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Ein Playboy verschenkt sein Herz

1. KAPITEL

„Wieso sollte ich einen schönen Abend mit Sebastian Radley gewinnen wollen?“, fragte Alyssa die Stationsschwester.

„Die Frage lautet doch eher: Wieso nicht? Hm, ich glaube, da stimmt irgendwas nicht.“ Tracey nahm Alyssas Hand und prüfte ihren Puls, wobei sie auf die Uhr schaute. „Tja, du bist lebendig, und dein Puls ist normal.“ Dann tat sie so, als würde sie bei Alyssa Fieber messen. „Nein, deine Körpertemperatur ist auch normal. Also kann es kein Delirium sein.“

„Ach, hör auf.“ Alyssa musste lachen.

„Wie steht’s mit vorübergehender Unzurechnungsfähigkeit?“

„Nein. Aber ich gebe dir trotzdem eine Spende.“ Sie schloss ihren Schrank auf und holte ihr Portemonnaie heraus. „Hier. Es ist ja für einen guten Zweck.“

Tracey sah sie an. „Das reicht für drei Lose.“

Alyssa schüttelte den Kopf. „Nein danke, ich möchte keins.“

„Aber warum denn nicht? Ich meine, wir verkaufen doch nur deshalb Lose, damit jeder eine faire Chance hat. Bei einer Versteigerung könnten nur die ganz Reichen bis zum Schluss mitbieten.“

„Vielleicht möchten manche Frauen gar keinen Abend mit Seb gewinnen.“ Alyssa jedenfalls nicht.

„Er ist charmant, witzig und attraktiv. Ehrlich, ein Abend mit ihm lohnt sich. Er weiß, was Frauen sich wünschen.“

„Ja, weil er eine Menge Übung darin hat.“ Ironisch meinte Alyssa: „In den sechs Monaten, seit er hier im Docklands Memorial arbeitet, hat er bestimmt mit jeder Single-Frau unter fünfunddreißig ein Date gehabt.“

„Vielleicht sucht er ja einfach nur die Richtige“, wandte Tracey ein.

„Vielleicht ist er aber auch bloß das männliche Gegenstück zu einem Flittchen.“ An so jemandem war Alyssa garantiert nicht interessiert. Diese Lektion hatte sie bereits auf die harte Tour bei Scott Cooper gelernt.

„Du magst ihn wirklich nicht, oder?“, sagte Tracey.

„Er ist ein guter Arzt.“ Gründlich, entschieden und charmant im Umgang mit den Patienten, behielt er dennoch seine professionelle Distanz. Das war auch Alyssas Arbeitsmethode. „Aber als Date … nein danke. Er ist nicht mein Typ.“

„Und wer ist dann dein Typ? Soviel ich weiß, bist du in den letzten drei Jahren kein einziges Mal ausgegangen.“

Alyssa wollte nicht, dass irgendwelcher Tratsch über sie im Krankenhaus die Runde machte. Niemand im Docklands Memorial wusste von dem Riesenfehler, den sie begangen hatte, und so sollte es auch bleiben. Auf keinen Fall würde sie einen solchen Fehler wiederholen. Niemals.

Sebastian Radley mochte charmant, attraktiv und witzig sein – und sie gab zu, dass er mit seinen graublauen Augen und dem sinnlichen Mund sexier war als jeder andere Mann, den sie kannte. Doch was Beziehungen anging, war er eine wandelnde Katastrophe, und insofern ging man ihm am besten aus dem Weg.

„Hey, ich bin eine schwer beschäftigte Ärztin. Ich habe keine Zeit für Dates“, erwiderte sie leichthin und nahm einen weiteren Schein aus ihrem Portemonnaie. „Da hast du noch mehr Schweigegeld. Reicht das, damit du endlich aufhörst, mich zu nerven?“

„Na ja.“ Tracey lächelte. „Aber danke für deine Spende.“

Sobald Alyssa sich abwandte, füllte Tracey sorgfältig drei Los-Abschnitte aus. Alyssa Ward. Traceys Meinung nach arbeitete die Stationsärztin viel zu viel und musste dringend ein bisschen lockerer werden. Und Seb war genau der Richtige dafür.

Der Oberarzt dagegen konnte etwas mehr Ernsthaftigkeit vertragen, um zu merken, dass das Leben nicht bloß eine einzige Party war. Und Alyssa war genau die Richtige, um ihm das zu vermitteln.

Eigentlich könnte diese Aktion gleich mehrere Probleme auf einmal lösen, fand Tracey. Dazu musste sie nur mit Sebs Schwester Vicky Radley reden, die gemeinsam mit ihr für die Planung der Veranstaltung zuständig war. Wenn ich Vicky auf meine Seite ziehen kann, dachte sie, dann wird es im Docklands Memorial sicher bald sehr viel interessanter …

„Das war eine absolut bescheuerte Idee“, sagte Sebastian, den alle nur „Seb“ nannten, zu seiner Schwester. „Warum habe ich mich überhaupt darauf eingelassen?“

„Weil du ganz scharf darauf bist, dein Foto in den Zeitungen zu sehen, und die Zeitungen lieben dich noch viel mehr, wenn du deinen Smoking anhast“, gab Vicky mit einem Grinsen zurück. „Der Ehrenwerte Sebastian Radley, jüngerer Bruder von Baron Rupert Charles Radley of Weston, sammelt Spenden für die Notaufnahme. Damit ist dir ein schöner langer Artikel sicher. Aristokratisch und trotzdem sozial. Das ist ein Hit.“

„Haha.“ Er bedachte sie mit einem finsteren Blick. „Warum konnte ich dem Krankenhaus nicht einfach eine größere Spende zukommen lassen?“

„Weil das keine interessante Neuigkeit gewesen wäre. Es hätte nicht gereicht, um die Presse von Charlie abzulenken. Die Paparazzi hätten ihn verfolgt, und dann wäre Sophie schreiend weggelaufen, anstatt seinen Heiratsantrag anzunehmen.“ Vicky zuckte die Achseln. „Das war die einzige Idee, die mir spontan einfiel. Und du hattest ja auch keine bessere, darum warst du einverstanden.“

„Na gut. Aber dafür bist du mir was schuldig. Und unser großer Bruder auch“, erklärte Seb.

„Entspann dich.“ Sie rückte seine Fliege zurecht. „Du siehst toll aus. Wenn du nicht mein Bruder wärst und außerdem der schlimmste Frauenheld der Welt, könnte sogar ich in Versuchung geraten, ein Los zu kaufen.“

„Es sollte doch eigentlich eine Versteigerung werden.“ Seine blauen Augen wurden schmal.

„Alles andere wird ja auch versteigert. Aber ein Abend mit dir … Seb, das hier ist ein Krankenhaus. Die adligen Debütantinnen könnten sich eine Schlacht beim Bieten leisten, oder zumindest ihre Väter, aber wir wollen, dass jeder eine faire Chance bekommt. Darum wirst du verlost.“

„Bei einer Versteigerung hättest du für mich bieten können.“ Er seufzte. „Ich hätte dir auch das Geld gegeben.“

„Du hättest dich selbst gekauft?“ Vicky schnaubte verächtlich. „Und das soll ich dir glauben? Du gehst liebend gerne mit Frauen aus. Für dich besteht das Leben doch nur aus Partys.“ Prüfend sah sie ihn an. „Es sei denn, du hast dich verliebt und wirst ab jetzt ruhiger.“

„Nein, ganz bestimmt nicht. Da wäre ich ja schön blöd.“ Er zog die Brauen zusammen. „Nein, ich dachte nur … Ich hoffe, es ist allen klar, dass es lediglich um einen einzigen Abend geht und nicht um das Läuten von Hochzeitsglocken. Und dass daraus auf gar keinen Fall irgendeine feste Beziehung wird.“

Du bist der Hauptpreis.“ Sie fuhr ihm durchs Haar. „Und jeder kennt die Regeln.“

„Hoffentlich ziehst du das Los einer älteren Frau, die sich freut, für einen Abend wie ein Star behandelt zu werden – Kosmetikbehandlung, Limousine und ein exklusives Dinner.“ Seb presste die Lippen zusammen. „Nie wieder lasse ich mich zu so was überreden.“

Vicky wartete einen Moment. „Hör auf, den Brummbär zu spielen. Du setzt jetzt ein Lächeln auf, gehst da raus und wickelst die Leute mit deinem Charme um den Finger, damit sie ordentlich spenden. Klar?“

Sie hatte recht. Schließlich war dies der eigentliche Zweck dieses Abends, nämlich Spendengelder für das Krankenhaus zu sammeln. Also holte er tief Luft und befolgte die Anweisungen seiner Schwester.

Nachdem er den Abend zur Hälfte hinter sich gebracht hatte, amüsierte Seb sich prächtig. Er verstand es, das Publikum dazu zu bringen, die Gebote immer noch ein wenig weiter zu erhöhen.

Er hatte einen Professor als Hausmädchen für einen Tag versteigert, eine Stationsschwester als Autowäscherin für eine Woche, drei indische Kopfmassagen und sechs Essen. Außerdem noch einige Küsse, von denen er einen selbst zu einem unglaublich hohen Preis ersteigerte und gleich auf der Bühne einforderte. Denn die Krankenschwester, die den Kuss versprochen hatte, war wirklich süß. Dann wurden noch mehrere Kuchen, vier Kosmetikbehandlungen sowie eine Kiste Champagner unters Volk gebracht. Die Spenden strömten nur so herein, und die Stimmung war großartig.

Seb fühlte sich ganz in seinem Element, bis seine Schwester zusammen mit Tracey Fry zu ihm kam.

„Und jetzt kommt der Augenblick, auf den Sie alle schon so lange gewartet haben“, rief Vicky. „Die große Verlosung. Ein Abend mit Sebastian Radley.“

Bravorufe und Pfiffe ertönten. Seb wurde heiß, und er wäre am liebsten im Erdboden versunken.

„Es gewinnt das Los mit der Nummer …“ Vicky hatte sogar eine richtige Lostrommel aufgetrieben und drehte diese nun mit viel Schwung.

Danach öffnete Tracey die kleine Luke an der Oberseite, griff tief hinein und hielt theatralisch ein zusammengefaltetes Los in die Höhe. Dann faltete sie das Los auseinander und verkündete: „Nummer 457!“

Man hörte das vernehmliche Rascheln der Loszettel, gefolgt von einem allgemeinen Gemurmel der Enttäuschung.

Bitte, bitte, lass es jemand sein, der die Sache locker nimmt und keine ewige Liebe von mir erwartet, flehte Seb im Stillen.

„Alyssa Ward“, rief Tracey.

Alyssa Ward? Dieser Name sagte ihm nichts.

„Ähm, Alyssa ist heute Abend leider nicht hier“, erklärte Tracey.

Ach, dann hat sie wahrscheinlich Nachtschicht, dachte er erleichtert.

„Dann werde ich ihr die gute Nachricht morgen früh mitteilen“, meinte Tracey.

„Schiebung!“, rief jemand herauf.

„Aus der Notaufnahme kann keiner Seb gewinnen. Dort gehört er doch zum Personal“, stimmte jemand anderes ein.

Doch Tracey lachte nur. „Das Los hat entschieden. Jetzt sind Sie wieder dran, Seb.“

Er tat so, als sei er hocherfreut, und versteigerte noch die letzten Angebote. Währenddessen überlegte er jedoch fieberhaft. Alyssa Ward aus der Notaufnahme?

Ah ja, die ernsthafte und stille Stationsärztin. Er arbeitete seit einem halben Jahr mit ihr zusammen und kannte sie dennoch kaum. Auch wenn sie an den gemeinsamen Team-Abenden teilnahm, schien sie immer am entgegengesetzten Ende eines sehr langen Tisches zu sitzen.

Na ja, wenigstens sind wir nicht in derselben Schicht, dachte Seb. Das gibt mir etwas Zeit zu überlegen, wie ich die Sache angehe. Es ist ja schließlich bloß ein Date, und noch nicht mal ein richtiges. Kein Problem.

Aber weshalb beschlich ihn dann ein so unbehagliches Gefühl?

„Du kannst heute nur mit Ganzkörper-Rüstung da rausgehen“, sagte Fliss lachend, als Alyssa in das Schwesternzimmer der Notaufnahme kam und auf die Kaffeemaschine zusteuerte.

„Wieso denn das?“

„Weil du gestern Abend gewonnen hast.“

„Wie bitte? Was denn?“

Fliss stöhnte. „Du brauchst unbedingt einen Kaffee, um aufzuwachen. Du hast den Abend mit Seb gewonnen.“

Alyssa schüttelte den Kopf. „Ganz sicher nicht. Ich habe kein Los gekauft.“

„Wie hättest du denn sonst gewinnen sollen?“

Alyssa verschränkte die Arme. „Ich habe kein Los gekauft, sondern Tracey eine Spende gegeben.“

„Und die reichte für mehrere Lose“, warf Tracey ein, die gerade hereinkam. „Deshalb habe ich deinen Namen auf einigen Losen eingetragen, und eins davon hat zufällig gewonnen.“

Alyssa verzog den Mund. „Tja, dann gebe ich den Preis gerne an jemand anderen weiter.“

Seb, der den letzten Teil des Gesprächs mitbekommen hatte, blieb wie angewurzelt im Korridor stehen. Alyssa Ward hatte also doch keine Nachtschicht, und sie wollte den Preis nicht einmal. Das ärgerte ihn.

Er wusste, wie man einer Frau einen schönen Abend bereitete – eine Kosmetikbehandlung, ein elegantes Restaurant und Karten für eine gute Show. Was gab es daran auszusetzen? Er runzelte die Stirn. Noch nie hatte er einen Korb bekommen. Das war eine Premiere, und es gefiel ihm ganz und gar nicht.

„Warum?“, fragte er, sobald er das Zimmer betrat. „Habe ich etwa ein Problem mit meiner Körperhygiene oder so was?“

Alyssa errötete leicht. „Nein, ich gehe nie zu irgendwelchen Dates, das ist alles.“

„Das ist kein Date“, korrigierte er. „Es ist einfach nur ein netter Abend, der Preis der Losziehung. Eine einmalige Sache.“ Verärgert setzte er hinzu: „Ach, und er findet übrigens heute Abend statt.“

„Was ist, wenn ich keine Zeit habe?“

„Dann müssen Sie eben umplanen.“

„Ich glaube, Mr. Radley, Sie müssen umplanen. Oder Sie gehen alleine.“ Ohne zu lächeln, hielt sie seinem Blick stand und stellte ihre volle Kaffeetasse auf den Tisch. „Versuchen Sie nie wieder, mir gegenüber den Boss zu spielen.“

Fliss pfiff anerkennend. „Da hat sie Ihnen aber gehörig die Meinung gesagt“, meinte sie, als Alyssa davonmarschierte.

Kann schon sein, dachte Seb. Bisher hatte er Alyssa Ward kaum bemerkt. Für ihn war sie lediglich die ruhige, fleißige Stationsärztin, mit der er ein paar Mal zusammengearbeitet hatte. Sie trug immer schlichte dunkle Hosen und ein helles Hemd unter ihrem Arztkittel, und als Frau war sie Seb nicht im Geringsten aufgefallen.

Jedenfalls hatte er noch nicht erlebt, wie stur sie sein konnte. Vielleicht hatte ihr rotbraunes Haar ja etwas damit zu tun. Vielleicht war sie nur deshalb so ruhig, weil sie ihr Temperament kannte und es zügeln musste.

Das machte sie zu einem äußerst interessanten Date.

Diese Frau wird den heutigen Abend mit mir verbringen, beschloss er. Und ich werde nichts auslassen.

Später an diesem Tag hatte Seb einen Fall, vor dem ihm grauste. Da es im Schockraum nichts zu tun gab, übernahm er wie alle anderen auch die Fälle in den Kabinen. Was bedeutete, dass er mit einem Vierjährigen konfrontiert wurde, der sich in seinem Reißverschluss verklemmt hatte.

Na toll, dachte Seb. Ausgerechnet ein Kind.

Mit Kindern konnte er einfach nicht umgehen. Glücklicherweise musste er keine eigenen kriegen, da er der jüngere Sohn der Familie und nicht für die Produktion eines Erben zuständig war. Hoffentlich bekommen Charlie und Sophie bald ein Baby, dann bin ich endgültig raus aus der Nummer, sagte er sich.

Der kleine Junge heulte, und seine Mutter wirkte panisch. Seb setzte sein professionelles Lächeln auf. „Kommen Sie bitte mit. Das werden wir gleich haben.“

„Er wollte sich selber anziehen. Ich hab mich nur für zwei Sekunden umgedreht, und dann …“

„Schon gut. So was passiert.“ Seb hasste es, wenn Kinder weinten.

„Aber der Reißverschluss klemmt! Ich kriege ihn nicht auf“, jammerte die Frau und wurde dann hochrot. „Und es ist sein Zipfelchen! Was ist, wenn das … na ja … Probleme macht?“

„Keine Sorge“, erwiderte Seb beruhigend. „Wir müssen ihn nicht operieren. Ich werde ihm eine lokale Betäubung verabreichen, damit ich den Reißverschluss lösen kann, ohne Ihrem Sohn wehzutun. Manchmal hilft Mineralöl. Wenn nicht, muss ich den Reißverschluss aufschneiden. Ist Ihnen das recht?“

„Das ist mir egal. Ich finde diese Hosen sowieso schrecklich. Seine Großmutter hat sie ihm gekauft, weil sie meint, dass er in den Jogginghosen, die er sonst anhat, zu ungepflegt aussieht.“

„Mütter …“, sagte er ironisch. Der Kleine weinte noch immer, und Sebs halbherzige Versuche, ihn aufzuheitern, scheiterten kläglich. Ich brauche dringend Hilfe, dachte er. Eine Schwester. Irgendjemanden, der besser mit Kindern umgehen kann. „Ich hole nur schnell die nötigen Utensilien. Bin gleich wieder da“, meinte er und verließ erleichtert die Kabine.

Den Ersten, den er traf, würde er um Hilfe bitten. Doch als er sah, wer ihm entgegenkam, bereute er seinen Entschluss fast. Aber der kleine Junge weinte immer noch. Und Alyssa Ward war zumindest ruhig und gelassen.

„Alyssa, könnten Sie bitte kurz mitkommen? Ich brauche Ihre Hilfe.“

Misstrauisch sah sie ihn an. „Wobei?“

„Ein kleiner Junge mit einem Reißverschluss-Problem. Ich brauche jemanden, der ihn ablenkt, während ich ihn befreie.“

Sie zuckte die Achseln. „Okay.“

Dieses Mal war Sebs Lächeln echt. „Danke, das weiß ich zu schätzen. Kabine fünf. Ich hol nur eben Lidocain, Mineralöl und eine Schere.“

Als er wenige Minuten später zurückkehrte, saß der Junge bei Alyssa auf dem Schoß, und sie erzählte ihm eine Geschichte. Der Kleine hatte zwar noch nicht ganz aufgehört zu weinen, hörte jedoch gespannt zu. Die Geschichte handelte von einem Zug und einem Dinosaurier.

Alyssa ist ein Naturtalent, stellte Seb fest. Doch dann ging ihm ein Licht auf. Frage: Wann will jemand nicht groß ausgeführt werden? Antwort: wenn er verheiratet ist und kleine Kinder hat. Automatisch ging sein Blick zu ihrer linken Hand. Kein Ehering. Entweder sie trug ihn aus praktischen Gründen nicht bei der Arbeit, oder sie war nicht verheiratet, aber trotzdem in einer festen Beziehung. Na, das ist ja einfach. Ich organisiere einen Babysitter, und dann kann sie einen schönen Abend mit ihrem Partner machen anstatt mit mir. Das hätten wir geklärt, dachte er befriedigt.

Er strich dem Jungen Jod auf die Haut und injizierte ihm etwas Lidocain. Sobald die Betäubung wirkte, ließ das Schluchzen des Kleinen nach, und er fing an, sich mit Alyssa zu unterhalten.

Leise erklärte Seb der Mutter, was er vorhatte. Er verteilte Mineralöl über die Stelle, doch der Reißverschluss löste sich nicht. Daher musste er die orthopädische Zange einsetzen. Es dauerte einen Moment, aber dann glitt der Schieber des Reißverschlusses endlich zur Seite und gab die Haut des Jungen frei. Seb zog den Reißverschluss herunter, säuberte die gequetschte Haut und strich Salbe darauf.

„Ist Ihr Junge gegen Tetanus geimpft?“, erkundigte er sich.

Die Frau nickte.

„Gut. So, die Stelle wird noch eine Weile wund sein, aber es werden keine bleibenden Schäden entstehen. Falls Sie sich in irgendeiner Weise Sorgen machen, rufen Sie Ihren Hausarzt an oder kommen Sie wieder hierher.“

„Vielen Dank.“

Er lächelte. „Hey, mein Part war leicht. Alyssa hatte die wesentlich schwierigere Aufgabe.“

„Ich danke Ihnen beiden.“

Alyssa brachte ihre Geschichte rasch zum Schluss und wollte Mutter und Kind aus der Kabine folgen, doch Seb hielt sie zurück. „Alyssa?“

„Ja?“

„Danke, dass Sie mich erlöst haben.“

„Sie können nicht mit Kindern?“

„Na ja … Ich habe einfach keinen so guten Draht zu ihnen wie Sie anscheinend.“

„Kein Problem.“

Er räusperte sich. „Es tut mir leid. Ich wusste nicht, dass Sie … verheiratet sind und Kinder haben. Natürlich wollen Sie dann nicht mit mir ausgehen. Aber Sie haben nun mal den Hauptpreis gezogen. Deshalb werde ich Ihnen gerne zusätzlich einen Babysitter bezahlen, damit Sie und Ihr Mann sich einen schönen Abend machen können.“

Sie reckte das Kinn. „Ich bin nicht verheiratet.“

„Dann eben mit Ihrem Lebenspartner.“

Ihre grünen Augen blitzten. „Und ich habe auch keine Kinder. Das gehört bloß zu meinem Job.“

Verdammt, sie wurde schon wieder frostig. Und Seb gefiel es nicht, wie sie ihn ansah. Fast, als ob sie ihn verachtete.

„Na gut, wenn Sie Zeit haben, dann bringen wir’s eben hinter uns. Heute Abend. Ich hole Sie um halb acht ab.“

Ohne ihre Antwort abzuwarten, rief er seinen nächsten Patienten herein.

2. KAPITEL

Alyssa verspürte wirklich nicht die geringste Lust auf diesen blöden Abend. Aber ihr blieb keine andere Wahl. Wenn sie sich weigerte, würden die Leute anfangen, neugierige Fragen zu stellen, und das wollte sie auf jeden Fall vermeiden.

Wieso musste aus den vielen hundert Losen ausgerechnet meins gezogen werden, fragte sie sich. Da kam ihr plötzlich ein Verdacht. Tracey hat das Los für mich gekauft, und sie hat das Gewinnlos aus der Trommel gezogen. Zufall? Oder Absicht? Nein, das kann nicht sein. Sie wusste ja schließlich, dass ich keinen Wert auf das Date lege. Also doch reiner Zufall.

„Na schön. Ein Abend mit Seb.“ Mr. Charme höchstpersönlich. Als er sie am Nachmittag nach ihrer Adresse gefragt hatte, hätte er ihr wenigstens sagen können, wohin er sie ausführen wollte, damit sie wusste, was sie anziehen sollte. „Verdammter Kerl“, schimpfte Alyssa vor sich hin.

Schließlich entschied sie sich für ein kleines Schwarzes und ein dezentes Make-up.

Pünktlich um halb acht läutete es. Sie öffnete die Tür, und ihre Augen weiteten sich.

Wie seine Kollegen trug Seb bei der Arbeit einen Anzug. Und Alyssa hatte auch schon oft genug sein Foto in den Klatschspalten gesehen. Meistens hing dabei eine Frau an seinem Arm, die schmachtend zu ihm aufschaute. Aber Alyssa war nicht darauf vorbereitet, wie umwerfend er tatsächlich in einem Dinnerjackett aussah. Anzughemd. Fliege – echt und handgebunden. Frisch rasiert. Das Haar glatt gekämmt. Auf Hochglanz polierte italienische Schuhe. Alles perfekt darauf abgezielt, eine Frau in Ohnmacht fallen zu lassen.

Doch Alyssa war fest entschlossen, nicht in Ohnmacht zu fallen.

„Hi“, sagte er und lächelte.

Er hatte ein Grübchen. Wieso war ihr das bei der Arbeit noch nie aufgefallen? Dieses Grübchen unterminierte seine gesamte kultivierte Erscheinung. Dadurch wirkte er richtig nett. Am liebsten hätte sie ihn dort berührt. Von dort mit dem Finger bis zu seinem Mundwinkel. Und dann diese volle Unterlippe, die herrliche Küsse versprach …

Energisch riss Alyssa sich zusammen. „Hallo, Seb.“

„Fertig?“

„Klar“, antwortete sie mit gespielter Gelassenheit.

„Na, dann los.“

Er hatte einen niedrigen Sportwagen, ein teures Männerspielzeug. Typisch Seb.

„Gefällt Ihnen der Wagen?“, fragte er.

Achselzuckend meinte sie: „Er hat vier Räder.“ Jedes Chromteil blitzte, und die lederne Innenausstattung war makellos. Offensichtlich war dieser Wagen sein ganzer Stolz.

„Das hier ist nicht bloß ein Auto“, erklärte er belustigt. „Das ist ein alter Jaguar der E-Klasse.“

„Sie machen auf James Bond?“

„Nein, dann hätte ich einen Aston Martin.“ Er hielt ihr die Tür auf. Vielleicht wollte er keine Fingerabdrücke von jemand anders auf seinem kostbaren Lack haben.

Nachdem Seb sich angeschnallt hatte, fragte Alyssa: „Wohin fahren wir?“

„In ein ruhiges Restaurant.“

„Keine große Party?“, erwiderte sie ironisch.

„Ich dachte, das wäre nicht Ihr Stil“, parierte er sofort.

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