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Ein Stern für Finja

Vorspann

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Stell dir ein Haus vor, das vor über hundert Jahren gebaut wurde. Lange Zeit hat niemand mehr darin gewohnt. Na ja, ein paar Mäuse vielleicht.

Vieles muss erneuert werden. Türen schließen nicht richtig. Dachziegel fehlen. Das Bad im Obergeschoss ist die reinste Katastrophe.

Schön ist das Haus trotzdem. Auch ein bisschen geheimnisvoll, das wirst du bald merken. Und der große Garten mit den Apfelbäumen und dem Seerosenteich würde dir sicher gefallen. Ein richtiger Abenteuerspielplatz!

Das Haus hat zwei Stockwerke. In einem der Zimmer im oberen Stock liegt ein Mädchen auf dem Bett und hört Musik. Es heißt Finja und ist neun Jahre alt. Seit den Sommerferien wohnt Finja mit ihrer Familie hier.

Ihr Vater hat das Haus von seiner Tante Helene geerbt. Sie war Himmelsforscherin. Also wundere dich nicht, wenn dir manchmal Sterne aus den Geschichten entgegenleuchten.

Du wirst Finja gleich kennenlernen. Und ihren Bruder Jo. Er ist zwei Jahre jünger als Finja.

Etwas später taucht der Rest der Familie auf: Paulchen, Finjas kleine Schwester. Und ihre Eltern, Meike und Björn. Meike ist Fotografin. Björn arbeitet als Kinderarzt in einer großen Klinik.

Tom, Mamas jüngerer Bruder, kommt oft zu Besuch. Er studiert Sport in der Nachbarstadt. Dort ist er Torwart im Fußballclub und trainiert den Nachwuchs.

Du wirst auch allerhand anderen Leuten begegnen. Und wenn du gern Tiere magst, dann freu dich schon mal auf … Nein! Das soll nicht verraten werden. Das Buch hat ja gerade erst angefangen. Genau wie die Herbstferien.

1. Kapitel

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Finja zupft sich die Kopfhörer von den Ohren. Sie mustert die Wände. Die sind mit Pferdepostern tapeziert, genau wie in ihrem alten Zimmer. „Aber es fühlt sich trotzdem noch nicht wie zu Hause an“, sagt sie leise zu ihrem Hamster Flumm. „Und Kristina fehlt mir am meisten.“

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Flumm schläft. Finjas beste Freundin Kristina hat ihr den Hamster neulich mitgebracht. Als Trostgeschenk. Denn seit dem Umzug liegen vierzig Kilometer zwischen den beiden Mädchen. Da können sie sich nicht mal eben mit dem Fahrrad besuchen wie früher. Finja seufzt. Dann fällt ihr Blick auf ein Foto von Nando. Auf dem ist sie früher geritten! Wunderschön sieht er aus mit seinem hellbraunen Fell und den dunklen Augen. Wenn sie nur wieder reiten könnte …

Plötzlich hört Finja ein Rumpeln. Was war das?

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Finja springt von ihrem Bett. Sie schaut erschrocken zur Decke und lauscht.

Erneut rumpelt es. Das Geräusch kommt vom Dachboden. Ganz klar! Finja spürt, dass sie vor Aufregung einen heißen Kopf bekommt.

„Der Dachboden ist gefährlich“, hat Papa gesagt. „Die Dielenbretter sind total morsch.“ Und dann hat er mit seinem strengsten Papa-Blick hinzugefügt: „Dass ihr mir da ja nicht alleine hochsteigt!“

Aber irgendwer ist jetzt dort oben!

Die Handwerker können es nicht sein. Die sind schon weg.

Papa? Unmöglich! Papa muss bis abends in der Klinik arbeiten.

Mama ist vorhin mit Paulchen in den Park gegangen.

Und Jo hat gerade noch mit sich selbst im Garten Fußball gespielt.

Finjas Herz wummert wild. Wer macht dann so einen Krach da oben?

Ratten? Einbrecher?

Vielleicht will jemand das Fernrohr aus Großtante Helenes Sternwarte klauen! Die Tür zu dem Raum mit der Kuppel ist zwar fest verschlossen, aber Diebe kennen tausend Tricks.

Nein! Bloß keine Einbrecher!, denkt Finja. Sie ist doch allein im Haus! Hastig sieht sie sich in ihrem Zimmer um. Das dicke Tierlexikon auf ihrem Schreibtisch, das könnte sie dem Dieb mit Wucht an den Kopf schmeißen.

Da hört Finja einen Schrei.

Aber … ist das nicht … Jo? Hat der Einbrecher ihn auf den Dachboden verschleppt?

Reiß dich zusammen!, sagt Finja zu sich selbst. Als Älteste muss sie schließlich auch die Mutigste sein, wenn ihre Eltern nicht zu Hause sind.

Wieder hört sie jemanden rufen: „Hilfe! Finja, Hilfe!“

Das ist Jo, gar kein Zweifel!

Na warte, du Einbrecher! Finja schnappt sich ihre schwere Taschenlampe. Die ist besser als das Tierlexikon. Damit kann man nicht nur jemanden bewusstlos schlagen. Sie macht auch helles Licht.

Die Leiter an der Luke zum Dachboden ist nach unten geklappt.

„Jo?“, ruft Finja zögernd.

„Hier oben“, ruft Jo zurück. „Eingeklemmt!“

„Allein?“, will Finja wissen.

„Was denn sonst?“, knurrt Jo.

Finja atmet erleichtert auf. Sie klettert die Leiter zum Dachboden hoch. Späht in den düsteren Raum. Nur eine funzelige Glühbirne gibt etwas Licht. Wie gut, dass Finja ihre Taschenlampe mitgenommen hat!

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Vorsichtig setzt Finja einen Fuß vor den anderen. Bei jedem Schritt knarrt und ächzt der Bretterboden. Überall stehen Pappkartons, Kisten und Truhen herum. Dazwischen entdeckt Finja eine Standuhr, auf der die Zeit stehengeblieben ist. Und einen verstaubten Spiegel mit goldenem Rahmen, wie im Märchen.

„Wow, was Großtante Helene alles aufgehoben hat!“ Finja streicht über eine winzige Kommode mit kleinen Schubladen.

„Jetzt hilf mir doch endlich!“, jammert Jo.

„Damit du mir wieder klebrige Kaugummis in meine Turnschuhe stopfen kannst, so wie gestern?“, fragt Finja.

„Ich werde dich nicht mehr ärgern. Versprochen! Mindestens eine Woche lang.“

„Mindestens vier Wochen!“, verlangt Finja.

„Drei?“, fragt Jo.

„Vier! Sonst lasse ich dich hier klemmen!“, sagt Finja.

„Okay“, murmelt Jo.

Finja sieht, dass er mit einem Bein zwischen zwei hohen Kisten aus dunklem Holz feststeckt.

„Ich wollte zu dem braunen Koffer dahinten klettern“, erklärt Jo. „Es könnten doch richtig coole alte Sachen drin sein. Aber ich bin abgerutscht.“

Finja versucht, die vordere Kiste wegzuschieben. „Verflixt, das geht nicht! Warte, ich probier’s mal mit Ziehen.“

Doch das schwere Teil bewegt sich nicht vom Fleck. Und die hintere Kiste? Ein Glück, die gibt nach! Jo ist frei! Aber er kommt aus dem Gleichgewicht und plumpst auf den Boden.

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„Hast du dir wehgetan?“, fragt Finja.

„Nur ein bisschen“, sagt Jo tapfer.

Finja hilft ihrem Bruder hoch. Puh, ganz schön schwer! Dabei ist er erst sieben.

„Danke!“ Jo zieht den Schuh aus und reibt sich den Fuß.

„Wieso bist du überhaupt hier oben?“, fragt Finja.

„Ich wollte mir Großtante Helenes Sternwarte angucken“, erklärt Jo. „Die Tür hab ich gefunden.“

„Du weißt doch, dass sie abgeschlossen ist.“

„Ich dachte, Papa sagt das nur so. Damit wir uns nicht auf den Dachboden trauen.“

„Also, ein bisschen gefährlich ist es schon“, sagt Finja. „Hör dir bloß mal an, wie die alten Dielenbretter knarren.“

„Aber wir sind doch vorsichtig! Machen wir jetzt den Koffer auf?“, fragt Jo.

Gemeinsam bahnen sich die Geschwister einen Weg zur hinteren Wand. Finja kommt ins Stolpern. Krach!

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Jo zeigt auf Finjas rechten Fuß und fängt an zu lachen. Der Fuß steckt in einem kleinen Vogelkäfig. Der ist aus Holz und Draht und auf einer Seite kaputt. Jo kriegt sich nicht mehr ein.

„Hör auf!“, grummelt Finja. „Das ist nicht lustig.“

„Sieht aber lustig aus“, gluckst Jo.

Finja zieht den Käfig vorsichtig von ihrem Schuh.

„Armer kleiner Vogel!“, sagt Jo.

Da kann Finja nicht mehr ernst bleiben und muss auch lachen.

Dann kniet sich Jo vor den Koffer.

„Solche altmodischen Dinger mit Schnallen kenn ich nur aus Filmen“, sagt Finja. „Der ist mindestens hundert Jahre alt.“

„Mindestens tausend“, meint Jo. „Mann, Mann, die Schlösser sind ganz verrostet. Die gehen gar nicht auf.“

„Lass mich mal!“ Finja beugt sich über den Koffer. Aber sosehr sie sich auch anstrengt, sie bekommt die Schlösser nicht auf. „Vielleicht geht es leichter, wenn wir sie vorher ölen. Oder wir probieren es mit einer Zange“, überlegt sie.

„Gute Idee“, sagt Jo. Er zeigt auf einen großen Käfig. „Guck dir den mal an, dadrin hätte Flumm ganz viel Platz.“

„Braucht er nicht. Du weißt doch, dass er in meinem Zimmer frei herumlaufen darf. Aber die kleine Kommode mit den Schublädchen, die hätte ich gerne.“

„Dabei wollten wir einen Schatz finden!“ Jo schlägt mit der Faust auf den Koffer. „Warum gehst du nicht auf, du blödes Ding?“

„Wenn wir demnächst mal wieder alleine sind, gucken wir uns die Sachen hier oben genauer an. Und dann versuchen wir, den Koffer zu knacken. Aber bloß nichts verraten, keinem! Das bleibt unser Geheimnis“, sagt Finja. „Und jetzt schnell nach unten, bevor Mama und Paulchen heimkommen.“

„Ratzfatz die Leiter runter und die Dachluke verriegeln.“ Jo zwinkert Finja zu. „Dann merkt keiner, dass wir auf dem Speicher gewesen sind.“

Als Finja mit Jo über die knarrenden Dielenbretter zurückschleicht, fällt der Strahl ihrer Taschenlampe auf die Tür zur Sternwarte.

„Guck mal“, sagt Finja, „da steht was.“

Sie geht neugierig näher. Bevor sie hinter Jo die Leiter hinunterklettert, will sie noch schnell lesen, was an der Tür steht:

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2. Kapitel

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Finja und Jo sitzen auf der untersten Treppenstufe im Flur. Sie schauen sich ein Fotoalbum mit Bildern vom vorigen Jahr an.

„Hast du manchmal auch noch Heimweh?“, fragt Finja ihren Bruder.

„Nee. Weil ich doch jetzt im Fußballclub bin. Und im Garten kann ich super trainieren. Ich glaub, der Hund der Nachbarin würde am liebsten mitspielen.“ Jo lacht. „Wie der vorhin wieder gebellt hat!“

„Ich würde ja gerne wissen, was für Tiere in dem Stall wohnen, den wir von meinem Fenster aus sehen können. Paulchen ist auch schon ganz neugierig“, meint Finja.

„Kaninchen vielleicht?“, überlegt Jo. „Mama und Papa sollen Frau Niel endlich mal einladen. Das wollten sie doch.“

„Aber erst, wenn es hier nicht mehr so nach Baustelle aussieht“, seufzt Finja.

Plötzlich fliegt die Haustür auf und Paulchen kommt hereingestürmt. „Überraschung!“ Sie hält eine Papiertüte an sich gedrückt.

„Dadrin?“ Finja zeigt auf die Tüte.

Paulchen schüttelt den Kopf. In dem Moment reißt die Tüte. Tomaten und Paprika kullern auf den Boden.