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Ein Playboy zum Küssen

Marie Ferrarella

Ein Playboy zum Küssen

1. KAPITEL

Mit dem Red, einem der beliebtesten Restaurants in Red Rock, Texas, hatten sich José und Maria Mendoza einen lang gehegten Traum erfüllt. An diesem Silvesterabend war es zwar geschlossen; dennoch herrschte Hochbetrieb. Der großzügige Mäzen Emmett Jamison hatte die Räume gemietet. Er und seine Frau Linda hatten die Schirmherrschaft der Fortune Foundation, die diese Feier ausrichtete. Die Wohltätigkeitsgesellschaft gab es seit vier Jahren.

Auch die Gäste, die an der Silvesterparty teilnahmen, hatten allesamt wichtige Funktionen in der Organisation. Sie waren aus einem Umkreis von fünfzig Meilen angereist und hatten weder Kosten noch Mühen gescheut, um an der Party teilzunehmen.

Außerdem waren zahlreiche Freunde anwesend, darunter viele Mitglieder der Familie Mendoza. Und da die ehemalige umgebaute Hacienda die Menschenmenge nicht fassen konnte, waren einige der Gäste trotz der kühlen Temperatur in den Innenhof ausgewichen. Dort standen sie allerdings so dicht gedrängt beieinander, dass sie sich gegenseitig wärmten.

Das fröhliche Stimmengewirr vermischte sich mit der Musik, die aus der altmodischen Jukebox oder von der fünfköpfigen Combo kam. Maria hatte sie auf Drängen ihres Sohnes Jorge engagiert. Weihnachtslieder folgten auf mexikanische Weisen und Country Music – ein typisch texanisches Potpourri.

Dem Lärmpegel nach zu urteilen, amüsierten sich die meisten Gäste prächtig. Die einzige Schwierigkeit bestand darin, sich auf der Suche nach Bekannten einen Weg durch die Menge zu bahnen.

Deshalb packte Jack Fortune die Gelegenheit beim Schopf, als er seinem Schwager Jorge über den Weg lief, der gerade einer hübschen jungen Frau einen Fruchtcocktail auf den Tisch stellte. Er legte ihm den Arm um die Schultern und bemerkte gut gelaunt: „Es geht das üble Gerücht, dem zufolge Jorge Mendoza heute Abend allein hier ist.“

Als er Jacks Stimme hörte, ließ Jorge das Tablett sinken, mit dem er sich hatte verteidigen wollen.

„Aber ich habe deinen Ruf wiederhergestellt“, fuhr Jack fort und ließ Jorge los, „und allen versichert, dass das an Silvester absolut unmöglich ist.“

„Ich fürchte, da hast du nur deine Zeit verschwendet“, erwiderte Jorge und sah dem Mann ins Gesicht, der die Welt seiner Schwester Gloria auf den Kopf gestellt hatte. „Das Gerücht stimmt. Ich bin allein hier.“

Dafür gab es einen guten Grund, doch den behielt Jorge für sich. Seine derzeitige Freundin Edie ließ keine Gelegenheit ungenutzt verstreichen, Andeutungen über eine Verlobung zu machen. Obwohl sie gerade einen Monat lang zusammen waren, erwartete sie bereits eine verbindliche Zusage. Es war zwar eine sehr schöne Zeit mit einigen erinnerungswürdigen Augenblicken gewesen, aber dennoch betrachtete er keinen davon als so weltbewegend, dass er sich zu einer dauerhaften Beziehung durchringen konnte.

Sie nicht zu dieser Silvesterparty mitzunehmen, war seiner Meinung nach ein unmissverständliches Signal. Er hoffte, sich auf diese Weise still und heimlich aus der Affäre stehlen zu können.

„Ist es etwas Ernstes?“, erkundigte sich Jack.

