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Ein Nachbar für gewisse Stunden

1. KAPITEL

Paige Danforth glaubte nicht an die große Liebe.

Es war einzig und allein ein Zeichen ihrer Freundschaft zu Mae, dass sie an diesem nebligen Wintermorgen bibbernd neben ihrer besten Freundin vor einem heruntergekommenen Lagerhaus in Collingwood, Melbourne, stand – und das nur, damit Mae sich ein Brautkleid kaufen konnte.

Hochzeitskleid-Ausverkauf! Mehr als 1000 Kleider, neu und gebraucht, bis zu 90 % reduziert! stand auf dem gewaltigen pinkfarbenen Werbebanner, das schlaff an dem braunen Backsteingebäude herabhing. Die Schlange der Wartenden wand sich um den halben Block. Paige betrachtete sie und fragte sich, ob auch nur eine der Frauen erkannte, wie albern dieser Massenandrang eigentlich war. Doch alle schienen wie besessen von der Idee zu heiraten. Vermutlich war jede von ihnen davon überzeugt, dass ausgerechnet sie in ihrer Ehe glücklich werden würde – bis ans Ende ihrer Tage.

„Die Tür hat sich bewegt“, flüsterte Mae und griff so fest nach Paiges Arm, dass diese zusammenfuhr.

Paige wickelte sich ihren dicken Wollschal ein weiteres Mal um den Hals und stampfte mit den Füßen auf den Asphalt, um sich warm zu halten. „Das bildest du dir nur ein.“

„Sie hat vibriert. Als ob jemand von innen aufschließt.“ Wie ein Lauffeuer verbreitete sich Maes Beobachtung in der Warteschlange, und Paige wurde von den vorwärtsdrängenden Frauen beinahe beiseitegeschubst.

„Immer locker bleiben!“, sagte sie und löste sich aus der Umklammerung ihrer Freundin, ohne die Menschenmenge aus den Augen zu lassen. „Warte einfach ab. Du wirst das Kleid deiner Träume finden. Eins steht jedenfalls fest: Wenn du es hier und heute nicht entdeckst, unter tausend Brautkleidern, dann ist dir nicht zu helfen.“

Mae hielt inne und sah sie entsetzt an. „Mit dieser Bemerkung hast du dein Anrecht als Trauzeugin eigentlich verwirkt.“

„Sag, dass du das ernst meinst“, bat Paige hoffnungsvoll.

Mae lachte. Aber nur einen Augenblick lang. Dann begann sie, auf der Stelle zu tänzeln wie ein Preisboxer beim Aufwärmen. Ihr rotes Haar, das sie normalerweise wild und ungebändigt trug, war heute zum Pferdeschwanz gebunden, und sie schaute entschlossen drein. Diesen Blick hatte Mae seit jenem Moment perfektioniert, als ihr Freund ihr den Heiratsantrag gemacht hatte.

Mit einem Mal öffneten sich die alten Flügeltüren, und eine warme, süßliche Wolke aus Kampfer und Lavendel strömte aus dem Inneren.

Eine müde wirkende Frau in Jeans und einem T-Shirt von der Farbe des Werbebanners über ihr baute sich im Eingang auf und rief: „Kein Feilschen! Keine Rückgabe! Kein Umtausch! Keine anderen Größen verfügbar!“ Niemand nahm Notiz von ihr. Stattdessen drängten die Frauen ins Gebäude hinein, als hätte die Verkäuferin versprochen, dass Superstar Hugh Jackman die hundert ersten von ihnen mit einer Gratis-Rückenmassage verwöhnen würde. „Heiliger Strohsack“, stammelte Mae fasziniert, als sie sich in der Lagerhalle umsah.

„Ziemlich schicke Strohsäcke“, murmelte Paige, die wider Willen beeindruckt war.

Perlenkorsetts, romantisch geraffte Ärmel, tiefe Ausschnitte. Designerkleider. Konfektionsware. Second-Hand-Kleider. Ausschussware. Alles radikal reduziert. Und jedes Kleid war heute zu haben. Nur heute.

„Vorwärts!“, schrie Mae und lief schnurstracks auf den ersten Kleiderständer zu.

Paige drückte sich in eine Ecke nahe dem Ausgang. Sie winkte mit ihrem Mobiltelefon. „Ich bin gleich hier drüben, falls du mich brauchst!“

Mae streckte kurz die Hand zum Gruß hoch, dann war sie verschwunden.

Und nun erlebte Paige eine unverhoffte Lehrstunde in weiblicher Psychologie. Neben ihr schrie eine elegante Enddreißigerin wie ein Teenager auf, als sie das Kleid ihrer Träume fand. Eine Dame im Kostüm mit akkurat aufgestecktem Haarknoten und Brille erlitt einen Tobsuchtsanfall und stampfte wie ein trotziges Kind mit den Füßen auf, als ihr klar wurde, dass ein Modell nicht in ihre Größe erhältlich war.

Alles nur wegen eines Kleides, das sie nur einmal im Leben tragen würden, dachte Paige fassungslos. Und das zu einer Zeremonie, die ihnen ein unhaltbares Versprechen abverlangte. Was für ein Wahnsinn. Paige war zwar nie verheiratet gewesen, doch nach ihrer Lebenserfahrung war ein Hochzeitstag vor allem der Auftakt zu Streit und Zank, unheilvoller Umklammerung und bitterer Enttäuschung. Und am Ende blieb nichts als Reue und das Gefühl, Jahre seines Lebens verschenkt zu haben. Da war es doch besser, sich selbst zu lieben und zu ehren, fand Paige. All das Leid, nur um sich einmal im Leben wie eine Prinzessin kleiden zu dürfen – das war das Ganze einfach nicht wert.

Die Wogen von Haarspray und Parfüm mischten sich so unerträglich mit dem Kampfer- und Lavendelgeruch, dass Paige es vermied, durch die Nase zu atmen. Sie hielt ihr Handy fest in der Hand und betete, Mae möge anrufen.

Mae. Ihre beste Freundin. Ihre Verbündete. Schon seit Ewigkeiten waren sie füreinander da. Seit ihre Eltern sich zur gleichen Zeit hatten scheiden lassen, hatte sie beide die Überzeugung verbunden, dass die große Liebe nichts als eine gemeine Lüge war, in die Welt gesetzt von Juwelieren und Blumenhändlern.

Doch Mae hatte das alles in dem Augenblick vergessen, als sie Clint getroffen hatte. Paige musste schlucken. Sie wünschte Mae alles Glück der Welt. Wirklich. Und gleichzeitig krampfte sich ihr Magen zusammen, wenn sie daran dachte, dass ihre Freundin nun tatsächlich heiraten wollte.

Sie versuchte, sich abzulenken. Als Verkaufsleiterin eines Anbieters für Luxus-Einrichtungsstoffe, der sich Ménage à Moi nannte, war sie immer auf der Suche nach neuen Kulissen, um ihre Produkte für den Katalog fotogen in Szene zu setzen. Und obwohl dieses Lagerhaus hier recht schäbig war, fand Paige das bröckelnde Mauerwerk auch irgendwie romantisch.

Nicht für den nächsten Katalog. Dessen Motive sollten in Brasilien fotografiert werden, wenn alles gut ging. So viel Geld hatte man bei Ménage à Moi noch nie für ein Fotoshooting ausgegeben, doch Paige wusste einfach, dass es das wert sein würde. Sie hatte ein Konzept ausgearbeitet, das ihren Boss überzeugen musste. Und dann würde sie mitfliegen nach Brasilien. Sie konnte die Abwechslung wirklich gebrauchen …

Unwillig schüttelte sie den Kopf. Nicht sie, Paige, brauchte die Ablenkung, sondern die Marke. Ihr selbst ging es ja gut. Alles glänzend. Wenn sie nur bald aus diesem Lagerhaus herauskam.

Sie atmete durch den Mund ein, kniff ein Auge zu und stellte sich die gewaltigen nackten Fenster mit wehenden tiefblauen Chiffon-Vorhängen vor. Das dumpfe Mauerwerk würde wunderbar im Kontrast zu dem brasilianisch inspirierten Dekor der neuen Saison mit seinen leuchtenden Farben stehen.

Staubkörner tanzten im Sonnenlicht der Halle, und Paiges Blick folgte ihnen zu einem Ständer voller Kleider, die allesamt so ausladend waren, dass keines von ihnen durch den Mittelgang einer Kirche passen würde.

Sie wollte gerade wegschauen, da sah sie zwischen Rüschen und Volants etwas schimmern. Champagnerfarbene Seide. Glänzende Perlen. Hauchfeine Spitze. Eine zarte, transparente Schleppe. Das musste ein Traum von einem Kleid sein.

Paige wollte eben darauf zugehen, da verschwand das Objekt ihrer Begierde hinter dem schwarzen Mantel einer Kundin, die fieberhaft ein Kleid nach dem anderen in Augenschein nahm.

Paige hielt die Luft an. Und ihr Herz schien für einen Moment auszusetzen. Ihr wurde fast schwindlig, und sie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen.

Die andere Frau ging einen Schritt weiter und gab den Blick auf das Kleid wieder frei. Paige atmete tief durch. Und ohne nachzudenken, ging sie zu dem Ständer und zog es hervor. Ihre Hände glitten über den Stoff. Der Schnitt war wie für sie geschaffen: ein tiefer V-Ausschnitt, mit Perlen besetzte Spitze am schmal geschnittenen Oberteil, ein weit schwingender Rock, der wogte, als ob er ein Eigenleben besäße. Paiges Herz klopfte schneller.

„Wow“, vernahm sie eine Stimme hinter sich. „Das ist aber süß.“

Süß? Das war alles, was die fremde Frau zu diesem perfekten Werk zu sagen hatte? Paiges Hände zitterten. Und dann sagte sie einen Satz, den sie nie im Leben von sich erwartet hätte. „Dieses Hochzeitskleid gehört mir.“

„Paige!“

Paige blickte auf. Sie saß auf einem Stuhl in der Nähe des Eingangs und sah Mae auf sich zukommen.

„Ich versuche schon seit zwanzig Minuten, dich anzurufen!“

Paige holte ihr Handy aus der Tasche. Sie hatte kein Läuten gehört. Doch es stimmte. Stunden waren vergangen.

Aufgeregt deutete Mae auf den schweren blütenweißen Kleidersack über ihrem Arm. „Ein voller Erfolg! Ich wollte es dir zeigen, aber ich konnte dich nicht finden. Und dann war da diese dünne Brünette, die ebenfalls hinter diesem Kleid her war wie eine hungrige Hyäne. Also habe ich es gleich auf der Verkaufsfläche anprobiert, weil keine Kabine frei war. Es ist so unglaublich scharf.“

Mae hielt inne, als sie die Tasche mit dem pinkfarbenen Emblem des Geschäftes sah, die auf Paiges Beinen ruhte. „Hast du ein Brautjungfernkleid gefunden?“

Paige schluckte und schüttelte den Kopf. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte, und zeigte nur mit zitternden Fingern in Richtung der Hochzeitskleider.

„Oh. Du nimmst ein Kleid mit für ein Shooting? Habt ihr eine Hochzeitsausgabe geplant?“

Da war sie. Die perfekte Ausrede. Dieses unerschwingliche Kleid war für die Arbeit. Also war es sogar von der Steuer absetzbar und würde ihre Hypothekenrate gar nicht so sehr belasten. Doch Paige fehlten noch immer die Worte.

Mae sah sie überrascht an. Dann lachte sie laut auf. „Und ich dachte, ich sei die Einzige, die Frustkäufe macht, wenn es eine Weile keinen Mann in ihrem Leben gibt.“

Endlich fand Paige ihre Stimme wieder. „Was soll denn das heißen?“

Mae stützte die freie Hand in ihre Hüfte. „Na, sag mir schnell, ohne nachzudenken, wann du das letzte Mal mit jemandem ausgegangen bist.“

Paige öffnete den Mund und schloss ihn gleich wieder. Sie konnte sich beim besten Willen nicht erinnern. Es war viele Wochen her. Vielleicht sogar Monate. Aber darüber wollte sie sich jetzt nicht den Kopf zerbrechen. Es gab sicher einen besseren Grund dafür, warum sie dieses Kleid gekauft hatte.

„Du musst dir endlich mal wieder einen Mann angeln.“ Mae hakte sich bei Paige unter und zog sie hoch. „Aber jetzt nichts wie raus hier! Bevor ich hier bei all dem Gestank nach Bräunungsspray und Verzweiflung noch ohnmächtig werde.“

Paige stand im Aufzug des Botany-Apartmenthauses im Hafenviertel von New Quay und starrte auf die schwarz-weißen Fliesen der Lobby, auf die üppige schwarze Tapete mit Paisleymuster, die Türrahmen, die im Sonnenlicht silbrig schimmerten. Sechs riesige Kronleuchter verliehen der Eingangshalle einen edlen Glanz. Jetzt musste die Fahrstuhltür nur noch zugehen.

Hatte Mae recht? Hatte Paige dieses Kleid gekauft, weil sich schon lange rein gar nichts getan hatte in ihrem Liebesleben? Ein Frustkauf? Vielleicht. Denn obwohl sie nicht vorhatte, es Mae mit dem Heiraten jemals gleichzutun: Paige mochte Männer. Sie mochte ihren Duft, ihre Art zu denken und das prickelnde Gefühl des Begehrens. Sie mochte Männer, die das Format hatten, einen Anzug zu tragen. Männer, die hart arbeiteten, so wie sie selbst, die im Restaurant gern die Rechnung übernahmen und die sich nichts als gute, unterhaltsame Gesellschaft wünschten. Jene Art Männer, für die Melbournes Barszene bekannt war.

Wo waren all diese Männer bloß?

War es ihr Fehler? Hatte ihr die Arbeit in letzter Zeit die Energie geraubt? Oder hatte sie einfach genug davon, immer den gleichen Typ Mann kennenzulernen? Vielleicht genügten ihr ja mittlerweile schon die Wiederholungen der Gilmore Girls im Fernsehen.

Seufzend hängte sie sich den schweren Kleidersack über den Arm, ballte und streckte die verkrampfte Hand, die den Beutel bisher gehalten hatte, und wartete darauf, dass sich die Fahrstuhltür endlich schloss. Bei diesem Lift konnte das ein bisschen länger dauern.

Der Aufzug hatte seinen ganz eigenen Charakter – und der war zutiefst abscheulich. Er fuhr zwar rauf oder runter, doch er richtete sich nie danach, welche Etagentaste man gerade gedrückt hatte. Es hatte nichts genützt, Sam, den Hausmeister, darauf anzusetzen. Und es hatte auch nicht geholfen, hin und wieder kräftig gegen die Fahrstuhltür zu treten. Vielleicht sollte sie statt des Aufzugs einfach mal Sam treten.

Doch gerade jetzt konnte sie nichts tun als warten. Und sich mit dem Gedanken trösten, dass ein widerspenstiger Lift angesichts ihres traumhaften Apartments im achten Stock doch ein geringes Übel war.

Sie war in einem riesigen, überfüllten Haus mit Rüschengardinen aufgewachsen, in dem es nach Reinigungsmittel und Trockenblumen roch. Als sie die schicken, großzügig geschnittenen Botany-Apartments zum ersten Mal gesehen hatte, hatte sie das Gefühl, als könne sie endlich frei atmen.

Sie schloss die Augen und dachte an ihre schlichte Einrichtung im Stil der Zwanzigerjahre, an die Aussicht auf die Stadt, die beiden großen Zimmer. Eines war ihr Schlafzimmer, das andere ihr Büro und hin und wieder Maes Gästezimmer, wenn diese zu viel getrunken hatte. Doch das war lange schon nicht mehr vorgekommen. Genau gesagt, seit Clint ihr den Heiratsantrag gemacht hatte.

Paige schüttelte den Kopf, als müsse sie eine lästige Fliege loswerden. Der Fahrstuhl war jedenfalls nebensächlich, wenn man das große Ganze betrachtete. Außer gerade in diesem Moment, in dem sie schwer bepackt in ihre Wohnung wollte.

Während sie ihre schmerzende Schulter rieb, dachte Paige nach. Wenn Männermangel wirklich der Grund dafür war, dass sie sich ein Brautkleid gekauft hatte, dann musste sie etwas unternehmen. Und zwar schnell. Wer wusste, was sie sonst als Nächstes tun würde? Einen Ring kaufen? Einen Ballsaal mieten? Sich selbst einen Antrag mit einem Flugzeug in die Luft malen lassen?

Während sich ihr Rücken unter dem Gewicht der Tasche zu krümmen begann, flüsterte Paige: „Ich schwöre, mich dem nächsten Mann, der mich anlächelt, hinzugeben. Er kann mich vorher zum Abendessen einladen. Oder ich kann ihm einen Kaffee kaufen. Oder wir teilen uns ein Wasser aus dem Automaten. Mir egal. Aber ich brauche einen Mann, und zwar schnell.“

Eine Unendlichkeit später schlossen sich endlich die Fahrstuhltüren. Vor Erleichterung hätte sie beinahe geheult. Bis sich in letzter Sekunde eine Hand in den winzigen Spalt schob.

„Bitte warten Sie“, tönte eine tiefe männliche Stimme von draußen.

Ne-i-i-n! dachte Paige. Wenn sich die Türen erst wieder öffneten, ginge die Warterei von vorne los, und sie musste diesen Kleidersack noch länger schleppen.

„Nein?“, fragte die Stimme fast ungläubig, und Paige wurde blass, als ihr klar wurde, dass sie laut gedacht haben musste. So etwas kam wohl vor, wenn man seit Jahren allein lebte und es gewohnt war, Selbstgespräche zu führen.

Sie hatte nur den Hauch eines schlechten Gewissens, als sie auf den „Tür zu“-Knopf einschlug. Mehrfach.

Doch wem auch immer die kräftigen braunen Männerfinger gehörten, er hatte offenbar andere Pläne. Mit brachialer Gewalt wurden die Türen auseinandergedrückt. Und dann sah Paige die Silhouette des Fremden. Sein großer, breiter Körper versperrte ihr komplett den Blick ins Foyer. Er sah sie nicht an, sondern starrte mit gesenktem Kopf und gerunzelter Stirn auf das schicke Smartphone in seiner freien Hand.

Er hatte etwas an sich, das Paige instinktiv zurückweichen ließ. Dunkle Locken fielen über den Kragen einer schokoladenbraunen Lederjacke. Unter den Jeans zeichneten sich muskulöse Beine ab. Seine Stiefel waren abgewetzt und riesig. Er sah aus wie ein Pirat. Wie ein wunderschöner, gefährlicher Pirat.

Die Ruhe, die sie gerade noch verspürt hatte, war wie weggefegt. Ihre Wangen wurden rot, und ein heißer Wirbel begann sich in ihr zu drehen. Hui. Hatte sie sich nicht gerade noch daran erinnert, wie es war zu begehren? Dieser Kerl hier füllte ihre Erinnerung in Sekundenschnelle mit Leben.

Und eine heisere Stimme in ihr flehte stumm: Bitte. Lächle mich an.

Sie musste laut husten vor Verwirrung. Einen solchen Typen hatte sie nicht im Sinn gehabt, als sie sich einen Mann gewünscht hatte. Sie suchte jemanden, mit dem sie umgehen konnte, mit dem sie sich wohlfühlte. Dieser Mann dagegen hatte Schultern, die ihr den Atem raubten, Haar, so dicht, dass kein Kamm es bändigen konnte, Hände, die Aufzugtüren bezwangen. Sie betrachtete sein Gesicht mit den dunklen Augen unter schweren Lidern und einem Dreitagebart. Wow. Das war nicht komfortabel. Das war einfach zu viel.

Die perfekt geschwungenen Lippen des Fremden verzogen sich zu einem Schmunzeln, als sie ihn anstarrte. Sie zuckte zusammen.

Oh, Gott, dachte Paige. Er hat mich erwischt. Ihre Wangen brannten vor Scham.

„Danke fürs Warten.“ Die Stimme des Fremden klang so verführerisch, dass sie nur dem Teufel gehören konnte.

„Gerne doch“, antwortete Paige und blickte kurz zu ihm hoch. Gerade lange genug, um sein spöttisches Stirnrunzeln zu bemerken. Offensichtlich war ihm völlig klar, dass sie versucht hatte, den Aufzug vor seiner Nase losfahren zu lassen.

Paige schwieg betreten und machte sich so klein wie möglich. Je eher er ausstieg, desto besser.

Der Lift war eng. Dieser Mann schien den ganzen Raum einzunehmen. Jedes Mal, wenn er einatmete und sein Brustkorb sich weitete, bekam Paige eine Gänsehaut.

„Welche Etage?“, fragte er.

„Acht“, antwortete sie mit heiserer Stimme und wies auf den leuchtenden Knopf.

Er fuhr sich mit der Hand über den Nacken. Um seine Mundwinkel zuckte es.

Paige hielt den Atem an. Nein, er lächelte nicht. Nicht richtig.

„Langer Flug“, sagte er, und seine dunkle Stimme hallte durch den Lift und vibrierte in ihren Beinen. Er hob eine seiner Schultern, um seine Laptoptasche zurechtzurücken. „Ich bin noch gar nicht ganz wieder da.“

Paige wollte sich lieber nicht vorstellen, wie er wirkte, wenn er vollkommen präsent war.

Als er sich vorbeugte, um den Knopf zu drücken, der die Türen schloss, durchfuhr Paige ein Schauer. Er verströmte einen würzigen Duft von Leder, frisch geschlagenem Holz und salziger Meeresluft. Unfassbar männlich.

Draußen war es tiefster Winter, doch Paige brach der Schweiß aus. Unruhig löste sie ihren Schal und versuchte, an Eis zu denken und an Schneeballschlachten. Doch etwas in ihr ließ sie spüren, dass jeglicher Widerstand zwecklos war.

Er knurrte, als der Aufzug sich nicht rührte. Endlich fand Paige wieder Worte. „Oh, nein, nein“, sagte sie. „Den Knopfdruck können Sie sich sparen. Der Lift hier hat seinen eigenen Willen. Er fährt grundsätzlich in die Richtung, die ihm gefällt, ohne Rücksicht auf …“

Mit dem schlechten Timing, das diesen Fahrstuhl auszeichnete, schlossen sich die Türen, und nach einem kurzen Ruck setzte sich der Aufzug in Bewegung. Paige blickte ungläubig auf die Anzeige über der Tür. Es ging tatsächlich nach oben.

„Was haben Sie gesagt?“, fragte der Fremde.

Paige sah ihn an und erkannte, dass er sich erneut auf ihre Kosten lustig machte. Beinahe lächelte er.

Gut, also ihr Versprechen vorhin … Das war wirklich nicht wörtlich zu nehmen. Wenn nun ein pickeliger 16-Jähriger auf einem Skateboard sie angelächelt hätte? Oder der bärtige Obdachlose mit der Ratte auf der Schulter, der den Möwen immer hinterherbrüllte? Offensichtlich musste sie ihr Gelöbnis noch genauer abfassen.

Sie zuckte mit den Schultern. „Der Fahrstuhl hat es auf mich abgesehen. Aber auf Sie scheint er zu hören. Haben Sie Interesse, Aufzugführer zu werden? Ich würde Sie aus eigener Tasche bezahlen.“

Der Fremde sah sie mit einem Mal freundlich an. Freundlich und mit Wärme, so kam es ihr vor. Und er lächelte.

„Danke für das Angebot, aber ich muss ablehnen“, sagte er.

Hatte er sich ihr genähert? Oder nur sein Gewicht verlagert? Der Fahrstuhl erschien Paige plötzlich noch winziger. Ihre Nackenhaare stellten sich auf.

„Na dann. Den Versuch war’s wert.“

Sein Lächeln wurde weicher, und Paige wandte sich der Aufzugsanzeige zu. Im Schneckentempo bewegten sie sich nach oben.

„Wohnen Sie hier?“, fragte der Fremde.

Paige nickte und biss sich auf die Lippen, damit diese nicht anfingen zu zittern. Seine samtene Stimme hallte in ihr nach.

„Dann verstehe ich Ihre Beziehung zu dem Lift.“

Sie konnte nicht anders, sie musste ihn wieder ansehen. Und erwartete dabei in seinem Blick unwillkürlich das gleiche leise Misstrauen zu lesen, mit dem Sam, der Hausmeister, sie immer ansah, wenn sie sich über etwas beschwerte. Doch der Mann ließ seinen Blick über ihr Haar, ihren Nacken wandern, pausierte kurz an ihrem Mund, bevor er ihr wieder direkt in die Augen sah.

Sie holte tief Luft und atmete wieder den würzigen Duft ein, der von ihm ausging. Vielleicht bildete sie sich diesen Geruch ja gar nicht ein. Vielleicht war er ja wirklich ein Pilot/Holzfäller/Seemann. Es war zumindest nicht ganz ausgeschlossen.

„Am Anfang war es nichts Ernstes“, sagte sie. „Er verpasste nur hin und wieder ein Stockwerk. Doch jetzt passiert das unentwegt. Ich drücke den Knopf und weiß, es macht keinen Unterschied. Aber ich weigere mich, die Hoffnung aufzugeben, dass er sich eines Tages wieder wie ein normaler Lift benimmt.“

„Wie spannend“, sagte er mit einem Glitzern in den Augen. „Ein Konflikt zwischen zwei starken Willen. Wie in einem Film mit Doris Day und Rock Hudson.“ Er blickte auf die computergesteuerte Anzeigetafel. „Mit einem Schuss Science Fiction.“

Paige lachte laut auf und wunderte sich über sich selbst. Sie stand völlig neben sich. Sie konnte den Blick nicht von ihm lassen. Er hatte dunkle Augen, in denen man sich rettungslos verlieren konnte. Hätte der Aufzug plötzlich die Filmmusik von Bettgeflüster gesummt – dem Film, auf den er zweifellos anspielte –, sie hätte es nicht bemerkt.

Solch eine Reaktion konnte sie sich nur durch die Flaute in ihrem Liebesleben erklären. Er war so gar nicht ihr Typ. Sie stand sonst eher auf Männer, die klar und einfach waren. Berechenbar für sie. Männer, mit denen sie zu ihren Bedingungen ausging: drei Nächte die Woche, getrennte Rechnungen, keine idealistischen Versprechungen. Ganz wie sie wollte.

Dieser Fremde war eine miserable Besetzung für eine solch kontrollierte Affäre. Er schien ihr undurchschaubar, mysteriös und – heiß. Schon jetzt konnte sie kaum klar denken. Sie hätte am liebsten augenblicklich ihr Gesicht in seinem Nacken vergraben, um seinen Duft einzuatmen.

Dieser Mann war ein einziges Risiko, das immerhin war ihr klar. Andererseits … Wenn sie wieder ausgehen wollte, musste sie irgendwo anfangen. Und da stand er, schön, sexy und augenscheinlich auch an ihr interessiert.

Sie reichte ihm die Hand. „Paige Danforth. Achter Stock.“

„Gabe Hamilton. Im zwölften.“

Sie hatte nicht darauf geachtet, welchen Knopf er gedrückt hatte. Das Penthouse war unbewohnt, seit sie in das Haus eingezogen war. Was bedeutete … „Sie sind kein Besucher.“

„Kein Besucher.“ Zwei Worte, die sie mehr in Aufregung versetzten, als ihr lieb war. Er schlief vier Stockwerke über ihr!

„Haben Sie das Penthouse gemietet?“, fragte sie.

„Nein, es gehört mir“, antwortete er lächelnd.

Paige nickte wie beiläufig, doch zwischen den Zeilen sprachen sie schon längst nicht mehr über Besitzverhältnisse. „Ich hab gar nicht mitbekommen, dass es verkauft worden ist.“

„Ist es nicht. Ich war auf Reisen. Und nun bin ich wieder hier.“ Er sah sie beinahe erwartungsfroh an, und ihr wurde immer heißer.

Paige war kurz davor, etwas Unüberlegtes zu tun. Doch da klingelte der Lift, und die Türen öffneten sich.

„Verstehe“, murmelte sie und erkannte ihr Stockwerk an der gepunkteten silbernen Tapete von Ménage à Moi. Zeit auszusteigen.

Als sie sich an Gabe vorbeidrückte, streiften ihre Fingerspitzen eine seiner Hände. Ganz leicht und nur für einen Augenblick. Während sie den Lift verließ, konnte sie sich nicht beherrschen, sich noch einmal umzudrehen. Sie war kurz davor, ihn auf einen Kaffee in ihre Wohnung einzuladen. Oder ihm Melbourne zu zeigen. Oder sich andere Ausreden auszudenken, die ihn in ihr Bett brachten.

Dann gähnte er.

Und auf einmal kam ihr in den Sinn, dass das Glitzern in seinen Augen wahrscheinlich nur die Auswirkungen des Jetlags waren und kein Zeichen dafür, dass ...

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