Taille und einem Satinband in den Haaren, einem fröhlich weihnachtlichen Wintermantel, weißer Strumpfhose und Spangenschuhen aus Lackleder. Mum trug ein glamouröses Kleid mit elegantem Mantel, dazu ein Hauch Parfum und Lippenstift, und mein Dad sah aus wie ein Dandy mit seinem schicken Anzug, dem Kaschmirschal und dem Mantel dazu.

Wir fuhren immer mit dem Zug von Norwich zur Liverpool Street und nahmen dann eins der teureren schwarzen Taxen zur Regent Street. Staunend spähte ich zum Fenster hinaus, während die berühmten Londoner Wahrzeichen an uns vorbeirauschten, und träumte von dem Tag, an dem ich endlich hier wohnen würde. Und am Ende standen wir dann alle Arm in Arm vor der mit Tannengirlanden und Lichterketten geschmückten Tür von Hardy’s, bestaunten die mit Weihnachtswunderwaren ausstaffierten, blitzenden und funkelnden Schaufenster und sahen zu, wie die Kunden sich den Weg in das hell erleuchtete Kaufhaus bahnten wie Entdecker, die nach einer langen Reise zurückkehren an den einen Ort, der für sie immer ihr Zuhause ist. Mum und Dad küssten sich lange und innig vor dem Laden, während ich zu ihnen aufschaute, und ich hätte schier platzen können vor Glück, dass diese beiden Menschen, die sich so sehr liebten, meine Eltern waren. Dann spazierten wir hinein, und sofort war ich inmitten des Klingelns der altmodischen Registrierkasse und der strahlenden Verkäufer in ihren Weihnachtsmannmützen.

Anders als die anderen, etwas versnobteren Kaufhäuser, störte sich bei Hardy’s niemand an einem kleinen Mädchen, das neugierig auf eigene Faust die kunterbunten Abteilungen erkundete, während seine Eltern bei Champagner und kleinen Leckereien im Teesalon saßen und gemeinsam in Erinnerungen schwelgten. Ich fühlte mich hier genauso zuhause wie in unserem Haus in Norfolk. Bloß brauchte ich hier nicht ständig um Aufmerksamkeit zu buhlen oder mich behaupten, um mir irgendwie Gehör zu verschaffen. Nein, hier wurde ich von den freundlichen Angestellten mit offenen Armen empfangen, hinter die Verkaufstresen geführt, bekam gezeigt, wie die Registrierkassen funktionierten, wurde mit viel zu großen Hüten und viel zu erwachsenem Make-up ausstaffiert und hatte das Gefühl, das außergewöhnlichste kleine Mädchen auf der ganzen weiten Welt zu sein. Der Laden wurde zu meiner ganz eigenen Verkleidungsschatzkiste. Eine Stunde später tauchte ich dann wieder bei meinen Eltern auf, von Kopf bis Fuß in Vintage-Garderobe gehüllt, mit hübschen Perlmuttbroschen am Mantel, auffällig gemusterte Tücher um die schmalen Schultern, mit einem Pelzmuff und dazu passender Mütze, das Gesicht mit verschiedenen schillernden Lippenstift- und Rougetönen verziert. So stolzierte ich dann ins Untergeschoss zu meinen Eltern, die Händchen haltend dasaßen und nichts um sich herum mitbekamen – nicht einmal Lily, die glamouröse ältere Dame, die den Teesalon führte. Die allerdings entdeckte mich immer, wenn ich unschlüssig in der Tür stand, und winkte mich zu sich herüber, band mir eine rüschenbesetzte kleine Servierschütze um und schickte mich mit einem Tablett voller Törtchen, die eigens mit ihren wunderbar verschlungenen verschnörkelten Initialen dekoriert worden waren, an den Tisch meiner Eltern.

Mum stiegen dann immer die Tränen in die Augen, und Dad erzählte mir auf ein Neues die Geschichte, wie sie sich bei Hardy’s kennengelernt hatten, wie er um ihre Hand angehalten und gleich, als er meine Mutter, die als Friseurin und Kosmetikerin im obersten Stock arbeitete, das erste Mal gesehen hatte, wusste, dass sie die Richtige für ihn war. Und dann erinnerte Mum sich verträumt daran, wie es ihr die Sprache verschlagen hatte, als mein Dad in den Frisiersalon gekommen war, mit seinem dichten, leicht gewellten Haar und der ausgeprägten römischen Nase. Eine halbe Ewigkeit hatten sie sich tief in die Augen geschaut, während die Kunden und die anderen Angestellten um sie herumgestanden und atemlos zugeschaut hatten. Und dann war mein Vater langsam auf meine Mutter zugegangen, hatte sie wie beim Tanzen in seinen Armen nach hinten fallen lassen und sie auf den Mund geküsst, und die Menschenmenge hatte sie umringt und begeistert applaudiert. Walter Hardy junior, der damalige Chef des Hauses, war sogar in den Salon gekommen, um der Ursache des ganzen Tohuwabohu auf den Grund zu gehen, und da ging mein Dad einfach zu ihm, den Arm noch immer fest um meine etwas verstörte, aber vollkommen bezauberte Mutter gelegt, und teilte Walter mit, meine Mum brauche ihre Stelle nicht mehr, sie werde nämlich seine Frau. Woraufhin Walter nur lachend den Kopf geschüttelt hatte – zum Glück kannten die beiden sich, da Dad seit der Schulzeit eng mit Walters Sohn Sebastian befreundet gewesen war –, und Dad hatte Mum hinaus in seinen wartenden Wagen und dann zum Claridge’s entführt, wo sie zusammen gegessen und getanzt hatten. Drei Monate später heirateten sie im Standesamt von Chelsea, und neun Monate darauf kam Delilah auf die Welt.

Das war vor fünfunddreißig Jahren. Solche alles überdauernden Liebesgeschichten werden heute gar nicht mehr geschrieben. Ich selbst kann ein Lied davon singen: Schließlich suche ich schon, solange ich zurückdenken kann, erfolglos nach der großen Liebe.

Diese herzerwärmende Liebe-auf-den-ersten-Blick-Geschichte ist bei uns zuhause so was wie ein wahr gewordenes Märchen – vom Kaufhaus ganz zu schweigen. Selbst heute reden die älteren Angestellten noch von der bildschönen blonden Friseurin, die in diesen heiligen Hallen ihren Märchenprinzen gefunden hat. Oft genug habe ich meinen Vater gelöchert, weil ich wissen wollte, warum er sich an diesem Tag so ganz anders benommen hat als sonst. Als erfolgreicher Finanzier ist er von Haus aus immer sehr bedacht und hat keinen Funken Spontaneität im Leib. Worauf er jedes Mal antwortet: »Wenn man etwas will, dann muss man es sich nehmen, Evie, sonst bringt man es im Leben nicht weit.« Manchmal wünschte ich, seine Zielstrebigkeit hätte ein bisschen auf mich abgefärbt.

Man könnte also sagen, aus der Liebesgeschichte meiner Eltern ist meine ganz eigene Liebesgeschichte mit Hardy’s entstanden, weshalb ich nun auch schon seit einiger Zeit hier arbeite. Wobei ich mich manchmal einfach fragen muss, ob das womöglich schon alles war. Ich liebe diesen Laden, und in keinem anderen Kaufhaus auf der ganzen Welt würde ich lieber arbeiten, aber wenn ich mir als kleines Mädchen ausgemalt habe, was ich mal werden will, dann war es sicher nie die Herrin über ein Warenlager. Ich wollte Künstlerin werden oder Modeschöpferin oder Schaufensterdekorateurin. Als Kind habe ich auf den Malblöcken, die ich überall mit hingeschleppt habe, endlos Skizzen für Auslagen und Schaufenster gemalt. Ich habe über Hochglanzbildbänden gebrütet und kleine Läden und Flohmärkte nach Kleidern durchstöbert, wie die Leute sie in meiner Vorstellung trugen, als Mode noch für langlebigen Stil stand. Nach meinem Abschluss auf der Kunsthochschule habe ich sogar eine Stelle bei einem Praktikantenprogramm für Modemarketing in London ergattert. Ich saß schon auf gepackten Koffern, als ich Jamie in dem Hotel in Norfolk kennenlernte, in dem ich den ganzen Sommer gejobbt hatte. Es bereitete ihm kaum Mühe, mich zum Bleiben zu überreden. Ich war einundzwanzig, er war mein erster richtiger Freund, und ich war bis über beide Ohren verliebt. Und mein ganzes Leben lang schwirrte mir schon die romantische Geschichte im Kopf herum, wie meine Eltern sich kennengelernt haben.

Für die Liebe hatte Mum, ohne zu zögern, ihren Beruf an den Nagel gehängt; wen wundert es da, dass ich ihrem Beispiel folgte? Es war mein Schicksal. Mehr wollte und erwartete ich nicht vom Leben.

Mum hat immer gesagt, von allen Kindern sei ich ihr am ähnlichsten. Wobei ich glaube, sie meint damit, dass ich am ehesten bereit wäre, für die Liebe Opfer zu bringen. Denn ich wüsste nicht, was wir sonst gemeinsam haben sollten – Delilah hat Mums umwerfende Schönheit geerbt –, aber Mum hat immer diese fixe romantische Idee gehabt, mein Leben würde mal so wie ihres. Und als Jamie sich dann von mir trennte, hatte ich nicht nur ein gebrochenes Herz, nein, es kam mir auch noch vor, als hätte ich sie enttäuscht. Immerhin waren wir fünf Jahre zusammen, und sie hatte sich schon auf Hochzeit und Enkelkinder gefreut. Irgendwann hielt ich ihre unablässigen, wenn auch gut gemeinten Fragen und das Betüddeltwerden nicht mehr aus, und mir wurde klar, dass ich ein bisschen Abstand zu meinem bisherigen Leben brauchte.

Weshalb ich also einen kleinen Koffer zusammenpackte und nach London zu meiner Schwester fuhr, die gerade im Mutterschaftsurlaub war. Nachdem ich mich eine Woche lang Rotz und Wasser triefend an ihrer Schulter ausgeweint hatte und im Grunde genommen ein wandelndes Katastrophengebiet war, weil ich sechsundzwanzig war und bisher nichts vorzuweisen hatte im Leben – keinen Job, keinen Freund und, wie es mir schien, auch keine Zukunft –, erklärte sie mir freundlich, aber bestimmt, es sei an der Zeit, endlich hinauszugehen und mich der Welt da draußen zu stellen. Das rüttelte mich endlich wach. Ich duschte, zog mich an, kämmte mir die Haare und machte mich auf den Weg zu Hardy’s, dem einzigen anderen Ort auf der Welt, an dem ich mich je zuhause gefühlt hatte.

Den ganzen Morgen lief ich ziellos durch die heiligen Hallen und schwelgte in Erinnerungen. Gut zehn Jahre war es her, seit ich das letzte Mal mit meinen Eltern dort gewesen war, seit ich als Teenager den jährlichen Besuchen irgendwann entwachsen war. Seitdem hatte das Haus seinen früheren Glanz verloren – genau wie ich. Es war totenstill im ganzen Laden, die Angestellten versanken in Lethargie, und obwohl ich die einzige Kundin war, wurde ich konsequent ignoriert. Weshalb es mich wunderte, als mir schließlich eine hochnäsige Dame von hinten auf die Schulter klopfte.

»Ich bin Sharon. Du musst die Neue sein«, kläffte sie. Ich klappte den Mund auf und wollte widersprechen, aber sie walzte meinen Einwand nieder wie ein Bulldozer. »Du bist spät dran. Ich dachte schon, du kommst gar nicht mehr.«

»Oh nein …«, setzte ich an.

Aber da hatte sie sich bereits auf dem Absatz umgedreht und stöckelte davon, wobei sie mit den Fingern schnippte und sagte: »Halt nicht Maulaffen feil, Mädchen. Komm mit!«

Und da ich nicht wusste, was ich sonst machen sollte, lief ich ihr folgsam hinterher.

»Du arbeitest im Warenlager«, erklärte sie mir herablassend, während sie mit mir in die tiefsten Untiefen des Ladens hinabstieg, hin zu einer Tür, die versteckt jenseits der Kosmetikabteilung lag. »So lernst du unsere Produktpalette am besten kennen. Rupert ist der Meinung, für neue Mitarbeiter ist das die beste Übung.«

»A-aber …«, stammelte ich hilflos.

»Gibt es irgendetwas dagegen einzuwenden?«, fragte sie und stierte mich vielsagend an, wobei die dünnen nachgezogenen Augenbrauen beinahe unter dem streng zurückgekämmten Haaransatz verschwanden.

»N-nein, Ma’am«, murmelte ich und sah mich hektisch nach einer Fluchtmöglichkeit um, wobei mir gleichzeitig der Gedanke durch den Kopf schoss, ob dies womöglich genau das sein könnte, wonach ich suchte. Ein Job, in London, und noch dazu in dem einen Laden, den ich kannte wie meine Westentasche? Es kam mir beinahe vor wie ein Wink des Schicksals. Delilah hatte bereits vorgeschlagen, ich könne bei ihr und Will wohnen, wenn ich im Gegenzug vor und nach dem Hort auf die Kinder aufpasste, wenn ihr Mutterschaftsurlaub demnächst zu Ende ging. Trotzdem brauchte ich einen bezahlten Job. Und wo könnte ich besser arbeiten als bei Hardy’s? Das könnte der Beginn jener Karriere sein, von der ich immer geträumt hatte. Gerade überlegte ich, der Dame zu erklären, dass ich nicht die war, für die sie mich hielt, dass ich die Stelle aber trotzdem gerne annehmen würde, da hatte sie schon, noch ehe ich den Mund aufmachen konnte, mit wichtiger Geste den Code in das Sicherheitsschloss eingegeben und mich durch die Tür gescheucht. Und ich sagte mir, es bliebe mir wohl nichts anderes übrig, als zu tun, was sie von mir verlangte, und dabei inständig zu hoffen, dass die echte neue Mitarbeiterin, für die sie mich fälschlicherweise hielt, nicht doch noch auftauchte.

Mir klappte die Kinnlade herunter, als ich mich umschaute. Es kam mir vor, als sei ich an einem Ort gelandet, den die Zeit vergessen hatte. Alte Lagerbestände, alter Wandanstrich, sogar alte Luft. Die Frau folgte mir nicht hinein. Sie hatte mich nur hineinbugsiert, um dann umgehend wieder in die hell erleuchtete Verkaufsetage zu verschwinden, die im Vergleich zu dem schmuddeligen alten Lagerraum nun geradezu mondän erschien, und rief mir im Weggehen noch zu, ich solle um ein Uhr Mittagspause machen. Entsetzt schaute ich mich im Lager um, und ich weiß noch, dass ich staunte, wie groß es war. Der kleinen Tür, durch die ich gekommen war, zum Trotz, war der Raum gut fünfzehn Meter lang, und wenn er auch nicht besonders breit war, so schien doch mehr darin zu schlummern, als man für möglich hielt, genau wie in Mary Poppins’ Reisetasche.

Wobei mir, als ich mich so umschaute, der Verdacht kam, Hardy’s könne eventuell noch ein paar dieser altmodischen Schätzchen vorrätig haben. Reihe an Reihe zum Bersten vollgestopfter Schachteln, Kisten und Kartons stapelten sich bedenklich in die Höhe wie der schiefe Turm von Pisa. Aus manchen quoll der Inhalt bereits heraus, sodass wahllos Seife, Schuhe und Reifröcke im Stil der fünfziger Jahre auf dem Boden verstreut lagen und daneben etwas befremdliche Dinge wie Jagdstöcke oder Schneiderpuppen. Es kam mir vor, als rückten die Wände immer näher. Alles hier drin war grau, aber nicht das schicke Taubengrau von Farrow & Ball. Nein, Gefängnisgrau. Graugrau. Und es wäre kalt, wäre es hier drinnen nicht so stickig und staubig. Ich atmete tief ein und rümpfte die Nase.

Wie ich so durch den Lagerraum ging und aufpassen musste, wo ich hintrat, nahm ich den Inhalt der Regale etwas genauer unter die Lupe. Ganz unten bei meinen Füßen zog ich eine Packung Seidenstrümpfe aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg aus einer ramponierten Schachtel, mit Naht und einem Preisschild in Shilling und Pence. Ich hätte gelacht, hätte mich das nicht so schockiert. Aber ich hielt mir die Nase zu und drehte in den ersten Gang ab, um ihn genauer in Augenschein zu nehmen. Dinge, die rein gar nichts miteinander zu tun hatten, lagen hier friedlich Seite an Seite. Hockeyschläger kuschelten mit abscheulichen Ungetümen von Brautmutterkleidern; Gummistiefel und Trenchcoats drängten sich neben Kartons mit BHs in Fesselballongröße und Petticoats, die eigentlich ins Museum gehörten. Original-Vierziger-Jahre-Trilbys waren hinten in ein Regal gestopft, dazu Talkumpuder, flache Mützen und grellbunte Hosenträger, die sich auf den Boden ergossen.

Gerade fragte ich mich, ob hier in den letzten Jahren überhaupt jemand gearbeitet hatte, als ein zierliches, verschüchtertes Mädchen hinter einem der Kartons im Gang gleich nebenan hervorlugte. Sie hatte lange glatte Haare und ein ausdrucksloses Gesicht.

»Bist du die Neue?«, fragte sie leise.

Ich nickte und lächelte sie strahlend an.

»Ich bin Sarah«, sagte sie darauf und nahm ihre Tasche. »Tja dann, viel Glück«, murmelte sie halbherzig, zog sich den Mantel an und schien es kaum abwarten zu können, endlich zu verschwinden.

»Moment«, versuchte ich sie mit einem Anflug von Panik aufzuhalten, als sie zur Tür stapfte. »Willst du mir nicht erst alles zeigen?«

Worauf sie sich kurz umdrehte und herzlich lächelte. »Nicht nötig. Es merkt sowieso niemand, was du hier drinnen machst. Wenn ich dir einen guten Rat geben darf, koch dir einen Tee und bring ein paar gute Bücher mit.« Und damit war sie verschwunden.

Gut zehn Minuten blieb ich wie angewurzelt stehen und rührte mich nicht vom Fleck, so verdattert war ich. Ich wusste gar nicht, wo ich anfangen sollte. Ich wusste bloß, irgendwas musste ich tun. Unordnung habe ich noch nie ausstehen können. Selbst als Kind habe ich abends vor dem Zubettgehen immer erst alle Spielsachen weggeräumt und stets die Türen hinter mir zugemacht, wenn ich aus dem Zimmer ging.

Als der erste Schreck schließlich überwunden war, machte ich mich daran, das Warenlager genauestens zu erkunden. Ich durchsuchte jede Schachtel, jedes Regal, jeden Stapel, machte mich mit der Ware vertraut und überlegte gleichzeitig, was logischerweise wohin gehörte. Es war ein bisschen, als versuchte man, eine komplizierte mathematische Gleichung im Kopf auszurechnen. Aber irgendwie machte es mir einen Heidenspaß. Nachdem ich mir alles ganz genau angesehen hatte, begann ich, eine Liste mit sämtlichen Artikeln anzulegen, darunter einiges zum Daniederknien (Original-Pillbox-Hüte aus den fünfziger Jahren) und anderes zum Kaputtlachen (kunterbunt geringelte lange Unterhosen). Es kam mir vor, als sei ich durch eine Zaubertür in meine Kindheit zurückbefördert worden: Sämtliche Dinge, die ich hier entdeckte, konnte ich mir genauso gut in dem Kaufhaus vorstellen, das ich noch aus Kindertagen kannte. Was es mir eigentlich ganz leicht machte, mir alles zu merken.

Am nächsten Tag brachte ich einen Wasserkocher mit, holte ein paar alte, angeschlagene Fünfziger-Jahre-Tassen aus einem Karton, hängte sie an die Haken über der Spüle an der rückwärtigen Wand des Warenlagers und schleifte das alte abgewetzte Sofa, das unter seiner Last aus mit Krimskrams vollgestopften Kisten ächzte, nach hinten, um einen kleinen Aufenthaltsbereich zu schaffen. Wenn ich diese Arbeit ordentlich machen wollte, dann konnte ich mich hier auch wohnlich einrichten. Dann riss ich die Tür zum Lieferanteneingang auf, um ein bisschen Licht und frische Luft hereinzulassen, kochte mir eine Tasse Tee und machte es mir mit Block und Stift auf der Couch bequem, wobei ich mir überlegte, wie zum Kuckuck ich Ordnung in dieses Chaos bringen sollte.

Einen ganzen Monat dauerte es, diesen Haufen verstaubten Gerümpels in ein funktionierendes Warenlager zu verwandeln. Es war eine Herkulesaufgabe, die nur dadurch erleichtert wurde, dass der quietschende alte Drucker mich nur selten unterbrach, um seine Bestellungen auszuspucken. Es dauerte nicht lange spitzzukriegen, welche Probleme Hardy’s hatte, Kunden in den Laden zu locken. Jeder Abteilung wies ich einen eigenen Gang zu und ordnete die Ware dann alphabetisch. Dann zeichnete ich für jeden Abteilungsleiter einen mit Anmerkungen versehenen, detaillierten Lageplan, da ich mir dachte, wenn ich erst mal meinen regulären Job im Verkauf anträte, dann könnten sie sich mit seiner Hilfe leicht selbst zurechtfinden. Es war eine erstaunlich befriedigende Tätigkeit, und noch mehr wunderte es mich, dass ich während der Arbeit kein einziges Mal an Jamie dachte. Mich einen ganzen Monat lang im Warenlager zu vergraben war die beste Medizin, um nach meiner Trennung wieder auf die Beine zu kommen. Ich hatte einen neuen Job und ein neues Zuhause. Endlich war ich bereit, meinen selbst gesponnenen Kokon wieder zu verlassen.

Drittes Kapitel

Am Ende des ersten Monats konnte ich es kaum erwarten, dass Sharon ins Warenlager kam und meine Arbeit begutachtete und mir endlich sagte, für welchen neuen Job sie mich vorgesehen hatte. Doch zunächst musste sie das vollkommen verwandelte, durchorganisierte Warenlager ausgiebig bestaunen.

»Ich fasse es einfach nicht«, japste sie und drehte sich um die eigene Achse. »Man kann den Fußboden sehen. Alles hat seinen eigenen Platz! Das ist ja Zauberei!« Nachdenklich zupfte sie an ihren akkurat geschnittenen Haaren herum, und ich bildete mir ein, so etwas wie ein Lächeln zu sehen. Dann klopfte sie mir auf die Schulter, erklärte mir, ich sei für die Arbeit im Lager wie gemacht, und statt mich im Verkauf einzusetzen, wolle sie mich zur Warenlagermeisterin befördern. Im ersten Moment wusste ich nicht, ob ich lachen oder weinen sollte, aber dann bedankte ich mich artig und beschloss, das Beste daraus zu machen. Was war schon dabei, wenn ich ganz unten anfing? Sharon würde schon bald von selbst darauf kommen, dass es eine Verschwendung wäre, mich nicht im Verkauf einzusetzen. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich etwas gefunden, worin ich wirklich gut war.

Wie hätte ich damals ahnen können, dass ich mit diesem Job all meine Hoffnungen und Träume zusammen mit dem ganzen anderen unnützen Krempel im hintersten Regal vergrub.

Bis heute, denke ich, als ich den Sicherheitscode eingebe und die Tür aufdrücke. Das harte Licht der Neonröhren flackert unstet, und dann ist der eben noch dunkle Raum plötzlich hell erleuchtet, und der Lagerraum erstrahlt in all seiner grauen Pracht und Herrlichkeit. Ich habe es zwar geschafft, hier penibel Ordnung zu schaffen, sodass es nicht mehr aussieht wie auf dem Speicher einer toten Oma, aber den weißen Anstrich, den er eigentlich bräuchte, habe ich dem Raum bisher nicht verpassen können. Als ich Sharon ein paar Monate, nachdem ich hier angefangen hatte, diesen Vorschlag machte, guckte sie mich an, als hätte ich nicht mehr alle Nadeln an der Tanne. Sie meinte, für derartigen Firlefanz sei kein Geld da. Stattdessen habe ich einfach ein paar kitschige bunte Titelblätter von Zeitschriften aus den Sechzigern und Siebzigern genommen und gerahmt an die Wand gehängt und dann zwei beschädigte Tiffanyleuchten neben dem Sofa aufgestellt. Und im Dezember drapiere ich immer Lichterketten um die Regale. Ich habe sogar einen echten Weihnachtsbaum gekauft, der seit der letzten Novemberwoche in meinem kleinen Aufenthaltsbereich steht und wacker weihnachtliche Stimmung verbreitet.

Ich schalte den Wasserkocher ein, und in dem Moment summt auch schon die Türklingel. Also tappe ich rüber und öffne schwungvoll die zweiflügelige Tür am rückwärtigen Ende des Wagenlagers, die zum Ladebereich führt, und dann muss ich lächeln, als mir ein freundliches sommersprossiges Gesicht entgegenstrahlt. Es ist Sam, der Lieferfahrer, der montags und donnerstags kommt. Ich freue mich immer auf seinen Besuch; manchmal ist er der einzige Mensch, den ich den lieben langen Tag zu Gesicht bekomme. Ja, im Grunde genommen ist er für mich mehr Arbeitskollege als die meisten anderen Angestellten von Hardy’s, mit denen ich kaum etwas zu tun habe. Wir haben uns gleich in der ersten Woche angefreundet, als ich noch dabei war, das Lager zu sortieren. Ich war etwas entmutigt vom schieren Ausmaß dieser Mammutaufgabe, aber nachdem er seine Fracht abgeladen hatte, setzte Sam sich zu mir und fertigte mit mir zusammen eine Skizze an. Er blieb sogar noch ein bisschen länger und half mir, den Raum umzuräumen, und schleppte für mich die schweren Kisten und Möbelstücke, die ich allein niemals hätte vom Fleck bewegen können. Ohne ihn hätte ich das alles nie im Leben geschafft, und unsere Freundschaft, die damals begann, ist seitdem immer enger geworden. Sam ist ein wirklich netter, entspannter Typ, mit dem man wunderbar reden kann. Mir kommt es fast vor, als würden wir uns schon ewig kennen, was irgendwie komisch ist, weil ich bisher noch nie mit einem Mann befreundet war. Die Freunde meiner Brüder behandelten mich immer wie ein dummes Kleinkind, und die Jungs aus meiner Klasse wollten nur mit den Mädchen befreundet sein, auf die sie standen. Weshalb es zur Abwechslung ganz schön war, mal jemanden wie Sam kennenzulernen. Ich glaube, wir sind einfach auf einer Wellenlänge. Wir sind etwa gleich alt, stecken beide beruflich in einer Sackgasse und arbeiten in Jobs, aus denen wir irgendwie nicht mehr herauskommen, und wir haben beide wesentlich länger als allgemein gesellschaftlich akzeptiert bei unseren Eltern gewohnt. Er ist der Jüngste von drei Geschwistern. Seine beiden Geschwister sind beruflich um ein Vielfaches erfolgreicher als er, was ich allerdings nicht verstehe, denn er ist klug, witzig, beredt, kreativ und süß – wenn man auf jungenhafte Männer mit verstrubbelten ahornsirupfarbenen Haaren, Dreitagebart und großen ausdrucksvollen Hundeaugen steht, wohlgemerkt. Er wollte immer als Fotograf für die großen Magazine arbeiten, muss aber gerade feststellen, wie schwer es ist, in einer derart hart umkämpften Branche einen Fuß in die Tür zu bekommen, weshalb er vorübergehend als Auslieferfahrer in der Firma seines Vaters arbeitet. Aber er beklagt sich nicht, und das finde ich toll.

»Du bist spät dran«, rüffele ich ihn und wackele mahnend mit dem Zeigefinger vor seiner Nase herum.

»Stimmt gar nicht«, verteidigt er sich, während er sich in den Türdurchgang drückt und mir mit behandschuhten Fingern eine braune Papiertüte entgegenstreckt. »Ich hab dir was Leckeres vom Bäcker mitgebracht. Ich werde mich hüten, hier ohne Frühstück anzutanzen.«

Und recht hat er. Seit ich hier arbeite, bringt Sam mir jede Woche mein Frühstück mit. Manchmal Kaffee und süßes Gebäck, manchmal Speck oder Würstchen und Eier auf Toast, und gelegentlich schleppt er sogar Pfannkuchen an, mit Heidelbeeren und Ahornsirup. Zu besonderen Gelegenheiten legt er sich so richtig ins Zeug. An meinem Geburtstag gab’s Sekt mit Orangensaft und eine Auswahl feinster Törtchen aus der Patisserie Valerie. »Aufmerksam« wäre ein weiteres Attribut auf der langen Liste der Gründe, weshalb ich Sam so mag.

Neugierig spinkse ich in die Tüte und merke mit einem Mal, dass ich einen Bärenhunger habe. »Mmm, mit Zimt und Rosinen, die mag ich am liebsten.« Ich beiße herzhaft hinein und habe den Mund plötzlich so voll, dass ich kaum noch Luft bekomme. Hektisch versuche ich zu kauen, ohne ihm kleine Bröckchen Blätterteig ins Gesicht zu spucken.

Amüsiert schaut er mich an. »Das sehe ich.« Dann weist er auf den Lieferwagen. »Soll ich schon mal ausladen?« Noch immer heißhungrig das süße Gebäck mampfend nicke ich ihm zu, und er flitzt raus zum Wagen. »Gieß mir schon mal einen Tee ein«, ruft er über die Schulter zurück. »Ich habe gerade noch Zeit für eine Tasse, ehe ich zu meinem nächsten Kunden muss. Ich muss ein bisschen auftauen. Es ist eiskalt hier draußen.«

Gehorsam trotte ich rüber zum Wasserkocher und freue mich, an meinem großen Tag ein bisschen Zeit mit ihm zu verbringen. Bisher habe ich noch niemandem ein Sterbenswörtchen davon gesagt, aber Sam muss ich unbedingt von meiner anstehenden Beförderung erzählen; der freut sich bestimmt ganz schrecklich für mich.

»Hunffff.« Sam hievt die letzten der schweren Kisten in eine Ecke, und als ich mich mit seiner Tasse in der Hand umdrehe, stehe ich vor einer raumhohen Wand aus Pappe.

»Na toll«, knurre ich scherzhaft und reiche ihm den Tee. »Noch mehr Zeug zum Auspacken.«

Sam trinkt einen großen Schluck Tee und wirft einen Blick auf die Kisten. »Muss wohl aus den aktuellen Kollektionen sein.«

Worauf ich nur die Augen verdrehe. »Die wann genau entworfen wurden? 1984?« Mit dem Trend zu gehen gehört nicht gerade zu Hardy’s Stärken.

Ich schlendere rüber zu den Kisten, nehme ein Teppichmesser, lasse es über den Deckel der ersten Kiste gleiten und schnappe förmlich nach Luft, als ich ein schimmerndes Paillettentop mit Schulterpolstern und geschlitzten Ärmeln herausziehe. »Moment mal, Sam, das ist ja entzückend

Nun mag ich zwar kein Modeexperte sein, doch selbst ich sehe auf den ersten Blick, dass das eine ganz andere Liga ist als die Kleidung, die wir normalerweise führen. Der hauchdünne Stoff unter der schützenden Plastikhülle ist so fein und leicht, dass er sich in meiner Hand anfühlt wie flüssige Seide. Und, o Gott, so wie es fällt, denke ich, würde es sogar an mir mit meinen Rundungen großartig aussehen. Ich kann der Versuchung kaum widerstehen, es rasch überzustreifen, aber angesichts Sams offensichtlichem Desinteresse werfe ich nur schnell einen Blick auf das Etikett.

»Florence Gainsbourg?«, lese ich und zucke die Achseln. »Nie gehört. Wieso bestellen wir solche Sachen?« Verwundert werfe ich einen Blick auf die Lieferadresse auf der Kiste. »Bist du ganz sicher, dass diese Lieferung wirklich für uns bestimmt ist, Sam?«

Das scheint ihn regelrecht zu kränken. »Habe ich jemals eine Lieferung verwechselt? Für diesen Job muss man nicht unbedingt Raketenforscher sein, weißt du?«

Abwehrend wedele ich mit den Händen. »Sei doch nicht so empfindlich. Ich kann bloß kaum glauben, dass einer unserer Verkaufsleiter so etwas bestellt. Das ist nicht unbedingt der typische Hardy’s-Stil. Der sieht eher so aus.« Womit ich mich zu einem Regal hinunterbeuge und eine riesengroße Reithose herauskrame, deren Bund ich dann zu seiner vollen Größe auseinanderziehe, um zu verdeutlichen, worauf ich hinauswill. Sam lacht, und ich werfe sie wieder ins Regal zurück und setze mich dann matt auf eine der Kisten. Derweil überlege ich, wie ich ihm die große Neuigkeit verkünden soll.

»Ach, Sam«, seufze ich theatralisch. »Wie lange muss ich hier wohl noch Kisten auspacken?«

»Noch ungefähr vier Stunden, wenn ich mir die Lieferung so anschaue«, sagt er, schlürft seinen Tee und lehnt sich nonchalant gegen ein Regal, anscheinend blind und taub für meine subtilen Andeutungen. Ich haue ihn auf den Arm, und ihm läuft ein bisschen Tee aus dem Mund. Spielerisch schubst er mich zurück. »Aua! Was soll das denn?«

»Ich meinte nicht, wie lange brauche ich noch, um das da auszupacken. Ich meinte, wie lange ich wohl noch hier arbeite.« Mit plötzlich erwachender Neugier schaue ich ihn an. »Ich weiß doch, dass du auch nicht ewig als Laufbursche für deinen Dad arbeiten willst«, hake ich nach. »Frustriert dich dein Job nicht auch hin und wieder?«

»So schlimm ist es nicht«, meint Sam achselzuckend. »Eigentlich macht die Arbeit mir Spaß. Und sie hat definitiv ihre Sonnenseiten.« Und damit prostet er mir mit der Teetasse zu, und ich muss lachen.

»Na ja, ich hoffe bloß, die neue Leiterin des Warenlagers ist eine ebenso gute Gastgeberin wie ich«, sage ich beiläufig. Ich senke den Blick und schaue dann rüber zu Sam, um zu sehen, wie er auf diese Enthüllung reagiert.

»Du gehst doch nicht etwa weg, oder?« Offensichtlich ist er ehrlich entsetzt.

»Nicht weg von Hardy’s, das nicht, aber raus aus dem Warenlager.« Ich unterbreche mich kurz, dann sage ich zögerlich: »Vor dir steht Hardy’s neue stellvertretende Verkaufsleiterin. Na ja«, füge ich beschämt hinzu, »noch ist es nicht offiziell, aber ich glaube, es wird später in der Belegschaftsversammlung verkündet. Ich musste es dir einfach sagen. Du bist der Erste, der es erfährt!«

Sam stellt die Teetasse ab, und ehe ich michs versehe, hat er mich in den Arm genommen. Ich staune, wie warm er ist, wo es doch draußen so kalt ist.

»Das sind ja FANTASTISCHE Neuigkeiten!«, jubelt er und drückt mich fest.

»Ach, das ist doch nichts weiter.« Ich winde mich aus seiner Umarmung, erfreut, aber etwas peinlich berührt angesichts seiner überschwänglichen Reaktion.

»Stell dein Licht nicht unter den Scheffel«, sagt er leise, dann hebt er feierlich die Hand, als wolle er eine Verlautbarung abgeben. »Morgen der Verkauf bei Hardy’s, nächstes Jahr die ganze Modewelt!«

»Ach, sag das nicht.« Ich werde ganz rot. »Hardy’s reicht mir schon.« Nervös mit den Füßen scharrend suche in nach einer Möglichkeit, das Gespräch von mir weg und wieder auf ihn zu lenken. »Und was ist mit dir? Ich weiß doch, dass du dir auch was anderes wünschst als das hier …«

Er zuckt die Achseln; das Thema scheint ihm unangenehm zu sein. »Es geht im Leben nicht immer darum, was man sich wünscht, Evie.«

Mit schief gelegtem Kopf versuche ich ihn zu ermuntern fortzufahren, aber er stürzt hastig den letzten Rest Tee herunter. Dann wischt er sich über den Mund und grinst mich an. Seine hellbraunen Augen haben die Farbe von Ein-Pence-Stücken. Weshalb sie wohl auch immer so strahlen wie poliertes Kupfer.

»Ich muss leider los, sonst komme ich in Verzug mit der nächsten Lieferung.« Er stockt kurz. »Vielleicht könnten wir ja … zusammen was trinken gehen, um deine Beförderung zu feiern? Ich meine, unsere morgendlichen Teestündchen fallen ja dann jetzt leider ins Wasser, oder? Wenn du bald zu ›denen‹ gehörst.«

»Oh. Nein. Daran hatte ich noch gar nicht gedacht. Tja, ja, lass uns das auf jeden Fall machen.« Und auf einmal fallen mir all die anderen Leute ein, die ich dazu einladen könnte. Wir könnten richtig einen draufmachen.

»Sag einfach Bescheid, wann und wo.« Und dann ist Sam auch schon wieder verschwunden und winkt mir im Weggehen zu, ohne sich umzudrehen.

Ausnahmsweise vergeht die Zeit heute wie im Flug. Es ist ungewohnt spannend, die unerwarteten Schätzchen der neuen Lieferung auszupacken. Darunter ist beispielsweise ein kurzes, schimmerndes Seidenkleid, das aussieht, als hätte man es in den Indischen Ozean getaucht, so wie das leuchtende Aquamarinblau in Kaskaden über die vielen Schichten seidigen weißen Stoffs fließt. Mit vor Staunen heruntergeklappter Kinnlade ziehe ich ein weiteres Teil heraus. Es ist ein wahr gewordener Park-Avenue-Prinzessinnentraum aus flockigem weißem Tüll und aufgestickten Pailletten, die an winzig kleine Spinnweben erinnern. Vorsichtig drapiere ich es über einen Kleiderbügel und fürchte fast, das zarte Gespinst könnte sich in meinen Händen auflösen. Ich ziehe ein weiteres Kleidungsstück heraus, ein figurbetontes schwarzes Kleid mit tiefem Rückenausschnitt, dessen Rockteil mit Hunderten winzig kleiner Perlen besetzt ist. Noch nie habe ich so viele schöne Sachen auf einmal gesehen, geschweige denn anfassen dürfen, und ich wage es kaum, sie zu berühren. Und um ehrlich zu sein, kann ich mir lebhaft vorstellen, dass es unseren Kunden ähnlich ergehen wird. Ich meine, ich weiß, Hardy’s braucht dringend eine zeitgemäße Verjüngungskur, aber das hier ist viel zu hoch gegriffen für unsere derzeitigen Kunden. Aber mich fragt ja keiner … zumindest noch nicht.

Als der Zeiger der Uhr quälend langsam auf neun vorrückt, bekomme ich ein leicht nervöses Flattern in der Magengrube. Ich bin ganz aufgeregt bei der Vorstellung, dass meine Kollegen mich, wenn sie erst von meiner Beförderung erfahren, endlich wie ihresgleichen behandeln werden. Die Vorfreude lässt mir einen wohligen Schauer über den Rücken laufen, als die Angestellten allmählich im Lagerraum eintrudeln, unserem neuen Treffpunkt für die wöchentliche Belegschaftsversammlung. Rupert war der Meinung, es sei schlecht fürs Geschäft, wenn potentielle Kunden uns während der Besprechung lethargisch um den Kassenbereich im Erdgeschoss herumlungern sehen. Seiner Ansicht nach schreckt so was die Kundschaft ab.

»Hallo, Sarah, meine Liebe!«

Mir wird ein bisschen schwer ums Herz, als Susan und Bernie, die beiden irischen Schwestern mit den silbergrauen Haaren, die seit vierzig Jahren in der Kurzwarenabteilung arbeiten, hereinspazieren und mich freundlich grüßen. Nicht mal ihnen ist aufgefallen, dass ich anstelle meiner Vorgängerin im Warenlager arbeite, obwohl ich ihnen als kleines Mädchen stundenlang geholfen habe, alte Knöpfe und Stoffmuster zu sortieren. Jedes Mal, wenn ich sie sehe, hoffe ich insgeheim, dass sie irgendwann zwei und zwei zusammenzählen und ihnen ein Licht aufgeht. Vielleicht wäre das ja jetzt der richtige Moment, es ihnen zu sagen. Dann könnte ich mit meiner Beförderung noch mal ganz von vorne anfangen. Gerade will ich den Mund aufmachen und ihnen sagen, wie ich wirklich heiße, da schneien Gwen und Jenny aus der Parfümerie herein.

»Hallooo, Sarah!«, zirpen sie im Chor.

»Hi«, brumme ich und gebe mich mal wieder geschlagen. Aber meine Laune bessert sich gleich wieder, als Carly flankiert von Paula und Tamsin hereinschwebt. Carly ist immer perfekt gestylt und von Natur aus sexy; Paula hat eine gewisse Strenge, so einen Achtziger-Jahre-Schick mit metallischem Lippenstift, blauem Lidschatten und toupierten, zurückgekämmten Haaren. Sie hat was von einer etwas moderneren Mrs. Slocombe aus der Sitcom Are You Being Served?, die ja auch in einem Londonder Kaufhaus spielte. Tamsin dagegen ist durch und durch ein Essexer Mädel: künstliche Fingernägel, künstliche Sonnenbankbräune, platinblond gefärbte Haare und verdächtig straffe Brüste.

Die Angestellten scharen sich um Carly, bestaunen mit offenem Mund ihr Outfit und kichern, als sie ihre gebannte Zuhörerschaft mit einer weiteren Anekdote ihrer berühmt-berüchtigten, verrückten wilden Nächte in den Szeneläden der Stadt unterhält.

»Ach, Carly«, japst Gwen und hält sich vor Lachen die Seiten, »du bist schon eine. Erzähl doch noch mal, was du zu diesen Fußballern gesagt hast.«

Nachdem sie ihre Geschichte zu Ende erzählt hat, bahnt Carly sich den Weg durch das bewundernde Publikum zu mir.

