Logo weiterlesen.de
Ein Millionär zum Heiraten?

Catherine Mann

Ein Millionär zum Heiraten?

1. KAPITEL

Es war ein festlicher Empfang zu Ehren eines Millionärs, der von einem Militäreinsatz heimgekehrt war, und Phoebe Slater war zweifellos die Einzige, die ein Baby mitgebracht hatte.

Vermutlich hatten die meisten Gäste dieser exklusiven Party ein eigenes Kindermädchen für ihren Nachwuchs, ganz sicher aber konnten sie sich einen Babysitter leisten.

Köstliche Canapees und Champagner wurden auf Silbertabletts gereicht, Männer in maßgeschneiderten Smokings, Frauen in raffinierten teuren Kleidern schlenderten an diesem Abend durch die Gärten des direkt am Meer gelegenen Country Clubs.

Ihr kleines Schwarzes hatte Phoebe in einem Versandhaus gekauft. Als Professorin für Geschichte an der Universität von South Carolina musste sie gelegentlich an einer Cocktailparty teilnehmen.

Ein Baby sabberte ihr dabei normalerweise nicht auf die Schulter.

Phoebe schob das quengelige fünf Monate alte Kind auf ihrer Hüfte etwas höher und strich dabei das gerüschte rosa Kleidchen glatt. „Es dauert nicht mehr lange, Süße. Nur noch ein paar Minuten, dann bekommst du dein Fläschchen und darfst ins Bett.“

Während im Hintergrund die Wellen rauschten, spielte eine Band alte Rocksongs und lockte damit die Gäste auf die Tanzfläche. Sogar der Gouverneur von South Carolina tanzte mit seiner Frau unter dem Partyzelt, das die hölzerne Tanzfläche überspannte.

Auf dieser Party trafen sich zweifellos Leute, die es gewohnt waren, sich in der Welt der Politik zu bewegen. Und obwohl alle in Abendgarderobe erschienen waren, schien die Stimmung zwanglos zu sein. Plaudernd wurden neue Kontakte geknüpft und schon bestehende Beziehungen vertieft.

Aber Phoebe war nicht hier, um Kontakte zu pflegen. Sie war hergekommen, um den Vater der kleinen Nina zu finden.

Wenn Bianca mir bloß erzählt hätte, wie er aussieht, dachte Phoebe.

Bianca war Phoebes langjährige Freundin und Mitstudentin – und Ninas leibliche Mutter. Erst vor ein paar Monaten hatte sie erzählt, dass Kyle Landis der Vater des Babys sei.

Am selben Abend hatte Bianca ihre Freundin gebeten, ihr mit Nina „ein wenig zu helfen“. Bianca wollte zum Vorsprechen für eine Theaterproduktion nach Florida fahren. Sie war so aufgeregt gewesen, wieder rank und schlank zu sein und diese Chance zu bekommen. Und wenn sie das Engagement bekam, würde sie ihrer Tochter ein besseres Leben bieten können.

Wer hätte geahnt, dass Bianca nicht zurückkommen würde?

Phoebe drückte Nina fester an sich, nun noch entschlossener, dafür zu sorgen, dass dieses wunderbare Baby in guten Verhältnissen aufwuchs. Und das bedeutete, dass sie Kyle Landis finden musste, einen Mann, den sie nie persönlich getroffen hatte.

Phoebe hatte gehofft, ihn anhand seiner Air-Force-Uniform zu identifizieren, doch auf dieser Party wimmelte es von hochgewachsenen dunkelhaarigen Männern in Ausgehuniformen. Unzählige Medaillen glänzten im Mondlicht.

Als die Kleine endlich eingenickt war, umfasste Phoebe liebevoll das Köpfchen mit einer Hand und sah sich um. Prüfend ließ sie den Blick über die Gesichter der männlichen Gäste schweifen. Die Gartenfackeln und der Mond spendeten nur spärlich Licht, und Phoebe hatte nur ein älteres Foto bei sich, das in ihrer Schultertasche steckte. Wenn sie das nun herauskramte, wachte das Baby bestimmt auf.

Kyle Landis war regelmäßig in den Zeitungen aufgetaucht, als sein verstorbener Vater noch Senator war. Später waren seine Mutter und ein Bruder ebenfalls ins Rampenlicht der Politik getreten. Jetzt tat Kyle in Kriegsgebieten Dienst, daher hielt seine Familie ihn zu seiner Sicherheit so weit wie möglich von den Medien fern.

Das Gedränge der Gäste wurde immer dichter, und einzelne Gesichter waren kaum mehr auszumachen. Sosehr Phoebe es hasste, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, sie würde jemand um Hilfe bitten müssen …

„Kann ich etwas für Sie tun?“

Die tiefe Stimme, die hinter ihr erklang, riss Phoebe aus ihren Gedanken. Dieser unglaublich sexy Unterton verschaffte dem Kellner bestimmt jede Menge Trinkgeld. Phoebe warf einen Blick über ihre Schulter und erschrak.

Vor ihr stand Captain Kyle Landis höchstpersönlich.

Sein dunkles Haar war militärisch kurz geschnitten, er hatte sanfte blaue Augen und einen dunklen Teint, den er sich vermutlich im Nahen Osten zugelegt hatte. Eine breite Stirn und ein markantes Kinn gaben ihm etwas sehr Maskulines.

Phoebe hätte sich denken können, dass der Typ in natura noch besser aussah als auf dem alten Foto. Er war ein Hans im Glück aus einer alteingesessenen Südstaatenfamilie – attraktiv und reich, und obendrein besaß er die reinste Verführerstimme.

Wie es hieß, hatte er sogar einen Flugzeugabsturz unbeschadet überlebt. An seiner blauen Uniformjacke prangten mindestens doppelt so viele Medaillen wie bei den meisten anwesenden Militärs, höchstens übertroffen von seinem Stiefvater, einem General.

Wie seltsam, dass Kyle sie heute Abend ausfindig gemacht hatte, statt sie ihn. Aber vielleicht fühlte er sich als Ehrengast verpflichtet, dafür zu sorgen, dass sich alle Gäste wohlfühlten.

„Kann ich etwas für Sie tun?“, wiederholte er.

Eine ältere Dame drängte sich vorbei. Die Parfumwolke, die sie umgab, brachte Nina zum Niesen. Phoebe schob das Baby erneut auf ihrer Hüfte höher und wünschte, sie wäre zu Hause in ihrem Schaukelstuhl statt hier bei diesem Mann.

„Ich brauche eigentlich keine Hilfe mehr, da ich nach Ihnen Ausschau gehalten hatte.“

Als er sie mit einem schiefen Lächeln bedachte, erschien ein Grübchen in seiner Wange. „Tut mir leid, falls wir uns schon einmal begegnet sind, erinnere ich mich nicht.“

Dieses Grübchen hätte sie fasziniert, hätte sie nicht von Bianca erfahren, dass man vor Kyles Charme auf der Hut sein sollte. Sie konnte hier vielleicht finanziell nicht mithalten, aber sie war eine clevere Frau, die wusste, was sie wollte.

Phoebe beeilte sich etwas zu sagen; wenn sie sich nicht erklärte, holte er am Ende noch den Sicherheitsdienst. „Ich bin nicht hier, um mich zu amüsieren.“

Schnell sah er hinter sie, dann betrachtete er mit seinen tiefblauen Augen erneut ihr Gesicht. „Zu welchem meiner Kollegen gehören Sie? Wir haben nicht viele Gelegenheiten, die Ehefrauen kennenzulernen.“

„Ich bin nicht verheiratet.“ Aber ich war es einmal. Hastig schob Phoebe den Gedanken an Roger beiseite, ehe der unausweichliche Schmerz sie von ihrem Vorhaben ablenken konnte.

Kyle streifte Nina mit einem kurzen Blick, dann schaute er wieder Phoebe an. So viel also zu der Vermutung, er würde sein Kind auf Anhieb erkennen.

Allerdings wusste er nicht einmal etwas von Ninas Existenz.

