Logo weiterlesen.de
Ein Roboter namens Klunk

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Kapitel 1
  6. Kapitel 2
  7. Kapitel 3
  8. Kapitel 4
  9. Kapitel 5
  10. Kapitel 6
  11. Kapitel 7
  12. Kapitel 8
  13. Kapitel 9
  14. Kapitel 10
  15. Kapitel 11
  16. Kapitel 12
  17. Kapitel 13
  18. Kapitel 14
  19. Kapitel 15
  20. Kapitel 16
  21. Kapitel 17
  22. Kapitel 18
  23. Kapitel 19
  24. Kapitel 20
  25. Kapitel 21
  26. Kapitel 22
  27. Kapitel 23
  28. Kapitel 24
  29. Kapitel 25
  30. Kapitel 26
  31. Kapitel 27
  32. Kapitel 28
  33. Kapitel 29
  34. Kapitel 30
  35. Kapitel 31
  36. Kapitel 32
  37. Epilog

Über den Autor

Simon Haynes ist gebürtiger Brite, ist aber in Südspanien aufgewachsen. Seit 1983 lebt er mit seiner Familie in Australien. Er ist nicht nur Schriftsteller, sondern arbeitet nebenbei auch als Programmierer und ist ein Gründungsmitglied des Andromeda Spaceways Inflight Magazine. Für seine Serie um den Frachter-Kommandanten Hal Spacejock wurde er für den größten australischen Fantasy-Preis, den Aurealis Award, nominiert.

Kapitel 1

Hal Spacejock saß vor der Steuerkonsole der Schwarzen Möwe und konzentrierte sich auf ein kleines Schachbrett, das zwischen einer Reihe von Kippschaltern, blinkenden Lämpchen und Kontrollanzeigen balancierte. Erst kürzlich war ihm ein Artikel in die Finger gefallen, der die Vorzüge dieses alten Spieles gepriesen hatte. So sollte es dazu beitragen, seinen Verstand zu schärfen, sein Gedächtnis zu verbessern und seine Attraktivität gegenüber dem anderen Geschlecht zu steigern. Seither war das Schachspiel zu einem wichtigen Bestandteil seines täglichen Lebens geworden, doch nach 276 verlorenen Partien in Folge begann Hal allmählich, den Wahrheitsgehalt des Artikels in Zweifel zu ziehen. Weder fühlte er sich klüger, noch konnte er sich daran erinnern, wann er zuletzt mit einer Vertreterin des anderen Geschlechts gesprochen hatte, ganz zu schweigen davon, ihr Interesse erregt zu haben. Er fragte sich flüchtig, ob es wirklich so klug war, gegen den Navcom zu spielen, den Bordcomputer der Schwarzen Möwe. Wie leistungsschwach und überaltert der Navcom auch sein mochte, war es für ihn immer noch ein Leichtes, sämtliche Aggregate des Schiffes, die Lebenserhaltungssysteme und die Navigation zu kontrollieren und gleichzeitig einen Menschen in einfachen Brettspielen zu schlagen. Andererseits setzte der Umstand, dass Hal das einzige menschliche Wesen an Bord der Schwarzen Möwe war, der Auswahl seiner möglichen Gegner enge Grenzen.

»Sie sind am Zug«, sagte der Navcom mit einer neutralen Frauenstimme.

»Ich überlege.«

»Dürfte ich Ihnen vielleicht ein Sonderangebot unterbreiten, während Sie über Ihren Eröffnungszug nachdenken?«

»Was für ein Angebot?«, erkundigte sich Hal misstrauisch.

»Es geht um ein Schachbuch, das bei Planet Books erhältlich ist.«

»Wirklich? Zeig es mir auf dem Hauptbildschirm.«

Der große Sichtschirm über der Konsole leuchtete rot, dann manifestierte sich das Wort Angebot in zitternden gelben Lettern. Die Buchstaben bildeten Beine aus und marschierten aus dem Bild heraus. An ihrer Stelle rollte ein Korb aus Drahtgeflecht auf Rädern herein.

»Ich kann auf diesen ganzen Unfug gern verzichten«, sagte Hal. »Zeig mir nur das Angebot selbst.«

»Ist gleich so weit«, erwiderte der Navcom. »Sehen Sie weiter zu.«

Aus dem Korb stob ein Schwarm Tauben auf und verwandelte sich in eine Wolke aus zu Boden trudelnden Federn, die das Wort Sonderangebot formten. Ein Windstoß blies die Federn fort. Schließlich blitzte der Buchtitel auf.

»Schach für den intellektuell Herausgeforderten?«, fragte Hal. Er starrte das Cover an. »Soll das vielleicht ein Witz sein?«

»Es ist ein Untertitel einer beliebten Buchreihe«, erklärte der Navcom.

»Und wie heißen die anderen Bücher? Interstellare Navigation für Vollpfosten? Mondlandungen für Schwachköpfe?«

»Möchten Sie, dass ich Ihnen diese Titel ebenfalls in den Warenkorb lege?«

»Ich will keins dieser Bücher. Und solltest du auf weitere Angebote dieser Art stoßen, behalte sie für dich.« Hal wandte sich wieder dem Schachbrett zu, dachte eine Weile angestrengt nach und schob dann einen Bauern vor. »E2 nach E4.«

»E7 nach E5«, entgegnete der Computer mit leichter Verzögerung.

»Hab ich dich ins Grübeln gebracht, was?«

»Ich habe gerade eine Nachfrage bezüglich einer offenen Rechnung zurückgewiesen. Die Absender der Anfrage waren sehr beharrlich.«

»Das wird nicht mehr lange ein Problem sein.«

»Nicht?«

Hal schüttelte den Kopf. »Ich habe ein Treffen mit der Finanzierungsgesellschaft vereinbart. Wir erhalten ein weiteres Darlehen.«

»Sie haben das erste noch nicht zurückgezahlt.«

»Zerbrich du dir darüber nicht den Kopf«, sagte Hal mit einer lässigen Handbewegung. »Diese Leute verleihen liebend gern Geld.«

»Nicht, wenn sie es nicht zurückbekommen.«

»Hör mal, du kümmerst dich um die Navigation, ich kümmere mich um das Finanzielle. Kapiert?«

»Ist das eine konkrete Anweisung, alles, was die Finanzierung der Schwarzen Möwe betrifft, Ihnen zu überantworten?«

»Haargenau.«

»Also gut.« Die Bildschirme flackerten. »Auf Monitor eins finden Sie eine letzte Zahlungsaufforderung der Lamira-Bodenkontrolle bezüglich der fälligen Lande-, Raumhafen- und Visagebühren. Monitor zwei können Sie die Höhe der Strafgebühr für die aktuelle Kontoüberziehung entnehmen, und Monitor drei die Rechnungen für Treibstoff und Wartungsarbeiten, aufgelistet in absteigender Reihe nach dem Datum ihrer Erstellung.«

Hals Blick wanderte mit zunehmender Besorgnis von einem Bildschirm zum anderen. »Du solltest diese Rechnungen lieber ausblenden, bevor die Geldverleiher hier auftauchen. Das könnte sie nur auf falsche Ideen bringen.«

»Oder auf die richtigen«, sagte der Computer. Die Bildschirme flackerten erneut, und anstelle der Rechnungen erschie nen Stapel von Kreditchips, Juwelen und Goldbarren. »Besser so?«

»Sehr witzig«, knurrte Hal.

»Ihre finanzielle Situation ließe sich verbessern, wenn Sie nicht so kleinlich bei der Auswahl von Transportaufträgen wären.«

»Ich habe dir gesagt, dass ich nichts Illegales machen werde. Den Regierungen gehen die Schiffe aus, und sie würden sich die Möwe sofort unter den Nagel reißen, wenn ich auch nur in die Richtung irgendeines fragwürdigen Geschäfts schielte.«

»Wie steht es mit der Ladung pharmazeutischer Produkte, die man Ihnen angeboten hat?«

»Drogen.«

»Und der Transport von Verteidigungszubehör für Eigenheime?«

»Waffen.«

»Was war mit diesen jungen Männern, die nach Forg fliegen wollten?«

»Strafgefangene auf der Flucht; pleite und verzweifelt.«

»Und der Auftrag von Jerling Enterprises? Dabei scheint es sich um ein seriöses Unternehmen zu handeln.«

Hal schnaubte. »Eine Tarnfirma des hiesigen Verbrecherkönigs.«

»Woher wissen Sie das?«

»Instinkt. Das hat mir die Art verraten, wie die Typen geredet haben. Und die Bezeichnung der Ladung klang auch suspekt.«

»Was soll an Roboterteilen suspekt sein?«

»Es handelt sich dabei natürlich um Hehlerware. ›Roboterteile‹ auf die Kisten zu pinseln, mag den einen oder anderen täuschen, aber ich bin nicht so dumm, auf diesen uralten Trick reinzufallen.«

»Na schön, dann sollten Sie vielleicht genauer formulieren, was Sie unter einem akzeptablen Job verstehen, damit ich die unerwünschten Angebote gleich aussortieren kann.«

Hal zuckte die Achseln. »Irgendwas Schnelles und Leichtes. Was gut bezahlt wird und ungefährlich ist.«

