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Ein Schuss im Theater

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Vorbemerkung
  7. 1. Kapitel – Prolog zu einem Schauspiel
  8. 2. Kapitel – Auftakt und Ouvertüre
  9. 3. Kapitel – Der Tod des Beavers
  10. 4. Kapitel – Alleyn, übernehmen Sie
  11. 5. Kapitel – Ein Inspizient sagt aus
  12. 6. Kapitel – Bis der Morgen graut
  13. 7. Kapitel – Der Requisiteur
  14. 8. Kapitel – Felix Gardener
  15. 9. Kapitel – Die Schulter der Stephanie Vaughan
  16. 10. Kapitel – Der Tag danach
  17. 11. Kapitel – Nigel, der Spürhund
  18. 12. Kapitel – Surbonadiers Wohnung
  19. 13. Kapitel – Der Inhalt einer Stahlkassette
  20. 14. Kapitel – Gardeners Blick zurück
  21. 15. Kapitel – Die Achillesferse
  22. 16. Kapitel – Die gerichtliche Voruntersuchung
  23. 17. Kapitel – Von der Sloane Street zum Yard
  24. 18. Kapitel – Die Festnahme
  25. 19. Kapitel – Nigel hält sich fern
  26. 20. Kapitel – Der Abgang des Requisiteurs
  27. 21. Kapitel – Eine Unverfrorenheit
  28. 22. Kapitel – Der letzte Vorhang
  29. 23. Kapitel – Epilog zu einem Schauspiel

Über dieses Buch

Auf der Bühne des Londoner »Unicorn«-Theaters spielt man die letzte Szene eines Kriminalstücks. Ein Pistolenlauf richtet sich auf den Mörder – und dann der Schuss! Meisterhaft, wie der Schauspieler Arthur Surbonadier zusammenbricht! Kriminalchefinspektor Roderick Alleyn verlässt das Parkett und eilt hinter die Bühne: Er weiß – dieser Mord war nicht gespielt.

Über die Autorin

Edith Ngaio Marsh DBE (* 23. April 1895 in Merivale, Christchurch; † 18. Februar 1982 in Christchurch, Neuseeland) war eine neuseeländische Schriftstellerin, Schauspielerin und Theaterregisseurin. Marsh gilt als eine der bedeutenderen Verfasserinnen der klassischen Detektivgeschichten. Zwischen 1934 und 1982 schrieb sie 32 Detektivromane. Serienheld ist Roderick Alleyn, wie der Prototyp vieler englischer Autoren von adeliger Abstammung, zugleich aber Inspektor bei Scotland Yard. Die Mystery Writers of America (MWA) nominierten Marsh zwei Mal für den Edgar Allan Poe Award. 1978 erhielt Marsh die höchste Auszeichnung der MWA, den Grand Master Award für ihre Leistung für die Kriminalliteratur. Marsh setzte sich über mehrere Jahrzehnte dafür ein, in Neuseeland eine feste Schauspielgruppe zu etablieren. Eines der ersten festen Theaterhäuser in Christchurch wurde nach ihr Dame Ngaio Marsh Theatre benannt. 1966 wurde Marsh „für ihre Leistungen auf dem Theatersektor“ von Königin Elisabeth II. als Dame Commander of the Order of the British Empire geadelt.

Ngaio Marsh

Ein Schuss im Theater

Ein Fall für Inspector Alleyn

Kriminalroman

Aus dem Englischen von
Holger Hanowell

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Vorbemerkung

Als ich dieses Manuskript meinem Freund Roderick Alleyn zeigte, dem Chief Inspector bei der Kriminalpolizei, sagte er: »Eine wirklich gute Darstellung des Unicorn-Falles. Aber sollte in Detektivgeschichten die Identität des Täters nicht bis zum Schluss verborgen bleiben?«

Ich musterte ihn mit kühlem Blick.

»Sie sind hoffnungslos altmodisch, meiner lieber Alleyn. Heutzutage wird schon in den ersten Kapiteln aufgedeckt, wer der Täter ist.«

»Wenn das so ist«, entgegnete er, »gratuliere ich Ihnen.«

Ich muss sagen, meine Freude über diesen Glückwunsch hielt sich in Grenzen.

1. KAPITEL

Prolog zu einem Schauspiel

I.

Am 25. Mai stattete Arthur Surbonadier, der mit richtigem Namen Arthur Simes hieß, seinem Onkel Jacob Saint, der eigentlich Jacob Simes hieß, einen Besuch ab. Jacob war früher Schauspieler gewesen, hatte dann ins Management gewechselt und den Zunamen Saint als Künstlernamen gewählt, den er bis auf den heutigen Tag behalten hatte.

Immer wieder machte er Witze über den Namen – »Oh nein, ich bin kein Heiliger!« – und ließ nicht zu, dass auch sein Neffe Arthur diesen Namen annahm, als er ebenfalls zum Theater ging. »Es gibt nur einen Saint auf den Brettern, die die Welt bedeuten!«, ereiferte er sich bei solchen Gelegenheiten. »Du kannst dich nennen, wie du willst, Arthur, aber komm mir ja nicht in die Quere. Du kannst im Unicorn anfangen. Gib dir Mühe und versuche, dir deine Gage zu verdienen. Wenn du ein lausiger Schauspieler bist, bekommst du keine Rollen mehr. So ist das nun mal in diesem Geschäft.«

Als Arthur Surbonadier (den Namen »Surbonadier« hatte die Schauspielkollegin Stephanie Vaughan vorgeschlagen) einem Bediensteten zur Bibliothek seines Onkels folgte, kam ihm diese Unterhaltung wieder in den Sinn. Nun, er war zwar kein lausiger Schauspieler geworden, aber besser als der Durchschnitt war er auch nicht. Er erfüllte die Erwartungen, mehr nicht. Dennoch redete er sich immer wieder ein, der leuchtende Stern am Theaterhimmel zu sein.

Nun straffte er die Schultern und stellte sich auf die bevorstehende Begegnung ein. Kopf hoch. Du bist eine Bereicherung für jedes Ensemble, ein echter Charakterdarsteller, machte er sich Mut.

Mit Jacob Saint würde er schon fertig. Falls nötig, würde er zu jener letzten Waffe greifen, von der Saint keine Ahnung hatte.

Der Bedienstete öffnete die Tür zur Bibliothek und meldete: »Mr. Surbonadier, Sir.«

Arthur Surbonadier trat ein.

Jacob Saint saß in einem hypermodernen, verchromten Drehstuhl an seinem ultramodernen Schreibtisch. Das Licht einer kubistisch anmutenden Lampe betonte die Speckfalten in seinem Nacken. Sein grauweiß kariertes Jackett spannte sich über dem gewaltigen Bauch, und eine Wolke von Zigarrenqualm umhüllte seinen geröteten Kopf. Das ganze Zimmer roch nach Zigarren, aber auch nach jenem Duftwasser, das Saint stets benutzte und das speziell für ihn hergestellt wurde. Keine seiner Damen, nicht einmal Janet Emerald, hatte je einen Flakon davon geschenkt bekommen.

»Setz dich, Arthur«, grummelte er. »Nimm dir eine Zigarre. Ich brauche noch einen Moment.«

Arthur Surbonadier kam der Aufforderung nach, nahm jedoch keine Zigarre, sondern zündete sich eine Zigarette an. Er war nervös.

Derweil schrieb Jacob Saint irgendetwas nieder und gab dabei unwirsche Laute von sich. Dann drückte er eine Löschwiege über die noch tintenfeuchten Zeilen und schwang in seinem Stuhl aus Chrom zu seinem Neffen herum.

Saint war die Karikatur eines Theaterdirektors. Man hätte den Eindruck gewinnen können, dass er die Rolle des Direktors nur spielte – eine Rolle, für die er dank seines fetten, geröteten Halses, der rauen Stimme, der blassblauen Augen und der wulstigen Lippen geradezu prädestiniert war.

»Also, was gibt’s, Arthur?«, fragte er und harrte ungeduldig der Antwort.

»Wie geht es dir, Onkel Jacob? Macht das Rheuma dir noch zu schaffen?«

»Hat nichts mit Rheuma zu tun. Ist Gicht, und das ist verflucht unangenehm. Also, was gibt’s?«

»Es geht um das neue Stück, das im Unicorn aufgeführt wird …« Surbonadier hielt inne, sodass Saints Ungeduld weiter zunahm. »Ich weiß nicht, ob du schon gesehen hast, dass bei der Besetzung Änderungen vorgenommen wurden.«

»Doch, habe ich.«

»Ja, also …«

»Komm zur Sache!«

»Ich frage mich«, fuhr Surbonadier fort, um einen gelassenen Tonfall bemüht, »ob du mit dieser Änderung einverstanden bist.«

»Bin ich.«

»Ich aber nicht.«

»Was tut es zur Sache, was du denkst?«, rief Jacob Saint ungehalten.

Surbonadier erbleichte. Dennoch versuchte er, überlegen zu wirken, ganz so, als hätte er diesen Auftritt unter Kontrolle. Doch in Gedanken griff er zur Waffe.

»Ursprünglich«, sagte er betont ruhig, »war ich für die Rolle des Carruthers vorgesehen. Ich bin dieser Rolle gewachsen und weiß, dass ich sie gut spielen könnte. Aber jetzt bekommt Gardener die Rolle – der grandiose Felix, dem alle zu Füßen liegen.«

»Dem Stephanie Vaughan zu Füßen liegt, wolltest du wohl sagen.«

»Das hat damit nichts zu tun«, entgegnete Surbonadier. Seine Lippen bebten, und widerwillig spürte er, wie Zorn in ihm hochwallte.

»Sei nicht albern, Arthur«, ermahnte ihn Saint. »Und hör auf mit dem Gejammer. Felix Gardener spielt den Carruthers, weil er ein besserer Schauspieler ist als du. Punkt. Das ist vermutlich auch der Grund, warum er Stephanie Vaughan um den kleinen Finger wickelt. Er hat eben mehr Sexappeal als du. Du bist für den Beaver vorgesehen. Aus der Figur kann man was machen. Sie haben die Rolle dem alten Barclay Crammer weggenommen, der sie bestimmt sehr ordentlich gespielt hätte.«

»Trotzdem, Onkel Jacob, ich bin nicht damit einverstanden. Ich verlange, dass du die Änderung in der Besetzung rückgängig machst. Ich will den Carruthers spielen.«

»Vergiss es.« Saint schüttelte den Kopf. »Die Rolle ist vergeben. Ich hab dir schon mal gesagt, dass du keine Starrollen kriegst, nur weil wir verwandt sind. Du hattest deine Chance – die du übrigens nie bekommen hättest, wäre ich nicht dein Onkel. Jetzt liegt es an dir.« Er starrte seinen Neffen düster an, ehe er sich im Drehstuhl wieder dem Schreibtisch zuwandte. »Und jetzt habe ich zu tun«, brummte er.

Surbonadier befeuchtete seine Lippen, stand auf und ging zum Schreibtisch.

»Du hackst schon mein Leben lang auf mir herum«, beklagte er sich. »Meine Ausbildung hast du nur deshalb bezahlt, weil es dir in deiner Eitelkeit in den Kram passte. Und weil du versessen bist auf Macht.«

»Versucht da jemand, die Rolle seines Lebens zu spielen?«, kam es verächtlich von Saint.

»Du musst diesen Felix Gardener loswerden!«

Zum ersten Mal schenkte Jacob Saint seinem Neffen seine volle Aufmerksamkeit. Seine Augen traten ein wenig aus den Höhlen, und er schob das Kinn leicht vor, sodass Kopf und Hals noch massiger wirkten. Auf viele Gesprächspartner wirkte diese kleine Veränderung beunruhigend. Saint wusste, wie er seine Körpersprache am besten einsetzen konnte; er war schon mit härteren Brocken fertiggeworden als mit Surbonadier.

»Wenn du mir noch einmal so kommst«, sagte er eisig und betont leise, »bist du erledigt. Und jetzt raus mit dir!«

»So schnell wirst du mich nicht los.« Surbonadier umfasste die Schreibtischplatte und räusperte sich. »Ich weiß eine Menge über dich, Onkel. Mehr, als dir bewusst sein dürfte. Zum Beispiel, warum du Mortlake zweitausend Pfund gezahlt hast.«

Die beiden Männer starrten einander an. Saints leicht geöffnetem Mund entwich ein dünnes Wölkchen Zigarrenqualm. Als er wieder das Wort ergriff, hatte er sichtlich Mühe, seinen Zorn zu unterdrücken.

»Oho, möchte da jemand einen kleinen Erpressungsversuch starten?« Er sprach wieder lauter, bedrohlicher. »Was hast du ausgeheckt?«

»Hast du je den Brief vermisst, den er dir letzten Februar geschrieben hat? Als ich … als ich …«

»Als du mein Gast warst? Wolltest du das sagen? Bei Gott, wie ich sehe, habe ich mein Geld gut in dich investiert, Arthur!«

»Ich habe hier eine Kopie des Briefes.« Mit zittriger Hand griff Surbonadier in seine Tasche, wobei er den Blick nicht von seinem Onkel nahm. Seinen Bewegungen wohnte etwas Mechanisches inne, als er Saint das Blatt Papier reichte. Saint warf einen Blick darauf und ließ es dann fallen.

»Falls du mich weiter mit so etwas belästigst«, seine Stimme schwoll an und überschlug sich beinahe, »krieg ich dich wegen Erpressung dran, Freundchen! Ich mach dich fertig! Du wirst nie wieder in einem Londoner Theater auftreten, dafür sorge ich! Hast du verstanden?«

»Ja.« Surbonadier wich zurück, als befürchtete er, jeden Augenblick angegriffen zu werden. »Ja!« Schon hatte er den Türgriff mit einer Hand umschlossen. Jacob Saint schälte seinen massigen Körper aus dem Drehstuhl. Er war über eins achtzig groß und von beeindruckender Körperfülle. Wenn er aufstand, beherrschte er jeden Raum, und er hatte weitaus mehr Stehvermögen als sein Besucher. Trotzdem beherrschte Surbonadier, der kränklich und verweichlicht wirkte und am ganzen Körper zitterte, seine Rolle als hinterlistiger Erpresser, zumindest in diesem Augenblick.

»Ich gehe jetzt«, sagte er.

»Nein«, kam es von Saint. »Warte. Setz dich. Lass uns reden.«

Zögerlich ging Surbonadier zurück zu seinem Stuhl.

II.

Am Abend des 7. Juni, nach der Premiere von The Rat and the Beaver, gab Felix Gardener eine Party in seiner Wohnung in der Sloane Street. Er hatte alle anderen Schauspieler des Ensembles eingeladen, sogar die alte Susan Max, die sich über den Champagner hermachte und immerzu davon redete, welche Rollen sie mit Julius Knight in Australien gespielt habe. Auch Janet Emerald, die die Schurkenrolle spielte, war zugegen und hörte der alten Dame mit erzwungener Geduld zu.

Vor allem aber war da Stephanie Vaughan, der auch abseits der Bühne die Hauptrolle zukam; sie strahlte vornehme Zurückhaltung aus, besaß Anmut und war freundlich zu jedem. Besonders zugetan schien sie jedoch Felix Gardener zu sein. Nigel Bathgate, der einzige Journalist auf der Party und ein alter Freund von Felix aus Cambridge, fragte sich schon, ob Felix an diesem Abend seine Verlobung mit Miss Vaughan bekanntgeben würde, gingen die beiden doch so vertraut miteinander um, dass mehr dahinterstecken musste als überschwängliche Gefühle unter Schauspielerkollegen.

Arthur Surbonadier war ebenfalls eingeladen und gab sich überfreundlich, wie Nigel bemerkte. Er konnte diesen Mann nicht ausstehen.

Auch J. Barclay Crammer, der Surbonadier offenbar noch weniger leiden konnte, war erschienen und bedachte Surbonadier über den Tisch hinweg mit wütenden Blicken.

Dann war da Dulcie Deamer, das junge Mädchen in dem Stück, die auch auf dieser Party die Jüngste von allen war. Ein ebenfalls junger, aufstrebender Mann am Theater, Howard Melville, stand Dulcie in seinem jugendlichen Charme in nichts nach. Mit seiner jugendlichen Befangenheit gehörte er zu den angenehmeren Gästen an diesem Abend.

Natürlich war auch Jacob Saint zugegen, jovial und laut wie eh und je. »Mein Unternehmen, meine Schauspieler, meine Show«, schien er in einem fort kundtun zu wollen, und tatsächlich betonte er in fast jedem Satz, welche Position er innehatte. Den Stückeschreiber, der ebenfalls erschienen war und still und unterwürfig auftrat, bezeichnete Saint im Überschwang sogar als »mein Autor«. Selbst George Simpson, der Inspizient, war unter den Gästen; er war es auch, der jenes Gespräch in Gang brachte, an das Nigel sich Wochen darauf noch erinnern sollte. Später würde er seinem Freund Chief Inspector Alleyn von diesem Gespräch berichten.

»Die Sache mit der Pistole hat gut geklappt, Felix«, sagte Simpson, »obwohl ich zugeben muss, dass ich nervös war. Ich hasse dieses Tricksen. Ich hoffe, es hat wenigstens gut ausgesehen von unten.«

»Was hat es denn mit dieser Pistole auf sich?«, erkundigte Nigel Bathgate sich höflich.

»Mein Gott, er erinnert sich nicht mal!«, seufzte Felix Gardener. »Im dritten Akt, mein lieber Freund, erschieße ich Beaver – also Mr. Surbonadier – aus nächster Nähe, und er sinkt tot zu Boden.«

»Oh, daran erinnere ich mich«, erwiderte Nigel ein wenig pikiert. »Ja, das war absolut überzeugend. Die Pistole krachte!«

»Die Pistole krachte?«, kreischte Miss Dulcie Deamer übertrieben belustigt. »Hast du das gehört, Felix?«

»Die Pistole krachte eben nicht«, warf der Inspizient ein. »Das ist es ja gerade. Ich bin es, der eine Pistole abfeuert, von meinem Platz aus, und Felix tut nur so. Verstehen Sie, er erschießt diesen Beaver aus nächster Nähe, indem er ihm die Mündung des Revolvers auf die Weste drückt. Deshalb können wir keine Platzpatronen nehmen, die würden die Kleidung versengen. Die Patronen, mit denen Beaver seine Waffe lädt, sind Attrappen.«

»Also, ich bin heilfroh, dass es Blindgänger sind«, meinte Arthur Surbonadier. »Ich hasse Waffen, und in dieser Szene schwitze ich jedes Mal Blut und Wasser. Aber das ist offenbar der Preis«, fügte er gewichtig hinzu, »wenn man Schauspieler ist.« Damit warf er seinem Onkel, Jacob Saint, einen vielsagenden Blick zu.

»Ach du meine Güte«, murmelte J. Barclay Crammer verächtlich Gardener zu. »Ist das nicht sogar deine Waffe, Felix?«

»Ja«, antwortete Gardener. »Sie gehörte meinem Bruder und hat ihn durch ganz Flandern begleitet.« Seine Stimme wurde fester. »Ich lasse den Revolver nicht im Theater. Er ist zu kostbar. Übrigens, hier ist er.« Stille breitete sich aus, als er einen Armeerevolver hervorholte und demonstrativ auf den Tisch legte.

»Er lässt das Stück ein bisschen armselig aussehen«, bemerkte der Autor des Schauspiels.

Fortan verloren sie kein Wort mehr über die Waffe.

III.

Am Morgen des 14. Juni, nachdem The Rat and the Beaver eine Woche vor vollem Haus gelaufen war, schickte Felix Gardener Nigel Bathgate aus Gefälligkeit zwei Tickets fürs Parkett. Angela North war verreist, also rief Nigel bei Scotland Yard an und fragte nach seinem Freund, Chief Inspector Alleyn.

»Haben Sie heute Abend schon etwas vor?«, wollte er wissen, als Alleyn sich meldete.

»Was planen Sie denn?«, ließ sich der Inspector vernehmen.

»Kein Grund, misstrauisch zu sein«, erwiderte Nigel. »Ich habe zwei Karten für die Show im Unicorn. Felix Gardener war so freundlich, sie mir zu überlassen.«

»Was für aufregende Leute Sie kennen«, bemerkte der Inspector. »Ich komme gern. Darf ich Sie vorher noch zum Essen einladen?«

»Ich lade Sie ein. Ich bin der Gastgeber.«

»Wirklich? Hört sich vielversprechend an.«

»Dann ist es abgemacht? Ausgezeichnet!«, freute sich Nigel. »Ich hole Sie um Viertel vor sieben ab.«

»So machen wir’s. Kann ein wenig Abwechslung vertragen«, schob Alleyn nach. »Ich danke Ihnen, Bathgate. Wir sehen uns.«

»Ich hoffe, es gefällt Ihnen«, meinte Nigel, doch da hatte es bereits im Hörer geklickt.

IV.

Zur besten Cocktailzeit am selben Tag, dem 14. Juni, besuchte Arthur Surbonadier Miss Stephanie Vaughan in ihrer Wohnung am Shepherd’s Market und hielt um ihre Hand an. Es war nicht das erste Mal, dass er ihr einen Heiratsantrag machte. Miss Vaughan sah sich daraufhin gezwungen, ihre gesamte Lebenserfahrung und ihr ganzes professionelles Können aufzubieten, um die Situation zu meistern. Diese Szene wollte wohl durchdacht sein, und Stephanie war ganz bei der Sache.

»Darling«, sagte sie, zündete sich in Ruhe eine Zigarette an und nahm – beinahe unbewusst – eine ihrer lässigen, einstudierten Posen ein. »Darling, das Ganze wühlt mich schrecklich auf, weißt du? Ich habe das Gefühl, dass es meine Schuld ist … ja, bestimmt ist es meine Schuld.«

Surbonadier schwieg betreten, während Miss Vaughan ihre Mimik, die Stimme und die Körperhaltung ein wenig veränderte, wie auf der Bühne. Aus langer Erfahrung wusste er, wie ihre nächste Pose aussehen würde, und er ahnte, dass auch diese ihn bezaubern würde – so, als würde er zum ersten Mal einen Blick auf diese Frau erhaschen. Stephanie, vermutete er, würde ihrer Stimme einen sinnlicheren Klang verleihen.

Tatsächlich ging ihre Stimme in ein verführerisches Säuseln über. »Arthur, Darling. Ich bin mit den Nerven runter. Dieses Stück hat mich ausgelaugt. Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht. Du musst Geduld mit mir haben. Im Augenblick habe ich das Gefühl, gar nicht fähig zu sein, überhaupt jemanden zu lieben.« Sie ließ die Arme sinken, ehe sie eine Hand geziert auf ihr Dekolletee legte, wohl wissend, dass er hinschauen würde. »Ach, Arthur, verzeih mir …«, fügte sie mit einem Seufzer hinzu.

»Also kannst du auch Felix Gardener nicht lieben?«, fragte Surbonadier.

»Ah … Felix!« Miss Vaughan setzte ihr berühmtes Theaterlächeln auf, bei dem ihre Grübchen zum Vorschein kamen, hob leicht die Schultern an und blickte nachdenklich, beinahe schicksalsergeben drein. Es gelang ihr immer wieder, die ganze Bandbreite von Gefühlen und Stimmungen zum Ausdruck zu bringen; es flog ihr einfach zu.

»Ich muss dich das fragen«, sagte Surbonadier schließlich, wobei er absichtlich ihren Blick mied. »Hat Gardener mich ausgestochen?«

»Was für eine angestaubte Wortwahl, Darling. Sagen wir einfach, Felix spricht eine meiner Sprachen, und du sprichst eine andere.«

»Wie sehr ich mir wünsche, dass du dich auf eine Sprache beschränkst! Und was Gardener angeht – ich bin genauso redegewandt wie er. Und ich liebe dich. Ich begehre dich. Oder kommt das nicht in einer deiner Sprachen vor?«

Miss Vaughan ließ sich auf einen Stuhl sinken und verschränkte die Hände. »Arthur«, sagte sie leise. »Ich brauche meine Freiheit. Ich kann mich nicht emotional unter Druck setzen lassen. Und Felix gibt mir etwas, das ich vermisse.«

»Ach ja? Tut er das?« Surbonadier setzte sich ebenfalls, wenn auch ein wenig theatralisch, wie er es von der Bühne gewohnt war. Doch das Zittern seiner Hände war nicht gespielt; das wusste auch Stephanie, als sie ihn beobachtete.

»Arthur«, begann sie erneut, »bitte vergib mir, Darling. Ich bin dir von Herzen zugetan, aber es wäre besser, du würdest dich nicht nach mir verzehren. Halte nicht um meine Hand an, denn ich könnte Ja sagen, aber …«

»Aber?«, fragte Surbonadier atemlos.

»Aber dadurch mache ich dich vielleicht unglücklicher, als du es jetzt schon bist.«

Noch während sie sprach, erkannte sie, dass sie einen Fehler gemacht hatte. Denn Surbonadier war bereits aufgestanden, eilte zu ihr und zog sie in seine Arme.

»Ich würde es riskieren, mich ins Unglück zu stürzen«, raunte er. »Ich begehre dich so sehr!« Er vergrub sein Gesicht an ihrer Halsbeuge und spürte, wie ein Schauer sie durchrieselte, doch er sah nicht den Ausdruck von Abscheu, der auf ihrer Miene erschien. Ihre Hände, die an seinem Kopf ruhten, stießen ihn plötzlich weg.

»Nein, nein und nochmals nein!«, rief sie. »Lass das! Lass mich in Ruhe! Merkst du denn nicht, dass ich das alles leid bin? Lass mich in Ruhe!«

In keiner der Schurkenrollen, die Surbonadier gespielt hatte, hatte er je so bösartig ausgesehen wie in diesem Moment.

»Ich denke nicht daran!«, stieß er aufgebracht hervor. »Ich lasse mich nicht einfach so abservieren. Es ist mir gleich, ob du mich hasst. Ich will dich, und bei Gott, ich bekomme, was ich haben will!«

Er packte sie bei den Handgelenken. Sie machte keine Anstalten, sich ihm zu widersetzen. Feindselig starrten sie einander an.

Stephanie geriet tatsächlich ins Wanken.

In diesem Moment klingelte es, und augenblicklich war die Sekunde ihrer Schwäche verflogen – falls es sie überhaupt gegeben hatte.

»Da ist jemand an der Tür«, sagte sie mit Nachdruck. »Lass mich los, Arthur.«

Nur mit Mühe konnte sie sich von ihm losreißen.

Surbonadier stand immer noch aufgebracht neben ihr, als Felix Gardener das Zimmer betrat.

2. KAPITEL

Auftakt und Ouvertüre

Der alte Blair, seines Zeichens Bühnenportier im Unicorn, warf einen Blick auf das fleckige Ziffernblatt der Uhr – zehn nach sieben. Die Schauspieler waren zu diesem Zeitpunkt alle in ihren Garderoben – abgesehen von der alten Susan Max, die eine unbedeutende Rolle im letzten Akt hatte. Der Inspizient hatte ihr gestattet, später zu kommen; daher rechnete der Portier nicht vor acht Uhr mit ihr.

Draußen auf der Straße waren Schritte zu hören. Blair gab das ihm eigene, leise Stöhnen von sich, erhob sich schwerfällig von seinem Hocker und spähte hinaus in die warme Luft. Kurz darauf traten zwei Herren in Abendanzügen in das Zwielicht am hinteren Bühneneingang. Blair empfing die beiden Männer an der Tür und musterte sie schweigend.

»Guten Abend«, sagte der kleinere der beiden Herren.

»Guten Abend, Sir«, erwiderte Blair und wartete ab.

»Ist es möglich, kurz mit Mr. Gardener zu sprechen? Er erwartet uns. Bathgate ist mein Name.« Der Mann öffnete ein Zigarettenetui und holte eine Visitenkarte hervor. Der alte Blair nahm die Karte und richtete den Blick erst auf den kleinen, dann auf den größeren Gentleman.

»Ich habe Mr. Alleyn mitgebracht«, fügte Nigel Bathgate hinzu.

»Warten Sie bitte einen Augenblick«, bat Blair den Besucher und schlurfte den Gang hinunter, wobei er die Visitenkarte auf Armeslänge von sich hielt, als wäre ihm das alles höchst unangenehm.

»Der alte Knabe hat Sie ganz genau gemustert«, sagte Nigel Bathgate und bot seinem Begleiter eine Zigarette an.

»Vielleicht kennt er mich«, meinte Chief Inspector Alleyn. »Ich bin schließlich eine Art Berühmtheit, wussten Sie das nicht?«

»Ach, tatsächlich? Zu berühmt vermutlich, um sich an Bühneneingängen herumzudrücken, was?« Die Zigarette zwischen den Fingern, deutete Nigel in Richtung des Korridors.

»Keineswegs, mein lieber Bathgate. Ich bin im Grunde ganz einfach gestrickt. Einen Schauspieler in seiner Garderobe besuchen zu können, finde ich aufregend. Sie werden sehen, ich sitze da und starre ihn fasziniert an.«

»Nun, ich schätze, Felix wird eher Sie anstarren. Als er mir die Karten fürs Parkett gab, sagte ich ihm, dass Angela nicht kommen könne. Und als ich ihn dann wissen ließ, dass ich stattdessen Sie fragen werde, war er ziemlich erstaunt, was für wichtige Leute ich kenne.«

»Kein Wunder, dass er verwirrt war. Ich meine, wer nimmt schon einen Polizisten mit ins Theater, wenn die Freundin keine Zeit hat? Eine nachvollziehbare Reaktion von Mr. Gardener, der übrigens ein verdammt guter Schauspieler sein soll. Und ich liebe Stücke mit Ganoven.«

»Tatsächlich?«, sagte Nigel. »Haben Sie jetzt nicht das Gefühl, außerhalb Ihrer Dienstzeit von Ihrer Arbeit überrollt zu werden?«

»Keine Sorge. Sagen Sie mal, ist das eins von diesen Stücken, wo man raten muss, wer der Täter ist?«

»Ja.« Nigel nickte. »Und Sie stehen womöglich dumm da, wenn Sie mit Ihrem Verdacht falschliegen, stimmt’s, Inspector?«

»So weit wird es nicht kommen. Ich werde den alten Bühnenportier bestechen, damit er’s mir vorher verrät. Ah, da kommt er ja auch schon.«

Der alte Blair tauchte im Zwielicht an der Biegung des Gangs auf. »Hier entlang, bitte, Gentlemen«, sagte er, ohne sich noch einmal in Richtung Tür zu bemühen.

Nigel und Alleyn betraten das Gebäude des Unicorn über den Bühneneingang.

In diesem Moment konnte Chief Inspector Alleyn noch nicht wissen, dass ihm einer der schwierigsten Fälle seiner Karriere bevorstand.

Sofort spürten sie jene unbeschreibliche Atmosphäre, die vor Beginn einer Abendaufführung hinter den Kulissen eines Theaters herrscht. Über den Bühneneingang betritt man eine ganz eigene Welt, die dem einen seltsam erscheint, dem anderen aber vertraut ist. Es ist eine in sich abgeschlossene Welt abseits der Wirklichkeit.

Der Gang führte direkt zur Bühne, die matt erleuchtet und von den unterschiedlichsten Gerüchen erfüllt war: angetrocknete Farben der Requisiten, Schminke, muffige Kleider, Kleister und leichter Modergeruch aus dunklen, staubigen Ecken. So ist es schon immer gewesen; diese Gerüche sind so etwas wie der Weihrauch eines Theaters. An einer Wand lehnten einige Kulissen. Ein Feuerwehrmann stützte sich an der äußeren Schiebewand ab, die von der Bemalung her als Teilstück eines Bücherregals diente.

Ein Mann mit aufgekrempelten Ärmeln und Schuhen mit Gummisohlen schritt gedankenverloren hinter der Bühne auf und ab. Auf der rechten Seite verschwand ein Junge mit einem Strauß Wicken durch eine hell erleuchtete Tür. Wie von Zauberhand entschwanden die Aufhängungen von den Schiebewänden der Bühnenbilder in den schimmernden Dunst des Schnürbodens. Im matten Schein abgedunkelter Lampen, unmittelbar vor der rückwärtigen Seite des Bühnenvorhangs, standen die Möbelstücke, die die Illusion einer Bibliothek erschaffen sollten.

Von der anderen Seite des Vorhangs waren das Raunen und das aufgeregte Flüstern der Zuschauer zu hören. Die Musiker im Orchestergraben stimmten ihre Instrumente; in solchen Augenblicken bleibt einem besonders das schräge Quietschen der Geigen im Gedächtnis.

Am Durchgang für den Inspizienten stand ein weiterer Mann mit hochgekrempelten Hemdsärmeln und blickte prüfend hinauf in die Soffitte, den sichtbaren Bereich der Bühnendecke.

»Was machst du da mit den verdammten blauen Scheinwerfern?«, zischte der Mann. Seine Stimme wurde von dicken Teppichen und Möbelstücken beinahe verschluckt.

Hoch über ihm antwortete die Stimme eines anderen Mannes. Dann wurde ein Schalter umgelegt, und mit einem Mal war das gesamte Bühnenbild erleuchtet. Nigel sah plötzlich zwei Schuhe auf Kopfhöhe vor sich. Als er nach oben schaute, entdeckte er die Plattform der Beleuchter und Techniker. Dort stand ein Mann, die Hand am Schaltpult; ein anderer saß neben ihm und ließ die Beine baumeln.

Der alte Blair führte die beiden Besucher durch den hell erleuchteten Eingang, durch den man einen weiteren Korridor betrat. Linker Hand lagen die Garderoben der Schauspieler. Hinter allen Türen – auf der ersten Tür entdeckte Nigel einen verblassten Stern – waren gedämpfte Stimmen zu hören, einige entspannt, andere aufgeregt. Es war warm und stickig. Ein Mann, der ein besorgtes Gesicht machte, kam um die Biegung des Gangs. Als er an Nigel und Alleyn vorbeikam, musterte er die Besucher neugierig.

»Das war George Simpson, der Inspizient«, flüsterte Nigel seinem Gast ein wenig wichtigtuerisch zu.

Der alte Blair klopfte an die zweite Tür auf der linken Seite. Nach einer kurzen Pause war ein angenehm tönender Bariton zu vernehmen. »Ja, wer ist da?«

Blair öffnete die Tür einen Spalt und sagte: »Ihr Besuch, Mr. Gardener.«

»Ach ja. Moment noch«, rief Gardener aus der Garderobe. Dann sagte er zu jemandem, der offenbar bei ihm war: »Ich stimme dir vollkommen zu, alter Knabe, aber was könntest du tun? Nein, bleib noch.« Ein Stuhlbein schabte über den Boden, dann schwang die Tür auf. »Hereinspaziert«, rief Felix Gardener.

Die Besucher traten ein. Inspector Alleyn fand sich zum ersten Mal im Leben in der Garderobe eines Künstlers wieder und kam in den Genuss, dem Schauspieler vor der Aufführung die Hand schütteln zu dürfen.

Felix Gardener war kein besonders gut aussehender Mann. Keineswegs war er so attraktiv, dass die Herren im Publikum ihm am liebsten einen Tritt in den Hintern versetzt hätten. Dennoch hatte er ein durchaus markantes Äußeres. Das volle blonde Haar schmiegte sich glatt an einen wohlgeformten Kopf; seine Augen, die auffallend eng beieinanderlagen, leuchteten in einem intensiven Blau, und seine Nase war schmal und ebenmäßig. Der Mund mit den vollen, geschwungenen Lippen, die sich an den Mundwinkeln verjüngten, war ein Fest für jeden Karikaturisten. Das Kinn war kantig und betonte die eher feinen Gesichtszüge. Gardener war groß, hatte eine tadellose Körperhaltung, ohne zu dick aufzutragen, und seine Stimme besaß ein angenehmes Timbre. In den Augen vieler Frauen hatte er das gewisse Etwas, während Männer ihn als netten Kerl betrachteten. Und die Kritiker lobten ihn einhellig als hervorragenden Schauspieler.

»Freut mich sehr, dass Sie kommen konnten«, sagte er zu Alleyn. »Setzen Sie sich. Darf ich Ihnen Mr. Barclay Crammer vorstellen? Barclay, das ist Mr. Alleyn. Bathgate kennst du ja schon.«

J. Barclay Crammer war ein älterer, gestandener Charakterdarsteller. Er gehörte nicht zu den Schauspielern, die jeder auf den ersten Blick kannte, aber er prägte sich beim Publikum ein, sodass er vielen Zuschauern bekannt vorkam, wenn er die Bühne betrat, ohne dass den Leuten sein Name einfiel. Andererseits war er nicht so beeindruckend, dass die Zuschauer sich die Mühe gemacht hätten, den Namen im Programmheft nachzuschlagen. Er hatte dunkles Haar, ein rundliches Gesicht und übernahm überwiegend die Nebenrollen, die von einer guten Besetzung profitierten.

Er scheint schlechte Laune zu haben, dachte Nigel, der Crammer bereits auf Gardeners Feier nach der Premiere kennengelernt hatte.

»Findet ihr hier überhaupt alle einen freien Platz?«, fragte Gardener, der sich vor den Schminktisch gesetzt hatte. Alleyn und Nigel setzten sich in zwei Sessel.

In der Garderobe brannten etliche grelle Lampen, und es war fast unerträglich heiß. Über dem Toilettentisch, auf dem ein Spiegel und ein Sammelsurium aus Schminkutensilien standen, flackerte eine Gasflamme hinter einem Schutz aus Drahtgeflecht. Es roch nach Theaterschminke. Vor dem Frisierspiegel lagen ein Revolver und eine Pfeife. Rechts an der Wand hing ein bodenlanger Spiegel neben einem kleinen Handwaschbecken. Vor der linken Wand verdeckte ein verblichener Vorhang eine Auswahl an Anzügen. Durch die Wand, hinter der sich die erste Garderobe für die Stars befand, drangen Frauenstimmen.

»Ich freue mich wirklich, dass ihr beide hier seid, Nigel«, sagte Gardener. »Wir sehen uns ja nicht mehr so oft. Ihr Journalisten seid schwer zu packen.«

»Ihr Schauspieler aber auch«, meinte Nigel. »Und einen echten Polizisten kriegt man erst recht nicht so leicht zwischen die Finger. Ich bin stolz darauf, dass ich Mr. Alleyn heute Abend mitbringen konnte.«

»Ich weiß«, sagte Gardener und drehte den Spiegel so, dass er sich das Gesicht pudern konnte. »Und seine Anwesenheit macht mich ein bisschen nervös.« Er blickte zu Crammer. »Wusstest du, dass Mr. Alleyn die Nummer eins bei der Kripo ist?«

»Wirklich?«, fragte Barclay Crammer mit seiner tiefen Stimme. Er zögerte einen Moment, ehe er mit gezwungener Fröhlichkeit hinzufügte: »Dann müsste ich ja noch nervöser als du sein, weil ich einer der Schurken im Stück bin. Allerdings ein sehr unbedeutender.« Diesem Nachsatz wohnte eine unüberhörbare Verbitterung inne.

»Jetzt sagen Sie nicht, dass Sie der Mörder sind«, sagte Alleyn. »Damit würden Sie mir den Abend verderben.«

»So bedeutend ist meine Rolle nicht«, kam es von Barclay Crammer. »Eine Nebenrolle, so etwas wie ein Cameo-Auftritt, wie das Management meinte. Und selbst das ist noch übertrieben.«

Er gab ein kurzes, verächtliches Schnauben von sich, was Nigel zu der Vermutung Anlass gab, dass solche Geräusche zu Crammers Repertoire gehörten.

Draußen auf dem Gang rief jemand: »Halb acht … es ist halb acht.«

»Ich muss los«, sagte Crammer und seufzte vernehmlich. »Ich bin noch nicht geschminkt und eröffne dieses abstoßende Stück. Pah!« Er erhob sich elegant und legte einen eindrucksvollen Abgang hin.

»Der arme J. B. ist verärgert«, erklärte Gardener in einem Tonfall, in dem Verständnis mitschwang. »Eigentlich sollte er den Beaver spielen, aber dann bekam Arthur Surbonadier die Rolle. Das hat Crammer sehr verletzt, das könnt ihr mir glauben.« Er setzte ein charmantes Lächeln auf. »Manchmal ist das Leben sonderbar, Nigel.«

»Du meinst, dass man im Leben sonderbare Leute trifft?«, fragte Nigel.

»Ja, auch das. Manchmal sind sie wie Kinder. Dann wiederum sind sie wie Schauspieler, aber auf furchtbar übertriebene Weise. Manchmal zu authentisch, möchte man meinen.«

»Als wir in Cambridge waren, warst du nicht so kritisch mit den Leuten.«

»Erinnere mich nicht an meine Jugendjahre.«

»Pah, Jugendjahre!«, warf Alleyn ein. »Ihr Kinder macht mir Spaß. Nächsten Monat ist es zwanzig Jahre her, dass ich Oxford verlasen habe. Lassen wir das lieber!«

»Trotzdem kannst du mir nicht erzählen«, hakte Nigel beharrlich nach, »dass du der Schauspielerei überdrüssig bist, Felix.«

»Das ist wieder eine andere Geschichte«, meinte Gardener.

Es klopfte leise. Dann erschien ein aufgedunsenes Gesicht im Türspalt. Der Mann trug eine karierte Mütze und ein rot gepunktetes Halstuch. Der unverkennbare Geruch von Alkohol wehte in die Garderobe, nur unzureichend vom Duft von Veilchenpastillen überlagert.

»Oh, hallo, Arthur, komm nur rein«, sagte Gardener freundlich, doch ohne große Begeisterung.

»Tut mir leid«, erwiderte der Mann mit dem aufgedunsenen Gesicht. »Dachte, du wärst allein, alter Knabe. Will dich um Gottes willen nicht stören.«

»Hör auf damit!«, rief Gardener. »Jetzt komm schon und mach die Tür hinter dir zu. Es zieht wie Hechtsuppe. Komm endlich rein.«

»Nein, nein, ist nicht weiter wichtig. Es geht eigentlich nur um … ach, egal, wir sehen uns später.« Das Gesicht verschwand, und die Tür wurde sacht zugezogen.

»Das war Arthur Surbonadier«, erklärte Gardener und schaute dabei Alleyn an. »Er hat J. B. die Rolle weggeschnappt. Nun meint er, ich hätte ihm seine Rolle weggeschnappt. Deswegen hasst J. B. ihn, und er hasst mich. Das meinte ich vorhin, als ich über Schauspieler sprach.«

»Da ist wohl Eifersucht im Spiel«, meinte Nigel.

»Und wen hassen Sie?«, fragte Alleyn unbekümmert.

»Ich?«, entgegnete Gardener. »Oh, ich sitze im Trockenen und kann es mir leisten, großmütig zu sein. Ich schätze allerdings, früher oder später werde ich auch so gehässig enden.«

»Hältst du Surbonadier für einen guten Schauspieler?«, wollte Nigel wissen.

Gardener zuckte die Schultern. »Er ist immerhin Jacob Saints Neffe.«

»Und was heißt das?«

»Jacob Saint gehören sechs Theater in der Stadt, das Unicorn ist eins davon. Er überlässt Surbonadier gute Rollen. Er engagiert nie schlechte Schauspieler, deshalb muss Surbonadier ein guter Mime sein.« Er wandte sich an Alleyn. »Kennen Sie das Stück schon?«

»Nein, überhaupt nicht«, erwiderte der Inspector. »Ich habe versucht, anhand Ihrer Schminke herauszufinden, ob Sie der Held, ein Gangster oder ein Polizist sind – oder alles auf einmal. Die Pfeife auf der Kommode lässt auf eine Heldenrolle schließen, der Revolver auf einen Gangster. Und wenn ich den eleganten Mantel sehe, den Sie gleich anziehen werden, bin ich geneigt zu glauben, dass Sie ein Mann meines Berufsstandes sind.« Er blickte zu Nigel. »Daraus folgere ich, mein lieber Bathgate, dass Mr. Gardener ein als Gangster verkleideter Held ist und zur Polizei gehört.«

»Großartig!«, rief Nigel begeistert und wandte sich stolz Gardener zu. Alleyn benahm sich ausnahmsweise wie ein Ermittler.

»Ja, ausgezeichnet!«, pflichtete Gardener seinem Freund bei.

»Sie wollen mir doch nicht etwa sagen, dass ich richtig liege?«, wollte der Inspector wissen.

»Sie liegen jedenfalls nicht weit daneben. Ich benutze den Revolver in meiner Funktion als Polizist, die Pfeife in der Rolle des Gangsters. Den Anzug allerdings trage ich im ganzen Stück nicht.«

»Was wiederum beweist«, sagte Alleyn mit einem Grinsen, »dass Eingebungen so gut funktionieren wie Schlussfolgerungen.«

Sie zündeten sich Zigaretten an, worauf Nigel und Gardener eine Weile über die gemeinsame Zeit in Cambridge plauderten.

Als dann wieder die Tür aufging, kam ein kleiner, ausgemergelter Mann herein, der eine Schurwolljacke trug.

»Sind Sie so weit, Mr. Gardener?«, fragte er und würdigte die beiden anderen kaum eines Blickes.

»Ja.« Gardener zog das Jackett aus.

Der Garderobier nahm einen der Anzüge, die hinter dem Vorhang hingen, und half dem Schauspieler in das Jackett. »Sie bräuchten noch ein bisschen mehr von dem Puder, Sir, wenn Sie erlauben«, stellte der Mann fest. »Ist warm heute Abend.«

»Alles in Ordnung mit der Waffe?«, erkundigte sich Gardener und schaute ein letztes Mal in den Spiegel.

»Die Jungs aus der Requisite sagen Ja. Lassen Sie mich schnell noch Ihr Jackett abbürsten, Mr. Gardener.«

»Nur zu.« Gardener ließ die letzten Handgriffe mit der Kleiderbürste gut gelaunt über sich ergehen.

»Taschentuch«, murmelte der Mann vor sich hin und steckte eins in die Tasche des Jacketts. »Geldbeutel in der anderen Tasche. Pfeife. Sind Sie dann so weit, Sir?«

»Aber immer. Es kann losgehen.«

»Sehr wohl, Sir. Soll ich Mr. Surbonadier dann die Waffe bringen, Sir?«

»Ja. Gehen Sie in seine Garderobe und grüßen Sie ihn. Und fragen Sie ihn, ob er nach der Vorstellung mit mir und diesen beiden Herren zu Abend essen möchte.« Er nahm den Revolver.

»Gern, Sir«, sagte der Garderobier und verließ das Zimmer.

»Ein Original, nicht wahr?«, meinte Gardener. »Sie essen doch nachher mit mir? Ich habe Surbonadier eingeladen, weil er mich nicht ausstehen kann. Das wird für die richtige Würze sorgen, jede Wette.«

»Viertel vor acht … es ist Viertel vor acht«, hörten sie die Stimme draußen auf dem Gang.

»Wir gehen dann jetzt besser in den Zuschauerraum«, meinte Nigel.

»Ihr habt noch jede Menge Zeit. Ich möchte Sie noch kurz mit Stephanie Vaughan bekannt machen, Mr. Alleyn. Sie hat etwas übrig für Kriminalistik und würde es mir nie verzeihen, wenn ich Sie ihr nicht vorstellen würde.«

Alleyns Miene ließ erkennen, dass er sich in sein Schicksal fügte.

»Stephanie!«, rief Gardener.

Durch die Wand drang gedämpft eine Frauenstimme. »Hallo, ja?«

»Kannst du kurz noch Besuch empfangen?«

»Aber sicher doch, Dar-ling!«, trällerte die Stimme theatralisch.

»Eine tolle Frau, sage ich Ihnen!«, lautete Gardeners Kommentar. »Gehen wir rüber zu ihr.«

Hinter der Tür mit dem verblassten Stern befand sich Miss Stephanies Garderobe, die um einiges geräumiger war als die Garderobe nebenan. Der Teppich war dicker und flauschiger, die Stühle waren breiter, und in Vasen standen üppige Blumensträuße. Selbst die Schminkkommode war großzügiger bemessen. Miss Vaughan empfing ihren Besuch fröhlich, bot den Herren Zigaretten an und versprühte ihren Charme, wobei insbesondere Gardener in den Genuss desselben kam, wie Nigel sich bewusst machte. Aber ihm fiel noch etwas auf: Zwar empfing Stephanie Vaughan auch Inspector Alleyn freundlich, schien ihn aber mit einem Blick zu mustern, in dem etwas Herausforderndes lag.

Selbst mit dem übertrieben blauen Lidschatten und der dick aufgetragenen Schminke war sie eine entzückende Erscheinung, mit kunstvoll frisiertem Haar, großen Augen und einem herzförmigen Gesicht. Miss Vaughan war berühmt für ihr liebenswert-spitzbübisches Lächeln, bei dem ihre Grübchen keck zum Vorschein kamen.

Sogleich begann sie, den Inspector in ein Gespräch zu verwickeln, in dem es um seinen Fachbereich ging: die Kriminalistik. Sie fragte ihn, ob er H. B. Irvings Buch über bekannte Verbrecher gelesen habe. Alleyn bejahte und fügte hinzu, es habe ihm außerordentlich gut gefallen. Daraufhin wollte Stephanie wissen, ob er noch weitere Bücher über Kriminelle und Psychologie gelesen habe, speziell Freud und Ernest Jones. Alleyn erwiderte, er halte all diese Herren für ausgezeichnete Autoren. Nigel wurde allmählich ein bisschen nervös.

»W

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