Bianca war sich am Anfang der Schwangerschaft nicht sicher gewesen, ob sie das Baby behalten wollte. Später hatte sie dann immer wieder beteuert, den Vater zu informieren, aber sie hatte gekniffen. Angeblich, weil sie ihm im Ausland auf keinen Fall eine solche Nachricht durch seine Familie zukommen lassen wollte.

Nicht dass Bianca es geschafft hätte, an all den persönlichen Assistenten vorbeizukommen, um mit einem Mitglied seiner berühmten Familie zu reden.

Es war eine Riesenherausforderung gewesen, als ungeladener Gast auf diesen Empfang zu gelangen, aber kein Sicherheitsdienst der Welt hatte Phoebe von ihrem Entschluss abbringen können.

Mithilfe einiger schauspielerischen Finessen, die sie sich von Bianca abgeschaut hatte, hatte Phoebe alle davon überzeugt, die Ehefrau des Assistenten des Caterers zu sein. Das war nicht allzu schwierig, da sie eher wie die Frau von nebenan aussah als wie die aufsehenerregende Hauptdarstellerin.

Jetzt, nachdem Kyle aus dem Ausland nach Hause gekommen war, musste ihm schließlich jemand von seiner neuen „kleinen“ Verantwortung berichten.

Am besten brachte sie es gleich hinter sich. „Können wir hier irgendwo ungestört reden?“

„Tut mir leid, aber meine Mutter würde mich an den Ohren wieder unter die Gäste ziehen, wenn ich versuchen würde, mich auf meiner eigenen Begrüßungsparty zu verdrücken.“ Er kam etwas näher, und der frische Duft seines Aftershaves stieg Phoebe in die Nase. „Aber vielleicht später?“

In seinen kobaltblauen Augen blitzte unübersehbar Interesse auf, und Phoebe wusste, dass sie seine volle Aufmerksamkeit hatte.

Gütiger Himmel. Versuchte er etwa mit ihr zu flirten? Sie hatte sich auf die verschiedensten Möglichkeiten seiner Reaktion gefasst gemacht – außer auf diese.

Sie wich einen Schritt zurück. „Warten Sie, das habe ich nicht gemeint.“

Selbst wenn er interessiert genug wäre, um tatsächlich Kontakt zu ihr aufzunehmen, was, wenn er sich eine Woche Zeit ließ, um anzurufen? Sie konnte keine weitere Woche verstreichen lassen.

Nina hatte keine Woche Zeit.

Phoebe tätschelte der Kleinen den Rücken und hoffte dabei inständig, dass sie weiterschlafen würde. Das Letzte, was sie gebrauchen konnte, war, dass Nina aufwachte und anfing zu weinen. „Ich muss fünf Minuten mit Ihnen reden, ohne dass jemand das Gespräch mithört. Ich verspreche Ihnen, ich werde Sie nicht lange aufhalten. Vielleicht könnten Sie mich einfach zur Tür begleiten? Dann können Sie sicher sein, dass ich Sie wirklich nicht weiter behellige.“

„Das ist nur fair.“ Er stellte seinen Drink hinter sich auf die Bar. „Brauchen Sie Hilfe mit der Kleinen?“

Instinktiv wich Phoebe zurück, bis sie an eine Blumensäule stieß und der Farn, der darauf stand, ins Wanken geriet.

Lachend streckte Kyle die Hände aus. „He, kein Grund zur Panik. Ich werde sie schon nicht fallen lassen. Ich verstehe zwar nicht viel von Kindern, aber in letzter Zeit bekomme ich Übung durch meinen Neffen.“

Nina hatte einen Cousin. Wie wunderbar. Nina sollte möglichst viele Menschen um sich haben, die sie liebten. Und je eher Phoebe die ganze Geschichte klärte, desto früher würde Nina in geregelten Verhältnissen leben können.

„Wir kommen zurecht, aber danke, dass Sie gefragt haben. Gehen Sie bitte voraus, und wir folgen Ihnen.“

„Sagen Sie Bescheid, falls Sie es sich anders überlegen.“

Er geleitete Phoebe zu einer Laube, in der eine zierliche Eisenbank stand, gerahmt von zwei weiteren Topffarnen auf griechischen Säulen. Der Partylärm wurde etwas leiser, doch das Gelächter eines Pärchens in der Nähe ließ Phoebe aufhorchen. Besser wäre ein Raum, mit einer Tür zum Schließen. Doch der Schlupfwinkel hinter einem mit Efeu bewachsen Spalier musste reichen.

Phoebe trat einen Schritt zurück. In Kyles Gegenwart hatte sie das Gefühl, nicht genug Luft zum Atmen zu bekommen. Sie stellte die Tasche mit den Windeln auf die Bank. Dann lockerte sie ihre verkrampfte Schulter. „Erinnern Sie sich an eine Bianca Thompson?“

Kyles freundlicher Gesichtsausdruck wurde reserviert. „Ja, warum fragen Sie?“

Lachend erschienen zwei junge Frauen vom Typ Ehefrau-eines-viel-älteren-Mannes in der Laube, eine mit einem silbernen Zigarettenetui in der Hand, die andere offensichtlich beschwipst. „Oh, entschuldigen Sie.“ Verlegen blieben die Frauen stehen.

Kyle lächelte charmant. „Kein Problem, meine Damen. Ich glaube, gleich hinter der mit Lichtern geschmückten Zwergpalme steht noch eine Bank.“

„Danke, Captain.“ Die Frau erwiderte sein Lächeln und zeigte dabei eines ihrer allzu gebräunten Beine durch den übertrieben langen Schlitz ihres Kleides.

Phoebe sah den beiden nach. Dann wandte sie sich wieder Kyle zu. „Sie leugnen nicht, Bianca zu kennen?“

„Das Ganze wird langsam komisch.“ Er kratzte sich am Nacken. „Sie sollten zum Punkt kommen … Wie war noch gleich Ihr Name?“

„Phoebe …“ Sie hielt inne, als ein Kellner in die Laube kam, wie angewurzelt stehen blieb und dann sofort kehrtmachte. Offenbar hatte er sich für ein paar Minuten verdrücken wollen.

Phoebe schob Nina, die von Minute zu Minute schwerer wurde, höher gegen ihre Schulter. Beim friedlichen Anblick der schlafenden Kleinen und dem frischen Duft nach Babyshampoo wurde ihr warm ums Herz, und sie erinnerte sich daran, wie wichtig dieses Treffen für ihrer beider Zukunft war.

„Ich heiße Phoebe Slater. Bianca und ich kennen uns seit dem Studium.“

Auch wenn wir uns in den vergangenen zwei Monaten aus den Augen verloren haben … Phoebe konnte immer noch kaum glauben, dass Bianca ihre kleine Tochter einfach abgegeben hatte und sich nicht mehr kümmern wollte.

„Nett, Sie kennenzulernen, Phoebe.“ Kyle zog eine Augenbraue hoch, um anzudeuten, dass seine Geduld gleich zu Ende war.

Die Zeit war um. Es würde nie den perfekten Zeitpunkt für diese Art von Enthüllung geben. Phoebe bezwang ihren Impuls, das Baby fester an sich zu drücken und davonzulaufen. Nina war nicht ihr Kind, aber sie liebte sie so sehr, als wäre sie ihre eigene Tochter. Tatsächlich war Nina ihre einzige Chance, Mutter zu sein – wie zeitlich begrenzt auch immer. Als ihr über alles geliebter Mann starb, hatte sie all ihre Hoffnungen auf eine eigene Familie mit ihm begraben.

Keine noch so blauen Augen würden sie davon ablenken, Nina zu beschützen, keine noch so großen sozialen Unterschiede von ihrem Vorhaben abbringen. Sie würde alles tun, alles, um Ninas Zukunft zu sichern.

Phoebe straffte die Schultern, fest entschlossen, ihren Plan in die Tat umzusetzen, auch wenn das bedeutete, einen Pakt mit einem blauäugigen Teufel zu schließen. „Darf ich Ihnen Nina vorstellen, Ihre Tochter?“

Verdammt.

Noch eine Frau, die es auf sein Geld abgesehen hatte.

Den Partylärm in den Ohren, der ihm laut wie der Motorenlärm von Düsenjägern vorkam, wippte Kyle auf seinen auf Hochglanz polierten Uniformschuhen hin und her. Während seiner Zeit bei der Air Force hatte er beim Nachrichtendienst gearbeitet, aber seine besonderen Kenntnisse brauchte er absolut nicht, um zu erkennen, dass mit dieser Frau etwas absolut nicht stimmte.

In dem Moment, in dem er Phoebe Slater sich am Sicherheitsdienst hatte vorbeischleichen sehen, war er von ihrer Ausstrahlung hingerissen gewesen. Noch immer konnte er den Blick nicht von ihrem strohblonden Haar wenden, das sie mit einer Spange zurückgenommen hatte. Und erst recht nicht von ihrem Mund, der keinen Lippenstift brauchte, um unglaublich sexy auszusehen.

Das Kind hatte Kyle einen Augenblick lang abgelenkt, aber dann hatte seine Aufmerksamkeit wieder ganz der durch und durch sinnlichen Frau gegolten.

Anfangs hatte er sie als den bodenständigen Typ Frau mit natürlicher Ausstrahlung eingestuft, eine einfache, aber faszinierende Frau. Sie war wohl doch nicht so einfach, wie es schien.

Vielleicht war sie ja nicht geldgierig. Vielleicht war sie bloß psychisch gestört.

Kyle war froh, einen nur halb privaten Ort für das Gespräch ausgewählt zu haben und keinen völlig abgeschirmten. „Ma’am, ich bin sicher, wir sind uns bis jetzt nie begegnet, und ich bin mir noch sicherer, dass wir nie miteinander geschlafen haben.“ Er hätte sich ganz bestimmt an sie erinnert. „So niedlich Ihre Kleine auch ist, sie ist nicht von mir.“

Phoebe Slater wurde unverkennbar ärgerlich, denn ihre schokoladenbraunen Augen verdunkelten sich. „Sie ist nicht meine Tochter. Ich kümmere mich nur um sie, während ihre Mutter – Bianca Thompson – zum Vorsprechen in Südflorida ist. Bianca und ich waren auf der gleichen Uni, ehe sie Schauspielerin wurde und ich Professorin für Geschichte. Aber das alles tut nichts zur Sache.“ Sie schluckte. „Ich bin hergekommen, weil Nina ihren Vater braucht. Sie ist jetzt fünf Monate alt.“

Kyle wurde blass.

Er hatte mit Bianca Thompson geschlafen, aber er hatte sich geschützt – wie er das immer tat. Sie hatten sich nicht besonders gut gekannt. Es war für beide eher eine spontane Affäre gewesen, vor über einem Jahr, ehe er für ein Jahr zu einem Einsatz nach Afghanistan aufgebrochen war.

Also konnte es rein rechnerisch stimmen.

Kyles Blick flog zu der Kleinen, die ihn mit hellblauen Augen verschlafen anblinzelte. Es waren die gleichen Augen wie die seiner Mutter, seiner Brüder …

Verdammt. Viele Leute hatten blaue Augen, und viele Leute wussten, wie seine Familie aussah. Und genau diese Leute hatten bestimmt auch von dem beträchtlichen Anlagevermögen der Familie Landis gehört. Gegen seinen jüngsten Bruder hatte sogar eine Frau, die ihm tatsächlich etwas bedeutet hatte, eine falsche Vaterschaftsklage erhoben.

Kyle unterdrückte einen Fluch. Er musste dieses Gespräch jetzt beenden, es erst fortsetzen, wenn er nähere Informationen über diese Frau zur Verfügung hatte. Und dann vorzugsweise an einem Ort, an dem er sich nicht sorgen musste, dass jedermann von der Presse bis zum Gouverneur von South Carolina mithören könnte.

„Ma’am …“

„Slater. Ich heiße Phoebe Slater.“ Sie beruhigte das Baby mit kleinen Kreisen zwischen den Schulterblättern und wiegte sich dabei sanft hin und her wie eine professionelle Kinderfrau.

Beeindruckend. Von seinem Bruder und seiner Schwägerin wusste er, wie anstrengend es war, eine kleine Krabbe in diesem Alter zu beruhigen.

„Okay, Ms. Slater, lassen Sie uns einen Termin für dieses Gespräch vereinbaren, wenn wir nicht gegen eine Band anreden müssen und sicher sein können, nicht unterbrochen zu werden …“

„Und das ist Nina.“ Sie drehte sich etwas zur Seite, damit das pausbäckige Gesichtchen des Babys ganz zu sehen war.

Niedliches Kind. Aber das war nicht von Bedeutung. „Ich glaube nicht, dass jetzt …“

„Ihre Mutter ist Bianca Thompson.“

Das hatte sie bereits gesagt, aber es noch einmal zu hören, veranlasste ihn, das Baby genauer zu betrachten. Die Kleine hatte nicht Biancas rotes Haar, sondern dunkelbraunes. Wie er. „Wo ist Bianca? Warum unterhalte ich mich mit Ihnen statt mit ihr?“

Seine Zweifel verstärkten sich, während er versuchte, die einzelnen Puzzleteile zusammenzufügen, ehe die ganze Geschichte in aller Öffentlichkeit hochging.

Kyles Mutter hatte große Anstrengungen unternommen, um diesen Empfang anlässlich seiner Rückkehr zu organisieren. Es bedeutete ihr sehr viel, da auch das Ende seines Militärdienstes gefeiert wurde. In zwei Wochen würde er eine neue Karriere einschlagen und als Vorstand die internationalen Interessen der Landis-Stiftung wahrnehmen.

Kyle wollte seine Familie nicht unnötig durch einen Skandal in Aufregung versetzen. Familie bedeutete ihm alles.

Voller Unbehagen betrachtete er erneut das Baby, das wirklich verdammt niedlich aussah in seinem rosa Kleidchen.

„Ich sollte mich um Nina kümmern, bis Bianca sich an ihrem neuen Wohnort in Südflorida eingelebt hat. Dann wurden aus ein paar Wochen Monate. Als sie nicht mehr anrief, machte ich mir Sorgen und verständigte die Polizei, um eine Vermisstenanzeige aufzugeben. Das rief dann die Jugendfürsorge auf den Plan, und wenn ich nicht bald eine Lösung finde …“

Phoebes Stimme zitterte leicht, ehe sie in normalem Ton weiterredete. „… dann werden sie Nina zu Pflegeeltern geben.“

Kyle war sich nicht mehr sicher, worauf Phoebe hinaus wollte. Aber um ehrlich zu sein, war selbst eine Unterhaltung mit einer Frau, die nicht alle Tassen im Schrank hatte, interessanter als der Small Talk mit Leuten, die heute Abend in erster Linie wegen des kostenlosen Essens hier waren und wegen der Chance, mit Politikern in Berührung zu kommen. Phoebe Slater war alles andere als langweilig.

„Sie wollen also, dass ich dieses Kind aufnehme, ohne einen Beweis zu haben, wer Sie sind oder wer diese Kleine ist.“

„Hören Sie mich zu Ende an.“ Das Braun ihrer Augen wurde dunkler, und ihre Panik war ihr deutlich anzumerken.

Kyles Instinkt schlug Alarm. Falls diese Frau eine Betrügerin war – oder eine Verrückte –, dann könnte die Kleine in Gefahr sein. Das änderte die Dinge vollkommen. „Vielleicht sollte ich das Baby doch einmal halten, während wir einige Details überprüfen.“

„Sie glauben mir nicht, stimmt’s? Einen Moment, cleverer Mann.“

Phoebe umfasste das schlafende Baby fester und beugte sich dann vor, um in ihrer großen Tasche, die sie auf der Bank abgestellt hatte, herumzusuchen.

Gütiger Himmel, er hätte seine ganze militärische Ausrüstung in diesem Beutel unterbringen können.

Kyle ließ den Blick über die Hüfte und den süßen Po der Fremden gleiten, während sie Windeln und eine Flasche beiseiteschob. War sie wirklich Professorin an einer Uni? Er hatte mit Sicherheit nie Professoren gehabt, die aussahen wie sie.

Was für eine Verschwendung, dass diese unglaublich sinnliche Ausstrahlung von einer Frau ausging, der er sich nicht nähern konnte.

Phoebe richtete sich auf und wandte sich ihm erneut zu.

„Okay, Captain Landis, ich dachte mir schon, dass Sie Beweise verlangen würden. Und die sollen Sie haben.“ Sie nahm einen schmalen Ordner mit Unterlagen aus der Tasche. „Hier habe ich Ninas Geburtsurkunde, Fotos und einen notariell beglaubigten Brief von Bianca, dass ich das Baby betreue und ärztliche Hilfe für sie bekommen kann, falls nötig. Ich habe sogar eine Kopie meines Führerscheins beigefügt.“

Kyle schlug den Ordner auf. Dabei stellte er sich so hin, dass niemand, der vorbeiging, ihm über die Schulter schauen und womöglich die Unterlagen einsehen konnte. Er überflog die erste Seite mit Bildern von Bianca Thompson, die ein Baby mit großen blauen Augen im Arm hielt.

Kyle schluckte. Er blätterte zur nächsten Seite und las die Geburtsurkunde durch …

Unter „Vater“ stand sein Name.

Er atmete tief durch. Wahr oder nicht, er brauchte einen Moment, um zu verarbeiten, dass sein Namen in einer Geburtsurkunde als Vater eingetragen war. Nicht, dass er etwas gegen Kinder gehabt hätte – er mochte seinen Neffen sehr. Er hatte allerdings vorgehabt, den Fortbestand des Namens Landis seinen Brüdern zu überlassen.

Als Letztes fand er eine Kopie von Phoebe Slaters Führerschein in der Akte. Das Foto war wenig schmeichelhaft, um es gelinde auszudrücken. Sie riss die Augen auf wie ein Reh im Scheinwerferlicht und lächelte nicht, aber sie war es ohne Zweifel.

Aber all diese Unterlagen an sich bewiesen gar nichts. Warum zum Teufel hatte Bianca ihn nicht benachrichtigt? Sie hatte diverse Telefonnummern, unter denen sie ihn hätte erreichen können. Er mochte ja im Ausland gewesen sein, aber seine gesamte Familie hatte sich die ganze Zeit auf amerikanischem Boden befunden.

Je mehr er darüber nachdachte, desto weniger ergab das alles einen Sinn. Falls das kleine Mädchen seine Tochter war, dann würde er sich dazu bekennen und die Verantwortung übernehmen. Davor drückte ein Landis sich nicht. Aber auch zum Schutz des Kindes musste er weitere Nachforschungen zu dieser Behauptung anstellen – und zu dieser Frau.

Kyle klappte die Akte zu und klemmte sie sich unter den Arm. „Ich werde etwas Zeit brauchen, um die Dinge zu klären. Ich kann nicht einfach ein Kind mit nach Hause nehmen, weil Sie behaupten …“

Phoebe lachte auf und strich sich eine lose Strähne ihres blonden Haares aus dem Gesicht hinters Ohr. „Nein, Sie haben mich vollkommen falsch verstanden. Ich möchte nicht, dass Sie sie zu sich nehmen. Bianca hat mir klar und deutlich zu verstehen gegeben, dass Sie nicht daran interessiert sind, sesshaft zu werden. Und ehrlich, ich liebe dieses kleine Mädchen sehr.“ Mit unverkennbarer mütterlicher Zuneigung schmiegte sie die Wange gegen das Köpfchen des Babys. „Ich möchte ihre Mutter sein. Ich möchte sie adoptieren.“

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Ein Millionär zum Heiraten?" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen