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Ein Sommer geht zu Ende

Es kommt mir vor, dass ich schon ein halbes

Jahr aus Europa weg bin, so viel erlebe ich und so

fremd ist mir alles. Niemals habe ich so stark

gefühlt, dass ich ein Europäer bin, ein

Mittelmeermensch, wenn Sie so wollen, ein

Römer und ein Katholik, ein Humanist und

Renaissancemensch.

Es ist ein Glück, dass ich nach Russland gefahren

bin. Ich hätte mich niemals kennengelernt.

Joseph Roth

März 1994

Müde sank Suzanne in den Ledersessel und starrte auf die Dame in Blau.

Das Bild hatte sie sofort angesprochen, als sie es in einer Leipziger Galerie zum ersten Mal gesehen hatte. Vom leicht entrückten Mienenspiel der Tänzerin war sie auf Anhieb fasziniert gewesen. Ihr war es vorgekommen, als blinzelte die Ballerina ihr ermunternd zu, während sie überlegte, ob sie sich das Gemälde leisten konnte.

Seitdem hing die kokette Blaue in ihrem Büro. In letzter Zeit unterhielt sich Suzanne mit der Tänzerin. Ja, du bist mein Orakel, dachte sie.

In diesem Moment schien die Ballerina ihre Beine ineinander zu verknoten. Und aus dem Vorzimmer drang eine schrille Stimme herein: »Frau Miller-Haast! Vor zwei Stunden hat jemand aus Moskau angerufen.«

»Seit wann erwarten wir Ware aus Russland?«, rief Suzanne gereizt.

In letzter Zeit fühlte sie sich ständig gereizt. Ihre Nerven lagen blank. Die haltlosen Vorschläge des Teams, die Wichtigtuerei des Vorgesetzten und die ständige Warterei auf Viktor zermürbten sie. Seit sie im letzten Jahr die Leitung der Marketingabteilung übernommen hatte, jagte eine Besprechung die nächste. Es empörte sie, wenn jemand ihr etwas zurief. Sie strich über ihre helle Bluse. Ihre schnellen Atemzüge wölbten den Stoff. Nicht ausflippen! Nicht hier!

Als hätte die Sekretärin ihre Gedanken gelesen, trat sie an die Tür: »Die Dame hat auf Englisch gefragt, ob sie mit dem Büro von Suzanne Haast-Miller, Ehefrau von Viktor Miller, verbunden sei.«

»Und was haben Sie ihr gesagt?«

»Dass Sie in einer Besprechung sind. Sie könne es nachmittags probieren.«

»Und hat sie noch mal angerufen?«

»Vor ein paar Minuten.«

»Und was hat sie gesagt?«, fragte Suzanne ärgerlich.

»Das Gleiche.«

»Danke!«

Ihr Blick fiel zurück auf das Bild. Das Mienenspiel der Ballerina kannte sie inzwischen gut. Je nach Lichteinfall änderte es sich im Laufe des Tages. Niemand betrachtete die Ballerina kommentarlos. Alle reagierten auf sie, die Tanzende in Blau. Das brachte Suzanne auf die Idee, der Personalabteilung vorzuschlagen, das Bild bei Bewerbungsgesprächen einzusetzen.

Hoffentlich ist Viktor nichts passiert. Woher hat Moskau meine Telefonnummer? Nur nicht darüber nachgrübeln!

Im Büro dachte Suzanne selten an ihren Mann. Wiederkehrende bizarre Sitzungen und Entscheidungen beanspruchten sie so stark, dass sie alle persönlichen Sorgen verdrängten.

»Bitte stellen Sie gleich durch, wenn die Dame aus Moskau wieder anruft. Haben Sie schon die Agenda für die Strategiebesprechung verschickt?«

»Bin dabei.«

»Bitte denken Sie daran, Direktor Kiemen gesondert einzuladen. Sonst ist er wieder …«, murmelte Suzanne und verschluckte die letzten Worte.

Sie erhob sich, stellte Wasser für den grünen Tee auf, den sie nach dem Mittagessen trank. Fast hätte sie vergessen, dass sie die Studie zum künftigen Bedarf ökologischer Produkte bis Montag zusammenfassen musste. Während sie las, schaute sie ständig auf ihre Armbanduhr und entschied sich dafür, einen früheren Zug zu nehmen. Als sie das Büro verließ, wünschte sie allseits ein schönes Wochenende und eilte zum Bahnhof.

Auf der Heimfahrt von Bickenbach nach Frankfurt nickte sie manchmal ein. Dennoch fielen ihr die Hügel mit den kahlen Weinreben und Kirschbäumen auf. Bald würde die Kirschblüte beginnen. Endlich konnte sie diesen Winter 1993 hinter sich lassen, den ersten Winter seit Liliths Geburt, den sie ohne Viktor verbrachte.

In eines der Dörfer zwischen diesen Hügeln wären sie beinahe gezogen. Viktor hatte dort eine Pfarrstelle angeboten bekommen. Nach langen Diskussionen, zu Hause und im Freundeskreis, hatte er stattdessen die Gemeindepfarrstelle in Frankfurt angenommen. Mit welcher Hingabe sich Viktor die vergangenen zehn Jahre um seine Familie und die Gemeinde gekümmert hatte: Er predigte, taufte, beerdigte, organisierte für Mütter, deren Vorfahren einst nach Russland ausgewandert waren, zweimal wöchentlich Deutschunterricht im Gemeindehaus und für deren pubertierende Söhne Kickboxen, Judo, Filme.

Am Wochenende war er mit Lilith und Benjamin gewandert oder hatte ihnen Ausstellungen gezeigt. »Ein Mustervater«, hatte ihre Freundin Irina leicht ironisch gemeint.

Und dann hatte Viktor eines Tages seine Idee mit dem Sabbatjahr verkündet. Niemand hätte das von ihm erwartet.

Bevor Viktor nach St. Petersburg gereist war, hatte ihr Irina eine ganztägige Haushaltshilfe vermittelt, die vorzüglich kochte: Tamuna aus Georgien. Nachmittags holte sie die Kinder vom Gartenhort ab, abends lernte sie Deutsch in der Volkshochschule, das sie danach mit Lilith eifrig übte. Und Tamuna brachte ihrer Tochter georgische Lieder bei.

Eines Abends hatte Lilith Suzanne mit einem Schlaflied in der fremden Sprache überrascht.

An all dies musste sie denken, während sie im Zug saß und ihre Blicke an den vorbeiziehenden Landschaften hängenblieben. Als wäre Viktor gestern erst gegangen. Dabei war er schon seit über sechs Monaten fort.

Einfahrt Frankfurter Hauptbahnhof. Suzanne band ihr helles Haar zusammen, zog die Lippen nach, puderte die Wangen und sprühte sich ein wenig Rosenwasser ins Gesicht. Sie freute sich auf den Abend mit Irina. Als der Zug stand, nahm sie ihre Tasche unter den Arm, stieg aus und drängte sich durch die Pendler zum Ausgang. Suzanne beschloss, Irina nichts von den Telefonanrufen aus Russland zu erzählen. Noch hatte sie ja nicht selbst mit dieser Dame gesprochen. Zwar arbeitete Viktor seit ungefähr zwei Monaten in Moskau. Doch warum sollten die Anrufe etwas damit zu tun haben?

Die Freundinnen hatten sich schon länger nicht gesehen. Die Räume des Literaturhauses mit den holzgetäfelten Wänden gefielen Suzanne. Von den Decken betrachteten Meerjungfrauen die täglich wechselnden Frisuren der Kellner und freuten sich darüber. Kaffee, Wein, Schokolade und Kuchen waren lecker. Abends gab es Salate, Suppe oder Reisgerichte. In diesen hohen Räumen klangen Stimmen gewichtig. Bei Lesungen knarrte, knirschte oder knackte es bedrohlich, als wollte die dunkelbraune Holzverkleidung an das Schicksal der früheren Bewohnerinnen und Bewohner erinnern. Suzanne hatte in einer Zeitschrift gelesen, dass die Eigentümerfamilie Sondheimer zunächst nach Den Haag, kurz darauf wegen der Nazibesetzung der Niederlande weiter in die USA hatte flüchten müssen. Sondheimers Töchter, die nicht zurückkehren wollten, hatten die Villa in der Bockenheimer Landstraße 102 verkauft.

Suzanne trat in den Wintergarten und entdeckte Irina sofort. Lächelnd legte diese ihre Zeitung beiseite. »Mensch, du siehst fantastisch aus!«, sagte Suzanne.

»Schönheitsfarm in Polen. Klasse, sag ich dir. Von morgens bis abends Programm. Eine Massage nach der anderen. Eine vorzügliche Küche. Das wäre was für dich!«

»Und die Kinder?«

»Ist Viktor denn noch immer in Russland?«

»Natürlich!«

»Wollte er nicht vor einem Monat zurück sein?«

Eine internationale Konferenz in Moskau müsse er unbedingt noch vorbereiten. Tag und Nacht sitze er am PC. Deshalb habe er die Abreise verschoben, erklärte Suzanne der überraschten Freundin.

»Jetzt habe ich schon über zehn Tage lang nichts von ihm gehört«, klagte sie. Dabei wickelte sie sich eine Haarsträhne immer fester um den rechten Zeigefinger. Beteuerte, dass sie mehrmals versucht habe, ihn anzurufen: nur Besetztzeichen. Vor zwei Tagen habe sie ihm sogar ein Fax geschickt.

»Wie geht’s dir damit?«, fragte Irina.

»Ich bin erschöpft. Langsam mache ich mir auch Sorgen.«

»Haben die Kinder etwas mitbekommen?«

»Beni macht Probleme. In der Schule läuft es gut.«

Suzanne erzählte, dass er sich verkrieche und Lilith alle Briefe von Viktor sammle. Sie penibel in einen Ordner ablege und manchmal mit ihrer besten Freundin darin stöbere. »Sie vermisst ihn sehr, redet aber nicht darüber«, meinte Suzanne und fragte dann hastig: »Und du?«

»Ich bin verliebt! Janusz ist fünfzehn Jahre jünger als ich! Kannst du dir das vorstellen?«

Irina schwärmte von den grünen Augen, schwarzen Locken und dem durchtrainierten Körper ihres neuen Freundes. Er jobbe neben seinem Chemiestudium auf der Schönheitsfarm in der Nähe von Wroclaw. Ein kluger Kopf sei er. Laborerfahren. »Ein Pole. Wenn das meine Mutter wüsste!«

Irina bog sich vor Lachen, redete ohne Unterlass, wiederholte, wie toll ihre Diät, Massagen, Nächte waren, bis sie plötzlich bemerkte, dass Suzanne ihr nicht mehr zuhörte. Irina wartete einen Moment, dann wechselte sie das Thema und schlug vor, am Sonntag mit den Kindern in den Odenwald zu fahren. »Das wäre schön«, antwortete Suzanne gedankenverloren. Dann zahlte sie und umarmte Irina zum Abschied. Sie stiegen auf ihre Fahrräder und fuhren in die Märznacht. Vom Botanischen Garten strömte ein Hauch von Frühling. Es wird bestimmt alles gut, beruhigte sich Suzanne.

Im Hinterhof schloss sie ihr Fahrrad ab, öffnete die Haustür, rannte die Treppe hinauf, nahm zwischendurch zwei Stufen auf einmal bis in den dritten Stock. Eilig schloss sie die Wohnungstür auf und schlich in Benjamins Zimmer. Aufgedeckt lag er in seinem Bettchen. Zerbrechlich.

»Mein Sonnenschein!«, flüsterte Suzanne, deckte ihn behutsam zu und küsste ihn auf die Stirn. Danach ging sie ins Arbeitszimmer von Viktor, das Lilith bezogen hatte. Sie knipste die Nachttischlampe aus, gab der schlafenden Lilith einen Kuss auf die Wange: »Meine kleine Heldin.«

Als sie sich ein Glas Mineralwasser einschenken wollte, fand sie Tamunas Notiz auf dem Tisch: »Heute Morgen. Frau aus Moskau angerufen. Wollte Sie sprechen.«

Also auch hier? War Viktor doch etwas zugestoßen? Was konnte sie tun? Unsicher schritt Suzanne über die herumliegenden Kleider ins Badezimmer. Sie schminkte sich ab, dabei entdeckte sie im Spiegel neue Fältchen unter dem linken Auge. Gründlich putzte sie ihre Zähne. Nach kurzem Zögern entschied sie, ins Bett zu gehen, dort zu lesen, wobei ständiges Gähnen sie unterbrach. Schließlich löschte sie das Licht, drehte sich nach links, nach rechts, wälzte sich hin und her. Sie konnte nicht einschlafen. Sie stand auf, duschte die Füße kalt, trocknete sie ab, lief in die Küche, nahm eine Milchflasche aus dem Kühlschrank, erwärmte eine Tasse Milch in der Mikrowelle, gab ein wenig Honig dazu, rührte um und trank langsam. Dann legte sie sich wieder hin.