»In der freien Speditionsbranche?« Der Navcom schwieg einen Moment lang. »Haben Sie einmal erwogen, sich einen anderen Beruf zu suchen?«

»Nein, verdammt noch mal. Ich weiß, dass es Aufträge auf dem Markt gibt. Du musst sie nur finden.«

»Mag sein, dass es irgendwo sonst anständige Jobs gibt, aber wir haben auf Lamira angedockt. Dies ist eine Bergbaukolonie, was die Auswahl der zur Verfügung stehenden Frachtaufträge ein wenig einengt.«

»Es war der einzige Ort, an dem wir uns die Landegebühren leisten konnten.«

»Die Sie noch nicht bezahlt haben …«

»Ich?«

»Sie sind für die Finanzen zuständig. Zufällig kommt gerade eine Anfrage von der Bodenkontrolle herein. Soll ich sie durchstellen?«

»Was? Nein, sag den Typen, dass ich gerade beschäftigt bin. Ich will zuerst das Schachspiel hier gewinnen.«

*

Ding Dong! Aus verborgenen Lautsprechern ertönte ein Klingeln. Hal schaute vom Schachbrett hoch, auf dem sich gerade wieder das typische, einseitige Massaker abspielte. »Was ist das jetzt?«

»Da ist jemand auf der Landerampe.«

»Der Kreditvermittler?«

»Das kann ich nicht beantworten. Meine Außenkamera fehlt.«

»Woher weißt du dann, dass da draußen jemand ist?«

»Weil irgendjemand den Klingelknopf drückt«, sagte der Navcom, als es erneut läutete.

Hal erhob sich, ging zu einer Reihe von Wandschaltern und drückte auf die obere Taste. Ein hydraulisches Winseln ertönte, worauf ein schweres rundes Schott aufschwang, hinter dem eine kleine Luftschleuse sichtbar wurde. Hal schlüpfte geduckt durch die niedrige Luke und drückte im Inneren der Schleuse auf die oberste Taste einer weiteren Kontrolltafel. Das äußere Schott hatte sich kaum halb geöffnet, als auch schon ein riesiger Roboter hereinplatzte, der sich tief vornübergebeugt hielt, um in den für einen Menschen ausgelegten Raum hineinzupassen.

Ein kurzer Blick auf die sich öffnenden und schließenden Hände, die spitzen Stahlzähne und blutunterlaufenen Augen des Roboters reichte Hal, um zurück auf die Kommandobrücke zu fliehen. Er schmetterte das innere Schott zu und tastete nach der Schalterkonsole, aber bevor er die Schleusentür verriegeln konnte, flog sie auch schon wieder auf. In der Hoffnung, den tiefer gelegenen Gang zu erreichen, hechtete Hal auf den Verbindungsschacht im hinteren Bereich der Brücke zu, doch er hatte gerade einmal zwei Schritte geschafft, als ihm der Eindringling schon den Weg versperrte.

Ein paar Sekunden lang starrten er und der Roboter einander reglos an; dann betrat ein kleiner Mann mittleren Alters das Cockpit. Er hatte ein ebenmäßiges, blasses Gesicht, glatt zurückgekämmtes Haar und trug einen schweren, bis zum Hals zugeknöpften Übermantel.

»Wer zur Hölle sind Sie?«, fragte Hal.

»Vurdi Makalukar, zu Ihren Diensten«, erwiderte der Fremde mit leiser Stimme.

Aus Angst, der bedrohlich vor ihm aufragende Roboter könnte ihm den Arm abreißen, wenn er mit dem Finger auf ihn zeigte, beschränkte sich Hal auf ein Nicken in Richtung des Ungetüms. »Gehört das Ding Ihnen?«

»Brutus begleitet mich auf meinen Runden.« Vurdi trat an das Steuerpult, drehte den Pilotensessel um 180 Grad und verzog das Gesicht, als er das herausquellende Innenfutter bemerkte. »Fangen wir an«, sagte er, während er sich vorsichtig auf den Rand des Sitzpolsters sinken ließ. »Ich vertrete Garmit und Hash, Mr. Spacejock, und ich bin gekommen, um …«

»Sie sind der Kredit-Typ?«, unterbrach Hal.

Vurdi nickte.

Hal gestikulierte in Richtung des Roboters. »Springen Sie mit allen Ihren Klienten so um?«

»Normalerweise bricht Brutus ihnen zuerst das eine oder andere Bein, aber ich hatte das Gefühl, dass das in Ihrem Fall nicht nötig wäre. Schließlich handelt es sich hier um eine relativ bescheidene Summe.«

»Er bricht Beine?« Hal beäugte den riesigen Roboter. »Ist das häufig erforderlich?«

»Nicht, wenn ich meinen Job ordentlich erledige.« Vurdi lehnte sich zurück. »Also, soll die Zahlung in bar oder per Scheck erfolgen?«

»Das ist mir egal. Soweit es mich betrifft, läuft das aufs Gleiche hinaus.«

Vurdi lächelte. »Ich muss gestehen, ich habe schon mit dem Schlimmsten gerechnet. Es ist äußerst erfreulich, dass Sie mir das Geld zurückzahlen können.«

»Ihnen Geld zurückzahlen? Nein, Sie haben das völlig falsch verstanden. Sie sind hier, um mir ein Darlehen zu geben.«

Das Lächeln verschwand aus Vurdis Gesicht. »Das glauben Sie doch nicht wirklich, oder? Mr. Spacejock, Ihr Computer führt mich schon seit Wochen an der Nase herum. Sie sind Monate mit den Rückzahlungen in Verzug.«

»Wollen Sie damit sagen, dass das alles nur ein Trick war? Sie wollen mir gar kein Geld geben?«

»Ich denke, jetzt verstehen wir uns endlich. Sehen Sie, ich bin gekommen, um die überfälligen Raten für Ihr bereits bestehendes Darlehen einzutreiben.« Vurdi deutete auf den Roboter. »Und wenn Sie schnell sind, müssen Sie nicht einmal ins Krankenhaus.«

»Ich habe nichts, was ich Ihnen geben könnte.« Hal spreizte die Finger. »Die Geschäfte laufen schlecht. Niemand braucht ein Frachtschiff.«

»Wir alle müssen unsere Schulden irgendwann begleichen, Mr. Spacejock. Vielleicht in anderer Form? Mit ein oder zwei Gliedmaßen?« Der Sessel quietschte, als Vurdi sich damit herumdrehte. »Ich schlage vor, Sie halten still. Dann haben Sie es schneller hinter sich.«

»Schneller? Was …« Hal duckte sich, als Brutus seine schaufelgroßen Hände nach ihm ausstreckte. »Hey, pfeifen Sie ihn zurück, oder …« Finger, so dick wie Bananen, schlossen sich um seinen Hals und schnürten ihm die Worte ab, einen Sekundenbruchteil später lag er flach auf dem Rücken. Die gigantische Maschine kauerte über ihm, als wollte sie ihn in das kalte Metalldeck hineinstanzen. Ihre Stahlklauen quetschten ihm die Kehle zusammen, und Hal sah sein Leben wie im Zeitraffer vor seinem inneren Auge vorüberfliegen – eine ununterbrochene Abfolge von Bruchlandungen, die mit Explosionen und einer Vielzahl von Knochenbrüchen unterlegt waren.

»Ist er schon tot?«, erkundigte sich Vurdi laut.

Nach statischer Elektrizität riechende Luft wehte Hal ins Gesicht. »Beinahe«, grollte der Roboter.

»In Ordnung, dann lass ihn los.«

Der Roboter zögerte kurz, öffnete beinahe widerwillig die Hände und stand auf.

»Lassen Sie uns doch noch einmal ganz von vorn anfangen, Mr. Spacejock.« Vurdi nahm eine der beiden Damen vom Schachbrett und betrachtete prüfend ihre Unterseite. »Wo ist mein Geld?«

»Das habe ich Ihnen doch bereits gesagt. Ich habe keins!«

Vurdi ließ die Schachfigur in der Handfläche hin und her rollen. »Wissen Sie, es bestünde auch die Möglichkeit, dass gewisse Umstände zur Auszahlung Ihrer Versicherung führen.«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Stellen Sie sich vor, Ihrem Schiff würde das Unvorstellbare zustoßen. Dann könnte Garmit sein Geld zurückbekommen, ich würde meine Gebühren kassieren, und Sie … nun, für Sie würden ein paar Zeilen in der lokalen Presse abfallen.«

»Damit würden Sie nie durchkommen!«

»Einige meiner Ex-Klienten waren der gleichen Ansicht.« Vurdi schüttelte bekümmert den Kopf. »Aber, nun ja, ich habe sie eines Besseren belehrt.«

»Hören Sie, es gäbe da etwas …«

»Es gibt immer etwas. Wie viel?«

»Nein, kein Geld, aber ich bin heute Morgen von jemandem angerufen worden, der einen eiligen Frachtauftrag zu vergeben hat.«

Vurdi hob eine Augenbraue. »Warum haben Sie das nicht früher erwähnt?«

»Wie denn? Als ich die Schleuse geöffnet habe, hat Ihr Roboter sofort versucht, mir den Kopf abzureißen.«

»Dramen langweilen mich, Mr. Spacejock. Erzählen Sie mir mehr Einzelheiten.«

»Dieser Typ möchte, dass ich den nächsten Transport für ihn erledige. Der Frachter, den er sonst benutzt, ist zurzeit nicht verfügbar.«

»Wie überaus praktisch für Sie.« Vurdis dunkle Augen musterten aufmerksam Hals Gesicht. »Wann wird der Job erledigt sein?«

»Ich habe 24 Stunden Zeit dafür.«

»Sehr schön, dann wird Brutus das Geld morgen im Laufe des Nachmittags abholen.« Vurdi stellte die Schachfigur auf das Spielbrett zurück und erhob sich. »Nicht nötig, dass Sie mich hinausbegleiten. Komm, Brutus.«

Hal zuckte zusammen, als der Roboter mit einem Fuß dicht vor seinem Gesicht aufstampfte. Er spürte, wie sich die Metallklauen der Roboterhand in seine Kleidung krallten und ihn hochhoben, bis er in die blutroten Augen der Maschine starrte. Zischender Atem pfiff zwischen Brutus’ papierdünnen Lippen hervor, während unsichtbare Ventilatoren in seinem Kopf auf Hochtouren liefen, um seine Schaltkreise zu kühlen. »Ich komme wie–«

»Brutus, komm schon!«, fauchte Vurdi ungeduldig von der Luftschleuse her.

Der Roboter ließ Hal los und verließ das Schiff mit langsamen, gemessenen Schritten. Als das äußere Schleusentor scheppernd ins Schloss fiel, setzte sich Hal vorsichtig auf. »Navcom?«

Aus der Konsole ertönte ein Rauschen und Knistern. »Ja, Sir?«

»Ruf Jerling Enterprises an.«

»Die Tarnfirma des hiesigen Verbrecherkönigs?«

»Ja. Sag Bescheid, dass ich den angebotenen Frachtauftrag übernehme.«

»Den Transport der Hehlerware?«

»Genau den.«

»Aber Sie haben den Auftrag bereits abgelehnt!«

Hal befingerte behutsam seinen Hals. »Ich habe es mir gerade anders überlegt.«

Kapitel 2

Auf dem Planeten Forg hatte sich eine kleine Menschenmenge vor dem lokalen Himmelshockey-Stadion zusammengefunden. Forgtown war keine wohlhabende Gemeinde – die Reihenhäuser waren bescheiden, und ihre Bewohner mussten um ihr Auskommen kämpfen. Bau- oder Instandsetzungsarbeiten waren ein eher seltener Anblick, weshalb die umfangreiche Renovierung des in die Jahre gekommenen alten Stadions seit Monaten für Gesprächsstoff sorgte.

Schließlich war der Tag der Wiedereröffnung gekommen. Die neuen Kassenhäuschen erstrahlten in hellem Licht, welches das silbergoldene Absperrband vor dem Eingang funkeln ließ. Auf einer Seite des Eingangsbereichs erhob sich ein mit farbigen Scheinwerfern gespickter spindelförmiger Flutlichtturm. Ein stämmiger Mann auf der Spitze des Turmes richtete gerade den größten Scheinwerfer so aus, dass ein heller weißer Lichtstrahl auf die Mitte des mit glitzernden Kacheln gefliesten Bodens fiel. Als er sein Werk zu seiner Zufriedenheit beendet hatte, erklang laute Musik aus versteckten Lautsprechern. Die Menschenmenge teilte sich, und ein junger Mann in einem goldenen Anzug lief durch die sich öffnende Schneise auf die improvisierte Bühne. Er kam schlitternd zum Stehen, warf den Kopf in den Nacken und hob ein überdimensioniertes Mikrofon an seine Lippen.

»Ladies und Gentlemen, wir haben uns heute hier eingefunden, um Zeugen eines echten Wunders zu werden!«, rief er, wobei er auf und ab ging und dabei immer wieder kurz den Lichtkegel des Scheinwerfers verließ, mit dem der Beleuchter ihm zu folgen versuchte. »Uns wurde versichert, dass das nie geschehen würde! Die Einwohner Forgtowns hätten kein neues Stadion verdient, hieß es!« Er deutete auf eine leere Leinwand. »Und wer ist uns zur Rettung geeilt?«

Als Antwort auf seine Frage erschien die riesige Projektion eines Mannes mittleren Alters mit buschigem schwarzem Schnauzbart, glänzendem schwarzem Haar und einer dicken Zigarre im Mundwinkel auf der Leinwand.

»Mr. Walterrrrr … Jerling!«, schrie der junge Mann enthusiastisch. Er klemmte sich das Mikrofon unter den Arm und begann in dem Versuch, das Publikum mitzureißen, wie wild zu applaudieren.

Knapp außerhalb des Lichtkegels zog Jerling ein letztes Mal an seiner Zigarre, ließ sie achtlos auf den frisch gefliesten Boden fallen und zermahlte den glühenden Stumpen unter seinem Absatz zu Krümeln. Dann marschierte er auf die Bühne und ergriff das Mikrofon. Er brachte die Menge durch ein Winken zum Schweigen und begann zu sprechen, doch die Lautsprecher blieben stumm. Der junge Mann nahm ihm das Mikrofon aus der Hand und fummelte hektisch daran herum. Jerling bedachte ihn mit einem finsteren Blick.

»… verdammte Ding sofort in Ordnung, oder Sie sind Ihren Job los!«, dröhnte seine Stimme unvermittelt aus den Lautsprechern, während er das Mikrofon wieder entgegennahm. Er fing sich schnell wieder. »Ich danke Ihnen für Ihr zahlreiches Erscheinen«, wandte er sich an die Zuschauer, wobei er sich ein Lächeln abrang. Es war das übliche Publikum – junge Mütter mit Kinderwagen, alte Damen, die überdimensionierte Handtaschen umklammert hielten, und ein Häuflein arbeitsloser Jugendlicher, die nichts Besseres zu tun hatten. Spontan beschloss Jerling, gleich auf Seite sieben seiner Rede vorzuspringen. Die Leute aus der PR-Abteilung würden zwar stöhnen, aber sie konnten den Beitrag für die aktuellen Nachrichten auch mit altem Filmmaterial unterfüttern. »Und so ist es mir ein außerordentliches Vergnügen, dieses neu renovierte Stadion zu eröffnen und den Forgtown Rhinos viel Glück für die kommende Spielzeit zu wünschen!«

Die Menge klatschte höflich Beifall, als sich Jerling zum Stadioneingang begab und das Band zerschnitt. »Hiermit erkläre ich das Stadion für eröffnet!«, verkündete er unter erneutem Applaus.

Auf dem Rückweg zu seiner wartenden Limousine kam Jerling dicht an einer Mutter mit ihrem kleinen Sohn vorbei. Der Junge blickte sehnsüchtig zu einem Bündel bunter Luftballons empor, die an einem Geländer festgebunden waren. Aus einem spontanen Impuls heraus löste Jerling einen der Ballons aus dem Bündel. »Hier, Junge«, sagte er, »pass gut darauf auf.«

Die Mutter strahlte ihn an. »Danke, Mr. Jerling. Ich bin mir sicher, dass er ihn für den Rest seines Lebens wie einen Schatz hüten wird.«

Jerling vollführte eine leutselige Geste, die verriet, wie leicht ihm derart großzügige Geschenke von der Hand gingen. Tief im Inneren verspürte er das wohlige Schaudern, das jede gute Tat in ihrem Wohltäter hervorruft.

»Aber, Mama, ich wollte doch den roten Ballon!«, quengelte der Junge.

Walter Jerling wandte sich ab, ging weiter zu seinem Wagen, zwängte sich auf den Rücksitz und ließ sich in das weiche Polster sinken. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss. Der Motor summte kraftvoll, als der Wagen zügig beschleunigte.

Im Fond hockte Carina Rinoret steif auf der Kante ihres Sitzes, eine Aktentasche im Schoß. Ihre dunkelbraunen Augen musterten Jerling aufmerksam, während sie versuchte, seine Laune einzuschätzen. Sie musste nicht lange warten.

»Schicken Sie diesen dämlichen MC in die Wüste«, knurrte er.

»Ja, Sir.«

»Goldanzüge und Scheinwerfer. Was zur Hölle hat er sich dabei gedacht? Ich bin ein Geschäftsmann, kein gottverdammter Popstar!« Als der Wagen auf den Highway einbog, riss Jerling die Schutzhülle von einer frischen Zigarre und rammte sie mit der Spitze in den Zigarrenanzünder. »Was ist eigentlich aus dem letzten Burschen geworden?«

»Gefeuert«, antwortete Carina. »Sie waren der Ansicht, er wäre langweilig.«

»Und haben Sie diese Menge gesehen?«, fuhr Jerling gereizt fort. »Armselig!« Er klemmte sich die Zigarre zwischen die Zähne und begann, gierig daran zu saugen. »Gestern habe ich Hinchfig in den Nachrichten gesehen. Bei ihm war die Menschenmenge doppelt so groß, und alle haben auch lauter gejubelt.«

»Ich hatte Ihnen ja zu einem virtuellen Publikum geraten, aber Sie haben ausdrücklich auf einem echten bestanden.«

»Dieser hinterlistige Bastard!« Jerling nahm die Zigarre aus dem Mund und starrte Carina an. »Hinchfig betrügt die Öffentlichkeit mit einem falschen Publikum?«

Carina nickte. »Er leistet sich allein dafür einen brillanten Programmierer und einen Raum voller Computer. Wir sollten genauso vorgehen.«

»Schlagen Sie sich das aus dem Kopf. Diese Programmierer sind launisch, überempfindlich und unzuverlässig.« Jerling blies eine Rauchwolke aus. »Und für zusätzliche Computer werde ich auch kein Geld rausschmeißen.«

Carina streckte unauffällig eine Hand nach der Klimaanlage aus und aktivierte den Luftfilter. »Echte Menschenmengen sind auch nicht gerade billig.«

»Sie haben diese Versager für ihre Anwesenheit bezahlt?« Jerling starrte die Frau überrascht an. »Ich dachte, das wären loyale Anhänger der Rhinos!«

»Die Rhinos haben keine Anhänger. Weil sie nie gewinnen.«

»Dann entlassen Sie sie und kaufen Sie ein paar gute Spieler.« Jerling runzelte die Stirn. »Ich hätte diesem Jungen den Ballon in Rechnung stellen sollen.«

»Soll ich mich darum kümmern?«

»Darauf pfeife ich.« Jerling fuchtelte ungeduldig mit seiner Zigarre in der Luft herum. »Sich auf Kleinigkeiten zu konzentrieren, ist ein typischer Anfängerfehler. Ich bin lange genug im Geschäft, um das zu wissen. Außerdem ist das Ding mittlerweile wahrscheinlich längst schon vom Wind fortgeweht worden.« Er warf Carina einen flüchtigen Blick zu. »Da wir gerade von Kleinigkeiten sprechen, was für ein Mist war das heute Morgen auf meinem Bildschirm?«

»Ich weiß nicht, was Sie meinen.«

»Dieses Memo wegen des zahnärztlichen Gesundheitsvorsorgeprogramms der Firma. Ich habe nichts mit einem derartigen Unfug am Hut. Setzen Sie jemand anderen darauf an.«

»Vergünstigungen für Ihre Mitarbeiter sind ein wichtiger Aspekt Ihrer Geschäfte.«

»Die sollten verdammt froh darüber sein, dass sie überhaupt Jobs haben.« Jerling schnaubte. »Einkaufszentren eröffnen, zahnärztliche Gesundheitsvorsorgeprogramme … Demnächst werden Sie mich noch eine Ruhestandsparty organisieren lassen.«

»Unsinn, Mr. Jerling. Sie erfüllen eine wichtige Funktion.«

»Kommen Sie mir nicht so herablassend.« Jerling paffte an seiner Zigarre. »Besorgen Sie mir eine interessante Aufgabe. Etwas, das meine kleinen grauen Zellen auf Trab hält.«

»Sie wissen, was Ihr Arzt gesagt hat, Mr. Jerling. Er hat Ihnen davon abgeraten, sich direkt in die Entscheidungsprozesse einzumischen.«

»Na gut, dann besorgen Sie mir zuerst etwas, womit ich mich intellektuell beschäftigen kann, und anschließend einen neuen Arzt.«

Carina sah in ihrer Aktentasche nach. »Wir haben einen Posten an diversem Inventar, das reif fürs Recycling ist. Ich benötige Ihre abschließende Zustimmung, bevor ich die nächsten Schritte einleiten kann.«

»Das war’s? Das ist das Beste, was Sie mir anbieten können? Recycling?«

»Es ist unverzichtbar für das Gedeihen der Firma. Der ständige Austausch von Gerätschaften ist vorteilhaft für die Moral der Belegschaft und reduziert die Reparaturkosten sowie unsere Steuerabgaben.« Carina reichte ihrem Boss einen gebundenen Bericht. »Hier haben Sie die entsprechenden Informationen.«

Jerling seufzte angesichts des Gewichts der Akte. »In den guten alten Zeiten habe ich mir die Fakten vortragen lassen und dann gleich an Ort und Stelle entschieden. Wann ist dieser ganze Formularkram dazugekommen?«

»Standardprotokoll für Körperschaftsrecht. Alles gemäß den Vorschriften.«

»Und eine Vorschrift für jede Kleinigkeit«, brummte Jerling. Er blätterte die Akte durch und betrachtete finster die winzige Schrift. »Worum geht es dabei überhaupt?«

»Abschreibungstabellen. Alle beweglichen Güter der Firma, aufgelistet nach dem Datum ihrer Anschaffung und steuerlichen Absetzbarkeitsraten.«

»Wunderbar. Würde es Ihnen etwas ausmachen, das Ganze für Laien verständlich zu formulieren?«

»Je weiter Sie in der Akte zurückblättern, desto älter sind die dort aufgelisteten Güter. Ich empfehle, dass wir alles ab Seite 70 abstoßen.«

»Sind Sie verrückt geworden?« Jerling starrte Carina empört an. »Ich werde mich nicht von einwandfreiem Inventar trennen.«

»Es würden gewaltige Steuergutschriften anfallen, wenn Sie es täten.«

Jerling betrachtete die entsprechende Seite der Akte aus schmalen Augen. »Fahrzeuge, Schiffe, Computer … eine Menge von dem Kram haben wir gerade erst angeschafft.«

»Ich fürchte, nein. Die jüngsten Güter sind fünf Jahre alt, einige beinahe schon 30. Nehmen Sie zum Beispiel diese Roboter hier …«

Jerling stöhnte. »Keine Roboter. Nicht vor aller Augen sichtbar.«

»Wie meinen Sie das?«

»Wissen Sie, was passiert, wenn Sie eine Gruppe von Robotern aus einer Firma abziehen?«

Carina schüttelte den Kopf.

»Der Rest wird melancholisch. Genau das passiert dann. Sie sagen zwar kein Wort, aber ihre Blicke folgen Ihnen überall hin. Anklagend, traurig, zornig …« Jerling schüttelte ebenfalls den Kopf. »Sie müssen sie einen nach dem anderen entfernen, Stück für Stück, sie angeblich auf lange Dienstreisen schicken. Anschließend erzählen Sie den Zurückbleibenden, ihre lieben alten Metallkumpel wären von irgendwem gekauft worden, um ihren Großmüttern Gesellschaft zu leisten oder einem kranken Kind bei der Genesung zu helfen.«

»Ist das nicht ziemlich aufwändig? Es sind doch nur Maschinen.«

»Nein, es sind nicht nur Maschinen, sondern Maschinen mit Gehirnen. Ein gewaltiger Unterschied«, belehrte Jerling sie.

»Wie auch immer wir dabei vorgehen, dieses Inventar muss verschwinden. Dadurch wird die Firma Tausende einsparen.«

»Wirklich?«

Carina nickte. »Die Steuerersparnisse werden die Neuanschaffungen fast schon allein finanzieren. Und dann ist da noch die menschliche Komponente: Neuanschaffungen sind einer fröhlichen Arbeitsumgebung förderlich. Sie führen dazu, dass die Leute gern viel Zeit an ihrem Arbeitsplatz verbringen, und gleichzeitig sinken die Krankmeldungen dramatisch.«

Jerling knurrte etwas Unverständliches und gab Carina die Akte zurück. »Legen Sie mir eine Zusammenfassung davon auf den Schreibtisch, und ich werfe morgen einen Blick darauf.«

»Sie dürfen die Entscheidung nicht zu lange hinauszögern«, warnte Carina. »Ich habe bereits neue Verträge mit etlichen Zulieferern ausgehandelt, und die werden ihre Preiszusagen nicht ewig aufrechterhalten.«

Jerlings Augen wurden schmal. »Übergehen Sie mich nicht bei Ihren Entscheidungen.«

»Nein, Mr. Jerling.«

Die Limousine wurde langsamer, und Jerling warf einen Blick durch die Seitenscheibe. Sie folgten dem breiten, zur Firmenzentrale führenden Boulevard, und als sie eine Straßenbiegung passierten, kam das Gebäude in Sicht. Es war ein imposanter Anblick, zwölf Stockwerke hoch, jede Menge Glas und Chrom. Quer über der Fassade prangte in großen, rot glühenden Lettern der Schriftzug Jerling Corporation.

Nachdem er sein Gebäude einen Moment lang flüchtig betrachtet hatte, wandte sich Jerling erneut Carina zu. »Was gibt es sonst noch?«

Carina zögerte. »Einer unserer leitenden Ingenieure geht morgen in den Ruhestand. Die Geschäftsführung ist sich nicht sicher, was wir ihm als Abschiedsgeschenk besorgen sollen.«

»Einen Kranz«, grollte Jerling. »Hören Sie, das hatte ich nicht gemeint. Ich rede von Geschäften, von irgendetwas Handfestem.« Er hob die Brauen. »Worum ging es eigentlich bei dieser Sache, von der ich da heute Morgen gehört habe? Irgendwas von wegen einer Lieferung, mit der es Schwierigkeiten gibt?«

»Ihr Stab arbeitet sehr effizient, Mr. Jerling. Ich bin mir sicher, dass er das Problem lösen wird.«

»Erzählen Sie mir die Einzelheiten, und ich sage Ihnen, ob die Leute effizient arbeiten oder nicht.«

Carina unterdrückte einen winzigen Seufzer, zog ein ultradünnes Notebook aus der Mappe und rief nacheinander mehrere Memos auf. »War bei dieser Angelegenheit von Orthagon die Rede?«

»Nein, von Seraph.«

»Das müsste dann die Lieferung der Roboterteile betreffen.«

»Oh, welche Freude«, seufzte Jerling. »Was für eine Steigerung gegenüber der internen zahnärztlichen Vorsorgeprogramme. Also, wo liegt das Problem?«

»Die Fracht liegt auf Seraph bereit und wartet darauf, verschickt zu werden.«

»Und?«

»Das Militär von Seraph veranstaltet gerade Kriegsspiele – echte Feuerübungen auf dem gesamten Planeten. Das Manöver dauert schon eine ganze Woche an und wird sich noch zwei weitere Wochen hinziehen.« Carina rutschte auf ihrem Sitz herum. »Bei den letzten Manövern dieser Größenordnung wurden versehentlich drei Raumfrachter in die Luft gejagt.«

»Allmählich erkenne ich das Problem.«

»Keiner unserer Leute ist bereit, dorthin zu fliegen. Es ist zu riskant. Außerdem sind wir gegen derartige Verluste nicht versichert.«

»Warum ist die Lieferung der Teile überhaupt so dringend?«

»Es geht bei dem Auftrag um den Bau von Dienstrobotern für den Sommerpalast des Kaisers. Er plant einen großen Ball, und unsere Roboter müssen pünktlich vor Ort sein.«

»Können wir die Teile nicht woanders besorgen?«

Carina schüttelte den Kopf. »Es gibt einen allgemeinen Engpass.«

»Warum mieten wir kein Schiff?«

»Wer sollte es fliegen?«

»Natürlich einer von unseren alten Robotern.« Jerling deutete auf den Recycling-Bericht. »Sie haben doch bereits entschieden, dass die Dinger verzichtbar sind.«

»Roboter dürfen nur als Copiloten fungieren. Sie benötigen einen menschlichen Kommandanten. Darüber hinaus müssten wir dann immer noch für die Kosten aufkommen, sollte das Schiff bei den Kriegsmanövern zerstört werden.«

»Na schön, dann heuern Sie einen selbstständigen Spediteur an.«

Carina verzog das Gesicht. »Das haben wir bereits versucht, aber alle wissen von den Manövern. Moment, es gab da einen …«

»Ja?«

»Er war allerdings davon überzeugt, es würde sich bei der Fracht um Hehlerware handeln.«

»Sie hätten ihn zu mir durchstellen sollen«, grollte Jerling. »Ich hätte den Burschen schon auf Vordermann gebracht.«

»Um ehrlich zu sein, ich glaube ohnehin nicht, dass er geeignet gewesen wäre. Sein Ruf ist grauenhaft.«

»Wir alle müssen irgendwo anfangen. Stellen Sie ihn zu mir durch.« Jerling klopfte sich auf die Brust. »Ich werde mich dieser Angelegenheit persönlich annehmen.«

Der Wagen hielt weiter auf die imposante Einfahrt des Gebäudeturmes zu, bevor er im letzten Moment seitlich abbog. Er passierte die von einem livrierten Portier bewachten verzierten Torbögen und fuhr an der Seite der Firmenzentrale entlang, bis er eine weite, leere Betonfläche erreichte. In der Ferne ragten zwei Raumschiffe auf, von Wartungsfahrzeugen umgebene elegante weiße Schiffe. Am Rand der Ebene stand ein heruntergekommener hölzerner Büroschuppen, auf dessen Vorderseite in verblichenen Buchstaben Jerling Inc. geschrieben stand.

Die Limousine hielt vor dem kleinen Büro. Jerling stieg aus, schlug die Wagentür hinter sich zu und beugte sich durch das offene Seitenfenster. »Rufen Sie diesen selbstständigen Piloten an und stellen Sie ihn zu mir durch.«

»Mr. Jerling, Sie verfügen über einen fähigen Mitarbeiterstab. Diese Angelegenheit kann auch ohne Ihre Hilfe erledigt werden.«

»Hören Sie, wissen Sie, was passiert, wenn wir den Kaiser enttäuschen? Ich werde es Ihnen verraten: Wir würden unseren privilegierten Zuliefererstatus verlieren. Die Hinchfigs würden sich wie die Geier darauf stürzen, und bevor Sie auch nur blinzeln könnten, würden sie den Kaiser beliefern, und wir müssten mit einem virtuellen Publikum herumhantieren.« Jerling ließ eine Faust wuchtig auf das polierte Wagendach niederfahren. »Holen Sie mir diesen Clown von einem Frachterpiloten an die Strippe, und zwar sofort. Verstanden?«

Carina nickte mit kreidebleichem Gesicht.

Während der Wagen davonfuhr, zog Jerling einen abgewetzten Schlüssel aus der Tasche und entriegelte die Tür des baufälligen Büros. Er trat ein, schloss die Augen, atmete tief durch und genoss den vertrauten Geruch von kaltem Rauch und warmen elektronischen Komponenten. Im Obergeschoss des Hauptgebäudes wartete ein luxuriöses Büro auf ihn, aber er weigerte sich, es zu beziehen. Teilweise, weil es keine Seele hatte, hauptsächlich aber, weil er dort nicht rauchen durfte.

Nachdem er den Blick liebevoll über die verblassten Absatztabellen und abgelaufenen Kalender an den Wänden hatte wandern lassen, schlenderte Jerling über den Falten werfenden Teppich zu seinem Schreibtisch. Er sank in seinen bequemen Sessel und schnippte mit den Fingern in Richtung eines Roboters, der in einer Zimmerecke hockte. Als der Roboter mit einem spindeldünnen erhobenen Arm in seine Richtung schlurfte, huschte ein zufriedenes Lächeln über Jerlings Gesicht. Dies war das Nervenzentrum seiner Firma, Ärzte hin oder her.

*

Hal lief ruhelos auf der Kommandobrücke der Schwarzen Möwe auf und ab. Er stand kurz davor, mit der Faust ein Loch in die nächste Wand zu stanzen. »Was soll das heißen, dass du Jerling nicht zurückrufen kannst? Was meinst du damit, du hättest seine Daten nicht notiert?«

»Ich habe alle Aufzeichnungen gelöscht, nachdem Sie den Auftrag abgelehnt hatten.«

»Dann besorg dir die Daten wieder!«

»Negativ, wir können uns die Recherchegebühren nicht leisten.« Der Navcom zögerte. »Übrigens, Sie sind am Zug.«

»Wie kannst du in einer solchen Situation nur an ein verdammtes Schachspiel denken?«

»Das sagen Sie nur, weil Sie verlieren.«

»Den Teufel verliere ich!« Hal trat an das Steuerpult und starrte auf das Schachbrett, auf dem sein weißer König mit einem einzelnen Bauern von dem kompletten Satz der schwarzen Spielsteine umzingelt stand. »Wollen wir die Seiten tauschen?«

»Negativ.«

Hal seufzte. »Siehst du denn gar keine Möglichkeit, Jerling zu erreichen?«

»Nein.«

»Dann denk wenigstens weiter darüber nach, ja? Ich werde mir erst einmal irgendwas zu essen besorgen. Sag mir Bescheid, wenn dir was einfallen sollte.« Hal ging zu einer runden Öffnung im Boden des Cockpits, aus der eine zerschrammte Metallleiter herausragte. Er hatte gerade einen Fuß auf die erste Sprosse gestellt, als ein Glockenton durch die Kommandobrücke hallte.

»Ein Anruf für Mr. Spacejock.«

»Nimm du ihn entgegen, ja? Ich kann mich im Augenblick nicht um die Geldeintreiber kümmern.«

»Das ist kein Geldeintreiber. Es ist Jerling Enterprises.«

»Machst du dich über mich lustig?«

»Nein. Es ist Walter Jerling persönlich.«

»Dann lass ihn nicht warten, du überdimensionierter Taschenrechner! Stell ihn durch!«

Der Sichtschirm blinkte und flackerte, dann erschienen Walter Jerlings Kopf und Schultern. Seine hageren Züge wurden vom Widerschein der in seinen Schreibtisch eingelassenen Monitore in grünes Licht getaucht. Zwischen seinen Zähnen klemmte eine Zigarre. Als er Hal erblickte, nahm er die Zigarre aus dem Mund und blies eine Rauchwolke aus. »Hal Spacejock?«

»Der bin ich.« Hal ließ sich in den Pilotensessel fallen. »Hören Sie, ich wollte gerade …«

»Selbstständiger Frachtschiffpilot?«

»Ja. Ich wollte …«

»Irgendwas mit meiner Firma nicht in Ordnung? Bezahlung nicht gut genug?«

»Nein. Ich …«

»Ich habe meinen Leuten gesagt, dass Sie Ihre Meinung ändern würden.« Jerling wedelte mit der Zigarre in der Luft herum. »Die Fracht befindet sich auf Seraph IV. Ich möchte, dass sie innerhalb von 24 Stunden bei mir hier auf Forg abgeliefert wird. Schaffen Sie das?«

»Sicher.«

Jerling zupfte einen Tabakkrümel von seiner Unterlippe. »Es gibt da noch ein paar Punkte, über die Sie Bescheid wissen sollten. Erstens, die Raumflugkontrolle von Seraph besteht aus einem Haufen bürokratischer Idioten, die versuchen werden, Sie tagelang mit ihrem lächerlichen Papierkram festzuhalten. Und das wollen wir doch nicht, oder?«

»Ich schätze, nicht«, erwiderte Hal.

»Genau, weshalb Sie den Zoll umgehen werden. Zweitens, Sie werden nachts auf einem Feld landen. Der Landeplatz befindet sich nahe dem Äquator. Es gibt dort nur ein paar Siedlungen, ein wenig Industrie und dergleichen.«

Hal fragte sich, ob ihm seine Ohren einen Streich gespielt hatten. »Haben Sie ›Feld‹ gesagt?«

»Ist das ein Problem für Sie?«

»Tja, äh …«

»Gut.« Jerling starrte missmutig auf die dunkle Spitze seiner Zigarre. »Was war noch gleich diese andere Sache? Ach ja, die Landung. Ich möchte, dass Sie einen meiner Piloten mitnehmen. Spendieren Sie ihm einen Freiflug nach Seraph.«

»Ich dachte, die Sache wäre eilig. Wenn ich auf Ihren Piloten warten muss …«

»Keine Warterei; er befindet sich bereits bei Ihnen auf dem Raumhafen. Ursprünglich sollte er mit einem meiner Schiffe fliegen, aber stattdessen können Sie ihn auch gleich mitnehmen.« Jerling fuchtelte mit der Zigarre. »Sollten die Dinge auf Seraph irgendwie brenzlig werden, kann er die Steuerung übernehmen.«

»Taugt er denn was?«

»Er arbeitet schließlich für mich, oder?« Jerling schnippte mit den Fingern, und es erschien ein gebeugter Roboter, der einen kurzen Stab mit einem glühenden roten Ende in der Hand hielt. Jerling drückte die Zigarrenspitze in die Glut, paffte einige Male, bis sie wieder richtig qualmte, und winkte den Roboter fort. »Hören Sie, er hat eine jahrelange Erfahrung. Hat alles vom Hoverbike bis hin zum Megafrachter geflogen. Er ist ein erstklassiger Pilot, glauben Sie mir.«

Hal spürte, wie ihn eine Woge der Erleichterung durchströmte. Eine nächtliche Landung auf einem Feld klang so, als wäre die Katastrophe fast schon vorprogrammiert, aber mit Hilfe von Jerlings Pilot sollte es eigentlich keine Probleme geben.

»Schön, damit hätten wir dann alles besprochen«, sagte Jerling. »Ich werde den Piloten rüber zu Ihrem Schiff schicken, und Sie schaffen meine Fracht so schnell Sie können hierher.«

»Warten Sie!«, rief Hal. »Wie steht es mit der Bezahlung?«

Aber da war der Bildschirm bereits erloschen.

Kapitel 3

»Keine Spur von Jerlings Pilot«, sagte Hal. Er stand in der Luftschleuse der Schwarzen Möwe und starrte durch das zerkratzte Bullauge. Auch als er die Hände trichterförmig auf die vergilbte Plexiglasscheibe legte und die Augen zusammenkniff, konnte er niemanden entdecken, der sich dem Schiff näherte. »Da draußen könnte sich eine ganze Armee verstecken, ohne dass ich es merken würde.«

»Warum öffnen Sie nicht die Schleuse?«, erkundigte sich der Navcom.

»Nein, danke. Vurdis Roboter könnte sich immer noch irgendwo dort draußen rumtreiben.« Hal gab seine fruchtlosen Bemühungen auf und kehrte in die Kommandozentrale zurück, wo er einen schmutzigen Becher ergriff, ihn unter die Tülle des Getränkespenders hielt und mit einer undefinierbaren dampfenden braunen Flüssigkeit füllte. Er hob den Becher, schnupperte an dem Inhalt und fragte: »Ist das Tee oder Kaffee?«

»Weder noch. Es handelt sich um einen Speisepilzauszug.«

»Tatsächlich?« Hal probierte einen kleinen Schluck und schmatzte mit den Lippen. »Ich vermute, das Zeug könnte Pilze auf mir wachsen lassen.«

»Passen Sie auf, dass Sie nichts davon verschütten, sonst könnten die Pilze überall zu wachsen anfangen. Nebenbei …«

»Ich weiß, ich weiß. Ich bin am Zug.« Hal starrte auf das Schachbrett hinab, war aber mit den Gedanken bei dem bevorstehenden Flug. Er war noch nie zuvor bei Dunkelheit gelandet, schon gar nicht auf einem Feld. Was, wenn Jerlings Pilot nicht auftauchte? Was, wenn er nicht so gut war, wie Jerling behauptet hatte? Was, wenn …

»Möchten Sie vielleicht einen Tipp haben?«, erkundigte sich der Navcom.

»Wie soll ich eine Strategie ausarbeiten, wenn du mich ständig unterbrichst?« Hal zog eine seiner Figuren. »Dame auf C6.«

»Königsspringer auf C6«, sagte der Navcom. »Warnung: Schachmatt in drei Zügen.«

Es klingelte. »Endlich!«, rief Hal erleichtert aus. Als er sich erhob, stieß er das Schachbrett mit dem Ellbogen von der Konsole und verstreute die Schachfiguren dabei über das gesamte Deck. »Upps, wie ungeschickt von mir.«

»Verzweifelte Situationen erfordern verzweifelte Maßnahmen«, stellte der Navcom fest.

»Häh?«

»Betrug zahlt sich nie aus.«

»Oh, halt die Klappe!«

»Zitatemodus: deaktiviert.«

Hal betrat die Luftschleuse und wartete ungeduldig, bis sich das Außenschott knarrend öffnete. Seine Augen weiteten sich, als er den Roboter entdeckte, der draußen auf der Plattform wartete. Er wollte fast schon in Deckung hechten, doch dann erkannte er, dass dieser Roboter nur halb so groß wie Vurdis Schläger war und von ganz anderer Farbe. Seine Haut war bronzen, sein Gesicht von breiiger Konsistenz und zerfurcht. Er hatte einen zerbeulten Torso und zwei ungleiche Beine, die mit Klecksen einer undefinierbaren Mischung aus Schmierflüssigkeit und Staub gesprenkelt waren.

»Was willst du?«, erkundigte sich Hal, nachdem er seine Musterung beendet hatte.

»Mein Name ist XG99«, stellte sich der Roboter mit neutraler männlicher Stimme vor. »Ist das die Schwarze Möwe?«

»Yeah. Warum willst du das wissen?«

Der Roboter streckte ruckhaft einen Arm aus. »Sie können mich Klunk nennen.«

Hal starrte die ausgestreckte Hand an. »Du bist Jerlings Pilot?«

»Genau genommen bin ich sogar ein zertifizierter Pilot.«

»Wohl eher ein zertifizierter Schrotthaufen«, brummte Hal bissig. »Warte hier«, sagte er laut, nur für den Fall, dass der Roboter genauso schwerhörig war, wie er aussah. Er kehrte auf die Kommandobrücke zurück und blieb vor der Steuerkonsole stehen. »Navcom, besorg mir eine Verbindung zu Jerling.«

Der Bildschirm erwachte flackernd zum Leben und zeigte Jerlings Gesicht. »Ich hoffe für Sie, dass es einen wichtigen Grund für diesen Anruf gibt.«

»Den gibt es allerdings. Auf meiner Türschwelle steht gerade ein schrottreifer Roboter, der behauptet, Ihr Pilot zu sein.«

»Schrottreif?« Jerling runzelte die Stirn. »Bei Klunk mag es sich durchaus um ein reiferes Semester handeln, aber er ist in Topform. Sie befinden sich in seiner Obhut in absoluter Sicherheit.«

»Aber …«

»Mr. Spacejock, wenn Sie nicht wollen, dass Klunk Ihr Schiff landet, können Sie das natürlich selbst tun. Alles, worauf es ankommt, ist, dass meine Fracht pünktlich geliefert wird.«

»Aber …«

»Gut, ich bin froh, dass wir das geklärt haben. Und jetzt beeilen Sie sich, bitte. Ich brauche diese Fracht, und zwar jetzt.« Jerling schnippte mit den Fingern, und der Zigarrenanzünder-Roboter erschien neben ihm, den Stab in der Hand. »Zigarre«, sagte Jerling.

Der Roboter hob den Stab. Das glühende Ende überzog sein Gesicht mit einem schwachen roten Schein.

Jerling schüttelte den Kopf. »Gib mir eine Zigarre«, präzisierte er seinen Befehl.

Der Roboter starrte ihn an.

»Zigarre«, wiederholte Jerling und stieß einen ausgestreckten Finger in Richtung des Roboters. »Na los, du dämlicher Blechkasten. Zigarre!«

Der Roboter betrachtete den Finger eine Weile reglos und berührte ihn schließlich mit dem glühenden Ende des Stabes. Der Bildschirm wurde dunkel; Jerlings überraschter Aufschrei verstummte abrupt.

»Absolute Sicherheit, was?«, grollte Hal. Er kehrte zur Luftschleuse zurück und fand den Roboter geduldig draußen wartend vor. »Tut mir leid wegen der Umstände, aber ich musste erst etwas überprüfen«, erklärte er. Ohne Vorwarnung stieß er mit einem Finger in Richtung des Roboters. »Zigarre!«

»Zigarre«, erwiderte Klunk, indem er Hals Geste nachahmte. »Ich muss schon sagen, das ist eine höchst ungewöhnliche Form der Begrüßung.«

»Begrüßung?« Hal ließ die Hand sinken. »Nein, ich habe dich bloß getestet. Ich wollte nur sichergehen, dass du nicht versuchst, meinen Finger anzuzünden.«

»Das könnte ich gar nicht tun«, sagte der Roboter. »Unmöglich.«

»Weil du durch die Drei Gesetze gebunden bist?«

»Nein, weil ich keine Streichhölzer habe.« Klunk reckte den Hals und versuchte, an Hal vorbeizuschauen. »Können wir anfangen? Mr. Jerling sagte, die Angelegenheit wäre dringend, und ich würde mich gern mit den Instrumenten vertraut machen.«

Hal trat zur Seite, und nachdem sich der Roboter an ihm vorbeigequetscht hatte, schloss er das Außenschott und folgte ihm auf die Kommandobrücke. Er fand Klunk in den Anblick der Steuerkonsole versunken vor.

»Das ist ein Frachter der Rigel-Klasse, richtig?«, fragte der Roboter.

»Ja.«

Klunk schnitt eine Grimasse. »Ich hatte keine Ahnung, dass die Dinger immer noch in Betrieb sind.«

»Mein Schiff ist so gut wie neu«, knurrte Hal gereizt. »Und was verdammte Äußerlichkeiten angeht, musst du gerade reden.«

Der Roboter wirkte verblüfft. »Aber ich besitze doch gar kein Schiff.«

»Genau.«

Klunk entdeckte die auf dem Boden verstreut herumliegenden Schachfiguren. »Was für eine bemerkenswerte Eröffnungsvariante«, stellte er fest. »Wer hat die Partie gewonnen?«

»Es war ein Remis«, sagte der Navcom.

»Du hast eine angenehm klingende Stimme. Hast du sie selbst moduliert?«

Hal schnaubte. »Meinst du, du schaffst es, dich nach unten in den Frachtbereich zu begeben, wenn du damit fertig bist, meinen Computer vollzusülzen?«

Klunk nickte, was seinen Hals knarren ließ. »Wieso trinken Sie einen Auszug aus gerösteten Pilzen?«, erkundigte er sich, als er den fleckigen Becher auf dem Steuerpult entdeckte.

»Mr. Spacejock wurde von Betrügern über den Tisch gezogen«, erklärte der Navcom. »Er dachte, er würde Kaffee kaufen.«

»Hältst du wohl die Klappe?«, rief Hal. Er drehte sich zu dem Roboter um. »Los, runter in den Frachtbereich mit dir! Sofort!«

Klunk sah ihn aus warmen gelben Augen an. »Als Pilot ist mein Platz auf der Kommandobrücke.«

»Als Passagier ist dein Platz die Ladebucht. Du kannst später Pilot spielen, und auch das nur, wenn ich dich brauchen sollte.«

»Wie Sie wünschen. Wo geht es in den Erste-Klasse-Bereich?«

Hal deutete auf die klapprige Leiter, die aus dem dunklen Loch im Boden des hinteren Brückenbereichs ragte. »Den Verbindungsschacht runter und dann dem Gang zum Frachtbereich folgen. Und fass ja nichts an!«

Klunk näherte sich der Leiter und ergriff die Holme. Als er den Fuß auf die erste Stufe stellte, zögerte er. »Übrigens, wie heißen Sie?«

»Sir«, sagte Hal.

»Ihr Computer nannte Sie Mr. Spacejock.«

»Ja, aber du kannst mich Sir nennen.«

Der Roboter blickte in den dunklen Schacht hinab. »Keine Beleuchtung?«

»Wärmesensoren.«

Klunk kletterte die Leiter hinunter. Sein Kopf hüpfte auf und ab, während er vorsichtig eine Stufe nach der anderen nahm. Urplötzlich war er verschwunden. Ein lautes metallisches Rattern verriet, dass er die restlichen Stufen in einem Rutsch hinabsauste, bis er schließlich scheppernd auf dem Boden aufschlug.

»Und achte auf die lose Sprosse!«, rief ihm Hal hinterher.

»Beim nächsten Mal könnte die Warnung vielleicht etwas früher erfolgen«, erklang die durch Lautsprecher verstärkte Roboterstimme nach einer kurzen Pause auf der Brücke.

Hal ließ sich grinsend in den Pilotensessel sinken und legte die Füße auf die Steuerkonsole. »Navcom, Startvorbereitung einleiten!«, befahl er.

»Aggregate werden gestartet.«

Das Haupttriebwerk der Schwarzen Möwe erwachte zum Leben und ließ die Brücke erbeben. Kontrolllämpchen blinkten, Datenkolonnen huschten über die Monitore. Die gesamte Konsole quietschte und rasselte mit den Vibrationen um die Wette.

»Triebwerke laufen«, meldete der Navcom.

»Musst du das Offensichtliche unbedingt laut wiederholen?«

»Neuer Mitteilungsmodus: kurz und bündig.«

In Hals Rücken ertönte ein schabendes Geräusch, und als er einen Blick über die Schulter warf, sah er, wie sich der Roboter durch die Bodenluke schob. »Wo willst du hin?«, fragte er.

»Es ist nicht sicher da unten.« Klunk humpelte zum Steuerpult. Eins seiner Beine wies eine frische Schramme auf. »Deshalb bin ich wieder hochgestiegen, bevor ich mich da unten noch weiter beschädige.«

»In Ordnung, bleib hier. Aber stör mich nicht.« Hal wandte sich erneut der Steuerkonsole zu. »Alles bereit, Navcom. Auf geht’s.«

»Was ist mit der Starterlaubnis durch die Bodenkontrolle?«, erkundigte sich der Computer.

»Pfeif darauf.«

Klunk hob die Brauen. »Die Standard-Startprozedur umfasst etwas mehr als …«

»Ich habe dir gesagt, dass du die Klappe halten sollst.« Hal hob den Blick zum Sichtschirm, auf dem in riesigen Lettern die Meldung »Mehrzahl der Systeme bereit« aufleuchtete. »Fortfahren, Navcom. Abheben!«

Klunk deutete auf die Konsole. »Aber die Systemanzeigen …«

»Wir machen es auf meine Art.« Hal starrte den Roboter finster an. »Wenn es dir nicht gefällt, steht es dir jederzeit frei, wieder abzuhauen.«

Das Dröhnen der Aggregate übertönte die Antwort des Roboters. Einige rote Lämpchen begannen zu blinken, und Klunk beugte sich eilig darüber, um nachzusehen, was die Meldungen zu bedeuten hatten. Er starrte Hal mit einem besorgten Gesichtsausdruck an. »Laut diesen Anzeigen funktionieren viele Backup-Systeme nicht.«

»Würdest du endlich die Klappe halten?«, rief Hal. »Dieses Schiff ist sicher!«

Das Dröhnen der Aggregate wurde noch lauter, und das Deck wackelte, als sich das Schiff vom Landefeld zu lösen begann. Etliche Anzeigen flackerten, Monitore schwangen in ihren Gehäusen hin und her. Eine ganze Batterie von Kontrolllämpchen blitzte rhythmisch zum Heulen der Triebwerke.

»Was ist das?«, schrie Hal, als ein Glockenton erklang, der im Lärm der Motoren fast unterging.

»Bodenkontrolle«, erwiderte der Navcom. »Wir werden aufgefordert, den Start abzubrechen.«

»Ignorieren.«

»Bodenkontrolle wiederholt Aufforderung mit großem Nachdruck.«

»Es wäre mir auch egal, wenn sie ›bitte‹ in drei Sprachen sagen würden. Start fortsetzen!«

»Befehl nicht ausführbar«, sagte der Navcom. »Stelle die Bodenkontrolle durch.«

Ein lauter doppelter Glockenton hallte durch die Brücke, und aus den Bordlautsprechern gellte eine Stimme auf: »Raumhafen ruft Schwarze Möwe! Raumhafen ruft Schwarze Möwe! Bitte antworten Sie!«

»Hier Schwarze Möwe!«, rief Hal zurück. »Wir sind gerade beschäftigt, aber wenn Sie eine Nachricht hinterlassen wollen …«

»Starterlaubnis verweigert! Ich wiederhole: Starterlaubnis verweigert! Schalten Sie die Triebwerke Ihres Schiffes ab und melden Sie sich unverzüglich beim Hafenmeister!«

Hal streckte die Hand nach dem Schubhebel aus, aber noch bevor er ihn berühren konnte, veränderte sich das Triebwerksgeräusch, und das Schiff sank auf das Landefeld zurück.

»Landevorgang beendet«, sagte der Navcom.

Hal seufzte und warf Klunk einen Blick zu. »Ich werde nachsehen, was diese Hohlköpfe wollen. Mach hier sauber, während ich fort bin.«

Klunk runzelte die Stirn. »Sie wollen, dass ich die Zentrale putze?«

»Warum nicht? Du weißt doch, an welchem Ende man den Wischmopp hält, oder?«

Aus dem Lautsprecher des Navcoms ertönte das Äquivalent eines diskreten Hüstelns. »Soll ich den Kommunikationskanal jetzt schließen?«

Hal starrte die Konsole entgeistert an. »Du meinst, er ist immer noch offen? Warum hast du das mit keinem Wort erwähnt?«

»Sie haben meinen Mitteilungsmodus auf kurz und bündig geändert.«

»Kanal schließen!«

Die Lautsprecher erzeugten ein knackendes Geräusch. »Verbindung beendet.«

»Was haben die Typen gehört? Habe ich irgendwas gesagt, das sie verärgern könnte?«

»Unbekannt. Hängt davon ab, in welchem Kontext Lamiraner den Begriff Hohlkopf verwenden.«

»Verdammt!« Hal öffnete eine Klappe unter der Steuerkonsole und zog einen schweren verchromten Blaster hervor.

Klunk hob die Brauen. »Sie werden das Ding doch bestimmt nicht benötigen, oder? Schließlich haben Sie sich nur eine verbale Entgleisung geleistet.«

Hal hakte die Waffe an seinem Gürtel fest. »Du bist wohl noch nicht sehr lange auf diesem Planeten, was?«

Kapitel 4

Hal trat aus der Luftschleuse der Schwarzen Möwe und blinzelte ins helle Tageslicht. Jenseits des Landefeldes schickte sich die Sonne gerade an, hinter den Verwaltungsblock des Raumhafens von Lamira zu sinken, der in der Hitze des späten Nachmittags flimmerte. Um die Gebäude herum reihten sich Schiffe der A-Kategorie – moderne und leistungsstarke Raumschiffe, die jeden erdenklichen Komfort boten. Da sie in der Nähe der Versorgungseinrichtungen parkten, konnten die Besatzungen jederzeit in einem der diversen Restaurants essen, den beheizten Swimmingpool benutzen oder gemütlich durch die Einkaufspassagen schlendern.

Die Schwarze Möwe fand sich innerhalb der Kategorienliste eher im hinteren Bereich des Alphabets wieder, weshalb sie auch in einem unbenutzten Abschnitt des Landefeldes parkte, in etwa so weit von den Versorgungseinrichtungen des Raumhafens entfernt wie der nächste Mond des Planeten. Das nähere Umfeld war kaum mehr als ein Friedhof für schrottreife Schiffe. Auf den meisten der erhöhten Landeplattformen standen mit Graffiti beschmierte Wracks, in deren zerbeulten Rümpfen scharfkantige Löcher klafften. Einige dieser Schiffe erschienen Hal vertraut, und als er näher hinsah, erkannte er, dass es sich bei den meisten rostigen Schrotthaufen wie bei der Schwarzen Möwe um Frachter der Rigel-Klasse handelte. Ein oder zwei befanden sich sogar in einem besseren Zustand.

Irgendwo hoch über ihm ertönte ein Grollen. Hal hob den Blick und erspähte einen Lichtfunken, der scheinbar schwerelos am Ende eines langen Kondensstreifens in den Himmel emporkletterte. Er schirmte seine Augen mit einer Hand gegen die schräg einfallenden Sonnenstrahlen ab und sah zu, wie sich das Schiff in den Orbit schraubte. Sein Pilot musste sich garantiert nicht mit fehlerhaften Motoren, leckenden Treibstofftanks und schäbigen alten Robotern herumschlagen.

Seufzend stieg er die Landerampe hinab, wobei er sich an den dünnen Handläufen festhielt, um nicht von dem biegsamen schmalen Steg zu fallen. Am Fuß der Rampe angekommen, entfernte er sich ein paar Schritte von der Möwe, bevor er sich umdrehte, um zu überprüfen, ob über Nacht vielleicht irgendwelche Teile von seinem Schiff abgefallen waren.

Die Schwarze Möwe ruhte auf drei stämmigen Landebeinen, von denen eines den Bug und zwei das Heck stützten. Von der spitzen Nase des Schiffes aus lief ein schmaler Wulst längs über den Rumpf und verbreiterte sich am hinteren Ende zu einer großen Heckflosse, die mit dem Bild einer herabstoßenden schwarzen Möwe verziert war, deren Farbe bereits abblätterte. Zwei Schubdüsen unterhalb der Heckflosse rahmten die schwere, momentan geschlossene Frachtrampe ein, die sich fugenlos in den abgeflachten Boden des Hecks schmiegte.

Hal seufzte erneut. Die Möwe konnte zwar relativ problemlos durch die galaktischen Tiefen navigieren, erinnerte äußerlich aber trotzdem an eine Kreuzung aus einem Papierflieger und einem Wasserkocher.

Auf halbem Weg zum Ende der Landeplattform duckte sich Hal unter einer der großen Schubdüsen hinweg und erreichte schließlich einen löchrigen Betonwall, der dazu diente, eine Batterie von Tankstutzen und Treibstoffleitungen am Rande einer jeden Landeplattform vor den heißen Abgasen aus den Schubdüsen startender oder landender Schiffe zu schützen. Ein tiefes Brummen drang an seine Ohren. Jenseits der Betonmauer schwebte ein zerbeultes Bodenfahrzeug über dem verfilzten Gestrüpp, das die Erde zwischen den einzelnen Landeplattformen bedeckte. »Lamira Raumhafen, Wartungsabteilung«, stand in verblassenden grünen Lettern auf der Seite des Fahrzeugs. Der Anblick ließ Hal die Brauen heben. In diesem Bereich des Raumhafens schien es kaum etwas zu geben, das nicht der Wartung bedurfte.

Hinter der Schutzmauer klangen ein Fauchen und dann ein metallisches Scheppern auf. Als Hal über die Mauer spähte, erblickte er einen zerschrammten grauen Roboter, der an einer der Treibstoffleitungen herumhantierte. Ganz in der Nähe entdeckte er die charakteristische blaue Wölbung des Monitors eines öffentlichen Fernsprechers. Er hob den Hörer aus der Gabel und überlegte noch, welche Taste er drücken sollte, als eine blechern klingende Stimme aus dem Lautsprecher ertönte:

»Für ein Gespräch bitte fünf Kredite einwerfen.«

»Ich möchte niemanden anrufen«, erklärte Hal. »Ich benötige nur eine Transportmöglichkeit.«

«Für ein Gespräch bitte fünf Kredite einwerfen«, wiederholte die Stimme.

»Ich habe kein Geld bei mir!«

»Für ein Gespräch …«

Hal legte den Hörer auf die Gabel zurück. Er fragte sich, ob er in die Möwe zurückkehren sollte, um sich das Geld von Klunk zu leihen, entschied sich dann aber dagegen. Jerlings Roboter sah nicht so aus, als würde er einen Kredit besitzen, von fünf ganz zu schweigen. Natürlich konnte er auch zu Fuß zum Verwaltungsblock des Raumhafens gehen, aber das Gelände zwischen den einzelnen Landeplattformen war mit dichtem Unkraut überwuchert, und es würde dunkel sein, bevor er sein Ziel erreichte. Blieb also noch das Wartungsfahrzeug.

Der graue Roboter versuchte gerade, eine korrodierte Muffe von einer der Treibstoffleitungen zu lösen. Auf dem Boden neben einer Ersatzmuffe lag eine reichhaltige Auswahl verschiedener Werkzeuge ausgebreitet, von denen er eins nach dem anderen ausprobierte. Das Sortiment reichte von einer batteriebetriebenen Zange bis hin zu einem doppelköpfigen Schraubenzieher, doch nichts davon schien imstande, den Widerstand der Muffe zu brechen; ungeachtet der hartnäckigen Bemühungen des Roboters, sie zu lösen.

»Entschuldige, bitte«, sagte Hal.

Der Roboter blickte auf. »Guten Tag, Sir. Sie haben nicht zufällig gerade eine Radzange zur Hand?«

»Meinst du nicht eher eine Rohrzange?«

»Nein, davon habe ich bereits eine hier.«

»Tut mir leid, kann dir leider nicht weiterhelfen.« Hal zögerte. »Hör mal, ich nehme nicht an, dass du mich zum Raumhafenterminal bringen kannst …«

»Leider, nein. Ich darf keine Passagiere befördern.«

»Dann leih mir deinen Wagen.«

»Sind Sie ein Angestellter des Lamira-Raumhafens?«

»Nicht direkt.«

Der Roboter zuckte die Achseln. »Dann dürfen Sie das Fahrzeug nicht benutzen.« Damit wandte er sich wieder seiner Arbeit zu. Noch bevor Hal irgendetwas einwenden konnte, begann er mit einer schweren Zange auf die Muffe einzuschlagen.

Hal warf einen flüchtigen Blick auf sein Schiff. Was, wenn er einfach startete, das Landefeld überflog und auf dem Parkplatz auf der anderen Seite des Raumhafens wieder landete? Doch dann dachte er an die brandneuen Schiffe, die sich um den Verwaltungskomplex drängten. Wenn er eins davon mit der Möwe a

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Ein Roboter namens Klunk" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen