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Ein Millionär und Verführer

Leanne Banks

Ein Millionär und Verführer

1. KAPITEL

Galant fing Leonardo Grant die junge Frau auf, die ihm in die Arme stolperte. Er nahm gerade noch ihre verführerischen Kurven und den Duft ihres weichen, blonden Haars wahr, bevor er etwas Kaltes seine Brust hinablaufen spürte.

„Oh nein!“ Auf dem Gesicht der jungen Frau spiegelte sich blankes Entsetzen wider, während ihr Blick zwischen seinem nassen Hemd und ihrem nun leeren Glas hin und her ging. „Es tut mir so schrecklich leid!“, fuhr sie zerknirscht fort. „Normalerweise bin ich nicht so tollpatschig. Warten Sie, ich hole Ihnen eine Serviette.“

Trotz ihres kleinen Malheurs strahlte die Frau Klasse und Stil aus. Überraschend war das nicht, immerhin besuchte sie eine der exklusivsten Wohltätigkeitsveranstaltungen Philadelphias. Leo fragte sich, mit wem sie wohl hier war. Eine so schöne Frau konnte doch unmöglich allein gekommen sein! „Aber nicht doch“, erwiderte er beruhigend. „Ich kümmere mich selbst darum.“

„Es tut mir so leid“, wiederholte sie, eilte auf eine Kellnerin zu und kam einen Augenblick später mit einem kleinen Stapel Servietten zurück.

Bezaubert von ihrer Verlegenheit, ließ sich Leo von ihr abtupfen, während er sie ausgiebig von Kopf bis Fuß musterte. Seidiges, schulterlanges Haar umrahmte ein ovales Gesicht mit großen grünen Augen, einer kleinen Nase und sinnlichen Lippen. Sie hatte eine schlanke, aber sinnliche Figur. Ihre festen Arme verrieten, dass sie trainierte, und ihr trägerloses Kleid enthüllte den Ansatz ihrer Brüste und betonte ihre schmale Taille. Weil es lang geschlitzt war, konnte Leo einen Blick auf ihre wohlgeformten Beine erhaschen.

Stirnrunzelnd begutachtete sie das Ergebnis ihrer Bemühungen. „Vielleicht kann ich ja irgendwo ein neues Hemd für Sie auftreiben“, murmelte sie.

Leo musste das Lachen unterdrücken. Sich ein neues Hemd bringen zu lassen würde ihn einen Anruf und fünf Minuten kosten. Aber im Augenblick interessierte seine neue Bekanntschaft ihn wesentlich mehr als der Zustand seines Anzugs. „Ich werde es überleben. Darf ich Ihnen einen neuen Drink bringen?“

„Ich weiß ja nicht“, sagte sie zweifelnd. „Vielleicht war das gerade ein Zeichen dafür, dass ich heute Abend nichts mehr trinken sollte. Es war zwar mein erster Margarita, aber anscheinend war auch das schon einer zu viel.“

Er zuckte die Schultern. „Einer ist keiner.“ Dann reichte er ihr die Hand. „Leo Grant.“

„Calista“, erwiderte sie und legte ihre weiche, gepflegte Hand in seine. „Calista French. Danke, dass Sie so verständnisvoll sind. Es tut mir wirklich sehr leid.“

Ihr Nachname kam ihm bekannt vor. Leo durchforstete sein Gedächtnis nach weiteren Informationen. Im Laufe der Jahre waren da so viele Namen gewesen, Namen von Menschen, die sein Adoptivvater über den Tisch gezogen und ausgenutzt hatte. Doch nachdem Leo diesem Leben entkommen war, hatte er versucht, sie alle zu vergessen. Schnell verdrängte er den Gedanken daran. „Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, immerhin haben Sie mich gerade vorm Sterben aus Langeweile gerettet.“

Sie zwinkerte ihm zu und lächelte. „Sie wirken nicht gerade wie jemand, der Langeweile erträgt.“

Ihre Augen glitzerten verheißungsvoll, was Leo nicht entging. „Da haben Sie recht“, antwortete er. „Um ehrlich zu sein, wollte ich gerade gehen.“

„Haben Sie ein Glück“, flüsterte sie ihm verschwörerisch zu. „Ich gehöre zum Komitee, das diesen Abend organisiert hat, deshalb muss ich noch eine ganze Weile bleiben. Offen gesagt halte ich nur durch, weil ich wirklich an das glaube, was wir hier tun. Dieses Jahr unterstützen wir missbrauchte Kinder. Neben dem finanziellen Aspekt versuchen wir auch, ein Mentorenprogramm aufzubauen.“

„Sind Sie auch Mentorin?“ Ihn überraschte, dass eine attraktive Frau von ihrem Format bereit war, ihre Freizeit für bedürftige Kinder zu opfern.

„Natürlich“, erwiderte sie und warf ihm einen herausfordernden Blick zu. „Sie etwa nicht?“

„Es ist nie zu spät“, antwortete er. „Vielleicht haben Sie ja Lust, mir bei einem Abendessen mehr über Ihr Programm zu verraten?“ Er zog eine Karte aus seiner Hosentasche und reichte sie ihr.

Calista biss sich auf die Lippe und musterte ihn fragend. „Unsere Vorsitzende könnte Sie anrufen. Sie versteht mehr von dem Ganzen als ich.“

„Lassen Sie mich etwa gerade abblitzen?“ Er zog die Augenbrauen hoch und lächelte amüsiert.

Räuspernd straffte sie die Schultern. „Mir ist beigebracht worden, dass eine Dame niemals gleich die erste Einladung annimmt. Besonders nicht, wenn sie gerade einen Margarita über den entsprechenden Mann gekippt hat.“ In charmantem Ton fügte sie hinzu: „Ich sollte jetzt wirklich gehen. Es war mir ein Vergnügen, Sie kennenzulernen.“

Mit diesen Worten drehte sie sich um und ließ Leo einfach stehen. Noch immer amüsiert sah er ihr nach und beobachtete, wie sie mit wiegendem Gang im Gedränge verschwand. Sie erwartete Hartnäckigkeit? Für Leo gab es kaum eine einfachere Übung. Calistas Telefonnummer herauszufinden würde ein Kinderspiel sein.

Entschlossen zog er sein Handy aus seiner Tasche und sendete eine Anfrage an seinen Assistenten. Calista French machte ihn neugierig. Wenn es um Frauen ging, bekam Leo immer, was er wollte. Leider Gottes redeten sie ihm allesamt nach dem Mund, sobald sie herausgefunden hatten, wie reich er war – und genau das langweilte ihn maßlos. Aber Calista schien anders zu sein. Ihre funkelnden Augen, ihre herausfordernde Art und ihr helles Lachen reizten ihn.

So viel, wie er in den letzten Monaten gearbeitet hatte, konnte er eine Ablenkung jetzt gut gebrauchen. Außerdem roch seine neue Bekanntschaft förmlich nach Wohlstand, Bildung und altem Geld. Kurzum: Sie war die Verkörperung der Tochter aus gutem Hause. Und wenn es irgendetwas gab, das Leo in seinem Leben fehlte, dann war es eine Frau, die ihn von der Schande seiner Vergangenheit befreien konnte.

Calistas Puls raste, während sie sich von Leo Grant entfernte. So war er also – einer der reichsten Männer des Landes.

Dankend nahm sie eine Flasche Wasser von einem der Kellner entgegen und blieb schwer atmend am anderen Ende des Festsaals stehen. Sie trank so gut wie nie Alkohol, denn seit dem Tod ihres Vaters war sie diejenige, die ihre Familie zusammenhielt. Und dafür waren Kontrolle und Selbstbeherrschung unabdinglich.

Schon bald würde sie herausfinden, ob Leo Grant ihr auf den Leim gegangen war. Er war ein Mann, der Herausforderungen liebte. Und in den letzten zwei Monaten hatte sie mithilfe eines Privatdetektivs Schritt für Schritt geplant, wie sie ihn auf sich aufmerksam machen konnte. Zu ihrer Überraschung sah er in natura noch viel besser aus als auf den wenigen Schnappschüssen, die sie in der Zeitung gefunden hatte. Er war groß, hatte dunkles Haar und genauso dunkle Augen, die ihm etwas Gefährliches, etwas Wildes verliehen.

Sie wusste, dass er für die zahlreichen wohltätigen Organisationen der Stadt eine zentrale Rolle spielte. Vermutlich war das seine Art, wiedergutzumachen, was sein Vater angerichtet hatte. Nur eine Handvoll Menschen wusste, dass er der Sohn des kürzlich verstorbenen Clyde Hawkins war – des Mannes, der Calistas Vater ruiniert hatte. Und auch wenn Leo Grant noch nichts davon wusste: In naher Zukunft würde er ihr dabei helfen, ihrer Familie etwas von ihrem einstigen Wohlstand zurückzugeben.

Wie jedes Wochenende fuhr Calista am Sonntagnachmittag die Einfahrt zum Vorstadthaus ihrer Cousine Sharon hinauf und parkte ihren acht Jahre alten, aber gepflegten BMW neben der Garage. Die zweistündige Fahrt nahm Calista gern in Kauf, um ihre Zwillingsschwestern zu besuchen. Nur weil Philadelphia weit genug entfernt lag, waren sie von den schlimmsten Auswirkungen des Skandals verschont geblieben, der ihre Familie einst fast zerstört hätte.

Beim Gedanken an ihre Cousine musste Calista lächeln. Auch wenn Sharon und ihr Mann Walter einen leiblichen Sohn hatten, behandelten sie die Zwillinge immer wie eigene Kinder. Calista stieg aus dem Wagen, lief die Treppe zu dem kleinen Cottage hinauf und klopfte. „Hallo? Ist jemand zu Hause?“

Schon hörte sie freudiges Kreischen und das Getrappel von mehreren Paar Füßen. Im nächsten Moment flog die Tür auf, und ihre Schwester Tina und Sharons Sohn Justin betraten die Veranda. Kurz rangelten sie darum, wer Calista zuerst begrüßen durfte, bevor Tina gewann und ihre Schwester fest umarmte. Der fünfzehnjährige Justin verzog das Gesicht.

Nun erschien Tami, ihre zweite Schwester, im Türrahmen. Wie immer setzte sie eine gelangweilte Miene auf und musterte die Szene, als läge eine herzliche Begrüßung weit unter dem Niveau einer Siebzehnjährigen. Gähnend wartete Tami ab, bis sich die anderen beruhigt hatten. Dann umarmte sie Calista kurz und sagte: „Cal, können wir nachher zur Maniküre fahren? Meine Hände sehen grauenhaft aus.“

„Aber ich will Gokart fahren gehen“, protestierte Tina.

„Ganz meine Meinung“, schloss sich Justin an. „Damit sind wir die Mehrheit.“

Tami verdrehte die Augen. „Immer kriegt Tina, was sie will. Ich setze mich an den Rand und schaue zu.“

„Wir könnten doch beides machen“, schlug Calista vor. „Erst Gokart fahren, dann ein Zwischenstopp bei der Kosmetikerin.“

„Lässt du mich unterwegs bei der Eisdiele raus?“, fragte Justin, den die Vorstellung, zwei Stunden in einem Beauty-Salon zu verschwenden, nicht unbedingt zu freuen schien. „Sie liegt auf dem Weg!“

Jetzt trat Sharon an die Tür. „Cal, wie schön, dass du da bist!“

Calista schloss ihre Cousine lächelnd in die Arme. „Ich hatte kaum Zeit zu klopfen“, erwiderte sie und warf einen Blick auf Justin und Tina.

Sharon verwuschelte ihrem Sohn das Haar. „Kein Wunder, sie freuen sich schon den ganzen Tag auf dich. Und, was macht ihr heute?“

„So wie es aussieht, eine Runde Gokart und dann ein Besuch bei der Kosmetikerin“, erwiderte Calista.

„Was für ein Programm“, sagte Sharon lachend. „Kann ich kurz mit dir reden, bevor ihr geht?“

„Na klar.“ Calista ging mit ihrer Cousine ins Haus und folgte ihr auf die hintere Veranda, wo zwei Gläser und eine Karaffe Eistee bereitstanden.

Nachdem sie sich gesetzt hatten, fragte Calista: „Und? Was ist los?“

„Es geht um Tami“, sagte Sharon ruhig. „Ich habe sie schon wieder beim Rauchen erwischt. Und um ehrlich zu sein, gefällt mir nicht, mit welchen Freunden sie sich umgibt. Gestern Nacht ist sie viel zu spät nach Hause gekommen, und ich befürchte, dass sie getrunken hat.“

Calista wurde flau im Magen. Es war ihr so wichtig, dass ihre Schwestern in einem stabilen, liebevollen Heim aufwuchsen, bevor sie aufs College gingen. Da Sharon Hausfrau war und ihr Mann nicht sehr viel verdiente, überwies Calista ihnen seit ihrem Studienabschluss den Großteil ihres Einkommens, um die Ausgaben für die Zwillinge zu decken.

Bald würden ihre Schwestern die Schule beenden. Und Calista bestand darauf, dass sie sich ohne Rücksicht auf die Kosten an jedem College bewarben, das ihnen gefiel. Doch leicht würde es nicht werden – gerade durch Tamis Asthma. Die Behandlung hatte trotz Krankenversicherung Unsummen verschlungen, und Calistas Erspartes war immer weiter geschrumpft.

„Ich werde mit ihr reden“, bot Calista an. „Vielleicht hört sie ja auf mich.“

Sharon blickte nachdenklich in den Garten. „Du weißt, dass Walter und ich die Zwillinge lieben, als wären sie unsere eigenen Kinder. Manchmal wünschte ich, wir hätten genug Geld, um ihnen all ihre Träume erfüllen zu können.“ Sie seufzte tief. „Tja, ich wusste ja, worauf ich mich einlasse, als ich einen Schreiner geheiratet habe.“

Calista ergriff ihre Hand. „Was bedeutet Geld schon, wenn man nicht geliebt wird? Walter und du, ihr seid so glücklich miteinander. Für die Kinder ist ein liebevolles Umfeld doch viel wichtiger als Luxus.“ Liebe war etwas, das in Calistas Leben keinen Platz hatte – natürlich abgesehen von den wenigen Familienmitgliedern, die sie noch hatte. Aber was Männer betraf … Sie würde niemandem genug vertrauen, um sich auf eine ernsthafte Beziehung einzulassen. Immerhin hatte das Schicksal ihrer Mutter sie gelehrt, was passierte, wenn man auf einen Mann zählte.

„Apropos Liebe“, meinte Sharon plötzlich. „Ich kann einfach nicht glauben, dass du immer noch Single bist!“

Calista warf ihr ein vielsagendes Lächeln zu. „Könnte sein, dass ich da kürzlich jemanden kennengelernt habe“, erwiderte sie vage. „Mal sehen, was die Zukunft bringt.“

„Komm schon, raus mit der Sprache!“, fragte Sharon aufgeregt nach. „Wie ist er so? Ist er nett? Hat er Sinn für Humor? Sieht er gut aus?“

Dass ihre Cousine diese Kriterien nannte, brachte Calista zum Lachen. Wohlstand war für Sharon einfach nicht entscheidend. „Ich möchte noch nicht zu viel verraten. Am Ende wird ja vielleicht gar nichts daraus.“

Mehrere Stunden, ein Gokart-Rennen, einen Besuch im Schönheitssalon und ein paar Kugeln Eis später lieferte Calista die Kinder wieder zu Hause ab. Sie bat Tami, noch einen Augenblick mit ihr auf der Veranda zu bleiben, damit sie sich ungestört unterhalten konnten.

„Aber Graham wollte gleich anrufen“, erwiderte Tami und machte einen Schmollmund. „Wir sind doch gerade erst zusammengekommen.“

„Du kannst mit ihm sprechen, wenn ich weg bin“, sagte Calista bestimmt.

„Wenn Sharon mich überhaupt lässt.“ Tami strich sich trotzig die Ponyfransen aus der Stirn. „Jetzt mal ehrlich, ich werde in ein paar Monaten achtzehn, und sie behandelt mich immer noch, als wäre ich ein Baby.“

Angesichts dieser himmelschreienden Übertreibung warf Calista ihr einen tadelnden Blick zu, dem Tami rebellisch standhielt. „Bald ist August, und dann wirst du aufs College gehen.“

„Das Licht am Ende eines langen, dunklen Tunnels“, murmelte Tami.

„Ich erinnere dich ja nur ungern daran, aber auf dem College musst du mehr für deine Noten tun als bisher“, warf Calista ein, dann wechselte sie das Thema. „Wie läuft es bei dir in letzter Zeit?“

Tami warf ihr einen misstrauischen Blick zu. „Sharon hat gepetzt, oder?“

„Was soll sie denn gepetzt haben?“

Seufzend sah ihre Schwester zu Boden. „Dass ich geraucht habe. Ich habe sie angefleht, dir nichts zu sagen.“

„Und warum?“ Calista war betroffen. „Ich dachte, dass wir uns nahe genug stehen, um ehrlich zueinander zu sein.“

„Das tun wir doch auch“, erwiderte Tami. „Aber ich wollte nicht, dass du sauer wirst.“

„Ich bin nicht sauer, ich mache mir Sorgen. Du hast Asthma, und Rauchen ist wirklich ungesund für dich.“ Calista zog ihre kleine Schwester in ihre Arme. „Ich will doch nur, dass du gesund und glücklich bist.“

„Es war doch nur ein Mal“, flüsterte Tami und schloss die Augen. „In letzter Zeit muss ich ständig an Mom denken. Ich wünschte so sehr, dass sie noch leben würde.“

„Ich auch“, erwiderte Calista leise, trat einen Schritt zurück und sah ihrer Schwester in die Augen. „Aber immerhin haben wir noch einander. Vergiss das niemals, und wenn du mich brauchst, ruf mich einfach an! Egal wann, egal warum, ich bin für dich da. Versprochen?“

„Versprochen“, murmelte Tami. „In zwei Wochen ist Abschlussball. Gehen wir nächsten Samstag Kleider kaufen? Ich brauche dringend ein bisschen Beratung.“

„Aber natürlich!“ Calista lächelte.

Während der Fahrt zurück nach Philadelphia dachte sie weiter über ihre Schwestern nach. Tami und Tina hätten nicht unterschiedlicher sein können. Tina konzentrierte sich vor allem auf die Schule und auf ihre sportlichen Aktivitäten, während Tami ihr Glück in Freundschaften suchte und sich leicht vom Lernen ablenken ließ. Aber sie waren beide sehr intelligent und hatten Zusagen von ihren Wunsch-Colleges bekommen. Jetzt kam es nur noch darauf an, dass Calista das nötige Geld dafür aufbrachte.

Bereits zum dritten Mal an diesem Tag ging Leo die Unterlagen über Calista French durch, die sein Privatdetektiv ihm zugeschickt hatte. Sie hatte ihm nichts als die Wahrheit erzählt. Sie war tatsächlich ein wichtiges Mitglied der wohltätigen Organisation, die das Fest organisiert hatte. Außerdem hatte sie an einer der besten Universitäten des Landes studiert und arbeitete seit einigen Jahren bei einer Versicherungsgesellschaft. Ihre Eltern waren tot, ihre Schwestern lebten außerhalb von Philadelphia bei einer Cousine von Calista.

Abgesehen davon, dass ihr Vater die Familie in den Ruin getrieben hatte und danach verstorben war, hatte Calistas einen absolut makellosen Lebenslauf.

Leo konnte sich vage daran erinnern, dass Clyde einst einen Mann mit dem Nachnamen French betrogen hatte.

Noch eine Leiche im Keller, dachte er grimmig. Dann warf er einen Blick auf das Foto von Calista und erinnerte sich an ihr strahlendes Lächeln und ihr ansteckendes Lachen. Verdammt, sie machte ihn einfach neugierig! Es mochte unklug sein, einer Frau nachzulaufen, die sein Vormund indirekt ruiniert hatte, aber Leo hatte es satt, sich von seiner Vergangenheit beeinträchtigen zu lassen. Kurz entschlossen zog er sein Handy aus der Tasche und wählte Calistas Nummer.

„Calista French am Apparat.“ Ihre Stimme klang weich und warm.

„Hallo, hier ist Leo Grant. Sie meinten doch, dass Sie nie die erste Einladung annehmen. Da dachte ich, ich versuche es mit einer zweiten.“

Er hörte sie überrascht einatmen. „Was für eine Überraschung, Mr. Grant! Woher haben Sie meine Nummer?“

„Ich habe meine Mittel und Wege. Stört Sie das?“

Sie zögerte einen Augenblick, was ihn merkwürdig nervös machte. „Nein, eigentlich nicht.“

Leo lächelte erleichtert. Kaum zu fassen, was diese Frau in ihm auslöste. Für einen Moment hatte er sich gefühlt, als wäre er erst fünfzehn. „Gut, dann treffen wir uns heute Abend um sieben im ‚Antoine’s‘. Ich schicke Ihnen einen Fahrer.“

„Tut mir leid, aber heute kann ich nicht.“

Irritiert hielt Leo inne. Hatte sie ihm gerade tatsächlich eine Abfuhr erteilt?! „Und wie sieht es morgen aus?“

„Morgen wäre toll“, erwiderte sie. „Aber bitte schicken Sie mir keinen Wagen. Ich möchte selbst fahren.“

Calista legte auf und atmete tief durch. Phase zwei des Plans war eingeleitet.

Am nächsten Abend wäre sie wegen eines spontanen Meetings fast zu spät gekommen. Erst nach sieben Uhr betrat sie das „Antoine’s“ und dankte ihrer Mutter gedanklich für all die Jahre, die sie in der Benimm-Schule verbracht hatte, wo sie gelernt hatte, auch unter den widrigsten Umständen die Fassung zu wahren.

Ein Oberkellner führte sie zu Leo an die Bar. Als Calista seinem Blick begegnete, verspürte sie ein Kribbeln im Magen. Ganz ohne Frage sah Leo einfach umwerfend aus, aber was sie wirklich nervös machte, war die Art, auf die er sie ansah. In seinem Blick lagen Stärke und Selbstvertrauen, eine Männlichkeit, die sie magisch anzog. Und das, obwohl sie Leo aus tiefster Seele dafür hasste, was er ihrer Familie angetan hatte!

Lächelnd ging Calista auf ihn zu. „Guten Abend, Mr. Grant.“

„Sagen Sie Leo, bitte. Haben Sie Hunger?“, fragte er, während der Kellner sie an einen Tisch am Fenster brachte.

„Sobald ich erst mal sitze und richtig angekommen bin, bestimmt.“

„Hatten Sie einen anstrengenden Tag?“

Sie nickte. „Wie immer gab es wieder kleine und große Katastrophen kurz vor Feierabend. Und wie war Ihr Tag?“

„Oh, ich habe mit einer Firma in China verhandelt. Es geht um eine Menge Geld, damit werden wir sicher noch eine ganze Weile beschäftigt sein. Möchten Sie etwas trinken? Eigentlich schulde ich Ihnen ja noch einen Margarita.“ Er zwinkerte ihr zu, und Calista merkte fast schon entsetzt, dass ihr die Knie weich wurden.

„Danke, aber ich denke, ein Glas Wein wäre jetzt genau das Richtige“, erwiderte sie schließlich. „In welcher Branche arbeiten Sie eigentlich?“ Natürlich wusste sie das schon längst, immerhin hatte sie viel Zeit damit verbracht, so viel wie möglich über ihn herauszufinden – inklusive seines Frauengeschmacks. Zu ihrem Glück bevorzugte er gebildete Blondinen aus gutem Haus.

„Verschiffung und Logistik.“

„Und da Sie von China sprachen, wohl international“, fügte Calista hinzu.

„Heutzutage ist das ein Muss.“ Er nickte. „Und Sie?“

„Ich arbeite in der Finanzbuchhaltung von Collier Associates. Nicht mein Traumberuf, aber ich habe einen tollen Chef und ein super Team.“

„Und was ist Ihr Traumberuf?“ Seine Stimme hatte plötzlich einen weichen Ton angenommen, bei dem ihr kleine Schauer über den Rücken liefen.

„Ich interessiere mich für Astronomie, aber mehr als ein Hobby wird daraus wohl nie werden.“

„Wie spannend! Und wie lange haben Sie den Kopf schon in den Sternen?“

Seine herausfordernde Frage brachte Calista zum Lachen. „Eigentlich schon solange ich denken kann. Als ich klein war, habe ich mir ein Teleskop gewünscht, und die Leidenschaft hat mich nie wieder losgelassen. Und Sie? Was war Ihr Kindheitstraum?“

„Ich hatte keinen, weil ich keine Kindheit hatte.“ Sein zynisches Lächeln erreichte seine Augen nicht.

Calista sah verwirrt zu ihm auf. „Jeder Mensch hat eine Kindheit.“

Doch Leo schüttelte den Kopf. „Mein Leben hat erst angefangen, als ich sechzehn war. Aber genug von meiner Vergangenheit. Ich wüsste gern mehr über Sie.“

Leo war viel charmanter, als sie angenommen hatte, obwohl sie im Grunde damit hätte rechnen müssen. Stand Charme auf der Liste der Jobanforderungen für Betrüger nicht ganz weit oben?

Kurz nachdem ihre Getränke serviert worden waren, trat ein Mann an ihren Tisch. Zu Calistas Überraschung wandte er sich aber nicht an Leo, sondern an sie.

„Calista French … Sie sind ja rasend schnell erwachsen geworden! Das letzte Mal, als ich Sie gesehen habe, waren Sie noch ein Teenager.“

Calista sah ihn prüfend an, konnte sich aber nicht an ihn erinnern. „Entschuldigen Sie bitte, aber wer sind Sie?“

Der Mann lachte, doch sein Blick blieb kühl. „William Barrett. Ich war einer der Geschäftspartner Ihres Vaters.“

Calista fühlte, wie ihr das Blut aus dem Kopf wich. William Barrett hatte ihren Vater damals verklagt und war nach dessen Tod auf ihre Mutter losgegangen. Sie warf ihm einen ausdruckslosen Blick zu und sagte: „Sie haben recht, ich war wirklich noch sehr jung. Nun, ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend.“

Barrett ignorierte ihren Versuch, ihn abzuwimmeln. „Das werde ich, das Restaurant ist ja wirklich ganz fantastisch. Aber sagen Sie, wie geht es Ihrer Mutter?“

Unter dem Tischtuch ballte Calista die Hände zu Fäusten. „Sie ist vor einigen Jahren verstorben.“

Barrett zog die Augenbrauen hoch. „Oh, das tut mir leid. Das mit Ihrem Vater wusste ich ja, aber …“

Zum Glück trat in diesem Moment der Oberkellner an seine Seite. „Sir, der Manager lässt Ihnen ausrichten, dass an Ihrem Tisch ein kleiner Gruß des Hauses auf Sie wartet.“

Bellend lachte Barrett auf. „Scheint heute ja mein Glückstag zu sein! Also, Calista, ich hoffe, wir sehen uns bald wieder.“

Calista erwiderte nichts, sondern griff nach ihrem Weinglas. Sie musste ihre volle Selbstbeherrschung aufbringen, um Barrett den Inhalt nicht über den Kopf zu schütten.

„Sie mögen ihn nicht, oder?“, fragte Leo, als sie wieder allein waren.

„War das so offensichtlich?“

„Sie sind kreidebleich geworden.“

„Er hat meine Familie sehr schlecht behandelt“, erwiderte sie kurz angebunden.

Leo beugte sich zu ihr herüber und flüsterte: „Soll ich den Kellner damit beauftragen, ihm das Essen zu versalzen?“

Calista musste lachen. „Ich bezweifle, dass das ‚Antoine’s‘ sich bei einem ...

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