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Ein Prinz für Madeline

Emilie Rose

Ein Prinz für Madeline

1. KAPITEL

„Bitte. Sie müssen mir helfen.“

Die flehende weibliche Stimme erregte die Aufmerksamkeit von Prinz Dominic Andreas Rossi de Montagarde. Mit seinem Bodyguard Ian wartete Dominic in Monacos luxuriösem Hôtel Reynard gerade auf den Aufzug. In einem Wandspiegel sah der Prinz eine Frau mit langem dunklen Haar, die an der Rezeption stand.

„Monsieur Gustavo, wenn ich mich nicht irgendwie vor dieser vorhochzeitlichen Euphorie retten kann, verliere ich noch den Verstand. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich freue mich natürlich für meine Freundin, aber bei so viel Romantik wird mir regelmäßig übel.“

Dominics Neugier war geweckt. Die meisten Frauen verfielen dem Märchenglauben an eine Traumhochzeit. Er war noch keiner Frau begegnet, die nicht gern in Hochzeitsvorbereitungen schwelgte. Jede seiner drei Schwestern hatte die Planung ihrer Hochzeit über mehr als ein Jahr in die Länge gezogen – genau wie seine geliebte Giselle.

„Ich brauche für einen Monat eine Art Fremdenführer, der mir die Gegend zeigt“, fuhr sie fort. „Er muss die schönsten Tagesausflüge kennen und wissen, wohin man auf die Schnelle flüchten kann. Weil ich als eine der Brautjungfern agiere, weiß ich nicht genau, wann ich Reißaus nehmen muss vor so viel …“ Sie hob die Hände in einer dramatischen Geste. „… Glück.“

Amerikanerin, sagte er sich. Ihr Akzent verriet sie sofort. Und wahrscheinlich Südstaatlerin.

Der Mann an der Rezeption schenkte ihr ein verständnisvolles Lächeln. „Es tut mir leid, Mademoiselle Spencer, aber es ist fast Mitternacht. Um diese Zeit kann ich mich mit keinem unserer Fremdenführer in Verbindung setzen. Wenn Sie morgen früh wieder vorbeikommen möchten … Ich bin sicher, Ihnen dann helfen zu können.“

Sie strich sich mit der Hand durch ihr dichtes, lockiges Haar und drehte leicht den Kopf, sodass Dominic ihr klassisches Profil bewunderte. Ihre nackten Oberarme waren schlank und sahen sehr gut aus. Unter dem bodenlangen, engen roten Kleid verbarg sich sicher ein äußerst wohlgeformter Körper.

Wie schade, dass er nicht besser beurteilen konnte, ob ihre Beine genauso schön waren wie alles andere an ihr.

Langsam glitt sein Blick wieder zu ihrem Gesicht und begegnete ihren grünen Augen, in denen es amüsiert aufblitzte. Sie hatte ihn entdeckt und musterte ihn nun mindestens genauso neugierig. Dabei zeigte sie nicht die geringste Scheu davor, den Blick etwas länger auf seinem Po und seinen Beinen verweilen zu lassen. Dass sie die Augenbrauen hochzog, signalisierte deutlich, dass sie vorhatte, ihn auf seinen Platz zu verweisen. Dominic unterdrückte ein Lächeln. Ganz schön frech. Aber er konnte nicht verhindern, dass sein Puls sich plötzlich beschleunigte. Als ihre Blicke sich wieder trafen, las er Anerkennung in ihren Augen. Sie hatte ihn nicht erkannt.

Interessant.

Sie wandte sich wieder an den Concierge. „Morgen früh werde ich damit beschäftigt sein, mich mit Kostproben von Hochzeitskuchen vollzustopfen. Bitte, ich flehe Sie an, Monsieur Gustavo, geben Sie mir noch heute Abend einen Namen, damit ich mich morgen wenigstens auf die Möglichkeit einer Flucht freuen kann.“

Flucht. Dominic lauschte dem Wort, während er sich insgeheim wunderte. Gewöhnlich musste er nie so lange auf den Aufzug warten.

Er würde eine Frau heiraten, die er nicht liebte und vielleicht nicht einmal mochte. Um sich mit dieser Zukunft abzufinden, brauchte er Zeit. Wenn möglich, wollte er verhindern, dass ihm dabei ständig irgendwelche Paparazzi mit der Kamera vor dem Gesicht herumfuchtelten. Mit anderen Worten: Er musste fliehen. Deswegen war er jetzt auch nicht von seinem gewöhnlichen Gefolge umgeben, hatte sich das blonde Haar braun gefärbt und den Bart rasiert.

Höchstwahrscheinlich lag der letzte Monat vor ihm, in dem er Ruhe finden würde – bevor die Hölle losbrach. Sobald die Paparazzi erst einmal Wind von den Geschehnissen am Palast bekämen, würden sie über ihn herfallen wie ein Heuschreckenschwarm. Dominic könnte sein Leben nicht länger selbst bestimmen. Die Schlagzeilen sah er bereits im Geiste vor sich – verwitweter Prinz auf Brautschau!

Offenbar sehnte sich die Amerikanerin auch danach, zu fliehen. Warum sollte er sich ihr nicht anschließen? Ihre Gesellschaft wäre sicher alles andere als unangenehm. Außerdem interessierte er sich plötzlich sehr für das Geheimnis dieser schönen Frau, die alles Romantische zu verachten schien.

Er warf Ian einen Blick zu. Seit der Collegezeit wurde er von ihm beschützt. Manchmal hatte Dominic das Gefühl, dass der Mann seine Gedanken lesen konnte. Und tatsächlich, Ians Miene spiegelte eindeutig Besorgnis, seine Augen blitzten warnend, und sein Körper spannte sich unwillkürlich an.

Ein Klingelton erklang, gleich darauf öffnete sich die Tür zum Aufzug. Statt in die Kabine zu treten, drehte Dominic sich jedoch um und ging zur Rezeption. Ian blieb im Hintergrund und fluchte leise, jedenfalls ging Dominic davon aus. „Vielleicht kann ich ja behilflich sein, Gustavo.“

Schockiert sah der Concierge auf.

„Verzeihen Sie mir, Mademoiselle, dass ich Ihr Gespräch belauscht habe. Ich wäre jedenfalls glücklich, Ihnen die Stadt zu zeigen, wenn Sie wünschen.“ Dominic wartete darauf, dass sie ihn erkannte. Aber sie runzelte nur die Stirn. Ihr Teint war perfekt, glatt und hell wie feines Porzellan. Sie konnte nicht älter als Ende zwanzig oder Anfang dreißig sein – viel zu jung, um den Glauben an die Liebe zu begraben. Ihm ging es ähnlich. Aber was blieb ihm anderes übrig, wenn die Pflicht rief?

Ihr Blick glitt wieder über sein weißes Seidenhemd und die schwarze Hose, bevor die Frau ihn nachdenklich ansah. „Sie arbeiten hier?“

Er hoffte, dass ihm die Überraschung nicht anzumerken war. War seine schlichte Verkleidung so gut? Zwar hatte Dominic gehofft, die Paparazzi auf hundert Meter Entfernung zu täuschen. Es war allerdings unwahrscheinlich, dass jemand auf die Tarnung hereinfiel, wenn er ihm direkt gegenüberstand. Offenbar wusste die schöne Fremde wirklich nicht, wer er war.

Ohne weiter darüber nachzudenken, beschloss er, sie nicht aufzuklären. Er hatte ein Leben lang lästige Annäherungsversuche von Frauen erduldet, die sich nur für sein Renommee interessierten. Warum sollte er jetzt nicht genießen, ein ganz normaler Mann zu sein, solange er konnte? „Ich arbeite nicht für das Hotel, aber ich bin so oft hier, wie ich nur kann. Das Reynard ist eins meiner bevorzugten Hotels.“

Sie sah Gustavo an. „Kann ich ihm trauen?“

Die unverblümte Frage schien den Concierege zu entsetzen. Natürlich. Immerhin war Dominic der Thronfolger von Montagarde, einem kleinen, recht bekannten Fürstentum. Er war es nicht gewohnt, dass man seine Vertrauenswürdigkeit anzweifelte.

Certainement, mademoiselle.“

Sie wandte sich wieder zu Dominic um. „Kennen Sie sich in Südfrankreich und Norditalien aus?“

Ha, vor Ewigkeiten hatte er dort seine Lieblingsplätze gefunden. Außerdem wollte er nach deren Vorbild neue Anziehungspunkte für Touristen in seinem Land errichten lassen. „Sehr gut sogar.“

„Sprechen Sie außer Englisch noch eine Sprache? Ich frage, weil ich auf dem College nur sehr schlecht in Latein abgeschnitten habe und auf Spanisch nur Krankenhausvokabular beherrsche.“

„Ich spreche fließend Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch. Und ich kann mich auf Griechisch und Deutsch verständigen.“

Sie hob die perfekt geschwungenen Augenbrauen, ihre Lippen verzogen sich zu einem amüsierten Lächeln. Ein seltsames, lange vergessenes Gefühl keimte in Dominic auf. „Sie geben doch sicher nur an, aber es klingt so, als wären Sie genau der Mann, den ich brauche, Mr. …“

Er zögerte. Um die Maskerade fortzusetzen, müsste er lügen. Und das nicht nur, indem er die ganze Wahrheit verschwieg. Er verabscheute Lügner. Trotzdem wollte Dominic mehr Zeit mit dieser aufregenden Frau verbringen, und zwar nur als Mann, nicht als zukünftiger Monarch. Später würde er seine Pflicht erfüllen und die Frau heiraten, die der Regierungsrat für ihn aussuchte. Wem würde es schon schaden? Er und die Amerikanerin waren wie zwei Schiffe, die sich in der Nacht begegneten – oder in diesem Fall in einer kleinen Ecke Europas.

„Rossi. Damon Rossi.“ Er achtete nicht auf Gustavos entsetzte Miene und streckte die Hand aus.

„Madeline Spencer.“ Sie legte ihre Hand in seine. Ihr Händedruck war fest, ihr Blick direkt und alles andere als ehrerbietig. Wann hatte eine Frau ihm das letzte Mal furchtlos in die Augen gesehen und ihn wie einen Gleichgestellten behandelt? Seit Giselle keine mehr. Völlig unerwartet wurde er von einem Verlangen ergriffen, das so heftig war, dass es ihm den Atem nahm.

Madeline musste es ähnlich ergehen, denn sie errötete und öffnete unwillkürlich die Lippen. „Dann bleibt wohl nur noch eine Frage zu klären. Kann ich mir überhaupt leisten, Sie zu engagieren?“

Sie klang ein wenig außer Atem. Noch völlig überwältigt von der leidenschaftlichen Reaktion seines Körpers, warf Dominic einen Blick zum Concierge. Gustavo kam ihm prompt zu Hilfe. „Ich bin sicher, Monsieur Reynard wird Ihre Ausgaben begleichen, Mademoiselle, da Sie ein geehrter Gast der Familie und eine liebe Freundin seiner Verlobten sind. Pr… Monsieur Rossi darf kein Geld von Ihnen annehmen.“

Ihr Lächeln vertiefte sich. Sie war atemberaubend. „Wann können wir uns treffen, um ein Programm aufzustellen?“

Müsste er nicht auf einen Anruf vom Palast warten, hätte Dominic jetzt mehr Zeit mit der bezaubernden Madeline verbracht. „Vielleicht morgen früh, nachdem Sie die Torten probiert haben?“

Ihm fiel auf, dass er ihre Hand immer noch nicht losgelassen hatte und es auch nicht wollte. Das plötzliche Verlangen, diese Frau näher kennenzulernen, bildete eine angenehme Ablenkung. Wenigstens für kurze Zeit könnte Dominic das quälende Dilemma vergessen, das ihn vorübergehend ins Exil getrieben hatte.

Madeline schien es offenbar genauso wenig eilig zu haben. Weder entzog sie ihm ihre Hand, noch wich sie seinem Blick aus. „Das wäre großartig, Damon. Wo wollen wir uns treffen?“

Dominic überlegte, wo Paparazzi sich nie blicken ließen. Der einzige Ort, an den er, von der Leidenschaft benebelt, denken konnte, war seine Suite – eine Suite, die sich ein Fremdenführer kaum leisten könnte. Schon jetzt beschwor die erste Lüge Schwierigkeiten herauf.

Gustavo räusperte sich. „Vielleicht im ‚Le Café‘, im Garten, Pri… Monsieur Rossi?“

Dominic nickte dankbar, sowohl für die Empfehlung als auch für die Verschwiegenheit. Er war daran gewöhnt, Entscheidungen zu treffen und Anweisungen zu geben. Aber selbst ein zukünftiger Monarch ignorierte keinen klugen Rat. „Ein sehr guter Vorschlag! Um wie viel Uhr haben Sie Zeit, Mademoiselle?“

Nachdenklich biss sie sich auf die sinnliche Unterlippe. Dominic wandte hastig den Blick ab. „Gegen elf?“

„Ich werde die Minuten bis dahin zählen.“ Galant verbeugte er sich, ergriff ihre Hand und küsste sie. Ihr Duft, ein leichter Blumenduft mit einem Hauch von Zitrone, füllte seine Lungen. Wieder loderte das Verlangen in Dominic auf, wild und ungestüm – genau wie der mythische Drachen, der einer Sage nach bei den heißen Quellen von Montagarde lebte.

Dominic war zwar nicht nach Monaco gekommen, um vor der leidenschaftslosen Vernunftehe eine letzte Affäre zu genießen. Dennoch war die Versuchung groß. Ausgesprochen groß. Trotzdem befahlen seine Verpflichtungen gegenüber seinem Land, dass er dieser schönen jungen Frau nichts weiter bot als seine Dienste als Fremdenführer. Er musste sein neu erwachtes Begehren unterdrücken.

Und das würde nicht leicht werden.

Madeline Spencer drückte noch einmal kurz seine Hand, bevor sie sie losließ. Ein herausforderndes Lächeln umspielte ihre Mundwinkel, als wüsste sie genau, was in ihm vorging. „Bis morgen dann also, Damon.“

Zum Abschied winkte sie ihm kurz zu und betrat die Aufzugskabine, in der Dominic zu seiner Suite hatte fahren wollen. Lautlos schloss sich die Tür.

Er atmete tief ein. Zum ersten Mal seit Monaten fühlte er sich nicht mehr, als hätte jemand die Todesstrafe über ihn verhängt. Ihm war Aufschub gewährt worden. Zwar blieb ihm nicht viel Zeit, aber immerhin, ein Aufschub.

„Oh … mein … Gott“, sagte Madeline und lehnte sich von innen gegen die Tür der Suite. Ihr Herz pochte wie wild. „Ich glaube, ich bin scharf auf ihn.“

Candace und Amelia, mit denen sich Madeline die Suite teilte, sahen erwartungsvoll vom Sofa zu ihr herüber und lachten. Sie hatten schon die Abendkleider, die sie vorhin im Kasino getragen hatten, ausgezogen und waren in ihre Schlafanzüge geschlüpft.

„Auf wen?“, fragte Amelia.

„Ich habe gerade den umwerfendsten Mann auf dieser Erde als Fremdenführer engagiert.“

„Erzähl“, befahl Candace. Ihretwegen wohnten Madeline, Amelia und Stacy in der luxuriösen Suite des Fünf-Sterne-Hotels. Alle vier Frauen waren von Candace’ Verlobtem Vincent Reynard eingeladen worden. Sie sollten die Hochzeit von Candace vorbereiten, die in vier Wochen hier stattfinden würde.

„Er heißt Damon und hat die unglaublichsten blauen Augen, die ihr euch vorstellen könnt! Außerdem dichtes tabakbraunes Haar und einen Körper, bei dem einem das Wasser im Mund zusammenläuft. Er ist hochgewachsen, ich glaube, etwa eins fünfundachtzig. Es war nett, trotz meiner hohen Absätze mal wieder zu einem Mann aufsehen zu können.“

„Bist du sicher, dass du nicht in ihn verliebt bist?“, fragte Amelia, die ewig Romantische.

Madeline seufzte. „Du solltest mich besser kennen. Ich habe nicht vor, meinen größten Fehler zu wiederholen.“

Und ihren verlogenen, hinterhältigen, untreuen Exverlobten wollte sie nie wiedersehen.

„Nicht alle Männer sind wie Mike“, warf Candace ein und legte eine Broschüre auf den Tisch.

Hoffentlich hast du recht, dachte Madeline. Vincent schien ein netter Kerl zu sein, und er vergötterte Candace wirklich. Aber ähnlich charmant hatte Mike sich am Anfang auch verhalten. Auf Schaumschlägerei und süße Worte würde Madeline nicht mehr hereinfallen. Heute traute sie keinem Mann mehr vorbehaltlos über den Weg.

„Nein, dem Himmel sei Dank“, erwiderte sie. „Allerdings muss mein Sensor für Blödmänner kaputt sein. Und weil es immer noch genügend Männer wie Mike da draußen gibt, habe ich beschlossen, mich lieber auf meine Karriere zu konzentrieren. Höchstens eine flüchtige Affäre kommt infrage. Männer machen schließlich genau dasselbe, warum also nicht auch ich?“

„Klingt ganz so, als würdest du dir mehr von dem Typ erhoffen als eine Führung durch das schöne Monaco“, fragte Candace neugierig nach.

Madeline überlegte. Sie konnte nicht leugnen, dass es zwischen ihr und Damon gefunkt hatte. Als er sie auf den Handrücken geküsst hatte, waren ihr die Knie weich geworden. Der Mann mochte ja als Fremdenführer arbeiten. In jedem Fall hatte er so viel Klasse und Charme, dass er bestimmt keine Frau kaltließ.

„Vielleicht. Vielleicht habe ich Lust auf eine leidenschaftliche Affäre mit einem aufregenden Fremden. Das heißt, wenn er nicht verheiratet ist. Er trug keinen Ring, aber …“ Die mitleidigen Blicke ihrer Freundinnen ärgerten sie. „Was ist?“

Amelia runzelte die Stirn. „Du denkst an Mike. Daran, wie er vor einem Monat mit seinem Kind und seiner schwangeren Frau im Krankenhaus aufgetaucht ist, oder nicht?“

„Ach, Quatsch.“ Das war zwar gelogen, aber sie hatte schließlich ihren Stolz. Zumindest den kläglichen Rest, den Mike ihr nicht genommen hatte, würde sie sich nicht nehmen lassen.

Er hatte sie wie eine Idiotin dastehen lassen. Sechs Jahre lang war er mit ihr verlobt gewesen und hatte sie dann an ihrem dreißigsten Geburtstag sitzen gelassen. Vor die Wahl gestellt, entweder den Hochzeitstermin festzulegen oder aber die Verlobung zu lösen, hatte er sich für Letzteres entschieden.

Sobald er aus ihrem Haus ausgezogen und die Stelle als Radiologe aufgegeben hatte, waren nach und nach Kollegen auf sie zugestürzt. Madeline hatte erfahren, dass Mike nicht nur in seiner Eigenschaft als Arzt am Bett anderer Frauen gesessen hatte. Während sie von der Hochzeit geträumt hatte, war er fremdgegangen. Zu allem Überfluss hatte er, kaum von Madeline getrennt, eine andere geheiratet und angefangen, Kinder in die Welt zu setzen.

Die verlogene, miese Ratte.

Lächelnd stand Candace auf und umarmte Madeline. „Sei nur vorsichtig.“

„Ich bitte dich, ich bin Krankenschwester. Mir brauchst du keine Ratschläge über Verhütung zu geben. Außerdem nehme ich die Pille.“

„Ich habe gar nicht an Schwangerschaft oder Krankheiten gedacht. Ich will nicht, dass du wegen Mike, dem Mistkerl, etwas Leichtsinniges tust, das du bereuen könntest.“

Candace und Amelia hatten Mike nie gemocht. Vielleicht hätte Madeline auf ihre Freundinnen hören sollen. Aber dieses Mal war es anders. Dieses Mal würde sie sich nicht von ihren Gefühlen blenden lassen. Dieses Mal würde sie nur an sich selbst denken.

„Das ist ja gerade das Schöne. Wenn wir mal annehmen, Damon wäre an einer flüchtigen Beziehung interessiert, kann er mich ja nicht an der Nase rumführen, sitzen lassen oder mir das Herz brechen. Ich werde ja sowieso bald abreisen. Und was kann schon in vier Wochen groß geschehen?“

Kaum merklich zuckte Amelia zusammen. „Fordere das Schicksal nicht heraus.“

Candace seufzte. „Und verbring bitte nicht deine ganze Zeit mit dem Mann, okay? Wie möchten auch was von dir haben.“

Verlegen senkte Madeline den Blick. Wie sollte sie ihrer Freundin erklären, dass die Hochzeitsvorbereitungen zu viele schmerzliche Erinnerungen in ihr wachriefen?

„Ich verspreche“, sagte sie mit fester Stimme, „dass ich weder meine Freundinnen noch meine Pflichten als Brautjungfer vernachlässigen werde – so gut Damon sich auch als Fremdenführer oder sonst etwas erweisen sollte.“

Sie legte den Arm um ihre Freundinnen. „Echte Freundschaften halten lange und Affären …“ Sie zuckte die Schultern. „… nun mal nicht.“

Du liebe Güte, sie war so nervös wie vor ihrem ersten Rendezvous. Und das obwohl Madeline sich mit ihren zweiunddreißig Jahren kaum an ihr erstes Tête-à-tête mit einem Jungen erinnern konnte.

Ihr Herz klopfte viel zu schnell, und das ließ sich auf keinen Zuckerschock zurückführen. So viele Torten hatten sie heute Morgen nicht probiert.

Saß die Frisur gut? Und das Kleid? Im Grunde war es völlig lächerlich. Aus reiner Eitelkeit hatte Madeline ein Kleid mit beidseitig tiefem V-Ausschnitt angezogen. Dazu trug sie das aufregendste Paar hochhackiger Sandaletten, das sie je besessen hatte. Sie hatte sogar ihr widerspenstiges Haar zu einem französischen Zopf geflochten und mit ihrer silbernen Lieblingsspange festgesteckt.

Suchend sah Madeline sich im Straßencafé um. Da entdeckte sie ihn. Damon stand von seinem Platz im hinteren Teil des Cafés auf. Mit seiner dunklen Sonnenbrille, dem sportlichen, kurzärmligen Baumwollhemd und den Jeans sah er zum Anbeißen aus. Breite Schultern, harte Muskeln, flacher Bauch und schmale Hüften – lecker.

Die Brille zu tragen wirkte ein wenig affektiert, wenn man bedachte, dass er ein schattiges Plätzchen gewählt hatte. Andererseits trugen viele Leute in Monaco Sonnenbrillen, sodass er nicht weiter auffiel. Und doch – sie sah ihm ins attraktive Gesicht – hätte sie lieber seine hellblauen Augen betrachtet als ihr eigenes Spiegelbild.

Bonjour, mademoiselle.“ Er zog einen Stuhl für sie hervor.

Sie versuchte, seinen Akzent einzuordnen, konnte es jedoch nicht. Seltsam, bei der Arbeit habe ich mit Patienten aus aller Herren Länder zu tun, überlegte sie. Und dann noch seine faszinierende Angewohnheit, ab und zu so feierlich zu sprechen.

„Guten Morgen, Damon, und bitte nennen Sie mich doch Madeline.“ Seine Hand berührte kurz die nackte Haut zwischen ihren Schulterblättern, als er ihr den Stuhl zurechtrückte. Ein wohliger Schauer rieselte Madeline über den Rücken. Oh ja, er war eindeutig der ideale Kandidat für eine wilde, bedingungslose Affäre.

Sie holte einen Kugelschreiber und einen Schreibblock aus ihrer Handtasche. „Ich dachte, wir besprechen, was wir heute unternehmen könnten. Vielleicht wären Sie so nett, eine Liste mit Vorschlägen zu machen? Dann kann ich aussuchen, was mich am meisten interessiert.“

„Sie wollen nicht auf mein Urteil vertrauen?“

So wie sie Mike vertraut hatte?

„Nein. Ich möchte gern mitbestimmen. Wahrscheinlich haben Sie es gestern Abend nicht mitbekommen. Aber ich bin hier, um einer Freundin bei den Vorbereitungen für ihre Hochzeit zu helfen. Ich muss ihr zur Seite stehen, das Meiste erledigen wir immer am Vormittag. Und das von Montag bis Freitag, wann immer sie oder die anderen Brautjungfern mich brauchen. Also haben Sie und ich nur hier und da ein paar Stündchen Zeit. Sind Sie damit einverstanden?“

„Ja.“ Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und stützte das energische Kinn auf eine kräftige Hand.

Was für ein sympathisches Gesicht, dachte Madeline. Gerade Nase, hohe Wangenknochen, sorgfältig rasierte Wangen. Das glatte, dichte dunkle Haar fiel ihm in die Stirn und verlieh ihm ein etwas jungenhaftes Aussehen. Den feinen Fältchen in seinen Augenwinkeln nach zu urteilen, musste er allerdings mindestens dreißig sein.

„Gestern Abend sagten Sie, Ihnen würde Romantik Übelkeit verursachen. Ich bin noch keiner Frau begegnet, die nicht romantisch war. Was ist ge…“

„Nun, jetzt sind Sie einer begegnet“, unterbrach sie ihn.

Sekundenlang presste er die Lippen zusammen und runzelte die Stirn. Offenbar hatte Madeline ihn verärgert, das tat ihr leid. Trotzdem, ihr bedauernswertes Liebesleben stand hier nicht zur Debatte. Sie würde ja wohl kaum einem eventuellen Liebhaber verraten, wie dumm sie gewesen war. Der Traum, mit Herz und Seele zu einem Mann zu gehören, hatte sie so begeistert, dass sie Mike in allem nachgegeben hatte. Und mit der Zeit war sie sich dadurch selbst entglitten.

„Was ist geschehen, dass Sie so misstrauisch geworden sind?“, beendete er den Satz und machte ihr damit klar, dass er das Thema nicht fallen lassen würde.

Sie sah ihn ruhig an, er hielt ihrem Blick stand. „Sagen wir, meine Erfahrungen haben mich gelehrt, dass auch die vollkommensten Hochzeitspläne keine glückliche Ehe garantieren.“

„Sie sind geschieden?“

„Ich habe es nie auch nur bis zum Altar geschafft. Und jetzt zu unseren Ausflügen. Monsieur Gustavo meinte zwar, Vincent Reynard würde für die Kosten aufkommen, aber ich möchte trotzdem nicht, dass die Ausgaben zu hoch werden.“

„Darauf werde ich achten. Sind Sie mehr der aktive Tourist oder eher der Museumstyp?“

Erleichtert atmete sie auf, da er den Themenwechsel akzeptierte. „Ich bin lieber unterwegs. Im Alltag bin ich gezwungen, die meiste Zeit drinnen zu verbringen.“

„Warum denn das?“

Wer stellte hier eigentlich die Fragen? Er benahm sich überhaupt nicht wie ein engagierter Fremdenführer. Der Mann war beinah zu arrogant, zu selbstbewusst und zu herrisch. Aber gleichzeitig übte diese Mischung eine gewisse Faszination auf Madeline aus. „Ich arbeite als Notarzthelferin im Krankenhaus. Was für Ausflüge schlagen Sie vor?“

„Es gibt viele Möglichkeiten in der Nähe, die wenig kostspielig sind. Am Strand liegen, Tauchen, Segeln, Windsurfen, Klettern, Radfahren, Angeln, Wandern …“

Er zählte jeden einzelnen Punkt an den Fingern ab. Sie achtete bei Männern immer sehr auf die Hände, und die von Damon waren sehr schön, kräftig und trotzdem elegant. Madeline ertappte sich bei dem Wunsch, seine Hände auf ihrer Haut zu spüren.

„Wenn Sie mehr als ein paar Stunden Zeit haben, können wir mit dem Schlauchboot über den Fluss fahren oder uns die Höhlen von Alpes-Maritimes ansehen. Wir können aber auch über die Grenze nach Italien oder Frankreich fahren und einige der interessanteren Dörfer dort besuchen.“

„Ich lasse mich nicht gern von der Sonne braten und bin wie gesagt lieber aktiv, statt faul herumzuliegen. Und an kalten, düsteren Orten kriege ich eine Gänsehaut. Also fallen der Strand und die Höhlen aus. Alles andere klingt nicht schlecht. Arrangieren Sie die Ausflüge und das nötige Zubehör und teilen mir die Einzelheiten mit?“

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