»Heya, Baby, wie geht’s?«, fragt sie herzlich. Ich lächele sie an. Wie immer sieht sie strahlend schön aus, heute in einem futuristisch anmutenden goldenen Paillettentop mit spitzen, hervorstechenden Schultern, die im rechten Winkel abstehen, ganz im Gegensatz zu dem restlichen Top, das ihren Körper umschmeichelt wie ein Lufthauch. Auf den ersten Blick erkenne ich das Teil als das Gainsbourg-Top. Sie muss eins für sich selbst vorbestellt haben, um es im Laden zu tragen. Sehr absatzfördernd, wobei es hier auch noch nie so eine verlockende Auswahl gab wie die aus der heutigen Lieferung.

»Was meinst du, worum es bei dieser geheimnisvollen Ankündigung wohl geht?«, fragt Carly mich ganz aufgeregt.

Verdutzt gucke ich sie an. Erst letzte Woche habe ich ihr erzählt, wie sehr ich auf eine Beförderung hoffe. Wobei ich gestehen muss, dass ich ihr gesagt habe, die Sache sei streng geheim und sie dürfe niemandem ein Sterbenswörtchen davon verraten, aber das alles hat sie offensichtlich vollkommen vergessen. Aber eigentlich nur zu verständlich. Carly führt ein derart turbulentes Leben, dass sie vermutlich einfach keine Speicherkapazität im Hirn mehr hat, sich zu merken, was ich ihr erzähle. Entweder sie trifft sich mal wieder mit einem heißen Kerl oder sie geht zu einer tollen Party oder sie ist zur Eröffnung einer coolen neuen Bar eingeladen. Ihr Leben und meins könnten unterschiedlicher nicht sein.

Ich schaue zu ihr auf, während sie die welligen braunen Haare von den Schultern schüttelt. Wobei, wenn ich »braun« sage, dann hat das nichts mit dem Braun meiner Haare zu tun. Ihre Haare sind von feinen Strähnen in Gold, Kupfer und Kastanienbraun durchzogen, und sie schimmern und glänzen wie eine Krone. Auf der Nase hat sie kecke süße kleine Sommersprossen, und ihre Wimpern sind lang und rahmen ihre blassgrünen Augen so perfekt, dass es immer aussieht, als müsse sie selbst darüber staunen, wie hübsch sie doch ist.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich sie an meinem ersten Tag hier gesehen habe. Ich kam aus dem Warenlager und wollte gerade Mittagspause machen, da ging sie an mir vorbei, gefolgt von einem Rattenschwanz sie ergeben bewundernder Kollegen. Sie erzählte gerade eine urkomische Anekdote über ein Rendezvous, über das sich alle – selbst die griesgrämige Elaine aus der Designerabteilung – schlapplachten. Sie wirkte so selbstbewusst und entspannt im Kreis ihrer Kollegen, dass ich richtig eingeschüchtert war, weshalb ich es auch nicht wagte mich vorzustellen. Aber am nächsten Tag tauchte sie unvermutet bei mir im Warenlager auf und hatte einen Kaffee für mich dabei.

»Darf ich reinkommen?«, fragte sie grinsend und reichte mir die Tasse. »Ich dachte, du könntest sicher einen gebrauchen. Ich habe gehört, du fängst jeden Tag um sieben Uhr morgens an. Wie machst du das bloß? Ich schaffe es ja kaum, mich um neun hierherzuschleppen! Ach so, ich bin übrigens Carly. Und du heißt Sarah, stimmt’s?«

Ich nahm den Kaffee und klappte den Mund auf, um sie zu korrigieren, war aber zu schüchtern, um ihr zu erklären, dass die Kollegen noch immer nicht wussten, wie ich wirklich hieß, und ich wollte sie auch nicht unbedingt mit der Nase darauf stoßen, dass ich mir einen fremden Job unter den Nagel gerissen hatte. Das war einfach zu peinlich. Stattdessen fragte ich sie, wie es kam, dass sie ausgerechnet bei Hardy’s arbeitete. Eine halbe Stunde saßen wir da, und sie erzählte mir, wie sie ein Jahr lang in Sydney gelebt und gearbeitet hatte, von ihrer schnuckeligen kleinen Wohnung in Clapham, wo sie mit ihrer besten Freundin von der Uni wohnte, und dass sie seit Neustem wieder Single war. Ich erfuhr alles über gute Dates und schlechte Dates, gemütliche Mädelsabende zuhause und wilde Nächte auf der Piste. Und ich hörte geduldig zu, vollkommen fasziniert von ihrem bunten, aufregenden Leben, das so ganz anders schien als mein eigenes.

Und dann fragte sie mich nach Hardy’s, und ich teilte nur zu gerne mein umfangreiches Wissen mit ihr. Sie war so dankbar, dass sie anbot, mich nach der Arbeit auf einen Drink einzuladen. Beflügelt von dem Gedanken, auf der Arbeit meine erste neue Freundin gefunden zu haben, rief ich Delilah an und fragte sie, ob es ihr was ausmachen würde, die Kinder selbst aus dem Hort abzuholen. Und dann lief ich den ganzen restlichen Nachmittag durch die Stadt und shoppte für meine Verabredung mit Carly am Abend.

Wir trafen uns, als sie um achtzehn Uhr Feierabend machte, und gingen auf ein paar Cocktails in eine coole Hotelbar in Soho. Das war der mit Abstand schönste Abend seit Langem. Okay, es war auch der einzige Abend seit Langem, an dem ich etwas unternommen hatte. Carly und ich waren beschwipst und quasselten über üble Exfreunde und guten Sex, wie Freundinnen das nun mal so machen. Wobei sie die meiste Zeit redete, um ganz ehrlich zu sein, aber mir war das nur recht. Als ich an diesem Abend nach Hause ging, fühlte ich mich jung und glücklich und so, als hätte mich zum ersten Mal seit Ewigkeiten wieder jemand gesehen. Was machte es da schon, dass sie nicht wusste, wie ich richtig heiße?

Seitdem verbringen wir auf der Arbeit viel Zeit mtieinander. Carly hängt ständig bei mir rum, und gelegentlich gehen wir zusammen aus; meistens montags, weil sie sonst zu beschäftigt ist. Aber wir lachen uns immer schlapp, wenn sie mir von ihren jüngsten Verabredungen erzählt, oder wenn sie mir mal wieder berichtet, welche Klamotten sie gekauft hat oder wie sie mit ihrer besten Freundin um die Häuser gezogen ist. Ich höre ihr sehr gerne zu. Ihre Geschichten geben mir einen kleinen Einblick in ein Leben, wie ich es gerne führen würde.

Jetzt dreht sie sich um, zwinkert mir zu und bedeutet mir mit einer Geste, dass sie gerne eine Tasse Tee hätte, und just in dem Moment kommt Sharon auch schon zur Tür herein. Schnell husche ich zu der kleinen Küchenzeile, wo ich eben schon eine Kanne Tee aufgesetzt habe. Eigentlich bin ich ganz froh, hier in meinem Eckchen verschwinden zu können, denn vor dem großen Augenblick möchte ich keinerlei Aufmerksamkeit auf mich ziehen. Ich stelle mir vor, wie Sharon merkt, dass ich nicht unter den anderen Angestellten bin, und darauf wartet, dass ich dazukomme. Oder sie fragt die anderen, wo ich bin, und Carly sagt es ihr dann. Und dann trete ich in die jubelnde, klatschende Menge, während Sharon meine Beförderung verkündet. Vielleicht heben Carly und ihre Kolleginnen aus der Einkaufsberatung mich sogar auf ihre Schultern, wie Fans bei einem Rockkonzert.

Bei dem Gedanken muss ich grinsen, während ich die Teekanne auffülle und höre, wie Sharon weitere Punkte der Tagesordnung vorträgt. Gerade habe ich Carly eine Tasse Tee eingegossen, da wird Sharons dünne, spitze Stimme lauter, und sie klatscht in die Hände. Rasch rühre ich mit dem Teebeutel ein wenig in der Tasse herum, denn es ist klar, dass sie jetzt die große Neuigkeit verkünden wird.

»Und nun«, höre ich sie sagen, »möchte ich, dass ihr euch alle meinen Glückwünschen für eine Mitarbeiterin anschließt, die endlich ihre längst überfällige Beförderung bekommt …«

Fest umklammere ich Carlys Teetasse, halb aus Angst, halb vor Aufregung. Ich kann mir genau vorstellen, wie Sharons Blick durch den Raum wandert wie ein Suchscheinwerfer und nach mir Ausschau hält.

»Diese junge Dame arbeitet unermüdlich und stellt damit tagtäglich, oft unter schwierigsten Bedingungen, ihr Engagement für Hardy’s unter Beweis, und in den vergangenen Monaten hat sie mich mit ihrer Arbeitsmoral, ihrer Fähigkeit, ihre ganze Abteilung neu zu strukturieren, und ihrer Zukunftsvision für dieses Unternehmen immer wieder von Neuem beeindruckt …«

Ich spüre, wie mir die Röte in die Wangen steigt. All die harte Arbeit zahlt sich endlich aus.

»Sie ist ein echter Gewinn für dieses Unternehmen«, fährt Sharon fort, »weshalb ihr sie sicher alle mit mir zusammen zu ihrer Beförderung beglückwünschen werdet. Also, wo ist unsere neue stellvertretende Verkaufsleiterin? Noch sehe ich sie nicht!«

O Gott, denke ich. Jetzt ist es so weit. Das ist mein Auftritt.

Ich spähe um die Ecke und sehe, wie Sharon im Meer der Angestellten jemanden sucht. Ich schiebe mich zwischen meine Kollegen, und just in dem Augenblick sagt sie: »Ah, da ist sie ja! Nur nicht so schüchtern, tritt ruhig vor!« Errötend mache ich einen weiteren Schritt nach vorne, und dann trompetet Sharon begeistert: »Ich bitte um einen kräftigen Applaus für Carly.«

Viertes Kapitel

Ich bleibe wie angewurzelt stehen. Das disharmonische Klatschen der Kollegen hallt durch den Raum, und mit eingezogenem Kopf verschwinde ich langsam und unauffällig in meine kleine Küche, lehne den Kopf gegen die kühle geflieste Wand und schließe die Augen. Am liebsten möchte ich heulen vor Wut und Enttäuschung. Wie konnte ich das alles bloß so missverstehen?

Als ich mich schließlich wieder einigermaßen gesammelt habe, tappe ich zurück zu den anderen, und sofort sehe ich Carly, die inmitten der Kollegen Hof hält. Ich will ihr gratulieren, ich will mich für sie freuen, und doch würde ich am liebsten mit den Fäusten auf den Boden trommeln wie Delilahs Tochter Lola, wenn sie einen ihrer Tobsuchtsanfälle bekommt. Aber natürlich reiße ich mich zusammen. Ich warte, bis die anderen Leute weg sind, dann atme ich tief durch, setze ein strahlendes Lächeln auf und gehe zu ihr.

»Herzlichen Glückwunsch, Carly. Das hast du dir redlich verdient«, sage ich herzlich, doch meine Worte klingen hohl; wie das Echo all jener Glückwünsche, die sie bereits gehört hat. Ich frage mich, ob sie meine Enttäuschung verstehen wird, wenn ihr wieder einfällt, dass ich eigentlich erwartet hatte, selbst befördert zu werden. Doch daran scheint sie keinen Gedanken zu verschwenden.

Als alle weg sind, sinke ich matt gegen die Regale. Dann ziehe ich mein Handy raus und wähle Sams Nummer. Ich brauche jetzt dringend ein bisschen Mitgefühl und Trost, etwas, das man nur von einem richtig guten Freund bekommt. Doch ich werde gleich zur Mailbox weitergeleitet. Enttäuscht stecke ich das Handy in die Tasche und schaue niedergeschlagen aus dem kleinen Fenster, hinter dem dicke Schneeflocken herabrieseln. Sosehr ich mir wünsche, ich hätte jemanden zum Reden, dem ich erzählen könnte, wie enttäuscht ich gerade bin, so bin ich irgendwie auch ganz froh, allein in meinem Gefängnis zu sein. Seit beinahe zwei Jahren sitze ich hier nun schon meine Zeit ab, und eben gerade wurde meine Haft auf unbestimmte Zeit verlängert; und zwar ohne Aussicht auf Bewährung. Gequält stöhne ich auf beim Gedanken daran, wie ich heute Morgen vor Sam mit meiner unmittelbar bevorstehenden Beförderung geprahlt habe. Wieso konnte ich nicht ein Mal meine vorlaute Klappe halten? Jetzt muss er mich für einen Totalversager halten, wenn ich ihm erzähle, was passiert ist.

Ich höre ein Rascheln, linse durch die Regale und sehe, dass Sharon noch da ist und die Lieferscheine durchgeht. Kurz bin ich versucht sie zu fragen, warum sie mich mal wieder bei der Beförderung übergangen hat, aber mir drängt sich der Eindruck auf, dass sie gerade nicht gestört werden möchte.

Seufzend mache ich mich an die Arbeit und beschäftige mich damit, einen Haufen Sherlock-Holmes-Mützen farblich zu sortieren. Eine in einem warmen Braunton lege ich als verfrühtes Weihnachtsgeschenk für Sam beiseite. Das muntert mich kurz auf, aber als ich weitermache, fällt mein Blick auf meine schmuddelige weiße Bluse und die unansehnliche Hose, und als ich aufstehe, sehe ich im Spiegel über der Spüle meine ungewaschenen Haare, die mir schlaff ins Gesicht hängen wie gekochte Spaghetti, und mein ungeschminktes Gesicht. Und plötzlich steigen mir die Tränen in die Augen, und ich schlucke schwer, weil ich nicht will, dass Sharon mich hört. Seit Jamie mit mir Schluss gemacht hat, habe ich mich ziemlich gehen lassen; mein Selbstbewusstsein hat sich in Luft aufgelöst, und mit ihm der größte Teil meines Selbst. Auf einmal schießt mir das Bild von Carly – lachend und strahlend und so stylish – durch den Kopf. Könnte ich doch nur ein bisschen mehr so sein wie sie, dann wäre ich vielleicht nicht so … unsichtbar.

Schließlich höre ich, wie Sharon rausgeht und die Tür des Warenlagers hinter ihr zuschlägt. Und in dem Moment sehe ich, wie mir etwas aus dem Stapel Kleidern heraus verführerisch zuzwinkert. Es ist das Oberteil von Florence Gainsbourg, das heute Morgen in der Lieferung war. Das gleiche Top, wie Carly es trägt. Ich schaue an meiner langweiligen weißen Bluse runter und beiße mir auf die Lippen, als mein Arm sich ohne mein Zutun nach der glitzernden Beute reckt. Meine Hand zittert, als ich die Plastikhülle berühre, und mit einer ruckartigen Bewegung ziehe ich das Teil aus dem Kleiderstoß und bewundere staunend dieses Prachtstück.

Und wie ich es so hochhalte, geht mir auf, dass dieses Oberteil alles verkörpert, was ich gerne wäre. Es ist ein echter Hingucker, ein traumhaftes Vergissmeinnicht-Teil; besonders und auffallend und aufregend. Jede einzelne Paillette scheint ein Versprechen zu enthalten, wie das Leben sein könnte, würde ich nur hineinschlüpfen. Nervös schaue ich mich um. Wenn ich es kurz überstreife, nur für einen Moment, vielleicht färbt dann ein wenig von seinem Zauber auf mich ab. Und noch ehe ich weiß, was ich da tue, habe ich mir die Bluse vom Leib gerissen und achtlos hinter die Heizung gestopft. Von mir aus kann sie da verbrennen. Ein kleiner Schauer läuft mir über den Rücken, als ich das Top vorsichtig über den Kopf streife und mit geschlossenen Augen das Gefühl des Stoffs an meiner Haut genieße, das Raue der winzigen, aufwendig applizierten Pailletten außen ein scharfer Kontrast zu dem glatten satinartigen Futterstoff darunter. Dann werde ich leicht panisch, weil ich in dem teuren Kleidungsstück stecken bleibe, als ich versuche, es mir über den Kopf zu ziehen. Und dann komme ich mit dem einen Arm nicht durch. Einen Moment lang stolpere ich herum wie ein kopfloser einarmiger Zombie, krache in Kisten und verfluche meine Ungeschicklichkeit und spüre, wie mir schon wieder die Tränen in die Augen steigen. Aber schließlich gelingt es mir doch, das kostbare Oberteil anzuziehen, und ich riskiere einen Blick in den Spiegel. Meine Augen glänzen vor Tränen, meine Wangen sind gerötet vor Anstrengung und vom Weinen, und so gerne ich mich wie sonst auch immer hinter meinen langen glatten Haaren verstecken würde, knülle ich es stattdessen zu einem losen Dutt im Nacken zusammen, so wie Carly es auch manchmal trägt, und binde es mit einem Gummi fest, das ich auf dem Boden entdecke. Dann gehe ich zum Gang mit den Kosmetikartikeln und ziehe ein Kompaktpuder heraus, Wimperntusche und transparenten Lipgloss und trage dann das Make-up mithilfe des kleinen Spiegels in der Puderdose auf. Dann erst trete ich wieder vor den gesprungenen bodentiefen Spiegel in der Ecke des Lagerraums, schließe die Augen und mache sie wieder auf.

Ich sehe wie ein vollkommen anderer Mensch aus.

Verdutzt mustere ich mich und vergleiche mein Spiegelbild mit dem, das mir sonst jeden Morgen entgegenschaut. Mit untypischer Courage beschließe ich, meine Wirkung in der Öffentlichkeit zu testen, und zwar an den Menschen, die jeden Tag in meiner Mittagspause auf der Straße achtlos an mir vorbeilaufen und mich allem Anschein nach nicht im Geringsten zur Kenntnis nehmen. Nachdem ich einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel geworfen habe, marschiere ich entschlossen aus dem Warenlager und flitze durch die menschenleere Parfümerie. Schnell bin ich am Personaleingang, wo Dave von der Tagschicht inzwischen für Felix den Dienst übernommen hat. Er hat die Füße auf den Schreibtisch gelegt und sieht aus, als schliefe er. Ich drehe mich um, und mein Blick fällt auf die Fotos sämtlicher Mitarbeiter im Gang, die ich mir heute Morgen angeschaut habe, von wo auch Carly mich mit strahlendem Lächeln als »Angestellte des Monats« angrinst.

Und dann wandert mein Blick ganz nach unten, wo mein Foto hängt. Meine langen, glatten Haare sehen eigentlich ganz hübsch aus, wie ich erstaunt bemerke, als hätte ich mir an dem Tag die Zeit genommen, sie ordentlich trocken zu fönen. Vielleicht sollte ich mir öfter die Mühe machen. Das macht tatsächlich einen Unterschied, auch wenn man mit allem Lippenstift, Gesichtspuder und Schminke der Welt nicht das Sieben-Tage-Regenwetter-Gesicht übermalen könnte, das ich ziehe.

Noch tiefer wandert mein Blick, und ich sehe mit Entsetzen, dass unter dem Foto meine Tätigkeit und mein Name stehen. Nur ist es nicht mein Name. Da steht »Sarah Evans«. Und als meine Augen zurück zu dem Bild flitzen, fällt es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen. Das Mädchen auf dem Foto bin gar nicht ich. Das ist meine Vorgängerin. Und auf einmal erinnere ich mich auch wieder daran, wie ich Sarah an meinem ersten Tag kennengelernt habe: ein unauffälliges Mädchen ohne irgendwelche Besonderheiten, bis auf die beinahe greifbare Enttäuschung, die sie umgab. Jetzt kann nicht mal ich selbst uns noch auseinanderhalten.

Scheint, als gäbe es bestimmte »Typen«, die sind einfach die geborenen Warenlagermeister, denke ich unglücklich.

Mit diesem niederschmetternden Gedanken im Kopf schleppe ich mich zum Schalter des Wachdienstes und schnappe mir den Kuli, mit dem Felix heute Morgen sein Sudoku ausgefüllt hat.

Dave hebt nicht mal den Kopf. Wild entschlossen und wütend kreuze ich das Foto mit einem Strich durch, streiche den Namen darunter und schreibe stattdessen in dicken fetten schwarzen Großbuchstaben »EVIE TAYLOR«. Und dabei schwöre ich mir, auf dem Weg nach Hause in einem Passfotohäuschen ein paar Bilder machen zu lassen. Ich mag zwar nicht in den Verkauf befördert worden sein, aber trotzdem wird es langsam Zeit, dass die Leute hier mich endlich kennenlernen.

Fünftes Kapitel

Eigentlich wollte ich das Top bloß ein kleines Weilchen anlassen. Ich wollte nur ein paar kurze Minütchen das Gefühl haben, eine andere sein zu können als ich selbst. Aber aus den paar Minuten wurde erst eine halbe Stunde und dann eine ganze, und jetzt habe ich mich so an den weich fließenden Stoff gewöhnt, der meine Haut streichelt, ich denke schon gar nicht mehr daran, dass ich es noch anhabe. Wieder schaue ich in den Spiegel im Lagerraum und hebe zaghaft die Hand an mein Gesicht. Zum ersten Mal im Leben kann ich mich gar nicht sattsehen an meinem eigenen Spiegelbild. Vielleicht liegt es an den goldenen Pailletten, die mir dieses bislang unbekannte Strahlen verleihen. Bestimmt liegt es am warmen Licht, das meine Haut wie einen Pfirsich strahlen lässt, weich und rosig, nicht so blass wie sonst, und auch meine Haare sind nicht so öde mausgraubraun wie gewöhnlich. Selbst meine Augen wirken nicht mehr wie dickflüssige Schokoladenpfützen, sondern funkeln wie leuchtende Tigeraugen.

Erschreckt zucke ich zusammen, als eine Bestellung aus dem uralten, lauten Drucker im Warenlager kommt. Ich werfe einen Blick auf den Zettel. Ein Kopfschmuck mit Pfauenfedern. Schnurstracks marschiere ich in Reihe neun, klettere die Leiter hinauf und recke mich nach einem Regal, in dem ich das Gesuchte rasch finde. Wir haben noch drei Stück auf Lager. So schnell brauchen wir die nicht nachzubestellen. Es gibt nur eine einzige Kundin, die diese ausgefallenen Fascinators bei uns kauft: Mrs. Fawsley. Seit zehn Jahren kauft sie jeden Dezember einen, wie den Unterlagen des Warenlagers zu entnehmen ist. Ich frage mich, was sie mit all den vielen Exemplaren anstellt. Womöglich will sie den Pfauenschwanz wieder zusammensetzen.

Ich muss grinsen und setze mir eins der Teile auf den Kopf. Dann trete ich vor den Spiegel und lache laut. Zusammen mit dem auffälligen Glitzertop sehe ich in dem Kopfputz aus, als wolle ich gleich in den Folies-Bergère auf die Bühne gehen. Ich schwinge ein Bein in die Luft wie ein Revuegirl – na ja, zumindest versuche ich es – und höre dann seufzend, wie der Drucker laut kreischend eine weitere Bestellung ausspuckt.

Zwei Bestellungen in gerade mal fünf Minuten? Und dann stößt das Gerät einen ächzenden Protestlaut aus und gibt mittendrin den Geist auf. Verdammtes Ding, denke ich, und haue einmal kräftig drauf. Wie alles andere in diesem Laden pfeift auch der Bestelldrucker auf dem letzten Loch. Ich versetze ihm noch einen herzhaften Klaps, aber eigentlich brauche ich mir den Bestellschein gar nicht anzusehen. Ich schaue auf die Uhr. Meinen Berechnungen zufolge kann eine Bestellung um zehn Uhr fünfzehn am ersten Donnerstag des Monats nur eins bedeuten: Iris Jackson und ihre Lavendelseife. Ich werfe einen Blick auf den Ausdruck und nicke zufrieden, während ich in den betreffenden Gang gehe und ein Stück von Iris’ ganz besonderer Lieblingsseife heraushole.

Wie ich so dahocke, um die Bestellung aus dem Regal zu kramen, denke ich über Iris Jackson nach. Hardy’s hat diese Seife seit Jahren auf Lager, und ich glaube sogar, wir sind der einzige Laden, der sie noch im Sortiment führt. Sie hat mir erzählt, dass sie in Somerset handgemacht wird von einigen Damen eines Frauenvereins, die nach dem Krieg ein kleines Geschäft aufzogen und Toilettenartikel herstellten und vertrieben. Als ihre Männer aus dem Krieg zurückkamen und jene Jobs wieder für sich beanspruchten, welche die Frauen in ihrer Abwesenheit übernommen hatten, mussten sie schließlich irgendwohin mit ihrem Unternehmergeist. Iris ist wohl in diesem Dorf aufgewachsen. Und heute, all die Jahre später, möchte sie immer noch dieses kleine örtliche Unternehmen unterstützen, obwohl es die Damen vermutlich alle nicht mehr gibt. Oft frage ich mich, warum sie die Seife nicht en gros kauft und sich die monatlichen Besorgungsfahrten hierher erspart, aber ich glaube, der Ausflug zu Hardy’s ist für sie der Höhepunkt des Monats.

Schnell stecke ich mir ein Stück Seife in die Tasche und schaue auf die Uhr, ob es schon Zeit ist für eine Pause. Ich bringe Iris immer persönlich ihre Seife. Das ist für mich zum Ritual geworden, seit ich sie kennengelernt habe, kurz nachdem ich hier angefangen habe. Jenny, die noch recht neu im Laden war, kannte Iris noch nicht und meinte, wir führten diese Seife nicht. Woraufhin Iris Jenny bat, doch bitte im Lager nachzuschauen. Aber als Jenny zu mir hereinkam, verlor sie sich in der Schilderung, wie verzweifelt sie und ihr Mann sich bemühten, ein Baby zu bekommen. Eine halbe Stunde lang hörte ich geduldig zu, wie sie mir begeistert davon vorschwärmte, wie toll es wäre, endlich schwanger zu sein, und wie viel besser die Gina-Ford-Methode doch war verglichen mit dem Babyflüsterer, wenn das Kind dann erst mal da war. Sie redete so lange, dass sie vollkommen vergaß, weshalb sie überhaupt ins Lager gekommen war, bis ihr dann plötzlich die alte Dame wieder einfiel, die nach der Lavendelseife gefragt hatte. Als ich ihr erklärte, Iris sei die einzige Kundin, die diese Seife noch kaufte, weshalb wir sie im Lager ließen, statt sie im Verkauf anzubieten, zuckte Jenny bloß die Achseln.

»Tja, inzwischen ist sie sicher längst weg«, meinte sie lapidar, schaute dann auf ihre Uhr und rief hocherfreut: »Oh, Zeit für die Mittagspause! Ich gehe schnell zu Topshop und schaue mir mal die Schwangerschaftskollektion an.«

Als sie weg war, ging ich schnurstracks zu dem Regal, in dem ich Hunderte der feinen kleinen Päckchen gestapelt hatte, die einzeln in Pergamentpapier eingeschlagen und mit Paketschnur umwickelt waren. Rasch schnappte ich mir eins davon und machte mich daran, die Kundin zu suchen. Was nicht sehr lange dauerte; Iris war die einzige Person weit und breit, die etwas ziellos im Erdgeschoss herumspazierte. Sie schien entzückt, als ich ihr die Seife reichte.

»Vielen Dank, meine Liebe«, sagte sie. »Beinahe hätte ich das Warten aufgegeben und wäre auf einen Earl Grey in den Teesalon gegangen. Möchten Sie mich vielleicht begleiten? Ich lade Sie ein. Heutzutage gibt es nicht mehr viele Verkäuferinnen, die sich derart aufmerksam um ihre Kunden kümmern.«

Ich nahm ihre Einladung an, und seitdem liefere ich jeden ersten Donnerstag im Monat gegen halb elf die Seife in Lilys Teesalon im Untergeschoss, wo sie ausnahmslos und zuverlässig an »ihrem« Tisch sitzt, an einem Earl Grey nippt und mit feiner Geste kleine Häppchen Biskuit mit Buttercreme in den Mund steckt.

Mir knurrt der Magen. Ich freue mich schon auf mein allmonatliches Schwätzchen mit Iris. Gerade habe ich mir Rucksack und Dufflecoat geschnappt und will hinaussausen, als die Tür zum Warenlager aufgeht und Carly hereinscharwenzelt. Sofort halte ich mir den Mantel schützend vor die Brust.

»Baby!«, japst sie mit vor Aufregung strahlendem Gesicht. Sie hält inne, legt den Kopf schief und schaut mich ganz seltsam an. Beschämt drücke ich den Mantel noch fester an mich. »Ich bin so froh, dass du da bist«, fährt sie fort. »Du glaubst ja nicht, was mir gerade passiert ist!«

Ich versuche Interesse zu heucheln, habe aber alle Hände voll damit zu tun, mit dem Mantel mein Top zu bedecken. Auf keinen Fall soll Carly denken, ich würde sie kopieren und ihren Stil abkupfern. Aber sie ist so mit sich beschäftigt, dass es ihr gar nicht auffällt.

»Ich habe gerade den schnuckeligsten Kerl ALLER ZEITEN gesehen.« Aufgeregt fächelt sie sich mit der Hand Luft zu und hechelt fast, als sie sich gegen die Tür lehnt. »Er ist da draußen«, zischt sie und greift mit den Händen nach ihrem Herzen. »Wir haben uns angesehen – ich meine, tief in die Augen gesehen –, drüben auf der Treppe. Ich kam gerade runter, er ging hoch, und jetzt habe ich ihn in der Parfümerie gesehen. Ich meine«, sie lacht, »wie auffällig ist das denn bitte? Er muss oben auf dem Absatz kehrtgemacht haben und ist hinter mir hergekommen! Ehrlich, Baby, der Kerl ist ein Traum, du könntest glatt tot umfallen, wenn du ihn siehst! Er hat dunkle Haare und ganz tiefgründige, große Augen, und er ist groß und hat ganz breite Schultern, und ach, er ist einfach ZUM ANBEISSEN.«

Sie dreht sich um und drückt das Ohr gegen die Tür, und während sie mir den Rücken zukehrt, nutze ich den Moment und ziehe mir rasch den Mantel über und schließe ihn, sodass das Paillettentop darunter verschwindet.

»Ob er noch da draußen ist?«, überlegt sie, das Gesicht noch immer gegen die Tür gepresst.

»Geh doch einfach raus und sieh nach«, schlage ich vor und gucke heimlich auf meine Armbanduhr. Wenn ich mich nicht spute, komme ich noch zu spät zu meiner Verabredung mit Iris. »Wenn er dich ansprechen und vielleicht zum Essen einladen will, kann er das wohl kaum durch verschlossene Türen tun.«

»Das weiß ich auch.« Sie dreht sich zu mir um und verdreht entnervt die Augen. »Ich will ihm bloß zeigen, dass ich nicht so leicht zu haben bin. Also ehrlich, Schätzchen, weißt du denn gar nicht, wie Männer ticken?«

Über diese Frage muss ich erst mal nachdenken. Offen gestanden weiß ich bloß, wie ein Mann tickt. Jamie. Und der hat mich abserviert, weil ich ihm »zu vorhersehbar« war. Insofern also nein; ich habe das ganze Spielchen mit dem »Willst du was gelten, mach dich selten« nie so ganz verstanden.

»Und was hast du jetzt vor?«, frage ich sie und tue interessiert, obwohl ich an nichts anderes als an meine kleine Teepause denken kann. Ich brauche dringend ein bisschen Koffein, und noch dringender muss ich raus aus diesem stickigen Lagerraum.

»Ich warte hier, bis er weg ist. Wenn er mich unbedingt wiedersehen will, dann findet er mich auch«, erklärt Carly selbstbewusst. »Stellst du Wasser auf, Schatz?«

»Ähm, ich wollte eigentlich gerade in die Pause gehen«, entgegne ich zaghaft.

»Ach.« Sie zieht ein langes Gesicht, doch dann heitert sich ihre Miene schlagartig wieder auf. »Kannst du deine Pause nicht hier machen, mit mir? Dann können wir zusammen warten!«

Das Angebot klingt verlockend, aber Iris wartet auf mich, und ich will sie nicht enttäuschen.

»Können wir uns nicht später noch unterhalten?«, frage ich und gehe zur Tür. »Ich muss erst einer Kundin das hier rausbringen.« Dabei wedele ich mit dem Seifenstück. »Du kannst gerne hierbleiben, wenn du möchtest. Koch dir einen Tee und warte, bis er wieder weg ist.«

»Okay.« Enttäuscht senkt Carly den Blick. Dann lächelt sie schon wieder. »Mein neuer Job ist echt cool, findest du nicht? Ich hätte nie gedacht, dass ich so schnell stellvertretende Verkaufsleiterin werde!«

»Du bist sicher ganz aus dem Häuschen«, murmele ich und schiebe mich als sanften Wink weiter Richtung Tür.

»Irgendwie schon«, entgegnet sie und spaziert zu meiner »Plauderecke«, wo sie sich auf das Sofa fallen lässt, als wolle sie es sich für ein längeres Gespräch gemütlich machen. Ich starre erst sie an und dann die Tür. Ich muss wirklich los.

»Hast du schon gehört, dass Rumors eine Location für ihren Flagship-Store in London suchen?«, plappert sie munter weiter. Ich habe schon die Hand an der Türklinke, drehe mich aber höflich um und tue interessiert. »Ich würde morden, um da arbeiten zu können. Ich war in ihrem Laden auf der Fifth Avenue in New York, und das war so cool. Sämtliche Angestellte tragen Couture, und die ganze Fassade ist aus Glas – sogar die Umkleidekabinen sind zur Straße ausgerichtet, mit Milchglasscheiben, die bis zum Hals alles bedecken, aber man sieht die Gesichter der Leute, die sich gerade umziehen!«

Ich zucke die Achseln. In New York war ich noch nicht, aber von Rumors habe ich schon einiges gehört. Klingt für mich wie die reinste Shopping-Hölle. »Hardy’s ist doch gar nicht so schlecht«, erkläre ich und habe das Gefühl, das kleine alte Kaufhaus verteidigen zu müssen. »Der Laden braucht bloß ein bisschen Liebe und Zuwendung und irgendeine … neue Richtung.«

»Ich weiß, das finde ich auch«, sagt sie und schlägt die unglaublich langen Beine übereinander. Ich kann nicht anders, mein Blick wandert zu ihren traumhaften Schuhen mit dem dicken Absatz, die sie heute trägt, um diese dann umgehend mit meinen eigenen unvorteilhaften, abgewetzten, aber vernünftigen flachen Schuhen zu vergleichen. »Darum habe ich ja auch schon mit Sharon gesprochen und vorgeschlagen, einige neue Designer auszuprobieren. Ich habe ihr gesagt: ›Sharon‹, habe ich gesagt, ›wir müssen moderner werden, uns mehr an die jüngeren Kunden wenden, Kunden wie mich. Die wollen exklusivere Läden, modern, trendy und hip.‹«

»Kann sein«, entgegne ich zögerlich. »Aber sie wollen auch einen Ort, an dem sie entspannen und sich wie zuhause fühlen können –«

Aber Carly fällt mir ins Wort und hört nicht auf, mir unverdrossen ihren Beförderungsmonolog wortgetreu wiederzukäuen.

»… Sie wollen Glamour und Spannung und den Reiz des Neuen und Fabelhaften, keinen blöden, immer gleich langweiligen alten Tante-Emma-Laden, in dem sich seit, was weiß ich, hundert Jahren nichts mehr verändert hat. Ich meine, gä-ähn. Also«, sie klatscht in die Hände, »und jetzt erzählst du mir, was bei dir so los ist. Gibt’s heute keinen neuen Klatsch aus dem Warenlager? Von meiner Beförderung mal abgesehen, natürlich!« Sie wirft den Kopf in den Nacken und lacht, sodass der silberhelle Glockenklang durch den Raum hallt, als hinge er voller Windspiele.

Ich glaube wirklich, ich ersticke gleich, wenn ich nicht innerhalb der nächsten dreißig Sekunden hier rauskomme, und irgendwie schaffe ich es, mich rasch zu entschuldigen und nach draußen zu verdrücken. Mutlos stapfe ich hinaus ins Geschäft.

»Herrje, wo sind die denn heute alle? Mir ist so langweilig.« Ich drehe mich um und sehe Becky aus der Lederwarenabteilung, die sich angeödet an eine der Theken in der Kosmetikabteilung lehnt und ihr Gesicht im Spiegel betrachtet. Sie ist erst Anfang zwanzig, behauptet aber, sie sehe allmählich schon ganz ledrig aus, weil sie den ganzen lieben langen Tag mit alten Säcken zu tun hat. (Ich nehme an, sie meint die Ware und nicht etwa Hardy’s Kundschaft, bin mir aber nicht ganz sicher.)

»Na ja, es ist noch ziemlich früh, denke ich«, antworte ich.

Becky greift sich ans Herz. »Himmel … Sarah, nicht wahr? Hast du mich erschreckt! Ich habe dich gar nicht gesehen. Was schleichst du so durch den Laden? Solltest du nicht im Lager sein?« Nachdem sie mich runtergeputzt hat, zeigt sie mir die kalte Schulter und wendet sich wieder dem Studium ihrer Poren zu.

Seufzend schaue ich nach draußen auf die Straße. Menschenmassen schieben sich an den Schaufenstern vorbei, aber sie alle gehen einfach weiter und lassen Hardy’s links liegen, als bemerkten sie uns gar nicht. Am liebsten würde ich in die spärlich dekorierten Schaufenster springen und ihnen zuwinken, Scherensprünge machen, schreien und kreischen und was es sonst noch bräuchte, damit sie mich bemerken.

Auf dem Weg die Treppe hinunter ins Untergeschoss stelle ich mir, wie ich es immer tue, vor, ich sei eine bildschöne Dame aus den späten vierziger Jahren, in einem Chanel-Kostüm mit knallroten Lippen und kurzen, in Wellen gelegten Haaren, auf dem Weg zu einem Rendezvous mit ihrem amerikanischen GI-Geliebten.

Schnellen Schrittes laufe ich durch die Herrenabteilung zum Teesalon, der versteckt am anderen Ende des Kaufhauses liegt. Er ist immer ein willkommener Rückzugsort, wenn ich mal ein bisschen Ruhe und Frieden vom Kommen und Gehen im Warenlager brauche. Von den anderen Angestellten kommt keiner hierher; die gehen lieber zu Starbucks gegenüber oder laufen in der Mittagspause zur Oxford Street.

Lily hat schon hier gearbeitet, als ich noch ein kleines Kind war, und lange davor. Sie ist ein zartes, zierliches Wesen und inzwischen sicher weit über siebzig, sieht aber mindestens zehn Jahre jünger aus. Ihr genaues Alter will sie mir nicht verraten; sie sagt nur immer, sie sei alt genug, um es besser zu wissen, und jung genug, sich nicht darum zu scheren. Sie hat schwarz gefärbte Haare, die sie in einem strengen Knoten trägt, mit kleinen herausgezupften Löckchen, die ihr herzförmiges Gesicht einrahmen. Die Lippen sind rot geschminkt, und ihre Augen sind kobaltblau und funkeln und heben sich strahlend gegen die blasse Haut ab (»Sonnenbräune macht so alt, Darling«), und sie duftet immer nach Puder und Chanel No. 5. Früher war sie Tänzerin von Beruf. Unter anderem hat sie als Windmill Girl an dem berühmten Revuetheater in der Great Windmill Street gearbeitet, das auch während des Krieges geöffnet blieb und bekannt war für seine Akt-tableaux vivants. Wobei ich bis heute nicht recht weiß, was ich mir darunter vorstellen soll. Lily meint nur, es sei »Kunst« gewesen. Sie trägt stets Schwarz und Weiß (»Damit kann man nichts falsch machen, Darling«) und geht nie ohne eine doppelreihige Perlenkette um den Hals aus dem Haus. Wenn ich sie so anschaue, ist sie der beste Beweis dafür, dass echter Stil niemals aus der Mode kommt. Sie erzählt die wunderbarsten Geschichten aus dem London der fünfziger Jahre. Sie ist einfach großartig, eine Dame durch und durch, und ich schätze sie sehr.

Lilys Teesalon betreten die Gäste über eine kleine Treppe gleich neben der Eingangstür des Untergeschosses, wo ein Schild mit der freundlichen Aufforderung hängt: »Bitte warten Sie, bis Sie an Ihren Tisch geführt werden.« Ich weiß, die Londoner können es nicht ausstehen, auf irgendwas zu warten, aber diesen kleinen Moment braucht man einfach, um die wunderbare Umgebung zu bestaunen. Der Teesalon wurde seit den dreißiger Jahren nicht mehr umgestaltet. Irgendwie hatte er das Glück, bei Sebastians grässlicher Renovierungsaktion in den späten Achtzigern übersehen zu werden. Der Boden besteht aus schwarz-weißen Schachbrettfliesen, und auf den kleinen runden Tischchen stehen einladend leuchtende altmodische bordeauxrote Tischlämpchen mit verblichenen Schirmen und Fransenborte. Ich muss dabei immer an den Film Begegnung denken, auch wenn weit und breit kein Eisenbahnwaggon zu sehen ist. Dieser Ort strahlt eine Wärme und Herzlichkeit aus, die ich einfach ganz entzückend finde, und wenn ich da bin, muss ich immer an die vielen Hundert Romanzen denken, die sich im Laufe des vergangenen Jahrhunderts vermutlich hier abgespielt haben. Die alten Wände sind in einem warmen Burgunderrot gestrichen, und an beiden Seiten des Raums schimmern Messingleuchter fröhlich hinter verblassten goldenen Lampenschirmen. Sämtliche Plätze sind mit altmodischen Teetassen eingedeckt, und gerahmte Originalfotografien aus den dreißiger und vierziger Jahren hängen an den Wänden, mit Autogrammen von Cary Grant, Clark Gable und Bette Davis, die alle irgendwann mal hier waren.

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