Logo weiterlesen.de
Ein Ticket Richtung Freiheit

Prolog

Wenn wir tief in Menschen hineinblicken könnten, die wirklich frei sind, würden wir die Dosis von Wahnsinn und Mut sehen, die die Freiheit an die Oberfläche bringt. Wir würden verstehen, dass ihre Grenzen nur von uns festgelegt werden und dass sie nicht wirklich existieren.

Wir könnten die ganze Welt sehen … Wir würden sie ständig in all ihrer Unermesslichkeit erforschen. Ohne Sorge, ohne Ängste, ohne Reue. Unkompliziert und offen. Manchmal unreif, aber so wunderbar.

Wir würden leben, wie wir uns fühlen, und vergessen, dass wir einmal überlebt haben.

Ohne Unterlass würden wir dahin laufen, wo der Himmel die Erde berührt, wo Tag und Nacht keine Rolle spielen, und dort verweilen. Wir würden tief atmen und völlig neu beginnen.

Wir würden Leidenschaft in ihrer reinsten Form suchen und jede Sekunde mit Intensität erleben, als wäre sie die letzte.

Und … wenn wir für einen Moment Mut hätten, würden wir es tun?

Welchen Preis hat die Freiheit?, denkt Emma, eine Frau, die auf dem Fahrersitz ihres Autos sitzt, während sie sich eine Zigarette anzündet. Einen Cent? Eine Million Cent? Einen Traum? Eine Liebe? Mehrere Lieben? Oder ein Leben der Suche? Aber was ist sie eigentlich?

Kapitel 1

Ich ziehe mein Kleid langsam über duftendes Spitzenleinen und wähle die hohen roten Schuhe. Am Hochzeitstag meiner besten Freundin möchte ich schön sein.

Bella und ich waren vom Kindergarten bis zum Uniabschluss immer zusammen. Nach dem Master trennten sich unsere Wege, aber obwohl wir weit voneinander entfernt lebten, waren wir einander doch nah.

Ich suche nach meinem Handy und frage mich genervt, warum ich es nicht immer an den gleichen Ort lege. Nie weiß ich, wo es ist. Genauso die Schlüssel. Den Rest habe ich. Schließlich finde ich es auf dem Fernsehtisch und wunder mich, wie ich es übersehen konnte – es war direkt vor meiner Nase. Dann rufe ich an.

„Ich bin bereit, wo bist du? Wann kommst du an?“

Die gereizte Stimme des geliebten Mannes antwortet. „Ich bin immer noch unterwegs und muss Dimitri abholen. Lieber treffen wir uns bei ihm.“

„Aber … ich trage schon das Kleid für die Hochzeit …“

„Ich kann jetzt nicht reden. Du kommst dorthin.“

Ich lege auf, ohne zu antworten. Er will immer alles so bequem wie möglich, das war schon immer so. Keine Anstrengung. Nicht einmal für mich. Wenn ich sage, dass ich etwas tue, tue ich es. Er nicht. Sagt es, aber er tut es nie. Dann findet er eine Ausrede. Die Tatsache, dass so oft etwas anderes zu tun ist, wenn wir etwas gemeinsam planen, verletzt meinem Stolz.

Er hatte die Stadt wegen seines Dienst verlassen und wir hatten uns seit einer halben Woche nicht gesehen. An diesem Tag sah ich gut aus und die Zuversichtlichkeit drang mir aus allen Poren. Diesmal wollte ich die Momente unseres Anfangs nochmal erleben, so wie es war, als wir uns gerade wahnsinnig verliebt hatten.

Obwohl ich mit ihm allein sein will – eine Tatsache, die er akzeptiert hatte –, stört es mich nicht, wenn er jemand anderen mitbringt. Was mich stört, ist, dass ich, seine geliebte Frau, gekleidet in ein Abendkleid mit der U-Bahn fahren muss.

Wenn ihn jemand um etwas bittet, sagt er nie nein. Ich bin die Einzige, die dieses magische Wort aus seinem Mund hört. Und das nach so vielen Jahren. Obwohl es selbstsüchtig ist, will ich die wichtigste Person in seinem Leben sein. Zumindest von Zeit zu Zeit. Wenn etwas für mich wichtig ist. Wie heute.

Ich würde weinen, wie ich es schon so oft getan habe, aber ich kann keine Träne mehr vergießen. Etwas hat sich geändert, ich habe mich verändert.

Ich frage mich, indem ich mich zwinge, ehrlich mit mir selbst zu sein, ob ich ihn noch liebe und ob ich an seiner Seite glücklich bin. Seltsam … Ich kann diese Frage nicht beantworten. Früher irgendwann hätte ich, ohne zu zögern, gesagt, ich liebe ihn so sehr, wie Kiew groß ist. Was ich genau weiß, ist, dass unsere Beziehung zu einem Kreislauf von Streit und Gleichgültigkeit geworden ist. Wenn wir nicht streiten, sind wir einander gleichgültig. Wir tun nur, was unbedingt notwendig ist. Und ich bin so unglücklich.

Ich lernte ihn kennen, als ich noch sehr jung war, und ich brauchte ein halbes Jahr, um zu erkennen, dass ich mich verliebt hatte. Er hat mich durch seine Intelligenz erobert, durch die Kraft, die er ausstrahlte, ohne arrogant zu wirken, und durch lange Gespräche bis spät in die Nacht über Träume, über Forschung und die Bedeutung der Schule im Leben. Er war die erste Person, die ich kannte, die sich für diese Themen interessierte. Anderen schien derartiges langweilig zu sein, aber ihm hat es Freude bereitet.

Ich fühlte mich neben ihm wie eine Frau. Wir waren Liebhaber und Freunde zur selben Zeit – bis er mich zum ersten Mal betrog. Und ich habe ihm vergeben. Auch danach habe ich ihm jedes Mal vergeben, in dem Glauben, dass es das letzte Mal sein würde. Aber nie ganz. Ich konnte nicht. Konnte nicht so tun, als sei es nie geschehen. Jeder Streit hat meine Kräfte geschwächt und mich abhängiger gemacht. In der Gesellschaft wurde ich als eine starke Frau angesehen, zu Hause war ich eine Marionette ohne Verteidigung gegen den geliebten Mann. Ich hatte so viele wichtige Dinge aufgegeben, die mich glücklich gemacht hatten, einfach um für ihn da zu sein.

Plötzlich erinnere ich mich an meinen Wunsch, ein Forscher zu werden, aber nicht, was ich bis jetzt gemacht habe. Wahre Forschung! Wie ich vor Freude aufsprang, als ich in Yale ein Studienplatz bekam.

Ich erinnere mich an diesen Tag, als ob es gestern war. Wie ungeduldig ich ihm sagen wollte, dass ich ging, und ihn bat, mit mir zu kommen. Oder zumindest auf mich zu warten.

Zum ersten Mal fühlte ich damals, dass er nicht an mich glaubte. Er vertraute nicht in das, was ich sagte. Und wie klein mein Herz war, als er mich bat, nicht zu gehen. Zunächst weil es nicht klappen würde, dann weil ich es nicht brauchen würde und schließlich weil wir getrennt sein würden.

Ich habe seine Argumente nie geglaubt. Weil ich mich besser kenne als jeder andere, weil ich weiß, dass ich es geschafft hätte. Aber wenn ich jemanden wirklich liebe, mache ich Kompromisse. Ich habe den Leuten immer Chancen gegeben. Manchmal zu viele.

Und wenn … wenn ich ihn verließe? Warum soll ich bleiben, wenn uns seit langer Zeit nichts mehr verbindet? Ich fühle mich bereit, ihn aufzugeben. Ich sollte ehrlich zu mir selbst sein. Realistisch. Ich frage mich: Wann war ich das letzte Mal wirklich glücklich bei ihm? Wann war das letzte Mal, dass ich mich in dieser Beziehung erfüllt gefühlt habe? Seltsam. Ich erinnere mich nicht.

Ich nehme das Handy und schreibe ihm kurz: „Es ist vorbei“, und zum ersten Mal nach so vielen Jahren fühle ich mich besser.

Ein neues Gefühl überflutet meinen Körper, wie ich es noch nie zuvor erlebt hatte. Ein Gefühl der Freiheit. Ich tat, was ich tun musste. Endlich habe ich gesagt, was ich vorher nicht gewagt habe. Ohne Streit, ohne Vorwürfe und ohne Tränen. Nüchtern und leer, als hätte ich ihn nie geliebt.

Ich schaue auf die Uhr und merke erstaunt, wie spät es ist.

Scheiße, in 20 Minuten fährt der Zug ab. Ich kann ihn eigentlich nicht mehr bekommen, aber ich versuche es. Vielleicht habe ich Glück.

Ich eile zum Bahnhof, aber ich komme zu spät.

Mit meinem Ticket für den nächsten setze ich mich auf eine Terrasse, trinke einen Kaffee und telefoniere. Ich muss jetzt fast zwei Stunden warten.

„Hallo Bella. Ich komme nicht zur kirchlichen Trauung, tut mir leid … es tut mir so leid. Ich habe den Zug verpasst. Ich komme direkt ins Restaurant.“

„Hier spricht Anna, Bellas Mutter. Bella zieht sich gerade an.“

„Guten Tag, sagen Sie Bella bitte Bescheid?”

„Aber du kommst, ja? Wir warten auf dich.”

„Sicher. Ich würde um nichts auf der Welt ihre Hochzeit verpassen!”

„Ich richte es aus. Auf Wiederhören.”

„Tschüss.”

Kapitel 2

Leidenschaftlich beginne ich, Texte über die menschliche Natur zu lesen. Ich will verstehen, was die Schritte zur Selbsterkenntnis sind, um mich selbst zu entdecken. Das ist der einzig effektive Weg, um die Dinge zu verstehen, die ich kenne: das Lesen. Mehr. Viel mehr. Und es wird mir nie langweilig, zu lesen.

Währenddessen erinnere ich mich, dass ich jemandem danken muss, der mir indirekt gezeigt hat, dass meine Beziehung zu Patrick eine giftige ist und dass sie beendet werden muss. Ich schreibe eine Danknachricht an Frau Cernenko, meine ehemalige Psychologin.

Ich lernte sie kennen, als ich den psychologischen Test für den Führerschein ablegte. Sie war eine hübsche und natürliche Frau, schön und elegant. Sie hatte meinen Test korrigiert und mir zu meinen Leistungen gratuliert. Zu Beginn waren persönliche Informationen über Familienstand, Ausbildung und Beruf anzugeben.

„Gratuliere. Sie sind eine zu bewundernde Frau“, hatte sie daraufhin gemeint.

„Vielen Dank“, sagte ich schüchtern.

Niemand hatte mir das je gesagt, ohne mich genauer kennengelernt zu haben, und ich war aufgeregt. Ich war eine Frau – ein Mädchen, das auf Komplimente empfindlich reagierte. Vielleicht, weil das meiste, was ich gut gemacht hatte, keine Reaktion hervorrief, Schlechtes hingegen immer.

„Nicht viele Menschen aus einer so zerrütteten Familie haben Erfolg im Leben. Die meisten gehen auf der Straße verloren. Das ist bewundernswert”, fuhr sie fort.

Mein Puls stieg, ich zappelte sichtlich aufgeregt herum. Und sie merkte das.

„Vielen Dank.“

„Gerne. Ich denke, Sie sind ein bisschen gestresst. Hier ist meine Visitenkarte.”

„Bin ich beim Test durchgefallen?“, fragte ich mit zitternder Stimme.

„Sie haben bestanden. Ich denke nur, dass Sie unter Stress stehen und Ihnen ein paar gemeinsame Sitzungen guttun würden.”

„Ich werde darüber nachdenken.”

Anschließend nahm ich die Visitenkarte entgegen und ging weg.

Während schriftliche Tests bei mir stets reibungslos verlaufen, bin ich bei mündlichen und praktischen Prüfungen sehr emotional. Meine Angst, nicht perfekt zu sein, dass ich nicht die Beste sein würde, ist immer präsent.

Ich habe über Emotionen in Prüfungssituationen recherchiert und beschloss, zu ihr zu gehen. Eine schwierige Entscheidung. Wenn man zum Psychologen geht, heißt das für die Umwelt nicht, dass man gestresst ist oder dass man eine Frage hat und die Antwort nicht selbst finden kann. Es bedeutet für viele direkt, dass man verrückt ist.

Ich wusste jedoch, dass es für mich wichtiger war, die Führerscheinprüfung abzulegen. Oder wenn ich verrückt war, mit dem Autofahren aufzuhören.

Ich ging in die Praxis und meldete mich am Empfang an. Man sagte mir, ich müsse ein bisschen warten, und bat mich, einen Baum zu zeichnen. Ich dachte, es sei der hässlichste Baum, den ich je gesehen habe, denn ich bin nicht gut im Zeichnen. Ein einfacher Baum mit einigen langen Zweigen und Blättern. Eine junge Pflaume.

„Fühlen Sie sich wohl?”, fragt die Psychologin.

„Nicht wirklich, denn jemand Unbekanntes analysiert mich von Kopf bis Fuß.“

„Ist es in Ordnung, wenn ich Ihnen ein paar Fragen stelle? Es ist ein Persönlichkeitstest.”

„Deswegen bin ich ja hier.“

Diese „paar Fragen“ stellten sich als langes Gespräch heraus. Einige von den Fragen schienen mir ziemlich bizarr. Ich bin gespannt jedoch auf die Auswertung. „Wie bin ich?“

„Sie sind eine ehrgeizige Frau. Der Test sagt, dass Sie eine psychisch ausgeglichene Person sind. Außerdem sind Sie Perfektionistin.”

„Ist das schlimm, Perfektionistin zu sein?“

„Kommt drauf an. Wenn es nicht bis zum Äußersten geht, ist es vorteilhaft.“

Ich atmete erleichtert auf.

„Sie sind nur gestresst. In einigen Sitzungen ist das gelöst.“

„Ich werde auf jeden Fall kommen. Ehrlich gesagt bin ich gekommen, weil praktische Prüfungen starke Emotionen in mir hervorrufen. Ich weiß nicht, warum, ich habe nie eine Prüfung abgebrochen.“

„Sie sind eine starke Frau, aber Sie haben nicht genug Vertrauen in sich selbst.“

„Bin ich stark? Das habe ich nie gedacht.“

Ich nahm für einen Monat regelmäßig Termine bei ihr wahr. Ich liebte es, dorthin zu gehen. Da konnte ich frei sprechen, ohne beurteilt zu werden. Ich fing an, die Beziehung mit Patrick anders zu sehen. Wir haben oft über meine Unzufriedenheit mit ihm gesprochen, und die Tatsache, dass sie mir sagte, wie ich die Dinge sehe, hat mich dazu gebracht, mit Patrick zu reden.

Die Diskussion führte nicht zu dem, was ich mir erhoffte. Obwohl ich erklärte, dass mir diese Sitzungen geholfen hätten, beharrte er darauf, dass Frau Cernenko eine Betrügerin sei, die meine Beziehung zerstören würde, nur um an mein Geld zu bekommen.

Er bat mich, die Treffen zum Wohle unserer Beziehung zu beenden. Wenn ich reden möchte, sei er da. Ich müsse keinen Psychologen bezahlen, der sich dafür nicht interessiert. Ich gab auf und begründete meine Entscheidung, die Therapie abzubrechen, mit finanziellen Problemen.

Ich glaube fest, wenn ich weiter in die Praxis gegangen wäre, wäre meine Beziehung zu Patrick längst vorbei. Mir wären viele Momente der Frustration erspart geblieben.

Nach vielen Zeitschriftenartikeln, Büchern und Motivationsreden habe ich verstanden, dass ich mir selbst erlauben muss, jede Empfindung zu erleben, um mich zu erkennen.

Wo Bücher keine Antwort liefern, bietet uns das Leben eine an. So begann für mich das Abenteuer der Suche nach mir selbst.

Heute bin ich gelangweilt. Ich gehe langsam von der Arbeit zur Wohnung meiner Schwester. Es herrscht eine erstickende Hitze und in dieser staubigen Stadt fühlt es sich noch schlimmer an.

Meine Gedanken fliegen zu Alexander, einem alten Freund. Er fragte mich vor ein paar Monaten, ob er bei mir wohnen könne, weil er nach Kiew ziehen wollte. Ich weiß nicht, ob er scherzte oder es ernst meinte, aber ich will ihn fragen.

„Hallo, du kleiner Teufel, wie geht es dir?“

„Hallo Emma. Mir geht‟s gut. Lange Zeit nichts von dir gehört. Ich glaubte schon, dass du tot bist“, sagt er lachend.

„Na ja, ich war beschäftigt. Tot noch nicht“, antworte ich scherzend. „Und, willst du immer noch nach Kiew kommen?“

„Im September. Wieso? Lässt du mich bei dir wohnen?“, fährt er mit demselben amüsierten Ton fort.

„Warum nicht?“, entgegne ich und lache laut.

„Wegen deines Freundes.”

„Welcher Freund?“

„Wie, welcher? Machst du Witze?“

„Ich habe keinen Freund.“

„Echt?”

„Echt.”

„Ich bin nun in Deutschland, aber wenn du willst, würde ich gerne dein Mitbewohner werden.“

„Was zum Teufel machst du denn in Deutschland?“

„Ich arbeite hier im Sommer und komme bei meinem Vater unter.“

„Und wie gefällt es dir da?“

„Ich mag es nicht. Es regnet mir zu viel. Ich freue mich darauf, zurückzukommen.“

„Na ja, so ist das Leben“, sage ich witzelnd. „Dann machen wir es fest. Ich muss ohnehin derzeit nach einer Wohnung suchen. Im Moment wohne ich bei meiner Schwester. Sie hält sich im Ausland auf, aber in zehn Tage kommt sie zurück.“

„Hast du deine alte Wohnung nicht mehr?“

„Es ist eine lange Geschichte. Sie war aber so oder so zu teuer.“

„Übrigens, maximal 5000 Hrywnja1… Ich kann nicht mehr bezahlen.“

Als ich höre, was er sagt, bekomme ich einen Lachanfall.

Vielleicht findet er damit was in Troeschina, aber gewiss nicht in den besseren Gegenden, sage ich mir selbst.

„Liebling, in dieser Stadt findet man nicht einmal eine Hundehütte für das Geld.“

Er lacht auch. „5500, klingt das besser?”

„Sagen wir 6000, vorsichtig. Vielleicht. Es ist nicht unmöglich, eine billigere zu finden, aber … ich versuche es. Keine Sorge, ich möchte auch nicht meinen ganzen Lohn für die Miete ausgeben.“

„Na ja … dann lass ich dich suchen und du gibst mir Bescheid, sobald du etwas gefunden hast.“

„Dann melde ich mich demnächst.“

Alexander redet viel und schnell. Er hat dasselbe Tempo wie ein ICE, aber er ist total humorvoll. Ich denke, dieser kleine Mann war nie in seinem Leben aufgebracht. Für sein Alter scheint es mir normal so zu sein. Er ist immer vorne dabei.

Wir haben uns vor drei Jahren bei dem Spiel Travian getroffen, das damals viel meiner Zeit verschlang, aber ich liebte es. Zugleich war es ein Spiel, das ich gemeinsam mit Patrick und einem Freund, dem seit vielen Jahren alles über das Spiel bekannt war, erleben konnte. Er war nicht wirklich mein Freund, sondern Patricks. Einer seiner wenigen Freunde. Trotzdem haben wir zusammengespielt.

Ich war eine Art Führer in unserer Gruppe, aber eher organisatorisch: Was ich tat, waren administrative Dinge im Gespräch mit Team-Mitgliedern. Ich traf keine Entscheidungen.

Patrick spielte nicht fair. Er tat es nur, um zu gewinnen, und die anderen waren bloße Werkzeuge für ihn. Eigentlich spielte er nicht mal für das Team, in dem ich war, sondern für das gegnerische. Das ließ mich aufhören, mit ihm zusammen zu spielen, und ich beschloss, allein weiterzumachen. Ich spielte mit Vergnügen.

Die Probleme begannen, als die übrigen Teammitglieder beschlossen, mir zu folgen, obwohl ich keine Erfahrung in der Ausführung dieses Spiels hatte.

Am Ende waren Patrick und sein Freund diejenigen, die ausgeschlossen blieben. Aus diesem Grund – unglaublich dumm für mich – beendete Patrick unsere Beziehung, aber nur für einen Monat. Er kam daraufhin zurück und weinte, sodass er mir leid tat. Ich habe ihm vergeben. Es war nur ein Spiel. Eine kindliche Unvernunft. Wir verloren es zwei Wochen vor seinem Ende. Derjenige, der es gewinnen sollte und den fast 200 Menschen unterstützten, beschloss, das Lager zu wechseln.

Die meisten verbündeten Führer gaben danach auf. Sie konnten die Niederlage nach vier Monaten des Spielens nicht hinnehmen. Einige von uns blieben, auch Alexander und ich.

Wir entschieden, auf die Art zu spielen, wie es gespielt hatten. Wo es keine Diplomaten gibt, verrät jeder jeden. Trotzdem oder gerade deshalb habe ich eine nette Partie gemacht. Auch einige der Gegner haben zugegeben, sie hätten seit Jahren nicht so gespielt.

Alexander und ich haben viele Nächte zusammen mit dem Entwickeln neuer Spielstrategien verbracht. Wir waren Verbündete, beide die Führer unserer Teams, und wir hatten viel zu tun. Obwohl wir beide uns im wirklichen Leben nie gesehen hatten, hatte das Virtuelle eine Kameradschaft geschaffen.

Das ist doch eine Herausforderung, sagte ich mir. Billig, schnell und nah an der Arbeit.

Ich habe eine ganze Woche gesucht. Nichts.

Kurz bevor meine Schwester zurückkam und mich aus ihrer Wohnung geworfen hätte, finde ich eine kurze Anzeige. Kein Bild, nur eine kurze Beschreibung. Ich stelle dem Inseraten viele Fragen, denn ich will sicherstellen, dass zumindest absolut notwendige Annehmlichkeiten existierten, bevor ich mir die Mühe mache und es besichtige. Wir haben schließlich einen Termin für den nächsten Tag angesetzt.

Ich gehe direkt nach dem Dienst dorthin – und bin erstaunt. Ein riesiges Haus, eigens zur Vermietung gebaut, mit freistehenden Wohnungen. Die Besitzer lebten auch dort. Der Vermieter lädt mich höflich in den Hof ein, um über die Wohnung zu sprechen.

„Emma Lowentall“, präsentiere ich mich und strecke ihm meine Hand entgegen.

„Ben.“

„Warum ist der Preis so niedrig?“, komme ich gleich auf den Punkt. „In dieser Gegend ist ein Mietshaus doch sonst mindestens fünfzig Prozent teurer.“

„Ich bin nicht so sehr am Geld interessiert, ich möchte, dass alle zufrieden sind. Ich und die Mieter.“

„Ich verstehe …“, sage ich nickend, obwohl ich ihm diese Antwort nicht glaube.

Er wiederholt, was er am Telefon gesagt hat, wir diskutieren alle Details und schließen mit einem Handschlag den Vertrag, obwohl er wie eine unbequeme Person aussieht. Er spricht grammatisch falsch und man konnte merken, dass er ein Arschloch ist. Seine Frau ist still und gehorsam.

„Ich wollte sagen, dass mein Freund in zwei Wochen kommt. Ich hoffe, das ist kein Problem.“

Mein Freund? Warum zur Hölle habe ich das gesagt?, frage ich mich. Wenn er ankommt und Ben sieht, wie jung er ist, wird das für mich peinlich werden. Und er ist nicht einmal mein Freund. Wir sind nur befreundet.

Ich bin fast 30 Jahre alt und es ist mir peinlich, zuzugeben, dass ich mit einem Mann zusammenleben werde, mit dem ich keine Beziehung führe.

„Das ist doch kein Problem, solange er so ruhig wie du ist.“

„Das ist er“, bestätige ich, obwohl ich gar nichts darüber weiß. „Zahle ich die Kaution jetzt oder wenn ich umziehe?“

„Jetzt, aber möchtest du nicht zuerst die Wohnung sehen? Vielleicht wird sie dir nicht gefallen.“

„Ahh, ja, klar.”

Er öffnet die Tür und lässt mich die Wohnung inspizieren. Ein paar Möbel stehen dort und alt ist sie.

Jetzt verstehe ich den Preis, sage ich mir. Es hat nichts mit Philanthropie zu tun.

„Funktioniert der Fernseher? Ich hätte nicht gedacht, dass es so etwas noch gibt.“ Kritische mustere ich den alten Röhrenbildschirm mit Holzoptik.

„Aber doch, natürlich. Ich mag es, Dinge zu behalten, ist doch Verschwendung, sie wegzuwerfen.“

„Echte Antiquitäten“, sage ich, aber er bemerkt die Ironie nicht.

„Also, nimmst du sie?”

„Ja …“, murmele ich unzufrieden.

Ich muss bleiben, denn ich hatte keine Zeit mehr, noch weiter zu suchen. Diese Wohnung lag fast bei meiner Arbeit und es war billig. Und ich würde nicht für mein ganzes Leben dort bleiben.

1 Währung der Ukraine

Kapitel 3

Ich sitze gelangweilt auf dem Bett in meinem neuen Zuhause. Ich warte auf Alex und denke, ich bin gerade in das schlechteste Zuhause auf dem Planeten gezogen. Das Telefon klingelt.

„Hallo Schatzi, wie geht´s dir?“, fragt Joelle.

„Ich warte auf meinen Mitbewohner.“

„Ist er hübsch?”

„Joelle, bitte … Er ist nicht mein Typ. Außerdem brauche ich im Moment keine Beziehung. Es ist zu früh.”

„Na ja, lassen wir das. Wann kommen wir zu dir, damit du uns das Haus zeigst und wir ein Glas Wein trinken?“

„Ich weiß nicht, es ist kompliziert, ich kann mir keine Gäste leisten. Trinken ist außerdem nicht zu empfehlen. Du erinnerst dich, was das letzte Mal passiert ist.“

Joelle ist ein wunderschönes Mädchen und voller Leben. Ihr Körper sieht perfekt aus und sie kleidet sich gut. Sie ist darüber hinaus auch sehr intelligent. Sie haftet leicht an Menschen und verliebt sich ebenso leicht. Sie trinkt gerne gute Weine. Manchmal zu viel. Ich bin keine Freundin von Alkohol und trinke selten etwas.

Früher ist sie oft zu mir gekommen. Wir haben zusammen gekocht und über die Frauensachen gesprochen, einschließlich Sex. Wir skypten stundenlang, wenn wir weit voneinander entfernt waren.

Das einzige Glas Wein, das ich dieses Jahr getrunken habe, war bei ihr. Ich kochte Spaghetti Carbonara, als sie zu mir trat und mich küsste. Ich fühle mich nicht zu Frauen hingezogen, aber ich habe sie nicht abgewiesen. Ich war neugierig. Wir hatten über ihre sexuellen Phantasien gesprochen und sie erzählte mir, dass es sie erregte, wenn sie Frauen ansah. Ich habe mich auch schon selbst gefragt, wie es wäre, wenn ich mit einer Frau Sex haben würde.

Sie küsste sehr romantisch und lang. So lang, dass die Nudeln übergekocht waren, anstatt al dente zu sein. Bald nach diesem Abend gestand sie, dass sie sich in mich verliebt habe und dass sie daran denke, ihren Verlobten zu verlassen. Ich riet ihr, das nicht zu tun, weil ich meinen Freund liebe und nie mit einer Frau zusammen sein könnte.

„Komm schon, wir bleiben anständig.“

„Okay, Schatzi, lass uns sehen. Wenn es nicht geht, treffen wir uns trotzdem zu einem Kaffee in der Stadt.“

„Na gut. Ich gehe jetzt in die Stadt. Wir unterhalten uns demnächst.“

„Ich muss auch bald auf der Arbeit sein.“

Ich lege auf und ziehe mich für die Arbeit um. Bald kommt Alex an.

„Endlich …“, sage ich irritiert von seiner Verspätung.

„Hallo dir auch“, reagiert er lachend, als ob er versuche mich zu ärgern.

„Es tut mir leid. Ich wollte nicht so genervt klingen, aber ich bin wirklich in Eile.“

„Es herrscht ein völlig infernalischer Verkehr in dieser Stadt. Wie kannst du hier leben?“

„Ich bin daran gewöhnt.”

„Du bist in Wirklichkeit noch schöner.“

„Lustig. Sei vorsichtig, dass du dich nicht in mich verliebst.“

„Ich? Nie. Vielleicht du.”

„Wetten wir? Wer verliebt sich zuerst?“

„Um was wetten wir?“

„Sag du, was du willst. Auf jeden Fall gewinne ich.“

„Ich weiß nicht. Sag du.“, sagt Alexander.

„Geld klingt gut. Eine kleine Summe, ich will dich nicht pleite machen. Sagen wir, 100 Hrywnja.“

„Haha … Dann ist das ja geklärt, ich werde trotzdem gewinnen“, sagt er zuversichtlich.

„Wir werden sehen. Aber nun muss ich zur Arbeit. Du solltest mich zuerst küssen, um zu sehen, ob es irgendwelche Risiken gibt.“

Ich schlage ihn auf das Bett und küsse ihn … kurz und verspielt.

„Nicht schlimm, es gibt keine Risiken.“

Er lächelt mich genauso spielerisch an, ohne etwas zu sagen, aber ohne Zweifel denkt er, wie leicht es wäre, weiter zu gehen.

Spät in der Nacht kehre ich nach Hause zurück. Müde und lustlos. Ohne einen Wortwechsel mit Alex gehe ich direkt ins Badezimmer. Keine Grüße, nichts. Als ob er nicht da wäre.

Ich liebe die Ruhe und ich brauche sie. Manchmal so sehr, dass ich stundenlang mit jemandem im selben Raum bleiben kann, ohne etwas zu sagen. Nur ich und meine Gedanken. Ich meditiere gerne. Ich habe viele Frage und suche nach Antworten. Kopflose Diskussionen mag ich nicht, stattdessen bevorzuge ich es, zu schweigen. Warum sollte ich meine Zeit und Energie mit Dingen verschwenden, wenn es nichts bringt?

Ich komme nur mit einem Handtuch aus dem Badezimmer. Meine Haut ist noch nass. Ich lasse sie gerne an der Luft trocknen, genauso die Haare.

Alexander nähert sich mir und nimmt mich in seine Arme.

„Du riechst gut“, flüstert er, dann küsst er mich.

Ich trete einen Schritt zurück. „Ich sollte schlafen, es ist schon viel zu spät. Ich bin total müde.“

„Nicht heute“, sagt er und küsst mich weiter.

Das Handtuch fällt zu Boden, fließend und irgendwie erwartet. Meine Brüste sind zu klein, kein Handtuch bleibt lang da.

Zu kurz und unerfahren. Es wäre besser gewesen, wenn ich geschlafen hätte. Wir passen nicht zusammen, denke ich vor dem Einschlafen.

Die Zeit läuft mit erstaunlicher Geschwindigkeit. Es ist fast schon Frühling, es sind fünf Monate vergangen, seit Alexander da ist. Nichts Besonderes. Oder zumindest schien es mir nichts Besonderes.

Auf der Arbeit war ein wichtiger Tag für mich und ich bin früher als üblich aufgestanden, aber das ist alles.

Ich kleide mich stets perfekt und gehe ins Büro, dann ging es zum geplanten Termin für diesen Tag.

„Hallo“, sagte eine vertraute Stimme.

„Hallo Patrick, es ist schön, dich zu sehen. Wir hatten Angst, dass du nicht kommen würdest.“

Patrick war als selbstständiger Fachberater in unserer Firma tätig. Sein Vertrag war abgelaufen und er wurde aus betrieblichen Gründen nicht erneuert. Wir hatten seit Beginn meiner Karriere zusammengearbeitet. Er war der eine, der mir die Chance gab, zu zeigen, was ich konnte. Mehr als das, er wollte mich in seiner Nähe.

Ich habe akzeptiert, weiterhin mit ihm zu arbeiten, aber mit einer Bedingung: Wir würden nicht über unsere Beziehung sprechen. Stattdessen wollte ich wie jeder andere Angestellte behandelt werden. Ich wollte beweisen, was ich kann. Und ich habe ihn nicht enttäuscht. Nicht beruflich.

Patrick war einer der besten Spezialisten, aber ziemlich faul. Er hatte unserem Team angehört, war befördert worden und hat von uns erwartet, dass wir seinen Job machen würden, und am Ende entschied er, welche Änderungen final vorgenommen werden sollten. Er wusste, wie er uns ausnutzen konnte, aber er tat es so, dass die anderen auch etwas zu gewinnen hatten. Er wusste, wo das Potenzial von jedem lag, und er nutzte es voll aus. Für das Geld. Und wir als Team, besonders ich als seine Freundin, wussten das, aber solange wir etwas gewinnen konnten, beklagten wir uns nicht.

Dafür bin ich ihm sogar dankbar. Er hat meinen Karriereweg geöffnet und ich habe viel von ihm gelernt, obwohl ich ihn manchmal dazu zwingen musste, mir etwas beizubringen. Er besaß nicht die nötige Geduld für einen Lehrer, aber in seinen guten Momenten konnte man sich etwas von ihm etwas abschauen. Zu anderen Zeitpunkten wurde er schnell wütend, wenn ich falsch lag, denn er vergaß oft, dass ich am Anfang stand und noch viel lernen musste. Die Schule lehrte uns nicht alles. Er war nicht nachsichtiger mit den anderen, aber ich wuchs daran, besonders am Anfang. Er beantwortete jede Frage, egal wie kompliziert sie war. Wenn jemand von ihm lernen wollte, brauchte er viel Interesse und Widerstand gegen Kritik. Diejenigen, denen es gelungen war, diese Probleme zu überwinden, hatten den Erfolg garantiert in der Tasche.

„Ich mache meinen Job immer, wenn auch manchmal später.“

„Ich bin froh, dass du das so siehst. Lass uns hineingehen.”

Die Sitzung verlief wie erwartet: schlecht. Wir gingen zum Büro zurück, um eine weitere Diskussion zu führen. Wir mussten beide an einer Zigarette ziehen.

„Und wie geht‟s dir?“, fragte ich neugierig.

Ich sah ihn aufmerksam an und fühlte, dass er nicht mehr der Mann war, den ich kannte. Er sah nicht einmal so aus, sondern verändert. In den Monaten, die wir uns nicht gesehen haben, schien er gealtert zu sein.

„Nicht so gut. Ich denke daran, das Land zu verlassen. Die Russen werden bald hier sein. Wir werden bestimmt eine Revolution brauchen. Eine mit Waffen.”

„Es tut mir leid, das zu hören. Hier macht die Dame nur dumme Dinge. Ich bin schon länger nicht mehr zufrieden und denke auch daran, zu gehen, aber … wohin?”

„Ich habe ein paar Angebote. Wenn du interessiert bist, können wir vielleicht wieder zusammenarbeiten.“

Du meinst, dass ich arbeite und du das Geld verdienst, dachte ich.

„Sicher. Ich freue mich über Vorschläge”, sagte ich, obwohl ich nicht glaubte, dass ich irgendwohin fahren würd. Vielleicht hatte ich ihm deswegen so schnell geantwortet.

Ein paar Tage später erhalte ich eine Nachricht.

„In Deutschland gibt es ein Angebot. Kommst du mit?”

Ich habe die Nachricht zweimal gelesen. Ich konnte nicht glauben, dass er es ernst meinte. Ich hätte ihn nie in einer anderen Position als der, in der ich ihn kannte, gesehen. Tatsächlich war der Markt geschrumpft und alle Unternehmen internalisierten ihre Dienstleistungen. Externe Berater wurden immer seltener eingesetzt. Sie waren teuer, und alle nahmen Kürzungen in der Forschungsaufwendung vor. Trotzdem hätte ich das nicht gedacht. Nicht er.

Ich stimme zu, ohne über die Konsequenzen nachzudenken. Ich bin beschäftigt im Büro und wir unterhalten uns kurz. Ich gehe zum Mittagessen, als mir plötzlich ein Problem bewusst wird: Alexander. Was werde ich ihm sagen? Die Wohnung wurde von mir gemietet und ich will weggehen. Ich beschließe, ein paar Tage zu warten, bis ich mich damit auseinandersetze.

Das Angebot erweist sich als ernst und die Frist ist ziemlich kurz. Ich beginne zu zweifeln, dass es eine gute Entscheidung war. Aus heiterem Himmeln erscheint die ideal Lösung: unbezahlter Urlaub für einen Monat. Einfach und risikofrei.

Nun ist alles real, denke ich. Realer als ich es mir vorgestellt habe. Und Alexander? Ich muss mit ihm sprechen. Morgen ist der erste März und ich will den Tag nicht ruinieren.

Ich brauche eine Veränderung und ich weiß es. Finanziell bin ich gut aufgestellt, aber ich bin nicht glücklich. Ich habe kein Leben. Arbeit ist meine einzige Sorge und sie nimmt fast meine gesamte Zeit ein. Manchmal gibt es eine kurze bedeutungslose Liebelei. Ich habe beim Sex immer den Höhepunkt erreicht, aber nicht, weil ich mir ausnahmslos begnadete Liebhaber ausgesucht hatte. Ich wusste genau, was mich dorthin brachte und wie ich mich anfassen musste.

Alex war die Art von Freund, mit dem man gerade so intim werden kann, ansonsten waren wir nur Freunde. Ich vermute, dass es sehr erotisch für ihn war, sich diese Show anzuschauen, für die mir noch immer die Gefühle fehlten. Ich habe mich nie schuldig gefühlt, ihn benutzt zu haben. Eigentlich hatte ich nie gedacht, dass ich ihn benutze. Ich habe ihm von Anfang an gesagt, dass ich keine Gefühle in die Sache einbringen möchte. Es war lediglich eine Beziehung, die Vorteile bringen sollte. Für uns beide, möchte ich sagen. Einfach und stressfrei.

Am nächsten Tag klingelt das Telefon.

„Wie feierst du das Kommen des Frühlings?”, fragt meine Schwester.

„Nichts Besonderes. Barbecue heute Abend mit den Nachbarn.“

„Komm in den Park, es scheint die Sonne draußen. Dann trinken wir irgendwo einen Saft.“

„17:30 Uhr passt dir? Früher kann ich nicht wegen der Arbeit.“

„Ja, bis dann.”

Wir treffen uns nicht oft, obwohl wir ziemlich nah beieinander wohnen. Ich habe keine Lust, zu fahren, und beschließe, Alexander mitzunehmen. Es ist komisch, wir leben schon seit sechs Monaten zusammen und sind gelegentlich intim, aber wir sind nie zusammen ausgegangen. Ich hatte nie ein richtiges Date mit ihm.

Es wird früh dunkel und wir fahren nach Hause zurück. Ich fühle mich entspannt und habe gute Laune.

„Ich fühle mich wie Gepäck“, sagt er leise.

„Wie bitte?“

„Ihr habt euch verhalten, als wäre ich nicht da.“

„Tut mir leid …“

Wir schweigen, bis wir zu Hause ankommen. Keiner von uns weiß, was er sagen soll. Ich fühle mich mit einem Mal seltsam. Einerseits habe ich nicht bemerkt, wie gleichgültig ich mich verhalten habe, andererseits war ich nie anders.

Musik ist vom Tor zu hören. Wir treten ein und lächeln allen zu, als ob wir nie ein Problem gehabt hätten. Eine altersschwache Glühbirne erhellt den Garten. Ich hebe die Hand, um mit einem Glas Wein anzustoßen. Dadurch funkelt der Stein des Ringes, der an meinem Finger steckt, intensiv im blendenden Licht.

„Bereit, Junge?“ sagte Ben scherzhaft, aber gleichzeitig demütigend. „Hast du schon um ihre Hand angehalten?“

Ich verstumme. Die Unterhaltung erscheint mir wie eine Theaterszene, in der ich die Hauptdarstellerin bin. Eine stumme Schauspielerin, die nicht versteht, warum sie auf der Bühne ist. Eine Zuschauerin, die aus dem Publikum genommen wird und plötzlich schauspielern soll, die ganze Aufmerksamkeit erhält und nicht weiß, was zu tun ist. Alle können antworten außer mir, weil ich das Skript nicht erhalten habe.

Ich wusste nicht einmal, dass ich eine Beziehung hatte. Mich stört, was ich höre, und ich kann es nicht erwarten, zu gehen. Wie zur Hölle habe ich nichts bemerkt?

Es ist Zeit für eine ernsthafte Unterhaltung. Ich erzähle den anderen, dass ich müde bin, und gehe. Alexander folgt mir.

&

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Ein Ticket Richtung Freiheit" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen