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Ein Millionär, der an die Liebe glaubt

Day Leclaire

Ein Millionär, der an die Liebe glaubt

1. KAPITEL

Sie konnte die Nervosität kaum noch ertragen.

Shayla Charleston betrachtete forschend ihr Spiegelbild. Sie stand in der luxuriösen Damentoilette der Firma Dante in San Francisco – einem der größten Schmuckhandelsunternehmen der Welt. Doch zu ihrer Erleichterung stellte sie fest, dass ihr die Unruhe nicht anzumerken war. Nach dem heutigen Abend und dem morgigen Tag würde alles überstanden sein. Obendrein würde sie morgen fünfundzwanzig und dann vielleicht – hoffentlich! – die drei Ziele verwirklicht haben, die sie sich für dieses Datum gesetzt hatte.

Ziel eins: ihrer Großmutter alles zurückzugeben, was sie für ihre Enkelin getan hatte. Shayla hatte in den vergangenen drei Jahren schon hart gearbeitet, um Leticia Charleston für die Beträge zu entschädigen, die sie in ihre College-Ausbildung investiert hatte. Der alten Dame war es nicht leichtgefallen, das Geld aufzubringen; sie hatte dafür jeden Cent beiseitegelegt und die überfälligen Renovierungsarbeiten an ihrem Haus immer wieder verschoben. Eigentlich hatte die Großmutter gehofft, Shayla würde das Familienunternehmen wieder aufbauen, aber dafür hatte sie weder das Talent noch die Möglichkeiten. Doch auf jeden Fall würde sie die Interessen ihrer Familie vertreten, wenn sie sich morgen mit Mitgliedern des Dante-Clans traf. Wenn alles gut lief, würde ihre Großmutter dann endlich die dringend benötigte finanzielle Absicherung fürs Alter bekommen. Shayla war bereit, alles dafür zu tun, egal wie schwierig es werden würde.

Ziel zwei: ihren Traumjob an Land ziehen. Shayla lächelte. Das immerhin war schon gelungen. Nach dem Treffen mit den Dantes würde sie in das Flugzeug nach Europa steigen. Dort würde sie dann ihren Job als Dolmetscherin und Übersetzerin für den äußerst zurückgezogen lebenden international tätigen Geschäftsmann Derek Algier antreten. Bei dieser Tätigkeit würde sie die schönsten und exotischsten Länder bereisen. Sie konnte es kaum noch erwarten.

Ziel drei: Bevor sie ihren neuen verantwortungsvollen Job antrat, wollte sie eine verrückte, stürmische Liebesaffäre erleben. Nur dieses eine Mal. Eine Nacht der Leidenschaft, bevor sie wieder die brave, zurückhaltende, zuverlässige Shayla wurde. Das wollte sie sich gönnen. War doch wohl nicht zu viel verlangt, oder?

Nervös fuhr sie sich durchs Haar. Zuerst musste sie sich noch auf die Party einschleichen. Denn eine Einladung besaß sie nicht.

Die Tür zur Damentoilette schwang auf, und mehrere Frauen traten ein. Wortlos lächelte man sich an, und Shayla bemerkte, dass eine der Damen neidvoll ihr Abendkleid betrachtete. Das freute und beruhigte sie. Ganz offensichtlich war nicht zu erkennen, dass es sich um ein altes Designerkleid ihrer Mutter handelte – ein Überbleibsel aus besseren Tagen der Familie Charleston. Shayla hatte es nur ein wenig aufgepeppt.

Noch ein prüfender Blick in den Spiegel. Ihr Make-up war perfekt, ihr Haar saß gut. Wenn man bedachte, dass sie sich in einem schäbigen kleinen Motelzimmer zurechtgemacht hatte, vor einem verkratzten alten Spiegel unter einer flackernden Deckenlampe, war das fast ein Wunder. Eine bessere Unterkunft konnte sie sich zurzeit nicht leisten. Aber trotz der widrigen Umstände strahlte sie jetzt Wohlstand, Eleganz und Würde aus – etwas, das die Charlestons seit zehn Jahren bitter vermissten. Und das war die Schuld der Familie Dante.

Jetzt würde sie auf Erkundungstour gehen, zur Vorbereitung auf das Treffen morgen. Wenn sie ein Gefühl für die Entscheidungsträger bekam, konnte sie sich auf sie einstellen und war vielleicht in einer besseren Verhandlungsposition. Das war dringend nötig, wenn sie bedachte, dass sie wenig Ahnung und erst recht keine Erfahrung mit der Materie hatte. Unsicher griff sie nach ihrer perlenbesetzten Handtasche, in der sie die Liste hatte. Zu ihrer Verärgerung stellte sie fest, dass der Verschluss schon wieder aufgesprungen war, als sie sie auf dem Waschbecken abgelegt hatte.

Auch die Handtasche hatte ihrer Mutter gehört, ein weiteres Überbleibsel aus den längst vergangenen Zeiten des Wohlstands und der Sorglosigkeit. Normalerweise hätte es sie nicht gestört, dass der Verschluss kaputt war, aber in diesem Fall schon.

Denn was sich in der Handtasche befand, war Millionen wert.

Es durfte auf keinen Fall verloren gehen. Das restliche Geld für die College-Ausbildung hätte sie ihrer Großmutter vielleicht zurückzahlen können, aber ihr diesen Verlust zu ersetzen – das würde ihr nie gelingen. Shayla griff in die Handtasche und schob das kleine Ledersäckchen ganz nach unten. Dann zog sie die Liste hervor, die ihr ihre Großmutter gegeben hatte, und prägte sich noch einmal die Namen ein.

Primo Dante: der Familienpatriarch und Gründer des Dante-Schmuckunternehmens, jetzt im Ruhestand. Severo Dante, Geschäftsführer und Vorstandsvorsitzender. Dann die Zwillinge Marco und Lazzaro. Marco war für das Auslandsgeschäft zuständig; ihn würde sie wahrscheinlich nicht treffen. Lazzaro hingegen, der die Finanzen verwaltete, würde mit Sicherheit bei dem Meeting dabei sein. Mehr wusste ihre Großmutter nicht, mehr hatte sie leider nicht herausgefunden. Es musste genügen.

Immerhin kannte sie die Namen, das war ja schon mal was. Zufrieden faltete Shayla das Blatt wieder zusammen und steckte es zurück in die Handtasche. Zur Sicherheit überprüfte sie noch einmal, ob der Verschluss hielt. Dann holte sie tief Luft, betrachtete ihr Spiegelbild und nickte. Sie konnte nur hoffen, dass sie in der Gesellschaft nicht auffallen würde.

Nachdem sie die Damentoilette verlassen hatte, musterte sie die Gäste, die im Foyer warteten. Das Schwierigste würde sein, an den Sicherheitsleuten vorbeizukommen, die die Einladungen kontrollierten. Doch dann sah sie ihre Chance. Eine größere Gruppe lachender und plaudernder Menschen verließ den Vorraum und ging auf den Eingang zu, und so unauffällig wie möglich schloss sie sich ihnen an, tat so, als gehörte sie dazu. Mit einer lässigen Handbewegung winkte der Chef-Sicherheitsmann die Gruppe durch. Ich bin drin, dachte Shayla. Das war ja einfach! Und jetzt an die Arbeit. Die Dantes finden.

Und vielleicht den perfekten Mann. Den Mann, der die heutige Nacht zur schönsten meines Lebens macht.

Ihre schlanke, elegante Erscheinung fiel Draco Dante sofort auf, als sie den Raum betrat. Kaum hatte er sie gesehen, begehrte er sie mit einer Leidenschaft, die ihn fast in die Knie zwang. Vielleicht war es gedankenlos von ihm, dass er sich nicht gegen diese Anziehung wehrte. Doch in diesem Moment war ihm noch nicht klar, was wirklich geschah. Falls er es ahnte, ging er wohl unbewusst davon aus, sich jederzeit aus dem Bann befreien zu können. Dabei war es bereits geschehen: Das Inferno hatte ihn gepackt und zog ihn unweigerlich mit sich. Doch noch glaubte er, selbst Herr über sein Schicksal zu sein.

Bis zum heutigen Abend hatte er nicht wirklich an das Inferno geglaubt. An diese Familienlegende, die manche auch als Fluch ansahen. Seiner Ansicht nach war es lächerlich zu glauben, dass ein Mann seine Seelengefährtin, die Frau, die ihm vorherbestimmt war, durch eine einfache Berührung erkennen konnte. Nein, er glaubte nicht einmal daran, dass es so etwas wie eine vorherbestimmte Seelengefährtin überhaupt gab. Dieser Gedanke behagte ihm überhaupt nicht: eine Frau – und nur eine! –, die gewissermaßen für ihn geschaffen war. Wie oft hatte er im Laufe der Jahre diese Geschichten gehört! Und es miterleben müssen, wie nach und nach, einer nach dem anderen, die Männer aus seiner Verwandtschaft in den Bann dieser angeblichen geheimnisvollen Macht gefallen waren. Aber was immer es auch war, was immer ihn gepackt hatte, als er die schöne Unbekannte zum ersten Mal erblickte, er konnte im Moment nur an eines denken.

Nimm diese Frau!

Sie musste etwa über einen Meter siebzig sein. Ihr volles schwarzes Haar hatte sie im Nacken zusammengebunden; es passte wunderbar zu ihren blauen Augen. Ihre Figur war nicht ausgesprochen üppig, aber doch so wohlgeformt, dass sie viele bewundernde Blicke erntete. Vielleicht lag es auch daran, wie sie ihre Formen präsentierte – in diesem rubinroten Trägerkleid, das die Rundungen auf dezente Weise betonte.

Nachdem sie den Raum betreten hatte, ging sie zielstrebig und mit unnachahmlicher Eleganz direkt auf einen der Schaukästen zu.

Sofort bewegte er sich in ihre Richtung, um der Konkurrenz zuvorzukommen. Eingehend betrachtete sie die ausgestellten Eheringe. „Sie sind wunderschön, oder?“, kommentierte er leise.

Sie sah ihn nicht einmal an, sondern schaute sich weiter die Ringe an. „Atemberaubend“, murmelte sie.

„Ich glaube, jetzt ist der Zeitpunkt, wo wir uns einander vorstellen müssen“, schlug er lächelnd vor.

„Danke, verzichte“, entgegnete sie, musterte ihn kurz und wandte sich dann zum Gehen.

In diesem Moment beging er einen folgenschweren Fehler. Bevor sie ihm entwischen konnte, ergriff er ihre Hand. „Warten Sie …“

Und dann traf es ihn mit der Hitze und der Energie eines Blitzschlags. Als hätte ihm jemand einen Stromstoß versetzt, durchzuckte ihn eine mächtige elektrische Spannung. Nicht dass es wehtat – es überraschte ihn nur. Und es jagte ihm Angst ein, weil er plötzlich befürchten musste, dass an der Familienlegende doch etwas dran war.

Blitzschnell entwand sie sich seinem Griff. „Was war das?“, fragte sie verärgert und misstrauisch. „Was haben Sie da gerade mit mir angestellt?“

„Verflixt“, sagte er leise vor sich hin und fügte dann lauter hinzu: „Ich glaube, ich habe Ihnen gerade das Inferno verpasst.“

„Machen Sie das bloß nicht noch mal! Das hat mir ganz und gar nicht gefallen.“ Mit diesen Worten wandte sie ihm den Rücken zu und verschwand in der Menge.

Draco brauchte einige Sekunden, um zur Besinnung zu kommen. Er wusste nicht, ob er sich ärgern oder eher darüber amüsieren sollte. Auf jeden Fall nahm er sofort ihre Verfolgung auf und erwischte sie, als sie vor einem anderen Schaukasten stand.

Er stellte sich direkt neben sie, aber sie tat so, als bemerkte sie ihn gar nicht. „Wollen Sie mir sagen, dass Sie nur so etwas wie einen elektrischen Schlag gespürt haben, als wir uns berührt haben? Und weiter nichts?“

Ungerührt betrachtete sie weiter die Schmuckstücke. „Hätte ich denn noch etwas anderes spüren sollen?“

„Nach allem, was ich gehört habe … ja.“

Endlich wandte sie den Kopf und blickte ihn an. In ihren Augen lagen Spuren einer undefinierbaren Trauer. Er hatte den Eindruck, als könnte er all ihre Gefühle darin lesen. Und gerade jetzt war ihre Botschaft überdeutlich: Lassen Sie mich in Ruhe! Missmutig verzog sie den Mund. „Ich habe keine Ahnung, wovon Sie überhaupt reden.“

Wäre es nicht so ärgerlich, dann wäre es fast zum Lachen, dachte er. Da steht die eine Frau, die ich unbedingt will, und sie zeigt mir die kalte Schulter. Behandelt mich wie ein lästiges Insekt. „Vielleicht könnten wir noch mal ganz von vorn anfangen“, schlug er vor. „Ich bin …“

Sie fuhr herum und legte ihm einen Finger auf die Lippen. „Keine Namen“, flüsterte sie verschwörerisch. „Gut, ich will es Ihnen kurz erklären: Ich habe mich hier ohne Einladung eingeschlichen. Wenn ich erwischt werde, können Sie mit ruhigem Gewissen sagen, dass Sie nicht wissen, wer ich bin. So bekommen Sie dann wenigstens keinen Ärger.“

Auch das noch, dachte er. Jetzt kann ich ihr natürlich nicht verraten, dass ich ein Dante bin. „Haben Sie sich hier reingeschmuggelt, um etwas zu stehlen?“

Schockiert und ein wenig beleidigt sah sie ihn an. „Was? Natürlich nicht.“

„Na, das ist doch schon mal gut.“ Sehr gut sogar. „Wie wär’s denn wenigstens mit Vornamen? Daraus braucht nicht mal ein ungebetener Gast ein Geheimnis zu machen.“

Während sie nachdachte, konnte er seinen Blick nicht von ihrem vollen sinnlichen Lippen lassen. Wie gern hätte er sie geküsst und … „Na schön, das kann wohl nicht schaden“, räumte sie schließlich ein. „Ich heiße Shayla.“

„Draco“, erwiderte er. „Draco, der Mann ohne Nachnamen.“

„Was für ein komischer Name“, meinte sie. „Ihre Eltern müssen Sie gehasst haben.“

„Irrtum“, sagte er lächelnd. „Ursprünglich ist es ein Nachname, der Mädchenname meiner Mutter. Und ja, ich weiß, eine Figur bei Harry Potter heißt auch so. Aber ich war eher da.“

„Übersetzt bedeutet das Drache, stimmt’s?“

„Ich fürchte ja.“

„Und?“, fragte sie zögernd. „Sind Sie einer?“

„Ein Drache?“ Er überlegte einen Moment. „Ich kann schon ganz schön biestig sein, wenn mir etwas wichtig ist. Wenn mir jemand etwas wegnehmen will, das mir gehört.“

„Dann passe ich wohl lieber auf, dass ich mich an nichts vergreife, was Ihnen lieb und teuer ist.“

„Besser wär’s.“

Vorsichtig trat er etwas näher an sie heran, um zu sehen, wie sie reagierte. Kaum merklich spannte sie die Muskeln an, aber das genügte ihm als Signal. Er gefiel ihr. Eindeutig. Aber warum bemühte sie sich so, es zu verbergen? Wenn sie sich nur halb so stark zu ihm hingezogen fühlte wie er sich zu ihr, müsste sie sich hemmungslos auf ihn stürzen.

Das Inferno – wenn es wirklich das Inferno war, und so ganz sicher war er sich da noch nicht – schaltete die Vernunft, den klaren Menschenverstand, aus. Ein von ihm befallener Mann musste die ihm vorherbestimmte Frau berühren, besitzen, bis zur Besinnungslosigkeit lieben.

„Warum kämpfen Sie dagegen an?“, fragte er direkt.

„Wogegen?“, konterte sie betont ahnungslos.

Aber damit konnte sie ihn nicht an der Nase herumführen. Er wusste ganz genau, was sie für ihn empfand. Blitzschnell ergriff er ihre Hand. Sofort flammte eine überwältigende Hitze zwischen ihnen auf, stärker noch als bei der ersten Berührung. Mit jedem Herzschlag wurde das Gefühl stärker, die Verbindung inniger, bis es ihn zu überwältigen drohte.

„Shayla …“

Es genügte schon, dass er begierig ihren Namen flüsterte. Sie öffnete leicht den Mund, ihre Lippen zitterten, ihr Atem ging schneller, sie schien sogar leicht zu wanken.

„Was haben Sie nur mit mir angestellt?“

Sie fragte das so verwirrt und fassungslos, dass er zusammenzuckte. „Tut mir leid. Aber das liegt nicht in meiner Macht, ich kann es nicht kontrollieren.“

„Für so etwas habe ich wirklich keine Zeit. Sorgen Sie dafür, dass es aufhört.“

Draco redete nicht lange drum herum. „Selbst wenn ich’s könnte, würde ich es nicht tun. Ich will Sie, Sie traumhaftes Geschöpf. Und ich glaube – nein, ich bin mir sicher –, Sie wollen mich auch.“

Sie schloss die Augen, und er fragte sich, ob sie in diesem Moment versuchte, gegen die heftige Anziehung anzukämpfen. Nicht dass sie diesen Kampf gewinnen konnte. Das war bisher noch niemandem gelungen. „Ich muss mich erst noch um etwas anderes kümmern“, flüsterte sie. „Das ist wichtiger.“

Schnell trat er näher an sie heran, so nahe, dass ihre Hüften und Oberschenkel einander berührten, dass er ihre Brüste an seinem Oberkörper spürte. Seine Lippen waren ihrem Mund jetzt ganz nah. „Was immer Sie zu erledigen haben … es kann warten“, sagte er. „Nichts kann wichtiger sein als das, was zwischen uns ist.“

Sie sah ihn an, und auf ihrem Gesicht spiegelte sich offenes Begehren. Wie bezaubernd ihr Lächeln war, mit welcher Eleganz sie sich bewegte, wie viel Energie in ihr schlummerte! All das wollte er in seinem Bett, wollte er für sich. Wie ein Drache, der einen Schatz bewacht, dachte er amüsiert. „So etwas habe ich noch nie getan“, gab sie leise zu. „Einfach die Selbstbeherrschung aufzugeben, so völlig impulsiv zu handeln …“

„Ich wünschte, ich könnte das Gleiche von mir behaupten. Versprechen Sie mir, dass Sie nicht gegen das ankämpfen, was wir beide fühlen.“

Ein zaghaftes Lächeln umspielte ihre Lippen. „Wahrscheinlich könnte ich es nicht, selbst wenn ich es wollte.“

Blitzschnell gab er ihr einen Kuss auf die Wange. „Geht mir genauso. Lassen Sie doch diese öde Party sausen. Wir schleichen uns einfach hier raus. Ich verspreche Ihnen, es wird bestimmt nicht langweilig.“

An ihrem leisen Lachen erkannte er, dass er gewonnen hatte, sie nicht mehr gegen die übermächtige Anziehungskraft ankämpfte. Nicht nur, dass der Tag wunderbar zu enden versprach – er hatte auch schon sehr gut angefangen. Am Vormittag hatte Draco einen Anruf von Juice erhalten, dem Sicherheitsmann und Privatdetektiv, der früher mit seinem Bruder zusammengearbeitet hatte. Freudig hatte Juice ihm berichtet, dass er einen weiteren Feuerdiamanten aufgestöbert hatte – den vierten von insgesamt sechs, die man Draco vor zehn Jahren gestohlen hatte. Trotz des langen Zeitraums quälte ihn immer noch, dass er sich damals hatte übertölpeln lassen. Noch immer war diese Niederlage ein Stachel in seinem Fleisch. Aber jetzt, mit den neuen Informationen, wuchs seine Hoffnung, den Menschen zu finden, der ihn damals hereingelegt hatte.

Im Moment interessierte ihn das allerdings weniger. Dafür bezauberte diese Frau ihn zu sehr, die plötzlich wie aus dem Nichts in sein Leben getreten war. Sie nahm ihm sogar die Überzeugung, dass es das Inferno nicht gab. Andererseits … Vielleicht war es ja auch gar nicht das Inferno, sondern nur ein plötzlicher Anfall sexuellen Begehrens, ein Blitzschlag der Lust.

„Was ist das nur?“, fragte sie. Ihre Stimme war voller Leidenschaft, und er hörte einen leichten Südstaatendialekt heraus. Wahrscheinlich kommt sie aus Georgia, dachte er. Oder aus South Carolina. „Warum gerade Sie … und nicht einer der anderen attraktiven Männer hier?“, fuhr sie fort und wies mit einem Kopfnicken in die Menschenmenge. „Ich verstehe wirklich nicht, was hier gerade passiert.“

Einer der anderen Männer? Allein der Gedanke, dass Shayla sich einem anderen hingeben könnte, brachte sein Blut vor Eifersucht zum Kochen. „Ich weiß auch nicht, wie oder warum diese plötzliche Verbindung zwischen uns entstanden ist“, gab er zu. „Jedenfalls nicht genau. Aber wenn es Sie beruhigt – mir geht es nicht anders als Ihnen.“

Er konnte sich nicht mehr zurückhalten, er musste sie einfach berühren. Mit den Fingerspitzen fuhr er ihr sanft über den Arm und spürte das verräterische Kribbeln des Infernos. Komm mit mir, sagte seine Berührung.

Als sie sich an ihn schmiegte, legte er ihr den Arm um die Hüfte, ging mit Shayla hinaus in die Vorhalle und zu den Fahrstühlen. Einer der Lifts war den Familienmitgliedern und dem Führungspersonal vorbehalten und ließ sich nur mit einem speziellen Sicherheitsschlüssel betätigen. Er benutzte den Schlüssel, und sie traten ein. Innen steckte er ihn wieder ins Schloss, um die Fahrt ins Obergeschoss zu ermöglichen, in dem sich vier private Penthouse-Suiten befanden.

Stirnrunzelnd sah sie ihn an. „Wo fahren wir denn hin?“

„Nach oben.“ Ihm war bewusst, dass das keine befriedigende Antwort war, aber zu mehr war er im Moment nicht fähig. Ihn kostete es seine gesamte Willenskraft, die Finger von ihr zu lassen.

„Und was ist da oben?“

„Dort hat die Firma Dante mehrere Suiten für Geschäftskunden von außerhalb, die ganz wild darauf sind, ihre Millionen für Dantes Luxusschmuck auszugeben. In einer dieser Suiten wohne ich zurzeit.“ Aus irgendeinem Grund schien diese Information sie zu beruhigen. „Dort können wir bereden, was uns widerfahren ist, ohne dass uns jemand stört.“

„Nur bereden?“

„Das kommt darauf an“, erwiderte er geradeheraus.

Sie neigte den Kopf zur Seite und musterte ihn kritisch. „Worauf?“

„Was wir entscheiden. Wie wir mit der Situation umgehen wollen.“ Er ergriff ihre Hand und verschränkte seine Finger mit ihren.

Tief atmete sie ein; ihr Blick war voller Begehren. „Ich muss Sie noch einmal fragen, was das ist, das uns da befallen hat“, stieß sie hervor. „Und diesmal will ich eine klare Antwort.“

Zum Glück öffneten sich die Fahrstuhltüren, bevor er gezwungen war, das Unbegreifliche in Worte zu fassen. Als sie ausstiegen, zog er Shayla den Flur entlang zu der Tür, die in seine Penthouse-Suite führte. Hier wohnte er, solange sein neues Haus noch nicht bezugsfertig war. Nur eine der anderen drei Suiten war zurzeit belegt. Dort residierten der König und die Königin von Verdonia, die Herrscher des kleinen Landes, aus dem die Firma Dante die weltweit prächtigsten Amethyste bezog. Viele Ringe aus der Eternity-Kollektion, die heute Abend vorgestellt wurden, waren mit ihnen geschmückt.

Endlich hatte Draco den richtigen Schlüssel gefunden. Mit einer schnellen Bewegung hob er Shayla auf die Arme und trug sie über die Schwelle. Eigentlich eine zutiefst symbolische Handlung, aber darauf verschwendete er keinen Gedanken. Ihm ging es nur darum, jetzt hier mit ihr allein zu sein und sie so schnell wie möglich ins Bett zu verfrachten. Wenn er es bis zum Schlafzimmer überhaupt noch aushielt.

Schnell trug er sie durch das geräumige Wohnzimmer, durch dessen Fenster man sowohl die Stadt als auch die Bucht sehen konnte. Nachdem er Shayla abgesetzt hatte, ergriff er ihre Handtasche und warf sie achtlos in Richtung Couch. Sie prallte von einem Kissen ab und landete auf dem Fußboden.

„Halt!“, rief sie erschrocken. „Meine Handtasche …“

„Die liegt morgen früh auch noch da.“

Als er sie voller Begehren in die Arme schließen wollte, wich sie kurz zurück und warf noch einmal einen prüfenden Blick auf ihre Handtasche. Offenbar kam sie zu dem Schluss, dass sie dort sicher war, denn nun wandte Shayla sich wieder ihm zu.

„Einen Moment noch, Draco. Bevor das hier weitergeht … Sie wollten mir doch noch erklären, was den elektrischen Schlag ausgelöst hat, als wir uns zum ersten Mal berührt haben.“

„Ich hoffe, es hat Ihnen nicht wehgetan. Aber ich kann auch nichts dafür, ehrlich.“

Sie rieb sich die kribbelnde Handfläche. „Ich spüre es immer noch.“

„Das vergeht schon.“ Wenigstens hoffte er das.

Misstrauisch sah sie ihn an. „Und was ist das jetzt genau?“

„Unsere Familie nennt es das Inferno“, erklärte er widerstrebend. Den Namen Dante erwähnte er sicherheitshalber nicht, weil er befürchtete, er würde sie verschrecken. „Wenn wir uns zu bestimmten Frauen stark hingezogen fühlen, wird dieses Kribbeln, diese elektrische Spannung, ausgelöst.“

„Was soll das heißen … bestimmte Frauen?“

Er zögerte. Jetzt wurde es gefährlich! Sorgfältig wählte er seine Worte. „Frauen, die uns gefallen, die wir begehren. Ich kann allerdings nur vermuten, dass das der Auslöser ist. Denn um ehrlich zu sein – mir ist das vorher noch nie passiert.“

„Verstehe. Ihre Art von Lockruf – wie in der Tierwelt, wenn es an die Paarung geht.“

„Ich weiß nicht, ob das ein passender Vergleich ist“, kommentierte er amüsiert, aber auch ein wenig verärgert.

„Wie machen Drachen das denn sonst?“, fragte sie lachend. „Brüllen sie herum und speien sie Feuer?“

„Höchstens bei Ihnen“, entgegnete er. Wenn es ihm half, sie zu gewinnen, würde er das Unmögliche möglich machen und tatsächlich Feuer speien.

Zum Glück hakte sie wegen des Infernos nicht weiter nach, sondern schmiegte sich an ihn. Erwartungsvoll öffnete sie den Mund. Wie schön sie war! Und doch – in ihren Augen lag eine traurige Verunsicherung, die er sich nicht erklären konnte.

„Bekommen Sie plötzlich Zweifel?“, fragte sie.

„Nein, überhaupt nicht.“

„Oh.“ In ihrem Gesichtsausdruck spiegelte sich eine herzzerreißende Verletzlichkeit. „Eigentlich hatte ich gedacht, Sie würden mich küssen, jetzt, da wir diese Inferno-Sache geklärt haben. Aber Sie haben es nicht getan.“

„Es handelt sich ja auch um einen ersten Kuss.“

„Und das ist in Ihren Augen etwas Besonderes?“

„Allerdings. An den ersten Kuss wird man sich immer erinnern. Er muss mit Bedacht geschehen. Zum Beispiel – sind Sie eine Frau, die gern langsam erkundet werden möchte? Behutsam und vorsichtig?“

„So könnte man es machen“, erwiderte sie.

Er schüttelte den Kopf. „Nein, das scheint mir für Sie nicht das Richtige zu sein. Vielleicht muss der Hunger, die Leidenschaft, die wir verspüren, sofort befriedigt werden. Mit fordernden, besitzergreifenden Küssen.“

„Das hört sich noch verlockender an“, erwiderte sie seufzend und voller Begehren.

„Sehr sogar“, gab er zu. „Aber für den ersten Kuss ist auch das nicht passend. Fordernd und besitzergreifend kommt später.“

„Aber es kommt?“

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