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Marjolijn van Heemstra

Ein Name für Dich

Roman

Aus dem Niederländischen von Stefan Wieczorek

Atlantik

Wenn wir über die Vergangenheit reden, lügen wir mit jedem Atemzug.

 

William Maxwell Also dann bis morgen

*

Wenn ich nicht gerade achtzehn geworden wäre, zwölf Jahre nachdem ein entfernter Onkel in seinem Bungalow in Spanien sein Ende nahen fühlte, wenn er nicht kinderlos gewesen wäre, von Heimweh nach einem Leben besessen, das er nie hatte, wenn er nicht aus diesem Grund seinen Ring, sein einziges Schmuckstück, an meine Oma geschickt hätte mit der Botschaft, diesen Ring einem zukünftigen Namensvetter in der Familie zu schenken, wenn meine Oma nicht vergessen hätte, mir zum achtzehnten Geburtstag ein Geschenk zu kaufen, und ich an diesem Tag nicht zu Besuch gekommen wäre, wenn sie sich nicht nervös umgeschaut hätte, ob nicht irgendwo doch noch etwas herumläge, das im allerweitesten Sinne als Geschenk durchgehen könnte, wenn ihr Blick nicht an dem schwarzen Lederschächtelchen hängen geblieben wäre, in dem der Ring seit zwölf Jahren auf den richtigen Finger wartete, wenn ich mich selbst nicht mit einem Versprechen belastet hätte, durch das meine erste Schwangerschaft voll und ganz im Zeichen jenes Bombenanschlags vom 5. Dezember 1946 stehen würde, dann wäre diese Geschichte der kleine spiegelglatte Mythos geblieben, der sie siebzig Jahre lang war.

Noch 27 Wochen

»Wir nennen ihn Frans«, sage ich, »Frans Julius Johan.«

Meine eigene Lautstärke erschreckt mich.

D lacht. »Du musst nicht schreien, ich stehe neben dir.«

Er öffnet die Autotür. »Soll ich dir helfen?«

»Ich bin schwanger, nicht gehandicapt.«

Grinsend geht er zur Fahrerseite. Bevor er einsteigt, klopft er zweimal aufs Autodach. Aberglaube. D denkt, man müsse bei zu großem Glück das Unglück abwehren. Ich versuche, erleichtert zu sein. Die Wochen der Ungewissheit sind vorbei, ein Herz schlägt, ein Kind wächst. Aber mit der Erleichterung legt sich auch die Angst auf meine Brust, jene Angst, die durch meinen Körper kriecht, seit das hellblaue Kreuz auf dem Schwangerschaftstest erschien. Eine bedrohliche Leere scheint gleichzeitig mit dem Baby heranzuwachsen. Groß und weiß wie die Karte der Antarktis, die mir ein Freund letztes Jahr zum Geburtstag geschenkt hat. Eine gigantische Fläche, links oben steht die Ortsangabe, rechts unten der Maßstab, ansonsten kein Eintrag. Kein Weg, kein See, kein Dorf. Der Freund hielt es für die schönste Karte, die er je gesehen hat, aber ich bekam davon eine Gänsehaut. Seit wir die Wochen herunterzählen, spukt dieses Weiß in meinem Kopf herum, diese beängstigende Kombination aus Etwas und Nichts.

Ich lasse mich in den Sitz fallen und schlucke den stechenden Schmerz in der Hüfte hinunter. Erst dreizehn Wochen schwanger und schon ein instabiles Becken. Als D neben mir hinplumpst, zeigt er auf die Fotomappe, die ich zwischen meinen Handflächen halte. »Zeig es mir nur noch einmal.« Zusammen schauen wir uns die Ultraschallbilder an, die uns die Ärztin ausgedruckt hat (»Neue Schnappschüsse von Ihrem Nachwuchs!«), nachdem sie den hellen Flecken auf dem Bildschirm Namen gegeben hatte. Ein Arm, ein Magen, ein schlagendes Herz – unser Kind, das sich in strahlenden Einzelteilen offenbarte. Ich nickte brav bei allem, was sie aufzählte, aber für mich hatten diese durch das Dunkel schwebende Konturen nichts Menschliches. Primitive Wesen in der Ursuppe, so schien es mir. Die Fotos in der Mappe erinnern mich an eine nächtliche Nebellandschaft. D blättert sie durch, ich weiß, welche Aufnahme er sucht, die mit den zwei langen Flecken (Beinen) und der kleinen Ausstülpung dazwischen. Das Foto, bei dem die Ärztin rief: »Ganz klar ein Sohn!«

D war erleichtert. Die Möglichkeit, ein Mädchen zu bekommen, machte ihm Angst. Viel zu verletzlich. Ich fürchte genau das Gegenteil. Denn Jungen, das habe ich einmal gelesen, sterben häufiger aus Leichtsinn – durch Autos, Alkohol, Krieg, Feuerwerkskörper, Schlägereien.

»Ganz schön still hier«, murmelt D. Er steckt den Schlüssel ins Zündschloss und stellt das Autoradio auf 10 Gold ein, seinen Lieblingssender. Als er die Aufnahme gefunden hat, zieht er mit einem Finger die Umrisse der Flecken nach und stimmt zufrieden brummend in ein Lied von Elton John ein. Ich schaue auf meine Hände, auf den dicken Goldring mit dem blauen Stein, den mir meine Oma an meinem achtzehnten Geburtstag mit feierlicher Miene auf meinen Mittelfinger geschoben hat, während sie mich schwören ließ, meinen ersten Sohn nach dem Familienhelden zu benennen, dem der Ring einst gehörte. Sie sprach seinen Namen aus, als würde sie ein Geheimnis enthüllen. Frans Julius Johan. Das war das erste Mal, dass ich seinen echten Namen hörte, ich kannte nur den Ehrentitel, den die Familie ihm gegeben hatte: der Bombenneffe. Der Widerstandsheld, der ein Jahr nach Kriegsende einen tödlichen Anschlag gegen ein ehemaliges Mitglied der Nationalsozialistischen Bewegung in den Niederlanden, einen NSB-Mann, verübte. Mit dem Gedanken, es gebe keine Gerechtigkeit, konnte er nicht leben. Sein letzter Wunsch, sagte meine Oma, war es, seinen Ring am Finger eines Namensvetters zu wissen. »Das Ding liegt hier schon zwölf Jahre lang im Schrank. Wir können entweder eine Ewigkeit warten, bis in dieser Familie ein Namensvetter geboren wird, oder aber ich gebe ihn ganz einfach dir, und wir vereinbaren, dass du deinen Erstgeborenen nach ihm benennst.«

»Wir nennen ihn Frans.« Wieder diese merkwürdige, laute Stimme. »Frans Julius Johan.«

D schaut fröhlich von der Mappe auf. »Müssen wir nicht eigentlich monatelang über einen Namen brüten, ganz zu schweigen von gleich drei Vornamen?«

Ich schüttele den Kopf. Keinerlei Zweifel. »Wir nennen ihn nach dem Bombenneffen. Unsere heutige Zeit kann ganz gut ein wenig Opferbereitschaft und Mut gebrauchen.«

D blickt mich erstaunt an. »Meinst du das ernst? Ich dachte, der Name, der ganze Bombenneffe sei mehr eine« – er sucht nach Worten – »eine gute Geschichte, für Partys und so. Nicht etwas, das dir wirklich etwas bedeutet.«

Er hat recht. So eine Geschichte war es. Die perfekte Anekdote für halbbesoffene Diskussionen über Gewalt und Gerechtigkeit, die Vergangenheit eines Helden, nach dem ich irgendwann meinen Sohn benennen würde. Und, so viel Ehrlichkeit muss sein, oft war es auch nur ein Versuch, Gesprächspartnern mit meiner illustren Familienhistorie zu imponieren. Sie mussten nur auf den auffälligen Ring an meinem Mittelfinger zu sprechen kommen. Fünfzehn Jahre ist es eine unverbindliche Geschichte geblieben, schien der Bombenneffe genauso weit weg und unwirklich wie der Sohn, dem ich seinen Namen geben würde. Den einen gab es nicht mehr, den anderen noch nicht. Es gab nur diese Geschichte, die die beiden verband. Aber jetzt, wo der mögliche Sohn sich präsentiert als große, unbekannte Wirklichkeit, brauche ich eine Legende. Einen Namen, der für die richtigen Relationen sorgt, eine Geschichte, die dieses weiße Loch füllt. Und das hier ist die perfekte Geschichte. Ein Held als Blaupause für meinen Sohn.

Ich schaue wieder auf die Fotos, und ganz kurz scheint der Bombenneffe dort im Dunkel zu treiben. Halb verschluckt von der Vergangenheit, sehnsüchtig nach Licht und Leben. Ich habe keine Lust, D von der Antarktis zu erzählen. Ich möchte diesen Tag nicht mit meiner Angst vor dem Unbekannten verderben. D lässt den Wagen an und fährt uns vom Parkplatz herunter.

»Es war sein letzter Wunsch«, sage ich.

»Aber der Bombenneffe ist schon seit fast dreißig Jahren tot.«

»Ich habe es meiner Oma versprochen.«

»Genauso tot«, lacht D.

»Was spricht dagegen?«

»Ich kenne schönere Namen.«

»Es geht mir um die Geschichte hinter dem Namen.«

»Aber du weißt doch quasi gar nichts über ihn.«

Ich lege unsere Nebellandschaft auf das Armaturenbrett.

D hat schon wieder recht. Was ich weiß, lässt sich in einem Satz zusammenfassen. Widerstandsheld bringt am Nikolausabend eine Bombe, als Geschenk verpackt, zu einem ehemaligen NSB-Mann.

Ich schreibe »Bombe«, aber in der Familienüberlieferung war die Bombe jedes Mal ein »Bömbchen«, der NSB-Mann war ein »Verräter« und der Bombenneffe »ein Schlitzohr«. Die Generation meiner Großeltern hielt die Vergangenheit am Leben, wiederholte die Geschichte, wann immer sie jemand hören wollte. Schlitzohr überrascht Verräter mit Bömbchen.

Eine Geschichte voller Euphemismen und Allgemeinplätze, die meine Oma noch um eine Phrase erweiterte: »Unverhofft kommt oft.«

Sie war es, die mir mit sieben zuerst vom Bombenneffen erzählte. Wir waren in Den Haag, auf dem Weg zu einer Verabredung bei einer ihrer unzähligen Freundinnen oder zum Modehaus Bonneterie, das weiß ich nicht mehr. Sie nahm mich – als einziges der zehn Enkelkinder – häufig auf ihre Ausflüge mit. Vermutlich, weil ich die Sorte Kind war, die man bequem für ein Stündchen mit ein paar Buntstiften und Papier unter einem Tisch deponieren konnte, aber auch, weil ich meinen Vornamen von ihr habe. Ich merkte, wie sie es genoss, mich vorzustellen. »Genau wie ich!«, rief sie dann, als wäre es jedes Mal wieder eine komplette Überraschung, dass es eine verkleinerte Version von ihr gab. Ich weiß nicht mehr, ob wir zufällig durch die Prinsegracht kamen, oder ob wir extra einen Umweg gemacht haben, aber wir standen vor einem Haus an der Gracht, meine Oma zeigte mir die Tür, wo das Bömbchen abgeliefert worden war, und erzählte mir von unserem Familienhelden. Sie machte mich auf die Farbe der Fassade aufmerksam, ein paar Nuancen heller als die benachbarten Mauern. »Guck, man hat das Haus wieder aufbauen müssen.« Sie beendete ihre Erzählung mit einem munteren »Unverhofft kommt oft«. Ich war sieben und hatte nicht den blassesten Schimmer, was das bedeuten sollte, aber ich nickte zustimmend. Es klang wie etwas, das einfach stimmen musste. Die Kraft des Reims, wie mir später klar wurde. Eile mit Weile. Ehrt und wert.

Seitdem habe ich die Geschichte vom Bombenneffen oft wiederholt, und je öfter ich sie erzählte, desto mehr schmückte ich sie aus.

In der vierten Klasse hielt ich sogar ein Referat über ihn. Den Inhalt hatte ich mir im Wesentlichen selbst ausgedacht. Aus dem »Verräter« war in meiner Fassung eine Gruppe von zwölf NSB-Schergen geworden, die am Nikolausabend gemeinsam die Paketbombe meines Superonkels aufmachten und dann – vier, drei, zwei, eins! – in die Luft flogen, zerfetzt in tausend Stücke. Zu Hause vor dem Spiegel hatte ich geübt: das leise Herunterzählen, die Spannung in der Stimme und dann die Explosion. Mit großer, dramatischer Geste sank ich langsam zu Boden, wo ich wie tot liegen blieb und auf meinen Applaus wartete. Ich bekam eine Eins und stehende Ovationen von der Klasse. Die direkte Verwandtschaft mit einem Helden solchen Kalibers führte zudem zu einer monatelangen Romanze mit einem der begehrtesten Jungs der Schule. Und obwohl das eigentliche Ereignis das Resultat einer Reihe von Zufällen war – ein Geburtstag, ein vergessenes Geschenk, ein Todesfall zwölf Jahre zuvor –, schien es mir vollkommen logisch, an meinem achtzehnten Geburtstag den Ring zu erben. Historische Gerechtigkeit, Reim.

»Und?« D schaut mich fragend an. Wir fahren in unser Viertel. Geschickt manövriert er das Auto durch die schmalen Straßen.

Vielleicht ist es Unfug, mich jetzt dermaßen an einen alten Helden zu klammern, an einen Reim aus meiner Kinderzeit. Aber als D fragt, welches Bild wir aus der Ultraschallmappe an den Kühlschrank hängen sollen, spüre ich unter meinem Bauchnabel wieder diese ausgedehnte Leere.

»Ich weiß nur wenig, stimmt. Aber ich werde es herausfinden.«

D lacht sein großes, ansteckendes Lachen, das Lachen, mit dem er für die Mentos-Werbung gecastet wurde, die jetzt schon seit fünf Jahren zur besten Sendezeit im Fernsehen läuft. The Freshmaker. Ich liebe dieses Lachen, diese Unbefangenheit, mit der er antwortet, ich müsse dann aber fix loslegen, mich auf die Suche machen.

Noch 26 Wochen

Womit beginnt eine Heldengeschichte? Mit dem Bösen, das besiegt wird? Mit der Tat? Dem Helden? Dem Mut, den man braucht, um zu tun, was getan werden muss, um alles, auch das eigene Leben, aufs Spiel zu setzen? Und wo fängt Mut an? Bei der Ungerechtigkeit? Der Angst? Bei dem Wunsch, der Angst eine Falle zu stellen, sie im vollen Licht zu betrachten, sagen zu können: Ich fürchte mich nicht?

 

Auf der Suche nach Einzelheiten über das Leben des Bombenneffen rufe ich zuerst die älteste Tante in der Familie an. Der Anruf löst ein großes Tamtam unter jenen gut situierten Senioren aus, die den Bombenneffen noch selbst gekannt haben oder zumindest Menschen kennen, die mit ihm zu tun hatten. In rasender Geschwindigkeit wird die Neuigkeit von meiner Suche in die Cafeterien des betreuten Wohnens und die Restaurants der Golfclubs weitergetrommelt.

Jeden Tag treffen neue Informationsschnipsel ein, übers Telefon, per E-Mail oder als altmodische Briefpost. Ich beschließe, zwei Ordner anzulegen: Tatsachen und Sonstiges. Der erste beschränkt sich auf ein einzelnes Dokument, das nur aus ein paar Sätzen besteht. Frans Julius Johan wurde 1909 in Haarlem geboren und starb 1987. Er war ein Großneffe meines Opas. Er hatte zwei ältere Schwestern, die beide mittlerweile verstorben sind, sein Vater war beim Militär, seine Mutter starb jung. Er arbeitete als Berater bei Staalglas Amsterdam und als Vertreter für Citroën. Nach dem Krieg übernahm er die Führung der Kraftfahrzeugabteilung der Kaserne in Den Haag. Fast alles, was mich erreicht, landet im zweiten Ordner, eine kunterbunte Sammlung: Erinnerungen, Gerüchte, Fragmente mit sehr vielen Leerzeilen dazwischen.

Die Kinder seiner Schwestern – seine nächsten Verwandten – scheinen am wenigsten über ihn zu wissen. Sie sahen den Bombenneffen nur selten. Niemand von seinen unmittelbaren Neffen und Nichten kann etwas Neues über den Anschlag erzählen. Ausgerechnet in der Peripherie, bei entfernter Familie und flüchtigen Bekannten, sind die meisten Erinnerungen an ihn lebendig geblieben. Als wäre Abstand nötig gewesen, um ihn wirklich zu kennen.

Jemand berichtet, wie Frans um sein Hausboot geschwommen sei – mit langsamen Zügen, wie ein träger Frosch –, jemand erzählt, er sei bei der Rallye Monte Carlo im Jahr 1936 in seinem Auto fast zu Tode gekommen, jemand weiß ganz sicher, dass er für den Anschlag verurteilt wurde und in einem Gefängnis in Leeuwarden einsaß, wo er sich einen Faustkampf mit einem Zellengenossen lieferte, der inhaftiert worden war, weil er nicht in Niederländisch-Indien kämpfen wollte (»kommunistisches Pack«, nannte Frans Kriegsdienstverweigerer), jemand weiß genauso sicher, dass er mit dem Anschlag davonkam, jemand sagt, Königin Juliana habe ihn begnadigt, jemand sagt, er habe in seiner Zelle Selbstmord begangen, mehrere sagen, er sei in Spanien verstorben, was mir im Zusammenhang mit dem Anschlag am Nikolausabend beinahe zu gewöhnlich erscheint, als dass ich es glauben könnte. Eine Nichte meines Opas beschreibt Frans als eine Art Casanova, hübsch und dunkel, »der Herzensbrecher von Haarlem«. Ein Onkel sagt, er sei klein und untersetzt gewesen. Niemand hat Fotos.

Ich entdecke, dass es von der Legende vom Bömbchen verschiedene Varianten gibt. Ein sanftmütiger Onkel ist davon überzeugt, der NSB-Mann sei sofort tot gewesen. »Der war außerdem schon sehr alt«, fügt er milde hinzu. Eine Tante mit einer Vorliebe für Skandalgeschichten weiß zu erzählen, wie das Opfer nach der Explosion schwerverletzt auf dem Bürgersteig neben der Gracht lag und stundenlang um sein Leben kämpfte. Jemand sagt, Frans habe im Auftrag der Regierung gehandelt, ein anderer, dass er nach dem Anschlag nie auch nur ein einziges Wort mehr gesprochen habe. Jede Fassung hat eine eigene Färbung und Geschmacksnote, wobei zwei Zutaten unumstößlich sind: Die Heldenhaftigkeit von Frans und der wohlverdiente Tod des Schurken. Weshalb er den Ring ausgerechnet an meine Oma schickte, weiß niemand. Vermutlich war ihre Rolle in der Familie der entscheidende Auslöser. Meine Oma war wie eine Spinne in ihrem Netz, sie war dafür bekannt, alles irgendwie deichseln zu können. Sogar einen möglichen Erben.

Details kommen ans Licht, die sein Leben durch Orte und Personen, von denen man es am wenigsten erwarten würde, mit meinem verbinden.

Er besuchte Kneipen in Amsterdam, in denen ich auch gewesen bin, ging regelmäßig an dem Kai entlang, auf dem ich jeden Tag mit dem Fahrrad zu meinen Seminaren fuhr. Er wohnte nur eine Straße hinter dem Haus, wo ich sechzig Jahre später mein erstes Zimmer mietete. Die ehemalige Kaserne, in der eine enge Freundin schon seit Jahren ein Atelier hat, entpuppt sich als der Ort, an dem Frans nach dem Krieg seine militärische Karriere begann. Ich irre durch die Gänge, durch die er einst gelaufen sein muss, schaue zum ersten Mal aufmerksam auf die langweiligen Wände, den grauen Stein, und versuche mir vorzustellen, dass Frans diese Kacheln berührt hat, über diesen Boden gegangen ist. Ich rauche heimlich eine Zigarette (die letzte, die allerletzte!) am Fenster und denke an die Schnecken, damals, auf der Terrasse meiner Oma. Wie sie über die Fliesen glitten, über die Erde, die Pflanzen, offenbar von nirgendwo nach nirgendwo, aber sobald die Sonne durchkam, glitzerte dort plötzlich eine schleimige Spur, die all jene Dinge miteinander verband, die sie auf ihrer langsamen Expedition besucht hatten. Die Sonne ist durchgebrochen, und überall glänzen Spuren.

 

D und ich gehen aufs Standesamt, er muss die Leibesfrucht noch anerkennen. Im Wartesaal lachen wir über diese absurde Formulierung, die Frucht, ich bekomme doch keine Banane. Am selben Schalter müssen wir bald den Namen angeben, wenn aus der Frucht ein Mensch geworden ist.

D hat noch immer Bedenken wegen des Namens. Er sagt, es seien durchaus noch ein paar andere Helden in unserer Weltregion aktiv gewesen. Floris. Willem. Maurits.

»Aber dieser hier ist unser Held«, sage ich.

»Dein Held. Findest du den Namen eigentlich hübsch, Frans?«

»Darum geht es nicht. Er passt. Es ist richtig so.«

D sagt, ein Name würde irgendwie immer passen, ein Name funktioniere wie ein Lederschuh, der sich dem Fuß anpasst.

Meiner Meinung nach verhält es sich genau andersherum. Du wächst als Mensch um deinen Namen. Der Name ist der Fuß.

»Du machst eine zu große Sache daraus«, sagt D.

»Es ist groß.«

Er legt seine Hand auf meinen Bauch. »Zehn Zentimeter sind nicht so groß.«

»Aber es wächst. Es wächst jede Sekunde. In achtzehn Jahren haben wir zwei Meter Mensch.«

Die Nummern auf dem Bildschirm wechseln, wir sind an der Reihe. Der Beamte hinter dem leuchtenden Schalter erkundigt sich nach dem zukünftigen Nachnamen. D schaut mich fragend an. »Meiner, oder?« Ich nicke. So haben wir es ausgemacht. Er den Nachnamen, ich den Vornamen. Nachdem D seine Unterschrift auf ein Formular gesetzt hat, beglückwünscht uns der Beamte. »Nun gehört das Kind offiziell zu Ihnen beiden.«

 

Zu Hause räumen wir den Abstellraum auf. Daraus wird jetzt das Zimmer für das Baby. D findet, ihm stehe ein Vetorecht bezüglich des Vornamens zu. Das sehe ich nicht so. Verärgert fragt er, warum unser Kind überhaupt einen Vornamen brauche.

»Weil er Halt gibt. Er setzt einen Rahmen, ist eine Geschichte, die man betritt.«

»Und warum diese Geschichte?«

»Weil es eine gute Geschichte ist, die beruhigendste Geschichte, die ich kenne.«

Meine Wortwahl verblüfft mich selbst. Beruhigend, ist sie das wirklich? Als Kind gab mir die Geschichte vom Bombenneffen das Gefühl, dass es Gerechtigkeit gibt. Strafe und Belohnung. Die Gewissheit, dass das Gute letztendlich doch gewinnt.

»Er ist noch nicht einmal auf der Welt«, seufzt D, »und du willst ihn schon beruhigen.«

Ich nicke. »So in etwa.«

»Oder willst du dich selbst beruhigen?«

»Ich möchte einen moralischen Kompass, einen Namen, der einen Kurs setzt.«

»Es ist ein Kind, kein unentdecktes Land.«

Ich verrate nicht, dass es sich aber genauso anfühlt.

D schüttelt den Kopf, murmelt etwas über Hormone und fängt an, den oberen und den unteren Teil einer großen antiken Wiege zusammenzuschrauben, die wir letzte Woche bei einer Tante abgeholt haben. Er nennt sie ausschließlich »die Horrorwiege«, da er die Kombination des knarzenden, dunklen Holzes und des verblichenen rosa Blümchenstoffs auf der Haube beängstigend findet.

Noch 25 Wochen

Das Baby misst nun ungefähr elf Zentimeter, auf den Mami-Webseiten werden mir Abbildungen von Avocados und Granatäpfeln gezeigt, um zu verdeutlichen, was das bedeutet. Ab jetzt sitzen seine Ohren an der richtigen Stelle und es ist von Flaum bedeckt. Meine Nägel wachsen so schnell, dass ich sie alle paar Tage schneiden muss. Um meinen Bauchnabel wuchern lange, dunkle Haare. Männliche Hormone, sagt die Gynäkologin. D nennt mich die Werwölfin und tut so, als würde er sich erschrecken, wenn ich abends ins Schlafzimmer komme. Vielleicht tut er nicht nur so.

Mein Bauch schwillt an, vor einer Woche schien es nur so, als hätte ich ein paar Pfunde zugelegt, jetzt bin ich eindeutig schwanger. Das müsste, allen Büchern und Webseiten zufolge, die beste Zeit der Schwangerschaft sein. Das zweite Trimester – die Übelkeit ist vorbei, der Bauch noch nicht gigantisch –, aber Morgen für Morgen muss ich mich aus einem Morast ziehen, bevor ich halbwegs normal funktioniere. Meine Gliedmaßen fühlen sich schwer und irgendwie matschig an, als flöße mein Blut langsamer durch die Adern, ich heule wegen jedem Blödsinn, gestern noch wegen einer plattgefahrenen Avocado auf dem Fahrradweg. Sie lag da so grün und weich und wehrlos im Regen, elf Zentimeter dachte ich, elf plattgefahrene Zentimeter.

Seit ein paar Tagen bilde ich mir ein, die Bewegungen des Babys zu spüren. Wenn ich den Büchern und Webseiten glauben soll, müsste es sich anfühlen wie »ein Schmetterling, der die Innenseite deines Bauchs bemalt« oder wie »ein zartes Kitzeln unter dem Bauchnabel«, aber das hier hat nichts mit Kitzeln gemeinsam, mehr mit dem Grollen eines Vulkans, kleine, verhaltene Explosionen und unheilvolles Gebrodel. Eine Hebamme muss organisiert, das Bett erhöht, die Versicherung informiert werden; ein wenig albern erscheint mir das alles, der ganze Zirkus wegen elf Zentimetern Mensch.

Als die Ärztin von Schmerzmitteln bei der Geburt anfängt, will ich ihr sagen, dass sich alles um ein großes Missverständnis handelt, dass ich nur mit einer Idee schwanger bin, dass sich in diesem geschwollenen Bauch kein echter Mensch befindet. Das Gebrodel unter meinem Bauchnabel kann unmöglich ein Vorbote von wirklichen Beinen sein, die irgendwann über unseren Planeten laufen, nach links oder rechts abbiegen, falschen Wegen in einem riesigen und chaotischen Leben folgen. Ich will ihr sagen, dass es, wenn dann wirklich etwas auf die Welt kommt, es etwas Simpleres sein wird. Etwas mit einem Herzen und möglicherweise auch menschlichen Zügen, aber vor allem eine vorübergehende Präsenz. Etwas, das weich ist, nur Form und Wärme, und das wieder verschwindet.

Aber das Einzige, das verschwindet, bin ich selbst, langsam, aber sicher mache ich Platz für das Baby. Eine Schicht Fett legt sich um mich, meine Brüste werden verschluckt von größeren Brüsten, meine Füße von größeren Füßen.

 

Die Schneckenspur glänzt noch immer. Ein alter Onkel erzählt mir, Frans sei in den dreißiger Jahren im Zigarrenhandel tätig gewesen und habe Tabakblätter bei Versteigerungen auf der Nes in Amsterdam angekauft.

Ich frage ihn, welche Hausnummer das Auktionshaus hatte.

»Keinen blassen Schimmer«, antwortet er, »aber sie nannten es ›Die Hölle von Frascati‹, es war heiß und verraucht, die Händler schlugen sich im Kampf um die besten Blätter buchstäblich die Köpfe ein.«

Frascati. Jenes Gebäude, das in den siebziger Jahren zu einem Theater umgebaut wurde und in dem ich jetzt arbeite.

Als ich nach einer Vorstellung über vergessene Helden des Widerstands einer Kollegin, sie ist über siebzig, von meiner Suche und dem bizarren Frascati-Zufall berichte, schaut sie mich verblüfft an.

»Ein Anschlag am Nikolausabend?«

Ich nicke.

»Von dem Mann, der mit einem Messer zwischen den Zähnen durch den Fluss geschwommen ist?«

»Nein, oder vielleicht doch, davon habe ich noch nie etwas gehört.«

»Vielleicht ist es auch nicht wahr.«

»Was genau?«

»Gab es den Anschlag denn wirklich?«

Ich greife nach ihrer Hand, führe sie ins Theatercafé und drücke sie auf einen Stuhl. »Erzähl mir, was du weißt.«

»In der Schule gab es einen Jungen in meiner Klasse, der in der Pause oft mit seinem Onkel angab«, beginnt sie. »Ich glaube, es war nicht sein richtiger Onkel, sondern der Bruder seiner Stiefmutter. Er erzählte, wie der Onkel im Krieg mit einem Messer zwischen den Zähnen durch einen Fluss geschwommen sei, um Niederländer, die fliehen und auf Seiten der Alliierten kämpfen wollten, so genannte Englandfahrer, abzuholen. Am anderen Ufer begriff er, dass sie verraten worden waren, und nach dem Krieg ermordete er, verkleidet als Nikolaus, den Verräter. Mit demselben Messer und einer Mitra auf dem Kopf. Niemand auf dem Schulhof hat die Geschichte geglaubt, der Junge war ein Aufschneider. Wir haben ihn damit jahrelang aufgezogen. Wenn du möchtest, kann ich herausfinden, wo er heute wohnt.«

»Ja gerne«, sage ich. »Wirklich.«

Am nächsten Morgen ruft sie mich an und gibt die Nummer des Stiefsohns von Elize durch, der ältesten Schwester des Bombenneffen.

J begrüßt mich ein paar Tage später in einer kleinen Seniorenwohnung in Baarn. Sein Vater heiratete Elize, als J zehn war. Frans hat er nur zweimal gesehen; es lief nicht so gut zwischen den Geschwistern, sagt er. Von den Begegnungen erinnert er sich nur noch daran, dass Frans ein langer Kerl war. »Aber vielleicht«, korrigiert er sich selbst, »wirkte das auch nur so, weil ich noch klein war.«

Ich erkundige mich nach der Geschichte mit dem Fluss und dem Messer. »Die hat uns Elize so erzählt«, sagt er. »Eine der wenigen Gelegenheiten, bei der sie über ihren Bruder sprach. Nur ein paar Sätze, dabei blieb es dann auch. Als wir mehr wissen wollten, wurde sie böse.« Dass der Bombenneffe als Nikolaus verkleidet zur Prinsegracht ging, hat er selbst erfunden, gibt er zu. »Das machte die Geschichte noch besser.« Elize hat niemals etwas über den Anschlag erzählt. Er weiß nur, dass er tatsächlich passiert ist und der Bombenneffe dafür einsaß, mehr nicht.

Anlässlich meines Besuchs hat er einen Stapel uralter Fotoalben auf dem Couchtisch ausgebreitet. Kein einziges Foto von Frans ist dabei. Als ich ihn frage, ob das nicht merkwürdig sei, zuckt J mit den Schultern. »Er war kein Typ, der gerne für Fotos posierte.« Fast eine Stunde lang präsentiert er mir dann Klassenfotos und Ferienschnappschüsse aus fünfzig Jahren. Ich versuche, geduldig zu bleiben, aber die Hoffnung, noch etwas Brauchbares über Frans zu erfahren, schwindet allmählich.

Als wir durch alle Alben durch sind, serviert J glühend heißen Tee und stellt ein Schälchen mit After Eight zwischen uns. Sein wässriger Blick ruht auf mir. »Du ähnelst ihm«, sagt er dann. »Die gleichen Augen, der gleiche schmale Mund.«

Seine Bemerkung erschreckt mich. In meiner Phantasie hatte Frans immer ein typisches Heldenprofil. Volle Lippen, ein markanter Kiefer, ein vom Leben gezeichnetes Gesicht, nicht meine schmalen, harmlosen Züge. Mir ist nie in den Sinn gekommen, dass das Material, aus dem er gemacht wurde, in meinem Gesicht durchschimmern könnte.

Ich frage ihn, ob er sich erinnert, wie Frans sprach oder sich bewegte, wie er sich kleidete, was für einen Blick er hatte. J schüttelt nur den Kopf. Er hat keine Antworten.

Wenn er sowieso nichts weiß, kann ich auch aufbrechen. Ich nehme einen großen Schluck Tee, verbrenne mir den Mund. Noch ein Schluck. Ich will hier weg. Aber J hat offenkundig nicht vor, mich so einfach ziehen zu lassen. Meine Tasse ist noch nicht ausgetrunken, da gießt J schon neuen Tee nach und hält einen Monolog über sein Leben. Je länger er spricht, desto unsympathischer finde ich ihn. Frauen seines Alters nennt er ausgeschlürfte Austern: trocken, grau und nach Fisch stinkend. Er sagt: »Alles, was in meinem Leben schiefgegangen ist, lag an der Dummheit von anderen.«

Als ich mich von der Couch erhebe und mitteile, dass ich seine Zeit nicht länger beanspruchen möchte, sagt er, ich hätte das Wichtigste doch noch gar nicht gesehen. Er geht zum Schrank am Fenster, nimmt einen Stapel Papier heraus und legt diesen auf den Tisch. »Die Lebensgeschichte von Elize.« Erst will ich ihn fragen, warum er erst jetzt damit rausrückt, aber mir wird klar, dass er das absichtlich bis zum Schluss aufgehoben hat. Ich setze mich wieder hin und ziehe die Blätter hoffnungsvoll zu mir herüber.

Es sind sieben vollgetippte DIN-A4-Blätter. »Für ein Schulprojekt ihrer Enkelin«, sagt J. Der Text fängt mit einer Beschreibung ihrer frühen Jugend in jenem unterkühlten aristokratischen Milieu an, das ich auch aus Erzählungen der Generationen vor mir kenne. Hohe Erwartungen, wenig Zuneigung, eine isolierte Welt aus Kindermädchen und einzelnen sorgfältig ausgewählten Freunden. Sie berichtet, wie sie mit ihrem Bruder Frans im Zutphen der Jahre nach 1910 auf einem Eselskarren zur Schule fuhr, wie ihre Eltern immer von gesellschaftlichen Verpflichtungen in Beschlag genommen wurden, weshalb sie und Frans bei ihrer Erziehung auf englische ...

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