Verwirrt beugte Jorge sich vor. „Was?“

„Deine Krankheit. Du bist doch krank, oder? Das muss der Grund sein, warum du niemanden mitgebracht hast. Ich habe dich noch nie länger als – na, sagen wir mal, fünfzehn Minuten – ohne weibliche Begleitung gesehen.“ Jorge wechselte die Frauen wie andere Männer die Hemden. „Immerhin erzählt man sich, dass du schon am Tag deiner Geburt auf der Säuglingsstation versucht haben sollst, eine Praktikantin anzumachen.“

Um Jorges dunkelbraune Augen bildeten sich Lachfalten. Amüsiert schüttelte er den Kopf. „Nein, ich bin nicht krank, Jack. Ich will einfach bloß Ma und Pop heute Abend helfen. Servieren, hinter der Bar stehen, Drinks mixen …“

„… und mit jeder Frau unter hundert flirten“, beendete Gloria den Satz ihres älteren Bruders, als sie sich zu ihm und ihrem Mann gesellte. Ohne Jorge aus den Augen zu lassen, hakte sie sich bei Jack ein.

„Genau.“ Jorge sah keinen Grund zum Widerspruch. Wann immer es möglich war, machte er sich ein schönes Leben. Ein Flirt gehörte unbedingt dazu. Er setzte sein unwiderstehliches Lächeln auf und wiederholte: „Aber heute Abend bin ich nur zum Helfen hier.“ In vertraulichem Ton fuhr er fort: „Hätte ich jemanden zur Party mitgebracht, würde Ma sofort wieder etwas Ernstes vermuten. Ihr wisst doch, wie sie ist.“ Bei seinen – mittlerweile verheirateten Schwestern – hatte Maria Mendoza sich genauso verhalten. „Schlag Mitternacht würde sie Einladungen für die Hochzeitsfeier schreiben.“ Nach kurzem Überlegen verbesserte er sich: „Wahrscheinlich sogar schon vorher.“

„Ma möchte eben, dass du glücklich bist, großer Bruder“, schaltete Christina sich ins Gespräch ein. Hand in Hand mit ihrem Mann Derek hatte sie sich einen Weg zu den dreien gebahnt.

Vielsagend zwinkerte Jorge Christina zu. „Ma und ich haben sehr unterschiedliche Auffassungen von Glück.“

„Das kann man wohl sagen“, stimmte Sierra ironisch zu, als sie sich mit ihrem Mann Alex dem spontanen Familientreffen anschloss. „Ma möchte, dass du heiratest und eine Familie gründest. Du aber willst von Frau zu Frau flattern wie eine Biene von Blüte zu Blüte.“

Jorge verdrehte die Augen. „Immerhin bin ich eine glückliche Biene“, betonte er.

Gloria schnitt eine Grimasse. Bei Jorge waren wirklich Hopfen und Malz verloren. Er würde sein Leben lang ein Playboy bleiben. „Du bist ein hoffnungsloser Fall“, seufzte sie.

Wieder sah er keinen Anlass, ihr zu widersprechen. So war er nun mal – ein Mann, der die Frauen liebte. Und da draußen gab es viele, die man lieben konnte. „Genau“, meinte er mit dem jungenhaften Grinsen, das die Frauen regelmäßig schwach werden ließ.

Er beugte sich zu Gloria hinüber, als wollte er ihr etwas Vertrauliches gestehen. „An deiner Stelle würde ich es aufgeben, mich ändern zu wollen. Und jetzt geh mit deinem Mann tanzen, Glory“, forderte er sie auf, bevor er sich seinen beiden anderen Schwestern zuwandte. „Und ihr auch, Sierra und Christina. Hört auf, das Personal zu belästigen. Ich muss Drinks mixen und sie schönen Frauen servieren.“ Damit drehte er sich um und verschwand in der Menge.

Seufzend schüttelte Gloria den Kopf. „Was für ein bedauernswerter Mann.“

Jack befolgte den Vorschlag seines Schwagers. Er legte die Hand auf Glorias Rücken und begann, sich im Takt der Musik zu bewegen. „Ich weiß nicht. Auf mich macht er gar keinen so bedauernswerten Eindruck.“

Männer können so begriffsstutzig sein, dachte Gloria. Sie sehen nur die Fassade und nicht dahinter. „Hast du schon mal von dem Lied gehört, in dem es heißt: ‚Doch wie’s da drinnen aussieht, geht niemanden etwas an‘?“

Jack war klug genug, zu wissen, dass er diese Diskussion nicht gewinnen konnte – vor allem nicht an Silvester. „Du hast vollkommen recht“, stimmte er ihr deshalb ernst zu. „Jorge ist ein sehr unglücklicher Mann.“

Zwar entging Gloria sein Sarkasmus nicht, aber sie wollte keinen Streit. Jorge sollte nur ebenso glücklich sein wie sie selbst. Für sie war die Ehe die bei Weitem bessere Alternative zum Single-Dasein – wenn man mit dem richtigen Menschen zusammen war. „Kennst du nicht jemanden für ihn?“, fragte sie unvermittelt, als Jack sich mit ihr auf der engen Tanzfläche drehte.

„Das halte ich allerdings für keine gute Idee“, gab Jack zurück. Und als Gloria ihn fragend anschaute, fügte er hinzu: „Du weißt doch, dass Jorge es hasst, wenn man sich in seine Angelegenheiten mischt.“

Es war ja nur zu seinem Besten. „Ich finde es nur traurig, dass er immer allein ist.“

Jack warf einen Blick über seine Schulter. Jorge stand wieder hinter der Bar, mixte Drinks und redete mit einer üppigen Blondine, deren Kleid ein paar Nummern zu klein zu sein schien. Sie hing geradezu an seinen Lippen.

„Glaub mir, Glory, Jorge ist nie länger als vier Minuten allein. Höchstens fünf.“

Gloria schaute zu ihrem Bruder. Sie sah die Sache etwas anders. Diese Frau war ein dummes Blondchen. Kaum die Richtige für ein Happy End. „Männer“, schnaubte sie.

Jack grinste übers ganze Gesicht. „Schön, dass du’s gemerkt hast!“ Seine Augen blitzten, als er seine Frau betrachtete. Sie sah noch immer so umwerfend und sexy aus wie an jenem Tag, als er sich in sie verliebt hatte. „Was meinst du? Sollten wir nicht direkt nach Mitternacht …“ Er beugte sich hinunter und flüsterte ihr den Rest des Satzes ins Ohr.

Gloria sah ihn aus großen Augen an. Dann lächelte sie und nickte zustimmend. Gedanken an Jorge rückten in den Hintergrund. Sehr weit in den Hintergrund. „Einverstanden“, sagte sie ihrem Mann und schmiegte sich an ihn.

Die Antwort gefiel ihm. Zufrieden tanzte Jack weiter mit seiner Frau.

Für einen kurzen Augenblick machte Maria Mendoza sich keine Gedanken darüber, ob das Essen für alle reichte, sondern ließ ihren Blick über die Menge der fröhlich Feiernden schweifen. Als sie einen Schritt zurücktrat, stieß sie mit Patrick Fortune zusammen, dem pensionierten Vorstandsvorsitzenden von Fortune-Rockwell und Vater von fünf Kindern, die alle auf der Party waren. Schon seit Jahrzehnten gehörte er zu ihren engsten Freunden.

„Dein Sohn macht meine Tochter sehr glücklich“, sagte sie zu Patrick. Vor einigen Jahren hatte sie sich an ihn gewandt und gebeten, nach einem Mann für ihre Tochter Gloria Ausschau zu halten, als diese eine schwere Zeit durchmachte.

Als sie sich mit dem stattlichen, vornehmen, rothaarigen Mann an ihrer Seite unterhielt, konnte sie ihren mütterlichen Stolz nicht verbergen.

Patrick hob sein Weißweinglas zuprostend in die Richtung seines Sohnes und seiner Schwiegertochter. Ihm gefiel die Verbindung ebenso sehr wie Maria. Es war schön, dass sein Sohn Jack endlich sein Glück gefunden hatte. „Das ist ganz gut gelaufen, wie?“, meinte er zufrieden.

„Und es war alles dein Werk“, gestand Maria ihm neidlos zu.

Bescheiden wie immer wehrte Patrick ab. „Ich habe ihn doch nur gebeten, Gloria bei der Eröffnung ihres Schmuckladens zu unterstützen. Der Rest war Chemie.“

„Chemie.“ Maria nickte nachdenklich. „Und jede Menge Kerzen und Gebete an die Heilige Jungfrau“, fügte sie überschwänglich hinzu. Mit einem Seufzer dachte sie an ihre beiden Söhne. „Aber bei Jorge – oder Roberto – scheinen die unzähligen Gebete nichts zu nützen.“ Die beiden bereiteten ihr ziemlich viel Kummer. „Roberto bedeutet die Familie so wenig, dass er nicht einmal die Feiertage mit ihr verbringen will.“ Er wohnte weit weg in Denver. Zweimal hatte sie ihren Ältesten angerufen – und immer nur auf den Anrufbeantworter sprechen können.

Roberto hatte nicht auf die Anrufe reagiert.

Patrick wusste, wie schmerzhaft das sein konnte. „Der Junge hat viel zu tun, Maria“, beschwichtigte er sie.

„Junge?“, echote sie. „Ich bitte dich. Er ist schon vierzig.“

Sie müsste es eigentlich besser wissen, dachte Patrick. „Egal, wie alt sie sind – sie werden immer unsere Kinder bleiben.“ Er hatte sein Glas ausgetrunken und stellte es auf einen leeren Tisch. „Und genau aus diesem Grund machst du dir Sorgen, Maria“, fuhr er fort. Sein strahlendes Lächeln verlieh seinen Gesichtszügen einen noch aristokratischeren Ausdruck. „Hör auf damit. Es wird schon alles gut werden. Du hast sie zu anständigen Menschen erzogen. Alle beide. Manchmal brauchen sie eben etwas länger, um ihren Weg zu finden. Aber am Ende werden sie erfolgreich sein.“ Er lächelte ihr aufmunternd zu. „Hab einfach Vertrauen zu ihnen.“

Maria seufzte. Er glaubt das wirklich, dachte sie. „Du bist ein bemerkenswerter Mann.“

Patrick nahm Marias Hand und drückte sie sanft. „Mach dir keine Sorgen“, wiederholte er. „Und wenn es dir dadurch besser geht“, fügte er hinzu, „schaue ich mich gerne mal nach jemandem für Jorge um.“

„Vielen Dank, mein lieber Freund“, entgegnete Maria warmherzig.

In diesem Augenblick übertönte eine tiefe männliche Stimme das Stimmengewirr. „Maria. Ven aca. Ich brauche dich.“ Maria drehte sich um und entdeckte ihren Mann José, der sie ungeduldig in die Küche winkte. „Die Taquitos werden knapp.“

„Ich komme, Schatz!“, rief sie zurück. Die zierliche Frau dankte Patrick noch einmal und bahnte sich einen Weg durch die Menschenmenge.

Patrick Fortune blieb an seinem Platz stehen und beobachtete das Sorgenkind seiner alten Freundin intensiver.

Seiner Meinung nach wirkte Jorge Mendoza ganz und gar nicht wie ein bekümmerter, einsamer Mann. Selbst bei der Arbeit hinter der Bar schien er sich prächtig zu amüsieren. Er ging von einer schönen Frau zur nächsten, nahm ihre Bestellungen entgegen und flirtete mit ihnen. Vermutlich sammelte er auf diese Weise Namen und Telefonnummern. Der Kerl war ein echter Casanova, der seine Freiheit und die Jagd sichtlich genoss.

Doch irgendwann, davon war Patrick überzeugt, würde Maria Mendozas flatterhafter Sprössling selbst darauf kommen, dass Freiheit und Jagd bei Weitem nicht so wichtig waren wie die Liebe einer Frau – der richtigen Frau. Außerdem hielt Patrick ihn für einen Romantiker. Er glaubte fest daran, dass es für jeden Menschen den passenden Partner gab. Für ihn selbst traf das jedenfalls zu.

„Sieht so aus, als sei die Familie in voller Besetzung angetreten.“ Jack stellte sich neben seinen Vater und Emmett Jamison. Gloria stand ein wenig abseits und unterhielt sich mit Emmetts Frau Linda über eine Halskette, die sie in Auftrag geben wollte.

„Nicht ganz“, verbesserte Patrick ihn. Die Kinder seiner Schwester Cynthia waren zwar gekommen, sie selbst aber war der Einladung demonstrativ ferngeblieben. Offenbar ließ sich die Entfremdung zwischen ihnen nicht so schnell aus der Welt schaffen. „Ich möchte dich um einen Gefallen bitten, Emmett.“

„Geht’s um Geschäfte, Dad?“, wollte Jack wissen. „Du hast doch immer gesagt, Arbeit allein macht nicht glücklich …“

„Es ist etwas Familiäres“, erklärte er Jack, ehe er sich wieder Emmett zuwandte. „Meinst du, du könntest den Kindern meines Bruders William ein paar Aufgaben in der Stiftung besorgen? Es würde die Familie enger zusammenschweißen.“

Emmett war immer gern bereit, dem älteren Mann einen Wunsch zu erfüllen. „Ich werde sehen, was ich tun kann.“

Patrick klopfte ihm auf die Schulter. „Das ist sehr nett von dir.“

Patrick Fortune und Jorges Schwestern waren nicht die Einzigen, die den Playboy beobachteten. Auch Ricky, Emmetts Adoptivsohn, bewunderte Jorge ehrfürchtig. Außerdem war er neidisch auf Josh Fredericks. Rickys bester Freund hatte ein sehr einnehmendes Wesen. Mit seiner Freundin Lindsey spazierte der Siebzehnjährige Arm in Arm über die Party. Ricky mit seinen vierzehn Jahren dagegen mangelte es erheblich an Selbstbewusstsein.

Alle Anwesenden schienen in Begleitung zu sein – außer ihm selbst und dieser Frau, die allein da hinten in einer Ecke saß.

Wie zum Teufel schaffte Jorge das bloß? Er schien sich vor den Frauen kaum retten zu können, und wenn er sich mit ihnen unterhielt, hatten sie ein verklärtes Lächeln im Gesicht.

Ricky nahm all seinen Mut zusammen und ging hinüber zur Bar.

Es dauerte eine Weile, bis Jorge den Teenager bemerkte. Grinsend schüttelte er den Kopf. „Tut mir leid, Ricky, aber alles, was ich dir anbieten kann, sind eine Limonade oder eine Virgin Mary.“ Fragend schaute der Junge ihn an. „Das ist eine Bloody Mary ohne Alkohol“, erklärte er mit leiser Stimme, um Ricky nicht in Verlegenheit zu bringen, als er die Theke abwischte.

Ricky schüttelte den Kopf. „I…ch möchte nichts trinken“, stotterte er.

Jorge warf den feuchten Lappen hinter die Bar und beugte sich zu Ricky vor. Der Junge sah aus, als wollte er mit ihm reden, wüsste aber nicht, wie er anfangen sollte. Jorge empfand Mitleid für ihn. „Was kann ich denn sonst für dich tun?“

Ricky fühlte sich unsicherer und linkischer als je zuvor. Er räusperte sich nervös und schaute sich um, um sicherzugehen, dass ihn niemand hörte. Jetzt oder nie! „Ich möchte wissen, wie du das machst“, stieß er schließlich hervor.

Jorge verstand ihn nicht. „Was mache ich?“

„Wie schaffst du es, dass all die Frauen mit dir flirten?“, presste er nervös hervor. „Ich habe dich den ganzen Abend beobachtet. Es müssen mindestens zwanzig gewesen sein.“ Ob alt oder jung, in Jorges Gegenwart schienen sie alle aufzublühen.

„Sechsundzwanzig“, korrigierte Jorge ihn augenzwinkernd. Und dann fügte er wie nebenbei hinzu: „Sie haben Durst.“

„Sie kommen doch nicht wegen der Drinks an die Bar“, wandte Ricky ein. „Sie wollen mit dir reden.“ Er machte eine Pause, um neuen Mut zu sammeln. „Wie schaffe ich das?“, wollte er wissen. „Wie erreiche ich, dass sie zu mir kommen? Oder dass sie wenigstens nicht weglaufen, wenn ich zu ihnen komme.“

Jorge musste lachen. Er gab sich Mühe, dass es nicht so klang, als machte er sich über den Jungen lustig. Solche Probleme hatte er nie gehabt. Die Frauen waren immer auf ihn geflogen, sogar schon bevor er die Kunst des Flirtens für sich entdeckt hatte. Doch er fühlte mit dem Teenager, der so schrecklich schüchtern zu sein schien. „Sie laufen nicht vor dir weg, Ricky.“

Ricky wusste es besser. „Oh doch. Ich habe ein Mädchen aus meiner Klasse gefragt, ob sie heute Abend mit mir kommen wollte, und sie hat Nein gesagt. Sie …“, verlegen hielt er inne, als er nach den passenden Worten suchte, „… hat behauptet, ihre Mutter erlaubt ihr nicht, abends so lange wegzubleiben.“

Eine durchaus plausible Entschuldigung, dachte Jorge. Wenngleich auch die Mädchen, die er gekannt hatte, als er in Rickys Alter war, sich einfach über die Regeln hinweggesetzt, die Anweisungen ihrer Eltern missachtet hatten und notfalls am Baum hinuntergeklettert waren, der vor ihrem Schlafzimmerfenster stand, um heimlich ein paar Stunden mit ihm zu verbringen. „Wie alt bist du jetzt, Ricky?“

Unbewusst hob der Junge die schmalen Schultern. „Vierzehn.“

„Vierzehn“, wiederholte Jorge nachdenklich. „Na ja, dann hat sie wahrscheinlich die Wahrheit gesagt.“ Er zwang sich, ernst zu bleiben. „Als meine Schwestern vierzehn waren, hätte mein Vater sie im Stall angekettet, um sie daran zu hindern, mit einem Jungen auszugehen – ganz davon zu schweigen, bis Mitternacht wegzubleiben.“

Diese Erklärung schien kein Balsam für seine Wunde zu sein. „Aber es ist Silvester“, meinte Ricky. „Außerdem haben sich die Zeiten geändert.“

Der Junge muss noch eine Menge lernen, dachte Jorge. „Aber die Eltern nicht“, gab er zu bedenken. „Und wenn du einen Rat willst …“

Strahlend sah Ricky ihn an. „Bitte, ja“, bat er begeistert.

„Zunächst einmal musst du Selbstvertrauen haben.“ Jorge bemerkte den enttäuschten, skeptischen Blick in den Augen des Jungen. Er hatte mit dem Stein der Weisen gerechnet und wurde mit einer Binsenweisheit aus der Ratgeberspalte abgespeist. „Das schaffst du“, beteuerte Jorge. „Kein Mädchen wird mit dir ausgehen, wenn du den Eindruck machst, dass du selbst von deiner Gesellschaft gelangweilt bist. Verstehst du?“

Rickys Enttäuschung ließ ein wenig nach. „Ich glaube schon.“

Jorge nickte. Da zurzeit niemand an der Bar war, beschloss er, großzügiger mit seinen Ratschlägen zu sein. „Und der nächste Punkt ist der Wichtigste überhaupt, wenn es um Frauen geht.“

„Welcher?“, fragte Ricky atemlos. Bekam er doch noch den Stein der Weisen in die Hand gedrückt?

Jorge senkte die Stimme. „Wenn du mit einem Mädchen sprichst, gib ihr immer das Gefühl, dass sie die Schönste im ganzen Raum ist.“

Ricky schluckte und warf einen Blick zu Lizzie Fortune hinüber, dem Mädchen, das seinen Atem stocken ließ. Sie war eine entfernte Cousine der Fortunes und verbrachte die Ferien in der Stadt. Als er sie an diesem Abend gesehen hatte, war es um ihn geschehen.

Aber bei ihrem Aussehen hatte er sowieso keine Chance. Und er bezweifelte, dass er mit Jorges Rezept bei Lizzie landen konnte. „Und was ist, wenn sie sowieso das schönste Mädchen im Raum ist?“, hakte er nach.

„Dann ist es noch leichter“, meinte Jorge. „Du schaffst das schon. Hab nur genügend Selbstvertrauen, Ricky, und der Rest ist ein Kinderspiel.“

Ricky war noch immer nicht überzeugt. Für einen Mann, der aussah wie Jorge, mochte es ein Kinderspiel sein. Aber für jemanden wie ihn war es nicht so leicht. „Und das funktioniert immer?“

„Immer“, behauptete Jorge im Brustton der Überzeugung.

Ricky sah immer noch skeptisch aus. Der Junge brauchte eine Demonstration. „Ich mache dir einen Vorschlag. Such irgendein Mädchen hier im Restaurant aus, und ich schaffe es, dass sie mir in null Komma nichts aus der Hand frisst.“

Ricky riss die Augen so weit auf, dass sie aus den Höhlen zu fallen drohten. „Irgendein Mädchen?“

„Irgendeines“, bekräftigte Jorge. „Sie darf nur nicht verheiratet sein. Wir wollen ja schließlich nicht, dass es heute Abend zu Handgreiflichkeiten kommt.“

Das sah Ricky sofort ein. „Okay“, nickte er und hielt bereits Ausschau nach einer geeigneten Kandidatin.

Sein Blick blieb an der Frau hängen, die ihm zuvor schon aufgefallen war und allein an einem Tisch saß. Mit gefurchter Stirn betrachtete sie ihr halb leeres Glas. Sie war ganz offensichtlich allein. Es war ein Zweiertisch, aber nichts deutete darauf hin, dass jemand auf dem anderen Stuhl gesessen hatte.

Vor ihr auf dem Tisch lag sogar ein Buch. Las sie etwa? Egal – auf jeden Fall ging etwas Melancholisches von ihr aus. Das war sogar auf diese Entfernung hin unübersehbar.

„Die da“, verkündete Ricky und deutete auf die Frau. „Ich nehme sie.“

Unternehmungslustig blickte Jorge in die Richtung, in die Ricky zeigte.

Die Frau wirkte wie das Klischee gewordene Mauerblümchen. Sie saß allein an einem Ecktisch und drehte eine Locke ihres langen braunen Haars um den Finger. Auf dem glänzenden Stoff ihres grünen Kleids spiegelten sich die funkelnden Lichter des Saals.

„Ich möchte nicht verhaftet werden, nur um etwas zu beweisen“, protestierte Jorge. Als Ricky ihn fragend ansah, fügte er hinzu: „Sie sieht wie eine Minderjährige aus.“

Ricky schüttelte den Kopf. „Ist sie aber nicht. Ich habe gehört, wie sie vorhin mit jemandem gesprochen hat. Sie arbeitet in einer Literaturstiftung für Kinder, unterrichtet sie und organisiert Benefizveranstaltungen, um noch mehr Bücher kaufen zu können. Ich glaube, die Stiftung heißt Red-Rock-Lesewerkstatt.“ Erwartungsvoll sah Ricky ihn an. „Sie ist mindestens zwanzig.“

Jorge musste grinsen. Er selbst war achtunddreißig, aber das wusste Ricky vermutlich nicht. „Dann ist sie ja uralt, was?“

„He, ich bin vierzehn. Für mich sind alle uralt.“ Ricky hatte das Gefühl, zu weit gegangen zu sein. Deshalb fügte er schnell hinzu: „Außer dir natürlich.“

Jorges Grinsen wurde breiter.

Ricky warf wieder einen Blick zu dem Mädchen am Tisch, ehe er wieder seinen Helden ansah. Jorge hatte sich noch nicht von der Stelle bewegt. „Machst du etwa einen Rückzieher?“, wollte er wissen.

Jorge liebte nichts so sehr wie Herausforderungen. In Anbetracht seiner Erfahrungen war er jedoch davon überzeugt, dass die junge Frau keine allzu großen Widerstände leisten würde. „Ganz und gar nicht“,

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