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Ein Playboy zum Verlieben!

1. KAPITEL

„Willst du, Damien Halliburton, Chelsea London zu deiner rechtmäßig angetrauten Ehefrau nehmen?“

Die Worte des Pfarrers drangen wie von Ferne an Cals Ohr, der immerhin Trauzeuge war. Er tat wirklich sein Bestes, um ein Gähnen zu unterdrücken und sich ganz auf die Trauung seines besten Freundes und Geschäftspartners zu konzentrieren.

„Ja, ich will“, sagte Damien laut und feierlich, während er seiner zugegebenermaßen bezaubernden Braut tief in die Augen schaute.

Auch wenn Cal nicht abstreiten konnte, dass sein Freund seit der Beziehung mit Chelsea vor Glück nur so strahlte, so war er doch felsenfest davon überzeugt, dass diese Art Glück nichts für ihn selbst war.

Nein, er genoss seinen privilegierten Lebensstil in vollen Zügen. Um nichts wollte er die Dinge missen, die damit einhergingen: Tennis, Golf, Segeln, Drinks im Club und gelegentliche Wochenenden am Meer.

Außerdem ging er in seiner Arbeit völlig auf. Kaum etwas bereitete ihm mehr Befriedigung, als die reichsten und schwierigsten Kunden für Keppler, Jones und Morgenstern an Land zu ziehen. Manch einer in seiner Branche hielt ihn für ziemlich skrupellos. Doch das stimmte nicht. In Wahrheit war es ihm schon immer leichtgefallen, Menschen zu überzeugen.

Cal schaute quer über den Altar und fing den Blick von Kensey auf, einer Brautjungfer, die zufälligerweise auch Chelseas ältere Schwester war. Im Gegensatz zur blonden Chelsea war sie brünett. Cal hatte schon immer Brünette bevorzugt.

Er lächelte ihr zu.

Kenseys Augen weiteten sich. Im nächsten Moment hob sie die linke Hand und wedelte mit ihrem Ehering in seine Richtung.

Cal lächelte nur noch breiter und zuckte entschuldigend die Schultern, doch als er seinen Blick von ihr abwandte, verwandelte sich sein Gesicht kurz in eine Grimasse. Zur Hölle, war denn mittlerweile die ganze Welt verheiratet?

Rasch überflog er die versammelte Gästeschar, die die elegante Kirche bis auf den letzten Platz ausfüllte. Die geschiedenen, aber immer noch freundschaftlich verbundenen Eltern des Bräutigams saßen natürlich in der ersten Reihe und weinten hemmungslos. Wenn die beiden nicht spätestens am Ende des Monats erneut vor den Altar traten, dann wollte Cal nicht mehr Cal heißen.

Seine eigenen Eltern, die ehrenwerten Gilchrists, ein Paar, das den Hinweis „bis dass der Tod euch scheide“ so ernst nahm, dass es ihn nicht wundern würde, wenn sie sich eines Tages gegenseitig erwürgten, saß natürlich auf dem zweitbesten Platz direkt hinter den Halliburtons.

Von der fünften Reihe aus winkte ihm Damiens Tante Gladys kokett zu. Cal winkte zurück, woraufhin die ältere Dame beinahe auf der Stelle in Ohnmacht fiel.

Unbewusst nahm er viele bekannte und unbekannte Gesichter wahr, darunter einige, die er nicht unbedingt wiedersehen wollte.

Aber halt! Hatte er da nicht eben lange braune Locken gesehen, dazu ein Paar strahlend blauer Augen, eingerahmt von unglaublich langen Wimpern, und dazu ein wundervoll sinnlicher, verführerischer Mund, für den jeder Mann sterben würde?

Ava …

Ihr Name tauchte für ihn wie aus dem Nichts auf, ähnlich einer Explosion, die ihn in seinen Grundfesten erschütterte.

Blitzschnell suchte er erneut die Reihen ab, auch wenn ihm klar war, dass seine Fantasie ihm einen Streich gespielt haben musste.

Obwohl – rein theoretisch konnte er sie gesehen haben. Immerhin war sie Damiens Schwester. Doch sein Freund hatte nie erwähnt, dass sie nach beinahe zehn Jahren extra aus Boston zur Hochzeit anreisen würde. Hätte Damien etwas in die Richtung angedeutet, wäre es Cal ganz bestimmt nicht entgangen.

Doch jetzt sah er nur unbekannte Gesichter, von denen keines ein solches Herzrasen in ihm auslöste, wie es das ihre tat. Oder genauer gesagt: getan hatte. Vor langer, langer Zeit, in einem anderen Universum …

Als er Ava das letzte Mal gesehen hatte, war er ein zweiundzwanzigjähriger BWL-Absolvent gewesen, der sich bedenkenlos seines Familiennamens bediente, um vorwärtszukommen. Sie dagegen war eine hochbegabte Studentin der Geisteswissenschaften, die bereit war, notfalls bis ans Ende der Welt zu gehen, um einen Ort zu finden, an dem niemand ihren Familiennamen kannte.

Schon seit Highschool-Zeiten waren sie befreundet, mindestens ebenso lange bekämpften sie sich, und für eine einzige Nacht waren sie zu Liebenden geworden – exakt einen Tag, bevor Ava nach Harvard gereist war, um ein Stipendium anzutreten, das man ihr dort gewährt hatte. Es war die erste von diversen Universitäten, die sie besuchte. Sie ging, ohne einen Blick zurückzuwerfen. Sie schrieb keine Postkarten, keine Briefe und keine E-Mails, und sie rief auch nicht an.

Cal runzelte die Stirn. Er hatte jetzt jede Reihe abgesucht und konnte keine braunen Locken mehr entdecken, ebenso wenig wie rauchblaue Augen oder rosige Lippen. Vermutlich hatte er sich nur eingebildet, ihr Gesicht gesehen zu haben. Immerhin hatte er sich schon immer wie ein Narr benommen, wenn es um Ava Halliburton ging …

„Cal?“

Cal starrte den Bräutigam verständnislos an, während ein kaum unterdrücktes Lachen durch die Reihen ging.

„Du bist dran, alter Freund“, sagte Damien.

„Womit genau?“

„Der Ring?“, erwiderte Damien und dabei spielte ein Lächeln um seine Lippen, das Cal deutlich sagte, dass er ihn nicht zum ersten Mal angesprochen hatte.

„Ja, richtig“, sagte Cal leise. „Es tut mir leid, ich war meilenweit weg.“

„Das ist nicht unbedingt das, was ich in diesem Moment hören möchte.“ Damien lächelte zwar noch immer, doch es war deutlich, dass ihm allmählich der Geduldsfaden riss.

Rasch griff Cal in die Innentasche seines Smokings und fischte einen mit Diamanten besetzten Weißgoldring heraus. Beinahe noch schneller ließ er ihn in Damiens offene Handfläche fallen, damit nur ja nichts von der unwillkommenen Romantik des Schmuckstücks auf ihn abfärbte.

Von da an war die Trauung im Eiltempo vorbei.

Der beste Part war der Kuss. Damien fasste seine Chelsea um die Taille, beugte sie so weit nach hinten, dass ihr Haar beinahe den Boden berührte, und gab ihr einen derart heißen Kuss, dass die ungefähr zweihundert Gäste in laute Jubelrufe ausbrachen.

Das ist mein Damien, dachte Cal, der froh war, dass sich sein Freund nicht zu einem kompletten Weichei entwickelt hatte, jetzt wo er in die Fänge einer Ehefrau geraten war.

Arm in Arm mit Chelseas Schwester, die ihn fröhlich anlächelte, folgte er dem frisch vermählten Paar den Gang hinunter. Am Ausgang angekommen, täuschte er Desinteresse und Langeweile vor, während er in das helle Licht eines Fotoapparats blickte.

„Einen Moment lang hatte ich schon Angst, du würdest uns in Ohnmacht fallen“, neckte Kensey.

Cal lächelte kurz. „Ich? In Ohnmacht? Nie im Leben, Honey.“

„Dann bist du also ein Fan von großen weißen Hochzeiten, ja?“

„Es gäbe nichts, wo ich lieber wäre an einem Samstagnachmittag.“

„Wirklich? Dann muss ich es mir wohl eingebildet haben, dass du plötzlich kalkweiß geworden bist und aussahst, als hättest du ein Gespenst erblickt.“

„Ja, das musst du dir wirklich eingebildet haben.“

Dennoch konnte er sich nicht verkneifen, noch einmal nach links zu schauen, auf der Suche nach einem Paar hübscher blauer Augen und langem dunklem Haar.

Was für ein verdammter Narr er doch war.

Nachdem bestimmt eine Stunde lang am Strand Fotos gemacht worden waren, stieg Cal endlich vor dem Haus der Halliburtons am Ende des Stonnington Drive aus seiner Limousine aus.

Er streckte seine verkrampften Glieder, dann schaute er ganz unwillkürlich rauf zum zweiten Stock, zum dritten Fenster von rechts.

Avas Schlafzimmerfenster.

Innerhalb von zwei Herzschlägen verwandelte er sich wieder von einem zweiunddreißigjährigen erfahrenen Geschäftsmann zu einem Zwanzigjährigen, der seine Hormone nicht im Griff hatte und sich fragte, ob Ava dort oben war, ob sie schlief, ob sie lernte, sich anzog, sich auszog …

An diesem Tag war das Fenster geschlossen. Kein Licht hinter den Vorhängen zu sehen. Sein Verstand kam zur Ruhe.

Mit seinen Hormonen verhielt es sich anders.

Rasch umrundete er das massive Haus und hoffte, dass die Bewegung ein wenig die Anspannung lockern würde, die er seit der Kirche verspürte.

Auf dem perfekt gepflegten Rasen der Halliburtons waren zwei große Festzelte aufgebaut worden, die hell erleuchtet waren und wie ein Traum aus Tausendundeiner Nacht aussahen. Zwischen den Zelten befand sich eine etwa zehn Meter breite Lücke, in die man direkt unter den Sternen eine großzügige Tanzfläche montiert hatte. Große runde Tische waren festlich gedeckt mit feinstem Porzellan, auf Hochglanz poliertem Tafelsilber und funkelnden Kristallgläsern.

Cal holte tief Luft, schob die Hände in die Taschen seiner Smokinghose und betrat das erste Zelt. Rasch prägte er sich die verschiedenen Ausgänge ein, freundete sich mit einem der vorbeieilenden Kellner an, sodass ihm mit Sicherheit als Erstem die Horsd’œuvres serviert werden würden, und ging dann mit direkten Schritten auf die nächste Bar zu.

Er bestellte einen Whisky und setzte gerade zum ersten Schluck an, als er eine viel zu vertraute weibliche Stimme hinter sich hörte. „Cal Gilchrist, wie er leibt und lebt.“

Er stieß mit dem Glas gegen die Zähne und schluckte mehr als auf nüchternen Magen gut war.

„Nun, wenn das nicht die kleine Ava Halliburton ist. Höchstpersönlich“, sagte er im Umdrehen mit einem nonchalanten Lächeln.

Ihre dunklen Locken waren noch genauso lang und sexy wie mit neunzehn und das Blau ihrer Augen mindestens ebenso strahlend. Um ihren sinnlichen Mund spielte ein zauberhaftes Lächeln, und ihre Wangen waren gerötet.

Sie hatte sich kein bisschen verändert.

In diesem Moment tauchte von irgendwoher ein entfernter Verwandter auf und forderte ihre Aufmerksamkeit für sich. Ava warf Cal einen kurzen, um Entschuldigung heischenden Blick zu, ehe sie sich abwandte und ausgiebiges Wangentätscheln über sich ergehen ließ, zusammen mit Bemerkungen wie: „Ich kannte dich schon, als du noch sooo klein warst.“

Cal trat einen Schritt zurück, hin zur Bar, wo er sein Glas abstellen konnte und dankbar war, um sich einen Moment sammeln zu können.

Ava Halliburton. Es war eine ganze Weile her, seit dieser Name ihn dazu gebracht hatte, die Hände zu Fäusten zu ballen.

Mit zweiundzwanzig, verwirrt und unsterblich verliebt, gerade mal wenige Stunden nach der aufregendsten, zärtlichsten, aufwühlendsten Nacht seines jungen Lebens, da war er ihr zum Flughafen gefolgt, und fünf Minuten bevor ihr Flug aufgerufen wurde, hatte er sie – Narr, der er war – gebeten, bei ihm zu bleiben.

Und es war ihm ernst gewesen. In diesem verrückten Moment war er bereit, jeden Gedanken an eine andere Frau zu vergessen, wenn er nur sie haben konnte.

Denn in ihren warmen, willigen Armen hatte er zum ersten Mal das Gefühl absoluten Glücks erlebt.

Ja, Glück, ganz richtig.

Und sie hatte gerade mal eine halbe Sekunde gebraucht, um abzulehnen und das Flugzeug zu besteigen.

Gott sei Dank, hatte er in den vergangenen zehn Jahren in genug zauberhafte Augen geblickt, sodass Ava Halliburton nie wieder eine solche Wirkung auf ihn haben konnte wie damals.

Zumindest glaubte er daran, bis er sah, wie Ava mit einer Hand an einer dünnen Lederkette um ihren Hals spielte.

Eine lange, dünne, braune Lederkette. Eine, die derjenigen verdammt ähnlich sah, die er ihr zusammen mit einem Holzmedaillon einmal zum Geburtstag geschenkt hatte. Mit einem Foto von sich darin, als Scherz. Sie hatte es drin gelassen. Jahrelang.

Das letzte Mal hatte er das Medaillon in jener Nacht gesehen, die sie zusammen verbracht hatten.

Cals Blick blieb wie gebannt an Avas Fingern hängen, die weiterhin mit dem Lederband spielten. Das Band verschwand im Ausschnitt ihres Kleids, sodass er nicht wissen konnte, was sie nun dort über ihrem Herzen verwahrte. Ganz kurz gestattete er sich, darüber nachzudenken.

In der Zwischenzeit verabschiedete sich der Cousin dritten Grades, und Ava drehte sich wieder zu Cal um – noch immer spielte ein kleines Lächeln um ihre Lippen. Mit einem Mal interessierte ihn die Kette bei Weitem nicht mehr so sehr wie diese Lippen, die so verführerisch schimmerten.

„Es war eine sehr schöne Trauung, findest du nicht?“, fragte Ava und wandte sich ab, um den Blick über die Hochzeitsgesellschaft schweifen zu lassen.

Sie gab sich verdammt cool. Nun, sie war in diesem Fach noch nicht auf ihren Meister gestoßen. Mach dich auf eine Eiszeit gefasst, Baby …

„Absolut perfekt“, erwiderte er frostig.

„Und hast du jemals solche Sterne gesehen?“

„Wenn ich hochgeblickt habe. Sicher.“

„Es ist die perfekte Nacht für ein Fest im Freien.“ Ihre Nase kräuselte sich leicht. „Obwohl es noch regnen wird.“

„Hast du unter deinem Kleid irgendwo ein Barometer versteckt?“

Um ihre Mundwinkel zuckte es. „Das brauche ich nicht. Schau dir die Wolken da drüben im Osten an. Gewitterwolken. Die bringen Regen. Aber erst spät in der Nacht. Alles andere hätten meine Eltern sich auch verbeten.“

Cal straffte die Schultern, bis er merkte, dass er sich ganz allmählich entspannte. Normalerweise war er immer entspannt. Allerdings war es ihm noch nie so schwergefallen wie in diesem Augenblick.

Er beugte sich ein wenig vor. „Wollen wir für die Weddingplanerin hoffen, dass es nicht regnet, denn andernfalls wird sich deine Mutter vermutlich weigern, die Rechnung zu bezahlen, während dein Vater sich einen Monat lang in seinem Arbeitszimmer verschanzt und froh ist um die Ausrede, es tun zu dürfen.“

Anstatt sein Bemühen, die Situation aufzulockern, mit einem breiten Lächeln zu quittieren, lächelte Ava nur ganz knapp. Nervös schwenkte sie den Champagner in ihrem Glas – ein deutliches Zeichen dafür, dass sie nicht so gelassen war, wie sie vorgab zu sein.

Ja, sie arbeitete genauso hart an dieser Konversation wie er.

Rasch blickte er zur Seite, damit sie nicht gleich erriet, wie es um ihn stand.

Wo zum Teufel war der Kellner mit den Horsd’œuvres, wenn man ihn wirklich brauchte?

2. KAPITEL

„Ich bin wirklich froh, dass ich dir jetzt über den Weg laufe, wo die Party noch ihren geregelten Gang geht“, sagte Ava.

Was glaubst du denn, was uns noch bevorsteht?“, fragte Cal.

„Der DJ ist ein Cousin von mir.“

„Verstehe. Dann wäre es wohl eine echte Überraschung, wenn er Musik auflegt, die neuer als neunzehnhundertfünfundachtzig ist.“

Ava lächelte. Sie schaute zur Seite, dann wieder zurück zu ihm. „Damien hat mir erzählt, dass du Ende letzten Jahres in New York warst.“

Was für ein Übergang, dachte Cal. „Ja, das war ich. Rein geschäftlich. Kurz rübergeflogen und gleich wieder zurück.“

„Ich kann nicht glauben, dass du mich nicht besucht hast. Du hättest gut einen Abstecher nach Boston machen können.“

„Ich habe einen halben Tag am Flughafen verbracht. Der Zeitplan hat es nicht zugelassen.“

Sie nickte und schluckte mehrfach. Ihre Stimme klang heiser, als sie flüsterte: „Ich habe dich vermisst, weißt du.“

Und einfach so, mit dem leisesten Hauch von Verletzlichkeit, machte Ava Cals stoischen Widerstand zunichte. Plötzlich spürte er ein brennendes Verlangen, ihren Arm zu berühren, mit dem Daumen über die Konturen ihrer Unterlippe zu streichen, einen Finger unter das Lederband zu schieben, es herauszuziehen und die verborgenen Geheimnisse des Medaillons zu enthüllen.

Reiß dich zusammen, Cal, ermahnte er sich selbst. Ava Halliburton hatte schon immer nichts als Schwierigkeiten bedeutet, und er tat gut daran, das nicht zu vergessen.

Nachdem sie beide eine Weile betreten geschwiegen hatten, räusperte sich Ava und blickte auf ihre Schuhe hinunter. „Ich habe euch alle vermisst. Unheimlich. Heute ist mir zum ersten Mal richtig bewusst geworden, wie lange ich schon nicht mehr hier war. Mein Cousin, der DJ, war acht, als ich ging, und jetzt …“

„Jetzt bedient er den Plattenteller wie kein Zweiter.“

„Genau.“

Sie sah ihn an, und wieder mal fiel ihm auf, wie unglaublich lang ihre Wimpern waren. Er hatte sie immer für ihren größten Vorzug gehalten, doch jetzt lieferten sie sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit ihren sinnlichen Lippen. Cal kämpfte gegen widerstreitende Gefühle an.

„Schön zu sehen, dass du dich endlich von deinen Vorlesungen und Studiengruppen losreißen konntest, um den großen Tag deines Bruders zu feiern“, sagte er schließlich.

Ein Funkeln trat in ihre himmelblauen Augen, und sie lächelte so breit, dass sich mehrere reizende Grübchen bildeten. Der Himmel steh ihm bei!

„Es ist genauso schön zu sehen, dass du immer noch derselbe Witzbold bist wie eh und je. Ich kann nicht glauben, dass Damo dreimal nach dem Ring fragen musste. Es wird die Geschichte sein, die sie bei jedem Hochzeitstag erzählen.“

Cal verneigte sich kurz. „Ich bemühe mich immer zu gefallen.“

„Hm“, murmelte sie und schaute viel zu schnell von ihm fort, um ihren Blick erneut über die Gästeschar schweifen zu lassen. „Jetzt erinnere ich mich wieder daran, dass du schon immer gern im Rampenlicht gestanden hast.“

Sie erinnerte sich jetzt daran? Wie schmeichelhaft. „Während du immer vorgezogen hast, jeglicher Aufmerksamkeit zu entfliehen, ganz so als könntest du dich daran verbrennen“, entgegnete er.

Das Funkeln in ihren Augen verblasste. Ganz leicht. Dennoch genug, um zu erkennen, dass er den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. Es verschaffte ihm weniger Befriedigung, als er gedacht hätte.

Hastig führte sie ihr Champagnerglas an die Lippen und nippte daran. Sein Blick folgte der Bewegung, und so sah er, dass sie keinen Ring trug.

Das Letzte, was er gehört hatte, war, dass sie mit einem Professor zusammenlebte, der ungefähr doppelt so alt war wie sie. In den vergangenen Jahren hatte es viele solcher Geschichten gegeben – Geschichten von unpassenden und wesentlich älteren Männern, von immer wieder gebrochenen Herzen und daraus resultierenden Uni-Wechseln, die sie von einem Ende der Welt ans andere trieben.

Als er aufblickte, stelle er fest, dass sie ihn musterte. Mehr als das – sie begutachtete jeden einzelnen Zentimeter seines Gesichts.

„Wie ich sehe, haben sich manche Dinge doch geändert. Du hattest nie zuvor einen Dreitagebart“, bemerkte sie mit einem Lächeln.

Spontan streckte sie die Hand aus, doch sie stoppte wenige Millimeter vor seinem Gesicht, sodass sie nur Luft berührte, während sie die Konturen nachzeichnete.

„Dir ist wohl nicht in den Sinn gekommen, dass du dich für den Anlass hättest rasieren können?“, fragte sie.

Cal nutzte die Gelegenheit, um sich mit einer Hand über den Bartansatz zu fahren – es kratzte leicht, was ihn gnädigerweise von den anderen Sinneseindrücken ablenkte, die seinen Körper und Geist aufs Äußerste beschäftigten.

Der Anblick ihrer seidigen Locken und samtweichen Haut, der Duft eines Parfums, das er nicht identifizieren konnte und dennoch nie vergessen würde, die sanft schimmernden Lippen, die er das letzte Mal geküsst hatte, kurz bevor sie weggegangen war … und ihn damit jeder Sorglosigkeit beraubt hatte.

„Nein“, sagte er gedehnt und ließ seine Hand wieder sinken, um mit seinem Whiskyglas zu spielen. „Heutzutage gehe ich als Schurke durch, wusstest du das nicht? Wenn ich mich rasieren würde, würde man mich nicht mehr ernst nehmen.“

„Oh ja natürlich, du willst dein Publikum nicht enttäuschen.“

Er lächelte leicht. „Ich habe noch nie enttäuscht“, entgegnete er seidig.

In der Vergangenheit hätte sie die Stirn gerunzelt, insgeheim wissend, dass seine Worte eine doppelte Bedeutung hatten, und wenn sie sie herausgefunden hätte, wäre sie errötet. Jetzt hielt sie seinem Blick mühelos stand.

Sie erwiderte sein Lächeln und nickte leicht, beinahe unmerklich. Vielleicht hatte die kleine Ava Halliburton tatsächlich die Zeit gefunden, zwischen all ihren Unikursen erwachsen zu werden.

„Sei vorsichtig“, warnte er sie. „Die Leute werden anfangen, Spekulationen anzustellen, wenn du zu lange bei mir stehst. Du riskierst deinen guten Ruf.“

„Ich werde es überleben.“

Cal trat von einem Fuß auf den anderen, weil ihn eine plötzliche Hitze erfasste. Bevor er jedoch die Chance hatte, herauszufinden, wie erwachsen sie tatsächlich geworden war, richtete sie ihren Blick erneut nach oben.

Er schaute ebenfalls hinauf, um zu sehen, was sie dort derart faszinierte, und da erblickte er Abermillionen von funkelnden Sternen.

Ava seufzte. „Wusstest du, dass Galileo sechzehnhundertzweiundvierzig gestorben ist – das Jahr, in dem Isaac Newton geboren wurde?“

Cal musste lächeln. Jede andere Frau hätte viel Theater um den romantischen Anblick von Mond und Sternen gemacht, doch nicht Ava. Auch wenn ihre gemeinsame Vergangenheit keine besonders glückliche war und er nicht genau wusste, wo sie jetzt miteinander standen, musste er doch zugeben, dass sie in jeder Hinsicht außergewöhnlich war.

Er lehnte sich an die Bar und fragte: „Wie läuft’s an der Uni?“

Sie blickte noch ein paar Sekunden zum Sternenhimmel empor, ehe sie sich wieder ihm zuwandte. „Es läuft gut.“

„Und was ist jetzt dein Hauptfach? Ich verliere immer den Überblick.“

„Ich schreibe gerade an meiner Doktorarbeit in Anthropologie.“

„Heißt das, dass ich dich bei unserem nächsten Treffen Dr. Halliburton nennen muss? Beeindruckend.“

Sie antwortete nicht, sondern lächelte nur unergründlich.

„Dann bist du also immer noch der Liebling der Lehrer.“

Irgendein ungenanntes Gefühl flackerte in ihren Augen auf, flüchtig wie Quecksilber, dann war es schon wieder vorbei. „Wenn du dich genau erinnerst, dann wirst du wissen, dass ich nie der Liebling der Lehrer war. Dazu habe ich immer viel zu viele lästige Fragen gestellt, von denen ich heute weiß, dass keiner sie wirklich mag.“

Cal lachte leise. Ihm war immer alles in den Schoß gefallen. Aber Ava Halliburton bedeutete harte Arbeit für ihn. Sie ging keiner Diskussion aus dem Weg, gab nie auch nur einen Zoll nach. Sie war eine Herausforderung, und es gab nichts, was Cal lieber mochte.

Los, Junge.

„Hast du deine Eltern schon gesehen?“, fragte er.

Sie blickte auf ihr Glas hinunter. „Bislang ist es mir gelungen, dieser kleinen Wiedervereinigung aus dem Weg zu gehen.“

Er konnte es ihr nicht mal verübeln. Seit der Scheidung ihrer Eltern hatte sie kaum drei Worte mit ihrem Vater gewechselt, und ihre Mutter, die zwar eine großartige Tischnachbarin bei jeder Dinnerparty war, entsprach dennoch allzu sehr den Klischees der Frauen, die am Stonnington Drive lebten: viel zu viel plastische Chirurgie, noch mehr Egozentrik und viel zu wenig mütterliche Wärme.

„Übernachtest du hier?“, fragte er, wobei er eigentlich wissen wollte, wie lange sie bleiben würde.

„Nein, im Hotel“, entgegnete sie und schüttelte den Kopf, was ihre dunklen Locken zum Tanzen brachte.

Cal schob die Hände in die Hosentaschen. Er wollte sich davon abhalten, ihr das Haar aus der Stirn zu streichen, damit er ihr Gesicht besser sehen konnte. Sie hatte schon immer so ein bezauberndes Gesicht gehabt.

Nachdenklich blickte Ava zu dem prächtigen Haus hinüber, in dem sie groß geworden war. „Weißt du, dass dies das erste Mal in beinahe zehn Jahren ist, dass ich wieder an diesem Ort bin?“

Neun Jahre und vier Monate. Cal wusste es nur zu genau, und darüber ärgerte er sich maßlos.

Aus dem Augenwinkel heraus sah er, wie Damien vom anderen Ende des Zeltes heftig zu ihm herüberwinkte. Seine Gesten bedeuteten, dass es wohl an der Zeit für weitere Fotos war.

„Dann schätze ich, dass du noch mit einer ganzen Menge Leute reden willst“, erklärte Cal. „Ich sollte dich nicht so in Beschlag nehmen.“

Entschlossen straffte er die Schultern und trat einen Schritt zurück. ...

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