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Ein Traummann zu Weihnachten?

Liz Fielding

Ein Traummann zu Weihnachten?

PROLOG

Mittwoch, 1. Dezember

Termine für Miss Lucy Bright

09:30 Schönheitssalon

12:30 Mittagessen mit Marji Hayes, Redakteurin, Celebrity Magazin

14:30 Celebrity Fotoshooting (mit Mum!)

16:00 Serafina March, Hochzeitsplanerin

20:00 Abendessen im Ritz, Gästeliste im Anhang

Lucy Brights Tagebucheintrag, 1. Dezember:

Wäre heute Nachmittag so gerne bei der Pressekonferenz für die Eröffnung der Lucy B Modekette dabei, aber wenn man Ruperts Drachen von Sekretärin glauben darf, geht es dabei um finanzielle Dinge, nichts für die Klatschspalten. Sollte mir wohl deutlich machen, wo ich hingehöre. Rupert ist nicht zu erreichen und wird auch nicht vor Mittag auftauchen. Und wieso kann er nicht zu dem Treffen mit dieser schrecklichen Serafina March kommen? Es ist schließlich auch seine Hochzeit.

Dumme Frage. Er ist zu beschäftigt für diesen Mädchenkram. In den letzten Monaten ist er öfter außer- als innerhalb dieses Landes unterwegs. Wenn das so weitergeht, werde ich noch alleine vor den Altar treten.

Das Dinner heute Abend wird dann, wie man mir immer wieder mitteilt, meine persönliche Sternstunde. Zumindest erfüllt so ein Verwöhn-Morgen, gefolgt von einem luxuriösen Mittagessen mit einer Celebrity-Redakteurin und schließlich ein Treffen mit der Hochzeitsplanerin der Stars schon mal alle Kriterien eines Märchens. Ich bin Lucy Bright. Es wird mein Name sein – Lucy B – der im Frühling an über hundert Geschäften prangt. Aber warum fühle ich mich trotzdem so, als gehörte ich nicht dazu, sondern wäre bloß ein Zuschauer?

Nachdenklich rieb sie über den großen, funkelnden Diamanten, der an ihrem Verlobungsring blitzte. Was, wenn ihre Romanze mit Rupert Henshawe nicht ganz so märchenhaft war, wie die Presse es allen glauben machen wollte? In dem Versuch, dieses ungute Gefühl abzuschütteln, loggte sie sich bei Twitter ein, um ihre Follower auf den neusten Stand zu bringen.

Morgen, Tweeps! Bin auf dem Weg zum Haare glätten. Schon wieder. Die

verstecken sich im Salon bestimmt alle, wenn ich da auftauche! #Cinderella

LucyB, 1 Dec 08:22

Die Haare sind wieder glatt. Tolles Essen im Ivy. Jede Menge Promis.

Treffe Mum zum Fotoshoot. Blog Update kommt später. #Cinderella

LucyB, 1 Dec 14:16

PS: Verpasst nicht die Liveübertragung von Ruperts Lucy B Pressekonferenz im

Web! 16 Uhr. Das wird großartig! #Cinderella

LucyB, 1 Dec 14:18

„Komme ich noch rechtzeitig?“, fragte Lucy aufgeregt.

„Wir sind ein bisschen spät dran, Miss.“ Ruperts Chauffeur hielt ihr den Regenschirm, als sie vom Fotoshooting zurück zum Auto lief.

Ein bisschen war untertrieben. Der Fotograf war bei der Jagd nach dem perfekten Bild unerbittlich gewesen. Jetzt blieben ihr keine zwanzig Minuten, um den Termin mit ihrer Hochzeitsplanerin einzuhalten. Während es akzeptiert, ja sogar erwartet wurde, dass die Braut zu spät zu ihrer Hochzeit erschien, duldete Serafina March, was ihre Termine anging, keine derartigen Abweichungen.

„Ich habe keine Zeit mehr, die Hochzeitsunterlagen von zu Hause zu holen, Gordon. Wir müssen zum Büro fahren.“ Ruperts Chefsekretärin hatte eine Kopie davon, die sie sich sicher leihen konnte.

1. KAPITEL

„LÜGNER!“

Im Raum wurde es totenstill, als Rupert – nennen Sie mich einfach Prince Charming – Henshawes Pressekonferenz von seiner Verlobten, Lucy – ich fühle mich wie Cinderella – Bright, gestürmt wurde und sie ihm ihren Verlobungsring mitten ins Gesicht warf.

„Betrüger!“

Alle Kameras richteten sich auf den blutigen Kratzer in Henshawes Gesicht, den der riesige Diamant verursacht hatte.

Die versammelten Presseleute, von der Lokalredaktion über internationale Finanzmagazine bis hin zu Fernsehteams – hielten den Atem an.

Sie waren zu einer hochoffiziellen Pressekonferenz der Henshawe Corporation geladen worden. Was immer Henshawe tat, hatte Nachrichtenwert.

Heute ging es aber nur um seine persönliche Wandlung. Darum, wie er seine ‚Cinderella‘ getroffen und die Liebe ihn geläutert hatte. Dass er nicht länger Mr Ekelpaket war, sondern sich in Prince Charming verwandelte hatte.

Langweilig.

Das hier war schon mehr nach ihrem Geschmack.

„Warum?“, wollte Lucy wissen. Sie kümmerte sich nicht um die Kameras und Mikrofone, die man ihr fast ins Gesicht stieß, oder die Riesenmonitore, auf denen sie sich selbst in voller Lebensgröße sehen konnte. Sie sah einzig und allein den Mann auf dem Podium. „Warum hast du das getan?“

Blöde Frage. Das stand alles in der Akte, die sie gefunden hatte. Die, die sie niemals hätte sehen sollen. Da stand es schwarz auf weiß.

„Lucy! Liebling …“ Ruperts Tonfall war trügerisch sanft, als er mit Hilfe der Mikrofone, die vor ihm standen, Lucys drängendes Warum übertönte. „Das hier sind vielbeschäftigte Leute, die Termine einhalten müssen. Sie sind hier, um sich anzuhören, was für Pläne ich – wir – für die Zukunft der Firma geschmiedet haben. Nicht wegen kleiner privater Streitereien.“

Sein Lächeln war zärtlich, ganz besorgt um sie. So vertraut, beruhigend. Und selbst jetzt noch wäre es so einfach, sich davon einlullen zu lassen …

„Ich weiß nicht, was dich derart aus der Balance gebracht hat, aber du scheinst müde zu sein. Lass dich von Gordon nach Hause fahren, und wir reden später darüber, hmm?“

Sie musste gegen die nachgerade hypnotische Wirkung seiner sanften Stimme ankämpfen. Gegen ihre eigene Schwäche. Gegen die Sehnsucht danach, dass das Märchen, das ihr Leben auf den Kopf gestellt und sie in eine Prominente verwandelt hatte, wahr wäre.

Sie hatte eine Lucy-B-Fanseite auf Facebook, und eine halbe Million Anhänger bei Twitter. Sie war eine moderne Cinderella, vom rußigen Herd in einen Palast verfrachtet, die Lumpen gegen seidene Gewänder getauscht. Aber Prince Charmings „Hochzeitsball“ war auch ein vom Palast arrangiertes Volksamüsement. Nichts machte die Massen so glücklich wie eine königliche Hochzeit.

Es war genau diese Art von Show, die eine raffinierte PR-Frau brauchte, um sich einen Namen zu machen.

„Reden?“, schleuderte sie ihm ebenso laut entgegen, als ihr jemand passenderweise ein Mikrofon hinhielt. „Ich will nicht mit dir reden, Rupert Henshawe! Ich will dich nicht einmal mehr sehen, nie wieder!“ Sie hielt den Ordner hoch, damit er wusste, dass es nichts zu leugnen gab. „Ich weiß, was du getan hast, ich weiß alles!“

Sie hatte noch nicht ganz ausgesprochen, da spürte sie schon, wie sich die Stimmung im Raum veränderte. Niemand sah mehr Rupert auf seinem Podium an. Sie selbst stand nun im Rampenlicht. Vor Wut fast platzend war sie in dieses Nobelhotel gestürmt, nachdem sie erfahren hatte, dass ihr neues aufregendes Leben, ihre Verlobung, nichts weiter war als ein brillant ausgeklügelter Marketingplan. Der Fokus richtete sich jetzt auf sie, als sie diesem Schmierentheater ein Ende setzte. Die Verlobung war ebenso falsch wie der „neue“ Rupert, so falsch wie die Wandlung seines Herzens.

Rupert Henshawe hatte gar kein Herz.

Zu spät fiel Lucy auf, dass es vielleicht nicht ihr bester Schachzug gewesen war, alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Zwar hatte sie sich seit Beginn der stürmischen Romanze mit ihrem millionenschweren Boss an die Presse gewöhnt, aber das hier war etwas anderes. Bisher hatte man sie immer unterstützt, ganz gleich, ob es um private Interviews oder ihre Rolle als Gesicht und Name seiner neuen Modekette ging.

Als sie in seine Pressekonferenz hineinplatzte, hatte sie nur den einen Gedanken gehabt, den Mann, der sie so elendiglich benutzte, zur Rede zu stellen.

Da sich nun jede Linse, jedes Auge im Raum auf sie richtete, fühlte sie sich völlig alleine und sehr verletzbar. Sie wollte nur noch flüchten. Vor den Lügen, den Kameras, den Mikrofonen. Verschwinden. Bei dem Versuch, genau das zu tun, stolperte sie rückwärts über einen Fuß und hielt sich dabei instinktiv an dem Mann neben ihr fest, um nicht zu stürzen. Als sie sich wieder gefangen hatte und sich zu ihm umdrehte, um sich zu entschuldigen, sah sie ihren Fluchtweg von einer ganzen Wand aus Menschen versperrt.

Der Mann, an dem sie sich immer noch festhielt, zog sie näher und schrie ihr etwas entgegen, während die anderen Journalisten dichter heranrückten, sie anrempelten und Fotografen nach ihr riefen, um ihre Aufmerksamkeit auf sie zu lenken.

Sie hatte eben ihren Arm aus dem Griff des Mannes befreit, als jemand versuchte, ihr den Ordner zu entreißen. Wild schlug sie damit um sich und wirbelte ihre Umhängetasche durch die Luft, um sich einen Weg durch die Menge zu bahnen. Eine Szene, die ein einziges blendendes Blitzlichtgewitter auslöste.

Immer wieder wurde sie im Gedränge festgehalten, man zerrte so heftig an ihren Kleidern, dass die Knöpfe von ihrem Mantel absprangen. Beinahe wäre sie wieder gestürzt, doch der Anblick zweier Bodyguards, die genau auf sie zukamen und dabei Reporter und Fotografen zur Seite schoben, ließ erneut Adrenalin in ihre Adern schießen.

Bis heute hatte sie nur Rupert Henshawes sanfte Seite kennengelernt und geglaubt, er wäre tatsächlich ihr Prince Charming. Jetzt bekam sie eine Ahnung davon, wie skrupellos Rupert vorgehen konnte, um seine Ziele zu erreichen. Er würde sie nicht ohne weiteres davonkommen lassen.

Natürlich würden seine Leute es so aussehen lassen, als wollten sie sie bloß vor den Paparazzi bewahren, doch Rupert in aller Öffentlichkeit anzuprangern – vor den Kameras –, hatte sie zum Feind gemacht.

Lucy hatte die Wahrheit, die hinter seinen sanften Worten und seinem Lächeln steckte, in seinen Augen lesen können, und sie wusste, er würde alles tun, um sie zum Schweigen zu bringen.

Fast hatte sie es durch die Menge geschafft, als jemand sie am Handgelenk packte und mit einem Ruck herumzog. Sie stolperte und stieß mit der Schläfe hart gegen eine Kamera, taumelte zurück und trat dabei einem der Reporter mit ihrem spitzen Absatz heftig mitten auf den Fuß. Ein gellender Schmerzensschrei hallte durch den Raum, und alle Aufmerksamkeit richtete sich auf den fluchenden Mann. Lucy zögerte keine Sekunde und stürmte durch die Lücke, die sich für einen Moment vor ihr auftat.

Weihnachten.

Das war die Zeit, um Geld zu machen.

Nathaniel Hart lehnte an einem eleganten Edelstahlgeländer des Kaufhauses, das bereits vor zweihundert Jahren von einem anderen Nathaniel Hart gegründet worden war, und blickte hinab auf die vom Kaufrausch befallene Menge.

Eine Szene, die sich in zahlreichen Hastings & Hart-Geschäften überall im Land wiederholte, da sich die kleinen Luxusartikel, die dort angeboten wurden, wunderbar als Weihnachtsgeschenke eigneten. Parfüm, Schmuck, Seidenschals, alles perfekt im Erdgeschoss arrangiert, damit der verzweifelte nach einem Geschenk suchende Mann nur noch schnell zugreifen musste.

Frauen waren glücklicherweise immer bereit, viel Zeit und Mühe ins Shoppen zu investieren. Sie drängten sich in die gläsernen Aufzüge, die wirkten, als würden sie vom Atrium des Kaufhauses aus direkt zum Himmel aufsteigen. Eine architektonische Illusion, durch Spiegel, Glas und Licht hervorgerufen.

Er wusste, dass es eine Illusion war, denn er hatte sie geschaffen, diese Illusion, die zugleich ein Käfig war. Einer, in dem er selbst gefangen war.

Ihre Schulter schmerzte, seit Lucy damit die Türen des Notausgangs aufgestoßen hatte. Der daraufhin ausgelöste Alarm hatte sie nur noch stärker zur Flucht angetrieben.

Sie wusste nicht, wohin sie lief, nur dass ihr Männer dicht auf den Fersen waren, jeder von ihnen mit eigenen Gründen, sie aufhalten zu wollen. Aber sie hatte genug davon, benutzt zu werden.

„Aaargh!“ Wütend schrie sie auf, als ihr Absatz in einem Gullydeckel stecken blieb und es sie beinahe von den Füßen riss. Hinter ihr rief jemand etwas. Die Männer kamen immer näher. Fluchend zerrte sie an dem Schuh, bis sie ihn schließlich zurückließ und humpelnd weiterlief. Verzweifelt sah sie sich nach einem Taxi um, doch wie immer, wenn man eins brauchte, war weit und breit keins zu sehen.

Idiot, Idiot, Idiot …

Die Worte hallten in ihrem Kopf, während sie über den eiskalten, nassen Bürgersteig humpelte.

Eben hatte sie den größten Fehler ihres Lebens begangen. Nein, den zweitgrößten. Den größten hatte sie gemacht, als sie in die Märchenfalle getappt war.

Im Nachhinein war ihr klar, dass es nicht die grandioseste Idee gewesen war, ihren einstigen Prince Charming vor versammelter Presse als Lügner zu titulieren. Aber was sollte eine Frau anderes tun, wenn ihr Luftschloss eben vor ihren Augen zerplatzt war?

Vielleicht erst denken?

Abwarten, sich Verbündete suchen und seine Munition erst verfeuern, wenn man schon auf der sicheren Seite stand? Kaum zu erwarten von der Frau, die Rupert angeblich wegen ihrer Spontaneität und Leidenschaft liebte.

Da lag der Unterschied.

Die Frau, die auf dem Cover der Celebrity erschienen war, war nicht die Erfindung eines PR-Mannes, sie war real. Fähig zu fühlen, Freude und Schmerzen. Und darum hatte sie ihr Märchen mit Füßen getreten, hatte sich mit den Zehn-Zentimeter-Absätzen ihrer tollen Louboutin-Pumps auf das künstliche Märchenschloss gestürzt, es durchlöchert, dass die heiße Luft entwich und es um sie herum zusammensank.

Idiot war zwar der passende Ausdruck, aber wer, der grade herausgefunden hatte, Opfer eines zynischen, hinterlistigen, gemeinen Betrugs geworden zu sein, hätte rational denken können?

Verbündete hatte sie ohnehin keine. Die Presse hatte längst jeden gekauft, der sie kannte oder einmal gekannt hatte. Ihr ganzes Leben schien längst Eigentum der Medien zu sein, und was die nicht wussten, erfanden sie.

Und Rupert gehörte der Rest.

Von all diesen Leuten, die um sie herumscharwänzelten und taten, als wären sie ihre Freunde, konnte sie nicht einem einzigen vertrauen oder sich sicher sein, dass er echt war und nicht auf der Gehaltsliste von Ruperts PR-Agentur stand.

Sie hatte keinen Menschen und keinen Zufluchtsort. Ihre Knie zitterten schon, und ihre Lungen schmerzten, doch sie lief weiter, in der Hoffnung, im Weihnachtstrubel in der Menschenmenge untertauchen zu können.

Jeden Augenblick würden ihre Verfolger sie eingeholt haben. Es hätte gar nicht der frostigen Luft und dicken Schneeflocken bedurft, um ihr einen eiskalten Schauer über den Rücken zu jagen. Als sie um eine Häuserecke rannte, erhob sich vor ihr die asymmetrische gläserne Pyramide von Hastings & Hart, die in der düsteren Winternacht wie ein Leuchtfeuer wirkte.

Hohnvoll schien das Kaufhaus vor ihr aufzuragen, und dennoch warteten innen neun warme, freundliche Stockwerke mit Hunderten von Versteckmöglichkeiten. Da drin wäre sie eine Weile sicher. Geschickt fädelte sie sich durch das Verkehrschaos, gradewegs auf den Haupteingang zu, vor dem sie jedoch beim Anblick des Portiers schliddernd abbremste.

Gestern noch hatte er devot seinen Zylinder gelüftet, als er sie in einer großen, von einem Chauffeur gelenkten Limousine vorfahren sah.

Heute würde ihre Erscheinung ihn nicht mehr so beeindrucken, aber auch zerzaust und humpelnd, wie sie war, würde er sich wohl an sie erinnern. Sie zog ihren Mantel gerade, schulterte ihre Tasche und versuchte, so normal zu gehen, als hätte sie beide Schuhe an, während sie sich bemühte, den Eindruck zu erwecken, nur auf einem kleinen Einkaufsbummel zu sein.

„Schuhe finden Sie im Untergeschoss, Ma’am“, sagte er, ohne eine Miene zu verziehen und tippte an seinen Hut. Nats Blick blieb an zwei bulligen schwarz gekleideten Kerlen hängen, die im Eingangsbereich standen und sich umsahen. Sie wirkten nicht wie die typischen, leicht verzweifelten Ehemänner, die hilflos nach dem einen einzigartigen Weihnachtsgeschenk suchten.

Männer kauften außerdem nie zu zweit ein.

Und von dieser Sorte hier kannte er genug, um zu wissen, dass es sich entweder um Bodyguards oder sonstige Sicherheitsleute handelte.

Neugierig wartete Nat ab, wer nach ihnen durch die Türen kommen würde.

Aber es kam niemand.

Zumindest niemand, der einen Bodyguard gebraucht hätte, sondern nur der übliche Strom an Besuchern, die die beiden Männer umschifften und sich dann ins Gedränge stürzten.

Stirnrunzelnd beobachtete er weiter, wie die Männer sich kurz austauschten und dann in unterschiedliche Richtungen gingen, ganz offensichtlich auf der Suche nach jemandem.

Blieb die Frage, wer da seinen Bodyguards entwischt war.

Lucy hatte gehofft, im Eingangsbereich im Ansturm der kaufwütigen Kunden nicht aufzufallen. In Sicherheit zu sein.

Wie dumm von ihr.

Schon den Portier hatte sie nicht täuschen können und auch diverse andere Leute nicht, die sie einmal ansahen, ein zweites Mal und dann überlegten, woher sie ihr Gesicht kannten.

Die Antwort war: von überall her.

Rupert und das Celebrity Magazin waren neuerdings beste Freunde, und sein und ihr Gesicht – meistens ihres – zierte seit Wochen die Titelblätter. Ihre Romanze bedeutete Schlagzeilen, weshalb sie auf Schritt und Tritt von Kameras begleitet wurde.

So unauffällig sie sich nun durch die Menge schob, sie wusste, dass man sie anstarrte.

Aus den Tiefen ihrer Tasche ertönte plötzlich der Klingelton ihres Handys: I’m in Love With a Wonderful Guy.

Passender hätte es nicht sein können.

Oder lauter.

Da hätte sie auch gleich ein großes, blinkendes Schild mit sich herumtragen können auf dem „Dumme Blondine!“ stand.

Behindert durch den verdammten Aktenordner, versuchte sie, mit nur einer Hand ihr Handy aus der Tasche zu kramen, doch als sie es endlich hatte, war längst die Mailbox angesprungen, wie schon etliche Male zuvor.

Sie hatte bereits ein halbes Dutzend Anrufe verpasst, seit sie auf der Flucht war, und jetzt ertönte auch noch der laute Piepton einer SMS.

Irgendwie musste sie aus dem Erdgeschoss und aus der Sicht der Leute verschwinden. Sofort. Sie gab es auf, lässig wirken zu wollen, zog auch noch ihren zweiten Schuh aus und stopfte ihn in ihre Tasche. Ohne den lief es sich ohnehin besser, und zudem war sie ohne Absatz gleich zehn Zentimeter kleiner und weniger auffällig.

Soweit sie sich erinnern konnte, befand sich die nächste Damentoilette im dritten Stock. Wenn sie es unentdeckt bis dahin schaffte, konnte sie sich dort eine Weile in einer Kabine einschließen und in Ruhe nachdenken. Was sie besser schon hätte tun sollen, bevor sie in die Pressekonferenz gestürmt war.

Sie nahm die Treppen, da sie mit ihrem roten Mantel in dem gläsernen Lift oder auf der Rolltreppe zu sehr auffallen würde. Die Männer, die sie verfolgten, waren clever genug gewesen, sich auszurechnen, wo sie untertauchen wollte.

Eine gute Idee, die Treppen. Nur, dass sie bereits im ersten Stock Seitenstiche hatte, sich ihre Beine wie Gummi anfühlten und es in ihrer Schläfe wild pochte, dort, wo die Kamera sie getroffen hatte.

Einen Augenblick krümmte sie sich zusammen, während sie abwartete, dass der Schmerz nachließ, dann schlüpfte Lucy kurzentschlossen hinter ein großes Gebilde aus silberweißen Schneeflocken, das in einem Winkel der Treppen von der Decke bis zum Boden reichte, sodass sie nicht gesehen werden konnte, und ließ sich erschöpft auf den Boden sinken. Sie massierte ihre schmerzenden Knöchel und verzog das Gesicht, als sie ihre Füße sah und die zerrissene Strumpfhose.

Daran konnte sie im Augenblick sowieso nichts ändern, also lehnte sie sich mit dem Rücken an die Wand, atmete erst einmal tief durch und betrachtete ihr High-Tech-Handy, das neuerdings zu ihr gehörte wie ein zusätzlicher Körperteil.

All ihre Kontakte und Termine waren darin gespeichert. Es war ihr privates Tagebuch. Sie vertraute ihm ihre Gedanken an, und es war ihr Zugang zu einer Welt, die unendlich fasziniert von ihr zu sein schien.

Sämtlichen sozialen Networks gehörte sie an: Sie hatte eine Seite bei Facebook, Videos auf YouTube, einen Account bei Twitter.

Ruperts PR-Leute waren zuerst gar nicht begeistert über das alles. Doch ihr Friseur hatte ihr beim Strähnchenmachen gesagt, dass bei Twitter über sie diskutiert wurde und ihr gezeigt, wie man sich dort anmeldete.

Dass das der PR-Abteilung nicht passte, hätte sie warnen sollen

Erst als man dort merkte, wie gut ihnen das in die Hände spielte, ermutigten sie Lucy, jeden ihrer Gedanken und alles, was sie tat, dort zu twittern, um ihre zahlreichen Follower auf dem Laufenden über ihre Verwandlung von Cinderella zur Märchenprinzessin zu halten.

Und so verkaufte sie persönlich ganz unschuldig die Illusion. Erledigte die dreckige Arbeit für die PR-Leute.

Aber die Sache hatte zwei Seiten.

Denn langsam füllte sich ihre Mailbox mit Mitteilungen der Leute, die die Pressekonferenz im Internet verfolgt und den Aufruhr gesehen hatten, und trotz allem musste Lucy nun lächeln, als sie die Tweets las.

@LucyB Hübsch, wie du die Tasche geschwungen hast! Was ist denn los?

#Cinderella

WelshWitch, [+] 1 Dec 16:08

@LucyB Was hat der Mistkerl gemacht, Süße? #Cinderella

jenpb, [+] 1 Dec 16:09

@LucyB Gib mir eine Kontaktnummer. Du wirst Hilfe brauchen. #Cinderella

prguru, [+] 1 Dec 16:12

Das Lächeln wich von ihrem Gesicht. Wie wahr, dachte sie, Hilfe werde ich benötigen, allerdings nicht von „prguru“, auch bekannt als Mr Public Relations, dem Mann, der berühmt dafür war, dreckige Geheimnisse an dreckige Zeitungen und Magazine zu verkaufen. Dabei war es ihm ganz gleich, ob man ein Model auf Entzug war oder das Opfer einer schrecklichen Tragödie. Für Bares verkaufte er die Geschichte und machte einen über Nacht berühmt.

Nie wieder würde sie jemandem aus dem PR-Geschäft vertrauen.

Sie wusste nicht, wie lange ihr Telefon noch funktionierte – Rupert würde ihr Handy sperren, sobald ihm das in den Kopf kam – also schrieb sie schnell eine Nachricht an ihre Follower, solange sie noch konnte.

Vielleicht sollte sie auch ihr Tagebuch aktualisieren. Nur für den Fall, dass ihr irgendetwas passierte. Auch das hatte ihr ihr Friseur erzählt. Dass sie ihre Tagebucheinträge mit ihrem Handy zu ihrer ganz privaten Internetseite schicken konnte, wo dann alles gespeichert wurde.

„Mach es für deine Pension, Prinzessin“, hatte er gesagt.

Sie hatte ihn für zynisch gehalten, aber dennoch begonnen, ein Tagebuch zu führen. Vor allem auch, weil es Dinge gab, die sie sonst niemandem anvertrauen konnte.

Neuster Tagebucheintrag, Highlight des Tages:

Hatte den Hochzeitsordner vergessen und mir die Kopie von R. geholt. Sein Drache von Sekretärin war grad nicht da, also hab ich mich selbst umgesehen. Ich hatte meine Hand schon am Ordner, als ich den zweiten daneben sah. Den, auf dem stand: „Das Cinderella-Projekt“.

Na ja, natürlich hab ich reingeguckt. Wer hätte das nicht?

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Viel Spaß!



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