Logo weiterlesen.de
Ein Sommer wie ein Leben

Christie Ridgway

Ein Sommer wie ein Leben

Roman

Aus dem Amerikanischen von Sonja Sajlo-Lucich

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

Liebe Leserin, lieber Leser,

die Sommertage in Strandhaus Nr. 9 in Crescent Cove sind lang und heiter, doch gerade die Sommernächte haben etwas, das Euren Besuch dort unvergesslich machen wird! Auch wenn die Sonne längst untergegangen ist, hält sich die Hitze im bezauberndsten Bungalow am Strand. Sehen wir uns gemeinsam an, wie diese Magie wirkt …

Nicht weit von der Bucht entfernt gibt es einen einzigartigen Ort, den Ihr in „Ein Sommer wie ein Leben“ kennenlernen werdet – Avocado Country. Bäume mit dunkelgrünen Blättern, deren Früchte manchmal auch als Fruchtbarkeitsbeere oder Alligatorbirne bezeichnet werden, wachsen hier auf den Hügeln. Ich freue mich schon darauf, Euch diesen Teil Kaliforniens zu zeigen. Schließlich geht doch alles mit ein bisschen Guacamole besser, nicht wahr?

Feldsanitäter Vance Smith ahnt nicht, welches Mahl ihm serviert werden wird, als er zu einem vierwöchigen Aufenthalt in Nr. 9 erscheint. Erst als er die hübsche Layla Parker mit den großen braunen Augen trifft, erkennt er langsam, welche Köstlichkeiten da vor ihn hingestellt wurden. Als vorsichtige Menschen wehren sich die beiden natürlich gegen die zunehmenden Gefühle füreinander, aber gegen die Liebe anzukämpfen, kommt einem Kampf gegen die hereinrollende Flut gleich. Feuert die beiden zusammen mit mir an, damit sie ihr Happy End finden!

Und genießt den Sonnenschein!

Eure

Christie

Dieses Buch entstand, als ich mit einem komplizierten Beinbruch ans Bett gefesselt war. Die OP beinhaltete das volle Programm (Stahlplatten! Nägel! Klammern!), gefolgt von drei Monaten, in denen ich das Bein nicht belasten durfte. Mein wundervoller Mann kam jeden Tag mittags nach Hause, um mir ein Essen zuzubereiten, und abends wiederholte er das mit dem Dinner, ganz abgesehen davon, dass er den gesamten Haushalt geschmissen hat, mir oft Mut zugesprochen und meine Stimmung wieder aufgehellt hat. So ist er auch mit mir an die Orte gefahren, die mich zu den Büchern um Strandhaus Nr. 9 inspiriert haben. Und deshalb, Rob, mein Darling … das hier ist für Dich. Wie immer. Für ewig.

Jeder Liebende leistet Kriegsdienst.

Ovid

Eine Familie ist ein Ort, an dem sich die Seele mit anderen austauscht. Wenn diese Seelen einander lieben, ist deren Zuhause schön wie ein Blumengarten, wenn es aber an Harmonie untereinander mangelt, ist es wie ein Unwetter, das den Garten verwüstet.

Buddha

1. KAPITEL

Vance Smith hatte Taliban-Beschuss mit mehr Gelassenheit durchgestanden, als er sie jetzt verspürte, während er auf der offenen Veranda des Strandrestaurants auf die Person wartete, mit der er die nächsten vier Wochen verbringen sollte. Natürlich würde er es niemandem verraten, aber er hatte eindeutig feuchte Handflächen – Schweiß, den er nicht einmal an seiner Jeans abwischen konnte, da er um einen Arm einen Gips trug und um das Handgelenk des anderen eine Orthese.

Irgendwann während seines kurzen Klinikaufenthalts hatte ein spaßiger Private mit Picasso-Ambitionen einen Filzstift genommen und den blütenweißen Polymerverband an seinem linken Arm mit einer halb nackten, vollbusigen Amazonenprinzessin verziert. Die Zeichnung war detailliert genug, dass er seinen Cousin Baxter am Morgen gebeten hatte, das nicht jugendfreie Bild irgendwie zu kaschieren. Schließlich traf er sich mit einem jungen, noch leicht zu beeindruckenden Menschen.

Das Gesicht zu einer Grimasse verzogen, betrachtete er Baxters Lösung, dann blickte er Baxter selbst an, der ihm gegenübersaß und einen Schluck von seinem Wasser trank. „Das nennst du Hilfe?“ Vance bemühte sich gar nicht erst, den Unmut aus seiner Stimme herauszuhalten. „Eine Tattoo-Manschette? Etwas Besseres ist dir nicht eingefallen?“

Baxter blinzelte. In ihrer Jugend hatte man sie oft für Zwillinge gehalten, und noch heute hatten sie beide das gleiche blonde Haar und die gleichen blauen Augen. Aber im Gegensatz zu ihm, mit dem typisch militärischen Bürstenhaarschnitt und der lässigen Garderobe, sah sein ein Jahr jüngerer Cousin mit der gepflegten Frisur und dem konservativen Anzug samt Krawatte wie die Verkörperung seines Spitznamens aus – Business-Baxter.

Baxters Blick fiel auf die Nylonstulpe über dem Gips. „Ich würde sogar behaupten, es ist äußerst einfallsreich. Ich hätte auch eine schlechtere Wahl treffen können, weißt du. Damit passt du hier bestens ins Bild.“

Vance gab nur ein Schnauben von sich. Vermutlich hatte Baxter recht. Die Verzierungen waren keineswegs dämonisch oder – noch schlimmer – eine Auswahl typischer Knastmotive. Nein, es waren farbenfrohe Tribals, tropische Blüten und schäumende Wellen. Also nichts, was ein Kind verschrecken könnte.

„Dann halt dich eben an Teddy fest, wenn du dir noch immer Sorgen machst“, riet Baxter. „Deine neue Freundin wird sie wahrscheinlich nicht einmal bemerken.“

Es war weniger Verlegenheit als Groll, der ihm die Röte ins Gesicht trieb. „Halt einfach den Mund“, sagte Vance knurrig und hob den großen Plüschbären mit der blauen Satinschleife am Hals auf seinen Schoß. „Gibt es eine logische Erklärung, weshalb du nicht längst wieder auf dem Weg in die Firma bist?“ Sein Cousin war für die Buchhaltung im Familienbetrieb verantwortlich. Smith & Sons Foods bewirtschaftete eine riesige Avocado- und Zitrusfrüchteplantage, knapp sechzig Meilen südöstlich von Crescent Cove. „Müsstest du nicht Obstkisten zählen?“

Baxter legte den Kopf schief. „Du hast völlig recht. Ich bin voll ausgelastet. Aber ich bin auch der Einzige aus der Verwandtschaft, der mehr von dir hört als nur den sporadischen Zweizeiler per E-Mail. Wegen der drei vollständigen Sätze, die du mir tatsächlich hin und wieder zukommen lässt, obliegt mir eine gewisse Verantwortung.“

Vance schaute auf den Ozean hinaus, um dem kritischen Blick seines Gegenübers auszuweichen. Das Restaurant befand sich am Ende des südkalifornischen Crescent Cove, eine weite Bucht am graublauen Wasser des Pazifiks. Die strahlende Juli-Sonne spiegelte sich glitzernd auf der welligen Oberfläche. Ein wunderschönes Panorama, das genaue Gegenteil zur kargen Landschaft in Afghanistan, die für Monate sein einziger Anblick gewesen war. Dennoch fand er das Bild nicht entspannend, denn zu diesem Bild gehörte ein Kind. Für die nächsten vier Wochen würde er Vaterfigur für ein fremdes Mädchen spielen müssen.

„Dir obliegt also eine gewisse Verantwortung“, wiederholte er brummig und ließ seine Nervosität an seinem Cousin aus. „Weißt du eigentlich, dass du immer wichtigtuerischer wirst?“

„Das muss wohl an den sechzehn Stunden liegen, die ich pro Tag hinter dem Schreibtisch zubringe“, erwiderte Baxter gelassen. „Nicht jeder von uns hat das letzte halbe Jahr damit verbracht, Tretmienen auszuweichen und sich unter Gewehrkugeln wegzuducken.“

„Das ist mein Job.“ Er war Feldsanitäter. Auch wenn es nicht unbedingt das war, was er sich von Anfang an für seine Zukunft vorgestellt hatte, so bereute Vance es nicht, derjenige zu sein, der sich an der Front um verletzte und gefallene Kameraden kümmerte. Er war verdammt gut in dem, was er tat. Er hatte Leben gerettet.

Manche hatte er allerdings nicht retten können.

„Oh, oh“, kam es von Baxter. „Bleib hier, Kumpel. Du siehst aus, als würdest du gleich die Beine in die Hand nehmen und losspurten.“

„Ich spurte nirgendwohin.“ Er konnte noch immer die Stimme seines Großvaters hören: Ein Mann bricht niemals sein Versprechen. Vance richtete sein ganzes Leben nach diesem Motto aus. Nachdenklich spielte er mit den Enden der Satinschleife am Hals des Plüschbären. „Als ihr Vater in diesem gottverlassenen Tal gestorben ist, habe ich ihm geschworen, ich biete Layla einen Urlaub in Strandhaus Nr. 9, den sie nie vergessen wird.“

Der tödlich verwundete Colonel hatte die Reise bereits gebucht gehabt und trug die Unterlagen im Innennetz seines Helmes bei sich. Alle Soldaten taten das – stopften wichtige Papiere, Briefe oder Fotos unter den Helm. Genau wie er hatte auch der Colonel durch Griffin Lowell, einem der akkreditierten Journalisten, die mit ihnen an die Front gekommen waren, von Crescent Cove erfahren.

Der Mann war regelrecht poetisch geworden, wenn er von den Sommern erzählt hatte, die er in seiner Kindheit hier verbracht hatte – und zwar ohne Ausnahme jedem, der bereit gewesen war, ihm zuzuhören. Und sie alle hatten zugehört. Die Beschreibungen der fernen Idylle hatten ihnen eine Flucht vor den Grausamkeiten eines brutalen Krieges geboten. Scheinbar hatten diese Erzählungen bei dem Offizier an eine besondere Saite gerührt, denn er hatte den Bungalow tatsächlich für die Zeit seines Heimaturlaubs gemietet. Die Buchungspapiere hatte er zusammen mit dem Foto seiner kleinen Tochter unter seinen Helm gesteckt.

Während Vance hinter einem Schutzwall aus Strohballen und Erde versucht hatte, dessen Blutung zu stoppen, hatten Colonel Parkers Gedanken allein seiner Tochter gegolten. Bei seinen letzten Atemzügen hatte Parker ihm das Versprechen abgenommen, an seiner Stelle für einen Monat den Reiseleiter für Layla zu spielen und seiner Kleinen vier Wochen lang eine unvergessliche Zeit zu bereiten. Für ihn war es eine Frage der Ehre, dem letzten Befehl des guten Mannes Folge zu leisten.

Baxter zuckte in seinem Stuhl zusammen. „Hey. Ist das etwa …?“ Er fixierte einen Punkt hinter seiner Schulter und wischte sich mit der Hand über den Mund. „Nein, das kann nicht …“

Der jähe Verlust von Gelassenheit bei seinem Cousin beunruhigte Vance für einen Moment, bis er sich umdrehte, um Baxters Blick zu folgen. „Oh.“ Er entspannte sich wieder. „Das ist Addy. Du erinnerst dich doch noch an Addison March, oder? Ihre Mutter und unsere Mütter sind befreundet. Sie wohnt gleich die Straße von unserer Plantage hinunter und …“

„Ich weiß, wer sie ist“, fiel Baxter ihm ins Wort. „Ich frage mich nur, weshalb sie hier ist. Und wieso kommt sie direkt auf uns zu?“

Vance sah noch einmal über die Schulter hinter sich. Addy, eine kleine kurvige Blondine in knielanger Strandhose und flachen Sandalen, wand sich zwischen den Tischen auf der Terrasse hindurch und steuerte ihren Platz an. Auf jeden Fall konnte ihr Äußeres nicht der Grund für den Stress sein, der in der Stimme seines Cousins zu hören war. „Ich habe sie als Nanny angeheuert. Schließlich kann ich wohl kaum vier Wochen mit einem kleinen Mädchen allein sein. Wir trafen uns zufällig, als ich vor ein paar Tagen herkam, um mir die Bucht anzuschauen, und da …“

„Du sagtest doch, dass du noch nie von dieser Bucht gehört hast, bevor dieser Reporter davon erzählte. Ich habe ja auch noch nie davon gehört. Von allen möglichen Kaschemmen, ausgerechnet hier …“ Er stand abrupt auf. „Ich muss los.“

„Hallo“, sagte da eine weibliche Stimme hinter ihm. „Gehst du schon, Baxter?“

Sein Cousin erstarrte. Baxters panische Miene hätte lustig wirken können, wenn sie nicht so völlig untypisch für ihn gewesen wäre. „Alles in Ordnung mit dir?“, hakte Vance argwöhnisch nach.

„Sicher, klar, alles bestens“, murmelte Baxter und ließ sich wieder auf seinen Platz fallen. „Mir geht’s prächtig. Ist mir nie besser gegangen.“

„Wenn du meinst.“ Vance zeigte auf einen freien Stuhl am Tisch. „Setz dich doch, Addy. Du kommst genau richtig, Layla müsste jede Minute hier sein.“

„Bringt ihr Onkel sie her?“, erkundigte sich die junge Frau.

„Das nehme ich an.“ Er hatte per E-Mail abgesprochen, sich heute hier mit Phil Parker zu treffen, dem Kontakt, den Laylas Vater ihm genannt hatte. Vance hatte den Eindruck gewonnen, dass der Mann ein weltfremder Spinner sein musste. Seine mehr als vagen Auskünfte hatte er ohne Punkt und Komma vorgebracht, dafür waren häufige Anspielungen auf Kismet, Schicksal und Surfen eingeflochten gewesen. Jede Mail endete mit einem namaste, was auch immer das heißen mochte.

„Nett, dass du einen Plüschteddy besorgt hast“, meinte Addy.

Bei der Erinnerung an den Teddy wurde Vance wieder nervös. Wahrscheinlich zog er nur deshalb das Foto aus seiner Hemdtasche. Oh ja, er hatte sich sogar schick gemacht für die Kleine. Seine beste Jeans und ein kurzärmeliges Hemd, frisch aus der Reinigung. Er legte das Bild auf den Tisch. „Ihr Vater hatte das hier bei sich. So kam ich auf die Idee.“

Von dem Foto blickte Layla Parker die drei Betrachter an. Sie hockte auf einer niedrigen Steintreppe, eines ihrer knochigen Klein-Mädchen-Knie war aufgeschlagen. Lange Zöpfe hingen ihr über die Ohren, betonten eine hohe Stirn und riesige braune Augen. Sie musste ungefähr zehn sein und schaute in die Kamera auf, in ihrem Gesicht ein kleines Lächeln, während sie mit ihren mageren Armen einen großen Teddy an sich drückte.

„Ah …“ Addy lächelte. „Süß.“

„Ja.“ Die Hand ihres Vaters hatte gezittert, als er das Foto herausgefischt und es ihm hingehalten hatte. Ist sie nicht wunderschön, Vance? Du musst etwas für mein kleines Mädchen tun. Lass sie nicht allein. Welche Wahl hatte er da gehabt? Die Emotionen in der rauen Stimme des Sterbenden hatten ihm die Zusicherung praktisch abgezwungen.

Er hatte alles in seiner Macht Stehende getan, um den Colonel zu retten … es war nicht genug gewesen. Der Mann war ihm unter den Händen weggestorben und hatte ihn mit dem Versprechen zurückgelassen, den letzten Wunsch des Colonels zu erfüllen.

„Ich muss gehen“, meldete Baxter sich wieder.

„Klar.“ Da Addy jetzt hier war, war die Anwesenheit einer zweiten Person gesichert, das würde die Verlegenheit beim ersten Treffen mit der kleinen Layla mildern. Er nickte seinem Cousin zu. „Danke für …“

Er verstummte, da plötzlich eine Brise aufkam und ihm kalt über den Nacken strich. Die Härchen an seinem Körper – sogar die unter dem verfluchten Gips – richteten sich auf. Alles in ihm verspannte sich, bereit zur Flucht. Als Soldat lernte man schnell, sich auf sein Bauchgefühl zu verlassen, und seins sagte ihm, dass er derjenige war, der schnellstens gehen sollte.

Aber so oft er auch halb tot vor Angst gewesen war, seit er zum Militär gegangen war, hatte er sich nie vor seinen Pflichten gedrückt und würde bestimmt nicht jetzt damit anfangen. Und überhaupt, welche Gefahr konnte in dieser sonnigen Zivilwelt schon lauern?

Der seltsame Windhauch jagte ihm erneut kalt über die Haut. Vance drehte den Kopf in die entsprechende Richtung. Die Sonne blendete ihn. Irgendetwas blendete ihn auf jeden Fall. Er musste mehrere Male blinzeln, bis er den Empfangstresen am anderen Ende der Terrasse klar erkennen konnte. Eine junge Frau stand dort – eine sehr hübsche junge Frau. Sie musste ungefähr Mitte zwanzig sein und trug ein leichtes Sommerkleid aus fließendem Stoff, das in allen Farben des Regenbogens schillerte, knapp über den Knien endete und mit einem Gürtel um die schmale Taille zusammengerafft war. Mittelbraunes Haar wellte sich um ihre Schultern, ein dichter Pony hing ihr bis fast in die Augen.

Vance stutzte und runzelte die Stirn. Da war etwas an ihr … Sie fiel ihm eindeutig auf. Nicht so, wie eine wirklich gut aussehende Frau jedem Mann auffiel, sondern … sie kam ihm bekannt vor.

Und sie war nervös. Sie strich sich mit den Fingern durch das lange Haar, während sie auf Zehenspitzen suchend das Restaurant überblickte, dabei kaute sie auf ihrer Unterlippe.

Großer Gott, kannte er diesen Mund nicht?

Nein, er hätte es bestimmt nicht vergessen, wenn er diese Lippen schon mal geküsst hätte, oder doch?

Die Augen zusammengekniffen, überlegte er weiter. Er war dreißig und sie musste ungefähr fünf Jahre jünger sein als er. Somit war es ausgeschlossen, dass sie auf die Liste seiner Highschool-Romanzen gehörte – selbst, falls der Zufall eins von den Mädchen hergeführt hätte. Schließlich waren sie nur eine Stunde Fahrt von dem Ort entfernt, an dem er aufgewachsen war. Was seine neuesten Eroberungen betraf … bis vor sechs Monaten hatte er ein Jahr lang eine feste Beziehung gehabt. Das konnte nur bedeuten, dass dieses hübsche kleine Ding in seine Sturm- und Drangzeit gehören musste. Es war eine wilde und verrückte Zeit gewesen, und die Erinnerungen daran waren eher verschwommen.

Er sah Baxter an, der damals sein Komplize gewesen war, der arme Kerl war zum Fahrer abkommandiert worden, wann immer es ihm gelungen war, ihn aus dem Büro loszueisen. „Cousin?“

Baxter zuckte zusammen, er hatte Addy angestarrt, die versunken das Spiel der Wellen beobachtete. „Äh … ja?“

Sein Cousin strich sich über die geschmackvolle Krawatte und warf einen letzten Blick auf die Blondine, die neben ihm saß.

Vance hatte jetzt keine Zeit, sich damit zu beschäftigen, was genau da vor sich ging, nicht solange er sich darauf konzentrieren musste, die Identität der langbeinigen Schönheit zu enträtseln. „Mach es nicht zu auffällig, aber schau dir mal die Frau an, die beim Empfang auf einen Tisch wartet.“ Sein Cousin blickte gelassen hinüber. „Kenne ich sie?“

Empört funkelte Baxter ihn an. „Wie sollte ich all deine Bekannten kennen?“

„Es ist vielleicht weit hergeholt, doch …“ Vance hatte das bedrückende Gefühl, sie war mehr als nur eine Bekannte. Er widerstand dem Drang, zu ihr hinzustarren, obwohl der Mann in ihm zu gerne einen genaueren zweiten Blick riskiert hätte. Das wäre jedoch keine gute Idee. Sollte sie tatsächlich eine Verflossene sein, wollte er nicht auch noch ihre Aufmerksamkeit erwecken. In den letzten Jahren war er wählerischer geworden, weniger Partylöwe. Es wäre nur peinlich für sie beide, falls sie die Bekanntschaft auffrischen wollte und er sich nicht einmal an ihren Namen erinnerte, geschweige denn daran, wie und wo sie sich kennengelernt hatten.

Sollte ich wirklich einen solchen Mund vergessen haben?

„Ach, ist ja auch egal.“ Er hakte einen Fuß um eins der Stuhlbeine und ruckte mitsamt Stuhl ein Stückchen herum, mehr mit dem Rücken zu der Brünetten.

„Hm“, kam es von Baxter, der wieder an ihm vorbeiblickte. „Sie hat das Warten wohl aufgegeben und kommt jetzt auf die Terrasse heraus. Sieht aus, als liefe sie direkt auf uns zu.“

Verdammt! In aller Eile durchforstete Vance noch einmal seine Erinnerungen. Auf dem College hatte er in Vergnügungssucht und Aufschiebungstaktik geglänzt, bis er sein Studium abgebrochen und sich freiwillig zur Army gemeldet hatte. Als er nach vier Jahren Dienst nach Kalifornien zurückgekehrt war, war er wieder in die alte Bad-Boy-Rolle zurückgefallen, hatte sich jedoch bald gefangen und war eine feste Beziehung mit einer Frau eingegangen, von der er gedacht hatte, dass sie seine Zukunft wäre. Dennoch war dazwischen genug Zeit gewesen, um die Frau mit dem welligen Haar, deren Anwesenheit er körperlich fühlen konnte, kennenzulernen und wieder zu vergessen.

Vorsichtig schaute er über seine Schulter. Sie war stehen geblieben und musterte die Gäste im Restaurant. Und ja, sie strahlte definitiv mehr als nur einen Hauch Nervosität aus. Er hoffte für sie, dass nicht irgendein Trottel sie versetzt hatte. Jetzt wanderte ihr Blick weiter, gleich musste sie seinen Tisch ins Auge fassen … Hastig drehte Vance sich weg und rutschte auf dem Stuhl tiefer. Er wollte schon nach der Speisekarte greifen, damit er sich dahinter verstecken konnte, aber im letzten Moment riss er sich zusammen.

Was trieb er hier eigentlich? Addy würde ihn für beschränkt halten, und Baxter würde sich halb totlachen. Er schimpfte sich ja selbst einen Idioten, weil er diesen Impuls überhaupt verspürte.

Außerdem hätte ich ein solches Gesicht bestimmt nicht vergessen.

Fest entschlossen, irgendein harmloses Small-Talk-Thema anzuschneiden, räusperte er sich. Addy und Baxter sahen beide gleichzeitig zu ihm hin und genauso synchron hoben sie den Blick über seinen Kopf. Sein Magen zog sich zusammen. Ein liebliches Parfüm stieg ihm in die Nase, begleitet von einem weiteren dieser warnenden kalten Windstöße.

„Vance?“, fragte eine Frau mit rauchiger Stimme hinter ihm. „Vance Smith?“

Dieses leicht raue Timbre kratzte über seine Eingeweide, weckte seine sexuellen Bedürfnisse mit einem Paukenschlag. Mist, dachte er und verspannte sich. Das war jetzt wirklich nicht der passende Zeitpunkt. Es war die Zeit für Layla Parker, die jeden Moment aufkreuzen konnte. Die Situation würde unangenehm für alle Beteiligten werden, wenn die Frau, an die er sich nicht mehr erinnerte, beim ersten Treffen mit der Tochter des Colonels dabei wäre. Irgendwie musste er seine Libido wieder in Tiefschlaf versetzen, also blieb er reglos sitzen und wartete darauf, dass sein Wunsch sich erfüllte und sie ging.

Seine Hoffnung wurde jedoch enttäuscht, und so schluckte er resigniert und drehte sich halb auf seinem Stuhl um.

„War es das Breakers?“, fragte er. Das war eines der Lokale gewesen, in denen er sich früher öfter herumgetrieben hatte. „Oder Pete’s Place?“

„Wie bitte?“

Er zwang sich, ihr in die Augen zu schauen. Es waren große Augen, von einem sanften Braun, umrahmt von dichten dunklen Wimpern. Oh Mann, war alles, was er denken konnte. Diese Augen, der Mund … die Kombination haute ihn um.

Und rührte an eine Erinnerung. Nur bekam er sie nicht zu fassen, nicht mal, wenn sein Leben davon abgehangen hätte.

„Ich versuche mich zu erinnern, wo wir uns begegnet sind“, erklärte er. Es gab keine andere Möglichkeit als Offenheit, obwohl ihm völlig schleierhaft war, wieso er sich nicht an sie erinnerte, so, wie sein Körper auf sie reagierte. Sie hätte in sein Hirn eingebrannt sein müssen. „Tut mir leid, doch ich weiß es nicht mehr.“

„Oh.“ Goldene Kreolen schwangen mit, als sie den Kopf schüttelte. „Wir sind uns noch nie begegnet. Ich habe geraten. Sie haben die kürzesten Haare von allen hier.“

Ihre Mundwinkel hoben sich, als sie leicht lächelte, und …

… es klickte bei ihm. Dieses Lächeln war das fehlende Puzzleteilchen, das das Bild vervollständigte, weil es dasselbe Lächeln war wie das des kleinen Mädchens mit dem Teddybär im Arm – auf dem Foto des Colonels.

Sein Magen verkrampfte sich. Mist, dachte er verdattert. Oh Mist …

Sie hatte recht, sie waren einander nie begegnet. Dennoch kannte er sie. Um genau zu sein, er hatte auf sie gewartet. Ja, Colonel, sie ist wirklich wunderschön.

So schön, dass ihm schwindelig wurde.

Die sexy Frau, die keine zwei Meter von ihm entfernt stand, war niemand anderes als Layla Parker. Layla Parker, das „kleine Mädchen“, dessen Träume zu verwirklichen ihm aufgetragen worden war.

Großer Gott. Das änderte nun wirklich alles. Das „kleine Mädchen“ hatte sich als erwachsene Frau entpuppt.

Vance war so durcheinander, dass er nicht aufstand, er sagte kein Wort, er schien nicht einmal mehr zu atmen. Zum Glück besann Baxter sich auf seine Manieren. Er erhob sich und rückte der Tochter des Colonels den Stuhl zurecht, eine Aufforderung, sich an den Tisch zu setzen. Und Layla ließ sich von ihm wegführen und sich auf den freien Platz neben Addy helfen. Sie richtete ihre Aufmerksamkeit auf seinen Cousin und die Frau, die er angeheuert hatte, damit sie zusammen mit ihm und einem kleinen Mädchen vier Wochen in Strandhaus Nr. 9 verbrachte.

Mit dem kleinen Mädchen, das überhaupt kein kleines Mädchen war.

Da er Mühe hatte, diese Tatsache zu verarbeiten, überließ er es Baxter und Addy, die Begrüßung zu übernehmen und die Unterhaltung in Gang zu bringen. Layla lächelte und redete, das sah er, auch wenn kein Wort von ihr zu ihm durchdrang.

Immer wieder richtete sie ihre großen braunen Augen flüchtig auf ihn, ganz offensichtlich verwirrt darüber, dass er sein Schweigen eisern beibehielt. Das tat er nur, weil er vollauf damit beschäftigt war, die Reaktionen seines Körpers unter Kontrolle zu halten, während seine Gedanken sich auf der Suche nach einer Lösung für diese unmögliche Situation überschlugen.

Einer der Kellnerinnen war aufgefallen, dass ihr Vierertisch voll besetzt war. Sie kam herüber, um sie nach ihren Wünschen zu fragen. Vance wollte die Bedienung gerade wissen lassen, dass sie nicht lange bleiben würden, doch Baxter, der es plötzlich gar nicht mehr eilig hatte, und die Frauen gaben bereits ihre Bestellungen auf. So blieb ihm nichts anderes übrig, als auch etwas zu ordern – er nahm ein Sandwich und einen Eistee.

Na schön, sie würden also zusammen essen, ein Mahl miteinander teilen, bevor sie sich wieder verabschiedeten und jeder wieder seiner Wege ging. Layla war mindestens doppelt so alt wie er erwartet hatte, und sicher wusste sie mit ihrer Zeit Besseres anzufangen, als mit einem komplett fremden Mann vier Wochen am Strand herumzuhängen.

Gerade, als er sich von diesem Gedanken beruhigen ließ, sagte sie: „Mein Dad hat in seinen Briefen viel von Ihnen erzählt.“

Vance blinzelte und riss den Blick von dem Foto los, das halb von einem Platzset verdeckt auf dem Tisch lag. „Hat er?“ Sicher, sie hatten sich gekannt und der Colonel hatte echtes Interesse für die Männer unter seinem Kommando gezeigt. Dafür war er von ihnen respektiert und bewundert worden. Wirkliche Nähe war aber erst an jenem schicksalhaften Tag entstanden, als er zusammen mit dem Colonel und ein paar Soldaten das Tal durchqueren sollte, um sich mit einem Stammesältesten zu treffen. Wenn man um das Leben eines anderen Menschen kämpfte, bildete sich rasant eine intensive Intimität.

Layla senkte den Blick auf ihre unzähligen dünnen Armreifen, drehte sie an dem schmalen Handgelenk erst im Uhrzeigersinn, dann dagegen. „Er hat mir immer lange Briefe geschickt, in denen er die Leute beschrieb, mit denen er zu tun hatte, und ein sehr genaues Bild von der Landschaft zeichnete. Solche Dinge eben.“

Vance dachte an die knappen E-Mails, die er an seine Familie verschickt hatte, und zum ersten Mal meldete sich so etwas wie ein schlechtes Gewissen. „Ah.“

„Er konnte gut Geschichten erzählen“, meinte sie mit dieser großartigen rauchigen Stimme. „Wäre er nicht Soldat ge-wesen …“

Sie verstummte und es entstand eine unangenehme Pause. Schließlich war er nun mal Soldat gewesen, und jeder am Tisch wusste, wie es ausgegangen war.

Addy beendete die lastende Stille. „Was machen Sie denn?“

Genau, dachte Vance, die perfekte Einleitung. Jetzt würde Layla ihm mitteilen, dass sie ein Leben hatte und dass es ihr leider, leider unmöglich war, vier Wochen in Crescent Cove zu verbringen.

„Karma Cupcakes“, lautete ihre Antwort.

Karma Cupcakes? Er hatte nicht die geringste Ahnung, was sie damit meinte, doch es erinnerte ihn an etwas. „Wo ist eigentlich Ihr Onkel?“, fragte er abrupt. Herrgott! Hatte der Mann denn nicht gemerkt, dass er von völlig falschen Voraussetzungen ausgegangen war? Ich habe eine Zehnjährige erwartet, Phil.

Layla zuckte mit den Schultern. „Im Moment dürfte er wohl in einem Park sein. Wann immer es ihm möglich ist, trainiert er mittags für eine Stunde Tai-Chi.“

Na, das passte doch bestens. Namaste. Das bestätigte nur seinen Verdacht, dass der Mann weltfremd war und nichts Seltsames an dem Arrangement fand, das er für seine erwachsene Nichte getroffen hatte. Kein Wunder, dass Laylas Vater nicht den eigenen Bruder mit seinem letzten Wunsch beauftragt hatte. „Und danach?“

„Er fährt den Cupcake-Truck.“ Sie lachte leise, als sie die verständnislosen Mienen am Tisch bemerkte.

Ein wenig rau und sehr jung.

Aber sicherlich sehr viel reifer als das Lachen des weiblichen Wesens, auf das er eingestellt gewesen war, um es in Strandhaus Nr. 9 zu unterhalten. Das Ganze war ein schlechter Witz.

„Onkel Phil und ich betreiben zusammen eine fahrende Bäckerei“, klärte Layla sie auf.

Addys Interesse war geweckt. „Diese mobilen Delikatessenläden sind der neueste Trend.“

„Genau.“ Layla nickte. „Unser Geschäft heißt Karma Cupcakes. Wir rühren den Teig im Truck frisch an und backen die Cupcakes da. Wir haben einen Plan, nach dem wir zu den verschiedenen Orten in ganz Südkalifornien fahren, zu Märkten und beliebten Ausflugszielen. Entweder haben wir Laufkundschaft, oder unsere Stammkunden sehen im Internet nach, wo wir mit dem Truck stehen.“

Baxter setzte sich gerader hin. „Ich habe da neulich diesen wirklich interessanten Artikel in der Commerce Weekly gelesen, der …“

„Ein solches Unternehmen muss Sie ja gut auf Trab halten, Layla“, schaltete Vance sich eilig ein. Am Morgen war er in Strandhaus Nr. 9 eingezogen. Als er einberufen worden war, hatte er seine Wohnung aufgegeben, und seit seiner Rückkehr nach Südkalifornien wohnte er in Baxters Stadthaus. Genug Zeit, um herauszufinden, dass der Mann sich dreiundzwanzigeinhalb Stunden des Tages mit seiner Arbeit und mit Geschäftlichem beschäftigte. Sein Cousin konnte ewig über einen staubtrockenen Artikel dozieren, den er in irgendeinem Wirtschaftsmagazin gelesen hatte. Damit würde er nur die Übereinkunft hinauszögern, zu der er und Layla jetzt schnellstens gelangen mussten, nämlich der, dass sie beide ihrer Wege gingen, sobald er die Rechnung für den Lunch bezahlt hatte. „Gerade im Sommer müssen Sie Hochsaison haben, schätze ich“, fuhr er fort.

„Stimmt“, gab Layla ihm recht. „Aber es ist alles arrangiert, sodass ich ohne Probleme diese Zeit in Strandhaus Nr. 9 verbringen kann, falls Sie sich deshalb Gedanken machen sollten.“

Und ob er sich deswegen Gedanken machte, verdammt!

„Onkel Phil besitzt die Gabe, sehr schnell Freunde zu finden, er hat sich auch gleich mit dem Paar angefreundet, dem dieses Restaurant gehört. Als sie hörten, was wir tun, waren sie sofort damit einverstanden, dass wir unseren Wagen auf dem Parkplatz hier abstellen. Morgens fahren wir zum Highway hoch, und am Vormittag rühre ich wie üblich Teig an und übernehme das Backen. Nachmittags können wir dann …“ Sie zuckte mit den Schultern.

Wir können?

Oh Mann, er war unverbesserlich! Bei ihren Worten hatten sich sofort erotische Bilder in seinen Kopf gedrängt. Vermutlich musste man den Frauenmangel beim Einsatz dafür verantwortlich machen, vielleicht lag es auch an dem Desaster, in dem seine letzte Beziehung geendet war. Nein verdammt, Schuld hatte allein die schöne junge Frau, die ihm am Tisch gegenübersaß und der die strahlende Sonne eine goldene Aureole um die großartige Figur warf. Wer sollte ihm da die prompte heftige sexuelle Reaktion verübeln können? Diese Frau bestand praktisch aus großen braunen Augen und weichen Lippen, aus sanften femininen Rundungen und goldbrauner Haut. Wie sollte er da nicht den Blick an ihrem schlanken Hals entlanggleiten lassen, hin zum Dekolleté, das der V-Ausschnitt ihres Kleides dezent andeutete?

Ohne dass er es wollte, schossen Bilder in seinen Kopf. Er sah, wie er den Stoff mit seinem Mund beiseite zog und ihren süßen Duft einatmete. Sah, wie er mit den Lippen über ihre seidige Haut strich, hin zu den verborgenen rosigen Spitzen, und wie er die sich aufrichtenden Brustwarzen mit feuchter Zunge und heißem Atem liebkoste. Unruhig würde sie die langen Beine bewegen, würde Platz für ihn machen und sich ihm selig seufzend ergeben, ein Seufzer der Kapitulation, der für einen Mann der stärkste Anreiz überhaupt war.

Für einen Mann, der ihrem Vater ein Versprechen gegeben hatte.

Verdammt!

Ruckartig lenkte er den Blick wieder auf das Foto des kleinen Mädchens auf dem Tisch. „Das wird nicht passieren“, entfuhr es ihm heftig.

„Was meinen Sie?“, fragte Layla.

Er unterdrückte ein Stöhnen und zwang sich, ihr in die Augen zu sehen. „Hören Sie … ich hatte nicht erwartet, dass Sie … dass Sie so sind.“

Völlig perplex starrte sie ihn an. „Sie sagten doch, mein Vater habe von mir erzählt.“

„Ja, das stimmt schon. Seine letzten Gedanken galten Ihnen. Dennoch …“ Vance konnte fühlen, dass Addy und Baxter ihn anstarrten, als wäre er ein Monster, aber zum Teufel, er kam sich ja auch wie ein Monster vor. Total erregt und bereit, die schöne Maid in eine dunkle Höhle zu zerren. Die Reaktion war nicht nur extrem intensiv, sie war verdammt peinlich. „Vielleicht können wir uns ja an einem Tag zu einem Spaziergang verabreden und darüber reden. Oder vielleicht wäre ein langes Telefongespräch noch besser. Ich weiß … ich schreibe Ihnen eine ausführliche E-Mail.“

„Sie haben gesagt, den ganzen Juli in Strandhaus Nr. 9“, beharrte Layla.

Sie runzelte die Stirn über der kleinen geraden Nase. Offenbar hatte sie mehr Rückgrat, als er ihr auf den ersten Blick zugetraut hatte.

„Das war der Wunsch meines Vaters. Sein letzter Wunsch, von dem ich glaube, dass ich ihn erfüllen sollte. Sie sagten, es sei auch das, was Sie wollen.“

Natürlich konnte er verstehen, dass die Tochter des Colonels sich dazu verpflichtet fühlte, das zu tun, worum ihr Vater sie beide mit seinem letzten Wunsch gebeten hatte. Ein solches Versprechen nahm er sehr ernst, doch …

Ich dachte, Sie wären ein Kind.

Er musste sich etwas einfallen lassen, um sie abzuwimmeln.

Welcher Mann würde schon zugeben, dass er Angst hatte, mit ihr allein in einem Raum zu sein? Es würde also irgendein anderer Vorwand sein müssen, ein Notfall, oder …

Er suchte noch immer nach Optionen, als die Bedienung mit den Getränken zurückkam. Um Platz zu schaffen, ordnete sie alles, was bereits auf dem Tisch stand, um, schob dabei das Foto näher zu Layla und stellte ein Glas mit Eistee ab.

Laylas Blick fiel auf die Aufnahme. Wieder erschien diese kleine Falte auf ihrer Stirn. Verdammt. Vance war sicher, dass er sich nur noch blöder fühlen würde, sollte sie das mit seinem Irrtum herausfinden. Also griff er nach dem Bild und zog es zurück, bevor sie die Verbindung herstellte.

Dummerweise saß nach wie vor der große Teddy auf seinem Schoß. Na bravo. Da machte er sich Sorgen um seine Würde, obwohl er sich seinen Stuhl mit einem zehn Pfund schweren Haufen Watte und Plüsch teilte. Wie konnte er dieses Ding am besten loswerden?

„Habe ich ganz vergessen …“ Er stand auf und hielt ihr den Teddy hin. „Der ist für Sie.“

Layla erhob sich ebenfalls und streckte automatisch die Arme nach dem Plüschbären aus. Das Stofftier in den Händen haltend erstarrte sie. Ihr Blick glitt zu dem Foto, kehrte zurück zum Plüschtier, dann blickte sie wieder auf das Foto. Rote Flecken erschienen auf ihren Wangen.

„Oh“, murmelte sie kleinlaut. „Oh Gott.“

Damit wäre die Verbindung nun doch hergestellt, dachte Vance. Den Mund verzogen, streckte er den eingegipsten Arm aus und schnappte sich das Foto. Jetzt starrte sie auf die grellbunte Stulpe über dem Gips, leider verloren ihre Wangen den reizvollen rosigen Teint.

„Was haben Sie da gemacht?“, fragte sie leise.

Er betrachtete das Muster. Verdammt sollte Baxter sein. „Das sind keine echten Tattoos.“

Sie schnitt eine Grimasse. Ihr Mund war nicht breit, sondern eindeutig oberlippenlastig. Der obere Teil war proportional wesentlich größer.

Sollte man ihn deshalb ruhig verklagen, doch es faszinierte ihn.

„Das sehe ich auch“, erwiderte sie abfällig. „Ich meinte, wie sind Sie verletzt worden?“

Er zögerte.

„Ich habe gehört … Onkel Phil erzählte …“ Sie schluckte. „Es ist passiert, als Sie versucht haben, meinen Vater zu retten, nicht wahr?“

„Ja, als ich versucht habe, uns beide aus der Gefahrenzone zu bringen“, gab er zu. Nie hatte er sich mehr gewünscht, es wäre anders ausgegangen. „Zu meinem tiefsten Bedauern waren meine Bemühungen erfolglos.“

Layla ließ sich auf ihren Stuhl sinken.

Vance warf einen Hilfe suchenden Blick zu Addy, die sofort verstand und näher an Layla heranrückte.

„Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“

„Ja, natürlich.“

Dennoch ließ sie ihn nicht aus den Augen, selbst dann nicht, als er sich wieder setzte.

„Jetzt verstehe ich, weshalb Sie wegen unseres gemeinsamen Monats besorgt sind.“

Vance war ziemlich sicher, dass sie nicht mal im Entferntesten ahnte, dass kalte Duschen nur begrenzt etwas gegen eine verrücktspielende Libido auszurichten vermochten, seine erinnerte ihn an die eines hormongeplagten Teenagers. „Genau“, sagte er dennoch.

„Nun, Sie brauchen sich wirklich keine Gedanken zu machen.“

„Gut.“ Sie versteht also, warum es unmöglich funktionieren kann, dachte er erleichtert. Wenn sie sich gegen diesen Plan entschied, brauchte er sich nicht schuldig zu fühlen, weil die ganze Sache abgeblasen wurde.

„Ihre Verletzungen werden unseren gemeinsamen Monat bestimmt nicht beeinträchtigen.“ Sie reckte die Schultern, schüttelte ihre Verlegenheit ab. „Denn natürlich werde ich in Strandhaus Nr. 9 helfen, wo ich nur kann.“

Oh verdammt, sie hat überhaupt nichts kapiert! „Layla …“

„Das ist doch selbstverständlich.“

Von einer Sekunde auf die andere war sie von sanft auf stahlhart umgeschwenkt.

„Sie wurden verletzt, als Sie meinem Vater das Leben retten wollten. Daher ist es nur angebracht, dass ich nun an der Reihe bin.“

Vance runzelte die Stirn, da der nächste kalte Windhauch über seinen Nacken strich. „Mir ist nicht ganz klar, wie Sie das meinen.“

„Das ist Karma.“ Ein Grübchen erschien direkt neben ihrem Mund, als sie lächelte. „Sie haben sich um meinen Vater gekümmert, deshalb werde ich mich in den kommenden vier Wochen um Sie kümmern.“

2. KAPITEL

Eilig verließ Layla das Restaurant und lief über den Parkplatz zurück zum Karma-Cupcake-Wagen. Sie war dankbar für die kühle Brise auf ihren brennenden Wangen. Der Lunch hatte ungemütlich begonnen und mehr oder weniger in einer Katastrophe geendet. Selbst das fröhliche Pink und das Kiwigrün des Trucks hellte ihre Stimmung nicht auf.

Onkel Phil hatte den Stand an der Küstenstraße aufgebaut, sodass er den vorbeifahrenden Autos unmöglich entgehen konnte. Die Markise spendete Schatten für zwei kleine Bistrotische und hielt die Sonne davon ab, direkt in die mit Glas verblendete Theke zu scheinen, in der die Auslagen mit Cupcakes bestückt waren, die sie am Morgen frisch gebacken hatte.

Als sie näher kam, bremste gerade ein Wagen neben dem Stand ab. Eine Frau eilte an den Tresen und stieg kurz darauf mit einem halben Dutzend Cupcakes wieder in ihr Auto ein. Layla erkannte die Cupcakes als die mit der beliebtesten Geschmacksrichtung, gekrönt von einem Schokofrosting aus einer reichhaltigen Mischung mit Zimt und Nelken, die sie Schokoladen-Chai nannten. Erst sah ihr Onkel dem davonfahrenden Wagen nach, dann blickte er strahlend lächelnd zu ihr.

„Gerade mal zehn Minuten stehe ich hier und schon habe ich vier Kunden bedient.“ Zufrieden rieb er sich die Hände. „Ein ganzer Monat in Crescent Cove könnte sich als exzellente Entscheidung für das Geschäft erweisen.“

Eigentlich eine Vorstellung, die auch sie glücklich machen müsste, stattdessen hatte sie das Gefühl, als würden eiskalte Finger ihr Herz zusammendrücken. Ein ganzer Monat in Crescent Cove. Ein ganzer Monat mit Vance Smith.

Layla warf ihrem Onkel einen bösen Blick zu. „Ich fasse es nicht. Wieso hast du ihm nicht gesagt, dass ich fünfundzwanzig bin?“

„Äh … was?“

In den Kaki-Shorts, dem grob gestrickten weiten Baumwollpullover und mit dem ergrauten Pferdeschwanz sah Onkel Phil aus wie ein emeritierter Professor des Fachbereichs Surfen.

„Wieso? Stimmt was nicht?“

„Der Mann hat eine Zehnjährige erwartet.“ Sie rief sich den Moment in Erinnerung, als sie es begriffen hatte, und wieder schoss ihr das Blut in die Wangen. Als die Bedienung die Sachen auf dem Tisch ein wenig zur Seite geschoben hatte, war ihr Blick automatisch auf das Foto von ihr als kleines Mädchen gefallen. Da hatte sich der erste Verdacht gemeldet, der nur Augenblicke später, als Vance ihr den Teddy in die Arme drückte, bestätigt worden war. „Eine Zehnjährige, Onkel Phil!“

Wenigstens setzte er eine reuige Miene auf.

„Das war mir nicht wirklich bewusst. Ich habe mich einfach nur für dich gefreut, dass du mal Urlaub machen kannst und … du weißt schon, Zeit mit einem jungen … äh, Menschen in deinem Alter verbringst.“

Zeit mit einem jungen Menschen in ihrem Alter? Onkel Phil betätigte sich doch wohl hoffentlich nicht insgeheim als Kuppler?

Der arme Mann vermied es, sie direkt anzusehen, vor allem, da sie die Augen zusammengekniffen hatte. Stattdessen zeigte er auf den Plüschteddy. „Na, das Missverständnis hinsichtlich des Alters erklärt immerhin den, nicht wahr?“

Die Stirn gerunzelt, starrte sie auf das übergroße Spielzeug, das sie mit einer Hand festhielt. Richtig. Als Vance ihr diesen Teddy überreichte, hatte es ihr endgültig gedämmert, und sie hatte sich nur noch gewünscht, der Boden würde sich auftun und sie verschlingen. „Und er hätte dir auch ruhig sagen können, dass er keineswegs alt genug ist, um mein Vater zu sein“, grummelte sie.

Gespielt unschuldig riss Onkel Phil die Augen auf. „Tatsächlich?“

Sie war viel zu aufgewühlt, um ihn wegen seines gekünstelten Erstaunens zur Rede zu stellen. Erschöpft ließ sie sich auf einen der Klappstühle fallen, die eigentlich den Kunden vorbehalten waren, die nicht warten konnten, bis sie zu Hause ankamen, und ihre frisch erstandenen Naschereien sofort probieren wollten. „Er muss um die dreißig sein.“ Schlank, mit breiten Schultern und ansehnlichem Bizeps. Die Augen von einem intensiven Blau. Vermutlich hatte er auch ein nettes Lächeln, aber das konnte sie nicht mit Gewissheit sagen, schien er doch keinen einzigen Grund gefunden zu haben, eins in ihre Richtung zu schicken.

Wer sollte ihm das verübeln?

„Er hat sogar eine Nanny für die Zeit besorgt.“ Addy March höchstpersönlich hatte sie diese interessante kleine Information wissen lassen und bei ihrer verlegenen Entschuldigung wegen des Missverständnisses abgewinkt. Addy schrieb an ihrer Abschlussarbeit und recherchierte über das Filmstudio, das bis in die 1920er Jahre in dieser Bucht Stummfilme gedreht hatte. Daher plante sie trotz allem, Strandhaus Nr. 9 als Basis zu nutzen.

Das bedeutete wiederum, dass ihr impulsives Angebot, sie würde sich um den Mann mit den verletzten Armen kümmern, völlig unnötig gewesen war. Oh ja, damit hatte sie sich selbst zur Närrin gemacht. Aber würde nicht jeder unter diesen Umständen eine gewisse Verpflichtung fühlen? Schließlich war Vance verletzt worden, als er ihren Vater hatte retten wollen. Da Addy allerdings mit im Haus war, brauchte er sie nicht, wenn er ein Gurkenglas öffnen wollte oder etwas aus dem Schrank holen musste.

Sie sah zurück zum Captain Crow’s, und ein kleiner Schauer jagte ihr über den Rücken, als sie wieder den Moment durchlebte, von dem an der ganze Nachmittag völlig aus dem Ruder gelaufen war. Der Stift, mit dem er die Kreditkartenrechnung hatte abzeichnen wollen, war Vance aus den Fingern geglitten und über den Tisch auf sie zugerollt. Sie hatte ihn abgefangen und an ihn zurückgegeben. Dabei hatten sich ihre Fingerspitzen zufällig berührt.

Ihre brannten noch immer davon.

Sie rieb sie an ihrem Kleid und betrachtete angelegentlich den Ring an ihrem großen Zeh – ein Goldreif mit Intarsien aus Perlmutt in Form einer Mondsichel. „Wie wäre es, wenn wir einfach den Stand abbauen und weiterziehen? Warum fahren wir nicht nach Zuma? Die Leute in Malibu sind ganz verrückt nach unseren Cupcakes.“

„Ich dachte, du wolltest heute Nachmittag in Strandhaus Nr. 9 einziehen.“

Onkel Phil klang ehrlich verwirrt.

„Vielleicht sollte ich das besser vergessen.“ Das war schließlich Vances deutlich erkennbare Absicht gewesen. Um genau zu sein, er hatte es überdeutlich gemacht, selbst als sie Karma angeführt hatte. Das wird nicht passieren, hatte er gesagt. Und dann hatte er etwas davon gemurmelt, dass ihr Vater wohl verdrängt haben musste, dass sie eine erwachsene Frau war. Sie hatte weiter darauf beharrt zu bleiben, bis zu dem Moment, in dem sich ihre Fingerspitzen berührt hatten.

Auf dem Highway brauste ein Auto vorbei, dann hörte Layla das Quietschen der Trucktür und das leise Schlurfen, das Onkel Phil mit seinen Hanfsandalen verursachte. Er setzte sich ihr gegenüber in den zweiten Stuhl.

„Aber wir haben doch lange darüber geredet. Und als er mich kontaktierte, hast du zugestimmt.“

„Weil ich wusste, dass es das war, was Dad gewollt hat. Also wollte ich es auch. Aber das war, bevor ich Vance persönlich kennengelernt habe.“

Onkel Phil setzte sich ruckartig auf. „Hat er dich etwa …“

„Er hat gar nichts“, beruhigte sie ihn sofort. „Zumindest nicht, was du denkst.“ Nein, sie war es, die Schwierigkeiten hatte. Schwierigkeiten damit, wie sie auf eine flüchtige, noch dazu unbeabsichtigte Berührung reagiert hatte. Es hatte sich angefühlt, als würde ihre Seele versuchen, aus ihrem Körper zu fahren, und ihre Haut hatte gebrannt. Ein Gefühl, das ihr überhaupt nicht behagte.

„Er hat dich durcheinandergebracht“, bemerkte Onkel Phil. „Das ist ja mal ganz was Neues.“

Das war es wirklich. Mit fünfundzwanzig hatte sie zwar nicht gerade eine Legion von Exfreunden vorzuweisen, aber sie hatte ihren Anteil an Beziehungen gehabt. Allesamt waren sie angenehm gewesen und hatten freundschaftlich geendet, ihrer Meinung nach vor allem deshalb, weil sie als Soldatentochter an Abschiede gewöhnt war. Sie wusste, dass Tränen grundsätzlich weder etwas einbrachten noch eine Lösung waren, und so hatte sie nie darauf gehofft, sich lange an irgendjemanden zu binden. Ihre Verabredungen waren immer locker und unbeschwert geblieben und hatten Spaß gemacht. Kein einziges Mal hatte sie das Gefühl gehabt, sie hätte Feuer gefangen.

Nur musste sie sich jetzt entscheiden, ob sie einen ganzen Monat mit einem Mann am Strand verbringen sollte, der eine Flamme in ihr entzündet hatte, und dann auch noch mit einem, der Soldat war.

„Ich glaube einfach, dass dieser Plan ein Fehler ist.“

Onkel Phil hob nur eine Augenbraue. Selten sagte er ihr, was sie zu tun oder zu lassen hatte, das schätzte sie sehr an ihm. Sie liebte ihn, weil er für sie da gewesen war, wenn ihr Vater irgendwo auf der Welt im Einsatz gesteckt hatte. Während ihrer Kindheit hatte Phil sich darum gekümmert, dass saubere Wäsche im Schrank hing und täglich drei Mahlzeiten auf dem Tisch standen. Natürlich achtete er nicht auf jedes Detail und hatte nicht immer den genauen Durchblick – was wohl auch der Grund dafür gewesen sein mochte, weshalb ihr Vater Vance mit seinem letzten Wunsch beauftragt hatte –, aber ihr Onkel hatte stets gut für sie gesorgt und alle nötigen Unterschriften für sie geleistet. Vielleicht war es an der Zeit, dass sie ihm den Gefallen erwiderte.

„Seit Jahren schon redest du davon, dass du um die Welt reisen willst, und mein Aufenthalt hier in Crescent Cove hat deine Pläne wieder mal aufgeschoben“, sagte sie. „Wenn ich abspringe, könntest du dich eigentlich gleich in Bewegung setzen.“

„Mein Reisepass ist abgelaufen.“

„Ich habe den ausgefüllten Antrag doch im Truck liegen sehen. Du brauchst nur eine zusätzliche Gebühr zu zahlen, dann stellen sie ihn dir sofort aus.“

Onkel Phil rieb sich über die silbernen Bartstoppeln. „Wenn du wirklich absagen willst, dann solltest du besser gleich zu ihm gehen, damit der Mann Bescheid weiß.“

Sie zögerte. Vance hatte ihr zwar eröffnet, dass die Ferien im Strandhaus ausfielen, aber er hatte ihr auch mitgeteilt, dass er noch ein paar Dinge von ihrem Vater hatte, die er ihr geben wollte. Vielleicht könnte Phil das für sie übernehmen, doch wenn man sich ansah, was dabei herausgekommen war, als sie ihn das letzte Mal etwas für sie hatte erledigen lassen … „Du hast recht.“ Sie stand auf. „Ich gehe zu ihm.“

Ein letztes Mal.

Vance hatte ihr aufgeschrieben, wie sie zu Strandhaus Nr. 9 kommen konnte, hatte sogar eine kleine Zeichnung angefertigt. Der Bungalow lag am anderen Ende der Bucht, dem Restaurant praktisch gegenüber. Das hieß, dass sie erst wieder auf den Highway auffahren und dann auf eine schmale Straße abbiegen musste, von der eine noch schmalere abführte. Dieser mit zerstoßenen Muscheln bedeckte Pfad war gerade breit genug für ein Auto. Also fuhr sie an den malerischen Hütten vorbei, jede einzelne von ihnen ein Original mit Stuck und Schindeln, bunt oder naturbelassen und akzentuiert von leuchtenden Farbtupfern: Mohn, Bougainvillea und tropischen Grünpflanzen, die im hellen warmen Sonnenlicht prächtig gediehen.

Die Adresse, nach der sie suchte, lag am Ende des Weges. Das Haus gehörte zu den größten in der Bucht – zwei Ebenen, verkleidet mit dunkelbraunen Schindeln, deren grob gesägter Rand grün-blau abgesetzt war, um die Schuppen einer Nixe nachzuahmen. Layla parkte ihren kleinen Wagen vor der Doppelgarage und musste sich dann streng ermahnen, um auch auszusteigen.

Selbst nachdem sie sich dazu gezwungen hatte, konnte sie nicht gleich auf die Haustür von Nr. 9 zugehen.

Stattdessen lief sie den sandigen Streifen zwischen dem Bungalow und der wesentlich kleineren Nachbarhütte entlang. Den Kopf hielt sie gesenkt, das Kinn tief auf die Brust gezogen. Sie wollte keine Aufmerksamkeit erregen, aber sie musste frische Luft tanken, bevor sie sich dieser Unterredung stellte. Die Meeresbrise würde sie dafür wappnen. Sie machte sich nichts vor, Vance Smith würde sicherlich nicht vor Enttäuschung vergehen, wenn sie ohne großen Protest abfuhr. Sie hatte keine Lust, ihm die Gründe für ihre anstandslose Fügsamkeit genauer zu erklären. Was sollte sie auch sagen?

In Ihrer Nähe bricht mir der Schweiß in den Kniekehlen aus.

Ich bin allergisch gegen so viel Sex-Appeal.

Ich kann unmöglich mit Ihnen in einem Haus schlafen.

Layla fühlte den weichen Sand unter ihren Füßen nachgeben und ging weiter, blieb nicht stehen, bis sie zu dem weiten Bogen festen feuchten Sands gelangte, den die Ebbe freigelegt hatte. Erst da hob sie den Kopf und sah sich um, und ihr Herz stockte beim Anblick von so viel Schönheit.

Zu ihrer Linken ragten dunkle zerklüftete Klippen in den Himmel, zogen sich wie der Bug eines Ozeandampfers weit in das graublaue Wasser hinaus. Hinter ihr und zu ihrer Rechten lagen die ansprechenden Hütten von Crescent Cove, erstreckten sich den Strand entlang oder nestelten an üppig bewachsenen Felsen. Vor ihr lag die endlose Weite des Pazifiks, eine schimmernde Fläche, die den Blick zum Horizont zog. Über allem stand die Sonne wie ein Kind sie malen würde – ein riesiger gelber Ball an einem wolkenlosen Himmel, ein Himmel so intensiv azurblau, dass er eindimensional wirkte.

Ihr Vater hatte mit ihr herkommen wollen.

Layla wurde die Kehle eng, als sie seine Stimme in ihrem Kopf zu hören meinte. Irgendwann helfe ich dir dabei, eine ganze Stadt aus Sand zu bauen, du und ich zusammen, hatte er ihr versprochen, als der lange geplante Strandurlaub abgesagt werden musste, weil er unerwartet zur Militärbasis zurückbe-ordert worden war. Dann haben wir Wochen für uns, hatte er gesagt, als er bei einer anderen Gelegenheit seine Sachen packte, um wieder in den Einsatz zu ziehen. Das wird großartig werden, mit dem frischen Wind auf den Wangen und dem kühlen Pazifik zu unseren Füßen.

Das würde nicht mehr passieren, es war zu spät.

Sie hatte sich dieser Wahrheit verweigert, das war auch der Grund, weshalb sie Onkel Phil die Absprache mit Vance überlassen hatte, wurde ihr jetzt klar. Indem sie sich aus der Kommunikation heraushielt, blendete sie die Realität aus, dass ihr Vater tot war.

Die Realität, dass er niemals nach Crescent Cove kommen würde, dass er nirgendwohin mehr kommen würde.

Man wuchs nicht als Kind eines Berufssoldaten auf, ohne sich nicht darüber im Klaren zu sein, dass der Vater vielleicht eines Tages nicht mehr lebend aus dem Einsatz zurückkommen könnte. Ihr Vater hatte seinen Job geliebt. Das Militär war seine Passion, seine Identität, sein Beruf, seine Berufung gewesen. Das Risiko hatte er akzeptiert. Und als brave und pflichtbewusste Tochter hatte sie jahrelang bei den Abschieden gelächelt, hatte in heiteren Briefen und langen E-Mails sämtliche Neuigkeiten von zu Hause berichtet.

Hätte jemand sie gefragt, hätte sie geantwortet, dass sie auf alle Eventualitäten vorbereitet war, obwohl sie das potenzielle ultimative Desaster immer verdrängt hatte. Das Leben als Armykind – unter Onkel Phils schützenden Fittichen – hatte sie gelehrt, dass es besser war, alles auf sich zukommen zu lassen und den Moment voll auszukosten. Wenn man auch wusste, dass das dicke Ende jederzeit kommen konnte, so musste man jedoch nicht mit angehaltenem Atem darauf warten.

Dieses dicke Ende war vor sechs Wochen gekommen, seither hatte sie das Gefühl zu ersticken.

Dass sie jeden Tag Mails an den Mann schickte, der die Nachrichten gar nicht mehr empfangen konnte, darüber wollte sie gar nicht genauer nachdenken.

„Alles in Ordnung mit Ihnen?“, hörte sie eine Stimme. Vances Stimme.

„Sicher, mir geht es gut.“ Mit dem Handrücken wischte sie sich die heißen Tränen von den Wangen. „Es ist nur der dumme Wind.“

Sie spürte, dass er zu ihr kam, und stählte sich. Jetzt nur keine unüberlegten hektischen Bewegungen. Ein ganzes Stück von ihr entfernt blieb er stehen, dennoch prickelte ihre Haut. Eindeutig eine sexuelle Reaktion, dazu unerwünscht, da ihre Augen tränenfeucht waren und ihre Kehle eng.

Deshalb würde sie auch nicht weiter mit ihm debattieren.

Vance machte eine ungelenke Geste mit dem eingegipsten Arm. „Das ist ein wirklich schönes Fleckchen Erde.“

„Wir leben landeinwärts. Ich wohne in einer Doppelhaushälfte, gut vierzig Minuten Fahrt nordöstlich von hier – wenn der Verkehr nicht zu dicht ist. Dad und ich hatten immer vor, die Ferien an der Küste zu verbringen.“ Und Crescent Cove war der Flecken, den er für sie beide ausgesucht hatte. Selbst im Moment seines Todes hatte er sich gewünscht, dass sie herkam, damit sie sich hier von ihm verabschieden konnte.

Eine Möwe stieß einen Schrei aus. Viel zu tief flog der Vogel über sie hinweg, sodass sie erschreckt rückwärts strauchelte. Vance trat neben sie und stützte sie mit seinem Körper. Beim Kontakt ihrer Schulter mit seiner breiten Brust jagte ein angenehmer Schauer durch sie hindurch. Sie schloss die Augen.

„Layla“, murmelte Vance. Sein warmer Atem strich über ihre Schläfe. „Es wird alles gut.“

Wird es das? Sie schlang die Arme um ihren Oberkörper, trat von ihm weg, stemmte die Füße in den Sand und hielt den Blick starr auf den Horizont gerichtet. Wie sollte überhaupt etwas wieder gut werden können, solange sie noch immer Nachrichten in den Äther schickte, die mit „In Liebe, Layla“ endeten oder wenn sie sich verjagen ließ, statt den letzten Wunsch ihres Vaters zu erfüllen?

Sie fasste sich fester um die Taille. Woher kam dieser Drang zu fliehen? Vielleicht gab es einen anderen Grund für ihre Unruhe, einen, der ehrlicher war. Vielleicht hatte ihr Widerwille gar nichts mit Vance Smith zu tun. Es war sogar wahrscheinlich, dass ihre Fantasie diese stürmische Reaktion auf ihn absichtlich hervorgerufen hatte, sozusagen als Vorwand, damit sie nicht bleiben musste.

Das ergab sehr viel mehr Sinn. Sie hatte sich die Faszination für den Feldsanitäter nur eingebildet, um so den endgültigen Abschied zu vermeiden.

Dass sie sich nicht überwinden konnte, würde ihren Vater fürchterlich enttäuschen, das war ihr klar. Er würde nicht wollen, dass sie sich von Trauer auffressen ließ, sich in E-Mails flüchtete, die nicht mehr beantwortet werden konnten, und Absprachen nicht einhielt. Er hatte es so arrangiert, dass sie diesen Monat in Strandhaus Nr. 9 verbrachte, zusammen mit dem Mann, in dessen Armen er seine letzten Atemzüge getan hatte. Und das war es, was sie tun sollte. Sie holte zitternd Luft. Was sie tun würde.

Davon würde sie sich von irgendeiner völlig überspannten und sicherlich nur eingebildeten sexuellen Anziehung nicht abbringen lassen.

Tief durchatmend drehte sie sich zu Vance um. Er starrte auf den Ozean hinaus, doch sie ließ sich erst gar nicht die Zeit, sein attraktives Profil zu bewundern. „Ich bleibe“, sagte sie. Das hieß, Onkel Phil musste noch ein paar Wochen warten, bis er sich zu seiner Weltreise aufmachen konnte, aber sie war überzeugt, dass er das verstehen würde.

Vance bewegte nicht den Kopf in ihre Richtung, warf ihr nur einen langen Seitenblick zu. „Ich dachte, das hätten wir bereits geklärt.“

Layla trat auf ihn zu, ihre Stimme war fest, als sie sagte: „Wir haben überhaupt nichts geklärt.“

Jetzt sah er sie direkt an. „Layla …“, setzte er an, brach jedoch kopfschüttelnd ab.

„Bedeutet es Ihnen denn gar nichts, Ihr Wort zu halten?“

Er erstarrte und schaute auf den Sand vor sich. Sie wusste, er kämpfte mit sich, aber ihr war egal, weshalb. Wichtig war nur, dass die Schlacht zu ihren Gunsten ausfiel. Noch ein Schritt und sie stand unmittelbar vor ihm. „Sie haben es versprochen.“

Abrupt hob er den Blick, seine blauen Augen glitzerten. Ein Moment verstrich.

„Das habe ich“, sagte er endlich. „Und es bedeutet mir etwas.“ Ein Muskel zuckte in seinem Gesicht. „Also gut. Okay.“

„Wirklich?“ Ein Sonnenstrahl, um ihr trauerndes Herz ein wenig aufzumuntern. Sie lächelte, auch wenn gleichzeitig eine peinliche Träne über ihre Wange lief. Als sie sie wegwischen wollte, stießen ihre Finger mit denen von Vance zusammen, der offensichtlich dasselbe vorgehabt hatte. Beide verharrten sie reglos, der einzelne Tropfen rollte über ihr Kinn und fiel hinab.

Layla wich zurück, wieder nervös und verlegen. „Ich … ich hole meine Sachen“, sagte sie und eilte hastig davon. Auf dem Weg schrieb sie in Gedanken eine weitere nicht mehr zustellbare E-Mail. Lieber Dad, ich hoffe wirklich, dass ich soeben nicht einen Riesenfehler begangen habe …

Von Layla fehlte jede Spur, als Vance am nächsten Morgen aus seinem Schlafzimmer kam. Am Abend zuvor hatte sie ihr Gepäck ins Strandhaus gebracht, und er hatte sie sich in Ruhe einrichten lassen, nachdem sie ihm versicherte hatte, dass sie seine Hilfe nicht brauchte. Seine Dinnereinladung war ebenfalls mit einem lässigen Handwisch ausgeschlagen worden, und so war er über den Strand zum Captain Crow’s gegangen.

Bei seiner Rückkehr war die Tür des Zimmers, das Layla für sich gewählt hatte, verschlossen gewesen. Das hatte ihn nicht alarmiert, sondern erleichtert.

Jetzt allerdings, da der Sonnenaufgang den Himmel mit dem gräulichen Perlmuttpink der Abalone-Schnecke überzog, begann doch die Sorge an ihm zu nagen. Die Tür ihres Zimmers stand offen, sie war nicht da, und die unberührte Küche besagte, dass Layla sich nicht mal eine Tasse Kaffee aufgebrüht hatte.

Addy war auch keine große Hilfe. Er stieg die Treppe ins Obergeschoss hinauf und klopfte bei ihr an, fand aber nur heraus, dass sie definitiv nicht zu den Frühaufstehern gehörte, die morgens sofort fit waren. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, wo Layla sein könnte.

Wo, zum Teufel, war sie hingegangen? Und wieso hatte er den Deal eigentlich nicht gestrichen? Er hatte nicht nur dem Aufenthalt mit ihr in Crescent Cove für einen Monat zugestimmt, sondern Bambi-Auge auch noch versichert, dass alles wieder gut werden würde. Wie sollte das überhaupt möglich sein, wenn er nicht einmal wusste, wo die Frau war?

Herrgott. Das nächste Mal würde er es sich sehr genau überlegen, bevor er jemandem sein Wort gab.

Nachdem er es mühsam geschafft hatte, eine Kanne Kaffee aufzubrühen und die erste Tasse hinuntergekippt hatte, machte er sich auf den Weg an den Strand. Seine Jeans saugte die feuchte Morgenluft auf und klebte an seinen Beinen, mit seinen ledernen Flip-Flops warf er bei jedem Schritt kalten Sand hinter sich auf. Um diese Uhrzeit schliefen offensichtlich noch alle in der Bucht, außer ihm und Layla, wo immer sie sein mochte.

Er ging Richtung Norden, bemühte sich, seine Sorge im Zaum zu halten. Schließlich hatte er ihren Wagen auf der Auffahrt gesehen und ihre Sachen hingen im Schrank in ihrem Zimmer. Frustriert wollte er sich mit den Fingern durch das kurze Haar streichen und fluchte, als er sich mit dem Gips den Kopf anschlug. Wenigstens rüttelte ihn das wach und brachte ihn wieder zu Verstand.

„Ich bin ein Trottel“, sagte er zu den Strandläufern, die Fangen mit den heranschwappenden Wellen spielten, die Vögel achteten jedoch nicht auf ihn. „Sie wird wohl bei ihrem Backwagen sein.“

Ja, das ist bestimmt so, versicherte er sich. Er würde kurz nachsehen, sich vergewissern, ohne dass sie es merkte, und wieder zu Nr. 9 zurückkehren. Er brauchte ihr ja nicht zu verraten, dass er sich ihretwegen Sorgen gemacht hatte.

Schließlich war sie erwachsen.

Verdammt.

Es war der Duft, der ihn zuerst erreichte. Noch bevor er einen Fuß auf den asphaltierten Parkplatz setzte, hüllte das Aroma ihn ein, süß und köstlich. Ihm lief das Wasser im Mund zusammen. Eigentlich hätte ihm das als Beweis für Laylas Anwesenheit reichen sollen, dennoch näherte er sich dem Truck oben am Highway, und zwar so unauffällig wie möglich. Er kam sich dabei vor wie der große böse Wolf, der Rotkäppchen den Korb mit Großmutters Essen abjagen wollte. Nur ein schneller Blick, dann würde er sofort umkehren, sagte er sich.

Musterwirbel in Pink und Grün, die an Paisley erinnerten, zierten den Truck, Karma Cupcakes stand in dicken schwarzen Lettern auf den Seiten geschrieben, im Stil gehalten wie das alte Sanskrit. Das hätte ihm schon Warnung genug sein müssen, dennoch zuckte Vance zusammen, als eine dünne Gestalt hinter dem Wagen hervortrat.

„Namaste“, sagte der Mann und grüßte mit flach zusammengelegten Händen und einer angedeuteten Verbeugung.

„Gleichfalls“, erwiderte Vance. „Onkel Phil, nehme ich an.“

Der Mann trug weite Shorts, ein Che-Guevara-T-Shirt und um den Hals eine Puka-Kette. Grinsend legte er den Kopf schief und kam ihm mit ausgestreckter Hand entgegen. „Und Sie müssen Laylas Vance sein.“

„Nein!“ Himmel, er war Laylas überhaupt nichts! „Ich meine, äh … ich bin Vance Smith.“ Ein kurzer Händedruck, dann trat er einen Schritt zurück. „Ich wollte gerade gehen …“

„Warum unterhalten wir uns nicht ein Weilchen? Ich gebe auch einen Kaffee und Cupcakes aus.“

Mist. Ihm blieb nichts übrig, als die Einladung anzunehmen. Nur Sekunden später fand er sich an einem kleinen, auf dem Asphalt aufgestellten Tisch wieder, eine dampfende Tasse Kaffee vor sich mitsamt einem Pappteller, auf dem eine Auswahl mundgerechter Gebäckstücke arrangiert war. So, wie sie dufteten, kamen sie frisch aus dem Backofen.

„Das ist nicht fair, Phil“, murmelte Vance, als der andere Mann sich mit an den Tisch setzte.

„Wie meinen?“

„Ich meine …“ Seine Stimme erstarb, als das Verkaufsfenster des Trucks aufgestoßen wurde.

Layla lehnte sich heraus. Ihre Wangen waren erhitzt – von der Backofenhitze? –, sie trug ein Kopftuch mit dem gleichen Paisleymuster in Pink und Grün, mit dem auch der Wagen bemalt war.

„Onkel Phil …“, begann sie und verstummte prompt, als sie ihn erblickte.

Eine Falte erschien auf ihrer Stirn.

„Onkel Phil.“ Diesmal schwang eindeutig ein Vorwurf mit.

„Was denn?“ Ihr Onkel gab sich völlig unschuldig. „Wir essen doch nur ein paar Cupcakes.“

Entnervt blies Layla sich den Pony aus der Stirn. „Ich befürchte, er hat neuerdings den Hang zur Einmischung entwickelt“, wandte sie sich an ihn. „Lassen Sie ihn ja nicht noch weiter aufdrehen.“ Damit verschwand sie wieder.

Es war schon mal positiv, dass sie nicht mehr zu sehen war, denn viele seiner Probleme mit dieser Frau wurden dadurch verursacht, dass sein Verstand sich abschaltete, wann immer sie in der Nähe war. Die sanften braunen Augen und dieser hübsche Mund lenkten ihn zu sehr ab. So jedoch fuhr sein Hirn nach kurzem Ausfall wieder hoch. Er hat neuerdings den Hang zur Einmischung entwickelt.

Jetzt war er es, der den älteren Mann vorwurfsvoll anfunkelte. „Sie hätten sich wirklich etwas mehr Mühe beim Einmischen geben sollen. Was haben Sie sich dabei gedacht? Ich hätte ja auch irgendein Psychopath sein können! Da lassen Sie Ihre zehnjährige Nichte …“

„Sie ist keine zehn mehr“, stellte Phil sofort richtig. „Mir war nicht klar, dass Sie davon ausgingen.“

„In meinen E-Mails hatte ich Ihnen mitgeteilt, dass ich für die Zeit eine Nanny einstellen werde.“

„Ups.“ Phil zuckte die Achseln. „Manchmal gehen die Details an mir vorbei.“

Vance mahlte mit den Zähnen. War Laylas Onkel wirklich so zerstreut, oder stellte er sich absichtlich dumm? „Phil …“

„Wie auch immer … ich wusste ja, dass Sie ein Freund meines Bruders sind.“

Das war wohl übertrieben. „Ich …“

„Er hat Ihnen vertraut.“

Mist. „Vielleicht hätte er das nicht tun sollen“, murmelte er.

Phil schob den Cupcake-Teller näher zu ihm. „Wieso sagen Sie das?“

Statt einer Antwort wählte Vance einen Cupcake, an den Seiten hell, oben goldgelb. Vanille, vermutete er und schob sich das Teilchen in den Mund. Das Gebäck schmolz auf seiner Zunge und entfaltete eine erstaunliche Geschmacksbreite. Warme Milch und Karamell, entschied er, der reichhaltige Geschmack verschlug ihm die Sprache.

„Auf unserer Karte laufen sie unter Dharma Dulce – ein Cupcake mit dulce de leche“, beantwortete Phil seine unausgesprochene Frage. „Und nur, um das richtigzustellen, ich habe keineswegs zugestimmt, meine Nichte vier Wochen mit einem x-beliebigen Fremden verbringen zu lassen. Ich habe meine Quellen, um die Wahrheit herauszufinden.“

Vance gab nur einen unverständlichen Laut von sich. Er wollte den Mund nicht öffnen, auf keinen Fall sollte sich dieser großartige Geschmack von seinem Gaumen verflüchtigen.

Phil lehnte sich in den Stuhl zurück. „Mit dreiundzwanzig haben Sie das College geschmissen und sind in die Army eingetreten. Vier Jahre haben Sie Dienst als Feldsanitäter geleistet, dann waren Sie zwei Jahre Zivilist, bevor Sie als Reservist wieder einberufen wurden. Sieben Monate waren Sie in Afghanistan, wo Sie während der Rettung meines Bruders verwundet wurden.“

Jetzt fühlte Vance sich verpflichtet, etwas zu erwidern. „Ich habe ihn nicht gerettet.“ Es war höllisch quälend, die Worte aussprechen zu müssen.

„Niemand kann erwarten …“

„Ich erwarte es aber!“ Er überraschte sich selbst mit dem Ausbruch, wandte sich ab und starrte zum Parkplatz. „Hören Sie, es ist …“

„Ja?“

Vance schüttelte den Kopf. „In all den Jahren habe ich keinen auf dem Schlachtfeld verloren, okay?“

„Tatsächlich?“

Es war die Wahrheit. „Jedes Mal, wenn ich zu einem Verwundeten rausgerannt bin, habe ich dasselbe zu ihm gesagt. Ich habe gesagt: Ich bringe dich hier raus, Soldat. Ich bringe dich zu den besten Ärzten und Krankenschwestern, die wir haben.“

„Und das haben Sie jedes Mal getan?“

„Jedes Mal“, bestätigte er. „Sicher habe ich auf dem Weg zu den Verwundeten auch die Toten gesehen. Und manchmal kam es vor, dass ich einen Soldaten zusammengeflickt und in den Helikopter geschafft habe, der dann in der Klinik seinen Verletzungen erlegen ist, aber ich … bei allen habe ich mein Frontversprechen gehalten.“

Phil musterte ihn nachdenklich. „Bei allen?“

„Außer bei einem.“ Vance schloss die Augen. Ein erstickter Laut ließ ihn die Lider abrupt aufreißen. Sein Blick landete auf Layla. Sie stand in der offenen Tür des Wagens, eine Hand über den Mund gelegt, die braunen Augen weit aufgerissen. Der Ausdruck, der in ihnen lag, katapultierte ihn zurück zum vergangenen Tag, zu dem Moment, in dem sie ihm den Stift zurückgegeben und ihre Fingerspitzen sich berührt hatten.

Er spürte, wie sich alles in ihm versteifte. Er erinnerte sich an die Hitze, die ihn plötzlich durchzuckt hatte, ein Stromstoß purer Sinnlichkeit, die seinen Mund jäh ausgetrocknet hatte. Noch unter dieser Wirkung war ihm klar geworden, dass eine solche Reaktion nichts als Probleme schuf. Eine derartig unerwünschte und unkontrollierbare Explosion der Emotionen war das Letzte, was er gebrauchen konnte.

Er hatte eine wilde Jugend hinter sich, hatte oft genug impulsiv und unüberlegt gehandelt, immer hart am Rande einer Katastrophe, aber die Jahre im Krieg hatten ihm das ausgetrieben. Viele Soldaten kehrten zurück, den Adrenalinspiegel noch immer auf hohem Niveau und kein Ventil, um ihn abzusenken. Das waren die Jungs, die mit ihrem besten Stück dachten und den gesunden Menschenverstand in den Wind schossen. Zu denen gehörte er auf jeden Fall nicht.

Weil er dazugelernt hatte und inzwischen cleverer war.

Und weil er sein Wort gegeben hatte. Die Tochter des Colonels hatte etwas Besseres verdient als einen brünstigen Bastard. Er sollte lieber irgendwo an einem mexikanischen Strand mit einem nie versiegenden Bierstrom darauf warten, bis er zum nächsten Einsatz beordert wurde, als dass er den Babysitter für eine verführerische Frau mimte, die er nicht einmal guten Gewissens beim Ellbogen fassen konnte.

Vermutlich musste er grimmig vor sich hingestarrt haben, denn Layla gab einen erstickten Laut von sich und verschwand wieder im Backwagen.

„Verdammt, ich wünschte, sie hätte das nicht gehört.“

Phil blieb völlig ungerührt. „Jetzt versteht sie zumindest, dass Sie für Ihre Anwesenheit hier Ihre eigenen Gründe haben.“ Er schob den Pappteller noch näher. „Probieren Sie einen von denen. Wir nennen sie Beeren-Himmel.“

Erdbeeren? Himbeeren? Kirschen? Vance konnte den Geschmack nicht genau bestimmen, aber himmlisch war er auf jeden Fall.

„So …“ Phil machte es sich gemütlich. „Wie ich hörte, haben Sie Familie in Kalifornien.“

Oh ja. Vance nickte und schluckte gleichzeitig. Laylas Onkel war wesentlich wacher, als er es sich auf den ersten Blick anmerken ließ. Er hatte tatsächlich Familie hier, sogar eine mit engeren Bindungen als die meisten anderen. Sein Vater und sein Onkel hatten Zwillinge geheiratet und lebten gleich nebeneinander auf dem Anwesen der großen Plantage, die nur eine Stunde Auto-fahrt von der Bucht entfernt lag. William und Roy Smith leiteten den Betrieb gemeinsam und zogen seinen älteren Bruder, den peniblen Perfektionsfanatiker Fitz, und Cousin Baxter dazu heran, in ihre Fußstapfen zu treten und den Betrieb zu übernehmen.

Sobald er daran dachte, wurde seine Miene wieder grimmig. Jahrelange Verbitterung mischte sich mit frischer Unruhe. Zwar hatte er Baxter auf Verschwiegenheit eingeschworen, dennoch befürchtete er, dass seine Rückkehr in die Gegend nicht lange ein Geheimnis bleiben würde. Er war fest entschlossen, jedes Treffen mit seiner Familie zu vermeiden, einschließlich das mit seiner Mutter.

Diese Überlegung brachte ihn auf einen anderen Gedanken. Er lenkte den Blick zurück auf den älteren Mann. „Phil, wo ist eigentlich Laylas Mutter? Der Colonel hat angedeutet, dass er geschieden ist, aber seine Exfrau muss doch …“

„Niemand weiß, wo sie ist. Sie hat ihre Ehe und ihre Tochter zurückgelassen, da war Layla zwei Jahre alt. Meine Nichte hat jetzt nur noch mich“, antwortete er. „Und Sie – für die nächsten vier Wochen.“

„Mich?“ Oh nein, ganz bestimmt „hat“ sie mich nicht.

Doch dann dachte er wieder daran, wie er sie am Strand gefunden und sie sich sofort die verräterischen Tränen abgewischt hatte, als sie merkte, dass sie beobachtet wurde. Dass sie unbedingt das Gesicht wahren wollte, hatte an etwas in seinem Innern gerührt. Und dann hatte sie gesagt: Bedeutet es Ihnen denn gar nichts, Ihr Wort zu halten?

Die Wahrheit war – sie war ihm unter die Haut gegangen, und zwar gleich in dem Moment, als er sie im Restaurant hatte stehen sehen, gleich beim ersten Blick auf diese faszinierende Frau. Das ließ Schlimmes ahnen, vor allem, da er so sicher gewesen war, die Jahre der impulsiven Reaktionen und übereilten Entscheidungen längst hinter sich gelassen zu haben.

„Es wird sich schon alles einrenken“, sagte Phil jetzt.

Vance sah ihn argwöhnisch an. Er selbst hatte am Tag zuvor Ähnliches von sich gegeben, und noch immer bereute er es.

„Sie werden nicht zulassen, dass ihr etwas zustößt.“

Was sollte er darauf erwidern? Abstreiten konnte er es nicht, schließlich hatte er nicht die Absicht, sie zu verletzen. Die Wahrheit war, sein Versprechen an ihren Vater war …

„Ich glaube sogar“, fuhr Phil fort, „Sie könnten sie richtig glücklich machen.“

Großer Gott. Die Stuhlbeine schabten über den Asphalt, als er instinktiv den Rückzug antrat und sich mitsamt Stuhl zurückschob. Nichts würde ihn dazu bringen, ein solches Versprechen abzugeben. Layla glücklich machen?

Er war das schwarze Schaf der Familie Smith. Er hatte noch nie jemanden glücklich gemacht.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Ein Sommer wie ein Leben" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen