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Ein Paradies in Cornwall

Über die Autorin

Marcia Willett, in Somerset geboren, studierte und unterrichtete klassischen Tanz, bevor sie ihr Talent für das Schreiben entdeckte und sich zu einer außergewöhnlichen Erzählerin entwickelte, die THE TIMES als »eine authentische Stimme ihrer Zeit« feierte.

Die Autorin lebt mit ihrem Ehemann in Südengland, dem Schauplatz vieler ihrer Romane.

Marcia Willett

Ein Paradies in
Cornwall

Roman

Aus dem Englischen
von Rita Seuß
und Sonja Schuhmacher

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Clare Foss

ST MERIADOC – DICHTUNG UND WAHRHEIT

Zuerst die Wahrheit:

Meriadoc war ein reicher Waliser, der im 5. oder 6. Jahrhundert lebte. Irgendwann entschloss er sich, sein Geld an mittellose Geistliche und sein Land an die Armen zu verteilen. Er verzichtete auf ein Leben in Luxus und auf die purpurfarbenen Seidengewänder, die er so gern trug, kleidete sich in Lumpen, aß schlichte Speisen und lebte in völliger Entsagung. Er kam nach Cornwall, wo er mehrere Kirchen gründete; schließlich setzte er seine Mission in der Bretagne fort. Das Amt des Bischofs von Vannes nahm er nur widerstrebend an und führte weiterhin ein asketisches Leben. Bis heute wird er in Cornwall und in der Bretagne verehrt – die Gemeindekirche in Camborne ist dem heiligen Martin und dem heiligen Meriadoc geweiht, ein Mirakelspiel in kornischer Sprache erinnert noch heute an seine legendären Taten. Außerdem ist ein Kindergarten nach ihm benannt. Sein Namenstag wird am 7. Juni gefeiert.

»Armut behebt alle Sorgen und ist die Mutter der Heiligkeit.«

Der heilige Meriadoc

Und nun zur Dichtung:

Die St-Meriadoc-Bucht, die Quelle und das »Paradies« sind frei erfunden, ebenso die Osteopathie-Praxen in Bodmin und Wadebridge. Die fiktive Bucht liegt an der Nordküste Cornwalls zwischen Com Head und Carnweather Point oberhalb der Port Quin Bay und nördlich von Polzeath. Zwei Wege führen zur Bucht hinunter; der östliche wird kaum noch benutzt und führt direkt zum Haus, dem »Paradies«. Der westliche fällt steil zum einen Ende der Bucht ab, führt an der alten Bootswerft und den Cottages vorbei, gabelt sich dann und führt linker Hand zum »Krähennest« und rechter Hand zum »Paradies«.

PROLOG

Die beiden Tiere, die sich unter den kahlen Zweigen einer alten Buche aneinanderdrängten, waren im schwindenden Winterlicht kaum zu erkennen. Sie standen reglos da, dunkelgraue Silhouetten vor der hohen Granitmauer, die den Garten von der sanft abfallenden, reifbedeckten Wiese trennte. Er hörte, wie sich das geschwungene schmiedeeiserne Tor quietschend öffnete, und sah eine junge Frau herauskommen, die es sorgfältig hinter sich schloss. Er erkannte sie wieder, denn er hatte sie bei einem früheren Besuch in dem Haus schon einmal flüchtig gesehen. Sie trug ein Plaid um die Schultern, einen langen Rock aus grobem Stoff und grüne Gummistiefel.

Die Esel trotteten auf sie zu, und sie redete leise auf sie ein und neigte sich zu ihnen herab, als würde sie ihnen einen Kuss auf die weichen Mäuler drücken. Er zögerte. Gern hätte er sie angesprochen, doch er brachte nicht den Mut dazu auf. Stattdessen rief er sich ins Gedächtnis, wie er sie zum ersten Mal gesehen hatte, als sie durch eine Tür hinten im dunklen Korridor getreten war: mit klarem, entschlossenem Blick, symmetrischen dunklen Brauen, die Arme über der Brust verschränkt, als trage sie ein Buch oder eine Schachtel. Argwöhnisch war sie stehen geblieben, hatte sich umgesehen und war dann durch eine andere Tür wieder verschwunden, sodass er mit der älteren Frau allein zurückgeblieben war, die ihn freundlich und voller Mitgefühl anlächelte.

»Es tut mir wirklich leid. Aber heute können Sie Mrs Trevannion auf keinen Fall besuchen. Sie hat eine schwere Lungenentzündung. Hätten wir doch nur vorher gewusst, dass Sie kommen.«

»Ich habe Mrs Trevannion geschrieben«, entgegnete er rasch. Er konnte seine Enttäuschung nicht verbergen. »Und ich habe auch ein Foto mitgeschickt. Ich glaube – das heißt, ich hoffe –, dass sie damals im Krieg die Schwester meiner Großmutter gekannt hat. Meine Großmutter ist 1946 in die Staaten ausgewandert, danach haben sie sich aus den Augen verloren. Wir fanden es so aufregend, als meine Mutter das Hochzeitsfoto gefunden hat, auf dem alle vier zu sehen sind. Die Namen auf der Rückseite waren ganz deutlich zu lesen. Hubert und Honor Trevannion –«

»Ich fürchte, sie war nicht in der Lage, Ihren Brief zu beantworten. Zuerst hat sie sich den Knöchel gebrochen, und dann kam diese Lungenentzündung.« Die ältere Dame hatte ihm höflich, aber bestimmt eine Absage erteilt. »Vielleicht in ein, zwei Wochen.«

»Ich bin aber nur noch diese Woche hier«, hatte er bestürzt erwidert. »Ich wohne drüben in Port Isaac. Zurzeit arbeite ich in London und nutze die Gelegenheit, um den Spuren zu folgen, die ich hier finden kann. Ich interessiere mich schon so lange dafür, und das Foto hat mich ein ganzes Stück weitergebracht …«

Wieder glaubte er zu spüren, dass sie bei der Erwähnung des Fotos ein wenig reservierter wurde.

»Ich wüsste wirklich nicht, wie wir Ihnen im Moment helfen könnten.«

Er unternahm noch einen Anlauf. »Was für ein bezauberndes kleines Tal das doch ist, so verschwiegen und so fruchtbar! Und welch ein wunderschöner Name für ein Haus, ›Paradies‹. Hier in Cornwall haben Sie wirklich merkwürdige Namen, finden Sie nicht? ›Indian Queens‹, ›Lazarus‹, ›Jamaica Inn‹.« Er schüttelte staunend den Kopf. »Und dann auch noch die vielen Heiligen. Aber ›Paradies‹ gefällt mir. Und der Name passt.«

»Das finden wir auch.«

Ihre Höflichkeit war jetzt abweisend wie eine Wand. Er gab ihr seine Visitenkarte, und sie versprach, sich zu melden, verabschiedete ihn mit einem Lächeln und schloss leise die Tür. Seine Enttäuschung war groß, und als er die Zufahrt hinunterging, die zu der schmalen Straße führte, fühlte er sich gekränkt – sie hätte ihm ja wenigstens eine Tasse Tee anbieten können. Als er nun am Gatter stand und die Esel beobachtete, versuchte er, die Sache vernünftig zu betrachten. Zweifellos war Honor Trevannion schwer krank; und die beiden Frauen, die ältere und die junge, waren so besorgt um ihr Wohlergehen, dass sie einfach keine Zeit für einen Fremden auf der Suche nach Angehörigen hatten. Fröstelnd zog er die Schultern hoch und lehnte sich auf das Gatter. Die Gruppe am anderen Ende der Wiese war jetzt kaum noch zu erkennen, denn die Sonne war hinter dem Horizont versunken, und die Dämmerung brach herein. Stirnrunzelnd dachte er noch einmal an das Gespräch zurück. Hatte er sich diese leichte Nervosität nur eingebildet? Dieses Widerstreben, auf seinen Brief und das Foto einzugehen? Er zuckte die Achseln. Wahrscheinlich hatte die ältere Dame gar keine Ahnung, wovon er gesprochen hatte. Sie war wohl zu sehr mit ihren Sorgen beschäftigt, um sich für sein Anliegen zu interessieren.

Wieder hörte er das Quietschen, als sich das Eisentor schloss. Die junge Frau war fort, die Esel waren verschwunden. Ernüchtert, aber nach wie vor neugierig und fest entschlossen, diese Spur weiter zu verfolgen, kehrte er zu dem stillgelegten Steinbruch zurück, in dem er seinen Wagen abgestellt hatte, und fuhr davon.

images/vignette_links.jpg Erster Teil images/vignette_rechts.jpg

EINS

Baumhohe Rhododendren mit tief verwurzelten, knorrigen Stämmen säumten den Weg von der Wiese herauf. Die zähen lanzenförmigen Blätter zitterten in der frostigen Brise. Am Ende des Wegs leuchteten Schneeglöckchen zart aus dem Halbdunkel. Aus einem Fenster im ersten Stock drang Licht. Eine Gestalt mit weit ausgebreiteten Armen spähte hinaus und zog energisch die Vorhänge zu.

Die junge Frau war nun wieder im Haus, schlüpfte aus den Stiefeln und ging ins Wohnzimmer, wo Mousie Holz in den offenen Kamin schichtete.

»Da bist du ja, Joss.« Die Stimme klang irgendwie erleichtert. »Ich habe mich schon gefragt, wohin du verschwunden bist. Hast du die Esel zu Bett gebracht?«

»Ja, mit ein paar Äpfeln.« Joss hockte sich auf den Kaminvorsetzer, die Füße in mollig warmen Socken, und genoss die Hitze der Flammen, die mit gelb und orangerot lodernden Zungen an den groben Scheiten leckten. »Wie geht’s Mutt?«

»Sie schlummert friedlich. Nachher bringe ich ihr ein Tablett hoch und setze mich eine Weile zu ihr. Kommst du mit?«

Joss schüttelte den Kopf. »Ich geh später rauf und lese ihr vor. Nach dem Abendessen ist sie immer unruhig, und das Zuhören lenkt sie ab. Was war das für ein Mann, der gerade hier war? Was wollte er?«

Mousie zögerte, als falle es ihr schwer, die Frage korrekt zu beantworten. »Ein Amerikaner, der nach einer Verwandten sucht. Anscheinend glaubt er, dass deine Großmutter während des Kriegs seine Großtante gekannt haben könnte. Er hat sich nicht gerade den günstigsten Zeitpunkt ausgesucht, fürchte ich.«

»Und kennt Mutt sie?«

»Ich habe sie nicht gefragt«, gab Mousie zurück. »Möchtest du Tee?«

»Ich nehme mir gleich eine Tasse. Lass die Kanne einfach stehen!« Joss schenkte Mousie ein Lächeln. Die ältere Dame war klein und hielt sich kerzengerade. Um den Hals trug sie mehrere Brillen an langen Ketten. »Ich komme sehr gut allein zurecht, falls du nach Hause gehen möchtest, Mousie.«

»Das weiß ich, mein Schatz.« Mousie entspannte sich sichtlich, und ihre Sorgenfalten verschwanden. Aus ihren graublauen Augen unter dem schwer zu bändigenden weißen Haar sprach Zuneigung. »Aber vielleicht sollte ich doch noch mal nach ihr sehen. Dieses neue Antibiotikum …«

Joss gluckste in sich hinein. »Du bist ein hoffnungsloser Fall. Das liegt vermutlich daran, dass du so viele Jahre Verantwortung als Krankenschwester tragen musstest. Die Macht der Gewohnheit. Glaub nur nicht, dass ich keine Ahnung habe. Ich bin zwar keine Krankenschwester, aber ich kann Mutt schon heben. Und ich prophezeie dir, dass eine sanfte Massage wirklich hilft, nachdem sie nun den Gips los ist.«

»Du weißt ganz genau, dass ich keine Vorurteile gegen Osteopathie habe«, erklärte Mousie mit Nachdruck. »Ich habe nichts dagegen, dass du dich um deine Großmutter kümmerst. Aber diese Lungenentzündung finde ich sehr beunruhigend. Außerdem ist Mutt ziemlich verwirrt, was bestimmt auf die Antibiotika zurückzuführen ist.«

Wieder blickte sie so besorgt drein, dass Joss die Lust verging, sie zu necken. Ihr Magen krampfte sich vor Angst zusammen.

»Sie braucht einfach Zeit, um sich zu erholen«, meinte sie. »Es war ein komplizierter Bruch, und die Lungenentzündung macht die Sache nicht besser. Sie wird schon wieder gesund, Mousie.« Ihre Stimme klang so verstört, dass Mousie sofort reagierte.

»Natürlich wird sie wieder gesund, mein Schatz. Gott sei Dank hast du Zeit, ihr Gesellschaft zu leisten. Das ist die beste Medizin.« Sie lächelte schelmisch, ihr Humor und ihr Lebensmut hatten erneut die Oberhand gewonnen. »Und natürlich die Massagen.«

Als Mousie den Raum verlassen hatte, zog Joss die Füße an, stützte das Kinn auf die Knie und dachte an den gut aussehenden Amerikaner. Ihr gefiel der Eifer, den er an den Tag gelegt hatte. Wie schade, dass sie so zurückhaltend gewesen war! Sie hätte sich ruhig einmischen und ihm etwas zu trinken anbieten können. Sie hatte ihn auf der Wiese stehen sehen, aber die Zurückhaltung, die sie sich neuerdings zum Selbstschutz auferlegt hatte, hatte ihr verboten, ihm einen freundlichen Gruß zuzurufen. Allerdings wunderte sie sich über Mousies Misstrauen, denn so kannte sie Mousie gar nicht. Sie hatte den Mann ziemlich brüsk abgefertigt. Aber unter den gegebenen Umständen war es wohl nur natürlich, dass Mousie andere Dinge im Kopf hatte.

Als Joss nun ins Feuer starrte, stellte sie sich eine andere Szene vor: wie sie auf ihn zuging, seinen freundlichen Blick mit einem Lächeln erwiderte und sagte: Meine Güte, das klingt ja spannend! Worum geht’s? Sie hätten miteinander Tee getrunken, und er hätte ihr das Foto seiner verschollenen Großtante gezeigt. Wie frustrierend diese ständige Vorsicht war, die ihre Zunge lähmte! Wenigstens konnte sie noch mit ihren Patienten offen und vertrauensvoll umgehen. Die erkundigten sich selten nach dem Privatleben ihrer Therapeutin, und so brauchte sie ihnen gegenüber nicht auf der Hut zu sein. Wenn die gefürchtete Frage kam: »Sind Sie verheiratet? Haben Sie einen Freund?«, konnte sie lockerer damit umgehen, als wenn Menschen, die ihr nahestanden, sie darauf ansprachen. Die Beziehungen zu ihrer Familie waren komplizierter geworden, seit sie aus ihrem Einzimmerapartment in Wadebridge ins »Paradies« übergesiedelt war, während sie das kleine Cottage in der Bucht renovierte. Aber wie hätte sie vorhersehen können, dass aus einer Sandkastenfreundschaft eine Liebe werden würde, die geheim gehalten werden musste?

»Der Tee ist fertig«, rief Mousie ihr von der Treppe aus zu.

Joss ging auf den Flur, blieb kurz stehen und ließ die Atmosphäre des Hauses auf sich wirken, das sie so innig liebte. Es war ein Kleinod, elegant proportioniert mit hohen Schiebefenstern. Manchmal stellte sie sich vor, sie könne das Dach wegschieben und wie in ein Puppenhaus von oben hineinsehen. Durch die geschlossene Tür des Schlafzimmers drang Mousies beruhigende Stimme, und Joss frage sich, ob ihre Großmutter in jungen Jahren wohl tatsächlich die Großtante des Amerikaners gekannt hatte. Sie hatte Verständnis dafür, dass er den Spuren verschollener Verwandter nachging. Familiäre Bindungen vermittelten ein Gefühl von Geborgenheit. Sie selbst fühlte sich hier, im Tal des heiligen Meriadoc, wo ihre Familie mütterlicherseits seit Jahrhunderten lebte, viel tiefer verwurzelt als in ihrem Elternhaus in Henley oder in der Londoner Wohnung, wo ihr Vater während der Woche lebte.

Sie würde Mousie bitten, ihr das Foto zu zeigen. Vielleicht bestand ja wirklich eine Verbindung, die dem jungen Mann bei seiner Suche weiterhalf. Während Joss sich Tee einschenkte und mit dem Becher ans Feuer zurückkehrte, weilten ihre Gedanken immer noch bei ihm.

Oben räumte Mousie das Tablett fort, vergewisserte sich, dass Mutt wieder eingeschlafen war, und ließ den Blick durchs Zimmer schweifen. Ein kleines Feuer flackerte hinter dem hohen Schutzgitter im Kamin. Ein hübsch bemalter Paravent schirmte die alte Dame im Bett vor dem Licht der Lampe auf dem Klapptisch am Fenster ab. An diesem Tisch hielt Mousie Krankenwache; darauf stapelten sich Bücher, Zeitungen und alles, was man zum Briefeschreiben braucht.

Sie nahm sich einen Augenblick Zeit, ordnete die Zeitungen und sammelte die beschriebenen Briefbögen ein, die sie dann in einer Lederkladde verschwinden ließ. Die Füller und Stifte landeten in einem blau-weißen Keramikbecher. Schließlich zog sie das Bild unter der Kladde hervor und betrachtete es. Offensichtlich war es ein neuerer Abzug vom Originalfoto, nicht vom Negativ, denn es wies Kratzer und Abnutzungsspuren auf. Dennoch hatte sie es sofort erkannt: 1941 hatte ihr Cousin Hubert aus dem fernen Indien das gleiche Foto an seine Tante in Portsmouth geschickt.

Damals hatte er geschrieben:

Die Nachricht, dass Onkel Hugh beim Untergang der Hood ums Leben gekommen ist, hat mich zutiefst erschüttert. Aber ich freue mich, dass du nach St Meriadoc gehst, um bei meinen Eltern zu wohnen … Ich kann es gar nicht erwarten, dass ihr Honor endlich kennenlernt, sie ist ein Schatz. Viele liebe Grüße an Mousie und Rafe 

Noch heute saß ihr der Schock in den Gliedern, den sie bei dieser Nachricht so kurz nach dem Tod ihres Vaters empfunden hatte. Von klein auf hatte sie Hubert bedingungslos geliebt. Sie hatte sich nichts sehnlicher gewünscht, als bald groß zu sein, und sich den wundervollen Augenblick ausgemalt, wenn er sie als erwachsene Frau wiedersehen und erkennen würde, dass auch er sie schon immer geliebt hatte. Hubert hatte ihr den Kosenamen »Mousie« gegeben, und obwohl er sie erbarmungslos aufzog, konnte er sie immer zum Lachen bringen. Hubert war einzigartig. Für Huberts junge Frau, die ein bezauberndes Hütchen trug, schräg aufgesetzt — wie albern! –, und sie von dem Foto rätselhaft anlächelte, empfand sie dagegen nichts als bitteren Hass. Im Laufe des Krieges waren immer wieder Briefe mit Neuigkeiten aus Indien eingetroffen: Honor hatte einen Sohn – Bruno – zur Welt gebracht und drei Jahre später eine Tochter, Emma. Mousie war siebzehn gewesen, als Hubert versuchte, für Frau und Kinder die Überfahrt nach England zu buchen, um sie vor den Unruhen zu schützen, die mit der Teilung Indiens einhergingen. Er wollte ihnen noch im selben Jahr folgen, sobald seine Kündigung durch war. Aber wenige Tage vor der geplanten Abreise seiner Familie war er an einer Lebensmittelvergiftung gestorben. Und so war Honor, die Hubert liebevoll Mutt nannte, mit den Kindern allein in sein Elternhaus zurückgekehrt.

Mousie schob das Foto wieder unter die Kladde und warf einen Blick auf das Bett. Mutt lag auf der Seite und beobachtete sie mit wachem Blick. Wie immer überspielte Mousie mit einem Lächeln den Schock, den dieser abrupte Wechsel von fiebriger Verwirrung zu hellen Augenblicken bei ihr auslöste.

»Ich fürchte, der Tee ist inzwischen kalt geworden«, sagte sie. »Möchtest du noch eine Tasse?«

Mutt schüttelte entkräftet den Kopf, und Mousie setzte sich auf den niedrigen Polstersessel, sodass sie fast auf derselben Höhe war wie die Kranke im Bett.

»Arme Mousie«, flüsterte Mutt, und Mousie rückte näher heran, um ihre Worte zu verstehen. »Was bin ich doch für eine Last!«

»Aber woher denn.« Mousie ergriff Mutts ausgestreckte Hand und umfasste sie voller Wärme. »Es geht dir doch schon viel besser. Gleich kommt Joss rauf und liest dir vor.«

Eine Weile hörte man nur das Knistern der Holzscheite im Feuer, das tanzende Schatten an die Wand warf.

»Merkwürdig, findest du nicht?«, murmelte Mutt. »Dass wir beide Krankenschwestern geworden sind.«

»Daran ist nur Hubert schuld«, erwiderte Mousie heiter. »Du weißt doch, dass er mein Idol war, als ich klein war. Als er Medizin studierte, habe ich den Entschluss gefasst, Krankenschwester zu werden. Und ich dumme Gans habe mich gefreut, dass ich noch vor seinem Tod mit der Ausbildung angefangen habe und er es auch erfahren hat. Als wäre damit ein Band zwischen uns geknüpft.«

Ruhelos drehte sich Mutt auf den Rücken, bemüht, eine bequemere Lage zu finden. »Vielleicht kann ich ja noch ein wenig schlafen«, sagte sie.

Der Augenblick der Klarheit war vorüber, obwohl sie offenbar nicht mehr fieberte. Nachdenklich betrachtete Mousie die Kranke, legte schließlich die Glocke neben sie auf die Bettdecke und ging leise hinaus.

ZWEI

Das Portalzimmer, das diesen Namen trug, weil es direkt über der Eingangstür lag, blickte nach Süden über den Garten auf die schmale Straße und den Flickenteppich der Wiesen und Felder, der sich dahinter erstreckte. Vor dem Fenster wuchs eine robuste Glyzinie mit blassblauen Blüten, deren Duft im Frühsommer durch das offene Fenster hereinströmte. Hier hatte Mutt einen Korbstuhl so aufgestellt, dass sie an Juniabenden das exotische Dunkelrot und Weiß der Rhododendronblüten genießen und den Vollmond beobachten konnte, der orangerot leuchtend über den Akazien am oberen Ende des Tals aufstieg.

Als Joss später am Abend in das Zimmer trat, freute sie sich über den Komfort, den es bot, obwohl ihr das eigene Zimmer besser gefiel, das nach Norden auf die hohen, zerklüfteten Klippen blickte. Nachts hörte sie das rhythmische Seufzen der Wellen, die mit ihren Schaumfingern unentwegt nach den unverrückbaren Felsen griffen und schiefergrauen Sand aus den Höhlen wuschen. Jetzt war die Frostnacht hinter dicke Samtvorhänge verbannt, und das Zimmer ihrer Großmutter wirkte still und abgeschieden wie ein Raumschiff, das durch das Universum gleitet.

Sie warf einen Blick auf das Bett mit der reglosen Gestalt und machte, von jäher Angst gepackt, einen Schritt darauf zu. Mutt schlug die Augen auf, als Joss sich über sie beugte, nach dem schmalen Handgelenk griff und den leichten, schnellen Puls fühlte. Sie verzog das Gesicht, als ahne sie die Furcht ihrer Enkelin und mache sich darüber lustig.

»Ich bin noch da«, murmelte sie.

»Ja.« Joss seufzte erleichtert. »Das bist du.«

Sie tauschten ein Lächeln, erfüllt von der besonderen Zuneigung, die sie seit jeher verbunden hatte. Mutt drückte sanft die warme Hand ihrer Enkelin. Ihre Pläne für ihre Joss, die Erbin dieses Garten Eden, durften durch nichts gefährdet werden. Joss und sie hatten stets zusammengehalten. Hin und wieder hatten sie auch der mittleren Generation die Stirn geboten und ihren Spaß dabei gehabt.

Joss drückte die magere Hand an die Lippen und lächelte. »Es ist bald Zeit für deine Medikamente«, sagte sie, »aber vielleicht möchtest du ja zuerst eine kleine Massage?«

»Mhm.« Mutt stimmte bereitwillig zu, denn dieser Liebesdienst brachte ihr tatsächlich Linderung. Sie hatte Joss beigestanden, als diese Unterstützung gegen die Vorurteile ihres Vaters brauchte, und ihr auch finanziell unter die Arme gegriffen. Jetzt erntete sie den Lohn dafür. »Hat vorhin nicht das Telefon geklingelt?«

»Richtig.« Joss rückte ihre Großmutter behutsam zurecht, sodass sie den unteren Rücken und die Wirbelsäule massieren konnte. »Mama kommt morgen.« Sie griff nach einem Fläschchen auf dem Nachttisch, goss ein wenig Öl auf ihre Handflächen, wartete, bis es sich erwärmt hatte, und begann dann, Muskeln und Bindegewebe sanft und geschickt zu bearbeiten. »Sie übernachtet bei Bruno im ›Krähennest‹, will dich aber so bald wie möglich besuchen.«

Mutt schwieg, denn ihre Gedanken waren woanders.

»Ist vorhin Besuch da gewesen?«

Joss zögerte. Ob ihre Großmutter über den Amerikaner und sein Foto Bescheid wusste? Offenbar hatte sie die Türglocke gehört. Joss hasste Heimlichtuerei, und was sollte eine wahrheitsgemäße Antwort schon schaden?

»Ein Amerikaner war hier. Er glaubt, dass du seine Großtante während des Krieges gekannt haben könntest.«

Wieder drehte sie ihre Großmutter, um sich nun den Waden zuzuwenden. Doch nun verzog sich das Gesicht der alten Frau vor Schmerz.

»Hat das wehgetan?«, fragte Joss besorgt.

Mutt schüttelte den Kopf und begann krampfhaft zu husten. Joss setzte sie auf, legte ihr liebevoll den Arm um die Schulter und schüttete mit der anderen Hand Medizin in einen Messbecher. Nachdem der Hustenanfall vorüber war, bettete Joss ihre Großmutter behutsam auf ihr Kissen und stützte das verletzte Bein mit einem Polster.

»Ich muss mir die Hände waschen«, sagte sie. »Bin gleich wieder da.«

Als Mutt allein war, wanderte ihr Blick zu dem Tisch hinüber, an dem Mousie noch vor ein paar Tagen gesessen, die Post geöffnet und ihr die Briefe vorgelesen hatte, weil sie selbst dafür zu schwach war.

»Menschenskind!«, hatte Mousie amüsiert gerufen. »Hier ist ein Brief von einem jungen Mann, der wissen möchte, ob du seine Großtante kennst. Er hat ein Foto beigelegt.« Als sie nach einer Weile weitersprach, klang ihre Stimme belegt. »Das ist ja wirklich erstaunlich«, sagte sie. »Erinnerst du dich an das Foto, Honor?« Und sie war aufgestanden, ans Bett getreten und hatte ihr das Bild hingehalten.

Es war ein richtiger Schock gewesen: ihr eigenes junges, fröhlich lachendes Gesicht inmitten von Freunden zu sehen und sich mit schmerzlicher Freude an diesen glücklichen Tag zu erinnern – und an die Sorgen, die wenig später folgten. Diese Gefühle hatten einen Augenblick lang jeden klaren Gedanken unmöglich gemacht. Daher dauerte es eine Weile, bis ihr der Brief wieder einfiel, den Mousie ihr vorgelesen hatte.

»Ich kann nicht mit ihm sprechen«, hatte sie ängstlich gerufen. »Ich kann einfach nicht. Das ist alles zu schmerzlich und zu lange her!« Mousie hatte sie beruhigt. Sie hatte ihr Recht gegeben, dass sie noch nicht kräftig genug war, um Besuche zu empfangen, und ihr Medizin verabreicht, um den schlimmen Hustenanfall zu mildern. Nachdem Mousie fort war, war Mutt mit unsicheren Schritten zum Tisch getappt, hatte aber weder den Brief noch das Foto gefunden und kaum noch die Kraft aufgebracht, wieder ins Bett zu steigen.

Als sie jetzt auf Joss wartete, dachte sie an etwas anderes – ein törichtes, halb vergessenes Geheimnis –, und ihr wurde flau vor Angst. Unwillkürlich spannte sie die Muskeln an, als wolle sie aufstehen, aber das Medikament wirkte allmählich, und sie wurde schläfrig. Wieder stellte sie sich vor, sie sei in Indien. Bilder und Geräusche drängten sich in ihre wirren Gedanken: rumpelnde Wagenräder und die Rufe der Fuhrleute, schlurfende Schritte und schrille Stimmen; scharfe, stechende Gerüche; dunkle Körper und leuchtende Bougainvilleen; warmer, weicher Staub und unerbittliche Hitze.

Plötzlich schrillte das Telefon unten im Korridor und verstummte, als Mousie den Hörer abnahm. Mutt murmelte und schrie im Schlaf, und Joss, die neben ihr saß, blickte von Zeit zu Zeit von ihrem Buch auf und beobachtete sie.

»Ich habe mir überlegt, dass ich doch lieber droben im Haus übernachten sollte und nicht bei Bruno.« Emma war am Apparat, und wie immer redete sie sehr hastig. »Wenn es Mutt mit dieser Lungenentzündung wirklich so schlecht geht, Mousie, sollte ich vielleicht doch lieber bei ihr wohnen. Ich möchte nur Joss nicht im Weg sein. Sie kümmert sich so rührend um ihre Großmutter. Die beiden waren schon immer ein Herz und eine Seele.«

Mousie lächelte versonnen. Sie malte sich aus, wie Emma neben dem Telefon hockte und mit der freien Hand gestikulierte – warmherzig, zerstreut, liebenswert.

»Bei Bruno bist du gut aufgehoben«, versicherte sie ihr. »Es ist doch nur zehn Minuten von hier, und Honor schwebt schließlich nicht in Lebensgefahr …« Sie rief sich in Erinnerung, was der Arzt gesagt hatte, und biss sich auf die Lippen. »Allerdings muss man bei ihrem Alter auf alles gefasst sein –«

»Das hat Raymond auch gesagt«, unterbrach Emma sie besorgt. »Dass ich bei ihr sein sollte. Du weißt ja, dass er Joss nicht viel zutraut. Von dieser Alternativmedizin hält er nichts, und er meint, dass wir dich zu stark in Anspruch nehmen.«

Mousie konnte sich gut vorstellen, dass Raymond Fox es gern sehen würde, wenn seine Frau zu diesem kritischen Zeitpunkt am Ort des Geschehens wäre.

»Sag ihm, er soll sich wegen Honor nicht allzu viel Kopfzerbrechen machen«, gab sie ungerührt zurück. »Er kann sich darauf verlassen, dass ich genau weiß, was ich zu tun habe.«

»Aber Mousie«, antwortete Emma, halb verlegen und halb amüsiert. »Er meint es nicht so, der gute alte Ray. Manchmal nörgelt er einfach gern ein bisschen herum. Mein lieber Bruder ist nicht sonderlich begeistert darüber, dass ich komme. Momentan kämpft er anscheinend mit einer kniffligen Passage in seinem Buch, und ich höre schon an seiner Stimme, dass er an nichts anderes denken kann. Macht nichts. Ein bisschen Ablenkung wird ihm guttun.«

»Wenn du meinst.« Mousie dachte voller Mitgefühl an Bruno. »Ich halte es für das Klügste, wenn Joss hier weiter freie Hand hat. Sag Raymond, dass Honor bei ihr in guten Händen ist. Darauf kommt es im Augenblick an.«

»Du hast Recht, Mousie. Das Problem ist nur, er kapiert einfach nicht, dass sie ein erwachsener Mensch ist. Und schließlich ist sie keine ausgebildete Krankenpflegerin wie du, obwohl ich ihm immer wieder erkläre, dass sie ihre Sache großartig macht. Sie war schon als Kind so fürsorglich und vernünftig, ganz anders als ich, findest du nicht? Aber natürlich war Vater Arzt und Mutt gelernte Krankenschwester, das muss sie also von ihnen haben …«

»Joss ist großartig«, entgegnete Mousie energisch, »und Raymond hat allen Grund, stolz auf sie zu sein. Sie war im Krankenhaus in Truro, um Honors Röntgenbefunde mit dem Physiotherapeuten zu besprechen, und sie weiß genau, was sie tut.«

»Es tut so gut, mit dir zu reden«, meinte Emma euphorisch. »Ich hoffe, dass ich rechtzeitig zum Mittagessen bei euch bin. Sag allen liebe Grüße von mir.«

Mousie legte den Hörer mit dem wohlbekannten Gefühl auf, einen Spurt zurückgelegt zu haben. Dann kehrte sie ins Wohnzimmer zurück. Zwei kleine, gemütliche Sofas standen im rechten Winkel zum offenen Kamin, und ein drittes, das etwas länger war, ergänzte das Quadrat. Mutts Vorliebe für zurückhaltende Eleganz war in jedem Raum des Hauses spürbar, doch nirgends mehr als hier in dem kleinen Handarbeitszimmer, in das sie sich zum Lesen oder Sticken zurückzog. In der ganzen Umgebung war sie für ihre schönen Stickereien bekannt. Sie hatte auch schon zahlreiche größere Aufträge erhalten, aber wegen ihrer nachlassenden Sehkraft hatte sie in letzter Zeit nicht mehr so viel angenommen. Der halb fertige Gobelin, an dem sie abends vor dem Kamin gearbeitet hatte, stand noch in dem Stickrahmen neben dem Rosenholztisch mit den Zeitschriften und Büchern.

Mousie setzte sich in die Ecke am Feuer und öffnete ihre große Gobelintasche. Behutsam zog sie das Foto mit dem Brief heraus und betrachtete die vier lachenden Gesichter: Hubert, seine Frau und ein zweites Paar.

Der Amerikaner hatte geschrieben:

Es wurde eine Doppelhochzeit gefeiert, weil die vier so eng befreundet waren. Meine Großmutter wusste noch, dass die beiden Mädchen Krankenschwestern waren, meinte aber, dass mein Großonkel in Indien eine Firma leitete. Das alles klingt ein bisschen vage. Fest steht nur, dass der Mädchenname meiner Großtante Madeleine Grosjean war. Ich weiß, dass sich die beiden Krankenschwestern sehr nahestanden, aber kurz nachdem meine Großmutter in die Staaten gegangen war, kamen keine Briefe mehr aus Indien. Die Nachforschungen, die damals angestellt wurden, ergaben, dass Madeleine und ihre Familie spurlos verschwunden waren. Wir vermuten, dass sie bei den Unruhen im Jahre 1947 umgekommen sind.

Vielleicht waren Sie und Dr. Trevannion damals ja bereits nach Großbritannien zurückgekehrt. Es wäre wunderbar, wenn wir der Wahrheit auf die Spur kommen könnten. Ich hoffe, dass Sie ein bisschen Zeit für mich haben, wenn ich nächstes Wochenende vorbeikomme, sagen wir am Samstag gegen drei?

Mousie faltete den Brief zusammen und dachte an Honors Ankunft in St Meriadoc zurück. Damals, 1947, war Huberts Mutter bereits tot und sein Vater ziemlich gebrechlich gewesen. Doch alle hatten ihr Bestes getan, damit sich die Neuankömmlinge wie zu Hause fühlten. Der kleine Bruno, der so viel Ähnlichkeit mit seinem Vater hatte, war noch ganz benommen von den Ereignissen der letzten beiden Monate, und die süße Emma, zu klein, um das alles zu begreifen, war dankbar dafür, in den Schoß ihrer neuen Familie aufgenommen zu werden. Vom ersten Augenblick an hatte Mousie die Kinder ins Herz geschlossen – aber Honor … Mousie seufzte. Zwischen ihnen war eine Barriere gewesen, eine Reserviertheit, gegen die Mousie einfach nichts ausrichten konnte. Ob der Grund dafür ihre Liebe zu Hubert war? Sie hatte sich alle Mühe gegeben, diese Distanz abzubauen, aber es war ihr nicht gelungen. Sie hatte sich nicht einmal angewöhnen können, den albernen Kosenamen der Kinder zu benutzen: Für Mousie blieb Mutt immer »Honor«.

Sie hörte Schritte auf der Treppe und ließ Brief und Foto rasch wieder in ihrer Tasche verschwinden. Als Joss hereinkam, saß Mousie scheinbar in die Zeitung vertieft vor dem flackernden Feuer.

DREI

Während Emma hinter Launceston die vertraute Landstraße entlangfuhr, bei Kennards House abbog und Ausschau nach dem glitzernden Meer in der Ferne hielt, führte sie Selbstgespräche. Sie machte sich Mut: Lange würde es nicht mehr dauern, dann war sie da, dann war sie zu Hause. Obwohl sie in aller Frühe losgefahren war, fühlte sie sich wach und voller Energie und freute sich auf das Wiedersehen mit ihrer Familie – vor allem auf Joss und Bruno.

»Und die gute alte Mutt«, sagte sie laut. Die Krankheit ihrer Mutter bedrückte sie, aber vor allem machte ihr der Gedanke zu schaffen, dass sie sich im Umgang mit Kranken so hilflos fühlte – ganz anders als Mousie, die es verstand, ihre Fürsorge zu zeigen, ohne sich dabei aufzureiben.

»Sie sieht schrecklich aus«, hatte Emma geklagt, als sie Mutt das letzte Mal besucht hatte. »So gebrechlich und alt.«

»Sie ist gebrechlich und alt«, hatte Mousie mit ihrem beißenden Humor entgegnet, durch den sich Emma immer trösten ließ. »Schließlich ist sie fast achtzig, und sie hat einen schlimmen Sturz hinter sich. Was erwartest du denn?«

»Sie war immer so …«, Emma suchte nach dem richtigen Wort, »… so unabhängig.«

»Das stimmt«, erwiderte Mousie wehmütig, »aber mit der Unabhängigkeit ist es so eine Sache, wenn man nicht laufen kann und geistig ein wenig verwirrt ist.«

Während Emma durch Delabole fuhr, dachte sie daran, welch ein Schock es gewesen war, die fröhliche, tüchtige Mutt ans Bett gefesselt und durch Beruhigungsmittel gedämpft zu sehen. Es kam ihr vor, als wäre ein unverrückbarer, zuverlässiger Bezugspunkt über Nacht aus ihrem Leben verschwunden, und sie hatte das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Natürlich liebte Mutt ihre Kinder, aber diese Liebe war nicht frei von Strenge, und das Merkwürdige war, dass sie, Emma, immer das Gefühl hatte, sie brauche Mutts Wohlwollen. Auch als sie längst kein Kind mehr war, freute sie sich von Herzen, wenn sie von Mutt mit einem liebevollen Lächeln belohnt wurde.

»Das ist doch verrückt!«, hatte Emma unten im »Krähennest« schon manches Mal ihrem Bruder Bruno anvertraut, wenn sie ihm beim Kochen helfen wollte, aber im Grunde nur im Weg stand. »Ich bin jetzt zwanzig  dreiunddreißig  zweiundvierzig …, und immer noch bin ich darauf angewiesen, dass sie gut findet, was ich tue.«

Angesichts der zahlreichen gesellschaftlichen Verpflichtungen, denen sie nachkommen musste – der Alltag in Henley und die aufwändigen Dinnerpartys für Rays Geschäftspartner in der Londoner Wohnung –, war es eine Erholung für sie, bei Bruno gelegentlich die Seele baumeln zu lassen und ihrem Herzen Luft zu machen. Welche Geschichten hätte dieses merkwürdige Haus mit seinen Natursteinmauern erzählen können!

Sie passierte erst St Endellion, dann Porteath und bog in die schmale Straße ab, die nach St Meriadoc führte. An einem Gatter bremste sie und stieg aus. Das blasse Sonnenlicht beleuchtete eine vertraute Szene. Aufgeschreckte Schafe und Lämmer suchten das Weite, ihr Blöken hallte durch die kühle, klare Luft, während Emma über die raue Landschaft auf die Klippen blickte, die sich nordwärts nach Kellan Head und westwärts nach Rumps Point zogen. Sie kletterte auf die mittlere Sprosse des Gatters, sodass sie in das tiefe Tal hinunterschauen konnte: auf das Haus, dessen schiefergedecktes Dach von hohen Büschen und Bäumen umgeben war. Im Westen lag die kleine, geschwungene Bucht mit der stillgelegten Bootswerft und mehreren Cottages, die gemeinsam mit dem »Krähennest« die Siedlung St Meriadoc bildeten. Obwohl sie wusste, dass es noch zu früh im Jahr war, lauschte Emma, ob sie nicht den Gesang der Lerche vernahm. Mutt nannte dieses stille, abgeschiedene Tal den »goldenen Kelch«. Der Ausdruck stammte aus einem Gedicht von George Meredith über eine Lerche. Sie hatte es ihnen vorgelesen, als sie klein waren. Emma erinnerte sich immer noch an einige Zeilen:

Hoch und höher steigt sie auf

Und unser Tal, ihr goldner Kelch,

Und sie der Wein, der überfließt.

Emma hatte von jeher diesen Blick genossen, wenn sie vom Internat oder – in späterer Zeit – von London nach Hause kam. Das Bild dieser Landschaft stand ihr immer vor Augen.

»Warum um Himmels willen willst du hier anhalten?«, hatte Raymond ungeduldig gefragt, wenn sie in den ersten Jahren ihrer Ehe hierher zu Besuch kamen. »Wir sind doch jeden Moment da.«

Darauf gab es keine Antwort. Jedenfalls keine, die Raymond verstanden hätte. Bruno konnte diese wunderbare Vorfreude nachfühlen, wenn man die Erregung des Eintauchens in die Szenerie dort unten für einen Moment hinauszögerte: den Blick hinab auf eine Verheißung.

»Schon gut«, hatte sie gemurmelt. Wie immer gab sie nach – Raymond war so reif, so vernünftig –, und dann tätschelte er ihre Hand oder ihr Knie, ohne zu merken, dass sie instinktiv zurückwich und ihr in diesem Augenblick seine körperliche Gegenwart ebenso zuwider war wie seine Wertvorstellungen.

»Du Dummerchen«, sagte er voller Zuneigung, während sie die Hände zwischen den Knien zusammenpresste und angestrengt zum Fenster hinausschaute. Kurz darauf plagten sie Schuldgefühle, und sie rief sich seine guten Eigenschaften in Erinnerung – seine etwas unbeholfene Freundlichkeit, verbunden mit einem ausgeprägten Beschützerinstinkt. Er verschaffte seiner Familie ein angenehmes Leben und verwaltete umsichtig sein Vermögen – Eigenschaften, die nach Mutts Ansicht ebenso wichtig waren wie leidenschaftliche Gefühle. Dass er zwölf Jahre älter, gut aussehend und bereits erfolgreich war, hatte Eindruck auf die unerfahrene Zwanzigjährige gemacht, und sie war sehr geschmeichelt über sein unverhohlenes Interesse an ihr gewesen. Stirnrunzelnd dachte Emma an diese Zeit zurück. Der Punkt war, dass Bruno damals gerade seine Verlobung mit dem grazilen Wildfang Zoë bekannt gegeben hatte, die aussah wie Juliette Gréco und ihr Geld als Model verdiente. Plötzlich hatte sich Emma als Außenseiterin gefühlt. Neben Zoë kam sie sich wie ein Tollpatsch vor – plump und unbeholfen –, und praktischerweise war Raymond zur Hand, um dieses Gefühl der Unzulänglichkeit zu lindern.

»Den darfst du auf keinen Fall heiraten«, hatte Bruno nach der ersten Begegnung mit Raymond kategorisch erklärt – und sie hatten einander zornig angefunkelt.

»Mutt mag ihn aber«, hatte Emma eigensinnig entgegnet. »Sie hält ihn für solide und zuverlässig.«

»Zuverlässig?« Bruno hatte fassungslos den Kopf geschüttelt. »Um Himmels willen, Emma!«

In Gedanken noch bei dem damaligen Streit, stieg sie wieder ins Auto und fuhr die steile, kurvige Straße hinunter zur ehemaligen Bootswerft neben den Cottages. Dann stellte sie den Wagen in dem stillgelegten Steinbruch gegenüber ab.

Durch den fröhlichen Ton der Hupe aufgeschreckt, erhob sich Rafe Boscowan vom Schreibtisch und trat ans Fenster seines Arbeitszimmers.

»Es ist Emma«, rief er seiner Frau zu. »Ich gehe schon.«

Auf ihrem Gesicht zeigte sich ein Ausdruck freudiger Erwartung. Pamela blieb am Küchentisch sitzen, wo sie mit Sorgfalt Gemüse putzte. Sie hörte, wie Rafe die Treppe hinunterging, die Tür öffnete und Emma begrüßte. Als die beiden eintraten, drehte sie sich auf ihrem Stuhl um. Emmas blumiges Parfüm stieg ihr in die Nase, sie spürte, wie ihr Gesicht von sanften Händen umfasst wurde und Emma ihr einen Kuss auf beide Wangen drückte. Dann folgte eine kleine Pause, und sie wusste, dass Emma sie eingehend musterte.

»Du siehst so gut aus, Liebes. Was für ein schöner Pullover – und hast du einen neuen Haarschnitt? Die blonden Strähnchen sind hübsch.«

Pamela tastete nach ihrer Frisur. Typisch Emma, dass ihr so etwas auffiel.

»Gefällt es dir? Rafe behauptet, es steht mir gut, aber ich weiß nicht, ob er mir immer die Wahrheit sagt. Olivia meinte, dass ich mein Äußeres vernachlässige, also habe ich beschlossen, mich ein bisschen aufzupeppen.«

Rafe und Emma wechselten einen Blick. Die Älteste der Boscowan-Kinder war nicht gerade ein Ausbund an Taktgefühl. Pamela lächelte.

»Nur keine Vebs!«, mahnte sie mit der Geistesgegenwart, die sie im Laufe ihrer Erblindung entwickelt hatte. »Ich weiß, dass Olivia kein Blatt vor den Mund nimmt, aber sie hat Recht. Ich darf mich nicht gehen lassen.«

Emma berührte Pamelas Schulter. In der Familie Boscowan war das Wort »Veb« eine Abkürzung für »Verstohlene Blicke«, die Pamela nicht mitbekam, und sie alle versuchten, sich an die Regel zu halten und ihre Blindheit nicht auszunutzen. Dennoch konnte Emma ihren Ärger über Olivias Taktlosigkeit nicht ganz unterdrücken.

»Ich versichere dir, es sieht wirklich gut aus. Du weißt, dass ich das sonst nicht sagen würde. Ich würde sofort mit dir nach Wadebridge fahren und mit Argusaugen darüber wachen, dass das Mädchen es richtig hinbekommt. Aber glücklicherweise ist das nicht nötig.«

Rafe räumte das Brett mit dem geputzten Gemüse beiseite, das er als Nächstes schnippeln wollte, und holte Gläser aus dem Küchenschrank.

»Wie wär’s mit einem Willkommenstrunk?«, schlug er vor. »Ich habe Bruno gebeten vorbeizukommen, aber wahrscheinlich sieht er nicht auf die Uhr. Bestimmt ist er gerade auf einem anderen Planeten. Aber Mousie wird gleich da sein. Wie geht’s Raymond?«

Er schenkte Wein ein, stellte ein Glas auf den Tisch und führte behutsam Pamelas Finger zum Stiel. Glücklich sah sich Emma in der Küche um, stibitzte ein Stück Karotte, betrachtete das neueste Foto von Olivias Baby, spähte aus dem Fenster und plauderte dabei unbekümmert. Die Cottages waren nur wenige Meter vom Deich entfernt, und das schillernde, von grauen Wogen reflektierte Licht ließ den lang gestreckten Raum mit den schweren Deckenbalken und den dicken Steinmauern heller und höher wirken, als er war. Emma seufzte zufrieden; genauso hatte es hier ausgesehen, als Tante Julia die kleine Emma mit selbst gemachtem Fondant oder Cornish Splits, einem süßen Hefegebäck, verwöhnt hatte – wenngleich der alte Herd verschwunden und die Küche umgebaut worden war, sodass sich Pamela ungehindert darin bewegen konnte.

Während Emma zusah, wie sie behutsam Schubladen öffnete und den Tisch deckte, musste sie an eine jüngere Pamela denken, die unbeschwert herumgeflattert war und mit der kleinen Olivia gespielt hatte. Damals hatte sie Joe erwartet. Wenn Emma zu Besuch kam, hatten Pamela und Rafe sie scherzhaft in breitestem Cornwall-Dialekt wie eine hochgestellte Persönlichkeit begrüßt.

Das hatte Emma kein bisschen gestört, im Gegenteil. Sie fühlte sich wie ein Ehrengast, wenngleich sie Pamela und Rafe insgeheim um ihren lockeren, liebevollen Umgang miteinander beneidete. Pamelas Erblindung hatte die beiden noch enger zusammengeschweißt. Bei dem Gedanken, was Pamela verloren hatte, überfiel Emma eine jähe Traurigkeit.

Da kam Mousie herein. Sie breitete die Arme aus, und Emma ging dankbar auf sie zu und ließ sich von Rafes Schwester ans Herz drücken.

VIER

Bruno kam aus seinem kleinen, mit Büchern gefüllten Arbeitszimmer, blickte auf die Uhr und machte ein schuldbewusstes Gesicht: zwanzig nach zwei – er hatte das Mittagessen bei Rafe und Pamela verpasst. Aber seine Verwandten würden Nachsicht üben. Von plötzlichem Hunger überwältigt, sah er nach, was der Kühlschrank zu bieten hatte. Nellie – das gelungene Ergebnis der ungeplanten Liebschaft zwischen einer hübschen Border-Collie-Hündin mit einem stattlichen Golden Retriever – hatte sich auf den kühlen Fliesen des Küchenbodens ausgestreckt. Nun hob sie den Kopf und sah Bruno erwartungsvoll an.

»Mit dem Lunch sind wir heute spät dran, meine Liebe«, murmelte Bruno und stellte eine große, halb volle Dose Hundefutter, ein paar Eier und ein Stück Käse auf die Anrichte. »Tut mir leid.«

Allerdings hatte ihn das am Morgen Geleistete in Hochstimmung versetzt, die sich immer einstellte, wenn es ihm gelang, seine Ideen zu Papier zu bringen – natürlich mit Hilfe seines Computers. Ein halbes Kapitel war fertig, und ausnahmsweise war er zufrieden mit dem, was nach all den Seelenqualen und dem endlosen Auf- und Abgehen in seinem vollgestopften Arbeitszimmer herausgekommen war.

»Warum arbeitest du nicht in dem Raum mit der phantastischen Aussicht?«, fragten Besucher zuweilen.

Fassungslos betrachteten sie die Wände mit den großformatigen Pinnbrettern, an denen Fotos, Zeichnungen, Artikel aus Hochglanzillustrierten und vergilbte Zeitungsausschnitte hingen, die samt und sonders mit dem Buch zu tun hatten, an dem Bruno gerade schrieb. An einer Ecke des fadenscheinigen Teppichs ragte ein einsturzgefährdeter Bücherturm empor, und die Arbeitsplatte, die sich im rechten Winkel an den Schreibtisch anschloss, war mit vollgekritzelten Zetteln und Heften bedeckt.

»Nichts lenkt einen mehr von der Arbeit ab als eine grandiose Aussicht«, gab er dann zurück und führte die Gäste wieder ins Wohnzimmer mit dem großen Bogenfenster, von dem aus sie das eisgrüne Meer betrachten konnten.

Das »Krähennest«, von einem exzentrischen viktorianischen Vorfahren errichtet, schien Bruno der ideale Ort, um seine Bücher zu schreiben: historische Romane, inspiriert durch die eigene Familiengeschichte, beginnend mit einem Trevannion, der im Bürgerkrieg des 17. Jahrhunderts auf Seiten des Königs gekämpft hatte. Weil jedes dieser Bücher zwei- bis dreijährige Recherchen erforderte, betrieb er außerdem, unter Pseudonym, seine »Lohnschreiberei«: Geschichten über die britische Marine. Das erste dieser Bücher, das er unmittelbar nach seinem Ausscheiden aus der Royal Navy mit Mitte zwanzig verfasst hatte, war ein Überraschungserfolg gewesen. Am heutigen Tag hatte er sich jedoch voll und ganz einem technisch versierten Trevannion gewidmet, der als Mitarbeiter des großen Sir Joseph Bazalgette an der Planung des Londoner Abwassersystems mitgewirkt hatte.

Wie gut, sinnierte Bruno, während er Nellie fütterte und Käse rieb, dass die Trevannions des 18. und 19. Jahrhunderts sich auf so vielen Gebieten hervorgetan hatten. Er hatte also genügend Figuren auf Lager, mit denen er sich in den nächsten Jahren beschäftigen konnte. Und er durfte sich glücklich schätzen, dass seine lebenden Angehörigen es mit seiner Pünktlichkeit nicht so genau nahmen. Er hatte sein Omelett halb aufgegessen, als Emma hereinkam.

»Du bist ein hoffnungsloser Fall«, sagte sie und blickte ihn liebevoll an. »Wo warst du denn heute? Mousie meinte, dass du wahrscheinlich in einer Londoner Kloake feststeckst.«

»Da hatte sie völlig Recht.« Er erhob sich und umarmte seine Schwester. »Tut mir leid.«

Emma kraulte Nellies weiche Schlappohren. Wie schön es war, wieder in diesem Haus zu sein, wo sie einfach nur sie selbst sein konnte. Bruno trug wie immer seine dunkelbraune Cordhose, den blauen Seemannspullover und die ausgefransten Strandschuhe, und man sah ihm an, dass er sich darin wohlfühlte. Der Februarkälte trotzte er mit Wollsocken und einem roten Seidenschal, den Emma ihm zu Weihnachten geschenkt hatte. Doch bestimmt trug er den Schal nur, weil er ihm als Erstes in die Hände gefallen war, als er morgens feststellte, wie kühl es war.

»Ein schöner Schal«, bemerkte sie fröhlich, um ihn auf die Probe zu stellen.

Er bedankte sich mit einem Nicken für das Kompliment. »Finde ich auch. Möchtest du einen Kaffee, oder schaust du erst mal bei Mutt vorbei?«

»Ich gehe gleich rauf«, erwiderte sie. »Wie geht’s ihr? Mousie hält sich bedeckt, wenn du weißt, was ich meine – ›Wir müssen bedenken, dass sie fast achtzig ist, aber ich bin sicher, dass sie wieder gesund wird‹ und so weiter.«

Bruno schob sich das letzte Stück Omelett in den Mund und stellte Nellie seinen Teller zum Ablecken hin. »Ich war gestern gleich nach dem Mittagessen bei ihr«, sagte er. »Sonst gehe ich immer gegen fünf rauf, wenn ich Feierabend mache. Ehrlich gesagt, traue ich mir kein Urteil zu. Manchmal scheint sie zwar gebrechlich, aber geistig klar, dann wieder ist sie völlig durcheinander. Ich glaube, es hängt weitgehend davon ab, ob sie vorher ihre Medizin genommen hat. Joss ist eine großartige Pflegerin.«

Emmas Miene hellte sich auf. »Ich kann dir gar nicht sagen, wie erleichtert ich bin, dass es so gut klappt. Wie schön, dass sie Mutt helfen kann. Raymond meckert ständig an ihrer Arbeit herum, und wenn sie nach Hause kommt, ist Streit angesagt.«

»Dann hat sich nicht viel geändert«, meinte Bruno. »Und wie geht’s unserem Gevatter Fox?«

Emma zuckte die Schultern, hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch nach Offenheit und Loyalität mit ihrem Ehemann. Und Bruno, der aus langjähriger Erfahrung wusste, dass die Schranken der Loyalität am Ende für eine Weile fallen würden, verschob die Aussprache auf einen späteren Zeitpunkt.

Aber was sollte man von dieser Tageszeit auch erwarten, dachte er. Drei Uhr nachmittags, da war noch ein langer, öder Weg zurückzulegen, bis ein gemütliches Abendessen die Zunge löste und sich danach bei einem Glas Wein, geschlossenen Vorhängen und einem munteren Kaminfeuer die alte Vertrautheit einstellte.

»Geh ruhig rauf zu Mutt«, meinte er, ohne eine Antwort abzuwarten. »Am besten, du bleibst gleich oben und nimmst den Tee mit Joss. Wir reden später.«

Emma zögerte. Plötzlich fiel es ihr schwer, die anheimelnde Atmosphäre des »Krähennests« hinter sich zu lassen. Wer wusste, was sie oben im »Paradies« erwartete? Bruno sah sie nachdenklich an; er wusste, wie schwierig es für Emma war, mit Mutts körperlichem und geistigem Verfall nach dem Sturz zurechtzukommen.

»Weißt du was?«, meinte er. »Ein Spaziergang würde mir guttun – und Nellie übrigens auch. Wir begleiten dich auf dem Klippenweg. Oder wolltest du den Wagen nehmen?«

»Nein, nein.« Sie schüttelte energisch den Kopf. »Das wäre schön. Aber kann ich es denn verantworten, dich aus deinen Abwasserkanälen zu entführen?«

»Bazalgette hat noch andere Bauwerke hinterlassen«, erklärte er. »Zum Beispiel die Putney-Brücke. Aber keine Sorge, du hältst mich nicht von der Arbeit ab. Ich muss über ein paar Dinge nachdenken, und das geht am besten an der frischen Luft.«

Er zog eine Jacke über, schlüpfte in Gummistiefel, und sie folgten der begeisterten Nellie nach draußen.

Joss schlug ihr Buch zu, vergewisserte sich, dass Mutt tatsächlich schlief, und schlüpfte lautlos aus dem Zimmer. Sie hatte gedämpfte Stimmen und Schritte auf der Zufahrt unter dem Fenster gehört. Nun wollte sie vermeiden, dass jemand ihre Großmutter störte, nachdem sie endlich zur Ruhe gekommen war. Am Treppenabsatz sah sie, dass ihre Mutter hereingekommen war und gerade ihren Mantel auszog. Emmas Gesichtsausdruck, das ängstliche Stirnrunzeln, bewog Joss, in einer dunklen Ecke stehen zu bleiben. Wie immer brachte sie ihrer Mutter gemischte Gefühle entgegen: einerseits überwältigende Zuneigung, andererseits Anwandlungen von Unmut über Emmas allzu nachgiebige Haltung gegenüber ihrem Mann. Joss wusste nicht mehr, wann genau sie als Kind oder Jugendliche bemerkt hatte, dass sich die moralischen Grundsätze ihres nicht gerade feinfühligen Vaters vor allem auf den Erwerb von Besitz konzentrierten. Jedenfalls hatte sie schon früh mitbekommen, dass er niemandem außerhalb des engsten Familienkreises etwas von seinem nicht unbeträchtlichen Vermögen gönnte. Sein herablassendes Lächeln erstickte jeden Einwand im Keim; seine riesige Hand gab mit schulmeisterlicher Geste zu verstehen, dass er keinen anderen Standpunkt duldete. Selbst wenn es um Weihnachts- oder Geburtstagsgeschenke ging, verdarb sein joviales »Was das wohl gekostet haben mag?« oder »Braucht Mami wirklich noch einen Schal?« die Freude, mit der seine Tochter für das Geschenk gespart hatte.

Als Joss einmal einen Bettler mit ihrem Taschengeld beglückte, hielt er ihr einen langen Vortrag darüber, wie unklug es sei, die Faulheit zu ermutigen; und ein paar Tage später hatte er ihr einen Zeitungsbericht über einen solchen Bettler gezeigt, der sich mit seinen Einnahmen einen BMW leisten konnte. Ihr Vater hatte sie vor ihren Schulfreundinnen gedemütigt, indem er die extravaganten Fernreisen der Eltern kritisierte. Und später hatte er Freundschaften mit Jungen vereitelt, indem er sie bei ihrem dritten oder vierten Besuch über deren finanzielle Verhältnisse aushorchte. Wie groß war die Erleichterung, wenn er am Montagmorgen in die Londoner Wohnung übersiedelte und die Familie vier ganze Tage lang von seinen Sticheleien verschont blieb.

Joss vermutete, dass ihre Mutter nur dank dieser freien Tage imstande war, all die kleinen Demütigungen in Gegenwart ihrer Freundinnen und seine regelmäßigen Vorträge über den Nutzen der Sparsamkeit zu ertragen. Sie hatte einen großen Bekanntenkreis, ihren Bridge-Club und verfügte – trotz all seiner haushälterischen Grundsätze – über ein großzügig bemessenes Taschengeld. Auch als Joss bereits eine weiterführende Schule besuchte, hatte Emma noch jahrelang zwei Vormittage in der Woche Grundschülern mit Leseschwäche geholfen, und sie war Mitglied bei einem gemeinnützigen Frauenverband. Von Natur aus war Emma ein fröhlicher Mensch, aber Joss bezweifelte, dass ihre Mutter mit ihrem Vater wirklich glücklich war.

»Wie hältst du das nur aus?«, hatte sie ihrer Mutter zugerufen, nachdem herausgekommen war, dass Emma einer lieben, aber unzuverlässigen Freundin Geld geliehen hatte, und Joss Zeugin der Szene zwischen ihren Eltern geworden war. »Wie kannst du seine Knauserigkeit nur ertragen?«

»Er war dir immer ein guter Vater, mein Schatz«, hatte Emma, loyal wie eh und je, zurückgegeben. »Ich weiß, dass er sehr unsensibel sein kann, was für Mädchen in deinem Alter besonders schwierig ist. Aber du darfst nicht zu streng mit ihm ins Gericht gehen. Er tut alles, damit wir ein sorgenfreies Leben führen können …«

»Aber alles, was er einem schenkt, trägt ein Preisschild. Für alles will er etwas zurückhaben.«

»Sicherheit ist ihm sehr wichtig. Das wirst du besser verstehen, wenn du selbst Kinder hast. Immerhin wird alles, was er besitzt, eines Tages dir gehören. Im Grunde tut er doch alles nur für dich.«

»Ich will das aber nicht«, gab sie in kindlichem Trotz zurück. »Ich verdiene mein eigenes Geld.«

Und sie arbeitete hart, um ihre Ausbildung zu finanzieren – denn von ihrem Vater, der für sämtliche Varianten der Alternativmedizin nur Hohn und Spott übrig hatte, nahm sie keinen Penny. Um sich über Wasser zu halten, jobbte sie in Kneipen und Cafés. Mutt glaubte an sie. Mutt, die ihr bei Familienkonflikten schon immer beigestanden hatte, lud Joss und ihre Freunde ins »Paradies« ein, wo sie Zuflucht vor der demütigenden Nörgelei und dem schwer erträglichen Humor ihres Vaters fanden. Ohne direkt Partei zu ergreifen, ermutigte Mutt ihre Enkelin und unterstützte sie auch finanziell, so gut sie konnte, obwohl sie selbst keine großen Einkünfte hatte: ihre Witwenrente, ein paar Aktien und die Miete für die Cottages unten am Meer. Emma, die zwischen allen Stühlen saß, sorgte sich, ob ihre Tochter die Doppelbelastung durch Ausbildung und Jobs durchhalten würde.

»Du bringst dich um, bevor du überhaupt ins Berufsleben eintrittst«, sagte sie. »Du siehst erschöpft aus, mein Schatz. Warum hörst du nicht einfach weg, wenn er Unsinn redet? In Wirklichkeit will er doch nur dein Bestes. Er ist nur einfach nicht imstande, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Ich könnte dir doch helfen …«

»Das kann ich nicht annehmen, Mum.« Joss hasste sich selbst, als sie sah, wie sehr sie ihre Mutter mit diesen Worten kränkte. »Bitte versuche das zu verstehen. Ich komme schon zurecht. Andere Leute schaffen es ja auch. Schließlich sagt Dad doch selbst immer: Jeder ist seines Glückes Schmied, muss sehen, wo er bleibt, und so weiter und so fort.«

Gelegentlich war Brunos Großzügigkeit lebensrettend.

»Ich vermute, Mum hat dich bestochen«, bemerkte sie manchmal ungnädig – aber sein verschmitzter Blick entlockte ihr jedes Mal ein Lächeln. »Tut mir leid«, meinte sie dann zerknirscht. »Ich kann nur einfach nichts von meinen Eltern annehmen, wenn ich weiß, dass mein Vater ablehnt, was ich mache.«

»Nimm es einfach, Mädel«, sagte er und steckte ihr einen Scheck oder ein paar Geldscheine zu. »Ich verspreche dir, dass ich für die Ansichten meines Schwagers keine Lanze breche. Und mit meinem Geld kann ich schließlich anfangen, was ich will.«

»Warum nur?«, hatte sie ihn einmal gefragt. »Warum hat sie ihn bloß geheiratet, Bruno? Er ist  so anders als Mum. Sie ist warmherzig, freundlich, liebevoll, und er ist so berechnend. Was hat sie bloß an ihm gefunden?«

Ihr Onkel überlegte eine Weile. »Du darfst nicht vergessen«, antwortete er schließlich, »dass es für Frauen vor dreißig Jahren noch viel wichtiger war zu heiraten als heute. Du kannst dir überhaupt nicht vorstellen, wie sehr Mädchen unter Druck gesetzt wurden, sich einen Mann zu suchen. Dein Vater war ein ausgesprochen gut aussehender, erfolgreicher Mann, und dass er um einiges älter war als Emma, hat seine Anziehungskraft eher noch gesteigert. Außerdem fand Mutt ihn in Ordnung. Sie hat ganz richtig erkannt, dass er gut für ihre Tochter sorgen würde, und deshalb hat sie ihn ermutigt. Emma hatte kaum Erfahrung, und die Hartnäckigkeit, mit der er sich um sie bemühte, schmeichelte ihr. Man könnte sagen, er hat sie im Sturm erobert, aber Tatsache ist, dass man als Außenstehender eine Ehe nicht beurteilen kann. Und wenn du den beiden noch so nahestehst, wirst du doch nie begreifen, warum es funktioniert, oder die unzähligen unsichtbaren Bande wahrnehmen, die ein Paar zusammenhalten. Emma ist sehr liebevoll und sehr loyal euch beiden gegenüber, und es steht uns nicht zu, sie zu verurteilen. Mach es ihr nicht noch schwerer, als es ohnehin schon ist.«

Als Joss nun im Schatten auf dem Treppenabsatz stand, fielen ihr Brunos Worte wieder ein, und ihr Herz pochte in jäh aufwallender Zuneigung.

»Hallo, Mum«, rief sie und lief die Treppe hinunter. »Wie war die Fahrt?«

Emma schloss ihre Tochter in die Arme. »Völlig problemlos. Und wie geht’s Mutt?«

»Sie schläft. Ich wollte gerade Tee machen, dann bringen wir ihr nachher eine Tasse hoch. Wie lange kannst du bleiben?«

»Mindestens für ein paar Tage. Ray ist in London, er hat Besprechungen und so weiter. Du siehst hervorragend aus, Joss. Ich hätte nicht gedacht, dass du die Belastung so gut verkraftest. Mousie hat mir erzählt, dass du ihr eine große Hilfe bist. Was gibt’s Neues?«

Joss wurde das Herz schwer. Diese Frage aus dem Mund ihrer Mutter bezog sich gewöhnlich auf ihr Liebesleben. Als sie Emma in die Küche folgte, fiel ihr der junge Amerikaner ein – er konnte für ein Ablenkungsmanöver herhalten.

»Ach, weißt du«, sagte sie langsam, »gestern ist etwas Merkwürdiges passiert. Ein Mann ist vorbeigekommen, der nach einer Angehörigen sucht. Er hat gehofft, dass Mutt sie aus Indien kennt …«

Mutt stöhnte im Halbschlaf, murmelte längst vergessene Namen und warf sich hin und her, bis sie wieder in einen unruhigen Schlummer sank.

FÜNF

Wer ist Lottie?«

Emma stand mit dem Rücken zum Kaminfeuer und blätterte in der Taschenbuchausgabe von Brunos neuestem Roman. Da sie keine Antwort auf ihre Frage erhielt, warf sie einen Blick auf den bogenförmigen Durchgang zur Küche und wiederholte die Frage ein wenig lauter.

»Bruno? Hast du mich verstanden? Kennen wir eine Lottie?«

Sie hörte, wie die Backofentür geschlossen wurde, dann lief kurz das Wasser, und schließlich tauchte Bruno auf, der sich die Hände an einem zerschlissenen Geschirrtuch abtrocknete.

»Wie bitte? Lottie?« Er schüttelte den Kopf. »Warum fragst du?«

»Mutt hat sie vorhin erwähnt.« Emma hielt das Buch in die Höhe. »Hübscher Umschlag – ziemlich modern und ansprechend, und auf der Rückseite eine Menge Lob.«

Er nahm es ihr aus der Hand. »Ich finde es auch gut«, gab er zu. »Anscheinend wollen sie die Backlist-Titel in derselben Aufmachung bringen.« Er betrachtete das Buch von allen Seiten. »Was hat Mutt gesagt?«

»Ziemlich wirres Zeug.« Emma stupste mit dem Schürhaken ein schwelendes Scheit an und nahm ein neues aus dem Korb neben dem Kamin. »Wahrscheinlich liegt es an dem Medikament. Aber ich frage mich doch, ob ihre Bemerkung etwas mit dem Amerikaner zu tun hat, der gestern hier war.«

Bruno legte das Buch behutsam auf den langen Tisch vor dem Erkerfenster.

»Von einem Amerikaner weiß ich nichts.« Er begann den Tisch aufzuräumen, um Platz fürs Abendessen zu schaffen. »Was wollte er denn?«

»Offenbar hat er einen Brief geschrieben, weil er nach einer Verwandten sucht, die mit Daddy und Mutt in Indien gewesen sein könnte. Er hat ein Foto seiner Tante mitgeschickt, weil er wissen wollte, ob Mutt sie kennt. Und dann ist er gestern Nachmittag aufgetaucht, weil er auf ein Gespräch hoffte.« Emma, mit dem lodernden Feuer zufrieden, setzte sich auf die Armlehne des Sofas und streichelte Nellie, die es sich auf der alten Decke auf der Couch bequem gemacht hatte. »Joss meinte, dass dadurch alte Erinnerungen geweckt wurden.«

Nellie räkelte sich wohlig, und Emma kraulte leise kichernd das weiche Brustfell der Hündin. »Du bist wirklich ein Luder«, sagte sie zu Nellie. »Kein Funken Schamgefühl. Braves Mädchen.«

»Und?«, fragte Bruno nach einer Weile.

»Und was?«

»Kennt Mutt diese  Verwandte auf dem Foto?«

Emma zuckte die Schultern. »Offensichtlich spielt Mousie die Sache ein wenig herunter. Sie hat den jungen Mann nicht zu Mutt gelassen, aber Joss sagt, dass sie mit ihr darüber gesprochen und ihr den Brief vorgelesen hat. Und anscheinend hat Mutt den Namen mehrmals im Schlaf gerufen. Lottie.« Emma runzelte die Stirn. »Es klingt seltsam, aber der Name kommt mir irgendwie bekannt vor.«

Sie sah ihren Bruder erwartungsvoll an, aber er schüttelte den Kopf.

»Mir nicht«, entgegnete er. »Und wenn du vor dem Essen noch baden willst, solltest du dich beeilen.«

Als sie mit einem Glas Wein und ihren Siebensachen nach oben verschwunden war, setzte sich Bruno neben Nellie auf das Sofa. Er streckte die Hand nach ihrem schwarz-weißen Fell aus, aber seine Gedanken waren anderswo.

Emma war noch keine vier Jahre alt, als sie zum ersten Mal diese Frage stellte. Auf dem steilen Klippenpfad machten sie auf halber Höhe Rast, setzten sich in das weiche Frühlingsmoos und ließen den Blick über das seidig schimmernde Meer unter ihnen schweifen. Die warme Sonne entlockte den rosaroten Grasnelken, die aus den Felsvorsprüngen, dem Lieblingsplatz der Möwen, hervorsprossen, ihren süßen Duft. Ein Fischerboot tuckerte Richtung Norden nach Port Isaac, und Bruno genoss den kühlen, köstlich salzigen Wind, der ihm durchs Haar fuhr. Sein Blick fiel auf Emma, ihr feines helles Haar, das die Sonnenstrahlen in einen Heiligenschein verwandelte. Ihre molligen Finger rupften am Gras, und ihre nachdenklichen Augen verrieten, dass sie Erinnerungen nachhing.

»Wer ist Lottie?«, fragte sie. »Lottie.« Sie sprach den Namen überdeutlich aus – »Lot-tie« –, als ließe sie ihn sich auf der Zunge zergehen.

Abrupt ließ sich Bruno nach hinten ins Gras fallen. Er schloss die Augen, nicht nur wegen der Sonne. Es hatte so viele Fragen gegeben, als sie vor knapp zwei Jahren nach St Meriadoc kamen.

»Meine Güte!«, hatte Tante Julia halb amüsiert, halb schockiert gerufen. »Warum nennt ihr eure Mutter bloß ›Mutt‹? Ist ihr das denn recht?«

Panik stieg in ihm auf, als die Erinnerungen an die letzte, entsetzliche Woche in Indien wiederkehrten.

Und Mousie strahlte ihn an – wie er Mousie liebte! – und sagte: »Du bist genau wie dein Vater. Er hat allen Leuten Kosenamen gegeben, weißt du noch, Mutter? Hubert hat mich immer ›Mousie‹ genannt.«

Erleichtert sah Bruno, dass Tante Julia nickte, obwohl sie nicht ganz zufrieden mit der Erklärung zu sein schien, schließlich bedeutete »Mutt« so etwas wie »Dummkopf«. »›Mutt‹«, murmelte sie dann auch, »das klingt so respektlos.« Worauf Mutt nur erwiderte: »Inzwischen hab ich mich daran gewöhnt. Es war sein Wort für ›Mutter‹, als er klein war. Bitte mach ihm deswegen keinen Vorwurf. Er hat schon genug durchgemacht, der kleine Kerl …«

Nun lag er im Gras, die Sonne wärmte sein Gesicht, Emma strich mit ihren kleinen Fingern über seine geschlossenen Lider. Da ließ er sich den Hang hinunterrollen, sie purzelte hinter ihm her, kreischend vor Lachen, und die Frage war vergessen.

Der Geruch von Fruchtsaft, der über den Topfrand quoll und auf die Herdplatte tropfte, holte Bruno in die Gegenwart zurück. Leise fluchend eilte er in die Küche. Nellie schnupperte erwartungsvoll, ließ sich aber dann mit einem Seufzer wieder auf ihr bequemes Lager sinken. Kein köstlicher Duft, kein Klappern des Dosenöffners ließ darauf schließen, dass ihre Mahlzeit vorbereitet wurde. Bruno, der nach dem Internat sofort zur Marine gegangen war, konnte zwar kochen, aber seine Künste beschränkten sich auf Nudelgerichte, Eintöpfe und ein köstliches Gänseragout. Seine Gäste wussten also, was sie zu erwarten hatten, und wenn Abwechslung erwünscht war, steuerten sie die Zutaten selbst bei. Emma hatte die Äpfel mitgebracht und geschält, die Honor und Mousie letzten Herbst gepflückt und eingelagert hatten.

Jetzt griff Bruno nach dem Topf und stellte ihn hastig auf das Abtropfbrett. Dann sah er nach dem Stew in der Röhre und wendete die Kartoffeln, die neben der Auflaufform in ihrer Aluhülle garten. Alles in Ordnung. Er schloss die Klappe wieder und holte Löffel und Gabeln aus der Schublade. Doch er war nicht bei der Sache. Im Augenblick war es schwierig, ja fast unmöglich, sich von der Welt loszureißen, die er gerade erschuf, und wieder in die Wirklichkeit einzutauchen. Deshalb bereitete ihm Emmas Ankunft ein gewisses Unbehagen. Wie gern wäre er jetzt allein gewesen und hätte sich in seinem Arbeitszimmer verkrochen, um über alten Dokumenten und Büchern zu brüten und die schlichten Fakten mit den bunten Fäden der Fiktion zu verweben, die dem Handlungsgerüst erst Leben und Farbe gaben. Die Geschichte, die er sich in seiner Phantasie ausmalte, musste mit den Verhältnissen der damaligen Zeit in Einklang gebracht werden, und es forderte Konzentration, dem Rhythmus zu lauschen, der sich hier entwickelte. Damit der Roman in seinem Kopf Gestalt annahm, benötigte Bruno ausgedehnte Spaziergänge über die Klippen oder auf verschwiegenen winterlichen Pfaden.

Doch es wäre unhöflich gewesen, Emma nicht aufzunehmen, während Mutt krank im Bett lag und von Mousie aufopferungsvoll gepflegt wurde. Mit dem Besteck in der Hand blieb Bruno stehen und runzelte die Stirn. Wie schlimm stand es eigentlich um Mutt? Die Sorge um sie machte es ihm noch schwerer, sich in seine innere Welt zurückzuziehen, denn sie weckte Erinnerungen an Orte, die man nicht betreten durfte, und an Stimmen, die längst verklungen waren.

Das Geräusch des ablaufenden Badewassers und die Schritte im Gästezimmer über der Küche holten ihn in die Gegenwart zurück. Als Emma herunterkam, war der Tisch gedeckt, Kerzen brannten, und unter Nellies erwartungsvollen Blicken öffnete Bruno eine Dose Hundefutter. Emma seufzte zufrieden, schenkte sich aus der Flasche nach, die auf dem Sideboard stand, und sah sich glücklich in der vertrauten Umgebung um. An der weiß gestrichenen Steinwand hing neben einem modernen Ölgemälde des Hafens von Port Isaac, auf dem im nostalgisch blauen Meer rot die Fischerboote loderten, eine Kreidezeichnung des »Krähennests«, das mit seinem vorgewölbten Fenster verwegen auf der Klippe thronte.

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