Ein Albtraum riss sie aus dem Schlaf: Viktor inmitten von Mönchen und leicht verhüllten jungen Frauen. Im Reigen tanzten sie. Mehrstimmig erklangen ihre weichen Stimmen, kaum hörbar. Ein Grollen, Raunen, Poltern kam von den Mönchen: ein erbarmungsloses Gebet. Suzanne hielt sich einen Nasenflügel zu, atmete durch den linken ein, durch den rechten langsam aus. Das hatte ihr bisher immer geholfen. Jetzt wirkte die Übung nicht. Im Gegenteil, sie wurde noch nervöser, warf sich ihren Kaschmirschal um, ging ins Wohnzimmer, setzte sich aufs Sofa, zog die Beine unter sich. Überlegte. Drei Uhr morgens. Um diese Zeit konnte sie weder Irina noch ihre Mutter anrufen. Sie ging im Zimmer auf und ab, dann zu ihrem Schreibtisch, zog einen Karton mit Briefen hervor, fing an, darin herumzukramen. Ein Umschlag fiel auf den Teppich. Sie hob ihn auf, öffnete ihn, las.

Tübingen, 18. Juli 1982

Mein Täubchen,

gestern war ich mit Arno im Biergarten am Neckar. Ich erzählte ihm von Dir, dass ich Dich jetzt schon vermisse, mit Dir leben, eine Familie gründen möchte. Er scherzte: »Ausgerechnet du! Hast du nicht immer aus ›Der Tod der Familie‹ von Cooper zitiert?«

Heute Nacht träumte ich, dass ich Dir an den Grachten entlang bis zum Hajen hinterher radele. Um die Wette wehen die langen Haare mit dem bunten Rock. Durch die weiße Bluse schimmert Deine zarte Haut! Ich habe Dir schon geschrieben, dass ich eine Vikariatsstelle suche. Die hier nehme ich nicht, bewerbe mich besser in Norddeutschland. In meine Erinnerung hat sich folgende Szene eingebrannt: Wie Du uns souverän an der Menschenschlange von Japanern, Chinesen, Russen im Van-Gogh-Museum vorbeigeführt hast. Ich habe nicht gewagt, Dir später zu gestehen, wie mir der Schweiß ausbrach. Suzanne, Du hast mich vollkommen überwältigt! Meine Retterin! In Kirgistan haben wir immer in Warteschlangen gestanden. Nie wäre so was möglich gewesen. Sabotage! Chancenlos!

Ich umarme Dich, meine Mutige, und küsse Dich.

Dein Viktor

Die Buchstaben verschwammen Suzanne vor den Augen. Der Brief glitt ihr aus der Hand. Auf der Wohnzimmercouch versank sie in einen bleiernen Schlaf. Im Morgengrauen trieb sie ein Frösteln ins Bett.

»Sei still, Mama schläft noch«, flüsterte Lilith.

»Samstagmorgens darf ich aber ins Bett von Mama und Papa«, schrie Beni.

Suzanne hörte, wie die beiden stritten. Beni sauste zu ihr ins Bett, kuschelte sich in ihre Arme. Lilith kam hinterher.

»Blöde Kuh! Siehst du!«

»Was habt ihr denn?«

Sie umarmte die zwei, zog sie eng an sich, sodass sich ihre drei Nasen trafen. Beni kuschelte sich noch enger an Suzanne. »Meine Sternchen.« Die Mutter küsste beide. Beni versuchte, Lilith die Bettdecke wegzuziehen. »Hallo, mein Kleiner!« Suzanne kitzelte ihn. Er lachte und japste nach Luft. Seine Schwester drehte sich schnell um. Und schon ragten ihre Füße neben dem Gesicht des Bruders hervor. Er kraulte sie. Sie kicherten, brabbelten und lachten.

Ein Kissen wäre fast aus dem Fenster geflogen. Suzanne hatte vergessen, es in der Nacht zu schließen. Beni bewarf Lilith. Sie rannte aus dem Schlafzimmer, holte seinen Teddy und warf zurück. Niemand durfte Benis Bär durch die Gegend werfen! Wütend griff er zum nächstliegenden Gegenstand – und schleuderte »Anna Karenina«gegen Liliths Kopf. Sie schrie, drückte sich die Hand vors Auge. »Ich sehe nichts mehr!«

Suzanne stürzte aus dem Bett, setzte Lilith aufeinen Stuhl. Rund ums Auge war alles geschwollen. Sie legte ihr einen kalten Waschlappen auf, nahm sie auf den Schoß und redete beruhigend auf sie ein. Benjamin weckte Tamuna, die verschlafen und im Morgenmantel in die Küche tapste.

»Was ist los?«

»Wir müssen zur Augenklinik fahren!«

»Mein Teddybär«, sagte Beni.

»Mein Auge«, wimmerte Lilith.

»Es war ein Versehen«, beschwichtigte die Mutter. »Er hat nicht absichtlich dein Auge getroffen.«

»Es tut mir soooo leid!«, schwor Beni und wollte seine Schwester streicheln. Sie fuhr erschrocken zurück.

»Es tut mir wirklich leid. Entschuldige bitte. Entschuldige. Entschuldige!«, schniefte er.

Während sich Suzanne anzog, half Tamuna der Tochter beim Anziehen und summte ihr ein georgisches Lied vor. Langsam beruhigte sich Lilith. Suzanne rief ein Taxi, das sie zur Klinik brachte. In der Notaufnahme reichte Lilith das Versicherungskärtchen über den Tisch und beantwortete aufmerksam alle Fragen der Krankenschwester. In dem kahlen Wartezimmer standen klapprige Stühle. Suzanne erzählte ihrer Tochter von ihrem Unfall als Kind beim Apfelpflücken. Ein Ast sei hochgeschnellt und ihr direkt ins linke Auge gefahren. Lilith beobachtete den Mann gegenüber. Sein Gesicht war puterrot, die Augen blutunterlaufen. Das rechte Auge schien aus der Höhle zu fallen. Sie drehte sich zu ihrer Mutter und flüsterte ihr etwas über den Mann zu. »Lilith Miller«, rief eine Krankenschwester, »bitte hier herein.«

Suzanne führte ihre Tochter in das Behandlungszimmer: vergilbte Wände, Verputz, der an der Decke Blasen warf. Die Untersuchungsgeräte kamen ihr vorsintflutlich und unhygienisch vor. Am liebsten wäre sie mit ihrem verletzten Kind wieder geflüchtet.

»Hallo Lilith, was ist dir denn passiert?« Die Augenärztin bot ihr eine kleine Tüte Gummibärchen an. Danach desinfizierte sie ihre Hände, zog Handschuhe an und begann, das Auge zu untersuchen. Sie lenkte die junge Patientin mit der Frage nach ihrem Lieblingstier ab. »Esel«, hauchte Lilith. »Ein feines Tier«, antwortete die Ärztin, hielt nun ihr Gesicht mit beiden Händen fest: »Du bist mit einem blauen Auge davongekommen. Du hast nur eine Schwellung. Die vergeht bald.«

Lilith und Susanne dankten und verließen rasch die Klinik.

»Eigentlich habe ich Katzen noch lieber. Warum habe ich eigentlich ›Esel‹ gesagt?«

»Weil du aufgeregt warst. Der Esel ist sanftmütig und beharrlich«, betonte Suzanne. Beide hüpften in Richtung Innenstadt das Mainufer entlang. Lilith kicherte und lachte.

Am Sonntagmorgen holte Irina sie wie verabredet mit ihrem alten VW-Bus ab. Beni bestand darauf, sein Rad, und seine Schwester, ihren Roller mitzunehmen. »Im Felsenmeer klettern wir doch! Was wollt ihr mit den Dingern?«, fragte Irina.

»Lass sie einfach«, rief ihr Suzanne zu. Sie verabschiedeten sich von Tamuna, die sich für ihre Musikerfreunde aus Georgien zurechtmachte. Mittags würden sie mehrstimmig auf der Zeil singen, abends musizierend durch die Kneipen tingeln.

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