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Ein Milliardär entdeckt die Liebe

1. KAPITEL

Cesario di Silvestri fand keinen Schlaf.

Die Ereignisse der letzten Monate hatten wichtige Entscheidungen von ihm verlangt. Entschlossen hatte er die Spreu vom Weizen getrennt und seine Energien auf das wirklich Wichtige im Leben konzentriert. Er hatte immer unermüdlich gearbeitet, um zu dem immens reichen Tycoon zu werden, der er war, dabei hatte er allerdings ein echtes Privatleben völlig außer Acht gelassen. Der einzige Mensch, dem er vertraute, war sein Cousin Stefano, mit dem er aufgewachsen war.

Sicher, Cesario hatte viele Frauen in seinem Bett gehabt, aber nur eine hatte ihm wirklich etwas bedeutet. Und sie hatte er mit solcher Gedankenlosigkeit behandelt, dass sie ihn für einen anderen verließ. Er war dreiunddreißig Jahre alt und bisher nicht einmal in die Nähe eines Altars gekommen. Was sagte das über ihn aus? War er von Natur aus ein Einzelgänger, oder hatte er einfach nur Beziehungsangst?

Cesario fuhr sich mit einer Hand durchs Haar. Dieses Philosophieren lag ihm nicht. Er war kein Denker, sondern ein Macher – ein durchtrainierter Sportler, ein dynamischer, kühl kalkulierender Geschäftsmann …

Es hatte keinen Zweck. Cesario gab auf, zog sich Shorts an und lief durch seine prächtige marokkanische Villa, unbeeindruckt von dem Prunk, der zum Lebensstil eines Milliardärs gehörte und der ihm seit Neuestem nichts mehr bedeutete.

Er füllte ein Glas mit kaltem Wasser und trank in großen Schlucken. Wie er schon Stefano gestanden hatte – in seinem Alter hätte er gern ein eigenes Kind gehabt, aber eben nicht mit einer Frau, der nur an Geld lag. Denn eine solche Frau würde die eigenen oberflächlichen Werte ihrem Kind weitergeben.

„Aber es ist doch nicht zu spät für dich, eine Familie zu gründen“, hatte Stefano überzeugt erklärt. „Du solltest das tun, was du willst, nicht das, was du meinst, tun zu müssen.“

Sein Handy klingelte, und Cesario lief wieder nach oben zurück. Wer von seinem Personal hielt es für nötig, ihn mitten in der Nacht anzurufen?

Es waren keine guten Nachrichten. Rigo Castello, sein Sicherheitschef, informierte ihn darüber, dass ein Gemälde, gut eine halbe Million Pfund wert, aus Halston Hall, Cesarios englischer Landvilla, gestohlen worden war. Laut Rigo deutete alles darauf hin, dass ein Angestellter für den Diebstahl verantwortlich war. Kalte Wut überkam Cesario, doch er würde nicht toben, sondern es auf andere Art regeln. Er bezahlte seine Leute großzügig, dafür erwartete er allerdings auch Loyalität. Wenn der Täter gefunden war, würde Cesario dafür sorgen, dass man denjenigen dem Gesetz nach ohne Wenn und Aber verurteilte.

Ein grimmiges Lächeln zog auf seine sinnlich geschwungenen Lippen. Ein Besuch des englischen Herrenhauses war also nunmehr unvermeidlich. Und sicher würde Cesario in den Ställen auch seiner wunderschönen Madonna wiederbegegnen, denn seine Pferde brauchten schließlich ständige Pflege und Betreuung. Anders als alle Frauen, die er kannte, besaß seine englische Madonna eine einzigartige Qualität: Sie war die Einzige, die bisher Nein zu ihm gesagt hatte. Ein Dinner mit ihm, und sie hatte Cesario di Silvestri aus ihrer Erinnerung gelöscht – eine Tatsache, die ihn maßlos ärgerte und frustrierte. Diese Frau würde ihm immer ein Rätsel sein und ein Geheimnis für ihn bleiben.

Die langen Locken in einem praktischen Pferdeschwanz zusammengebunden, murmelte die zierliche Brünette unablässig beruhigende Worte, während sie mit der Schermaschine das verfilzte Fell des ängstlich kauernden Hundes entfernte.

Und je mehr Jess von dem ausgemergelten Körper des Tieres freilegte, desto mehr verhärteten sich die Züge um ihren schönen vollen Mund. Das Leiden wehrloser Tiere hatte sie schon als Kind aufgewühlt, deshalb hatte sie auch Tiermedizin studiert, um zu helfen, wo sie nur konnte.

Ihre freiwillige Helferin, ein hübsches blondes Mädchen, drückte den Hund behutsam auf den Tisch nieder. „Wie steht es mit ihm?“, fragte Kylie besorgt.

Jess warf dem Teenager einen Seitenblick zu. „Nicht allzu schlecht, wenn man sein hohes Alter bedenkt. Wenn ich erst seine Wunden versorgt und ihn ein wenig aufgepäppelt habe, wird es ihm wesentlich besser gehen.“

„Es ist immer schwierig, ein Zuhause für alte Hunde zu finden.“ Kylie seufzte.

„Das kann man nie im Voraus sagen.“ Jess gab sich optimistisch. In den letzten Jahren hatte sie selbst einer ganzen Meute von Hunden ein neues Heim gegeben – alten Hunden, verkrüppelten Hunden, Hunden mit Verhaltensstörungen. Nur wenige Leute holten einen solchen Hund aus dem Tierheim, das wusste sie.

Als Jess die Stelle in der Tierarztpraxis der englischen Kleinstadt Charlbury St Helens angetreten hatte, war sie in die Räume über der Praxis gezogen. Doch als der Seniorpartner beschloss, sich zu vergrößern und in der kleinen Wohnung Büroräume einzurichten, hatte Jess sich eine andere Bleibe suchen müssen. Sie hatte Glück gehabt und ein altes Cottage etwas außerhalb des Städtchens gefunden.

Das Cottage selbst war weiß Gott nichts Besonderes, aber es stand auf einem riesigen Grundstück, auf dem es wiederum mehrere Ställe und Hütten gab. Der Vermieter hatte sich einverstanden erklärt und Jess erlaubt, hier ein kleines Tierheim aufzuziehen. Als Tierärztin verdiente Jess zwar gut, aber sie war praktisch immer pleite, steckte sie doch jeden Cent in Futter und Medikamente für die Tiere. Trotzdem war sie glücklicher, als sie je in ihrem Leben gewesen war. Sie tat nämlich genau das, was sie liebte, und sie wäre auch die Erste, die zugeben würde, dass sie mit Vierbeinern wesentlich besser zurechtkam als mit Menschen.

Bei dem Geräusch eines vorfahrenden Autos steckte Kylie den Kopf zur Tür hinaus. „Dein Vater, Jess.“

Überrascht schaute Jess auf. Robert Martin kam nur selten am Wochenende vorbei. Überhaupt hatte sie in letzter Zeit nur wenig von ihrem Vater gesehen, schien er doch außergewöhnlich beschäftigt mit seiner Arbeit. Normalerweise half er ihr nämlich regelmäßig dabei, Ställe und Zäune zu reparieren. Der stille Mittfünfziger war ein guter Ehemann und ein noch besserer Dad.

Die anderen Familienmitglieder waren immer der Meinung gewesen, Jess wolle zu hoch hinaus mit ihrem Veterinärmedizinstudium, Robert jedoch hatte seine Tochter bei jedem Schritt zur Vollendung ihres Traums ermutigt. Seine Liebe und Unterstützung bedeuteten ihr umso mehr, da Robert der einzige Vater war, den sie hatte, auch wenn er nicht ihr leiblicher Vater war. Dieses Geheimnis kannten jedoch nur wenige außerhalb des Familienkreises.

„Ich übernehme das Füttern“, bot Kylie an, als der stämmige, grauhaarige Mann eintrat und grüßend nickte.

„Ich bin gleich so weit, Dad.“ Jess stand über den Hund gebeugt und trug Desinfektionsmittel auf dessen Wunden auf. „Wie kommt es, dass du so früh an einem Sonntagmorgen vorbeischaust?“

„Ich muss mit dir reden. Nachher gehst du in die Kirche, und abends hast du ja meist immer Bereitschaftsdienst“, brummte ihr Vater.

Etwas in seiner Stimme ließ sie den Kopf heben, mit ihren ungewöhnlichen hellgrauen Augen schaute sie ihn fragend an. Ihr fiel auf, wie blass und angespannt er aussah. Nicht nur merkte man ihm sein Alter jetzt an, sondern er wirkte sogar noch älter als seine Jahre. So besorgt hatte sie ihn nicht mehr gesehen, seit ihrer Mutter letztes Jahr die Diagnose Krebs gestellt worden war.

„Kümmere dich erst um deinen Patienten.“

Nur mit Mühe hielt Jess die jähe Angst in Schach. Großer Gott, war der Krebs bei ihrer Mutter etwa wieder ausgebrochen? Ihre Hände begannen bei dem Gedanken leicht zu zittern. Soviel sie wusste, stand der Termin zur Kontrolluntersuchung noch nicht an, und sie schalt sich, sofort an das Schlimmste zu denken. „Geh am besten schon ins Haus vor. Ich brauche hier nicht mehr lange“, schlug sie Robert knapp vor.

Sobald sie mit ihrer Behandlung fertig war, schloss sie den Hund in den Hundezwinger, wo bereits eine Schüssel Futter auf das Tier wartete. Kurz sah sie zu, wie der Hund sich gierig über die Schüssel hermachte. So, wie das arme Tier schlang, musste es die erste richtige Mahlzeit seit Wochen sein.

Gründlich wusch sie sich dann die Hände in dem kleinen Bad, bevor sie ins Haus hinübereilte und in die Küche ging, wo Robert Martin bereits an dem alten Küchentisch saß und auf sie wartete.

„Was stimmt nicht?“, fragte sie ohne Einleitung. Die Angst um die Mutter machte es ihr unmöglich, mehr zu sagen.

Robert schaute auf, Schuldgefühl und Sorge stand in den braunen Augen zu lesen. „Ich hab etwas Dummes getan. Etwas wirklich Dummes. Tut mir leid, dass ich das bei dir ablade, aber ich bringe es nicht über mich, deine Mutter damit zu belasten“, brachte er gepresst hervor. „Sie hat so viel durchmachen müssen in letzter Zeit, das hier würde ihr den Rest geben …“

„Sag endlich, was los ist“, drängte Jess und setzte sich ihm gegenüber. Sicher übertrieb er, sie konnte sich nicht vorstellen, dass er irgendetwas Falsches tun könnte. Er war ein grundehrlicher und bescheidener Mann, von allen gemocht und respektiert. „Was hast du denn angestellt?“

Robert Martin schüttelte das graue Haupt. „Ich habe mir Geld geliehen – viel Geld – und dann auch noch von den verkehrten Leuten …“

„Du hast Schulden gemacht?“ Ungläubig sah Jess ihn an.

„Das war nur der Anfang.“ Der ältere Mann seufzte schwer. „Erinnerst du dich noch an den Urlaub, den ich mit deiner Mutter nach ihrer Behandlung gemacht habe?“

Jess nickte. Robert hatte ihre Mutter zu einer Kreuzfahrt eingeladen – eine Reise, die so bescheiden lebende Menschen wie Jess’ Eltern sich eigentlich nie hätten leisten können. „Ich war damals überrascht, aber du sagtest ja, dass du deine Ersparnisse dafür aufgelöst hast …“

„Ich habe gelogen.“ Wieder schüttelte Robert den Kopf. „Es gab nie Ersparnisse. Ich habe mir das Geld geliehen – vom Bruder deiner Mutter, Sam Welch.“ Er konnte mitverfolgen, wie besorgt die Miene seiner Tochter wurde.

„Der Mann ist ein Kredithai, das weißt du! Mums ganze Familie ist eine dubiose Bande. Du selbst warnst doch ständig davor, sich mit ihnen einzulassen“, stieß Jess herzhaft aus. „Bei allem, was du von Sam weißt, wie konntest du dir da bei ihm Geld leihen?“

„Die Bank hatte einen Kredit abgelehnt, dein Onkel Sam blieb als einzige Möglichkeit. Weil er Mitleid mit deiner Mutter hatte, wollte er auch auf die Rückzahlung warten. Er war wirklich nett und hörte sich sehr verständnisvoll an. Jetzt aber haben seine Söhne das Geschäft übernommen, und Jason und Mark gehen ganz anders mit Leuten um, die ihnen Geld schulden.“

Jess stöhnte laut auf, während sie schon darüber nachdachte, ob sie irgendwie helfen konnte. Doch sie selbst hatte auch nichts gespart, und jetzt fühlte sie sich deshalb schrecklich schuldig. Sie verdiente mehr als ihre Eltern und mehr als ihre beiden Brüder, und dennoch konnte sie nicht helfen. Aber vielleicht konnte sie ja einen Kredit aufnehmen …

„Die ursprüngliche Summe ist durch Zins und Zinseszins immer weiter angewachsen“, fuhr Robert auch schon fort. „Jason und Mark saßen mir ständig im Nacken. Sie verfolgten mich zur Arbeit, riefen mitten in der Nacht an und erinnerten mich ständig daran, wie viel ich ihnen schulde. Es war der pure Albtraum, die ganze schreckliche Sache vor deiner Mutter geheim zu halten. Die beiden haben mich völlig aufgerieben, ich wollte sie nur noch loswerden. Und als sie mir dann einen Deal vorschlugen …“

„Einen Deal?“, fiel Jess ihm ins Wort. „Was für einen Deal?“

„Sie sagten, wenn ich ihnen helfe, sei die Sache erledigt, und ich Narr, der ich bin, habe mitgemacht.“

Die Angst und die Reue im Gesicht ihres Vaters ließen Übelkeit in Jess aufwallen. „Wobei hast du ihnen geholfen?“, wollte sie matt wissen.

„Sie sagten, sie wollten Fotos von der Einrichtung in Halston Hall machen, um sie dann an eines von diesen Hochglanzmagazinen zu verkaufen … du weißt schon, eine von den Zeitschriften über die Schönen und Reichen, die deine Mutter so gern liest.“ Seine Worte begleitete er mit einer Geste eines Mannes, der sich noch nie für so etwas interessiert hatte. „Jason hat doch immer damit geprahlt, was für ein guter Fotograf er sei, und Mark meinte, solche Fotos wären ein kleines Vermögen wert. Ich dachte mir nichts Böses dabei.“

„Nichts Böses?“, wiederholte Jess fassungslos. „Du lässt wildfremde Leute in das Haus deines Arbeitgebers ein und denkst dir nichts dabei?“

„Mir war schon klar, dass es Mr di Silvestri nicht gefallen würde. Ich weiß, wie viel Wert er auf seine Privatsphäre legt“, gestand er betroffen. „Aber dann dachte ich auch – dummerweise –, dass niemand herausfinden würde, dass ich die beiden eingelassen habe … oder wer überhaupt im Haus war.“

Langsam fügte sich alles zu einem Bild und Jess sprang vom Stuhl auf. „Großer Gott! Das Gemälde, das aus Halston Hall gestohlen wurde! Bist du etwa in den Diebstahl verwickelt?“, verlangte sie schrill zu wissen.

„Ich habe Jason und Mark meine Schlüsselkarte überlassen und ihnen den Sicherheitscode gegeben.“ Flehend schaute Robert sie an. „Ich glaubte wirklich, sie würden nur Fotos machen, ich ahnte doch nicht, dass sie etwas stehlen wollten, ehrlich nicht. Doch inzwischen bin ich überzeugt, dass das alles von vornherein geplant war und ich Trottel ihnen auf den Leim gegangen bin.“

„Du musst sofort zur Polizei gehen und alles, was du weißt, zu Protokoll geben“, riet Jess sofort.

„Das ist gar nicht nötig … die Polizei wird nämlich schon sehr bald bei mir auftauchen“, erwiderte Robert tonlos. „Gestern Abend erst habe ich herausgefunden, dass Mr di Silvestri ein sehr ausgeklügeltes Sicherheitssystem hat einbauen lassen. Jeder, der für ihn arbeitet, hat einen persönlichen Sicherheitscode. Das heißt, sobald der bestellte IT-Experte sich daran setzt, sieht er sofort, dass es meine Karte war, die benutzt wurde, um den Alarm abzustellen.“

Jess überkam ein Schauder. Sie war entsetzt. Ganz offensichtlich hatten ihre Cousins Robert absichtlich bedrängt, um so Zugang zu dem Herrenhaus zu erhalten. Und der ältere Mann war zu naiv und gutgläubig und hatte ihnen tatsächlich abgenommen, dass sie nur Fotos machen wollten.

„Haben Jason und Mark Welch das Gemälde gestohlen?“

„Ich weiß nicht, was in dieser Nacht passiert ist. Ich habe ihnen nur den Code und die Karte überlassen, die am nächsten Morgen wieder im Briefkasten lag“, gab er bedrückt zu. „Irgendwann in der nächsten Woche warnten mich die beiden, ich solle bloß den Mund halten, und als ich sie dann auf den Einbruch ansprach, beharrten sie darauf, nichts damit zu tun zu haben. Sie wollen auch ein Alibi für den besagten Abend haben. Ehrlich gesagt, als internationale Kunstdiebe sehe ich die beiden nicht unbedingt. Aber vielleicht haben sie Code und Karte ja an jemand anders weitergegeben … Ich weiß es nicht.“

Mit einem mulmigen Gefühl im Magen dachte Jess an Cesario di Silvestri, den italienischen Tycoon, aus dessen Haus ein wertvolles Gemälde gestohlen worden war. Letztendlich würde ihr Vater für den Diebstahl zur Verantwortung gezogen werden. Di Silvestri war kein Mann, der so etwas ungeahndet lassen würde, er war nicht der Mann, der vergab und vergaß. Wer würde überhaupt die Version ihres Vaters glauben? Dass Robert Martin seit über vierzig Jahren auf dem Halston-Anwesen arbeitete, würde kaum Gewicht haben, genauso wenig wie die Tatsache, dass er keine Vorstrafen hatte und einen guten Ruf genoss. Am Ende würde er als Verbrecher dastehen.

Als ihr Vater sie beim Abschied drängte, ihrer Mutter gegenüber kein Sterbenswörtchen verlauten zu lassen, runzelte Jess besorgt die Stirn. „Du musst Mum davon erzählen, so schnell wie möglich“, widersprach sie. „Stell dir nur vor, wie groß ihr Schock sein wird, wenn plötzlich die Polizei vor der Haustür steht und sie von nichts weiß.“

„Der Stress könnte sie wieder erkranken lassen“, gab Robert zu bedenken.

„Das kann niemand mit Sicherheit sagen, und so oder so gibt es keine Garantien, das hat uns der Arzt doch schon gesagt. Wir können nur auf das Beste hoffen.“

„Ich hab sie im Stich gelassen.“ Tränen schimmerten in Roberts dunklen Augen. „Das hat sie nicht verdient.“

Jess schwieg. Was hätte sie auch sagen sollen? Die Zukunft sah tatsächlich düster aus. Ob sie bei Cesario di Silvestri für ihren Vater vorsprechen sollte? Wenn sie allerdings an die eigene unbehagliche Beziehung zu dem Mann dachte, schien ihr das keine besonders gute Idee zu sein. Ein Mal war sie mit ihm ausgegangen – er hatte sie zum Dinner eingeladen. Ihrer Ansicht nach hatte sie keine andere Wahl gehabt, als die Einladung zu akzeptieren, schließlich war er der Arbeitgeber ihres Vaters und der wichtigste Kunde der Tierarztpraxis.

Noch immer begannen ihre Wangen zu brennen, wenn sie an jenen katastrophalen Abend zurückdachte. Alles, was schiefgehen konnte, war auch schiefgegangen. Heute hasste sie es geradezu, in die Ställe auf dem Anwesen zu kommen, wenn sie wusste, dass Cesario di Silvestri sich auf Halston Hall aufhielt. Sobald sie in seiner Nähe war, fühlte sie sich schrecklich verlegen, und selbst ihre berufliche Selbstsicherheit setzte dann zu einem rasanten Sturzflug an.

Nicht, dass er unhöflich zu ihr gewesen wäre, im Gegenteil. Sie hatte nie jemanden mit derart perfekten Manieren getroffen. Und sie konnte ihm auch nicht vorwerfen, dass er sie belästigt hätte. Seit jenem Abend hatte er sie nicht wieder eingeladen. Aber immer lag ein Funkeln in seinem Blick, wenn er ihr begegnete, so als würde er sich königlich über sie amüsieren.

Bis heute verstand sie nicht, weshalb er sie überhaupt eingeladen hatte. Sie entsprach so gar nicht den schillernden Partygirls und glamourösen Schönheiten, mit denen er sich normalerweise umgab. Der italienische Milliardär war berüchtigt für seinen Erfolg beim weiblichen Geschlecht. Und Jess kannte alle Gerüchte, schließlich wohnte Dot Smithers, seine ehemalige Haushälterin, gleich neben ihren Eltern. Dot hatte von wilden Partys und schönen Mädchen erzählt, die extra zum Amüsement reicher männlicher Gäste eingeflogen wurden. Vieles von diesem Klatsch hatte der Skandalpresse auf Jahre hin Futter für die anrüchigsten Geschichten geliefert. Jess selbst hatte Cesario di Silvestri häufiger mit mehr als nur einer Frau im Arm gesehen, und für sie bestand kein Grund zu zweifeln, dass diese Damen ihm auch gemeinsam das Bett wärmten.

Schon allein aufgrund dieser Informationen wollte Jess auch nie wieder eine Einladung von Cesario erhalten. Aber selbst wenn da nicht all diese Geschichten um seinen anrüchigen Lebensstil kursieren würden … Jess war sich bewusst, dass sie nicht zu seiner Liga gehörte. Ihrer Meinung nach sollten Menschen die Grenzen, die sie trennten, akzeptieren. Ihre Mutter hatte einen hohen Preis bezahlt, weil sie als Teenager diese Grenzen nicht beachtet hatte.

Ihre Theorie von den zwischenmenschlichen Grenzen war durch das katastrophale Dinner erhärtet worden. Cesario hatte sie damals in ein kleines exklusives Restaurant geführt. Sie war sich völlig fehl am Platze vorgekommen unter den eleganten und glamourösen Gästen, vor allem im Vergleich zu den anwesenden Frauen. Cesario hatte ihr sogar die pompöse fremdsprachige Speisekarte erklären müssen. Und noch heute erinnerte sie sich daran, dass sie ihr Dessert mit dem Löffel gegessen hatte, während Cesario eine kleine Gabel benutzte.

Die Krönung des Abends war jedoch sein Angebot gewesen, die Nacht mit ihm zu verbringen, und das nach nur einem Kuss. Cesario di Silvestri arbeitete offenbar mit Lichtgeschwindigkeit, sobald es um Frauen ging. Allerdings hatte seine Offerte nur ihren Stolz verletzt und ihr Selbstbild angekratzt. Wirkte sie wirklich wie eine Frau, die so billig und so leicht zu haben war, dass sie mit einem Mann ins Bett fiel, den sie kaum kannte?

Zugegeben, es war ein absolut fantastischer Kuss gewesen. Doch diese berauschende Sinnlichkeit und Cesarios augenscheinlich durch Übung erreichte Kunstfertigkeit hatten Jess umso entschlossener gemacht, eine solch gefährliche Episode nicht zu wiederholen. Sie besaß viel zu viel Selbstachtung und gesunden Menschenverstand, um sich auf eine Affäre mit einem verboten reichen Frauenheld einzulassen.

Nach einer traumatischen Erfahrung während ihrer Universitätszeit hatte Jess sich so oder so von Männern ferngehalten. Sie zog einen unkomplizierten, ruhigen Lebensstil vor. Der einzige Nachteil, den sie bedauerte, war, dass sie vielleicht nie ein eigenes Baby haben würde, obwohl sie sich immer gewünscht hatte, Mutter zu werden. Jetzt, nur wenige Wochen vor ihrem einunddreißigsten Geburtstag, verstärkte sich der Verdacht in ihr, dass sie vielleicht nie ein Kind haben würde. Sie war sich durchaus klar darüber, dass sie vermutlich deshalb ihre Zuneigung so großzügig an all die Tiere verschenkte. Sie hatte sogar schon darüber nachgedacht, ob sie nicht ein Kind allein aufziehen sollte, doch erstens arbeitete sie zu den unmöglichsten Zeiten, und zweitens war es immer besser, wenn ein Kind auch eine Vaterfigur in seinem Leben hatte.

In dieser Nacht schlief Jess nur unruhig. Sie sorgte sich um ihren Vater. Dass ihre Mutter Sharon nicht angerufen hatte, war der Beweis – Robert hatte nicht den Mut gefunden, ihr von der Sache zu erzählen. Schon jetzt blutete Jess das Herz, wenn sie sich vorstellte, wie schockiert ihre Mutter sein würde, wenn sie die volle Wahrheit erfuhr. Jess machte sich keine Hoffnung, dass sie mit einem persönlichen Vorsprechen bei Cesario di Silvestri etwas erreichen würde. Andererseits … selbst wenn es nur die kleinste Chance gab … Sie war es ihrer Familie schuldig, es zumindest zu versuchen. Und mit dem Wissen um Cesarios gestrige Ankunft war ihr auch bewusst, dass sie sich so bald wie möglich an ihn wenden musste.

Am Dienstag hatte sie einen Termin auf dem Halston-Gestüt, um sich die Zuchtstuten anzusehen. Bei dieser Gelegenheit würde sie auch an Cesario herantreten.

Jess nahm die Hälfte ihrer reiseerfahrenen Hunde mit. Sie teilte die kleine Meute regelmäßig und nahm immer die eine oder andere Gruppe mit zu ihren Außenterminen. Heute begleiteten sie Johnson, ein Collie, der nach einem Unfall mit einem Traktor nur noch drei Beine und ein Auge hatte, Dozy, ein Windhund, der an Narkolepsie litt, also bei jeder Gelegenheit unvermittelt einschlief, und Hugs, ein riesiger Wolfshund, der vor Nervosität zu zittern begann, sobald er Jess aus seinem Sichtfeld verlor.

Cesario wusste, dass Jessica Martin sich auf seinem Land befand, als er die drei zerzausten Hunde auf dem Weg zu den Ställen erblickte. Er musste lächeln – eine kläglicher aussehende Truppe würde wohl schwer zu finden sein. Der Wolfshund tapste jaulend im Kreis wie ein weinendes Kleinkind, der Windhund war mitten in einer Pfütze eingeschlafen, und der Collie drückte sich ängstlich gegen eine Stallwand, sobald irgendwo auch nur das leiseste Motorengeräusch erklang. Und Cesario fragte sich, wieso Jessica sich Tiere aufhalste, die niemand mehr haben wollte.

Perkins, der Stallmeister, kam auf Cesario zu, doch dessen Blick ging an dem Mann vorbei und hin zu der zierlichen Frauengestalt, die gerade eine Spritze mit Impfstoff aufzog. Jessica Martins klassisch schöne Züge im Profil erinnerten Cesario immer an die Madonnenbildnisse der Renaissance. Die Frau war gesegnet mit einer Haut so rein und samten wie Milch und Sahne, ihre Züge waren fein und dennoch extrem ausdrucksstark, und der herzförmige Mund mit den vollen roten Lippen regte die Fantasie eines jeden Mannes an, der auch nur einen Tropfen Blut in sich hatte. Das Bild vervollständigten hellgraue Augen, die, je nachdem, wie das Licht auf sie traf, wie Silber blitzten, und eine glorreiche Mähne aus langen dunklen Locken. Weder trug Jess Make-up noch feminine Kleidung, und dennoch bot sie eine atemberaubende Erscheinung.

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