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Ein Skandal in Schottland

MAGGIE ROBINSON

Ein Skandal in Schottland

Roman

Ins Deutsche übertragen von

Ursula Prawitz

Zu diesem Buch

Seit ihre betagte Tante Mim erkrankt ist, leitet Mary Evensong das Familiengeschäft – mit Brille und kratziger grauer Perücke als Eigentümerin verkleidet. Ob nun ein Hausmädchen oder ein Ehegatte gesucht wird, die Evensong-Agentur findet für jedes noch so lästige Problem ihrer adligen Kundschaft eine Lösung. Doch nach Jahren der Maskerade ist es Mary nun endlich leid, und sie wünscht sich nichts sehnlicher, als das Leben einer ganz normalen jungen Frau zu führen. Als eines Tages der attraktive schottische Lord Alec Raeburn eine Schauspielerin sucht, die den Mann entlarven soll, der seine Ehefrau auf dem Gewissen hat, wittert sie ihre Chance auf etwas Abwechslung. Sie entschließt sich kurzerhand, die Rolle selbst zu übernehmen und reist nach Schottland. Dabei ahnt sie nicht, dass dieses vermeintlich kleine Abenteuer nicht nur ihr Herz, sondern auch ihr Leben in Gefahr bringen wird …

1

Mount Street, London

Dienstag, 31. Mai 1904

Mary Evensong war es leid. Sie war es leid, sich diese rauchgrauen Brillengläser auf die Nase zu setzen, die ihre haselnussbraunen Augen verdeckten. War es leid, eine kratzige graue Perücke zu tragen, die ihr rostrotes Haar versteckte. War die Probleme leid, die jedes Mal kistenweise bei ihr abgeladen wurden, wenn der Postbote an ihrer Tür klingelte. Und besonders war sie ihre Tante Mim leid, die ursprüngliche Mary Evensong, die sich jedoch weigerte, ihren Ruhestand zu genießen. Jeden Tag, wenn Mary die Büros der Evensong-Agentur abschloss und nach oben in die eleganten Appartements stapfte, sah sie sich Tante Mims Fragen und Tante Mims Gichtfuß ausgeliefert. Es war der Gichtfuß, der ihrer beider Schicksal bestimmt hatte.

Mim hatte seit 1888 nach einer erfolgreichen Karriere als Haushälterin eines Herzogs ihre Arbeitsagentur und die Geschicke von Menschen geleitet. Und anstatt sich in dem schmucken Cottage zur Ruhe zu setzen, das ihr der Herzog zu ihrem fünfundfünfzigsten Geburtstag nach vierzig Jahren außergewöhnlichem Diensteifer für die Familie geschenkt hatte, verkaufte Mim Evensong das kleine Anwesen, nahm ihre Ersparnisse und gründete ihre Firma in London. Sie wusste genau, was große – und manchmal auch nicht so große – Häuser in Sachen zuverlässiger Bediensteter brauchten.

Sie wusste auch, was flatterhafte junge Mädchen der Gesellschaft brauchten – sie hatte reichlich Erfahrung gesammelt, indem sie bei der Vermählung der fünf eigensinnigen Töchter des Herzogs geholfen und nächtelang mit den Mädchen dagesessen hatte, um die Launen junger Gentlemen zu diskutieren. Durch ihre Reinlichkeit, Sparsamkeit und ihren gesunden Menschenverstand war sie prädestiniert dafür, zahlreiche häusliche Katastrophen zu glätten.

Aber eines Morgens im Jahr 1900, gerade als es Zeit war, das neue Jahrtausend einzuläuten, begann ihr großer Zeh zu pochen. Und schon bald folgten die restlichen Zehen. Und schließlich ihr Knöchel. Inzwischen hatte sie größte Mühe, sich aus ihrem Sessel zu erheben und zum Fenster zu humpeln, um das geschäftige Treiben zu beobachten, das sich unterhalb in der Mount Street abspielte. Es war nicht einmal daran zu denken, dass sie nach unten in ihr blühendes Unternehmen ging, um Vorstellungsgespräche mit Dienern zu führen oder sich mit einer Mutter in ihrem Privatbüro zu treffen, um den skandalösen Ausrutscher ihrer Tochter mit einem verarmten Musiker zu diskutieren, der darauf bestand, Ragtime anstelle von Richard Strauß zu spielen.

Vor vier Jahren also hatte Mim ihre Nichte und Namensvetterin Mary eingeladen, mit ihr zu kommen und sie in die Geschicke der Evensong-Agentur einzuweisen. Genau wie Mim war Mary eine Jungfer – der Zusatz Mrs war ein Ehrentitel, der ihr als Haushälterin des Herzogs gewährt wurde, als sie in der Rangstufe immer höher aufstieg.

Mary hatte nicht wirklich Besseres zu tun – ihre Eltern waren beide verstorben, ihr Bruder war verheiratet und führte deren Lebensmittelgeschäft weiter. Ihre eigene Zukunft versprach nichts Glorreiches, sie würde tippend an der Registrierkasse sitzen oder ohne Lohn auf ihre ungehörigen Neffen aufpassen müssen.

Mary war eine sensible junge Frau und freute sich auf ein neues Leben in London, ein Leben ohne Frösche in ihrem Bett und das ununterbrochene Geschnatter ihrer herrischen Schwägerin. Sie würde den Geruch von überreifen Melonen und fragwürdigen Würsten bei der Arbeit nicht vermissen und hängte somit ihre makellose Schürze ohne einen Hauch von Bedauern an den Nagel.

Erst als sie in der Stadt ankam, erkannte sie, dass das, was Mim für sie vorgesehen hatte, auch nicht gerade glänzte. Mim gab sich der törichten Illusion hin, dass ihr Fuß eines Tages auf wundersame Weise seine ursprüngliche Größe wiedererlangen würde und sie an den massiven Mahagonischreibtisch in ihrem Eckbüro zurückkehren könnte. Die Tatsache, dass sie bereits in ihren Siebzigern war, hielt sie keinesfalls davon ab zu glauben, das Unternehmen könnte ohne sie und ihre vielgepriesene Weisheit funktionieren. Es war unumgänglich, dass die lukrativen Dienstleistungen weiterbetrieben wurden, und ebenso unumgänglich, dass ihre Kunden der Verrichterin dieser Dienstleistungen vertrauten, wie schon während der letzten Dutzend Jahre.

Die junge Mary sah nicht sonderlich weise aus. Zwar hatte sie eine breite Stirn und scharfsinnige, haselnussbraune Augen, aber ihr Haar wies einen Rotstich auf, und einige Leute hielten Rothaarige für unausgeglichen. Sie war auch eher kurz geraten, obgleich Tante Mim ähnlich groß war und die paar fehlenden Zentimeter sie nie davon abgehalten haben, Furcht einflößend zu wirken, wenn es die Situation verlangte. Wenn die Agentur weiterhin erfolgreich fortbestehen sollte, war eine Verkleidung notwendig. Und so wurde Mary mit einer Perücke und einer Brille bestückt – nur vorübergehend, wie ihr Mim versicherte, bis sie sozusagen wieder selbst auf den Beinen war. Niemand würde sie wirklich wahrnehmen – ältere Damen mit großen schwarzen Hüten gab es zuhauf, und sie waren aufgrund ihrer Allgegenwärtigkeit nahezu unsichtbar, sodass Mary nicht befürchten musste, entdeckt zu werden.

Eine Armee von Ärzten war auf diskreteste Weise konsultiert worden, und dennoch waren die Chancen darauf, dass Mim bald wieder das Tanzbein würde schwingen können, um kein Grad gewachsen. Und auch die arme Mary bekam nie die Gelegenheit, das Tanzbein zu schwingen – sie war viel zu sehr damit beschäftigt vorzutäuschen, dass sie eine alte Frau war, und verwuchs täglich mehr mit dieser Rolle.

Irgendetwas musste geschehen.

Aber nicht heute. Heute war … belegt.

An der Milchglasscheibe ihrer Bürotür klopfte es, dann schob sich der Kopf ihres Sekretärs Oliver Palmer durch den Spalt: »Lord Raeburn ist hier, um Sie zu sehen, Mrs Evensong.«

Oliver war ein stattlicher junger Mann mit tadellosen Manieren. Er hinterließ am Empfang einen ausgezeichneten Eindruck und war überdies vollkommen diskret. Sollte er vermuten, dass Mary nicht wirklich die war, für die sie sich ausgab, so ließ er sich das niemals anmerken. Er hatte selbst Geheimnisse zu hüten.

Oliver war im Hinblick auf seine unglückliche Situation offen gewesen – und hungrig –, als Mary das Bewerbungsgespräch mit ihm geführt hatte. Vollkommen mittellos, war er ursprünglich wegen einer anderen Stelle gekommen, aber Mary hatte ihn gleich für sich in Anspruch genommen, und heute war er für sie von unschätzbarem Wert. Oliver hatte immer ein Ohr für den aktuellen gesellschaftlichen Klatsch. Er war es gewesen, der die Zeitungsausschnitte über Lord Raeburn bereitgestellt hatte … nicht dass sie eine Erinnerung nötig gehabt hätte. Sie erinnerte sich an die körnigen, mürrischen Fotografien auf den Titelseiten.

Unfall, auch wenn das Wort mit unsichtbaren Anführungszeichen versehen war. Offenes Fenster. Unzureichende Beweise.

»Oje. Sehe ich passabel aus?« Mary hätte sich auf die Zunge beißen können. Sie hatte Oliver so etwas noch nie gefragt, gleich wie nobel ihre Klienten auch sein mochten, was er prompt mit einem seltsamen Gesichtsausdruck quittierte. Lord Raeburn war schließlich nur ein Baron. Und nach dem, was in Schottland geschehen war, würde eine anständige Frau nicht einmal mehr seine gute Meinung auch nur in Betracht ziehen.

»Sehr adrett, wie immer, Mrs Evensong. Ihr Hut kleidet sie außerordentlich.«

Es war wahrscheinlich lächerlich, den Hut stets im Haus zu tragen, aber durch die angebrachten Nadeln hielt er ihre Perücke an Ort und Stelle. »Schicken Sie ihn herein. Und bringen Sie uns Tee.«

»Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, Mrs E., würde ich dem Kerl Whisky anbieten.«

»Da haben Sie wohl recht. Kümmern Sie sich bitte darum, Oliver?«

Irgendwo im Schrank stand noch eine Flasche Single Malt Whisky herum. Die Evensong-Agentur hatte schließlich stets alles bei der Hand und in der Hand. In den vergangenen vier Jahren hatte Mary Evensong Ehegatten für Erbinnen, Diener für Viscounts und sogar ein Milchmädchen für einen Marquis gefunden, der zur Bestürzung seiner Köchin eine Hereford-Kuh in seiner Küche hielt. Die Agentur war bekannt dafür, das Ungewöhnliche möglich zu machen – und tatsächlich hatte ihre Tante »Wir führen seit 1888 das Unmögliche noch vor dem Frühstück aus« als ihr Motto ausgewählt.

Einige Mitglieder des Adelsstands, wie dieser Marquis, waren für ihre Exzentrik bekannt. Lord Alec Raeburn gehörte nicht dazu. Das, wofür er bekannt war, ließ Marys Herz ein wenig schneller schlagen.

Hätte er nur ein einfaches Personalproblem, wäre er niemals selbst hierhergekommen. Also musste es bei seinem Anliegen um etwas Persönliches gehen. Sie bezweifelte, dass er nach einer neuen Gattin suchte – seine alte war noch kein Jahr tot, und es würde noch eine ganze Weile dauern, bis sich das Gerede um die Umstände ihres Ablebens gelegt haben würde. Mary war nicht so naiv zu glauben, dass er sich nach all den Gerüchten ins Zölibat verabschieden würde, aber sicherlich war es noch zu früh, ihre Vermittlungsdienste in Anspruch zu nehmen.

Mary räusperte sich und trommelte mit ihren behandschuhten Fingern auf die Schreibtischplatte. Ihre Hände waren weit davon entfernt, runzlig zu sein, also trug sie die ganze Zeit Handschuhe. Und jetzt waren ihre Hände ganz feucht.

Das Klappern der Schreibmaschinentastatur verstummte im Vorzimmer. Ohne Zweifel himmelten ihre Stenografinnen Lord Raeburn auf seinem Weg zu ihrem Allerheiligsten an, und das einigermaßen diskret, wie sie hoffte. Mary selbst musste sich stark zusammenreißen, um es ihnen nicht gleichzutun, als Oliver die Tür öffnete und Lord Raeburn ankündigte.

Als ob man diesen Mann nicht bemerken würde. Eine Frau müsste blind oder tot sein, um bei diesem Erscheinungsbild eines Mannes unberührt zu bleiben.

Er war mehr oder weniger riesig, das aber höchst ansehnlich. Mary war einst auf einem Jahrmarkt gewesen, auf dem »der größte Mann Großbritanniens« beworben wurde, aber der arme Kerl war gleichzeitig auch der hässlichste Mann der Insel gewesen. Lord Raeburn war keinesfalls unansehnlich, außer vielleicht, was seine Garderobe anbelangte. Er trug einen Ausgehkilt im Tartan seiner Familie, eine unglückliche Kombination aus Gelb und Schwarz, die Mary an einen Schwarm aggressiver Bienen erinnerte. Aber sein schwarzes Jackett brachte seine massiven Schultern zur Geltung und passte zu seinem ziemlich langen Haar und dem sorgfältig gestutzten Bart. Mary konnte sich überhaupt nicht für Bärte erwärmen, und sie glaubte auch nicht daran, dass Lord Raeburn ein fliehendes Kinn zu verstecken hatte. Seine Augen wirkten ebenfalls schwarz und unterzogen sie und ihr Büro einem forschenden Blick, während sie sich strauchelnd erhob und ihm ihre Hand entgegenstreckte. »Guten Tag, Lord Raeburn«, sagte sie flink in der Hoffnung, sie konnte sich selbst dazu bringen, sich ebenso selbstbewusst zu fühlen, wie sie klang. »Nehmen Sie doch Platz! Oliver, bringen Sie uns bitte die Erfrischungen, über die wir gesprochen haben.« Sie brauchte jetzt selbst einen guten Schluck, fühlte sie sich doch wie ein albernes Schulmädchen. Er sah hinreißend aus. Kein Wunder, dass ihm die Frauen zu Füßen fielen. Und aus seinem Fenster.

Lord Raeburn nahm in einem der ledernen Besuchersesseln Platz. Er passte gerade so hinein. »Vielen Dank, dass Sie mich so kurzfristig empfangen. In ein paar Tagen werde ich wieder zu Hause erwartet, und ich muss mich vor meiner Abreise vergewissern, dass ich mit Ihrer Hilfe rechnen kann.«

»Was kann die Evensong-Agentur für Sie tun, Mylord?«

»Ich bin mir nicht sicher, ob Sie wirklich etwas tun können, aber ich hätte gern, dass Sie es wenigstens versuchen. Ich will nicht lange um den heißen Brei herumreden. Glauben Sie, dass ich meine Gattin umgebracht habe?«

Mary holte Luft und konterte mit einer Gegenfrage: »Spielt es denn eine Rolle, was ich denke?«

»Eventuell. Wenn Sie einfach nur mein Geld nehmen und Lippenbekenntnisse ablegen, sehe ich keinen Grund darin, Sie anzuheuern, oder? Wir Schotten vergeuden nicht gern unsere Zeit. Oder unser Geld.«

Ihre Wirbelsäule versteifte sich. »Ich kann Ihnen versichern, dass die Evensong-Agentur ihre Klienten nicht nur zu deren Belustigung übernimmt und um die Auftragsbücher zu füllen. Wenn wir einen legitimen Service bieten können, tun wir unser Möglichstes, unsere Verpflichtungen auch zu erfüllen.«

»Sie äußern sich also nicht dazu, ob Sie mich für einen Mörder halten?«

»Ich fürchte, dafür bin ich nicht ausreichend in die Einzelheiten des Falls eingeweiht«, log Mary. Oliver führte Notizbücher mit den interessantesten Zeitungsberichten in seiner Schreibtischschublade. Eines dieser Bücher füllte Lord Raeburn ganz allein.

In diesem Moment trat Oliver mit einem silbernen Tablett in den Raum. Er brachte nicht nur einen Dekanter mit Whisky, sondern hatte auch eine hübsche Porzellanteekanne dabei. Sie schwiegen, während Oliver aufdeckte und beiden einschenkte. Mary schätzte, sie sollte lieber bei klarem Verstand bleiben, und griff daher zu einer Tasse Oolong-Tee. Zu ihrer Überraschung tat es ihr Lord Raeburn gleich.

»Danke, Oliver. Das wäre dann alles.«

»Ich bin draußen, wenn Sie mich brauchen, Mrs Evensong. Gleich dort draußen.«

Lord Raeburn lächelte Oliver schief an. »Keine Sorge, junger Mann, ich werde Ihre Arbeitgeberin schon nicht vergewaltigen. In den Augen der Welt bin ich vielleicht ein Unhold, aber ich habe durchaus Ansprüche.«

Nun. Könnte dieser Mann noch beleidigender sein? Sie sollte sich nicht angegriffen fühlen – sie sollte schließlich wie eine alte Schachtel aussehen –, aber die neunundzwanzigjährige Frau unter dem schwarzen Hut war unerklärlicherweise verärgert. Mary setzte ihre Teetasse ab und brachte dabei den Inhalt zum Überschwappen.

»Vielleicht sollten Sie mir lieber erzählen, weshalb Sie hier sind.«

»Ich brauche für einen Monat eine Frau.«

Mary richtete sich verstimmt zu ihrer vollen Größe auf – auch wenn da nicht mehr viel ging. »Diese Art von Vermittlungsagentur sind wir nicht, Lord Raeburn. Guten Tag.«

»Na, steigen Sie schon von Ihrem hohen Ross und setzen Sie sich wieder. Ich habe mich nicht klar ausgedrückt. Ich muss eine Frau anheuern, die die Gäste in diesem neuen Hydrotherapie-Bad infiltriert. Dem Forsyth Palace Hotel. In den Highlands. Haben Sie schon davon gehört?«

Und ob Mary das hatte. In allen Londoner Zeitungen waren ganzseitige Anzeigen geschaltet worden, als es letztes Jahr eröffnete. Es war im schottisch-feudalen Stil erbaut, konnte zweihundert Gäste aufnehmen und bot erstklassige Unterkünfte für gesunde Gäste und unzählige Wasserheilbehandlungen für diejenigen, die sich keiner so robusten Gesundheit erfreuten. Mary hatte sogar mit dem Gedanken gespielt, ihre Tante dorthin zu senden, doch Tante Mim würde niemals die Agentur allein unter Marys Obhut zurücklassen.

Aber Mary sollte auch fair sein, denn sie hatte schon so manchen klugen Ratschlag von ihrer Tante erhalten – Mim war äußerst scharfsinnig, besonders wenn es um etwas heikle Kunden ging. Und sobald Mary herausgefunden hatte, was er wollte, würde Lord Raeburn diese Liste wohl ergänzen.

»Sie sagen ›infiltrieren‹. Warum beschäftigen Sie keinen Detektiv? Ich kenne verschiedene seriöse Agenturen, die ich empfehlen kann.«

»Das sind alles Männer, Mrs Evensong. Ich brauche eine Frau, um für den Doktor, der die Einrichtung leitet, eine Falle zu legen. Der Mann ist für den Tod meiner Frau verantwortlich.«

Mary schwenkte den Inhalt ihrer Teetasse und wünschte, sie hätte die Fähigkeit, den Bodensatz zu lesen. »Und warum sind Sie mit Ihrem Verdacht nicht an die Behörden herangetreten?«

»Wozu sollte ich? Sie halten mich für schuldig – sie haben nur keine ausreichenden Beweise. Aber ich sage Ihnen eines – meine Gattin ist von diesem Sch… Schleimer verführt worden. Diesem Dr. Josef Bauer«, zischte er. »Ich bin im Besitz des Tagebuchs meiner Gattin. Da steht alles drin. Für sein Stillschweigen bezahlte sie ihm ein Vermögen.«

Mary sah den Baron über ihren Schreibtisch hinweg an. Selbst durch ihre leicht grau getönten Brillengläser konnte sie noch immer sehen, wie sich sein Gesicht vor Aufregung verfärbt hatte. Wenn man seinem Gesichtsausdruck glauben konnte, befand er sich in einem Zustand kontrollierter Rage, und sie war nicht erpicht darauf zu sehen, wie er seine Contenance verlor. Ein Mann seiner Statur würde jeden einschüchtern, der ein Fünkchen Verstand besaß. Es war schwer, sich vorzustellen, wie es seine Gattin gewagt hatte, untreu zu sein. Sicher wusste sie, dass so etwas nicht ohne Konsequenzen blieb.

»Was soll also diese Frau für Sie machen?«

»Sie soll vorgeben, eine Patientin zu sein. Mit Geld um sich werfen und Bauers Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Sich bei ihm einschmeicheln.«

Sie schüttelte den Kopf. »Wie ich bereits sagte, beschäftigen wir keine Damen für derartige Leistungen.«

»Sie müsste nicht mit ihm in … äh, Unzucht treiben. Sie soll ihn nur dabei ertappen, wenn er etwas Unmoralisches tut. Zum Beispiel sie umbringen und es wie einen Unfall aussehen lassen, nachdem sie ihn in seinem Testament bedacht hat.«

»Ich bezweifle, dass meine Stellungsuchenden willens wären, sich als potenzielles Mordopfer zur Verfügung zu stellen, Lord Raeburn«, erwiderte Mary trocken.

»So weit muss es natürlich nicht gehen. Wenn er beschuldigt wird, mit einer seiner Patientinnen auf unprofessionell romantische Weise zu verkehren, sollte das schon ausreichen, um seinen Ruf zu ruinieren. Welcher Ehemann oder Vater würde ihm noch seine Gattin oder Tochter anvertrauen? Und im Übrigen wäre ich auch dort, um die Sicherheit Ihrer Dame zu gewährleisten.«

Marys Mund blieb einen Moment zu lange vor Staunen offen stehen. Gute Güte, sie musste absolut idiotisch aussehen. »Sie?«, fragte sie, als sie sich wieder gesammelt hatte.

»Ich habe dort eine Suite gebucht. Ich lasse in Raeburn Court einige Renovierungen durchführen, jetzt, da Edith – fort ist, und das Hotel liegt nur knapp zwei Meilen entfernt. Mein Aufenthalt dort ist vollkommen unauffällig, ich bin in der Nähe, um die Arbeiten zu überwachen, und das Hotel ist in der Gegend der einzige Ort, wo man angemessen wohnen kann. Eigentlich ist es der einzige Ort überhaupt. Unsere Gegend ist nicht gerade das, was man als Nabel der Welt bezeichnen würde.«

Ja, das war es wohl, was das Heilbad auch so attraktiv machte – die vollkommen unberührte Natur. Reine Luft, große Höhe, frisches Wasser. Dazu eine berauschende Tier- und Pflanzenwelt und Wasserfälle, die das Herz eines jeden Amateurfotografen höher schlagen ließen. Es gab aber eine Zugverbindung nach Pitcarran, einen malerischen kleinen Ort, der für einen Tagesausflug in einer der pferdegezogenen Wagonetten gerade in der richtigen Entfernung lag. Es schien, als hätte sich Mary die Werbeanzeigen ins Gedächtnis gebrannt. Sie fragte sich, ob Oliver irgendwelche Veröffentlichungen darüber archiviert hatte.

»Bauer kennt mich. Ich mache ihn nervös«, fuhr Lord Raeburn fort. »Ihm könnte ein Ausrutscher passieren.«

»Er könnte sich auch ebenso gut ganz vorbildlich benehmen«, sagte Mary. »Weiß er, dass er Sie zum Feind hat?«

»O ja.«

Mary erschauderte unter dem Glanz in Lord Raeburns schwarzen Augen. »Lassen Sie mich sehen, ob ich Sie richtig verstanden habe. Sie wollen, dass Dr. Bauer in einer kompromittierenden Lage mit einer Patientin erwischt wird, auch wenn er weiß, dass Sie ihn im Auge haben.«

»Das Ego dieses Mannes – Sie werden sicher mit dem Psychiater Freud vertraut sein – kennt keine Grenzen. Er kennt nur sich. Ich schätze, aufgrund meiner Anwesenheit wird er seine Taktlosigkeiten offen vor mir zur Schau tragen, weil er weiß, dass ich nichts dagegen tun kann. Wer glaubt mir schon, wenn ich etwas Schlechtes über ihn sage? Mir, einem Mann, der angeblich seine Frau umgebracht hat? Ich bin nicht glaubwürdig.« Lord Raeburn lehnte sich in seinem Sessel zurück und sah zum ersten Mal verletzlich aus.

Mary kam zu dem Schluss, dass sie alle Zeitungsartikel über den Tod von Lady Edith Raeburn abermals durchlesen musste. »Lassen Sie mich darüber nachdenken.«

»Ich habe keine Zeit für irgendwelche Spielchen, Mrs Evensong. Wenn Sie niemanden für diesen Job haben, muss ich eben irgendeine grandiose Schauspielerin engagieren. Ein paar kenne ich.«

Ja, Mary hatte davon gehört. Lord Raeburn und seine Gattin hatten während des Großteils ihrer Ehe getrennt gelebt. Kein Wunder, dass die arme Frau Trost in den Armen eines mitfühlenden Dr. Bauer suchte. »Warum haben Sie das nicht bereits getan?«

»Die Mädchen, die ich kenne – nun, sagen wir einfach, sie passen wohl eher in eine Revue als in die Rolle einer Erbin. Ich brauche jemanden, der unverbraucht ist. Unschuldig. Eine Frau, von der Bauer denkt, dass er sie folgenfrei verderben kann. Soweit ich weiß, verführt er nur Jungfrauen, die dann zu gedemütigt sind, um ihre Dummheit einzugestehen.«

»Warum hatte es Dr. Bauer dann auf Lady Raeburn abgesehen?« In dem Moment, in dem sie die Frage gestellt hatte, wusste Mary schon, dass es ein Fehler war. Sie beobachtete, wie Lord Raeburn um eine Antwort rang.

Unerwartet ruhig fand er nach einer Weile die notwendigen Worte: »Meine Gattin war noch sehr jung, als wir heirateten. Sie war zart und empfindlich und hatte eine Abneigung gegen den Vollzug der Ehe. Oder vielleicht hatte sie auch nur eine Abneigung gegen mich. Josef Bauer konnte sie wohl irgendwie überzeugen.«

Trotz ihrer relativen Jugend war Mary Evensong selten überrascht von dem, was ihre heiklen Kunden so zu erzählen hatten. Doch jetzt war sie es. Lord Raeburn hatte ihr sein Herz ausgeschüttet. Seine Qual offengelegt. Irgendwie war sie sich sicher, dass er noch niemandem zuvor die Wahrheit gesagt hatte.

Edith Raeburn war Jungfrau gewesen. Und eine Närrin. Mary traf ihre Entscheidung und hoffte, sie würde es nicht später bereuen. »Ich übernehme den Auftrag. Ich meine, ich werde jemanden für Sie finden. Wann soll die Abreise sein?«

»Wir sollten nicht zusammen im Hotel anreisen – ich denke, Ihr Mädchen sollte Donnerstag in einer Woche ankommen. Je früher wir Bauers Schurkereien ein Ende bereiten können, desto besser. Haben Sie schon jemanden im Sinn?«

»Ja«, sagte Mary in der Hoffnung, Tante Mim würde ihrem verrückten Plan zustimmen. Mary war nicht verrückt – sie war standhaft. Zuverlässig. Verantwortungsbewusst. Langweilig. Aber das würde sich schon bald ändern. Sie holte einen Vertrag aus der Schublade und erläuterte die Bedingungen. Dabei ignorierte sie, dass es in ihrem Kopf wild summte.

2

Forsyth, Perthshire, Schottland

Donnerstag, 9. Juni 1904

Alec Raeburn paffte eine Zigarre in einem der Erkertürme des Forsyth Palace Hotels, die speziell für solche männlichen Aktivitäten vorgesehen waren. Auf der anderen Seite des Schieferdachs verweilten im Damenturm mehrere junge, weiß gekleidete Damen, die gar nicht bemerkten, wie sich der Ben-y-Vrackie in der Ferne blau abzeichnete, sondern nur ihn unverblümt ansahen. Sie versuchten durch aufdringliches Winken mit Taschentüchern und eindringliches Kopfnicken seine Aufmerksamkeit zu erlangen, aber Alec ignorierte sie und starrte hinunter auf die kreisrunde Hotelzufahrt.

Die Mädchen hatten offensichtlich noch nichts über ihn und seine Verruchtheit gehört – zweifelsohne würden ihre Mütter jeden Moment hereingestürmt kommen, um ihnen alles zu berichten, was sie wissen mussten. Nach nahezu einem Jahr hatte sich Alec schon beinahe an das plötzlich eintretende Schweigen gewöhnt, das einsetzte, wenn er einen Raum betrat – an Augen, die in die andere Richtung schauten, und Menschen, die Termine vergaßen. Er hatte schon immer für Aufmerksamkeit gesorgt – ein Mann seiner Größe war schließlich nicht unsichtbar –, aber jetzt konnte er auf diese Art von Aufmerksamkeit dankend verzichten.

Er hatte es satt. Sobald das hier vorbei war, würde er eine Weile abtauchen. Aus England zu fliehen würde ihm nicht schwerfallen, da sein Herz ohnehin in Schottland beheimatet war. Ediths Tod hatte jedoch einen Schatten auf sein geliebtes Raeburn Court geworfen, der sich allein durch den Austausch von Vorhängen und Möbeln nicht würde beseitigen lassen. Die andauernde Isolation würde kein Zuckerschlecken werden, aber Alec hatte nicht das Gefühl, dass sich das soziale Klima für ihn in absehbarer Zeit ändern würde.

Er konnte nicht die Wahrheit sagen. Nicht einmal ein boshafter Kerl wie er würde Ediths Torheit als Erklärung für die Geschehnisse an die Öffentlichkeit bringen. Ihre Eltern verabscheuten ihn ohnehin bereits aufgrund seiner Unzulänglichkeiten. Alec konnte mit ihrem Hass leben – daran war er quasi schon seit Beginn ihrer Ehe gewöhnt –, aber nicht mit dem neuen Kummer, den er verursachen würde, wenn sie den wahren Grund für die Verzweiflung ihrer Tochter erführen.

Gleich, was er getan hatte, er war nicht in der Lage gewesen, Edith davon zu überzeugen, ihm zu vertrauen. Nach einer Weile hatte er es aufgegeben und war seiner Wege gegangen, wie so viele Männer seiner Klasse. Und er war beileibe kein Heiliger; niemand war das. Man sehe sich nur den König an: »Kingie« – ein Mann, der mehr außereheliche Abenteuer hatte, als ihm gebührten.

Zumindest hatte Alec keine ernsthaft gebrochenen Herzen hinterlassen – seine Liebschaften waren immer kurz und unblutig verlaufen. Er hatte sich in Edith verliebt, und obwohl das viel Gutes in ihm bewirkt hatte, würde er niemals mehr so töricht sein. Alles, was er also tun konnte, war, irgendwie Gerechtigkeit zu erfahren, und seine Helfer waren bereits unterwegs.

Gestern hatte er ein Telegramm von Mrs Evensong erhalten. Seine beiden neuen Angestellten – ein Mann und eine Frau – würden mit dem Nachmittagszug anreisen. Alec hatte in ihrem Büro nichts eingewendet, als sie ihm erklärte, eine anständige Lady würde niemals allein in die Wildnis Schottlands reisen, auch wenn es sich bei dem Reiseziel um ein solch überragendes Etablissement handelte, das den Gästen persönliche Dienstmädchen und Diener bereitstellte.

Es war ihm gleich, wie viel ihn diese Angelegenheit kostete – sein Ruf war schließlich ruiniert. Er würde nicht mehr heiraten und keinen Sohn haben, an den er Titel und Land vererben konnte. Alecs Bruder Evan würde auf ein paar Tausend Pfund verzichten können, wenn er erbte – Evan war Eigentümer einer erfolgreichen Destillerie, deren Produkt bei König Edward selbst hoch im Kurs stand, und er war von Anfang an schon reicher als Alec gewesen.

Alec streckte den Kopf vor, als der glänzende, schwarze, von Pferden gezogene Omnibus des Hotels den Weg entlangkam. Die Passagiere waren am Bahnhof abgeholt worden und entlang des Flusses Tummel, der für seinen Lachs bekannt war, auf der kurvenreichen Straße zum Hotel gefahren. Sie waren an männlichen Gästen vorbeigekommen, die sich Anfang des Tages hatten absetzen lassen, um ihre Angeln auszuwerfen, wobei ihnen der Hotelkoch versprochen hatte, ihnen ihren Fang zum Abendessen zuzubereiten. Und jetzt fuhren sie an einigen Golfspielern vorbei, die Bälle über den hauseigenen Neun-Loch-Kurs des Hotels schlugen.

Bauer und seine Geschäftspartner hatten mit diesem Unternehmen den großen Treffer gelandet, denn es hatte für jeden Geschmack etwas zu bieten: Sportbegeisterte, hypochondrische Witwen, Familien mit schüchternen Töchtern, die sie im gemeinsamen Speisesaal in die Gesellschaft einzuführen gedachten. Vor dem Schöpfergeist dieses Projekts hatte Alec großen Respekt. Die verstorbene Königin hatte die Highlands vor Jahrzehnten in Mode gebracht, und heute gab es keinen Ort, der mehr in Mode war als das Forsyth Palace Hotel.

Welche von diesen aussteigenden Passagieren war wohl seine Mary Arden? Und wer ihr »Bruder«? Alles, was er erkennen konnte, war ein Gewimmel aus Köpfen, bedeckt mit Stroh- und anderen fantastischen Hüten, die so riesig waren, dass sie die Körper der daruntersteckenden Damen vollständig verbargen.

Alec drückte seine Zigarre in einem Kristallaschenbecher aus. Er hatte vor, ganz beiläufig am Empfang vorbeizulaufen, um zu sehen, ob er die Schauspielerin ausmachen konnte, die Mrs Evensong engagiert hatte. Er hoffte, sie würde naiv und unsicher aussehen – wenn man Ediths Tagebuch Glauben schenken konnte, hatte Bauer damit geprahlt, er wäre hinter den schwächsten Frauen her, die sich durch seine Aufmerksamkeiten stets geschmeichelt fühlten. Er schwatzte sich seinen Weg in ihre Betten und ihnen gleich noch ihr Geld aus den Rippen. Er hatte dabei nie die Absicht, eine von ihnen zu heiraten – schließlich hatte er Frau und Kinder, die brav in Edinburgh auf ihn warteten.

Alec konnte nicht verstehen, wie man Bauers Verderbnisse verschweigen konnte, aber er war ja auch keine Frau. Auch wenn sich die Welt schnell wandelte, blieben die Regeln der Gesellschaft doch bestehen. Ein Skandal war noch immer ein Skandal. Eine Frau hatte bis zu ihrer Hochzeit rein zu sein.

Manchmal sogar noch nach ihrer Hochzeit, dachte er verbittert.

Alec mied den Aufzug und lief die Treppen bis zur großen Empfangshalle im Erdgeschoss hinab. Säulen und Bögen führten in eine enorme Lobby, die wiederum auf eine verglaste Veranda führte, die über die gesamte Länge an der Rückseite des Gebäudes entlanglief. Der Ausblick war spektakulär. Sogar Alec, der in den Highlands aufgewachsen war, konnte sich dieser Vollkommenheit nicht entziehen. Ein paar Leute saßen gerade zum Nachmittagstee in kunstvollen Korbstühlen, und das Klappern von Untertellern und Gabeln wurde von gedämpftem Plaudern überlagert. Ein paar Leute schauten in seine Richtung, nur um sich dann gleich wieder hastig umzudrehen. Das Spielchen kannte er schon.

Gepäckträger rollten vollgeladene Gepäckwagen in Richtung der byzantinischen Rampen, die von einer Etage zur nächsten führten. Der Architekt hatte vorsorglich so viele Fluchtwege wie möglich vorgesehen, damit alle Gäste und Belegschaftsmitglieder Platz fanden. Brände waren in solchen großen Hotels an der Tagesordnung, und man war um die größtmögliche Sicherheit bemüht. Es gab eine Reihe moderner Fahrstühle, mehrere Treppenaufgänge, eiserne Feuerleitern an der Rückseite des Hotels sowie die Servicerampen, die die Scheuerlappen der Zimmermädchen weit von den Kunden entfernt hielten.

Das gute Dutzend Neuankömmlinge wurde von Josef Bauer selbst in seinem leuchtend weißen Arztmantel begrüßt, sein blonder Bart ordentlich gestutzt. Alec war am Morgen am Herrensalon des Hotels vorbeigekommen und hatte gesehen, wie Bauer ganz entspannt in dem ledernen Sessel gelegen hatte.

Doch wie entspannt wäre er wirklich, wenn Alec ihm das Rasiermesser an den Hals halten würde? Aber nein, dafür war ja jetzt Mary Arden da. Er wusste noch nicht, welche Rolle er ihrer männlichen Begleitung zukommen lassen sollte, aber es konnte nicht schaden, ein zusätzliches Paar wachsamer Augen und Hände zu haben. Was er nicht tolerieren würde, war, dass sich Miss Arden auf eine Affäre mit dem Kerl einließ, den sie mitgebracht hatte. Sie sollte sich allein der Aufgabe widmen, Josef Bauer eine Falle zu stellen.

Alec hatte ihnen eine Woche Zeit gegeben, um den Doktor zu Fall zu bringen. Die Renovierungen seines Hauses sollten auch nicht länger dauern. Hauptsächlich entfernten die Arbeiter das ganze staksige Mobiliar von Edith und nahmen die Chintz-Vorhänge ab. Er brauchte Stühle, auf denen er sitzen konnte, ohne befürchten zu müssen, dass sie unter ihm zusammenbrachen, und er war ganz sicher auch kein Freund von Chintz. Aber zu Beginn ihrer Ehe hatte er Edith freie Hand bei der Neugestaltung seines Ahnensitzes gelassen, und sie hatte das ausgekostet. Aber eine freie Hand bei der Inneneinrichtung hatte nicht dazu geführt, dass sie auch als Person freier wurde, und Alec war über die Kälte seiner Gattin und die ungeeigneten Sitzgelegenheiten äußerst frustriert gewesen.

Grundgütiger. Alec versteckte sich hinter einer Säule. Mrs Evensong war selbst gekommen, von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet, mit ihrer kleinen grauen Brille auf der Nase und fest auf einen Stock gestützt. Eine Zofe machte viel Aufhebens um sie und brachte sie dazu, sich auf ein Sofa in der Lobby zu setzen, während der Arzt eine wortreiche Rede anstimmte.

Sie konnte doch nicht ernsthaft erwarten, Josef Bauer würde sie verführen? Nein, natürlich nicht. Sicher war sie gekommen, um ein Auge auf ihre beiden Schauspieler zu haben. Alec war beeindruckt – er hätte nie erwartet, einen solch aufmerksamen Service zu erhalten, als er den Vertrag unterzeichnete.

Ein paar andere Gäste folgten Mrs Evensongs Beispiel und platzierten sich auf den Sofas. Links stand eine blasse Rothaarige in Blau, mit einem einfachen, eleganten Hut und einem verteufelt gut aussehenden jungen Mann an ihrer Seite. Er kam ihm irgendwie bekannt vor. Der Sekretär? Dann musste das Mary Arden sein. Alle anderen Ankömmlinge sahen zu alt aus, obwohl diese Frau auch nicht unbedingt auf dem Gipfel ihrer Jugend war.

Sie war nicht gerade schön, aber Schönheit war auch nicht nötig, um Bauer zu ködern. Alec fand, sie war auf unaufdringliche Weise attraktiv, mit schlanker, geradliniger Nase und vollen, aber nicht aufgequollenen Lippen. Sie hatte eine hohe Stirn, was auf ein gewisses Maß an Intelligenz hinwies. Gegen die weiblichen Formen war er noch nie immun gewesen, und die von Miss Arden waren ausgezeichnet. Sie war zwar eher kurz geraten, dafür aber mit ausgeprägten Kurven. Ihre Taille war schonungslos in ihr Korsett eingezwängt, und ihre hervorblitzende Haut war so weiß, als hätte sie schon seit Jahren keinen Sonnenstrahl mehr abbekommen. Sie sah ein wenig kränklich aus, was aber auch an der aufgelegten Farbe liegen konnte.

Es war nicht ausreichend, dass die Frau, die er engagierte, ein normaler weiblicher Gast war, eine, die gekommen war, um über die manikürten Wiesen zu wandeln und zu fotografieren oder Tennis zu spielen. Reguläre Gäste fielen nicht in Dr. Bauers Bereich; für die gab es einen unterwürfigen Hotelmanager, Mr Prescott. Dr. Bauers Patienten unterzogen sich all den Kuren im äußersten Flügel des Hotels – in den türkischen Torf- und Droitwich-Salzbädern, genossen Massagen und Körperschaumbehandlungen, die mindestens zwanzig Minuten dauerten. Den Patienten standen hilfreiche Bedienstete zur Seite, aber manchmal kümmerte sich Dr. Bauer auch selbst, um mehr Vorteil aus den verletzlichen – nackten – jungen Damen zu schlagen.

Alec stellte sich vor, dass Miss Arden nackt recht reizend aussehen würde, mit ihrer weißen Haut und dem blassroten Haar, das ihr über den Rücken fiel. Er hoffte, sie würde sich nicht verpflichtet fühlen, so weit zu gehen – er hatte so das Gefühl, die alte Mrs Evensong würde eher energisch eingreifen, auch wenn Mary Arden nur eine Schauspielerin war, die für diese Rolle engagiert wurde. Jetzt klammerte sie sich an den Mann, der sich als ihr Bruder ausgab, und mit angewiderter Miene schüttelte er ihren Arm ab. Miss Arden schwankte rückwärts, und Alec konnte sich gerade noch zurückhalten, um nicht quer durch die Lobby zu rennen, um sie aufzufangen, bevor sie zu Boden fiel.

Sie kippte nicht um, sondern bekam im letzten Moment die Lehne des Sofas zu fassen, auf dem Mrs Evensong Platz genommen hatte. Die alte Frau sah auf und sagte etwas zu ihr, und Miss Arden nickte. Behutsam stöckelte sie um das Sofa herum und ließ sich in die Polster sinken.

Josef Bauer bemerkte den Vorfall und unterbrach seine vorbereitete Ansprache, um sicherzugehen, dass es ihr gut ging. Cleveres Mädchen, das es verstand, von der ersten Minute an die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Mit ihren klaren, haselnussbraunen Augen blickte sie zum Doktor hoch, und Alec musste ein Kichern unterdrücken. Sie sah aus wie die reinste Verletzlichkeit selbst – eine bessere Vorstellung hätte er sich nicht wünschen können.

Er hatte genug gesehen. Mrs Evensong wurde ihrem Ruf vollkommen gerecht. Die kleine Miss Arden war reizvoll genug, um jedem Mann aufzufallen. Alec würde versuchen, Sie vor dem Abendessen für einen kleinen Moment allein abzupassen – er hatte sich, so hoffte er zumindest, einen brillanten Plan ersonnen, um die Verführung des Doktors zu beschleunigen.

Jetzt war es Zeit, in seine Räumlichkeiten zurückzukehren und sich auf den Abend mit einem feinen Schlückchen seines Bruders Evan einzustimmen. Das Forsyth Palace Hotel war ein Etablissement, das die Abstinenz pflegte und Alkohol nur aus »gesundheitlichen« Zwecken servierte, aber zumindest durchsuchten sie die Taschen der Gäste nicht und konfiszierten keine verbotene Flaschen. Nicht wenige Gäste verschanzten sich diskret während ihres Aufenthalts, Damen ebenso wie Herren. Alec hatte eine Kiste Whisky aus Raeburn Court mitgebracht und arbeitete sich methodisch durch. Nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig.

Als Edith starb, hatte er einen vollkommenen Narren aus sich gemacht und dem Getuschel Glauben geschenkt. Er hatte volltrunken randaliert und war umhergewankt, und die meisten seiner Bediensteten hatten ihn in der Furcht verlassen, dass er sie ebenfalls aus dem Fenster werfen könnte.

Es hatte nicht lange gedauert, bis der Klatsch der Bediensteten London erreicht hatte. Wahrscheinlich gab es im gesamten britischen Königreich keinen Ort, an dem man nicht vom niederträchtigen Lord Raeburn gehört hatte. Alec hatte sich auch keinen Gefallen getan, als er in sein Londoner Stadthaus zog und sich mit leichten Mädchen einließ, aber er wollte verflucht sein, wenn er den Rest seines Lebens wie ein Mönch verbringen sollte. Edith zuliebe hatte er es mit dem Zölibat versucht, aber es hatte nicht funktioniert.

Seine Ehe war ein Desaster gewesen. Aber Rache wäre etwas, an dem er sich in den leeren Nächten, die vor ihm lauerten, festhalten konnte.

Alec betrat seine Suite im Obergeschoss. Sein Diener Mackenzie stellte bereits das Getränketablett bereit. Wortlos kippte Alec den ersten Schluck Alkohol hinunter und streckte einen Arm aus, um sich nachschenken zu lassen. Das würde für heute genügen, um seinem Ärger die Luft zu nehmen. Er würde nochmals baden, sich zivilisiert in Schwarz und Weiß kleiden und seine Geheimnisse wie bittere Pillen unter der Zunge verstecken.

3

Tante Mim setzte ihren Fuß auf ein geknüpftes Sitzkissen. »Die Aussicht ist akzeptabel.«

»Um Himmels willen, sie ist mehr als das. Das muss das wunderschönste Fleckchen Erde auf der Welt sein.« Mary öffnete das Fenster und atmete tief ein. Sie fühlte sich, als würde sie Sonnenschein schmecken. Wie anders war es hier im Vergleich zu den schmutzigen Straßen Londons. Meilenweit konnte sie Berge, Wälder und Wasser sehen, gleich in welche Richtung sie in Tante Mims Turmzimmer blickte. Die geräumige Zweizimmersuite am Ende der Halle, die sie und Oliver sich teilten, verblasste dagegen.

»Ich kann mir nicht helfen, aber ich habe das Gefühl, dass ich nicht hätte mitkommen sollen«, sagte Tante Mim. »Bist du sicher, dass Miss Benson in der Lage ist, die Agentur in meiner Abwesenheit zu leiten?«

Mary wusste, dass Tante Mim dachte, sie selbst sei kaum qualifiziert genug, und das auch noch nach vier Jahren Einmischung und Ränkespiel. Erst vor Kurzem hatte sie ihr bislang zufriedenstellendstes Projekt abgeschlossen, eine Eheschließung zwischen der Bankenerbin Louisa Stratton und dem Kriegshelden Charles Cooper. Sie hatte vor ein paar Wochen einen fröhlichen Brief von Louisa aus New York erhalten und eine ansehnliche Dividende der Pegasus Motor Company mit gleicher Post, die einen langen Weg zurückgelegt hatte, um ihr eine angemessene Garderobe für ihre derzeitige Situation zu ermöglichen.

»Wir sind das schon tausendmal durchgegangen. Diese Reise wird dir guttun. Ganz gleich, wie erbärmlich dieser Dr. Bauer ist, seine Behandlungen haben sich bei vielen Patienten als äußerst wirksam erwiesen. Und Harriet ist in jeder Hinsicht ein Ass. Bedenke nur, dass du sie engagiert hast, und das sogar bevor du mich nach London geholt hast. Und wenn etwas Ungewöhnliches vorfällt, wird sie ein Telegramm schicken.«

»Vielleicht hätte Oliver dort bleiben sollen.«

Ach je, aber ihre Tante war so stur. »Unsinn. Er ist in gesellschaftlichen Situationen sehr gut und äußerst unterhaltsam.« Oliver hatte gebettelt, mitkommen zu dürfen, sobald sie sich im anvertraut hatte, und Mary konnte ihm keinen Arbeitsurlaub abschlagen.

»Aber dieser Doktor könnte ihn als ein Hindernis betrachten.«

»Er doch nicht. Oliver wird als der bedrückte Bruder auftreten, dem eine kränkliche Schwester und eine launische Tante am Hals hängen, mit denen er sich auch noch zu Tode langweilt. Wir haben vor, uns so oft wie möglich in der Öffentlichkeit zu streiten. Er wird zum Golfspielen gehen und mit –« Hier pausierte Mary. Mit wem genau würde Oliver flirten? »… mit den anderen Gästen flirten und mich mir selbst überlassen. Da werde ich sein, wehmütig und allein, gerade pflückreif.«

»Und was ist mit mir? Ich sollte eigentlich auf dich aufpassen, oder?«

»Ich bin viel zu alt, als dass du ein echter Anstandsdrachen sein könntest. Für mich gibt es keine Hoffnung. Beinahe dreißig, vergiss das nicht, und sitzen geblieben. Darüber hinaus solltest du mit deiner eigenen Situation so beschäftigt sein, dass du gar nicht auf mich achtest. Denk doch nur, Tante Mim, du kannst so hochmütig sein wie deine alte Herzogin und doppelt so rüde. Es wird dir viel Spaß bereiten, alle zu erschrecken! Ich gebe zu, dass ich eifersüchtig bin.« Mary dachte, ihrer Tante würde es wirklich gefallen, einmal nicht die steife und ordentliche Mrs Evensong zu sein. Mim Arden hätte so viel mehr Spielraum – genau wie sie.

Mary Arden hatte einen Koffer voller eleganter Kleider dabei, und ihr eigenes, glänzendes Haar war nach der neuesten Mode hochgesteckt. Sie musste sich zur Abwechslung einmal nicht unter Perücken, Handschuhen und rabenschwarzen Kleidern verstecken. Sie hatte schon ausreichend Leute beschäftigt, die vorgaben, jemand anders zu sein, ganz gleich, welche Gründe ihre Auftraggeber dafür hatten – und jetzt war sie an der Reihe. Offen gesagt kämpfte eine Handvoll fröhlicher Schmetterlinge gegen die Schnürung ihres langen Korsetts. Sie konnte es gar nicht abwarten, diesen Dr. Bauer zu verführen.

»Wo ist Oliver überhaupt?«

»Er versucht, einen fahrbaren Untersatz für dich zu organisieren. Jetzt sag nicht gleich Nein. Du wirst etwas herumkommen wollen, ein wenig Tratsch verbreiten. Wir brauchen dich.«

Tante Mim verzog das Gesicht, sagte aber nichts. Tief im Innern war sich Mary sicher, dass ihre Tante von der ganzen Eskapade begeistert war. Es war schon lange her gewesen, dass sie mitten in einem Abenteuer gesteckt hatte.

»Hamblen wird dir beim Auspacken helfen. Ich hoffe, es macht dir nichts aus, dass dir dein Abendessen heute in deinem Zimmer serviert wird und nicht im Speisesaal. Ich möchte nicht, dass du nach der anstrengenden Reise morgen früh vollkommen übermüdet bist.«

»Ich schätze, du hast recht. Es war ein langer Tag und mein Fuß brennt.«

Tante Mim beklagte sich selten. Die Reise gen Norden war für sie alle anstrengend gewesen. Aber jetzt hatten sie eine Woche voller Luxus vor sich. Das Forsyth Palace Hotel war bekannt dafür, dass es seine Gäste »mischte«. In dem offiziellen Speisesaal gab es keine kleinen Privattische. Stattdessen standen dort vier lange Tische, die die volle Länge des Raums einnahmen, und die Gäste kamen und gingen ungeplant. Wenn man Abend für Abend die gleichen Sitze belegte, erntete man dafür finstere Blicke. Mütter brachten ihre jungen Töchter hierher, damit sie ihre Konversationsfertigkeiten trainieren konnten, und Mary musste darauf achten, dass keine von ihnen Dr. Bauer zum Opfer fiel.

Sie hauchte ihrer Tante ein Küsschen auf die Wange und eilte in ihr eigenes Zimmer, um sich zum Abendessen zurechtzumachen. Noch vor Jahren hatte sie viel Aufhebens um ihr eigenes Erscheinungsbild gemacht und sich auch nicht in unattraktivem Schwarz vergraben. Eine äußerst junge Mary Evensong hegte einst die Hoffnung auf eine Romanze, aber der Tod ihrer Eltern hatte diese Träume zerstört. Ihr Bruder Albert hatte den Lebensmittelladen geerbt und Mary aus Miss Ambrose’s Academy for Young Ladies zum Arbeiten geholt, und nicht nur im Laden, sondern auch noch bei ihm zu Hause, wo sie auf seine Söhne aufpassen musste, während er und seine Gattin Phyllis sich um die Erweiterung des Geschäfts kümmerten. Es gab jetzt drei Läden und fünf Jungs, und Mary wusste, dass es ihr in London besser ging, auch wenn sie sich täglich verkleiden musste.

Dieser Aufenthalt in Schottland war ihre Chance zu glänzen – wenn auch nur kurz –, und sie beabsichtigte, das Beste daraus zu machen. Ihre Zofe Hamblen hatte ihre Koffer bereits ausgepackt, während sie mit Tante Mim gesprochen hatte, und Mary öffnete den Kleiderschrank und betrachtete verträumt die schneeweißen Leibbinden und einen farbenfrohen Miniaturregenbogen aus Abendkleidern. Vier Hutschachteln standen gestapelt auf dem Regal, wobei sich in nur einem davon ein schwarzer Hut für Notfälle befand. Mary gestattete sich selbst einen Moment des Träumens, um sich dann ihrer ersten, schwierigen Entscheidung zu widmen – welches seidene Faille-Kleid sollte sie heute Abend tragen?

Lord Raeburn könnte ihr wieder über den Weg laufen. Und dieses Mal wäre sie vielleicht sogar in der Lage, mit ihm zu sprechen, wenn sie sich begegneten. Es hatte sie etwas aus der Fassung gebracht, als sie ihn in der Lobby entdeckt hatte, wo er sich hinter einer Säule versteckt hielt – als ob eine korinthische Säule seine Körpermasse hätte verdecken können. Am Nachmittag hatte er nicht sein Plaid getragen, sondern ein gut geschnittenes Norfolk Jackett mit Reithosen und einer karierten Kappe auf seinem unbändigen, rabenschwarzen Schopf.

Auch wenn sie vorgegeben hatte, ihn nicht zu sehen, konnte sie doch erkennen, dass sein Gesicht seit seiner Rückkehr in die Berge gebräunt war, und sie konnte auch sehen, wie sich seine Augen vor Argwohn verdunkelten, als Dr. Bauer seine Begrüßungsansprache hielt. Mary konnte sich nur schwer konzentrieren, während er in der Lobby herumschlich – sie würde ihm sagen müssen, dass er sich etwas mehr zurückhalten musste, sonst wäre das Spiel aus.

Natürlich hatte Alec Raeburn keine Ahnung, dass sie schon zuvor miteinander gesprochen hatten. Er dachte ja, sie sei eine fremde Frau, die man extra für diesen Zweck engagiert hatte.

Mary knöpfte ihr blaues Reisekostüm auf und stand in ihrer Kombination, Schnürkorsett und Reizwäsche, vor den Spiegeltüren des Kleiderschranks. Es war ungewöhnlich warm für einen Junitag in Schottland, und da sie fast den ganzen Tag unterwegs gewesen war, drehte sie das heiße Wasser auf und wusch sich mit einem Schwamm das Reispulver aus dem Gesicht, das sie aufgelegt hatte, um auffallend blass auszusehen. Ein Jammer, dass sie das alles mit ihrer Puderquaste wieder auflegen musste, aber schließlich sollte sie »labil« wirken. Mary übte ein kurzes Röcheln und hoffte, dass sie bei ihrem persönlichen Termin am nächsten Tag mit Dr. Bauer als kränklich durchgehen würde.

Aber kränklich zu sein bedeutete nicht, dass sie sich in Lumpen kleiden musste. Wie angeordnet kam Hamblen zurück, um sie noch enger zu schnüren und ihr in das blasse, pfirsichfarbene Kleid zu helfen, das sie ausgesucht hatte. Reihenweise Rüschen betonten ihre Brust, und eine edelsteinbesetzte Kamee lenkte die Aufmerksamkeit des Betrachters zusätzlich zu den Rüschen genau an die beabsichtigte Stelle. Die Anstecknadel war Marys einziger echter Luxus. Wahrscheinlich gab es im Hotel auffälligeren Schmuck, aber Oliver und Tante Mim würden verbreiten, dass sie eine Erbin war – so hofften sie, Dr. Bauer aus der Reserve zu locken.

Es war entschieden worden, dass die erdachten Ardens ihr Vermögen mit Wolle gemacht hatten. Oliver konnte dabei aus dem Erfahrungsschatz des familieneigenen Unternehmens schöpfen, sollte jemand vorwitzig genug sein, ihn dazu auszufragen. Die Burenkriege hatten aus seinem Vater einen unermesslich reichen Emporkömmling gemacht, obgleich die Wolle für Armeeuniformen in den heißen Ebenen von Südafrika eigentlich gänzlich ungeeignet war.

Mary richtete eine kupferfarbene Locke an ihrer Schläfe. »Was meinen Sie, Hamblen?«

»Sie sehen reizend aus, Miss Mary. Genau, wie es sein sollte. Aber ich denke, ich kann noch etwas mit Ihrer Frisur machen.«

Mary saß auf der Bank vor der Frisierkommode. »Das ist schon etwas ganz anderes als mein üblicher Aufzug, nicht wahr?«

»Ich verstehe nicht, wieso Sie Ihre Tante zwingt, sich so zu kleiden. Das ist nicht fair für eine junge Dame, und das schon vier Jahre lang. Es würde der Agentur überhaupt nicht schaden, wenn die Wahrheit schließlich ans Licht käme, nach all dem, was Sie geleistet haben.«

Mary schüttelte den Kopf. »Ich bin mir da nicht so sicher. Die Menschen vertrauen Mrs Evensong aufgrund ihrer jahrelangen Erfahrung. Vier Jahre sind nicht wirklich viel. Es ist schwer für eine Frau, ernst genommen zu werden.«

Die junge Zofe schniefte. »So würden Sie nicht denken, wenn Sie meine Mama kennengelernt hätten. Ihr Wort ist Gesetz

In den unteren Klassen war es anders – von Frauen wurde erwartet, dass sie arbeiteten und sich um ihren Haushalt kümmerten. Aber die weiblichen Gäste im Forsyth Palace Hotel waren vermutlich nicht einmal imstande, einen Topf Wasser zu kochen. Sie konnten sich mit ihren sieben Schichten Unterkleidern nicht einmal ohne Hilfe ankleiden – geschweige denn auskleiden. Ihre Männer bevorzugten sie hilflos, eingezwängt zwischen Korsettstäben und Konventionen. Es war eine seltsame Welt, und von Mary Evensong wurde erwartet, das Gleichgewicht zu halten und ihren Platz darin einzunehmen.

Oliver klopfte an die Verbindungstür und trat ein, bevor Mary ihn dazu auffordern konnte, wie es ein nerviger jüngerer Bruder wohl tat. Er war in einen makellosen Gesellschaftsanzug gekleidet, und sein polierter Kopf glänzte vom Makassar-Öl. Er sah wirklich zu gut aus, und das sagte ihm Mary auch.

»Sie sind auch nicht so übel, Schwesterherz.« Oliver hockte sich auf eine Stuhllehne und fingerte an seiner Taschenuhr herum. »Ich bin nicht so sicher, ob ich mich daran gewöhnen kann, dass mein Chef wie eine Frau aussieht.«

Mary öffnete eine Schublade und steckte ein zusätzliches Taschentuch in ihr Petit-Point-Täschchen. »Keine Sorge. Es ist ja nur für eine Woche. Dann ist wieder alles beim Alten.«

»Ich weiß gar nicht, wieso ich nicht schon eher dahintergekommen bin. Mit Ihrer Darstellung als alte Lady hatten Sie mich über ein Jahr lang hinters Licht geführt.«

»Sie und auch sonst alle, so hoffe ich. Oliver, ich muss mich auf Ihre Diskretion verlassen können, sobald all das vorbei ist. Die Evensong-Agentur ist ein aufstrebendes Unternehmen, und alle Gerüchte über Mary Evensong könnten negativen Einfluss auf das Geschäft haben.« Sie vertraute Oliver, aber er liebte es auch zu klatschen.

»Ich weiß, was Sache ist, Mary. Meine Güte, wie merkwürdig es ist, Sie bei Ihrem Vornamen zu nennen. Es gibt zwei von Ihnen, eine oben und eine unten. Das sprengt meine Vorstellungskraft. Kein Wunder, dass Sie mich nicht einmal zum Tee einladen wollten.«

Sie zuckte mit den Achseln. »Sie haben ja jetzt meine Tante kennengelernt. Nach dieser Reise wissen Sie bereits, wie starrköpfig sie ist. Dieses Geheimnis ist für sie sehr wichtig. Für das Geschäft. Und bis sie herunterkommen kann, um ihren rechtmäßigen Platz einzunehmen, werde ich die Maskerade weiterführen.«

»Das ist echt eine Schande. Diese Aufmachung steht Ihnen ausgezeichnet.« Oliver grinste sie frech an.

»Vielen Dank auch«, sagte Mary trocken. »Jetzt ist aber Schluss mit den Komplimenten, kleiner Bruder. Sie sind mürrisch darüber, dass Sie hier mit zwei weiblichen Verwandten in Schottland festsitzen, wo Sie doch stattdessen das Ende der Londoner Theatersaison genießen könnten oder aufs Land fahren, um irgendetwas abzuschießen. Klagen Sie ausgiebig und lautstark jedem Ihr Leid, der lange genug stehen bleibt, um Ihnen zuzuhören.«

»Es wird mir ein Vergnügen sein, der perfekte Flegel zu sein. Dieser Ort ist einfach erstaunlich, nicht wahr?«

»Er hat gewiss etwas Annehmliches.«

Oliver sah sie vielsagend an. »Und Ihr Lord Raeburn. Sie haben doch wohl sein ansehnliches, wolliges Gesicht in der Lobby gesehen, als wir ankamen, oder?«

Er hatte also nicht vergessen, wie nervös sie an dem Tag gewesen war, als Raeburn ins Büro kam. Nun, schließlich war sie keine alte Lady, und der Baron war attraktiv genug, jedes Herz zum Klopfen zu bringen.

»Er ist nicht ›mein‹ Lord Raeburn, sondern einfach nur ein Kunde, demgegenüber wir eine treuhänderische Verantwortung haben. Also sollten wir uns jetzt auch darum kümmern.« Sie drehte ihren Kopf zum Spiegel, und was sie sah, gefiel ihr gar nicht schlecht. »Ich schätze, Sie haben getan, was Sie konnten, Hamblen. Bitte achten Sie ein wenig auf Tante Mim und sorgen Sie dafür, dass sie nach dem Abendessen ihr Tonikum nimmt.«

Mary und Oliver stolzierten über die breite, zentrale Treppe hinunter, da die Aufzüge bereits mit Gästen überfüllt waren, die sich ebenfalls auf den Weg zum Abendessen machten. Eine ansehnliche Zahl Leute hatte es sich auf den Plüschsofas und Sesseln in der Lobby bequem gemacht und wartete darauf, dass sich die Türen zum Speisesaal öffneten. Nachdem sie sich kurz umgesehen hatte, war Mary zufrieden, dass sie jünger war als die anwesenden Damen im Durchschnitt, was für ihren Plan sehr hilfreich war. Das Hotel schien momentan nicht ganz ausgebucht zu sein, sodass Dr. Bauer aus weniger Damen würde wählen müssen. Sie hustete sanft, und Oliver zog seinen Arm zurück.

»Da wir keine fest zugewiesenen Plätze haben, hast du sicher nichts dagegen, wenn ich mir einen interessanteren Tischnachbarn suche, oder, Mary? Ich habe genug von deinem Hüsteln und Schniefen«, sagte er laut.

Mary langte nach einem Taschentuch und betupfte ihre Augen. »Oh, Oliver, wie kannst du nur so grausam sein!«

»Dir wird man schon nichts anhaben. Schließlich bist du so alt wie die Berge. Wer würde sich schon nach dir umdrehen?«

»Ich werde das tun.«

Sowohl Oliver als auch Mary stutzten, als sie in ihrem Spiel derart unterbrochen wurden. Als sie sich umdrehten, stand Lord Raeburn in seiner Abendgarderobe vor ihnen, mit einem schelmischen Glanz in seinen dunklen Augen.

»Also verziehen Sie sich schon. Ich werde die Dame zum Abendessen führen.« Er legte Marys plötzlich feucht gewordene Hand in seine. Sie hoffte, dass sie ihre Handschuhe nicht durchschwitzen würde. »Ich bin Raeburn. Bitte vergeben Sie mir meine Impertinenz, aber ich hasse es einfach, wenn eine reizende Dame wie Sie schlecht behandelt wird. Ich darf annehmen, dass es sich bei diesem jungen Schnösel um Ihren Bruder und nicht um Ihren Gatten handelt?«

»J-ja«, stotterte Mary. Bei Lord Raeburn zu sitzen war nicht Teil ihres Plans gewesen.

»Kleine Brüder sind verdammt nutzlos. Ich habe selbst zwei, die mir oft mächtig Kopfschmerzen bereiten. Kommen Sie doch, Miss –?«

»Arden. Mary Arden«, flüsterte Mary. Sie musste in dem Moment nicht mehr viel schauspielern, um sich schwach und überwältigt zu fühlen.

»Ah, die Türen werden geöffnet. Sie werden weder vom Essen noch von der Gesellschaft enttäuscht sein, das verspreche ich Ihnen. Ich bin bereits seit ein paar Tagen hier, während mein Anwesen renoviert wird, und ich wette, ich habe schon einige Pfund zugenommen.«

»Halten Sie das für klug?«, fragte Mary leise, während die Leute lautstark um sie herumschwirrten.

»Bauer ist wie ein Raubtier. Wenn er denkt, dass Sie für mich von Interesse sind, wird er alles tun, um Sie mir abzujagen. Habe ich Sie schon einmal auf der Bühne gesehen? Sie kommen mir so bekannt vor.«

Sogar Oliver hatte sie nicht erkannt, als sie in Erscheinung trat, und er arbeitete schließlich seit einem Jahr jeden Tag mit ihr im Büro zusammen.

»Das bezweifle ich. Dies ist mein e-erster Auftrag.«

»Harte Zeiten, hm? Nun, ich hoffe, die alte Schachtel Mrs Evensong bezahlt Sie auch gut. Mir zumindest berechnet sie ein Vermögen.«

Mary war empört. »Ich versichere Ihnen, dass alles zu Ihrer Zufriedenheit verlaufen wird. Aber genug jetzt vom Geschäft. Wenn Sie vorgeben wollen, um mich zu werben, dann tun Sie das auch richtig.«

Lord Raeburn sah sie abschätzend an. »Ich werde mein Bestes geben. Trotz der Schärfe Ihrer Zunge sind Sie ein reizendes kleines Wesen. Wer ist der junge Mann, der Sie begleitet? Ist das nicht dieser Sekretär aus der Agentur?«

»Welchen Teil von ›genug vom Geschäft‹ haben Sie nicht verstanden, Mylord? Sie werden noch vor dem Fischgang alles ruiniert haben.«

Lord Raeburn warf den Kopf zurück und lachte, was dazu führte, dass noch mehr Leute in ihre Richtung sahen.

Er führte sie zum Ende eines der Tische, und anstatt sich gegenüber von ihr zu platzieren, ließ er sich direkt neben ihr nieder.

Der Speisesaal füllte sich langsam, und doch schien es, als zögerten die Gäste, sich zu Mary und Lord Raeburn zu setzen. Sein Ruf begleitete ihn stets. Wäre er nicht in die Auseinandersetzung mit Oliver eingeschritten und hätte sie weggelotst, würde er wahrscheinlich allein sitzen. Eine Gruppe von Sportsmännern nahm ein paar Stühle weiter Platz, nahm aber keine Notiz von ihnen.

Mary fragte sich, wie Lord Raeburn seine Tage hier bislang verbracht hatte. Sie würde ihm unmissverständlich sagen müssen, dass er sich nicht einzumischen hatte.

Auch wenn er vielleicht in gewissem Maße recht hatte. Männer hegten Gebietsansprüche und begehrten oft das, was ihnen nicht gehörte. Auch wenn sie überhaupt kein Interesse daran hatte, ein Knochen zu sein, um den sich zwei attraktive, bärtige Männer balgten, dachte Mary, dass es ihrem Vorhaben nicht schaden würde.

Sie wollte schon fast selbst lachen. Zwei Männer. Noch nie in ihrem Leben war sie einem attraktiven Mann so nahe gekommen wie an diesem Abend. Sie konnte das Eau de Cologne riechen, das er trug – Blenheim Bouquet, ihr absoluter Lieblingsduft –, und die zarten, silbernen Härchen in seinem gepflegten Bart zählen. Sein Oberschenkel streifte den ihren, und sie rutschte ein Stückchen zurück.

Flinke Kellner strömten aus der Küche und begannen, weiße Porzellanteller zu verteilen. Die Mahlzeiten kamen auf Servierplatten und in Schüsseln auf den Tisch, aber es saß keiner nahe genug bei ihnen, um ihnen die Platte mit den glitzernden Austern zu reichen.

Mary betrachtete die leeren Stühle, die sie von den anderen trennten. »Sollten wir aufrücken?«, fragte sie.

»Sollten wir, einfach nur um diese Bastar– Kerle etwas nervös zu machen. Aber wir werden es nicht tun.« Der Baron hob einen Finger, und ein sommersprossiger, junger Ober stand unmittelbar vor ihnen.

»Wir werden unsere eigenen Platten brauchen, junger Mann. Kümmern Sie sich darum.«

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