Logo weiterlesen.de
Ein Millionär und Märchenprinz

1. KAPITEL

„Mr. Ryder!“, rief Jane Dawson mit fester Stimme und hätte fast den Kopf geschüttelt. Kaum zu glauben, wie ruhig sie klang – und das trotz des mulmigen Gefühls in ihrem Bauch. Sie stand im Foyer des ultramodernen Konferenzzentrums von Cyberworx und lächelte den grauhaarigen Geschäftsmann freundlich an. „Ich würde gern mit Ihnen sprechen. Nur eine Minute. Falls Sie Zeit haben. Bitte!“

Bitte? Jane biss sich auf die Zunge.

Selbstbewusst hörte sich das ja nicht gerade an, aber schließlich war das hier Neuland für sie.

„Sie möchten mich sprechen? Chase Ryder?“ Er war Chef eines multinationalen Technologiekonzerns. Sein Vermögen wurde auf mehrere Millionen Dollar geschätzt.

Und er klang überrascht.

Natürlich. Leute wie Jane, die das College abgebrochen hatten und in einem – wenn auch angesagten – Coffeeshop arbeiteten, sprachen Menschen wie ihn nicht einfach an. Normalerweise hätte sie das auch nicht getan. Schon gar nicht an ihrem freien Tag. Aber als sie mitbekommen hatte, dass der Coffeeshop heute eine Veranstaltung hier bewirtete, hatte sie sich spontan gemeldet, um zu helfen. So eine Chance bekam sie schließlich nur einmal.

Eigentlich arbeitete sie gar nicht im Catering, und daher hatte es sie auch einige Überredungskunst gekostet, ihre Chefin Zoe davon zu überzeugen, sie für dieses Arbeitsfrühstück für dreißig Personen im Hauptquartier des Konzerns einzusetzen. Natürlich hatte Zoe sofort begriffen, dass Jane unbedingt mit Chase Ryder reden wollte. Gab es auf dieser Welt eine verständnisvollere Chefin als Zoe? Jane konnte sich das kaum vorstellen.

Und jetzt, da sie vor Ryder stand, brachte sie kein Wort heraus.

Benimm dich, als wüsstest du, was du tust! Und was du sagst. Und denk nach, bevor du den Mund aufmachst! Das war der Rat, den Zoe ihr gegeben hatte. Jane atmete tief durch und hob das Kinn. „Ja, das möchte ich, Mr. Ryder.“

Sein belustigtes Grinsen wurde noch breiter. Irgendwie erinnerte der Mann gar nicht an einen knallharten Geschäftsmann. „Ich unterhalte mich sehr gern mit Ihnen.“

Sie fühlte sich erleichtert. Gut, der erste Schritt war getan. Vielleicht würde der Rest ja ganz einfach werden? So optimistisch war sie seit Jahren nicht mehr gewesen.

„Aber leider bin ich nicht Chase Ryder“, fuhr er fort.

Was hatte er gerade gesagt? Sie traute ihren Ohren nicht.

Er war … nicht Chase Ryder?

Wie peinlich! Wie hatte ihr nur ein solcher Fehler unterlaufen können? Ally hatte ihr versichert, dass sie Cyberworx’ obersten Chef gar nicht verfehlen konnte. Groß und attraktiv sei er, und stets von einer Menge Leute umgeben. Wie dieser Mann hier.

Der musterte sie besorgt. „Alles in Ordnung?“

Nein, nichts war in Ordnung. Jane brauchte Chase Ryder. Sie brauchte … ein Wunder. Sonst würde die Benefizveranstaltung, die sie organisieren wollte, niemals stattfinden.

„Hallo?“

Wie immer Ryder auch reagiert, bleib bitte gelassen. Mach ja kein Drama draus! Das waren Zoes Worte gewesen. Jane rang sich ein Lächeln ab. Genau, sie musste gelassen bleiben! Sie durfte weder ihren Job im Coffeeshop noch zukünftige Catering-Aufträge gefährden.

„Entschuldigung“, sagte sie. „Danke für Ihre Zeit.“

„Nein, ich danke Ihnen.“ Der Mann schmunzelte. „Dass Sie mich für Chase gehalten haben, tut mir richtig gut.“

Verlegen sah Jane ihm nach, als er mit federnden Schritten davonschlenderte. Offensichtlich hatte sie sich das ein bisschen zu einfach vorgestellt. Ein Chase Ryder lief hier nicht einfach die Gänge entlang und ließ sich von jeder x-beliebigen Kellnerin ansprechen. Aber sie durfte jetzt nicht den Mut verlieren. Aufgeben kam nicht infrage. Sie musste es weiter versuchen.

Für Emma. Für die süße, vier Jahre alte Emma, die so gern mit Puppen spielte. Und die noch einige Monate lang behandelt werden musste, um wieder gesund zu werden. Vielleicht würde sie Chase Ryder ja doch noch finden. Es war erst zehn Uhr vormittags. Und wenn nicht, dann …

Dann könnte sie noch mehr Briefe schreiben und noch mehr telefonieren. Irgendwie würde sie schon noch Sponsoren für die Benefizveranstaltung auftreiben. Eine Benefizveranstaltung, die der einzige Weg war, um Emmas Mutter Michelle zu helfen, die immer höheren Arztrechnungen zu bezahlen. Irgendwie würde es ihr gelingen.

Wenn sie doch nur wüsste, wie!

Jane ging zum Büfett, um es abzuräumen. Die Gäste hatten Appetit gehabt. Auf den Platten waren höchstens noch ein Dutzend Muffins, Frühstückskuchen und Zimtschnecken übrig geblieben. Sie legte sie alle auf einen Teller und deckte ihn mit Alufolie ab. Auch die Schälchen mit Fruchtsalat waren alle weg, bis auf …

Oh nein.

Ein Schälchen war auf dem Fußboden gelandet. Melone, Weintrauben und Ananas schwammen zertreten und matschig in einer Pfütze. Die Reinigungskräfte von Cyberworx würden das Geschirr zwar abräumen und sauber machen, aber so konnte Jane ihnen den Raum nicht hinterlassen, also schnappte sie sich ein Tuch, ging in die Hocke und machte sich daran, die klebrige Masse aufzuwischen.

Was für ein gelungener Abschluss eines erfolglosen Morgens! Sie griff nach einer zermatschten Erdbeere. Viel schlimmer konnte dieser Tag nicht werden.

„Entschuldigung“, sagte eine Männerstimme über ihr.

Janes Blick fiel auf schwarze Laufschuhe, die dringend neue Schnürsenkel brauchten, aber bequem aussahen. Genau wie die verwaschenen Jeans. Ihr Blick wanderte an den Waden hinauf, über die Knie und Oberschenkel bis …

Ihre Wangen wurden heiß.

„Sie wollten mich sprechen?“, fragte der Mann.

Was fiel ihr ein? Sie war hergekommen, um ein Frühstück auszurichten. Und um Chase Ryder um einen Gefallen zu bitten. Nicht, um ihm auf den Hosenschlitz zu starren.

Jane sprang auf. „Ich bin Ja…“

Sie schaute in sein Gesicht und verstummte sofort. Wow! Schon immer hatte es ihr gefallen, wenn ein Mann kantige Züge hatte. Aber in Kombination mit so vollen Lippen und tiefblauen, warmen Augen? Das war einfach … perfekt. Dazu noch diese blonden lockigen Haare, die den graublauen Hemdkragen unter dem dunkelblauen Sakko berührten … So gut konnte kein Mann aussehen. Irgendwo musste ein Makel sein.

Und dann entdeckte sie ihn – eine winzige, kaum sichtbare Narbe an der rechten Augenbraue. Doch die verunstaltete ihn nicht, sondern verlieh ihm eine sexy, fast ein wenig gefährliche Ausstrahlung. Unwillkürlich wich Jane zurück und stieß gegen den Tisch. Ihr Herz schlug schneller.

„Jay?“, fragte er nach.

„Jane.“ Ihre Stimme klang anders. Tiefer als sonst. Sie räusperte sich. „Jane Dawson.“

„Chase Ryder.“

Dieser Mann war Chase Ryder? Aber er war viel zu jung, viel zu … männlich. Wie ein Cowboy, der sich in das falsche Gebäude verirrt hatte. Breite Schultern, hochgewachsen. Mindestens einen Kopf größer als sie. Sie hatte sich ihre Begegnung mit Ryder wieder und wieder vorgestellt. Aber sie war nicht im Mindesten darauf eingestellt gewesen, so einem Mann zu begegnen. Okay, Mädchen, durchatmen, ermahnte sie sich. Und zwar sehr schnell durchatmen!

„Sie wollten mich sprechen?“, wiederholte er.

Sein melodisches Timbre ging ihr förmlich unter die Haut.

Reiß dich zusammen, dachte sie verzweifelt. Sie würde die Nerven behalten und erreichen, was sie sich vorgenommen hatte. Was machte es schon, dass er der attraktivste Mann war, den sie je gesehen hatte? Dass er einer der reichsten Männer des Landes war? Alles egal, jetzt ging es nur um die finanzielle Zukunft einer Not leidenden Familie. Da durfte sie sich nicht von so einer Kleinigkeit wie einem gut aussehenden … na ja, eher atemberaubenden Gesicht aus der Fassung bringen lassen.

„Ja“, brachte sie heraus und streckte die Hand aus, bis sie merkte, dass es diejenige war, in der sie das Tuch mit dem aufgewischten Fruchtsalat hielt. Hastig warf sie es auf den Tisch und wischte die Hand an der Schürze ab. „Das möchte ich.“

Ryder schaute auf seine Uhr. „Ich habe drei Minuten.“

Diese kleine, etwas ungeduldige Geste half Jane, sich wieder zu konzentrieren. Hatte sie für eine Sekunde etwa tatsächlich mehr in Chase Ryder gesehen als ein überdimensioniertes Scheckbuch? „Ich organisiere eine Benefizveranstaltung, um Spenden für eine Vierjährige zu sammeln. Das Mädchen hat Leukämie. Die Mutter ist mit ihrer Tochter allein. Sie arbeitet, ist aber nicht krankenversichert.“

Jane holte tief Luft. „Mr. Ryder, ich habe Ihrer Stiftung zwei Briefe geschrieben und am Telefon drei Nachrichten hinterlassen, aber nie eine Antwort bekommen. Ich weiß, dass Ihre Stiftung nichts mit Cyberworx zu tun hat, aber da ich schon mal hier bin, dachte ich mir, ich spare mir eine weitere Briefmarke und spreche Sie einfach direkt an.“

Sein Blick wanderte über ihre schwarze Hose, die weiße Bluse und die Schürze, bis Jane sich nervös eine Strähne zurück in den Pferdeschwanz schob.

„Und Sie sind hier wegen …“

„Des Frühstücks.“ Sie zeigte auf den Namen, der auf die Schürze gestickt war. „Ich … wir haben es geliefert. ‚The Hearth‘. Das ist ein Coffeeshop in der City. Wir haben auch eine Catering-Abteilung.“

„Ich weiß“, erwiderte er. „Ihre Firma arbeitet häufiger für uns, aber Sie kenne ich nicht.“

„Normalerweise arbeite ich im Coffeeshop, nicht im Catering. Heute ist aber eine Ausnahme.“ Sie befeuchtete sich die Lippen. „Meine Chefin hat gesagt, ich darf Sie mit meinem Anliegen ansprechen, solange ich Sie nicht belästige. Belästige ich Sie gerade, Mr. Ryder?“

Er lächelte. „Nennen Sie mich Chase. Und nein, Sie belästigen mich nicht.“

Gott sei Dank. Schade, dass sie das nicht von ihm behaupten konnte. Na gut, er belästigte sie nicht, er machte es ihr nur schwer, einen vernünftigen Gedanken zu fassen. Natürlich war ihr klar, dass der Mann gar nicht so nett sein konnte, wie er aussah. Jemand, der so erfolgreich war, konnte einfach nicht nett sein. Trotzdem würde sie nachher im Coffeeshop einen Eiskaffee brauchen, um sich abzukühlen.

„Ich weiß, Sie sind viel beschäftigt, und die drei Minuten sind fast vorbei, aber ich würde Ihnen gern mehr Informationen über die Benefizveranstaltung schicken. Oder ich lade Sie zum Mittagessen ein, damit wir ausführlicher darüber reden können.“

Er zog eine Augenbraue hoch. „Sie wollen mich zum Mittagessen einladen?“

Mittagessen? Hatte sie das wirklich gesagt? Das hatte sie wohl, und jetzt war es zu spät, einen Rückzieher zu machen. „Äh, also ganz unverbindlich im Coffeeshop, meine ich. Wir haben sehr leckere …“ Was? Sandwiches, Suppen und Salate waren vielleicht nicht sehr verlockend für einen Mann, der sich alles leisten konnte, was er wollte. Denk nach, befahl sie sich. „Panini nach toskanischer Art.“

Chase Ryder lächelte. „Sie setzen großes Vertrauen in Ihre Küche.“

Jedenfalls weit mehr als in sich selbst. Zoe würde sie umbringen. „Es ist mein eigenes Rezept.“

Ihre Blicke trafen sich, und Jane spürte ein leises Kribbeln am Rücken. Es war keineswegs unangenehm. „Wie wäre es mit halb zwei?“, fragte er.

„Heute?“

Er nickte, und eine Locke fiel ihm in die Stirn. Jane musste sich beherrschen, um sie nicht zurückzuschieben.

„Sehr … gern“, stammelte sie. Vorausgesetzt, ihr Puls normalisierte sich bis dahin wieder und sie konnte Zoe davon überzeugen, dass es im Hearth heute Mittag Panini nach toskanischer Art gab.

Bis zur nächsten Besprechung blieben Chase noch sieben Minuten. Auf dem Weg in sein Büro blieb er vor dem Schreibtisch seiner Assistentin stehen. Während Amanda ihr Telefonat beendete, nahm er die winzige Harke aus ihrem Miniatur-Zen-Garten.

Amanda, eine unglaublich jung aussehende Dreiundfünfzigjährige, lächelte nachsichtig. „Haben Sie nicht ein Konferenzgespräch mit Zürich?“

Er sah auf die Uhr. „In sechseinhalb Minuten.“

„Dann will ich Sie nicht aufhalten.“ Sie strich sich durch das kurze, rote Haar. „Was kann ich für Sie tun, Chef?“

Er zog Reihen in den Sand. „Sagen Sie alles ab, was nach dreizehn Uhr in meinem Terminkalender steht.“

Amanda runzelte die Stirn. „Heute?“

Er nickte.

„Ich wusste es.“

„Was?“

„Dass die Fusionsverhandlungen mit MRG einfach zu gut laufen. Ich habe es diese Woche sogar geschafft, Drew jeden Abend vom Fußballtraining abzuholen.“ Sie tippte etwas in den Computer. „Aber falls es ein Feuer zu löschen …“

„Kein Feuer“, unterbrach Chase sie. In ihrem Job musste Amanda rund um die Uhr einsatzbereit sein. „Es ist privat.“

„So privat wie ein Zahnarztbesuch oder die nächste Besteigung des Mount Hood?“, entgegnete sie. „Oder kann es sein, dass Sie ein Date haben?“

Er kratzte sich am Kinn. Amanda arbeitete seit neun Jahren für ihn und kannte ihren Chef besser als die meisten. Außerdem neigte sie dazu, ihn zu bemuttern. „Ich bin zum Mittagessen verabredet“, antwortete er ausweichend.

„Mit einer Frau.“

Es war keine Frage. „Ja, aber es ist nicht das, was Sie denken.“

Amanda grinste. „Woher wissen Sie, was ich denke?“

„Das Glitzern in Ihren Augen verrät Sie jedes Mal.“

„Genau das Glitzern möchte ich einmal auch in Ihren Augen sehen. Ich will doch nur, dass Sie glücklich sind.“

„Ich bin glücklich.“

„Sie brauchen eine Frau.“

Herrje, Amanda klang wie seine Mutter und seine Schwestern. Er war nirgends mehr sicher.

„In meinem Leben gibt es genug Frauen.“ Chase hatte alles, was er wollte. Er malte ein Herz in den Sand und strich es durch. „Nur weil Sie zum zweiten Mal den Richtigen gefunden haben, müssen wir anderen ja nicht auch gleich heiraten.“

„Ist sie hübsch?“

Er funkelte sie an und bereute, dass er ihr nicht per E-Mail mitgeteilt hatte, alle Termine für den Nachmittag abzusagen.

„Ich nehme an, sie ist hübsch“, antwortete er achselzuckend.

„Sie nehmen es an?“

Er dachte an Jane. „Sie hat braunes Haar und trägt eine rote Brille. An mehr kann ich mich nicht erinnern.“

Das war eine glatte Lüge. Aber ihre ausdrucksvollen Augen und die Art, wie sie sich die Lippen befeuchtete, erwähnte er lieber nicht. Es würde Amanda auf falsche Gedanken bringen. Und schließlich hatte Jane ihn nicht um ein Date gebeten, sondern um seine Hilfe. Bei einer Benefizveranstaltung. Es ging ihr nicht um ihn, sondern um sein Geld. „Fragen Sie P. J., was aus den Briefen einer Jane Dawson geworden ist. Sie hat keine Antwort von uns bekommen. Das ist nicht gerade die feine Art.“

„Mache ich, Chef.“

„Und versuchen Sie, es vor dreizehn Uhr herauszufinden.“

„Natürlich.“ Amanda schmunzelte. „Vergessen Sie nicht, Ihre Rüstung zu polieren.“

„Sehr komisch.“

„Sie retten gern junge Damen in Not.“

„Jane ist nicht in Not“, erklärte Chase. „Sie braucht Hilfe. Und …“

„Sie helfen gern.“

„Genau.“ Ein Lokalreporter hatte Chase mal den „Robin Hood von Rose City“ genannt, der den Armen nicht mit Pfeil und Bogen, sondern mit dem Füllfederhalter Wohltaten zukommen ließ. Seitdem machte Amanda sich über ihn lustig.

„Eine Frage noch. Welche Augenfarbe hat diese Jane Dawson?“

„Grün, glaube ich. Aber kein gewöhnliches Grün. Nicht wie ein Smaragd, sondern eher wie ein Peridot – wissen Sie, dieser leicht olivgrüne Kristall.“

„Interessant.“ Ein zufriedenes Lächeln umspielte Amandas Mund. „Dabei erinnern Sie sich doch nur an ihre Haarfarbe und die Brille.“

Auf frischer Tat ertappt. Wie so oft durchschaute Amanda ihn. Aber in diesem Fall täuschte sie sich. Er wollte Jane Dawson nur helfen – so wie sie offensichtlich anderen Menschen half. Ihre auffallend grünen Augen waren da nur eine kleine Annehmlichkeit am Rande. Eine Belohnung gewissermaßen. Außerdem wurde er nicht jeden Tag zum Mittagessen eingeladen. Zumindest nicht in den angesagtesten Coffeeshop von Portland, Oregon.

„Zurück an die Arbeit, sonst kürze ich Ihnen das Gehalt“, knurrte er und warf die Harke in den Sand.

„Ich werde nicht stundenweise bezahlt.“

„Stimmt, aber ich bin immer noch der Chef.“

Im Coffeeshop goss Ally Michaels aufgeschäumte fettarme Milch in die dampfende Tasse und stellte sie auf den Tresen.

„Großer Caffè Latte. Mit Vanillesirup. Fettarm.“ Der Gast nahm das heiße Getränk und setzte sich auf einen der vielen Sessel. Ally winkte ihre Kollegin Kendra herbei, um sich von ihr ablösen zu lassen. Dann wandte sie sich Jane zu. „Weißt du schon, was du zu ihm sagen wirst?“

„Ich dachte, ich fange mit einem lockeren Hallo an.“ Jane experimentierte gerade an drei verschiedenen Panini-Rezepten. Sie probierte das Pesto. Noch immer nicht richtig. Vielleicht noch ein paar Pinienkerne?

Hallo? Das ist kein guter Start.“ Ally spitzte die Lippen. „Er ist kein gewöhnlicher Gast. Er ist Chase Ryder.“

Sie sprach den Namen halb ehrfürchtig, halb sehnsüchtig aus, und leider konnte Jane sie gut verstehen. Immerzu musste sie an seine Augen, sein Lächeln, seine Stimme denken.

Und an die Lippen, die wie geschaffen waren für lange, zärtliche Küsse. Überall.

Hastig erteilte sie den Schmetterlingen in ihrem Bauch ein striktes Startverbot. Die gehorchten nicht und hoben trotzdem ab.

Das war ihr schon lange nicht mehr passiert. Auch nicht bei Mark Jeffreys, der mittlerweile ihr Exfreund war. Um ehrlich zu sein: Sie konnte sich nicht daran erinnern, ob sie jemals schon so ein flatterndes Gefühl gehabt hatte, wenn sie an einen Mann dachte.

Sie straffte nun die Schultern. „Chase Ryder ist auch nur ein Mensch.“

„Und Mozart war nur ein Klavierspieler“, entgegnete Ally. „Komm schon, Jane. Sag bloß, du findest Chase Ryder nicht attraktiv?“

„Mich interessiert aber nicht sein Aussehen, sondern sein Geld.“

„Ich kann noch immer nicht glauben, dass du ihn für einen alten Knacker gehalten hast.“

„Nach deiner Beschreibung …“

„Aber jeder weiß, wie Chase Ryder aussieht. Er ist einer der begehrtesten Junggesellen der Stadt.“ Ally wischte den Tresen ab. „Liest du denn die Klatschspalten nicht?“

„Dazu habe ich keine Zeit.“ Jane fuhr sich nervös durchs Haar.

Ally musterte sie. „Das Treffen nachher bedeutet dir viel, nicht wahr?“

Jane nickte nur.

„Vielleicht solltest du ein bisschen Make-up auflegen und etwas mit deinem Haar machen.“

„Sehe ich so abgearbeitet aus?“

„Nein, Jane. Du siehst frisch und natürlich aus, aber du musst Chase Ryder auf dich aufmerksam machen.“

„Wir werden zusammen essen. Ihm wird nichts anderes übrig bleiben, als mich zu bemerken.“

„Das meine ich nicht.“ Ally nahm eine Tube aus der Hosentasche. „Nimm wenigstens das hier.“

„Lipgloss? Mit Erdbeergeschmack?“

„Wer weiß, vielleicht küsst er dich zum Abschied.“ Ally zog eine Braue hoch. „Ein Mann mit solchen Lippen – das muss ein großartiger Küsser sein.“

„Es ist ein geschäftliches Treffen, kein …“

Vergiss es, dachte sie. Einen Männermagneten wie Ally davon zu überzeugen, dass sie Chase Ryder nur dazu bringen wollte, einen großen Scheck auszustellen, war sinnlos. Jane konzentrierte sich wieder auf die Sandwiches. Sie wollte nicht an Ryders Lippen denken. Schon gar nicht daran, sie zu küssen.

Plötzlich wurde ihr klar, was fehlte.

Knoblauch. In das Pesto musste mehr Knoblauch.

Viel Knoblauch. Sehr viel.

Chase war noch nie im Hearth gewesen. Amanda dagegen war dort Stammgast. Er klemmte den Parkschein unter den Scheibenwischer und ging hinein.

Den Duft, der ihn umfing, kannte er aus anderen Coffeeshops in Portland. Aber in der Luft lag noch etwas anderes. Er schnupperte. Knoblauch und Basilikum.

Die Tische waren fast alle besetzt. Ein Mann arbeitete an seinem Laptop. Eine Frau las ein Buch. Ein Pärchen blätterte in der Zeitung. Ein Angestellter mit Pferdeschwanz räumte Teller und Tassen ab. Die großen, gemütlich wirkenden Sessel am Kamin waren frei.

Als ein Gast sein Getränk vom Tresen abholte, fiel Chase’ Blick auf die Schiefertafel an der Wand dahinter. Jane war nirgends zu sehen, nur eine junge Frau mit langem blondem Haar, einem Diamantstecker in der Nase und Ohrringen.

„Entschuldigung“, sagte er.

Ally – so stand es auf ihrem Namensschild – löffelte Kakaopulver in ein Glas. „Was kann ich für Sie tun?“

„Ich suche Jane Dawson.“

Ally hob so rasch den Kopf, dass sie ein bisschen Kakaopulver verschüttete. „Ich bin gleich zurück.“

Sie verschwand durch eine Schwingtür, und nach einem Moment erschien Jane.

„Hallo, Mr. Ryder. Chase, meine ich.“ Sie klang atemlos. „Danke, dass Sie gekommen sind. Was möchten Sie trinken? Und essen?“

Als er seine Bestellung aufgegeben hatte, verschwand sie, und er setzte sich. Zwei Minuten später kam Jane mit den Getränken. „Die Panini sind gleich fertig.“

„Netter Laden.“ Chase sah sich um. „Bestimmt läuft das Geschäft gut.“

„Wir haben den ganzen Tag lang zu tun, aber morgens ist es am hektischsten.“ Sie spielte mit ihrer Serviette. Es war offensichtlich, dass sie nervös war.

Chase baute ihr eine Brücke: „Auch wenn meine Konkurrenten es behaupten, ich beiße nicht.“

„Sehe ich ängstlich aus?“

„Ein wenig.“

Sie lächelte. „Ich bin sogar ziemlich verängstigt, aber trotzdem danke.“

Ihre Ehrlichkeit fand er erfrischend. „So einschüchternd kann ich doch gar nicht sein.“

„Hier kommt das Essen.“ Ally unterbrach sie genau im richtigen Moment und servierte das Essen. „Lassen Sie es sich schmecken.“

Eine Weile aßen sie in einträchtigem Schweigen, dann bat er Jane: „Erzählen Sie mir von dieser Benefizveranstaltung. Wie sind Sie dazu gekommen, sich so zu engagieren? Und wem wollen Sie helfen?“

Sie tupfte sich den Mund ab. „Bei meinem Vater wurde vor fünf Jahren Leukämie festgestellt.“

„Das tut mir leid. Wie geht …“

„Er ist letztes Jahr gestorben.“

Chase suchte nach den richtigen Worten. „Das muss schwer für Sie gewesen sein.“

Doch Jane wollte nicht über sich sprechen. „Ich habe damals andere betroffene Familien kennengelernt. Mit einer Familie habe ich mich besonders angefreundet. Eine alleinerziehende Mutter namens Michelle und ihre Tochter Emma.“

Er hörte heraus, wie wichtig die beiden ihr waren. „Die beiden stehen Ihnen nahe.“

„Ja. Die beiden sind mir so wichtig, als ob sie meine richtige Familie wären. Wir wohnen … Ich wohne bei ihnen. Ich bin Michelle damals in der Krankenhauskapelle begegnet, und wir sind Freunde geworden. Die besten Freunde. Sie hatte Angst um ihre Tochter, ich um meinen Vater. Vor anderthalb Jahren wurde die Krankheit bei Emma festgestellt. Bei dieser Art Leukämie beträgt die Heilungschance achtzig Prozent, aber die Behandlung ist sehr teuer. Und Michelle ist nicht krankenversichert. Ihre Schulden betragen inzwischen eine Viertelmillion Dollar, und Emmas Heilung wird noch Monate dauern.“

Chase sah ernst aus. „Erzählen Sie mir von der Benefizveranstaltung.“

„Es soll ein süßer Abend werden. Die Gäste bekommen allerlei Desserts serviert, das ist weniger aufwendig als ein ganzes Menü. Und währenddessen werde ich Spenden für Emmas Behandlung sammeln.“

„Eine Viertelmillion Dollar ist eine Menge Geld für einen einzigen Abend.“

„Ich weiß, dass ich nicht die gesamte Summe zusammenbekommen werde“, gab sie zu. „Aber jeder Betrag hilft den beiden.“

Wenigstens war sie realistisch. Chase bewunderte ihre Entschlossenheit. Es gab nicht viele Menschen, die so etwas für einen Freund tun würden. „Wissen Sie schon, wo die Kuchenschlacht stattfinden soll?“

Jane lächelte. „Meine Chefin hat mir angeboten, es hier zu machen. Sie verlangt keine Miete und stiftet die warmen Getränke.“ Sie sah sich um. „Aber möglicherweise ist der Raum hier zu klein.“

Eindeutig zu klein.

„Deshalb suche ich Sponsoren.“ Sie sah ihm direkt in die Augen. „Chase, würde Ihre Stiftung die Veranstaltung finanzieren?“

Er hatte ihr Hoffnung gemacht. Wenn sie nur nicht so nervös gewesen wäre heute Morgen, dann hätte er ihr gleich die Wahrheit gesagt. „Ich habe mit dem Direktor der Stiftung gesprochen. Leider stehen uns vor Januar keine Mittel für eine größere Veranstaltung zur Verfügung.“

Sie blinzelte.

Verdammt. Er wollte nicht, dass sie weinte.

Ihre Unterlippe zitterte. „Trotzdem danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben.“

„Ich bin gern gekommen.“ Chase schaute in ihr hübsches Gesicht. „Auch wenn wir nicht die ganze Veranstaltung finanzieren können, wird die Stiftung auf alle Fälle etwas spenden.“

„Danke. Das ist sehr nett.“

„Und ich …“ Was war nur mit ihm los? Er brauchte nur einen Scheck auszustellen und zu gehen. Robin Hood mit dem Füllfederhalter. Jane Dawson hatte um Geld gebeten, und er würde etwas spenden. So lief es doch immer. Doch genau das war das Problem: Es fühlte sich nicht so an wie „immer“. Er wollte, dass Jane wieder lächelte. Dass ihre Augen wieder leuchteten. „Ich werde die Veranstaltung als Privatmann sponsern.“

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Ein Millionär und Märchenprinz" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen