Logo weiterlesen.de
Ein Millionär zum Verlieben!

Raye Morgan

Ein Millionär zum Verlieben!

1. KAPITEL

Diana Collins schreckte mit klopfendem Herzen aus dem Schlaf hoch. Sie lag ganz still da, starrte in die Dunkelheit ihres Zimmers und lauschte. Kein Zweifel, sie hatte ein Geräusch gehört.

Es war eine laue Sommernacht, und alle Fenster ihres kleinen Häuschens standen weit offen. Das brachte eine angenehm frische Brise herein, aber natürlich war es auch leichtsinnig. Schließlich wohnte sie hier allein auf dem Land.

Da, jetzt hörte sie es wieder. Zum Glück kam es eindeutig von draußen. Eine Männerstimme. Und dieser Mann … sang!

Langsam hob sie den Kopf. Sie kannte das Lied ebenso gut wie diese Stimme.

„Cameron“, flüsterte sie. Mit einem Mal war ihre Furcht verschwunden, und eine andere Art von Aufregung erfasste sie. Diana lächelte. „Cameron, du Verrückter!“

Schnell sprang sie aus dem Bett, lief die paar Schritte ans Fenster und schaute hinaus zum nahen See. Am Steg unten entdeckte sie eine dunkle Gestalt, die an einem Pfosten lehnte. In der Hand des nächtlichen Besuchers glitzerte eine Flasche im Mondlicht. Mit ausgebreiteten Armen brachte er sein Lied zu Ende. Er sang mit melodiöser und wohlklingender Stimme – allerdings nicht ganz treffsicher.

„Ach, Cameron“, murmelte Diana halb lachend und halb verzweifelt. Ziemlich genau zehn Jahre mussten vergangen sein, seit sie ihn zuletzt gesehen hatte. Echte Freude erfüllte sie, während sie hastig den Morgenmantel über ihr dünnes Nachthemd zog. Zumindest auf den ersten Blick konnte sie damit ihren deutlich gerundeten Babybauch verbergen.

Gerade erst hatte sie gedacht, sie hätte endlich mit der Vergangenheit abgeschlossen. Doch ihre Gefühle waren einfach stärker, sie konnte nichts dagegen tun. Cameron war wieder da.

Cameron Wellington Van Kirk der Dritte hatte zu viel getrunken, das war nicht zu leugnen. Und da er sonst kaum mehr trank als ein Glas Rotwein zum Essen, hatte es ihn unerwartet schnell und gründlich erwischt. Es kam ihm so vor, als würde er in einem warmen, sanften Strom treiben. Es fühlte sich ungewohnt an und zugleich auch irgendwie sehr nett.

„Vielleicht etwas zu nett“, murmelte er. Dabei versuchte er, wie Humphrey Bogart zu klingen und entschlossen und lässig dreinzublicken. Es gelang ihm nicht so recht, aber das machte keinen Unterschied: Weit und breit war ohnehin keine Menschenseele zu sehen. Er war allein mit sich, dem See, dem sanften Mondlicht und seinen Erinnerungen.

Der alte Song über Diana ging ihm nicht aus dem Kopf. Er musste ihn einfach noch einmal singen.

Da rief in der Nähe ein Käuzchen. Im nächsten Augenblick flog es so dicht an ihm vorbei, dass er den Lufthauch der Flügel spürte.

Automatisch drehte er sich um, und da sah er sie.

Diana!

So ganz in Weiß gekleidet wirkte sie fast wie ein magisches Wesen aus einer anderen Welt. Leicht kniff er die Augen zusammen, um sie besser erkennen zu können. Er hatte Diana nie als Engel betrachtet. Seine Diana war ein Mädchen, das mit beiden Beinen fest auf der Erde stand. So hatte er sie all die Jahre in Erinnerung behalten.

„Diana?“, flüsterte er. „Bist du das?“

Fasziniert beobachtete er, wie sie zum Steg kam. Er musste blinzeln und schüttelte den Kopf. Sie schien zu schweben. Berührten ihre Füße gar nicht den Boden? Ihr blondes Haar schimmerte im Mondschein, und ihr langer Morgenmantel wehte im Wind. Cameron stand nur da und hielt bei dem Anblick den Atem an.

Wie hatte er es bloß ohne Diana ausgehalten? Wie hatte er je von ihr weggehen können?

„Cameron?“, fragte sie leise. „Bist du’s wirklich?“

Wortlos starrte er sie an. „Ich muss im Himmel sein“, murmelte er schließlich. Er war völlig hingerissen und geriet so nahe am Wasser für einen Moment gefährlich ins Schwanken.

„Du bist am Apache Lake in Arizona“, verbesserte Diana ihn lachend, als sie den Anleger erreichte.

Auch Cameron musste lachen – und konnte die Augen nicht von ihr abwenden. Sie war nicht mehr das barfüßige Mädchen mit den abgeschnittenen Jeans, dem knappen Top und den vielen blauen Flecken, die ihr alkoholkranker Vater ihr zugefügt hatte.

Cameron rührte sich nicht von der Stelle. Er umarmte seine alte Freundin nicht und gab ihr auch keinen Begrüßungskuss. Vielleicht, weil es ihn genau danach erschreckend heftig drängte. Und vielleicht auch, weil er wegen des Alkohols seinen Reaktionen nicht mehr traute.

Diana freute sich, ihn wiederzusehen. Aufmerksam musterte sie ihn und suchte in seinen Zügen den Cameron von damals. Das fast schwarze Haar trug er kurz. Offenbar bemühte er sich immer noch erfolglos, seine Locken zu bändigen. Seine Augen wurden inzwischen von kleinen Lachfältchen umrahmt, strahlten aber so leuchtend blau wie früher.

Außerdem bemerkte sie eine vorsichtige Zurückhaltung an ihm. Die war früher nicht da gewesen. Er wirkte auf eine lässige Art stärker und männlicher.

Einen Augenblick lang war Diana verunsichert. Cameron erschien ihr auf einmal so groß und beeindruckend. Möglicherweise hatte er sich mehr verändert, als ihr lieb war. Möglicherweise war er ihr sogar fremd geworden.

Plötzlich spürte sie einen Kloß im Hals.

Endlich brach Cameron das Schweigen und sagte: „Hey.“

„Hey“, gab sie genauso leise zurück, ohne den Blick von ihm zu lösen. „Was machst du hier?“

Angestrengt versuchte er sich zu erinnern. Der Rest der Welt erschien ihm gerade so weit weg, unklar, verschwommen. Seit zehn Jahren war er zum ersten Mal wieder in der Gegend. Er war auf dem Weg nach Hause – falls das überhaupt die richtige Bezeichnung für das herrschaftliche Anwesen war, auf dem seine Eltern und sein Großvater lebten. Ja, und vorher hatte er diesen kleinen Umweg genommen …

Was machst du hier? Schlagartig wurde ihm die Antwort bewusst. Er hatte die Heimkehr in den Schoß der Familie hinauszögern und zuerst eine alte Freundin begrüßen wollen. Das hatte er sich eingeredet.

Das war jedoch nur die halbe Wahrheit. Jetzt musste er es sich eingestehen: Er war wegen Diana hergekommen, denn sie hatte er von allen am meisten vermisst. Sicher hatte sich einiges verändert, seit er diesen Ort verlassen hatte. Doch obwohl sie inzwischen zur Frau herangereift war: Hier vor ihm stand seine vertraute Jugendfreundin.

„Ich habe dich gesucht“, antwortete er ehrlich.

Mit ernster Miene wich Diana seinem Blick aus und schaute zum Mond hinauf. „Du suchst jemanden, den es nicht mehr gibt“, erwiderte sie leise.

Schweigend sahen sie einander in die Augen. In ihnen stiegen Gefühle und Erinnerungen auf, die sich nicht in Worte fassen ließen.

„Ich dachte, du kommst nie wieder“, sagte Diana schließlich und bemerkte selbst das verräterische Zittern in ihrer Stimme. Mit aller Kraft rang sie nach Fassung und hielt die Tränen zurück. Cameron genau wie früher auf ihrem Steg stehen zu sehen wirbelte ihr Innerstes vollkommen durcheinander.

Eingehend betrachtete sie ihn: das offene Hemd, den breiten Gürtel, die perfekt sitzenden Jeans, die schmalen Hüften. Die Hemdsärmel hatte er wie immer hochgekrempelt, was seine muskulösen, braun gebrannten Unterarme betonte.

So sehr glich er dem jungen Mann, den sie gekannt hatte. Und zugleich kam er ihr so anders vor. Das dunkle Haar war kürzer und ordentlich geschnitten, auch wenn es gerade ziemlich zerzaust war. Wie damals fiel ihm eine Locke hin und wieder ins Gesicht. Seine Züge wirkten härter und markanter, die Linien hatten sich tiefer eingegraben. Seine wunderschönen blauen Augen leuchteten allerdings auch heute noch im Mondlicht so hell wie Sterne. Wie viel Zeit war vergangen? Sie war mittlerweile achtundzwanzig Jahre alt, also musste Cameron zweiunddreißig sein.

Diana schluckte.

Auch nach all diesen Jahren versetzte ihr der Gedanke an seine letzten Worte einen Stich.

„Ich gehe und komme nie wieder.“

An jenem Tag war eine Welt für sie untergegangen.

„Das habe ich nicht so gemeint. Ich war jung, verzweifelt und selbstsüchtig“, gab Cameron zurück, als hätte er ihre Gedanken erraten.

Sie nickte. Lange hatte sie auf seine Rückkehr gewartet. Trotz seiner Abschiedsworte hatte sie fest daran geglaubt. Doch als immer mehr Zeit verstrichen und nichts geschehen war, hatte sie den Glauben allmählich verloren.

Deutlich erinnerte sie sich daran, wie sie sich gefühlt hatte, als er verschwunden war. Sie war aus einem kaputten Zuhause gekommen, ihr Vater hatte getrunken. Nicht zuletzt deshalb war sie eine wütende, verwirrte Achtzehnjährige gewesen, verzweifelt auf der Suche nach einem Sinn in ihrem Leben. Cameron hatte ihr Halt gegeben. Nur durch ihn hatte sie nicht die Hoffnung auf eine bessere Zukunft verloren. Und dann war er gegangen, und sie hatte sich so unendlich allein gefühlt.

„Und du? Warum bist du immer noch hier?“, wollte Cameron wissen und riss sie aus ihrer Grübelei.

Sie straffte die Schultern. „Was denkst du denn? Wo sollte ich sonst sein?“

Er zuckte die Achseln. „Ich weiß nicht. In San Francisco zum Beispiel? Eine schöne Lady in einem feinen Loft, die von lauter reichen, geschwätzigen Snobs hofiert wird.“

Ach, Cameron. Diana musste lachen. Und mit einem Lächeln auf den Lippen begann er wieder, leise zu singen. Diesmal war es ein alter Song von Buddy Holly. Dabei sah er ihr unverwandt in die Augen.

„Du bist betrunken“, stellte Diana kopfschüttelnd fest.

Er hielt inne und verzog das Gesicht. „Nein, unmöglich. Du kannst fragen, wen du willst: Ich trinke nicht.“

„Cameron!“ Nachdrücklich deutete sie auf die Flasche in seiner Hand.

Er blickte ebenfalls darauf und wandte sich schnell ab. „Hey!“, rief er plötzlich laut in Richtung See. „Sagt es ihr! Sie muss es von neutraler Seite hören.“

Diana biss sich auf die Lippen und bemühte sich, ernst zu bleiben. „Da draußen ist niemand“, bemerkte sie ruhig.

„Natürlich ist da jemand.“ Langsam drehte er sich zu ihr. „Schau genau hin. Siehst du sie nicht?“

Diana lehnte sich an einen Pfosten und spähte über den See zum gegenüberliegenden Ufer. Dort wiegten sich Föhren und Pappeln leise im Wind. Es tat so gut, hier mit Cameron zu stehen. Als wäre etwas in ihrem Inneren zurück an seinen Platz gerückt.

„Wen soll ich da sehen?“, erkundigte sie sich lächelnd.

„Uns.“ Er kam ein Stück näher und flüsterte ihr ins Ohr: „Cameron und Diana. Den Jungen und das Mädchen von damals. Ihre Geister sind da draußen.“

Sie spürte seinen warmen Atem auf ihrer Wange. Ihr Herz klopfte schneller, und sie genoss diesen Augenblick einfach.

Es war so lang her.

So oft hatte sie versucht, etwas über Cameron in Erfahrung zu bringen: zuerst im nahe gelegenen Städtchen Gold Dust, dann auf dem Herrensitz der Van Kirks. Niemand hatte etwas von ihm gehört. Anscheinend hatte er die Brücken zu seiner Familie und seiner Vergangenheit für immer hinter sich abgebrochen.

Dabei hatte sie ohnehin gewusst, dass sich zwischen Cameron und ihr niemals etwas entwickeln konnte. Diese traurige Tatsache hatte sie akzeptiert und musste damit leben.

Diana kehrte dem glitzernden See den Rücken und wandte sich Cameron zu. „Ich kann gar nichts entdecken“, erklärte sie entschlossen, denn zumindest einer von ihnen musste vernünftig bleiben. „Da draußen ist niemand.“

„Doch!“, erwiderte Cameron und musterte sie stirnrunzelnd, als wäre sie schwer von Begriff. „Vielleicht solltest du auch einen Schluck trinken.“ Mit einem schiefen Lächeln hielt er ihr die Flasche hin. „Dann siehst du besser.“

Sie schüttelte den Kopf und verdrehte die Augen.

Mit einem Schluck leerte Cameron die Flasche – und machte sich im Stillen daraufhin Vorwürfe. Natürlich rührte Diana keinen Alkohol an. Sie hatte wahrhaftig genug unter den Folgen von Alkoholmissbrauch gelitten. Wie hatte er nur so herzlos sein können!

„Okay“, erklärte er im nächsten Moment. „Weg damit!“

„Warte!“, rief Diana und konnte ihn gerade noch davon abhalten, die Weinflasche in hohem Bogen ins Wasser zu werfen. Mit einer raschen Bewegung schnappte sie sie. „Nicht in meinen See! Ich bringe sie zum Müll.“

Cameron blinzelte sie an, protestierte aber nicht. Er lehnte an seinem Pfosten und betrachtete sie. Diana bemerkte den Anflug eines Lächelns auf seinem schönen Gesicht. Nachdem sie die Flasche am Ufer abgelegt hatte, drehte sie sich zu ihm um. Bei seinem Anblick im Mondschein blieb ihr beinahe das Herz stehen. Gleichzeitig sah sie in Cameron den Mann von heute und den Jungen von einst.

Es hatte Zeiten gegeben, in denen sie alles für ihn getan hätte. Und jetzt? Jetzt war sie hoffentlich klüger.

Betont konzentriert kniff sie die Augen zusammen und blickte aufs Wasser. „Warte“, meinte sie. „Ich glaube, ich habe sie entdeckt. Zwei verrückte Kinder, die am Ufer im Schlamm herumwaten.“

„Das sind sie“, gab Cameron zurück und schaute sie an. „Das sind wir.“

Wir. Ja, dort am anderen Ufer hatten sie so manche Stunde miteinander verbracht. Wie könnte sie das je vergessen? Es waren einige der schönsten Momente ihres Lebens gewesen.

Damals hatte Cameron ständig im Clinch mit seinem Großvater gelegen. Nach besonders bösen Auseinandersetzungen hatte Diana ihn oft unten am Ufer des Apache Lake beim Angeln gefunden. Dann war sie bei ihm geblieben und hatte ihm zugeschaut. Und er hatte ihr von der Geschichte der Gegend oder den neuesten Verrücktheiten seiner Schwester erzählt.

Manchmal hatte er auch mit ihr darüber gesprochen, was er mit seinem Leben anfangen wollte. Er hatte von der großen Welt geträumt, hatte Gold Dust weit hinter sich lassen wollen. Und jedes Mal war Diana das Herz schwer geworden – obwohl ihr klar gewesen war, dass sie nie zu seiner Welt gehören würde.

Die geangelten Regenbogenforellen hatte er stets zurück ins Wasser geworfen. Mit leisem Bedauern hatte Diana dann zugesehen, wie die glitzernden Fische davongeschwommen waren. Cameron Van Kirk war gar nicht auf die Idee gekommen, dass sie sie gut zum Abendessen hätte brauchen können. Oft genug war der Kühlschrank zu Hause leer gewesen, weil ihr Vater in irgendeiner Kneipe das Haushaltsgeld durchgebracht hatte. Aber Cameron gegenüber war ihr nie ein Wort darüber über die Lippen gekommen. Er hatte nicht erfahren sollen, dass an vielen Tagen ein Schokoriegel ihre einzige Mahlzeit gewesen war.

Das alles hatte sich längst geändert. Ihr Vater war gestorben, und sie hatte ihre eigene kleine Firma gegründet, von der sie leben konnte. Es ging ihr gut. Sie war zufrieden mit ihrem Leben.

Unwillkürlich begann ihre Unterlippe zu zittern. Diana biss sich darauf. Wem willst du eigentlich etwas vormachen? Eine glückliche Frau brauchte in ihrem Leben nichts zu verändern. Und wenn sie selbst zufrieden gewesen wäre, hätte sie sicher keine Veränderungen vorgenommen. Dann wäre sie jetzt nicht in anderen Umständen.

Cameron hatte noch nichts bemerkt. Innerlich widerstand Diana dem Drang, den Morgenmantel noch enger um ihren gerundeten Bauch zu ziehen. Irgendwann musste er die Wahrheit erfahren. Warum also nicht sofort?

Nein, entschied sie insgeheim im selben Augenblick. Jetzt nicht.

„Erinnerst du dich an den letzten Abend damals?“, fragte Cameron rau. „Weißt du noch?“

Diana schloss die Augen. Selbstverständlich wusste sie es noch. Niemals würde sie das vergessen. An dem Abend hatte er sie zum einzigen Mal geküsst. Es war kein richtiger Kuss gewesen – in ihren Träumen hatte sie es sich ganz anders ausgemalt. Seine Lippen hatten ihre kaum berührt. Trotzdem war es für sie der schönste Kuss geblieben, den sie je bekommen hatte.

Als sie nun Camerons Finger an ihrem Haar spürte, seufzte sie leise. Unwillkürlich schmiegte sie sich in seine Hand, öffnete die Augen und sah ihm ins Gesicht. Eine Sekunde lang glaubte sie, er würde sie küssen. Da wandte er sich abrupt ab.

Diana schluckte und verfluchte sich innerlich. Was hatte sie sich nur gedacht? Eine Romanze mit Cameron war ihr nicht vorherbestimmt, war es nie gewesen.

„Wo hast du all die Jahre gesteckt?“, erkundigte sie sich und lenkte das Gespräch in eine harmlosere Richtung.

Er zuckte die Achseln. „Überall und nirgends. Ich habe ein paar Jahre bei der Marine gedient. Dann habe ich auf einer Bohrinsel im Persischen Golf gearbeitet und anschließend eine Weile als Bodyguard in Thailand. Das Übliche.“

Sie nickte beeindruckt. Das war sicher nichts, wovon seine Mutter aller Welt erzählt hätte. Wenn er Jura studiert, für den Gouverneur gearbeitet oder einen Haufen Geld an der Wall Street verdient hätte, wäre das anders gewesen: In dem Fall hätte Mrs. Van Kirk dafür gesorgt, dass ganz Gold Dust auf dem Laufenden war. Aber Cameron hatte nie etwas auf die Regeln und Gesetze der vornehmen Gesellschaft gegeben. Er war stets nur seinem Herzen gefolgt.

Genau aus diesem Grund hatte er auch damals den Beschützer für sie gespielt, als sie Teenager gewesen waren. Ihre Freundschaft hatte begonnen, als Diana in die Mittelstufe gekommen war. Ihr Vater war ein stadtbekannter Trinker gewesen: Das hatte sie zur Zielscheibe vieler Angriffe und Hänseleien gemacht. Der um ein paar Jahre ältere Cameron hatte verstanden, was in Dianas Leben los gewesen war. Er hatte eingegriffen.

Das erste Mal war ihr geradezu magisch vorgekommen. Diana war ins Schwimmbad gegangen, doch keine ihrer Freundinnen war dort aufgetaucht. Plötzlich hatte ein Haufen Jungen sie umringt. Die Kerle hatten sie geärgert und bedrängt wie ein Rudel Wölfe.

Gegen zwei oder sogar drei Jungs hätte Diana sich behaupten können. Doch diesmal waren es zu viele gewesen, und sie war in Panik geraten. Als sie wegrennen wollte, hatte das die Meute nur noch mehr angestachelt. Es war der reinste Albtraum gewesen. Keuchend war sie gerannt, gestolpert. Als sie schon geglaubt hatte, sie würde wie ein gehetztes Wild zu Boden gerissen, war Cameron auf der Bildfläche erschienen.

Er war nur ein paar Jahre älter gewesen als die anderen Jungen. Doch schon damals hatte er Stärke und Autorität ausgestrahlt: Mit einigen wütenden Worten hatte er ihre Angreifer in die Flucht getrieben. Anschließend hatte er ihr aufgeholfen, ihr den Staub abgeklopft und sie auf ein Eis eingeladen.

Das war der Anfang einer Freundschaft gewesen, die ihre ganze Schulzeit hindurch angedauert hatte. Cameron hatte sie beschützt und hatte dafür gesorgt, dass immer alles gut wurde.

Als er zum Studium fortgezogen war, hatte er sie jedes Wochenende besucht. Er hatte sie wie ein großer Bruder behandelt. Dianas Problem war nur, dass er ihr viel mehr bedeutet hatte.

Von Beginn an hatte sie für Cameron geschwärmt. Er war ihr Held gewesen, ihr Ritter in strahlender Rüstung. Und es war ihr nicht immer leichtgefallen, ihre Gefühle für ihn zu verbergen. Seine Wirkung auf sie hatte noch lange angehalten, nachdem er ihr damals Lebewohl gesagt und die Gegend verlassen hatte.

Im Grunde war es seine Schuld, dass jede ihrer Beziehungen danach zum Scheitern verurteilt gewesen war.

„Du hast dich also zehn Jahre lang in der Welt umgesehen?“, fragte sie jetzt und musterte ihn. Was immer Cameron in der Zwischenzeit getrieben hatte, es schien sich finanziell gelohnt zu haben. Seine Kleider waren zwar zerknittert, aber vom Feinsten. Und seine Armbanduhr war vermutlich so viel wert wie ihr ganzes Haus.

„Die ersten fünf Jahre bin ich umhergezogen, ja“, gab er zurück. „Danach habe ich in San Diego eine kleine Firma gegründet und bin damit ziemlich erfolgreich gewesen. Das hatte sich irgendwie so ergeben.“

„Gratuliere“, entgegnete Diana aufrichtig.

Er zuckte die Achseln. „Ich habe Glück gehabt.“

Diana wusste, dass das nicht stimmte: Schon immer war Cameron intelligenter und schneller als andere gewesen. Er hatte ein sicheres Gespür für Menschen und Situationen.

„Bist du eigentlich nie auf die Idee gekommen, mich mal anzurufen?“, fragte sie leichthin. „Oder mir eine Postkarte zu schicken – irgendein Zeichen, dass du lebst und es dir gut geht?“

Sie selbst hörte den vorwurfsvollen Unterton in ihrer Stimme. Diana biss sich auf die Unterlippe. Auf keinen Fall wollte sie sich beklagen oder Cameron etwas vorjammern!

Cameron zog die Schultern hoch und antwortete leise: „Ich dachte, ein klarer Schnitt wäre das Beste.“

Dasselbe hatte er an ihrem letzten gemeinsamen Abend gesagt, bevor er sie geküsst hatte. Aber er schuldete ihr ja nichts. Im Gegenteil, er hatte mehr für sie getan als jeder andere Mensch in ihrem Leben. Was konnte sie sonst noch verlangen?

Hastig schob sie diese gefährliche Frage beiseite.

„Und was bringt dich jetzt hierher zurück?“, wollte sie wissen. „Bleibst du?“ Die Worte waren heraus, ehe sie es verhindern konnte – und Hoffnung schwang deutlich darin mit. Diana verzog das Gesicht.

Kurz schaute Cameron sie an und betrachtete dann den Mond. „Schwer zu sagen“, murmelte er.

Er sah hinüber zu dem kleinen Häuschen. Darin lebte Diana, seit er sie kannte. Doch irgendetwas hatte sie daran verändert. Trotz der Dunkelheit erschien es ihm nicht mehr so heruntergekommen.

„Was ist mit deinem Vater?“, fragte er zögernd.

„Er ist vor ein paar Jahren gestorben“, antwortete sie. „An den Folgen einer Lungenentzündung.“

Wohl eher an den Folgen seiner Trinkerei, dachte Cameron bei sich. Ohne ihn ging es Diana besser. Aber niemand konnte sich seine Familie aussuchen. Und trotz allem war er ihr Vater gewesen. „Das tut mir leid“, entgegnete Cameron, ohne sie anzusehen.

„Danke“, gab sie knapp zurück. „Immerhin ist es ihm gelungen, das Häuschen nicht zu verlieren. Jetzt gehört es mir, mitsamt den zwei Hektar Land.“

Lächelnd nickte Cameron. Er war froh, dass Diana etwas Eigenes besaß. Wann immer er an sie gedacht hatte, war ihm ein Bild von ihr hier am Seeufer durch den Kopf gegangen. Der See und Diana waren für ihn untrennbar miteinander verbunden.

„Die Beerdigung fand in der kleinen Kapelle an der Hauptstraße statt“, fuhr sie fort. „Ich hatte nicht erwartet, dass irgendjemand kommen würde.“ Ungläubig schüttelte sie den Kopf. „Aber die halbe Stadt ist da gewesen. Kannst du dir das vorstellen? Es tauchte sogar ein Cousin auf, den ich nie zuvor gesehen hatte: Ben Lanker arbeitet als Rechtsanwalt in Sacramento. Er wollte mit mir das Testament durchgehen und alles auf seine Richtigkeit prüfen.“ Sie lachte zufrieden. „Ich glaube, er hätte gern einen Fehler gefunden. Anscheinend hatte er es auf mein Land abgesehen. Aber da war nichts zu holen.“

Cameron stimmte in ihr Lachen ein. Eines war sicher: Die kleine Diana konnte inzwischen auf sich selbst aufpassen.

Schließlich fügte Diana ernst hinzu: „Aber Cameron, sag mir diesmal die Wahrheit. Warum bist du wirklich zurückgekommen?“

Er seufzte. „Die Antwort ist ziemlich einfach. Es ist mir nur peinlich, mit dir darüber zu reden.“

Erneut musste sie lachen. „Jetzt hast du mich erst recht neugierig gemacht. Los, raus mit der reinen ungeschönten Wahrheit.“ Sie strahlte ihn an. „Warum bist du wieder da?“

Verlegen blickte Cameron sie an. „Gut. Du hast es so gewollt.“

Sie wartete gespannt.

Nachdem er tief Luft geholt hatte, sagte er: „Ich bin hier, weil ich heirate.“

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Ein Millionär zum Verlieben" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen