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Ein Prinz für gewisse Stunden?

1. KAPITEL

War es Wirklichkeit? Oder nur ein Traum?

Als Lizzy Pryce die Stufen zum Schloss emporstieg, hatte sie das Gefühl, in einem Märchenland zu sein. Durch das vergoldete Doppelportal, das weit offen stand, blickte sie auf eine lange Reihe festlich gekleideter Menschen, die durch das Foyer in den Ballsaal schritten. Die Damen trugen elegante Abendkleider in schimmernden Farben, die Herren sahen in ihren taillierten Smokings sehr attraktiv aus. Kellner boten appetitliche Horsd’œuvres an. In funkelnden Kristallkelchen perlte der Champagner. Aus dem Ballsaal war ein Walzer zu hören, gespielt von einem Orchester, das Lizzy selbst ausgewählt hatte. In ihrer Fantasie malte sie sich aus, wie die Paare graziös und schwerelos über die Tanzfläche glitten, so als schwebten sie.

Plötzlich blieb sie stehen. Alles in ihr sehnte sich danach, umzukehren und die Treppe wieder hinunterzulaufen. Weg, bloß weg von hier. Doch dann machte sie tapfer einen Schritt vorwärts. So weit war sie schließlich schon gekommen. Sie musste die Sache jetzt durchziehen. Tief durchatmend ging sie auf den Palastdiener zu, dem sie ihre Einladung reichte. Normalerweise waren die Angestellten des Hauses von den königlichen Partys ausgeschlossen. Aber hier handelte es sich um einen Ball im Rahmen der Feierlichkeiten zum 500-jährigen Bestehen der Monarchie in Morgan Isle, dem Ereignis des Jahrhunderts. Und da Elizabeth eine gehobene Stellung am Königshofe innehatte, sie war die persönliche Assistentin der Königin, stand auch ihr Name auf der Gästeliste.

Allerdings hatte sie den Nachnamen ihres Exmannes angegeben, weil sie nicht wollte, dass sie jemand erkannte. Am Hofe war sie nur unter ihrem Mädchennamen Pryce bekannt. Vielleicht war es albern, aber heute Nacht wollte sie sich so fühlen, als gehöre sie zu diesen Kreisen, als sei sie eine der Schönen und Reichen.

Vom Aussehen her passte sie tatsächlich hierher. Das goldblonde Haar hatte sie nicht wie sonst in einem kleinen Knoten zusammengefasst, sondern trug es offen. In weichen Wellen fiel es ihr über den Rücken. Statt der Brille benutzte sie ihre Kontaktlinsen. Und ihre Dienstkleidung, langweilige, aber ihrer Stellung angemessene Hosenanzüge und Kostüme, hatte sie gegen ein hautenges langes Kleid eingetauscht, dessen fließender goldfarbener Stoff ihre schlanke Figur umschmeichelte. Natürlich hatte sie das Kleid geliehen. Ein solches Modellkleid konnte sie sich trotz ihres guten Gehalts nicht leisten.

Sie sah verdammt gut aus, und das wusste sie. Der Saaldiener am Eingang verglich den Namen auf der Einladung mit denen auf seiner Liste und winkte sie dann durch.

Sobald Lizzy das Foyer betrat, bemerkte sie, dass sich erst ein, dann zwei, dann immer mehr Köpfe nach ihr umdrehten. Offensichtlich fragte man sich, wer denn diese bildschöne Frau war, die bei den üblichen gesellschaftlichen Anlässen bisher nicht aufgetaucht war.

Und das allein ist der Grund, weshalb man mich so neugierig mustert, versuchte sie sich einzureden. Dennoch musste sie zugeben, dass vor allem in den Augen der Männer nicht nur Neugier stand, sondern sie mit Wohlwollen, ja sogar mit starkem Interesse betrachtet wurde.

Mit hoch aufgerichtetem Kopf bahnte sie sich ihren Weg durch die Menge. Immer wieder nickte sie lächelnd und erwiderte Grüße von Leuten, die sie bisher nur aus Zeitungen oder dem Fernsehen kannte. Hohe Staatsbeamte, Filmschauspieler, Wirtschaftsbosse.

Nein, das waren wirklich nicht die Menschen, mit denen sie sich normalerweise umgab. Von dem Wert des Schmucks allein hätte sich ein Dritte-Welt-Land sicher ein Jahr lang ernähren können. Lizzys Unsicherheit wuchs. Sie hatte den Ballsaal noch nicht einmal betreten, und schon war sie mit den Nerven am Ende.

Aber ich habe das Recht, hier zu sein, genau wie alle anderen, sagte sie sich immer wieder. Und das half. Entschlossen nahm sie sich ein Glas Champagner von dem Silbertablett, das einer der Kellner ihr hinhielt. Hm, das tat gut. Das prickelnde Getränk kitzelte sie in der Nase und beruhigte ihre Nerven. Nur noch wenige Schritte, und sie war im Ballsaal.

Na los, nun geh schon hinein, sprach sie sich Mut zu. Sie atmete ein paar Mal tief durch und durchschritt dann die weit geöffnete Doppeltür.

Wieder blieb sie stehen. Es war tatsächlich wie im Märchen. Alles funkelte und glitzerte, dazu die einschmeichelnde Musik … Elegante Paare glitten über das Parkett. Andere Gäste standen in kleinen Gruppen zusammen, tranken Champagner, lachten und schienen sich bestens zu amüsieren.

Genauso hatte sie es sich in ihrer Fantasie ausgemalt. Überwältigt schloss sie die Augen, riss sie jedoch schnell wieder auf, als eine dunkle Männerstimme hinter ihr sagte: „Entschuldigen Sie …“ Dieser eindeutig amerikanische Akzent passte eigentlich gar nicht hierher nach Morgan Isle. Hastig nahm sie noch einen Schluck Champagner, dann drehte sie sich um. Und beinahe hätte sie sich verschluckt.

Denn der Mann, der hinter ihr stand, war nicht nur Amerikaner, sondern auch der Prinz von Morgan Isle. Er war der uneheliche Halbbruder des Königs und somit ein Schwager der Königin, Lizzys Arbeitgeberin.

Er sah unglaublich gut aus, war reich und unverschämt arrogant, aber auch sehr charmant. Von allen Männern, die hier im Raum versammelt waren und Lizzy hätten auffordern können, war er der am wenigsten angemessene Partner für sie.

„Sind wir uns schon einmal begegnet?“, fragte er mit dunkler Stimme. „Ich glaube nicht.“

Was? Machte er sich über sie lustig? Sie war ihm doch schon x-mal begegnet, wahrscheinlich hatte er sie nie beachtet. Jetzt aber blickte er sie sehr aufmerksam und interessiert mit seinen grauen Augen an, als habe er sie noch nie zuvor gesehen. Und dann erst begriff sie. Offenbar sah sie heute Abend so anders aus, dass er sie wirklich nicht erkannte. Wenn sie im Palast aneinander vorbeigingen, war sie ihm bestimmt nie aufgefallen. Warum auch, sie war ja nur eine Angestellte.

„Ich bin Ethan Rafferty.“ Er lächelte und streckte die Hand aus.

Lizzy reichte ihm die Hand, aber anstatt sie zu schütteln, beugte Ethan sich vor und hauchte ihr einen Kuss auf den Handrücken. So kurz die Berührung auch war, Lizzy spürte sie bis in die Zehenspitzen. Dass er hier den Verführer gab, wunderte sie nicht. So wenig sie auch über den Prinzen wusste, aber eins war landesweit bekannt: Er war überzeugter Junggeselle und vernaschte die Frauen reihenweise.

Schon des Öfteren hatte sie die Königin sagen hören, dass Ethan mit seinem skandalösen Privatleben zu wenig Rücksicht auf den Ruf des Königshauses nahm. Und der König hatte sich immer wieder beschwert, dass Ethan auf die Gepflogenheiten, die am Hofe herrschten, überhaupt keinen Wert legte. So zum Beispiel auch jetzt. Ihm hätte es wohl angestanden, zu diesem Ball in königlicher Uniform zu erscheinen. Aber stattdessen trug er nur einen, sicherlich sehr teuren, Smoking. Das schwarze, etwas längere Haar hatte er nach hinten gekämmt. Die Ähnlichkeit mit seinem Halbbruder war verblüffend, obgleich der König kurze Haare bevorzugte.

Vor Kurzem erst war Ethan offiziell als Mitglied des Könighauses anerkannt worden. Außerdem war der König zusammen mit seiner Schwester Sophie Ethans Geschäftspartner geworden, und beide Ereignisse waren die Gesprächsthemen, nicht nur im Palast.

Selbstverständlich war Lizzy beeindruckt und geschmeichelt, dass ein solcher Mann sich für sie interessierte und offensichtlich von ihr angezogen war. Er sah fantastisch aus, genauso, wie sie sich immer einen schwerreichen Prinzen vorgestellt hatte.

Auch ihr Exmann hatte sehr gut ausgesehen. Nur hatten ihm leider die Millionen gefehlt, und er hatte sich auch nie um ein finanzielles Auskommen bemüht. Und bedauerlicherweise war er ebenso wie Prinz Ethan als arrogant verschrien, als jemand, der jede einigermaßen attraktive Frau haben musste.

Da Ethan nun offiziell zur Königsfamilie gehörte, deutete Lizzy einen Knicks an. „Mir ist es eine Ehre, Euer Hoheit.“

Er lächelte leicht gequält. „Ich mache mir nichts aus Titeln. Nennen Sie mich Ethan.“

Wenn er wüsste, wer sie wirklich war, hätte er sicher nicht so reagiert. Da war Lizzy sehr sicher. Und so amüsant es auch war, als unbekanntes Aschenputtel auf dem Ball des Prinzen aufzutauchen, es wurde Zeit, dass sie sich um eine geeignetere Begleitung bemühte. Zumal es ein festgeschriebenes Gesetz war, dass Mitglieder des Königshauses sich nicht mit Palastangestellten einlassen durften. Also knickste sie wieder, senkte den Kopf und sagte: „Es war nett, Sie kennengelernt zu haben.“ Dann drehte sie sich um und ging in die andere Richtung.

Doch Ethan blieb dicht hinter ihr. „Entschuldigen Sie, aber wie war noch gleich Ihr Name?“

Warum war er nur so hartnäckig? Er musste doch gemerkt haben, dass sie an einer Fortsetzung des Gesprächs nicht interessiert war. Sie setzte ihr Glas auf einem Tischchen ab und ließ sich ein neues geben. „Den habe ich Ihnen noch gar nicht genannt“, warf sie ihm kurz über die Schulter zu.

„Und warum nicht?“ Jetzt war er neben ihr.

Was sollte sie darauf antworten? Es empfahl sich nicht, zu einem Mitglied des Königshauses unfreundlich zu sein. Auch wenn die letzte Enthauptung von aufmüpfigen Untertanen vor gut zweihundert Jahren stattgefunden hatte.

Andererseits, er wusste nicht, wer sie war. Was hatte sie also zu verlieren? Und vielleicht tat es ihm ganz gut, mal zurückgewiesen zu werden.

„Weil Sie nicht mein Typ sind“, meinte sie schnippisch.

Der Mann hatte doch tatsächlich die Nerven, in schallendes Gelächter auszubrechen! „Sie lügen“, sagte er nur.

Sie sah ihn verblüfft an. „Wie bitte? Was haben Sie gesagt?“

Er lächelte sie an. „Sie haben mich genau verstanden. Schauen Sie mich an. So jemanden wie mich muss man einfach lieben!“

Wie meinte er das? Machte er Spaß, oder hatte er tatsächlich eine derart hohe Meinung von sich? Dann war er noch arroganter, als sie gedacht hatte. „Klappt diese Art der Anmache eigentlich immer?“

Wieder lächelte er, und dieses schelmische und verführerische Lächeln ließ ihr Herz schneller schlagen. „Das kann ich Ihnen sehr bald sagen.“

Er war hinreißend und unwiderstehlich, und das wusste er. Sollte sie ihm ihren Namen verraten? Vielleicht verlor er das Interesse an ihr und ließ sie in Ruhe, wenn er wusste, wer sie war. Andererseits … „Ich heiße Lizzy“, sagte sie schnell. Jeder im Schloss kannte sie nur als Elizabeth. Und um ganz sicher zu sein, benutzte sie ihren Ehenamen. „Lizzy Sinclaire.“ Schon den Namen auszusprechen fiel ihr schwer. Die Tinte auf den Scheidungspapieren war noch nicht ganz trocken, da hatte sie bereits ihren Mädchennamen Pryce wieder angenommen.

„Würden Sie mir die Ehre erweisen und mit mir tanzen, Ms. Sinclaire?“

„Bitte, nennen Sie mich Lizzy.“ Wenn er sie noch einmal mit dem verhassten Namen anredete, kriegte sie einen Schreikrampf.

„Gern, Lizzy.“

„Und, nein, ich möchte nicht mit Ihnen tanzen. Wie ich Ihnen schon sagte, Sie sind nicht mein Typ.“

Auch diese Abfuhr steckte er lächelnd weg. Schlimmer noch. Sein Lächeln wurde breiter. „Ich will Sie ja nicht heiraten, nur mit Ihnen tanzen. Es sei denn …“, er hob leicht die Augenbrauen, „jetzt verstehe ich. Sie können nicht tanzen.“

Also wirklich! Hielt er sie tatsächlich für so naiv, dass sie auf diesen plumpen Trick hereinfiel? Sie und nicht tanzen? Zusammen mit ihrem Mann hatte sie lange Turnier getanzt. Bis sie eines Tages mitbekam, dass ihr Mann der Tanzlehrerin ganz besondere Privatstunden gab …

„Sie haben es erraten“, erwiderte sie. „Also, ich muss jetzt wirklich gehen.“ Ein kurzes Nicken, dann drehte sie sich um und ging in Richtung Foyer. Hoffentlich kommt er bloß nicht hinterher, dachte sie.

„Ich könnte Ihnen das Tanzen beibringen“, hörte sie ihn sagen. Schon war er wieder direkt neben ihr.

„Lieber nicht. Wahrscheinlich trete ich Ihnen auf die Füße und ruiniere Ihre Schuhe.“

„Macht nichts. Wäre nicht das erste Mal.“

Verärgert blieb sie stehen und wandte sich zu ihm um. „Warum wollen Sie unbedingt mit einer Frau tanzen, die keine Lust dazu hat?“

Wieder setzte er dieses unverschämt charmante Lächeln auf. „Weil diese Frau ganz besonders bezaubernd ist.“

Oh, verdammt, er war wirklich gut. Er wusste genau, wie er es anstellen musste. Fast glaubte sie ihm, dass er ehrlich meinte, was er sagte. Wie sollte sie diesem Lächeln und diesem Kompliment widerstehen? Das Ärgerliche war, dass er genau um seine Wirkung wusste. Für Männer wie ihn waren Frauen nur dazu da, erobert zu werden. Sie war lediglich ein Name auf seiner Liste, der abzuhaken war.

Schnell leerte sie ihr Glas. „Wir sollten es trotzdem nicht tun.“

Ethan nahm ihr das Glas aus der Hand und stellte es auf einem Tablett ab, das ihm einer der Kellner hinhielt. „Bitte, nur einen Tanz.“

Bitte? Sie hätte schwören können, dass ein Mann wie er dieses Wörtchen nicht einmal kannte. Und irgendwie hatte sie das Gefühl, dass seine Bitte wirklich ernst gemeint war. Sie konnte geradezu spüren, wie ihre Abwehr bröckelte, wie ihr Widerstand in sich zusammenfiel. Außerdem war sie ein bisschen beschwipst von dem Champagner, was nicht gerade hilfreich war.

Aber es gab eine sehr einfache Lösung. Wenn sie ihm sagte, wer sie wirklich war, würde er sehr schnell das Interesse an ihr verlieren. Davon war sie fest überzeugt. Aber aus irgendeinem Grund brachte sie die Worte nicht heraus. Dass sich ein Prinz für sie interessierte, war ihr noch nie passiert und würde ihr auch nie wieder passieren. War es denn wirklich so schlimm, wenn sie einmal mit ihm tanzte? Was konnte schon geschehen? Und wäre es nicht unhöflich, seine wiederholte Bitte immer wieder abzuschlagen?

„Einverstanden. Aber nur ein Tanz.“

Lächelnd bot er ihr den Arm und führte sie zur Tanzfläche. Verstohlen blickte sie sich um. Glücklicherweise war die Königin, die sie als Einzige erkennen würde, nicht zu sehen.

Kaum waren sie auf der Tanzfläche, zog Ethan Lizzy in die Arme. Bei dieser Berührung durchlief es sie heiß. Das muss mit dem Champagner zusammenhängen, versuchte Lizzy sich zu beruhigen. Hätte sie einen klaren Kopf, dann hätte ein Mann wie Ethan nie eine sinnliche Wirkung auf sie. Und dass er superreich war und weltweit Hotelanlagen besaß, konnte ihr schon gar nicht imponieren.

Aber warum sollte sie nicht ein einziges Mal mit ihm tanzen?

Das Orchester spielte einen Walzer, und Lizzy stellte sehr schnell fest, dass Ethan ein ausgezeichneter Tänzer war. Er schien geradezu über das Parkett zu gleiten.

„Das habe ich mir gleich gedacht. Sie haben gelogen“, meinte Ethan lächelnd. „Um meine Schuhe brauche ich mir keine Sorgen zu machen.“

„Ihre Schuhe?“

„Sie sind ganz eindeutig nicht das erste Mal auf einer Tanzfläche.“

„Stimmt“, gab sie zu. Wieder hatte er sie ertappt.

„Ist es denn nun wirklich so schlimm? Mit mir zu tanzen, meine ich?“ Er sah sie so treuherzig an, dass sie lachen musste.

Nein, natürlich nicht. Mit ihm zu tanzen gefiel ihr sogar so gut, dass sie auch dann noch an ihn gelehnt stehen blieb, als das Orchester aufgehört hatte zu spielen. Und beim nächsten Tanz machte sie keine Anstalten, die Tanzfläche zu verlassen. Was war nur mit ihr los? Ein Tanz war noch zu entschuldigen, aber zwei? Warum hatte sie Ethan nicht gesagt, wer sie war? Das sollte sie schleunigst nachholen.

„Ich habe die Königin noch gar nicht gesehen“, sagte sie und schaute sich aufmerksam um. „Ist sie heute Abend nicht hier?“

„Warum fragen Sie? Möchten Sie sie gern kennenlernen?“

„Nein, nein. Ich war nur neugierig.“

„Wahrscheinlich ruht sie sich im Salon aus. Sie erwartet schon bald ihr erstes Kind.“

„Ach ja, das habe ich auch irgendwo gelesen.“ Lizzy war froh zu hören, dass die Königin sich schonte. Denn sie litt unter ziemlich starken Rückenschmerzen und sollte unbedingt die Anweisung des Arztes befolgen, sich möglichst oft hinzusetzen und die Beine hochzulegen. Lizzy musste sie den ganzen Tag daran erinnern, sich mehr Ruhe zu gönnen. Und die Königin ihrerseits ließ keine Gelegenheit aus, Lizzy zu ermahnen, weniger zu arbeiten. „Sie müssen auch mal unter junge Leute gehen und sich amüsieren“, predigte sie lächelnd.

Sie hatte recht. Lizzy hatte überhaupt kein Privatleben, aber sie wollte es auch nicht anders. Und mit dem langen Arbeitstag konnte sie es vor sich selbst rechtfertigen. Sie hatte einfach keine Zeit für ein Privatleben. „Freuen Sie sich darauf, Onkel zu werden?“

Ethans Miene verfinsterte sich. „Kann sein.“

Das klang nicht gerade begeistert. „Mögen Sie keine Kinder?“

„Oh, doch. Ich finde Kinder nett. Es ist mehr der Vater, der nicht so ganz mein Fall ist.“

Lizzy wusste zwar, dass die beiden Brüder nicht gerade ein Herz und eine Seele waren. Aber sie hatte keine Ahnung, dass Ethan den König wirklich ablehnte. Darüber wollte sie Genaueres wissen. Und so blieb sie auch nach dem zweiten Tanz und als der dritte begann auf der Tanzfläche.

„Ist das die typische Rivalität unter Geschwistern?“, fragte sie. „Ich kenne das aus meiner eigenen Familie. Es gab Zeiten, da konnten meine Schwestern und ich uns überhaupt nicht leiden.“

„Allein Phillip als meinen Bruder zu bezeichnen fällt mir schwer. Wir haben lediglich das Pech, genetisch verwandt zu sein. Das ist auch alles.“ Er drehte sie herum und zog sie dann an sich, sehr viel näher als vorher. Ihr schwindelte, als sie die Wärme seines Körpers spürte, und ihr Herz schlug wie verrückt.

Während er sie herumwirbelte, hatte sie vorübergehend das Gefühl, eine Prinzessin zu sein und dazuzugehören …

Doch das war eine Illusion. Sie machte sich etwas vor. Sie war Elizabeth Pryce, die Assistentin der Königin.

Du musst ihm sagen, wer du bist, ermahnte sie sich. Aber eigentlich wollte sie davon nichts hören. Nur noch etwas länger, ein paar Minuten …

Noch einen letzten Tanz, dann würde sie gehen.

Nie hatte Ethan die Absicht gehabt, den ganzen Abend mit einer Frau zu verbringen. Aber Lizzy war irgendwie besonders, anders als die übrigen Frauen.

Sie war von auffälliger Schönheit, aber das war es nicht, zumindest nicht nur, was ihn anzog. Denn bei Veranstaltungen wie dieser herrschte an schönen Frauen kein Mangel. Nein, sie war auf eine bestimmte Art und Weise einmalig, wenn er auch noch nicht sagen konnte, warum.

Aber wie auch immer, sowie er sie den Ballsaal hatte betreten sehen, war ihm klar, dass er sie unbedingt kennenlernen musste.

Nur mit Mühe hatte er das Hollywood-Sternchen abhängen können und war auf die schöne Blonde zugegangen. Und obgleich sie versucht hatte, sich nichts anmerken zu lassen, hatte er sehr wohl bemerkt, wie sie zusammenzuckte, als er sich vorstellte. Das war nicht ungewöhnlich. Aber dass sie versucht hatte, ihn abzuwimmeln, hatte ihn überrascht, aber natürlich noch mehr gereizt.

Schon lange hatte er sich nicht mehr um eine Frau bemühen müssen. Viel eher kämpften die Frauen um seine Aufmerksamkeit. Sie waren zu fast allem bereit, um an den gut aussehenden Millionär heranzukommen. Wenn sie wüssten, dass er sein Vermögen beinahe verloren hätte, wären sie sicher nicht so hinter ihm her.

Diese Frau jedoch schien wirklich nicht von ihm beeindruckt zu sein. Als er sie auf der Tanzfläche in die Arme genommen hatte, war er zu seiner Überraschung stark erregt gewesen. Auch das war länger nicht geschehen. Früher hatte er in dieser Beziehung alles mitgenommen, was sich so bot, und gegen ein schnelles Abenteuer nichts einzuwenden gehabt. Aber das hatte sich in der letzten Zeit geändert. Selbst die hübschesten Frauen hatten keinen Reiz mehr für ihn.

Lizzy Sinclaire aber interessierte ihn. Genau das war der Grund, weshalb er sie näher kennenlernen musste, sehr viel näher …

Der Tanz war zu Ende, und alle blieben auf der Tanzfläche stehen und klatschten. Ethan betrachtete Lizzy neugierig. Ob sie wieder versuchen würde, ihn loszuwerden?

„Ich könnte ein bisschen frische Luft gebrauchen“, sagte er lächelnd. „Und Sie?“

„Ich sollte jetzt wirklich gehen.“ Sie blickte in Richtung Ausgang.

Er sollte sie nicht länger zurückhalten, aber irgendwie wollte er sie noch nicht gehen lassen. „Ich möchte doch nur auf dem Balkon frische Luft schnappen. Bitte, kommen Sie mit mir.“

Unentschlossen hob sie die Augenbrauen.

„Nur fünf Minuten“, bat er.

„Gut, fünf Minuten.“

Zögernd nahm sie seinen Arm, und als er die Balkontür öffnete, fügte er noch schnell hinzu: „Höchstens zehn.“ Und bevor sie etwas erwidern konnte, standen sie bereits auf dem Balkon.

Die Nacht war kühl und feucht, obgleich man ihm gesagt hatte, dass es für Ende Mai ausgesprochen warm sei. Von dem Klima seines Heimatlandes wusste er wenig, und es interessierte ihn auch nicht. Noch gleichgültiger waren ihm die traditionellen Sitten und Gebräuche am Hofe, auf die sein Bruder so viel Wert legte und mit denen er ihn in den letzten Monaten quälte. Hätte Ethan gewusst, was er auf sich nehmen musste, nur weil die Familie sich an seinem Unternehmen beteiligte, dann hätte er es sich vielleicht noch anders überlegt. Aber jetzt war es zu spät. Die königliche Familie hatte ihn und sein Unternehmen durch die Beteiligung gerettet, und so musste er gute Miene zu bösem Spiel machen.

Als ein Kellner an der offenen Balkontür vorbeikam, gab Ethan ihm ein Zeichen. Mit einer leichten Verbeugung blieb der Mann stehen, und Ethan nahm zwei Champagnergläser von dem Silbertablett.

„Möchten Sie?“, fragte er Lizzy, und als sie nickte, reichte er ihr ein Glas. Allerdings fiel ihm auf, dass sie diesmal den Inhalt nicht hinunterstürzte, sondern nur vorsichtig nippte. Leicht legte er ihr den Arm um die Schultern und führte sie zu dem schmiedeeisernen Geländer, von dem aus sie einen herrlichen Blick über den gut ausgeleuchteten großen Park hatten. Am Ende der weiten Rasenfläche war das Haus seiner Halbschwester Sophie zu sehen.

Lizzy duckte sich unter seinem Arm hindurch und lehnte sich gegen das Geländer. „Was für ein zauberhafter Anblick“, sagte sie, und etwas wie Sehnsucht klang in ihrer Stimme mit. „Bei dieser Beleuchtung sieht nachts alles besonders schön aus.“

Also kannte sie den Park auch bei Tageslicht? Ethan warf ihr einen erstaunten Blick von der Seite her zu. „Waren Sie schon einmal hier?“

Sie sah schnell zu Boden, als sei ihr erst im Nachhinein klar geworden, dass sie das lieber nicht hätte sagen sollen. Als habe sie dadurch zu viel preisgegeben. Zögernd hob sie wieder den Kopf. „Ein- oder zweimal“, erwiderte sie leise.

„Sind Sie mit der Familie befreundet oder gar verwandt?“

Wieder zögerte sie. „Weder noch.“

Überrascht musterte er ihr Profil. Erst jetzt fiel ihm auf, dass ihre feinen Züge stark und entschlossen wirkten.

Was ging in ihrem Kopf vor? Was verbarg sie vor ihm? Ganz offensichtlich wollte sie ihm möglichst wenig über sich erzählen. Und genau das forderte ihn heraus. „Woher kennen Sie denn dann die königliche Familie?“

Erneut schwieg sie kurz, als wolle sie sich ihre Antwort ganz genau überlegen. „Wir haben sozusagen geschäftlich miteinander zu tun“, sagte sie schließlich.

Er stützte sich neben ihr auf das Geländer. „Und was genau machen Sie beruflich?“

Statt einer Antwort rieb sie sich fröstelnd die nackten Arme. „Es wird kalt, finden Sie nicht?“

Aha, sie wich ihm aus. Aber so schnell ließ er sie nicht davonkommen. Schnell zog er sein Jackett aus und legte es ihr um die Schultern. ...

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