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Ein Millionär – und Traumprinz?

Elizabeth Bevarly

Ein Millionär – und Traumprinz?

1. KAPITEL

Alles, wonach Violet Tandy sich sehnte, war ein echtes Zuhause. Ein eigenes Heim, und nicht eine der Aufbewahrungsanstalten, in denen sie als Kind hatte leben müssen. Ein Haus wie aus einem alten Film. Mit weißen Fenstersimsen, schwarzen Fensterläden und großen Walnussbäumen im Vorgarten. Es musste einen weißen Lattenzaun geben und eine umlaufende Veranda mit Schaukelstuhl, wo sie noch einmal alle Bücher lesen würde, die sie als junges Mädchen förmlich verschlungen hatte. „Jane Eyre“ und „Vom Winde verweht“, „Lassie“ und „Daddy Langbein“. Nur dass die Bücher ihr diesmal gehören würden und nicht wie damals aus der Bücherei stammen würden.

Im Garten würden Rosensträucher und Flieder ihren betörenden Duft verbreiten, Prunkwinde würde sich bis zum Schornstein hochranken, und am Geländer der Veranda wüchsen zarte, wohlriechende Glyzinien empor. Luftig gestrickte Pullover würden unter ihren Händen entstehen, und immer stünde ein leckerer selbst gemachter Kuchen auf dem Tisch. Leben und leben lassen wäre ihre Devise, und sie würde zufrieden sein mit ihrem Leben, auch wenn sie es mit niemandem teilen könnte.

Und niemals würde sie irgendjemandem etwas zuleide tun. Ein ruhiges, unspektakuläres Leben in einem gemütlichen, sauberen Haus, das ihr gehörte. Das war alles, was Violet Tandy sich wünschte.

Und deshalb hatte sie die Memoiren eines superscharfen Luxus-Callgirls geschrieben.

Natürlich war Violet kein Luxus-Callgirl, und auch keines der billigeren Sorte. Und die Memoiren waren keine Autobiografie, sondern frei erfunden. Sie hatte einen Roman geschrieben, der sich wie eine selbst erlebte Geschichte las. Ein Trend, den sie in den Buchhandlungen entdeckt hatte und der offenbar bei den Lesern unglaublich gut ankam. Die Lektorin bei Rockcastle-Books Gracie Ledbetter war von der Story hingerissen. Anfangs war es ihr schwer gefallen zu glauben, dass Violet tatsächlich einen Roman verfasst und nicht etwa ihre persönlichen Erlebnisse niedergeschrieben hatte. Als sie mit dem Vertragsangebot zu Violet gekommen war, hatte sie ihr gestanden, dass sie die Geschichte für absolut wahr gehalten hätte, hätte sie es nicht mittlerweile besser gewusst.

Und Tatsache war, dass Gracie beileibe nicht aufgehört hatte, von dem Roman zu sprechen, als handelte es sich um eine Autobiografie. Ganz so, als sei sie immer noch nicht wirklich überzeugt, dass das Buch reine Erfindung war. Selbst jetzt, ein Jahr nachdem Violet den Vertrag für das fertige Manuskript unterschrieben hatte und das Buch bereits seit ein paar Wochen in den Buchhandlungen lag, fragte Gracie immer noch Dinge wie: „Fühlt man sich in der Prinzessinnen-Suite im ‚Ambassador Hotel‘ in Chicago wirklich wie eine Prinzessin, wenn man im Bett liegt und das Deckengemälde mit dem Märchenschloss anschaut?“

Na ja, woher sollte Violet das wissen? Der einzige Grund, aus dem sie die Prinzessinnen-Suite im „Ambassador“ jemals betreten hatte, war, um sie zu putzen und das Bett frisch zu beziehen, denn sie war als Zimmermädchen angestellt gewesen. Wenn sie Gracie jedoch daran erinnerte, rief sie jedes Mal: „Oh, ja, richtig! Sie haben dort als Zimmermädchen gearbeitet, und nicht als … Sie wissen schon.“ Was sie sagte, klang allerdings nicht ganz aufrichtig, und das nervte Violet.

Einmal hatte Gracie auch gefragt, ob das Croque Monsieur mit Trüffelsauce bei „Chez Alain“ wirklich so satt mache, dass man drei Tage nichts mehr zu essen brauchte. Zumindest hatte das ein Restaurantkritiker behauptet.

Doch Violet hatte keine Ahnung, denn sie hatte das Croque Monsieur mit Trüffelsauce nur probiert. Bei „Chez Alain“ hatte sie als Bedienung gearbeitet, und dort bekamen alle Angestellten einen Bissen von neuen Kreationen – informationshalber. Geduldig hatte sie es Gracie erklärt, und diese hatte hektisch genickt, während sie erwiderte: „Oh, natürlich, Sie haben dort als Kellnerin gearbeitet, und nicht als … Sie wissen schon.“ Und auch dabei hatte sie nicht ganz überzeugt geklungen.

Egal. Violet sagte sich, dass Gracie wahrscheinlich einfach so hingerissen von dem Roman war, dass sie zwischen Wahrheit und Fiktion nicht mehr unterscheiden konnte. Wenn sie Glück hatte, reagierten die Leserinnen und Leser genauso und das Buch war im Nu unter den Top Ten der New-York-Times-Bestsellerliste. Bald würde es Dollars regnen, und Violet könnte sich endlich das kleine, gemütliche Haus in der Vorstadt von Chicago leisten, von dem sie immer geträumt hatte.

Der Vorschuss für den Roman war nicht besonders hoch gewesen, doch immerhin war die Cheflektorin von der überarbeiteten Version des Manuskripts so angetan gewesen, dass sie die Erstauflage erhöht und den Titel in „High Heels, Champagne and Sex – Oh, My!“ geändert hatte. Dann hatte sie Violet überredet, sich ein Pseudonym zuzulegen, das zu dem Buch passte. Raven French. Bei „French“ hatte Violet zunächst gezögert, doch schließlich war sie einverstanden gewesen. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen, denn schon nach der ersten Woche war „High Heels“ auf Platz neunundzwanzig der Bestsellerliste gelandet und sofort in die zweite Auflage gegangen. In der zweiten Woche war es vier Plätze nach oben geklettert, und jetzt stand es kurz davor, unter den ersten fünfzehn gelistet zu werden. Die dritte Auflage war unterwegs, und nun konnte der Siegeszug erst richtig beginnen.

Aus diesem Grund saß Violet Tandy alias Raven French jetzt in einer Buchhandlung auf der Michigan Avenue hinter einem Stapel ihrer Romane am Tisch. Vor ihr dicht besetzte Stuhlreihen aufmerksamer Zuhörerinnen und Zuhörer, alles potenzielle Käufer ihres Buches. Es war ein sonniger Oktobernachmittag, und Violet war entspannt – bis ihr Blick den eines Mannes traf, der in der letzten Reihe saß. So blaue Augen hatte sie noch nie gesehen. Und – oh, Gott – sah der Typ gut aus! Warum er allerdings so unverwandt und grimmig herüberstarrte, konnte sich Violet nicht erklären. Langsam machte er sie nervös, ganz abgesehen davon, dass sie ihn einfach umwerfend fand. Er war groß und überragte sowohl die anwesenden Frauen als auch die Handvoll Männer, die zu der Lesung erschienen waren. Sein Haar schien sogar noch schwärzer zu sein als Violets, doch sie trug es lang, während sein kurzer, sportlich-eleganter Schnitt eindeutig das Werk eines Starfriseurs war. Am aufregendsten jedoch waren seine Augen. Hell, klar, durchdringender Blick und umrahmt von dichten schwarzen Wimpern. Selbst heute, am Samstag, trug er einen dunklen Anzug und hob sich damit vom Rest des eher leger gekleideten Publikums ab.

Selbst Violet beziehungsweise Raven hatte sich nicht übertrieben in Schale geworfen. Marie, die Public-Relations-Managerin, die Rockcastle-Books für sie abgestellt hatte, beriet Violet bei allen öffentlichen Auftritten. Sie hatte ihr ein Outfit verpasst, das dem Anlass angemessen war – eine schwarze Hose, ein enges Top mit V-Ausschnitt und Dreiviertelärmeln, dazu atemberaubend hohe Riemchensandaletten. Alle Teile stammten von den besten Designern, schließlich sollte Violet Tandy – oh, Verzeihung … Raven French – aussehen wie eine unglaublich erfolgreiche Autorin.

Da Violet sich solche sündhaft teuren Klamotten nicht leisten konnte, hatte Marie sie zu einer Boutique in der Michigan Avenue begleitet, wo man Haute Couture und teuren Schmuck für kurze Zeiträume mieten konnte. Auf diese Weise kamen auch normalsterbliche Frauen in den Genuss erstklassiger Bekleidung und waren in der Lage, eine Weile so zu tun, als gehörten sie zur High Society.

Heute hatte sich Violet, oder besser: Raven, für Prada entschieden sowie für Schuhe von Stuart Weitzman. Um das Outfit abzurunden, hatte Marie Schmuck von Ritani ausgewählt. Ein Set aus einer Kette mit Anhänger, Ohrringen und einem Armreif. Alles besetzt mit Diamanten und Amethysten – Letztere harmonierten perfekt mit Violets Augenfarbe, die ihr auch ihren Spitznamen eingebracht hatte.

Denn ihr wahrer Name war Candy. Sie hieß Candy Tandy. Diese Scheußlichkeit von einem Namen war das letzte Vermächtnis ihrer Mutter gewesen, ehe diese das Kind im Alter von drei Jahren vor einem Discounter ausgesetzt hatte. An Candys Sweatshirt hatte ein Zettel gehangen, auf dem gestanden hatte, sie sei ein Problemkind, das niemand jemals lieben könne.

Aber das und alles andere, was sich in den vergangenen neunundzwanzig Jahren ereignet hatte, gehörte zur Vergangenheit. Jetzt dachte Violet nur noch an ihre Zukunft. Und an ihr schönes, kuscheliges Haus voll mit Blumen und Tieren – denn: ja, sie hatte vor, lauter verlassene, streunende Tiere aufzunehmen. Ganz egal, ob es Katzen, Hunde, Hasen, Kühe oder Esel waren. Manchmal überlegte sie, ob es ihr gefallen würde, Pflegemutter zu werden. Das würde sie jedoch nur tun, wenn sie sicherstellen konnte, dass die Kinder bei ihr blieben und nicht ständig wieder weitergeschoben wurden, wie es ihr passiert war. Kinder mussten die Möglichkeit haben, Freundschaften zu schließen und diese Freunde auch zu behalten. Nur so konnten sie sich zu bindungsfähigen sozialen Wesen entwickeln. Ihr war das leider nicht vergönnt gewesen.

Bei diesem Gedanken musste sie erneut zu dem Mann mit den unglaublich blauen Augen hinübersehen, der in der letzten Reihe saß. Er starrte sie immer noch an. Warum wohl? Violet konnte sich nicht vorstellen, dass ein Mann wie er Interesse an ihrem Roman hatte. Eher wäre er ein Kandidat für eine der Figuren in ihrem Buch gewesen. Vielleicht für einen der vielen Kunden jenes Luxus-Callgirls Roxanne, das als Heldin ihres Romans reihenweise Männer verschlang. Violet hatte in ihren verschiedenen Jobs viel Menschenkenntnis erworben und ihre männlichen Romanfiguren nach den Kunden und Chefs ihrer Arbeitsstätten entworfen. Da gab es reiche Männer, erfolgsverwöhnte Männer, mächtige Männer. Männer, denen nur ihr Status, ihr Geld und ihre Besitztümer wichtig waren.

Irgendwie gelang es ihr, den Blick von dem Mann in der hintersten Zuschauerreihe loszureißen und sich auf die überwiegend weiblichen Besucher der Lesung zu konzentrieren, die gekommen waren, um zu hören, was die Autorin zu sagen hatte – und um sich hinterher ihr gekauftes Exemplar signieren zu lassen. Was Violet sah, waren Frauen, die offensichtlich fasziniert waren von der Vorstellung, den eigenen Körper zu verkaufen. Die fasziniert waren von einer Romanfigur, die die eigene Sexualität als Waffe benutzte, um zu bekommen, was sie wollte: Lust, Reichtum, Freiheit. Einer Figur, die ohne Verpflichtungen heiße Begegnungen mit mächtigen Männern hatte, die exorbitante Summen zahlten – für die Dinge, die sie mit ihnen tat … und für die Dinge, die sie mit ihr tun durften. Dinge, an die diese Frauen zu Hause mit ihren Partnern im Bett nicht im Entferntesten zu denken wagten.

Violet selbst konnte sich damit nicht unbedingt identifizieren. Klar, sie hatte schon als Teenager das erste Mal mit einem Jungen geschlafen und auch danach einige Freunde gehabt. Doch was Frauen an Sex so toll fanden, konnte sie nicht nachvollziehen. Die Männer, mit denen sie zusammen gewesen war, hatten es jedenfalls nicht geschafft, ihr das Gefühl zu geben, dass Sex etwas anderes war als die Befriedigung eines körperlichen Bedürfnisses. Eben wie Schlafen oder Duschen. Außer dass man Sex nicht so oft brauchte.

Von einer jungen Mitarbeiterin der Buchhandlung erhielt Violet nun das Zeichen, mit ihrem Vortrag zu beginnen. Rasch überflog sie noch einmal die Zuschauerreihen. Es war voll, bestimmt fünfzig oder sogar sechzig Leute waren gekommen, um sie zu hören. Einschließlich des ungeheuer attraktiven Mannes in der letzten Reihe …

Sie sprach etwa zwanzig Minuten über die selbstbestimmte Sexualität der Frau. Ihre These war, dass eine moderne Frau Sex ohne Liebe der anderen Version jederzeit vorziehen sollte, denn – so ihre Schlussfolgerung – es wäre doch Unsinn, einen rein körperlichen Vorgang an etwas so Emotionales wie Liebe zu koppeln.

Dabei vermied sie es, über ihre Erfahrungen zu sprechen, denn das ging niemanden etwas an. Kein Mensch würde sich für ihren Werdegang interessieren. Stattdessen konzentrierte sie sich auf die Geschichte ihrer Heldin Roxanne und erklärte, dass jeder ihrer Kunden, denen jeweils ein Kapitel gewidmet war, einen bestimmten Aspekt menschlichen Daseins verkörperte. Mit jedem Mann, dem sich Roxanne hingab, gewann sie eine neue Dimension ihrer Persönlichkeit hinzu.

Folgerichtig trugen die einzelnen Kapitel, bis auf das erste, auch die Namen jener Männer. Im ersten Kapitel wurde erzählt, wie Roxanne von einer Kupplerin namens Isabella – der Verkörperung der Gier der heutigen Gesellschaft – in das Gewerbe eingeführt wurde. Danach folgte der in sich gekehrte Michael, der Roxanne über zügellose Lust den Weg wies, sich von ihren Hemmungen zu befreien. William zeigte ihr, wie befriedigend es sein konnte, sich zu unterwerfen – und dass es manchmal gar nicht verkehrt war, Regeln zu befolgen. Von Nathaniel mit seinem Hunger auf Neues wurde ihr Wissensdurst geweckt, während der lebensfrohe Jack sie erkennen ließ, wie einfach es war, glücklich zu sein. Natürlich waren all diese Männer wahre Götter im Bett, die Roxanne einen Orgasmus nach dem anderen verschafften.

Im letzten Kapitel trat Ethan auf, der perfekte Mann. Er gab Roxanne alles, was sie begehrte. Die anderen hatten nur einzelne Aspekte von ihr befriedigen können, doch mit ihm erlebte sie menschlich einen derartigen Gleichklang und erklomm solche Höhen der Lust, dass … Nun ja, dass es zu gut war, um wahr zu sein. Ganz abgesehen davon, dass es sich ja hier sowieso um einen Roman handelte: Bei einem Mann, der nicht nur unglaublich sexy, sondern auch noch verständnisvoll, intelligent und warmherzig war, konnte es sich nur um eine Märchengestalt handeln.

Nachdem sie ihren Vortrag beendet hatte, forderte Violet alias Raven die Zuhörer auf, Fragen zu stellen. Ein Dutzend Hände wurden nach oben gestreckt. Der Mann in der letzten Reihe war nicht unter den Fragestellern, aber Violet bemerkte, dass er sie immer noch mit diesem seltsamen Gesichtsausdruck ansah. Er schien verärgert zu sein, aber sie konnte sich nicht erklären, worüber. Also rief sie die zierliche weißhaarige Frau neben ihm auf, die sich gemeldet hatte. Sie mochte siebzig oder achtzig sein, hatte rosige Wangen und lächelte. Violet hatte sich immer genau so eine Großmutter gewünscht. Eine, die Plätzchen backte und Socken strickte und „Ach du liebes bisschen“ sagte.

„Ist es wahr“, fragte die alte Dame mit sanfter Stimme, „dass Sie diejenige sind, die diese Stellung erfunden hat, die man ‚gespreizte Roxanne‘ nennt?“

Ach du liebes bisschen. Violet bemühte sich, die Fassung zu wahren. „Nein“, antwortete sie. „Das war nicht ich, sondern meine Heldin Roxanne.“

Die weißhaarige Frau runzelte die Stirn. „Aber ich dachte, Sie sind Roxanne.“

„Nein, Ma’am. Ich bin … Raven.“

„Haben Sie denn das Buch nicht selbst geschrieben?“

„Doch, natürlich, aber …“

„Bei dem Buch handelt es sich doch um die Memoiren eines Callgirls.“

„Ja, sicher, und …“

„Dann sind Sie es doch auch gewesen, die jene Stellung erfunden hat.“

„Nein, das …“

„Was mich interessiert“, mischte sich eine dunkelhaarige jüngere Frau ein, die ein Baby auf der Hüfte trug, „ist, wie das mit der Crème de Menthe funktioniert. Haben Sie den Likör getrunken, bevor Sie Oralsex mit Ihrem Kunden hatten, oder haben Sie ihn nur äußerlich verwendet?“

Entsetzt nahm Violet zur Kenntnis, dass auch diese Frau die Autorin mit der Romanheldin verwechselte. Das mit dem Minzlikör hatte sie in einer Zeitschrift gelesen und noch nie ausprobiert. „Hm, um ehrlich zu sein, habe ich noch nie …“

Doch sie wurde von einer jungen Blondine unterbrochen, die aufstand und sagte: „Mein Freund und ich wollen dieses Jahr nach Italien fahren. Können Sie uns mehr über diesen Sexklub in Mailand erzählen?“

Violet öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, doch ihr versagte die Stimme. Sie begriff, dass alle Anwesenden wie selbstverständlich davon ausgingen, dass sie und Roxanne ein und dieselbe Person waren, obwohl der Verlag das Buch eindeutig als Roman angekündigt hatte. Ganz abgesehen davon, dass Roxannes Abenteuer derartig übertrieben waren, dass jeder sofort kapieren musste, dass es sich um Fiktion handelte. Oder?

Plötzlich herrschte ein unglaubliches Stimmengewirr in der Buchhandlung. Hunderte Fragen prasselten auf Violet ein, bis die junge Angestellte ein Einsehen hatte und die enthusiastische Menge mit lauter Stimme zum Schweigen brachte. Sie verkündete, dass die Fragerunde beendet sei. Miss French wäre jetzt bereit, die Bücher zu signieren.

Eine lange Schlange bildete sich vor dem Tisch, an dem Violet saß. Nicht alle hatten ein Buch gekauft, aber die meisten. Während Violet signierte, sorgte die Mitarbeiterin dafür, dass es zügig voranging und nicht zu viele Fragen gestellt wurden. Schließlich, als das letzte Exemplar zugeklappt war und die Käuferin den Laden verließ, kämpfte Violet zwar mit einem Krampf in der Hand, aber das eigene Häuschen schien endlich kein völlig unerreichbares Ziel mehr zu sein.

In bester Stimmung schraubte sie ihren Füllhalter zu und freute sich schon darauf, ihr Designer-Outfit gegen Jeans und Schlabbershirt zu tauschen und sich zu Hause auf dem Sofa zum hundertsten Mal Casablanca anzuschauen. Da knallte jemand ein Exemplar ihres Romans so heftig auf den Tisch, dass Violet aufschreckte. Vor ihr stand der Mann aus der letzten Reihe und schaute wütend auf sie nieder.

„Hm, hallo“, krächzte sie. „Ich … Ich hatte Sie gar nicht gesehen.“

Er sagte nichts, sondern schubste das Buch nur in ihre Richtung. Unwillkürlich fiel ihr Blick auf seine Hand. Eine große, schöne Männerhand, mit langen, kräftigen Fingern. An einem dieser Finger steckte ein goldener Ring mit einem Onyx. Ein Ehering? Oder eher nicht?

Der Mann nahm seine Hand nicht vom Buch, sodass Violet es nicht öffnen und signieren konnte. Fragend sah sie zu ihm auf und bemerkte erneut den Zorn, der in seinen blauen Augen schimmerte.

Verwirrt überlegte sie, ob sie ihn schon mal irgendwo gesehen und etwas getan hatte, das ihm missfiel. Hatte sie seine Buchung bei „Chez Alain“ verschlampt oder im „Ambassador“ die Badewanne nicht sauber genug geschrubbt? War ihr als Näherin bei „Essex Tailors“ ein Fehler beim Säumen seiner Hose unterlaufen? Oder hatte sie ihm als Verkäuferin in einer Edelboutique die falschen Manschettenknöpfe geschickt? Doch eigentlich konnte das nicht sein. Weder waren ihr bei ihren Jobs derartige Fehler unterlaufen, noch hätte sie einen Mann wie den hier jemals vergessen.

„Möchten Sie mich etwas fragen?“, erkundigte sie sich höflich.

Wieder schwieg er und musterte sie nun eingehend. Irgendwie erschien es Violet, als überlege nun er, ob er sie irgendwann schon einmal gesehen hatte. Endlich jedoch schlug er das Buch auf, ziemlich weit hinten, dort, wo er ein kleines Stück Seidenstoff mit Paisleymuster hineingelegt hatte, das aussah, als habe man es irgendwo ziemlich brutal abgerissen. Dann deutete er auf die Kapitelüberschrift. „Kapitel achtundzwanzig“, sagte er.

Die Überschrift über diesem Kapitel lautete: Ethan. Dies war der Held, den die Leserinnen von „High Heels“ am meisten mochten. In den Rezensionen gingen die Kritiker vor allem auf diese Figur ein, und auch in der Fernsehshow, in der das Buch besprochen worden war, gab es Lob für die Figur. Er war der Traum jeder Frau. Stark, männlich, selbstbewusst und reich. Überall machte er eine gute Figur, egal ob in der feinen Gesellschaft oder im Geschäftsleben. Wenn er mit Roxanne schlief, war es, als würde die Erde beben, doch gleichzeitig fühlte sie sich bei ihm geborgen. Fast, aber nur fast, hätte sie sich in ihn verliebt …

Und das war ein weiterer Beweis dafür, dass es sich bei diesem Buch um reine Erfindung handelte. Violet hatte nicht vor, sich jemals zu verlieben. Sie war sicher, so etwas gar nicht empfinden zu können. Bindung. Liebe. Alles Unsinn. Schon als Kind hatte sie gelernt, sich nicht an einen Menschen zu hängen, denn sobald sie jemanden gernhatte, verlor sie ihn auch schon wieder. Ein neues Kinderheim, eine neue Pflegefamilie, neue Geschwister, neue Mitschüler. Man hatte keinen Freund für immer.

Deshalb kam so etwas wie Liebe für sie überhaupt nicht infrage.

„Möchten Sie etwas über die Figur Ethan wissen?“, versuchte Violet es vorsichtig.

„Nein. Ich habe eine Forderung zu stellen.“

„Eine Forderung?“

„Ich verlange, dass dieses Kapitel aus dem Buch entfernt und eine Gegendarstellung gedruckt wird.“

Jetzt war Violet komplett verwirrt. „Entfernt?“, wiederholte sie. „Aber weshalb denn? Das Buch ist …“

„Verleumderisch und unwahr“, fuhr er sie an. „Besonders Kapitel achtundzwanzig.“

Nun, dachte Violet, unwahr ist richtig. Schließlich ist das Buch ein Roman.

Warum dachten die Leute bloß alle, es würde sich um eine Autobiografie handeln? War sie eine so geniale Autorin? Die andere Anschuldigung des Mannes ließ sie allerdings nicht gelten. Ein Roman konnte nicht verleumderisch sein, da er auf Fantasie beruhte. Die Figuren waren erfunden, deshalb brauchte sie das letzte Kapitel auch nicht zu streichen.

Trotzdem zögerte sie mit ihrer Antwort. Sie wollte ihr Gegenüber nicht kränken. Als sie sprach, wählte sie ihre Worte mit Bedacht. „Es tut mir leid, dass Ihnen der Roman nicht gefallen hat, Mr …“

Doch statt ihr seinen Namen zu verraten, blitzte er sie nur wütend an. „Ob mir das Buch gefallen hat oder nicht, ist Nebensache. Was ich jedoch weiß, ist, dass Kapitel achtundzwanzig rufschädigend ist und entfernt werden muss. Nur weil Sie den Namen des Mannes in Ethan umgewandelt haben …“

„Umgewandelt? Ich habe keinen Namen geändert. Das brauchte ich gar nicht, weil Ethan eine Erfindung ist. Das ganze Buch ist …“

„Sie können die Wiedererkennung einer Person nicht verhindern, indem Sie den Namen ändern, Miss French“, fuhr der Mann ungerührt fort. „Sie haben Ethan viel zu genau beschrieben. Sein Aussehen, seinen Beruf, sein Büro, sein Zuhause, seine Hobbys und Interessen, seine Qualitäten im Bett. Einfach alles. Präzise, korrekt und detailliert.“ Um seine letzte Bemerkung zu unterstreichen, nahm er den Fetzen Stoff, der als Lesezeichen gedient hatte, und hielt ihn Violet unter die Nase. „Sie erwähnen sogar die Firma, die seine Unterwäsche herstellt.“

Violet schüttelte ungläubig den Kopf. Sie wusste nicht, ob dieser Mensch sich einfach nur in eine fixe Idee verrannt hatte oder ob es sich bei ihm um einen Verrückten handelte. Hilfesuchend wandte sie sich zu der Buchhändlerin um, doch die junge Frau starrte den dunkelhaarigen Unbekannten nur mit offener Bewunderung an.

Also wandte sich Violet erneut ihrem kritischen Leser zu – obwohl sie nicht wusste, was sie sonst noch zu dem Thema sagen sollte. Vielleicht war es hilfreich, ihn einen Moment lang ernst zu nehmen und ihn nach und nach davon zu überzeugen, dass er einem Irrtum erlegen war.

„Hm, also, ich denke, viele Männer tragen Seidenshorts mit Paisleymuster, Mr …“

Wieder vermied er es, seinen Namen zu nennen. „Nicht, wenn es sich um eine winzige Manufaktur im Elsass handelt, deren Produkte nur exklusiven Kunden vorbehalten sind.“

Violet hatte im Esquire einen Bericht über die Firma gelesen, die diese Luxusartikel herstellte. Diese Boxershorts waren unglaublich teuer, und genau deshalb hatte sie Ethan damit ausgestattet. Sie seufzte resigniert. „Ich weiß einfach nicht, worauf Sie hinauswollen. Ethan ist eine Romanfigur. Die Story ist erfunden.

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