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Ein Traummann auf Mallorca

PROLOG

Zielstrebig bahnte sich der Chauffeur der schwarzen Limousine seinen Weg durch schmale Sträßchen, die zum Teil kaum breiter waren als das Fahrzeug selbst. Dann endlich eröffnete sich am Ende einer Gasse der Blick aufs Meer, das glatt wie ein Spiegel dalag und den tiefblauen Sommerhimmel reflektierte.

Maria Velasquez, die auf dem Rücksitz des Wagens saß, hatte kein Auge für die Schönheit ihrer mallorquinischen Umgebung.

„Also wirklich, die Santiago-Männer sind die schlimmsten Dickköpfe, mit denen ich es je zu tun hatte!“, sagte sie scherzend ins Handy, doch es war nur ein schwacher Versuch, ihre Schwester Gabriela am anderen Ende der Leitung ein wenig aufzumuntern.

Um das zu schaffen, wäre schon ein kleines Wunder vonnöten gewesen – nach all den Katastrophen, mit denen die Mutter von vier Kindern in der Vergangenheit hatte klarkommen müssen. Zuerst der Verlust ihrer einzigen Tochter Laura vor vielen Jahren: Das sechsjährige Mädchen war während eines Familienausflugs ins Grüne spurlos verschwunden und nie gefunden worden. Dann die Schwierigkeiten mit ihrem Mann Miguel … Und schließlich, als hätte sie nicht schon genug durchgemacht, war es auch noch zum Bruch zwischen ihrem Mann und seinen drei Söhnen gekommen.

Javier, Luís und Alejandro.

Miguel bereute inzwischen längst, sich damals mit seinen Jungs überworfen zu haben. Sie zu verlieren hatte ihn viel tiefer getroffen, als sein männlicher Stolz es ihn sich eingestehen ließ.

Stolz! Maria verdrehte die Augen. Was hatten die Männer bloß immer damit? Als ob es so wichtig wäre, aller Welt seinen Dickkopf zu beweisen!

Zu ihrem Leidwesen besaßen auch ihre drei Neffen, so wohlgeraten sie ansonsten sein mochten, diese lästige Eigenschaft. Und genau das machte es so schwierig – um nicht zu sagen unmöglich –, zwischen ihnen und ihrem Vater zu vermitteln. Doch nun glaubte Maria, einen geeigneten Weg gefunden zu haben: Die Jungs mussten selbst darauf kommen, wie wichtig es war, über den eigenen Schatten zu springen.

„Und da ich annehme, dass du deinen Miguel nicht dazu überreden kannst, sich wie ein erwachsener Mann zu benehmen, ist es wohl an mir, eine andere Taktik aus dem Hut zu zaubern“, sprach sie weiter.

„Glaubst du wirklich, dass das eine gute Idee ist?“, fragte ihre Schwester zweifelnd. „Du erinnerst dich doch sicher noch, was beim letzten Mal passiert ist, oder?“

„Natürlich, wie könnte ich das vergessen!“ Maria verscheuchte den Gedanken an das Fiasko, das sie mit ihrem wohlmeinenden Versuch, die Familie auszusöhnen, vor ein paar Jahren verursacht hatte. „Aber dieses Mal werde ich geschickter vorgehen – und mich der Hilfe einer geeigneten Person bedienen, um deinem Ältesten den Spiegel vorzuhalten.“

Maria hatte ihren Fahrer angewiesen, gegenüber dem Café am Jachthafen zu parken. Dort war sie mit Charlene Graham verabredet – der Frau, die es hoffentlich schaffen würde, ihren Neffen zum Nachdenken zu bringen. Und das, obwohl Javier und Charlene sich, soweit Maria wusste, noch nie begegnet waren.

Die junge Engländerin, die sie durch die getönten Scheiben der Limousine auf der Terrasse des Cafés sitzen sah, schien genau die richtige Person zu sein, Javier den Spiegel vorzuhalten. Doch dazu musste es Maria erst einmal gelingen, die beiden zusammenzubringen.

„Und wen?“, erklang es aus dem Hörer. Täuschte Maria sich, oder schwang nun ein Fünkchen Hoffnung in Gabrielas Stimme mit?

„Später“, vertröstete sie ihre Schwester. „Ein wenig Geduld, hermanita, sobald ich mehr weiß, werde ich mich wieder bei dir melden.“

Maria beendete das Gespräch und warf einen Blick auf ihre Uhr.

Es war Zeit.

Sie atmete noch einmal tief durch, dann stieg sie aus.

1. KAPITEL

Wenn man Pech und Glück in eine Waagschale werfen könnte, würde bei ihr immer das Pech schwerer wiegen, davon war Charlene Beckett überzeugt. Und zwar nicht etwa, weil man ihr einen besonders ausgeprägten Hang zum Pessimismus nachsagen konnte, sondern ganz einfach, weil ihre Vergangenheit dies nur allzu deutlich zeigte.

Schon früh hatten sie ausgerechnet die beiden wichtigsten Menschen in ihrer Umgebung spüren lassen, dass es ihr anscheinend nicht vergönnt war, auf der Sonnenseite des Lebens zu stehen. Sie musste an ihre Mutter denken, der sie offenbar nur eine unerwünschte Last gewesen war. Und an ihren Vater, der zwar alles für sie getan, bei seinen vielen Verpflichtungen als Besitzer einer Werft aber immer wieder vergessen hatte, dass seine Tochter überhaupt existierte.

Später, als Teenager, waren ihr schmerzliche Enttäuschungen in der Liebe nicht erspart geblieben, und mit zwanzig hatte sie beschlossen, Mallorca für immer zu verlassen. Sie war nach London gegangen, um dort ein neues Leben anzufangen und vielleicht endlich ihr Glück zu finden – eine Hoffnung, die sich allerdings nur sehr bedingt erfüllt hatte. Und dann, vor zwei Wochen, war sie unfreiwillig und ziemlich überstürzt auf die Baleareninsel zurückgekehrt. Kurz gesagt: Ihr bisheriges Leben bestand aus nichts weiter als einer einzigen Aneinanderreihung von Misserfolgen.

Und genau aus diesem Grund war Charlene jetzt auch so furchtbar aufgeregt. Denn das bevorstehende Gespräch würde für die Zukunft von entscheidender Bedeutung sein, und zwar nicht nur für ihre eigene.

Ihre Finger zitterten leicht, als sie zur Cappuccinotasse vor sich auf dem Bistrotisch griff. Kurz verharrte sie, dann atmete sie tief durch, hob die Tasse an und führte sie zu den Lippen. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals – das war schon auf dem Weg hierher, zum Cafe Marítima in Port Pollença, der Fall gewesen, hatte sich in den letzten Minuten aber noch verstärkt. Kein Wunder, schließlich wartete sie auf eine Frau, die ihr die Lösung für all ihre Probleme in Aussicht gestellt hatte.

Und vor allem für die meines Vaters.

Sie trank einen Schluck und kam nicht umhin, anerkennend zu nicken. Der Cappuccino war einfach köstlich – die geschäumte Milch so hauchzart, dass sie auf der Zunge zerging, zudem nahm Charlene auch einen Hauch Zimt wahr. Also genau so, wie sie ihren Cappuccino mochte. Durchaus keine Selbstverständlichkeit auf Mallorca, denn während mediterrane Köstlichkeiten in kaum gekannter Qualität beinahe überall zu bekommen waren, hatte man in Bezug auf Kaffeespezialitäten nicht unbedingt die Nase vorn.

Sie wollte die Tasse gerade wieder abstellen, als ihre Finger erneut zu zittern begannen. Charlene sah das Unglück kommen und konnte nichts weiter tun, als hilflos mit anzusehen, wie ein Teil der braunweißen Flüssigkeit über den Rand schwappte und geradewegs auf dem cremefarbenen Seidentop landete, den sie sich von einer Freundin geliehen hatte.

Auch das noch! Leise fluchend stellte sie die Tasse ab und besah sich die Bescherung: Obwohl nur ein kleines bisschen hinuntergetropft war, prangte auf dem Top nun ein unübersehbarer Kaffeefleck, etwa so groß wie eine Münze, und zwar genau unterhalb des Dekolletés, wo man ihn einfach nicht übersehen konnte.

Kurz schloss Charlene die Augen und zählte im Stillen bis drei – eine Art kleines Ritual, das sie sich schon vor langer Zeit angewöhnt hatte und das ihr dabei half, sich zumindest einigermaßen zu beruhigen. Trotzdem spürte sie, wie ihr die Hitze ins Gesicht stieg. Sicher bildeten sich gerade wieder die für sie so typischen hektischen Flecke auf ihren Wangen. Als sie die Lider öffnete, musste sie in einem Anflug von Galgenhumor kurz über sich selbst schmunzeln. Eigentlich hätte sie dieses Missgeschick nicht überraschen sollen, immerhin passierte ihr dergleichen nicht zum ersten Mal, im Gegenteil: Immer dann, wenn irgendetwas Wichtiges bevorstand, sei es ein Termin bei einer Bank oder ein Vorstellungsgespräch, bekleckerte sie sich. Das war noch nie anders gewesen und schien bei ihr beinahe so eine Art unausweichliches Schicksal zu sein.

Suchend blickte sie sich in alle Richtungen um. Noch herrschte auf der Terrasse des Cafés alles andere als rege Betriebsamkeit, was der frühen Mittagszeit geschuldet war, in der sich die Einheimischen von einem arbeitsreichen Vormittag erholten und die Touristen an den Stränden lagen. Etwas abseits von ihr saß ein älterer Herr, der in die Lektüre seiner Zeitung vertieft war, und auf einer niedrigen Mauer aus Naturstein rekelte sich genüsslich eine Katze und ließ sich die Sonne aufs Fell scheinen.

Einen Moment lang gestattete Charlene sich, den Blick in die Ferne schweifen zu lassen.

Das Cafe Marítima lag direkt am Jachthafen von Port de Pollença, in dem Motorboote und Segeljachten aller Größen und Preisklassen ankerten. Das Wasser glitzerte in fast demselben tiefen Blau wie der Himmel, den kein Wölkchen trübte. Palmen säumten die Promenade, auf der trotz der noch recht frühen Stunde viele Spaziergänger unterwegs waren, die die Sonne genießen wollten.

Charlene schüttelte den Kopf. War sie noch ganz bei Sinnen? Es konnte nicht mehr lange dauern, bis Maria Velásquez endlich eintraf. Mit ihrer Zulieferfirma, die die meisten größeren Werften an der Mittelmeerküste mit Bootsbauteilen und Zubehör versorgte, gehörte diese Frau zu den Reichsten der Reichen auf Mallorca, und was tat sie? Saß hier und genoss den Ausblick? Stattdessen sollte sie sich besser darum kümmern, ihr kleines Malheur zu beseitigen!

Entschlossen nickte sie und besah sich die Bescherung auf ihrem Top noch einmal genauer. Nun, beseitigen lassen würde sich der Fleck auf die Schnelle sicher nicht, aber wenn einem so etwas beinahe ständig passierte, eignete man sich im Laufe der Zeit die passenden Tricks und Kniffe an.

Rasch holte sie ihre Tasche unter dem Tisch hervor und zog den Reißverschluss des Innenfachs auf, in dem sie für den Fall der Fälle immer mindestens drei Broschen in drei verschiedenen Größen aufbewahrte. Die mittelgroße überdeckte den Kaffeefleck genau und passte auch farblich am besten, also steckte Charlene sie sich an. Sie war dabei, ihr Werk kritisch zu begutachten, als sie aus dem Augenwinkel wahrnahm, wie eines der Segelboote ablegte. Sie hob den Blick und sah der Jacht sehnsüchtig hinterher, wie sie den Hafen verließ. Der Wind blähte das weiße Vorsegel, und Gischt spritzte hoch, als das Schiff Fahrt aufnahm. Fast glaubte Charlene, die frische Brise in den Haaren zu spüren und das Salz auf den Lippen zu schmecken. Sie hatte das Segeln immer geliebt, was jedoch nicht zwangsläufig bedeutete, dass sie Verständnis für ihren Vater aufbrachte, dem seine Arbeit und die Werft stets über alles gegangen waren. Doch inzwischen konnte sie damit umgehen, immer nur die zweite Rolle im Leben von Graham Beckett gespielt zu haben. Und sie wollte auch nicht, dass er seine Existenz verlor.

Was sich von einer anderen Person ganz und gar nicht behaupten ließ …

Ihre Stirn legte sich in Falten, als Charlene an den Mann dachte, der für die Misere der Firma ihres Vaters verantwortlich war. An den skrupellosen Menschen, der kein Gewissen zu haben schien und nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht war und …

Das Geräusch sich rasch nähernder Schritte riss sie aus ihren Gedanken. Als sie aufschaute, erblickte sie eine ältere Spanierin, die ihr grau meliertes Haar zu einem Knoten im Nacken zusammengefasst trug. Ihr Kleid, dessen Rock bis übers Knie reichte, war zeitlos und elegant zugleich. Feine Fältchen zogen sich über ihr Gesicht, was sie erstaunlicherweise nicht alt, sondern vielmehr weise, aber auch streng erscheinen ließ. Die Frau sagte nichts, musterte sie jedoch so durchdringend, dass Charlene sich einen Moment lang unbehaglich fühlte.

Angestrengt schluckte sie. „Sind … sind Sie Señora Velásquez?“, fragte sie, um das unangenehme Schweigen zu durchbrechen. Es ärgerte sie, dass es ihr nicht gelang, das leichte Zittern ihrer Stimme zu unterdrücken. Sie hatte sich vorgenommen, selbstbewusst aufzutreten. Doch das war ihr schon immer schwergefallen, und wie es aussah, sollten ihre Bemühungen auch diesmal nicht von Erfolg gekrönt sein.

, die bin ich“, erwiderte die Spanierin, und das Lächeln, das ihre Lippen umspielte, verscheuchte prompt Charlenes Anspannung und Skepsis. Maria Velásquez’ Gesicht wirkte gleich viel freundlicher und aufgeschlossener. „Dann müssen Sie Miss Beckett sein.“

Charlene stand auf und reichte der Frau die Hand. „Es freut mich sehr, Sie kennenzulernen, Señora. Allerdings muss ich gestehen, dass ich mich frage, was Sie eigentlich genau von mir wollen.“

„Nun, zuallererst einmal, dass Sie einen Kaffee mit mir trinken“, erwiderte die ältere Dame scherzhaft.

Sie mussten beide lachen, und als sie Platz nahmen, hatte sich Charlenes Nervosität bereits spürbar gelegt. Sobald sie saßen, kam die Bedienung herbeigeeilt.

„Espresso, por favor“, gab Maria Velásquez ihre Bestellung auf. Die Kellnerin entfernte sich, und die ältere Spanierin wandte sich wieder Charlene zu. „Ich freue mich, dass Sie es einrichten konnten“, sagte sie. „Sie wissen ja bereits in groben Zügen, worum es geht.“

Charlene räusperte sich. „Nun, so würde ich es nicht ausdrücken“, erwiderte sie lächelnd. „Im Grunde weiß ich nur, dass es um einen gut bezahlten Job geht, mehr nicht.“

Das stimmte in der Tat: Vor gerade einmal zwei Tagen war Charlene von einer Mitarbeiterin aus Maria Velásquez’ Büro angerufen worden. Die junge Frau hatte sie gefragt, ob sie an einer lukrativen Stelle interessiert sei. Mehr Details würde sie bei einem Gespräch mit der Firmeninhaberin persönlich erfahren. Natürlich hatte Charlene sofort zugesagt, zu dem Treffen zu erscheinen. Schließlich war eine gut dotierte Anstellung genau das, was sie im Augenblick am dringendsten benötigte.

„Job, Job, was ist schon ein Job?“ Maria Velásquez machte eine wegwerfende Geste und schüttelte den Kopf. „Hier geht es um viel mehr als einen einfachen Job, Miss Beckett. Was ich Ihnen biete, ist eine feste Anstellung. Und zwar zu Konditionen, die all Ihre Sorgen in Luft auflösen werden.“ Sie hob die Hand und schnippte mit den Fingern. „Por la jeta.“

„Sorgen?“ Irritiert sah Charlene sie an. „Woher wissen Sie … Ich meine …“

„Nun, das ist ganz einfach.“ Maria hob die Espressotasse, die die Bedienung soeben serviert hatte, hielt sie mit abgespreiztem kleinem Finger, nippte und stellte sie wieder ab. „Sehen Sie, Miss Beckett, ich möchte ehrlich zu Ihnen sein: Ich habe Erkundigungen über Sie eingeholt.“ Sie lächelte besänftigend, als Charlene eine abwehrende Körperhaltung einnahm. „Bitte erschrecken Sie nicht. Sie müssen wissen, dass ich mit einem ehemaligen Mitarbeiter der Werft Ihres Vaters sehr gut bekannt bin. Durch einen Zufall kam mir Ihre Geschichte zu Ohren, und ich fing an, mich für Sie zu interessieren. Für die Frau, die ihr Leben in England, ohne mit der Wimper zu zucken, aufgegeben hat, weil ihr Vater ihre Hilfe benötigt. Das hat mir imponiert.“

Imponiert? Charlene hätte am liebsten bitter aufgelacht. Señora Velásquez konnte ja nicht ahnen, wie es in Wahrheit um das Verhältnis zwischen ihr und ihrem Vater bestellt war. Es stimmte, sie war, ohne zu zögern, nach Mallorca zurückgekommen, als sie erfahren hatte, dass ihr Vater alles verlieren würde, wenn sie ihm nicht half. Zwar bedeutete das, dass sie nun eine ganze Weile auf der Insel bleiben musste, aber was machte das schon? Schließlich hatte sie in den Jahren in London nichts erreicht …

Trotzdem – ihr Verhalten zeugte keineswegs von einem unerschütterlichen, harmonischen Vater-Tochter-Verhältnis, wie die ältere Spanierin offenbar annahm. Es hatte schlicht und einfach mit Charlenes ausgeprägtem Verantwortungsbewusstsein zu tun.

Und damit, dass sie tief im Innern schon lange Zweifel hegte, ob sie ihrem Vater vielleicht doch das eine oder andere Mal unrecht getan hatte.

Sie schüttelte den Kopf. Das alles irritierte sie. Sie war es nicht gewohnt, dass jemand Erkundigungen über sie einzog. Sicher, irgendwie konnte sie Maria Velásquez’ Beweggründe nachvollziehen, schließlich wollte jeder Arbeitgeber gern etwas über einen zukünftigen Angestellten wissen, aber dennoch … so ganz gefiel Charlene die Entwicklung dieses Treffens nicht.

„Nun“, riss die ältere Spanierin sie aus ihren Gedanken, „ich hoffe, Sie sind trotzdem daran interessiert zu erfahren, was ich Ihnen zu bieten habe?“

Charlene zögerte kurz. Im Grunde war es vollkommen egal, was die Frau über sie wusste oder nicht – jedenfalls angesichts der Tatsache, dass das Lebenswerk ihres Vaters vor dem Aus stand und dass sie alles dafür tun musste, das Unheil doch noch abzuwenden. Viel zu lange hatte sie sich vorgemacht, dass sie die einzige Person war, der das Recht zustand, sich zu beklagen. Dabei hatte Graham Beckett sich die Rolle des alleinerziehenden Vaters auch nicht ausgesucht, und man musste ihm zugutehalten, dass er sich all die Jahre über bemüht hatte, es seiner Tochter finanziell an nichts mangeln zu lassen. Nun war es an ihr, sich dafür zu revanchieren. Und genau deshalb brauchte sie als Erstes diesen gut bezahlten Job, von dem die ganze Zeit die Rede war.

Entschlossen straffte Charlene die Schultern und sah Maria Velásquez fest an. „Natürlich“, antwortete sie. „Ich bin ganz Ohr.“

Die Spanierin lächelte zufrieden. „Das ist schön. Erfreulicherweise bedarf es auch nicht einmal großer Worte, denn alles ist ganz einfach: Ich biete Ihnen neben einem festen monatlichen Gehalt eine einmalige Zahlung, die hoch genug ist, die Behandlungskosten Ihres Vaters zu decken. Außerdem erhält Ihr Vater, wenn wir beide uns einig werden, einen Einkaufsrabatt in Höhe von vierzig Prozent – das ist mehr, als wir unseren eigenen Mitarbeitern zugestehen.“

„Sie bieten – was?“ Charlene kniff die Augen zusammen und musterte die ältere Frau eine Weile lang sprachlos. Mit einem guten Gehalt hatte sie gerechnet, das ja. Aber der Rest klang einfach zu schön, um wahr zu sein. „Ich … verstehe nicht. Warum tun Sie das? Ich meine, Sie kennen mich doch gar nicht. Wieso bieten Sie mir so etwas an?“

„Wie ich schon sagte: Sie gefallen mir, und Ihr Verhalten Ihrem Vater gegenüber imponiert mir. Das ist alles, was ich dazu sagen kann.“

Charlene schluckte. „Und … was muss ich dafür tun?“ Skepsis machte sich in ihr breit. „Von welcher Art Anstellung ist hier überhaupt die Rede?“

„Keine Angst, keine Angst.“ Wieder lächelte Maria Velásquez milde. „Es ist selbstverständlich alles ganz und gar seriös. Ich möchte, dass Sie wieder in Ihren alten Beruf zurückkehren, Señorita Beckett. Das tun, was Sie ursprünglich gelernt und einige Jahre praktiziert haben.“

„Sie wollen, dass ich als Kindermädchen arbeite?“, fragte Charlene überrascht. Damit hatte sie nicht gerechnet – aber es war keine unangenehme Überraschung. Die Arbeit mit Kindern machte ihr Spaß. Ehe sie damals nach England gegangen war, hatte sie sich über das Internet einen Job bei einer Familie in London gesucht. Leider war der Familienvater recht bald ins Ausland versetzt worden, sodass Charlene hatte umdisponieren müssen. Ein Job in einem der zahllosen Callcenter der Metropole war das Einzige gewesen, was sie auf die Schnelle hatte finden können. Und seitdem hatte sich an ihrer Situation nichts geändert.

„Allerdings“, antwortete Señora Velásquez, und ihre Augen fingen an zu strahlen. „Und zwar geht es um meine Großnichte Aurora.“

„Aurora“, wiederholte Charlene lächelnd. „Die Morgenröte – was für ein wunderschöner Name.“

„Nicht wahr? Das Mädchen ist sechs Jahre alt und hat vor einiger Zeit seine Mutter verloren. Ich fürchte, Auroras Vater ist mit der Erziehung ein wenig überfordert. Das Problem ist, dass die Kleine bisher jedes Kindermädchen vergrault hat.“

Charlene nickte. „Viele Kinder haben Angst, dass man versuchen könnte, ihnen die Mutter oder den Vater zu ersetzen. In solchen Fällen muss man sehr behutsam vorgehen, um die fragile Kinderseele nicht zu verletzen.“ Kurz musste sie an ihre eigene Kindheit denken. Auch sie war ohne Mutter aufgewachsen, und die ständigen Zurückweisungen durch den Vater, der seine Gefühle nicht zeigen konnte, hatten sie wahrscheinlich bis an ihr Lebensende geprägt …

„Ich sehe schon, wir verstehen uns“, unterbrach Maria ihren Gedankengang. „Sie werden Aurora bestimmt ein wunderbares Kindermädchen sein. Allerdings – eine weitere Bedingung gibt es dann doch noch.“

Aha! Charlene horchte auf. Jetzt kam also der Haken an der Sache! „Und die wäre?“, fragte sie skeptisch.

„Nun, Auroras Vater, Javier, darf nie erfahren, dass ich etwas mit Ihrer Vermittlung zu tun habe. Offiziell läuft alles über eine Agentur, an der ich über Umwege beteiligt bin. Dadurch kann ich … nun, sagen wir einfach, es ist mir möglich, einen gewissen Einfluss zu nehmen.“

Den letzten Satz bekam Charlene nur noch beiläufig mit. „Javier?“ Sie runzelte die Stirn. Eine dunkle Ahnung stieg in ihr auf. Konnte es möglich sein, dass … Aber nein, sicher handelte es sich nur um eine zufällige Namensgleichheit!

„Sí.“ Maria Velásquez nickte. „Javier Santiago. Mein Neffe.“

„Javier Santiago?“ Also doch! Entsetzt riss Charlene die Augen auf. Javier Santiago war der Mann, durch den ihr Vater alles zu verlieren drohte. Er betrieb seine Werft für Sportjachten auf der anderen Seite der Insel, doch das hielt ihn nicht davon ab, Beckett’s Dockyard mit aller Macht aus dem Geschäft zu drängen. Santiago bot seine Segeljachten zu Preisen an, bei denen Graham Beckett einfach nicht mithalten konnte. Charlene zweifelte nicht daran, dass er damit eine Taktik verfolgte. Sicherlich ging es ihm nur darum, ihren Vater in den Bankrott zu treiben – danach würde er garantiert mit den Preisen wieder anziehen. „Es tut mir leid, aber ich kann das nicht.“ Sie machte Anstalten, aufzustehen, doch Maria Velásquez legte ihr die Hand auf den Arm.

„Warten Sie, Miss Beckett“, sagte die Spanierin, und zu ihrer Verwunderung glaubte Charlene kurz, einen flehentlichen Klang aus ihrer Stimme herauszuhören. „Hören Sie mir einen Moment zu, por favor!“

Charlene zögerte, doch schließlich nickte sie. „Also schön, reden Sie.“

„Sehen Sie, ich weiß natürlich, in welcher Verbindung mein Neffe zu Ihrem Vater steht. Die beiden sind Konkurrenten, und …“

„Konkurrenten?“ Charlene lachte bitter auf. „Nein, so kann man das wahrlich nicht bezeichnen!“ Entschieden schüttelte sie den Kopf. „Konkurrenz ist im Grunde keine schlechte Sache, im Gegenteil: Sie belebt das Geschäft. Aber Ihr Neffe – Señor Santiago – ist nicht einfach ein Konkurrent. Er nutzt die Tatsache, dass er über die größeren finanziellen Rücklagen verfügt, skrupellos aus. Aus den Unterlagen meines Vaters geht hervor, dass er seine Jachten zu Dumpingpreisen anbietet; Preisen, mit denen er unmöglich Gewinn machen kann. Ich habe die Bücher von Beckett’s Dockyard überprüft. Wissen Sie eigentlich, wie viele Boote mein Vater in den vergangenen Monaten verkauft hat? Ein einziges! Und das alles nur, weil Javier Santiago uns aus dem Geschäft drängen will!“

„Nun, ich muss zugeben, dass ich Ihnen dazu nichts weiter sagen kann, denn mit dem Unternehmen meines Neffen habe ich nichts zu tun. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass er in irgendeiner Weise unlautere Methoden einsetzt.“

„Die Fakten sprechen aber eine andere Sprache!“, entgegnete Charlene gereizter als beabsichtigt.

„Wenn das so ist, wäre es doch gut, mein Angebot anzunehmen und sich einen Teil von dem, was er Ihrem Vater genommen hat, zurückzuholen“, erwiderte Maria Velásquez lächelnd. Dann winkte sie seufzend ab. „Hören Sie, Charlene, es ist Aurora, um die Sie sich kümmern sollen, nicht Javier. Und finden Sie nicht auch, es wäre nur fair, dem Kind eine Chance zu geben, ohne es für die Sünden seines Vaters zu verurteilen?“

Charlene zögerte, doch im Grunde ihres Herzens war sie mit der Unternehmerin einer Meinung. Ein einsames kleines Mädchen, das in der Obhut eines Mannes wie Javier Santiago aufwuchs, brauchte einfach jemanden, dem es sein Herz öffnen konnte. Und vielleicht konnte ja tatsächlich sie dieser Jemand sein.

„Nun, was sagen Sie?“ Maria Velásquez beobachtete sie gespannt. „Geben Sie Aurora trotz Ihrer Abneigung gegen ihren Vater eine Chance?

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