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Ein Mann zum Nachtisch

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Ein Mann zum Nachtisch

Über dieses Buch

Servicewüste Deutschland? Weit gefehlt. Lulu Knospe ist alleinerziehende Mutter, Journalistin, Moderatorin, Hausfrau. Sonst noch was? Ach ja, da sind noch ein paar Herren, die ihr nachstellen: Tim, der softe Dauer-Ex-Lover mit dem Kuschelfaktor; Robert, der smarte Medien-Manager mit dem Charme eines professionellen Verführers; und dann Robert zwei, der süße Babysitter, der mit Bravour Windeln wechseln und küssen kann. Und wer macht das Rennen? Vorerst teilt Lulu Knospe das Bett mit ihrer Tochter Lilli. Zwischen Karottenbrei und Karriere hin und her gerissen, schlingert Lulu durch einen Alltag, der eher einem Hindernis-Parcours gleicht. Aber die turbulente Zeit zwischen Pumps und Pampers meistert sie voller Elan und mit einer gehörigen Portion Selbstironie, bis sie sich entscheiden muss …

Ein Mann zum Nachtisch ist ein offensiver Unterhaltungsroman. Selten hat eine Autorin das Muttersein so humorvoll und intelligent beschrieben.

Über die Autorin

Nina Kresswitz wurde 1960 in Regensburg geboren. Sie studierte in München Romanistik und Archäologie. 1996 kam ihre Tochter Anna zur Welt.

Ich gebe es ja zu: Ein Mann zum Nachtisch, das ist eine überaus verlockende Vorstellung. Und eine figurfreundliche außerdem. Nicht dass mein Singledasein völlig unbemannt wäre, doch ich bin wachsam. Es ist immer dasselbe: erst auf Wolke sieben surfen, dann kommt der Absprung, und schließlich heißt es mal wieder: Wasser Marsch! Ganze Familienpackungen Tempotaschentücher habe ich schon mit meinen heißen Tränen durchtränkt.

Das kann mir bei diesem Exemplar nicht passieren. Er ist jung. Er ist süß. Und er ist im Fernsehen. In Sicherheitsverwahrung hinter Glas. Bitte nicht füttern.

Mmmh. Lecker. Jetzt bloß ganz schnell schwach werden. Tollkühne Hingabe wäre genau richtig. Verworfener Genuss. Meine Augen klettern an den geöffneten Hemdknöpfen hinunter und verweilen kurz im anmutig gepiercten Bauchnabel. Sooo süß. Und so kalorienarm! Das Beste aber ist, dass er garantiert nicht »weißt duuu« sagt und dass er ebenso garantiert nicht »an der Beziehung arbeiten« will.

Er lächelt. Ich könnte seine große Schwester sein. Ich lächele zurück. Wenn er mich jetzt sehen könnte, dächte er bestimmt: Holla, da ist ja noch Leben in den Ruinen. Ich kann ihn sogar verstehen. Als ich zwanzig war, dachte ich schließlich auch, dass sich Menschen jenseits der dreißig in erkaltete Neutren verwandeln.

Ich wackle mit den Ohren. Das soll eine prima Gesichtsgymnastik sein. Zehn Minuten Ohrenwackeln täglich sind so gut wie ein Mittelklasselifting. Ich wackle.

Ein Kontrollblick in den Spiegel. Oh nein! Aber was kann schon dabei herauskommen, wenn man sich gleichzeitig die Lippen anmalt, mit den Ohren wackelt und noch dazu gebannt einen Videoclip sieht mit diesem wie heißt er noch, Ricky? Micky? Maus? Nun habe ich dunkelrote Zähne. Halloweenverdächtig, aber nicht gerade vertrauenerweckend. Also Boxenstopp im Badezimmer. Ich greife zur Zahnbürste.

Heftig schrubbend schlendere ich zurück zum Fernseher. Rickymaus ist inzwischen vom Bett gesprungen und demonstriert die überaus geschmeidige Beweglichkeit seiner Hüften. Der Junge steht wahrlich nicht im Verdacht, sich als Mann fürs Leben anzudienen. Der ist zum Vernaschen gedacht.

Zartbitteres Mousse au chocolat mit einer Spur Zitronensorbet an schwer beschwipster Erdbeersauce.

Ein letzter Blick auf das entfesselt tanzende Dessert, dann geht es zurück ins Badezimmer. Ich lächele nun zur Abwechslung mal mein Spiegelbild an. Es hat lange gedauert, bis ich mich mit mir selbst angefreundet habe. Aber ausgerechnet diese Freundschaft erfüllt die meisten Männer mit allergrößter Eifersucht. Sie lieben dich so, wie du bist, doch, doch. Aber könntest du nicht ein bisschen mehr dies? Und ein bisschen weniger das? Und was ich dir immer mal sagen wollte …

Tja. Ich male mir die Lippen rosa. Schließlich gehe ich nicht zum Rendezvous, sondern in die Villa Kunterbunt. Kein Scherz.

Elternabend.

*

Wir müssen übers Pipimachen reden.«

Sicher, warum nicht? Lilli liebt es, ihre flüssigen Ausscheidungen ins Badewasser abzusondern. Aber das sollte ich jetzt besser nicht erwähnen. Elf Frauen hocken mit den Knien am Kinn auf roten Kinderstühlchen und sind sehr engagiert.

»Der spielerische Umgang mit dem Töpfchen. Das Zulassen der analen Erfahrung. Es ist wahnsinnig wichtig. Nach dem Frühstück und nach dem Mittagessen.«

Melanie lehnt sich zufrieden zurück und nippt an ihrem Rooibusch-Tee.

Gute Idee soweit, doch die Kinder, um die es geht, sind noch nicht einmal zwei Jahre alt.

»Geht nicht«, lächelt die Erzieherin sanft, sehr sanft. Sonja macht das irgendwie waldorfmäßig mit den Kindern, hatte es geheißen, und wirklich, irgendwie ist sie unheimlich waldorfmäßig.

»Wir müssen sie ja unterstützen und begleiten, beim Pipimachen, zehn Kinder mal fünf Minuten macht ungefähr eine Stunde, bei zwei Mahlzeiten macht das zwei Stunden, und wir sind ja überhaupt nur vier Stunden hier«, rechnet sie uns vor und legt ihr Köpfchen schräg. Das muss doch wehtun, dieses Dauerlächeln. Oder wird das bei den Waldorfs operativ eingebaut?

Melanie lässt nicht locker. »Dann aber wenigstens Zähneputzen. Am besten gleich am Tisch, das spart Zeit, die Kinder sollten ja sowieso nur trocken putzen in dem Alter, und es geht ja auch mehr ums Prinzip, um Ritualisierung und so.«

»Am Tisch?«, frage ich.

»Ja, ein Bekannter von mir macht das auch so, nach dem Essen sitzt er mit seinen Kindern am Tisch, und dann nehmen sie ihre Zahnbürsten und …«

Ich versuche ein Bein überzuschlagen, doch auf diesem furchtbar niedlichen Kinderstühlchen verliere ich prompt das Gleichgewicht. Ich bin ein bisschen nervös. Elternabende machen mich immer nervös. Mütterabende, genauer gesagt. Anfangs kamen auch mal Männer, aber das hat sich schnell gelegt. Ich stelle mir Melanie bei meinem Lieblingsitaliener vor, wie sie nach dem Espresso Zahnbürste und Zahnseide auspackt und die Ausbeute ihrer gebisspflegerischen Razzia im Aschenbecher deponiert.

»Melanie, ich finde das degoutant. Schließlich urinieren wir auch nicht im Wohnzimmer. Es gibt Akte der Hygiene, die in mitteleuropäischen Kulturen in eigens erdachten und übrigens gut abschließbaren Räumen stattfinden. Eine segensreiche Errungenschaft, wenn du mich fragst.«

Aber Melanie fragt mich nicht. Sie ist öko und zu allem Unglück auch noch diplomierte Biologin, sodass sie immerzu mit Begriffen wie »leere Kalorien« und »nährstoffreiche Keimschicht« herumlaboriert. Trotz ihrer zum Verzweifeln gesunden Ernährung ist sie großzügig dimensioniert, und ich habe sie im Verdacht, dass sie nicht nur Dinkelbrote zu sich nimmt, sondern heimlich Schokolade verdrückt. Nicht vor den Kindern, versteht sich.

»Also ich finde das ist keine Diskussionsebene, so emotional zu werden, ich fühle mich hier echt angegriffen!«

Holla. Kinder sind etwas wahnsinnig Emotionales, will ich gerade sagen, doch da klingelt das Telefon. Es ist Melanies Babysitter, ein männlicher Babysitter, versteht sich, damit Sophia keinen reaktionären Rollenbildern ausgesetzt wird. Sophia hat Bilder an die Wände gemalt. Mit Tofu-Paprika-Aufstrich. Melanie erzählt es mit unverhohlenem Stolz. Das kreative Kind.

Sonja lächelt. »Wisst Ihr«, raunt sie, »meine Aufgabe ist es, den Raum hier zu formen«, ihre Hände ergreifen zwei unsichtbare Honigmelonen, »und den Raum zu halten«, wobei ihre Hände eine Geste andeuten, als würde sie bei einer sehr, sehr guten Freundin den Sitz des BHs überprüfen.

Ich sehe auf die Uhr. Kinder sind etwas Wunderbares. Ich liebe Lilli bis zum Wahnsinn. Ich habe seit zwei Jahren nicht mehr durchgeschlafen, es gibt kein Jackett, das nicht mit Milch und Spucke ornamentiert ist, ich versande auf dem Spielplatz und versinke in Bauklötzen und bin auch noch glücklich dabei. Aber da sind die anderen Kinder. Und, schlimmer noch: Diese Kinder haben Mütter. Am schlimmsten aber ist, dass diese Mütter unaufhörlich sagen: »Du entkommst uns nicht. Du bist wie wir. Willkommen im Club.« Natürlich sagen sie das nur zwischen den Zeilen. Obwohl das Bild etwas unpassend ist. Mütter lesen nicht. Sie kommen einfach nicht dazu. Sagen jedenfalls die Mütter.

Sonja lächelt.

»Wisst Ihr, was nächste Woche ist?« Ein triumphierender Blick in die Runde.

»Karneval!« Betretene Gesichter. »Also sorgt für Krapfen, Luftballons und diese kleinen Blasdinger, die sich so lustig entrollen.«

»Macht zu viel Krach. Das ist eine enorme akustische Belastung für die Kinder«, findet Melanie.

»Also, ich finde Pusten unheimlich wichtig«, sagt Sonja, »es gibt hier Kinder –« sie blickt jetzt sehr streng, »– die können noch nicht mal eine Kerze ausblasen, und es ist für die Entwicklung unheimlich wichtig, das Blasen …«

Ich beglückwünsche mich zu der Dezenz, mit der ich mir verbiete, an dieser Stelle meine Freundin Yvonne zu zitieren. Yvonne sagt nämlich immer: »Mädchen, die das Tuten hassen, sollten auch das Blasen lassen.« Ich blicke noch einmal zur Uhr und seufze.

»In zehn Minuten muss ich meine Kinderfrau auslösen«, sage ich und versuche, den Klang ehrlichen Bedauerns in meine Stimme zu legen.

»Moment. Wir haben noch etwas zu klären«, sagt Melanie. Für einen Moment lässt sie ihre Häkelarbeit auf dem Mutterschoß ruhen. Ihre Stimme gleitet eine Terz höher. »Ich habe erfahren, dass jemand in der letzten Woche zum Nachtisch Eis mitgebracht hat.« Schweigen. »Ich möchte wissen, wer das war.«

Es ist still wie im Trappistenorden. Die Solidarität der Pragmatikerinnen. Alle zwei Wochen hat jede Mutter Kochdienst. Kein Fleisch, keine Eier, kein Zucker.

»Sonja, sag mir auf der Stelle, wer das war.«

Sonja lächelt. »Nein, das möchte ich jetzt nicht sagen. Aber Sophia hat es sehr gut geschmeckt.«

»Bitte, sag das nochmal.«

»Das Eis hat Sophia gut geschmeckt.«

»Das bedeutet, Sophia hat Eis gegessen?«

»Ja, Sophia hat Eis gegessen.«

Ein Dialog wie aus einem deutschen Fernsehkrimi. Herr Meier ist ermordet worden. Sagen Sie das noch einmal. Er ist ermordet worden. Ich kann einfach nicht glauben, dass er ermordet worden ist. Doch, doch, Herr Meier ist tot, Herr Kommissar. Wissen Sie, was das bedeutet? Ich fange an, mit dem Fuß zu wippen. Lange halte ich das nicht mehr aus.

»Weißt du, was das bedeutet?« Melanie atmet schwer.

»Aber sicher«, sage ich. »Sophia ist gewissermaßen angefixt worden. Und nun ist sie voll auf Turkey, klaut deine Brieftasche und schleicht sich bei der nächsten Gelegenheit zum Kaufmann, wo sie Schokolade, Eis und Gummibärchen bis zum Abwinken in sich hineinstopft. Und spätestens bei Schulbeginn steigt sie um auf Ecstasy.«

»Ich will keine Polemik in dieser Diskussion!«, schreit Melanie.

»Tut mir leid, ich werde in diesem Jahr vierzig und bin deshalb schon allein aus Altersgründen außerordentlich schwer erziehbar. Und jetzt muss ich leider gehen.«

Lilli schläft wie ein Engel. Doch, sie sei sehr brav gewesen. Frau Korn schaltet den Fernseher aus und nimmt gähnend ihr Honorar entgegen. Unfassbar, dass ich für diesen grauenerregenden Abend auch noch bezahlen muss.

Ich clippe mir das Babyfon an den Hosenbund und steuere die Küche an. Die Wohnung ist ein einziger Hindernisparcours. So, als würde hier permanent die Weltmeisterschaft im Springreiten ausgetragen. Doch das hält die Reflexe schön wach, sagt Katharina immer. Katharina hat eine zweijährige Tochter und ist die einzige Mutter, die ich kenne, die meine Demenzparanoia teilt.

»Mutterschaft? Mit dem ersten Schrei des Kindes sinkt der IQ auf Toastbrotniveau«, sagt sie immer. In den Wochen nach der Entbindung hatte sie sogar ihre Telefonnummer vergessen.

Ich weiche Baggern und Barbiepuppen aus, hüpfe über das Tamburin und umrunde die gesamte Mieterschaft des Puppenhauses, bevor ich die Küche erreiche. Lilli hat mit Wasser gespielt, was gut ist, denn es reinigt die Aura, sagt Sonja, und auch die Aura des Küchenbodens ist vollauf rein.

Im Kühlschrank finde ich zwischen Kartoffelbrei und Aprikosengläschen ein Bier. Das ist der Vorteil, wenn ein Mann im Haus ist, jedenfalls stundenweise. Ich bin alleinerziehend. Mein Mann für gewisse Stunden heißt Tim. In zärtlichen Momenten nennt er mich Struppi. Manchmal habe ich das Gefühl, er trifft sich mit mir nur wegen dieser kleinen gelben Plastikhülsen, in denen hochkomplizierte Minibausätze für sinnlose Minispielzeuge auf den Zusammenbau warten. Lilli liebt Überraschungseier, für die eigentliche Überraschung aber ist sie noch zu klein. Und Tim wird nie zu groß dafür sein. So hockt er mit uns beim Italiener und bastelt versteinert an den Bausätzen herum, während Lilli und ich mit Tortellini spielen. Spätestens, wenn die Rechnung kommt, präsentiert er stolz eine daumennagelgroße »Lustige Bäuerin« mit einem nickenden Schwein in der Schubkarre oder ein winkendes Äffchen auf einem Motorrad, das mühelos in eine Streichholzschachtel passen würde.

Plötzlich klebt mein Fuß am Küchenboden fest. Lilli ist verrückt nach Rosinen. Unfassbar, wie viel Material für eine Tretmine in einer einzigen kleinen schrumpeligen Rosine steckt. Während ich mit einem Brotmesser die braune klebrige Paste von meinem Schuh kratze, danke ich meinem Schicksal, dass jetzt kein Ehemann tadelnd die Braue hebt. Katharina hat eben Recht. Auch Katharina ist unbemannt. Sie findet das gut. Stell dir vor, nicht nur ein Kind, auch noch ein Mann, für den du kochen und bügeln musst, nee. Ist doch viel einfacher so. Da hat sie recht. Tim ist genau richtig. Ich habe ihn noch nie in einem Kleidungsstück gesehen, bei dem sich der Gedanke an ein Bügeleisen aufdrängen würde. Das vereinfacht vieles. So nimmt er es auch gelassen hin, dass Lilli gern unter dem Vorwand vertraulichen Körperkontakts ihre Schnupfennase an seinem Hemd trockenreibt. Ich glaube, er bemerkt es nicht einmal. Und ich, die rettende Kleenexbox bereits in Händen, werde mich hüten, auch nur einen Ton zu sagen.

Die ordnungsgemäß verheirateten Mütter dagegen haben es schwer. Servicewüste Deutschland? Weit gefehlt. Der Heimservice Mutter-Geliebte-Hausfrau hat stets zu Diensten zu sein.

Ich dagegen bin alleinerziehend. »Ledige Mutter«, so nannte man das früher. Und ganz früher sagte man »gefallenes Mädchen«. Reingefallen. April, April. Eigentlich ein Klassiker. Er saß mir gegenüber und pulte in seinen Spaghettis herum und dann kam der Satz. Ich will DOCH kein Kind. Er war unheimlich ehrlich, weißt duuuu. Da war ich im dritten Monat. Katharina dagegen war schon alleinerziehend, bevor sie schwanger wurde. Quasi. Sie machte Polaroids von den potenziellen Samenspendern und legte mir die Fotos auf den Küchentisch, wie eine Wahrsagerin, die Patiencen legt. Ich fand den Sozialpädagogen nett, sie aber entschied sich für den Bodybuilder.

»Die Schönheit vom Vater, die Intelligenz von der Mutter. Dann kann nichts schief gehen!«, rief sie fröhlich und setzte die Pille ab. Natürlich kam alles ganz anders. Nun hat sie eine Tochter mit scharfgeschnittenen Gesichtszügen und einer eher unaufdringlichen geistigen Beweglichkeit. Finde ich jedenfalls. Aber trau nie einer Mutter, wenn sie über andere Kinder spricht.

Ich nehme eine Videocassette vom Stapel. Ein Actionfilm. Nicht, dass ich mir so etwas freiwillig ansehen würde. Ich schreibe Filmkritiken für die »Stattzeitung«, ein alternatives Szeneblatt, das mit seinem mutwilligen Layout darüber hinwegzutäuschen versucht, dass es in dieser Stadt überhaupt keine Szene gibt. Eigentlich müsste ich mir die Filme bei den Pressevorführungen im Kino ansehen, aber dann gebe ich für den Babysitter mehr aus, als ich für meine Filmkritik bekomme. Das hat Jürgen eingeleuchtet. Jürgen ist auch so einer, der gern »weißt duuuu« sagt. Aber er ist ein höchst kooperativer Redakteur und organisiert immer irgendwelche verrauschten VHS-Kopien für mich. Ich befürchte, das ist der zweite Grund, warum Tim sich so gerne bei mir aufhält.

Zack, bumm, splash. Eine dünnflüssige Story mit mäßigen special effects. Ich sitze im Bett, Lillis Rosinendose auf den Knien.

Gerade, als sich das leere Gesicht des prima trainierten Helden mit dem Blut seines Opfers färbt, höre ich einen vertrauten Sound im Babyfon. Der Berg ruft. Lilli ist aufgewacht. Neben ihrem Bett steht das Menü der Nacht, das sie selbst im Halbschlaf ordern kann. Milli. Bizzl. Nulli. Auf hochdeutsch übersetzt heißt das: Milch, Mineralwasser, Schnuller.

Ich gebe zu, dass ich die Babysprache spreche, aber nicht etwa aus Bequemlichkeit oder Regression, nein, aus purer Höflichkeit. Anfangs war ich noch entsetzt, als ich mit dem Kinderwagen auf einen Spielplatz geraten war und feststellte, dass ich mich unversehens in einer exotischen Sprachenklave befand. Aua gemacht? Bautz? Kacka? Als Lilli dann zu sprechen begann, sah ich ein, dass die Kurzen ihre eigene Sprache mitbringen. Ist es nicht so, dass Kinder Gäste aus einem anderen Universum sind, wie Sonja immer sagt? Also handelt es sich ja wohl um einen Akt der Gastfreundschaft, nicht auf der Muttersprache zu beharren. Muttersprache, ausgerechnet. Wenn mich ein Amerikaner besucht oder ein Franzose, tue ich schließlich auch mein Bestes und radebreche drauflos.

»Bizzl«, sagt Lilli jetzt, und ich sage: »Da, Bizzl haben, mein Süßi«, und gebe ihr das Verlangte. Erleichtert tastet sie nach mir, greift nach der Flasche, als ginge es ums nackte Überleben, und trinkt mit geschlossenen Augen. Oh, diese kleinen Seufzer und Schnarcher, Sphärenmusik, die sich mit dem entfernten Ächzen des Fernsehers mischt. Es gibt jede Menge Auas und Bautze in dem Video, soweit sich das aus der Ferne beurteilen lässt. Ich werde den Film nicht verreißen, oh nein. Action ist Kult, und keiner soll sagen, dass sentimentale Muttertiere so etwas nicht erkennen. Während Lilli meine Finger umklammert und regelmäßig zu atmen beginnt, formuliere ich schon mal locker vor. ›Die Trash-Ästhetik früher B-Movies wird mit hollywoodesken Mitteln ironisiert.‹ Na, also. ›Zitathafte Versatzstücke des Genres, gekonnt kunstlos aneinander gereiht, durchkreuzen planvoll jede vorschnelle Identifikation und schaffen jene Distanz, deren Konzept sich auch in der Besetzung des Protagonisten spiegelt: nichtssagend und brutal, gerinnt er zum roboterhaften Prototyp, der das Prinzip der Gewalt durch Mittelmäßigkeit bloßstellt.‹

Aua. Ich muss Lilli morgen dringend die Nägel schneiden.

*

Wirklich? Oh, danke.«

Der Redakteur ist begeistert.

»Eben habe ich dein Fax bekommen. Das macht dir so schnell keiner nach. So sophisticated, wie du das beschrieben hast. Toll. Wir haben ein geiles Standfoto, das wir dazu bringen, die zerstückelte Lolita, du weißt schon …«

»Ach ja, die Lolita«, sage ich, während ich Lillis nackte Lieblingsbarbiepuppe auf den Füßen balanciere und dazu Grimassen schneide. Lilli wird rasend schnell eifersüchtig, wenn ich telefoniere, also mache ich den Entertainer, um sie bei Laune zu halten. Die Lolita habe ich verpasst, die war offenbar während der nächtlichen Menüwahl dran. Den Rest des Films hatte ich mir im Schnellgang angesehen und nur den Abspann in normaler Geschwindigkeit laufen lassen. War eine hübsche Musik, auf dem Abspann.

»Und wie du dann den Abspann rezensiert hast und damit das Prinzip der Ironisierung noch einmal auf der Ebene der Kritik gespiegelt hast, super super super.«

Ich habe eine Schwäche für Abspänne. Diese ganzen Spezialberufe faszinieren mich, der dritte Beleuchter und die Schienenleger für den Kamerawagen und das Catering und die Leute, die nur für das Blut zuständig sind. Was essen die bei solch einem Film eigentlich in den Drehpausen? Blutwurst? Hackepeter?

Ich schlucke unwillkürlich und sage: »Immanent.«

»Was?«

»Immanente Kritik, sozusagen.«

Verflixt. Versuche nie, schlauer zu sein als dein Redakteur.

»War nur Spaß, ehrlich.«

»Ach so.« Jürgen klingt erleichtert. »Morgen schicke ich dir diesen neuen Horrorfilm, du weißt schon, wo die Opfer sich in Schleim verwandeln.«

Ich habe den Hörer nun zwischen Ohr und Schulter eingeklemmt, während ich die Barbiepuppe mit einem Hasen und einem Eichhörnchen paare. Lilli gluckst.

»As Schleim goes by«, witzele ich.

»Klasse. Also – mach’s gut, Mamilein.« Wie ich dieses gönnerhafte Zeug hasse.

»Ist das deine Tochter, was ich da im Hintergrund höre?«

Deshalb also Mamilein. Kaum werden sie an deine Mutterschaft erinnert, fühlen sie sich auch schon überlegen.

»Nein, das ist mein neues Workout-Video, die machen immer so begeisterte Geräusche bei den Sit-ups.«

»Workout? Toll, wie du das machst. Powerfrau. Ich sag’ immer: Die ist ’ne Powerfrau.«

Komisch, noch nie habe ich jemanden von einem Powermann reden hören. Als sei die Power im Mann ein genetisches Patengeschenk.

»Okey-dokey«, sage ich.

»Übrigens –«

»Ja?« Meine Güte, leg schon auf, Lilli ist jetzt auf meinen Schoß geklettert und macht äußerst riskante Turnübungen.

»Da war ein Anruf von so ’nem Typ, von der, du weißt schon, von DER Zeitung, der wollte irgendwas von dir, hab’ vergessen was, sorry, was war das noch, ich habe ihm deine Nummer gegeben, war doch okay, oder?«

»Klar doch!« Drei Sekunden noch und Lilli stürzt in den Abgrund, mitsamt Barbie und Häschen und Eichhörnchen und dann gibt’s Gebrüll. Bloß das nicht.

»Du Jürgen, ich habe jetzt einen total wichtigen Termin, und ich muss vorher noch ein Fax an die Münchner Filmagentin schicken, sei mir nicht böse, ciao, Bello!«

Zack, bumm, oh lala, gerade noch mal gut gegangen. Ich fange Lilli in letzter Sekunde vor Gehirnerschütterung und Armbruch auf. Lilli strahlt.

»Zirkus!«, ruft sie, das gute Kind.

Und schon wieder geht das Telefon. Ich drücke die Freisprechtaste. Vorsichtshalber.

»Hallo?«, frage ich atemlos.

»Lulu Knospe?«

Die Stimme klingt streng. Was ist denn das für einer?

»Nach Diktat verreist«, antworte ich und versuche einen Kopfstand. Das ist immer die Endstufe, wenn Lilli eigentlich schon das Stadium der Ungeduld überschritten hat. Lulu Knospe. Ich weiß, das klingt albern. Aber ich heiße Heidemarie, und das ist nicht gerade prickelnd, zumal die Kombination von Heidemarie und Knospe mehr ein Kalauer als ein Name ist. Ich habe nie herausgefunden, ob das purer Übermut war oder ob meine Eltern den Namen unter Alkoholeinfluss ausgesucht haben. In der Schule nannten sie mich das »Heideröslein«. Als ich zu Hause auszog, damals, da beschloss ich, mich Lulu zu nennen, und dabei ist es geblieben.

»Könnten Sie Frau Knospe etwas ausrichten?«

»Aber gern. Sie jetzt hat eine Termin, aber habe ich Handynummer.« Ich versuche, einen leicht ausländischen Touch einfließen zu lassen. Gestatten, mein Name ist Fatima, die orientalische Zugehfrau.

»Dann sagen Sie ihr doch freundlicherweise, dass sie mich unter folgender Nummer erreichen kann: Null …«

Ich fasse es nicht. Drei, nein, vier Stifte habe ich heute Morgen neben das Telefon gelegt und einen daumendicken Notizblock. Weg. WEG!

»Eine Augenblick, ich hole schreiben!«

Mit einem doppelt eingesprungenen Rittberger wirbele ich die verblüffte Lilli vom Sofa, sodass ihr keine Zeit für Protest bleibt, rase mit ihr in die Küche, drücke ihr die Rosinendose in die Hand, schließe die Tür, schnappe mir »DIE ZEIT«, greife mir einen Kugelschreiber aus der Handtasche, rase zum Telefon und sage artig: »Ich hören.«

»Sie haben jetzt etwas zu schreiben?«, fragt die Stimme am anderen Ende zweifelnd.

»Ich schreib’ das auf den Rand der Zeit«, antworte ich und vergesse fast den Akzent, weil das plötzlich so poetisch klingt.

»Wie hübsch«, sagt die Stimme denn auch.

»Klar. Ich schreiben«, antworte ich und piekse mir den Stift in die Handfläche, um nicht zu lachen. Dann notiere ich die Nummer.

»Auf Wiederschreiben«, sagt die Stimme, dann klickt es. Komische Stimme, denke ich. Komischer Typ. Ich betrachte die Nummer auf dem Zeitungsrand. Komische Nummer. Komisch still ist es auch. Ich rase zurück in die Küche. Lilli sieht mich erwartungsvoll an. Na los, Mama, du musst jetzt sehr, sehr stolz sein. Sie hat die restlichen Rosinen in den Ausguss des Waschbeckens gedrückt. Sie hat den Wasserhahn aufgedreht. Rückstau und Aurareinigung der gesamten Küche.

*

Ich fänd’ es unheimlich wichtig, dass du sie schon zum Frühstück bringst.«

Für die einen ist es Sonja, für die anderen ist es der sanfteste Terror der Welt. Ich bin zu spät, klar, Sonja hat offenbar den Raum für heute bereits geformt und ist nun vollauf damit beschäftigt, ihn zu halten. Da kommt Lilli jetzt ziemlich ungelegen. Ich will schon lospoltern, dass ich eine ganze Menge Geld für den Kindergarten hinlege und neben dem Sack voller Pflichten auch ganz gern ein klitzkleines Säckchen mit Rechten hätte, als ich mich auf die alte Methode der Tonfallresonanz besinne. Klappt immer. Wenn einer schreit, schrei zurück. Wenn einer so soft ist –

»Du Sonja, weißt duuuu«, ich schnurre wie ein Kätzchen, meine Pfoten sind aus feinstem altrosa Samt, »die Lilli, die ist in letzter Zeit unheimlich fixiert auf Körperkontakt, das ist so eine Phase, weißt du, ich finde es unheimlich wichtig, dass ich ihr das gebe, ich spüre in sie hinein und weiß, dass ich mir diese Zeit nehmen muss, das ist so eine Erdung für sie, die Nähe, sie kommt dann auch ganz anders hierher, weißt du, sie ruht dann mehr in sich …«, aus dem Augenwinkel beobachte ich, wie sich Lilli hinter Sonjas Rücken auf Leander wirft und »Zirkus!«, schreit, »und das dauert nun mal seine Zeit, aber ich weiß, dass du so was mittragen kannst, du integrierst immer so toll …«

Sonja lächelt nachdenklich. Wahrscheinlich ist sie nicht ganz sicher, ob es sich nicht doch um eine Parodie handelt.

»Also dann, bis heute Mittag«, sage ich und will gerade verschwinden, als Sonja fragt: »Was kochst du eigentlich heute?«

Oh nein. Nicht das. Nicht heute.

»Überraschung!«, rufe ich und spurte davon. Überraschung, wohl wahr. Kochdienst. Das hatte ich total vergessen. Also: Einkaufen, Gemüse schnitzen, Kochen, Anliefern. Yes, Sir.

Im Supermarkt beschließe ich zu mogeln. Wofür gibt es schließlich diese Tiefkühlsachen, von klugen Menschen erdacht, von langer Hand vorbereitet, in eisigem Schlaf auf Tauwetter wartend? Tim hat noch nie was gemerkt. Eine der wenigen Machophantasien, die ich ihm lasse, ist die, dass ich für ihn was Feines brutzele, in echter Handarbeit. Liebe geht eben durch den Magen. Ist ja schließlich keine große Liebe. Tiefgekühlt reicht völlig für Tim.

Ich entscheide mich für Tofubällchen und kaufe zwei Päckchen Farmergemüse dazu. Die Maiskörner werde ich neben den Rosinen unverdaut in Lillis Windel wiederfinden. So what.

Ich röste gerade die Tofubällchen, als das Telefon klingelt. Die komische Stimme ist wieder dran. Die hatte ich doch tatsächlich vergessen. Soll ich jetzt die Köchin geben?

»Hallo, Frau Knospe? Sind Sie das?«

Na gut. Er hat mich.

»Oh ja, hallo.«

»Störe ich Sie? Kochen Sie gerade?«

»Oh nein, das hat meine Zugehfrau schon erledigt, ich schaue mir gerade ein Kochvideo an, wir machen eine neue Rubrik, serviceorientiert, wissen Sie.«

»Und – was gibt es Feines?«

Der Kerl hat Nerven.

»Frühlingsrolle mit zweierlei Morchelfüllung an Thunfischcarpaccio im Zitronengrasbett.«

Stille.

»Hallo, sind Sie noch da?«

»Entschuldigen Sie, aber gerade hat sich bei mir spontan ein Pfützchen auf der Zunge gebildet, und das macht mich immer sprachlos.«

Ach so einer.

»Na, denn man noch einen schönen Tag. Und vergessen Sie nicht die Gummistiefel.« Dann lege ich auf. Zwei Sekunden später läutet es wieder.

»Hallo, Frau Knospe, nicht auflegen, bitte. Mein Name ist Sommerauer, ja, genau, wie der Fernsehpfarrer, ich bin Redakteur bei der Rundschau.«

So eine Frechheit. So alt bin ich schließlich auch wieder nicht. Pfarrer Sommerauer, war das nicht in den Sechzigern?

»Na und?«

»Wir lesen seit einiger Zeit Ihre Filmkritiken. Mit wachsender Begeisterung, um es ganz genau zu sagen.«

Mit wachsender Begeisterung. Der Mann ist wirklich unmöglich.

»Ich möchte Sie ganz direkt fragen, ob Sie Lust haben, für uns zu arbeiten.«

Dong. Das saß. Die Rundschau. DIE RUNDSCHAU. Ich starre fassungslos meine Tofubällchen an.

»Wirklich?« Das ist alles, was mir jetzt einfällt.

»Wie wäre es, wenn wir uns mal zu einem zwanglosen Gespräch treffen würden?« Komisch, alles was dieser Mann sagt, klingt zweideutig. Liegt das nun an ihm oder an mir? Ich beschließe, auf der Stelle einen Test zu machen.

»Ja gern. Wie wäre es übermorgen im Trüffel?«

Die »Trüffel« ist mit Abstand das teuerste Restaurant der Stadt.

»Einverstanden. So gegen 12.30 Uhr? Und vergessen Sie nicht, Ihre Kochrezension mitzubringen. Zitronengrasbett. Klingt wirklich gut.«

Klick. Ich bin fassungslos. Die Tofubällchen sind tiefschwarz.

*

Du hättest wenigstens Vollkornnudeln nehmen können«, sagt Sonja mit sanftem Vorwurf in der Stimme.

»Sorry, Sonja, die waren ausverkauft, aber für die Sauce habe ich nur Biotomaten genommen und Tomatenmark vom toskanischen Gut meiner Freunde, das sind die, von denen ich auch immer das kaltgepresste Olivenöl bekomme, gewürzt habe ich das Ganze ausschließlich mit einer Sojasauce aus garantiert nicht genmanipuliertem Soja, die bringt mir meine Freundin Ruth aus Kalifornien mit, die sind ja viel weiter da drüben im Amiland, Health Food bis zum Ohrenwackeln, du weißt schon …«

Natürlich weiß Sonja schon. Sonja weiß alles. War mir ja auch peinlich, simple Nudeln mit gestreckter Ketchupsauce zu servieren. Den Kindern macht das nichts aus, die spielen sowieso nur mit dem Essen und malen sich lustige Gesichter damit. Für die Erzieherinnen aber ist das Mittagessen der Höhepunkt des Tages, sie essen unglaubliche Mengen und verteilen gern Zensuren an die eifrigen Mütter.

»War ganz, ganz toll, ich habe mir etwas eingepackt für heute Abend«, heißt es dann, oder »an dem Gratin musst du noch ein bisschen arbeiten«.

»Nächstes Mal gibt es Tofubällchen«, verspreche ich, aber Sonja lässt sich nicht einfach so abspeisen. Sonja kann ganz furchtbar enttäuscht gucken. Abteilung waidwundes Reh. Zum Glück kommt jetzt Lilli angelaufen.

»Hallo Hasi-Nasi-Bär, kleine Quatschnudel, hast du schön Blödsinn gemacht?«, rufe ich erleichtert und bedecke Lillis Gesicht mit Küssen. Die Küsse schmecken nach Ketchup. Als ich mich von meinem Kind, meinem süßen Kind löse, steht Melanie vor mir.

»Ich finde, es ist Zeit für einen Elternabend mit dem Schwerpunktthema: Was ist vollwertige Kost?«, bellt sie.

»Tolle Idee!«, belle ich zurück. »Aber dalli, wenn ich bitten darf! Bloß nicht auf die lange Bank schieben!«

Ich nehme Lilli auf den Arm und lasse die verblüffte Melanie stehen.

Zuhause drängeln sich schon die Messages auf dem Anrufbeantworter. Tina will das Rezept für Apfelbrot, Biggie sucht ein Kinderbett, Katharina berichtet von einem formidablen neuen Babysitter, Tim kommt zum Abendessen, Melanie will nochmal über alles reden. Und die Sekretärin des Fernsehpfarrers bestätigt, dass übermorgen um halb eins ein Tisch im »Trüffel« reserviert ist.

Mit wachsender Begeisterung, ach du liebes bisschen. Bestimmt trägt er einen anthrazitfarbenen Rolli, eine fesche Hornbrille und baggert seine Neuzugänge an. Ich taufe ihn »Baggerführer Willibald«.

Lilli setzt sich erst einmal aufs Dreirad und verrichtet mit träumerischem Blick ihr großes Geschäft. Mütter haben einen Sense für so was. Sie wissen immer ganz genau, wenn es passiert. Ein Innehalten, eine geradezu anmutige Nachdenklichkeit liegt dann auf Lillis Gesicht. Ich bin irritiert. Denn seit ein paar Wochen erledigt Lilli das in der Villa Kunterbunt. Sonja hatte es mir voller Stolz erzählt.

»Wenn die Kinder hier Kacka machen, dann weiß ich, dass sie sich hier wohlfühlen!«, hatte sie geschwärmt.

»Lilli, Süße, war was in der Villa Kunterbunt, heute?«

Lilli hört gar nicht hin. Sie teilt noch nicht die fäkale Fixierung der Erwachsenen. Und schon gar nicht die der Mütter. Nie hätte ich früher geahnt, dass Mütter nach allen Regeln der Konversation ein ausführliches Gespräch über Menge, Farbe, Konsistenz und Geruch von Exkrementen führen können. Das geht schon morgens los, auf nüchternen Magen. Wenn die Kinder in der »Viku«, also in der »Villa Kunterbunt« abgeliefert werden, kommen die ersten Lageberichte.

»Bei Leander sah es heute aus wie Kaninchenköttelchen, irgendwie süß«, erzählt Renate.

»Du, und bei Sophia roch es total streng, sie hat nämlich gestern FLEISCH gegessen, bei der Oma«, klagt Melanie.

»Samson hat Superdünnpfiff. Das spritzt nur so durch die Gegend«, beschwert sich Inge-Gundula; die ist schon mit Doppelname auf die Welt gekommen, alle anderen haben ihn sich mehr oder weniger leidvoll erworben.

»Also, meins war heute mehrfarbig und von breiartiger Beschaffenheit«, habe ich einmal den Diskurs ergänzt. Drei Tage lang hat niemand mit mir gesprochen.

Der Willibald, der Willibald, der läuft mit Brilli in den Wald. Was ziehe ich bloß an? Ein Fall für Yvonne. Die hat kein Kind und einen glamourösen Kleiderschrank. Ohne Spuckeflecke.

»Hallo, Yvonnchen«, hauche ich in den Hörer.

»Weißt du eigentlich, wie spät es ist?« Yvonnes Stimme klingt wie Sandpapier.

»Och, Moment mal, Viertel nach zwei«, sage ich kleinlaut.

»Na ja, schon gut, war ’ne eigenwillige Nacht, einer steht unter der Dusche, und der andere dreht gerade Joints fürs Frühstück.«

»Na, denn fürderhin frohes Gelingen«, flöte ich. »Sag mal, Yvonnchen …«

»Ein Kerl? Wie sieht er aus?«

»Rolli und Hornbrille.«

»Job oder Herz?«

»Beides«, sage ich und ärgere mich. Wieso habe ich das denn jetzt gesagt?

»Okey-dokey, der Kostümverleih Yvonne ist stets zu Diensten. Rücksitz oder Restaurant?«

»Trüffel«, sage ich knapp. Einen Moment lang ist es still.

»Hey, lass was über für mich, ja?«

»In vier Wochen kannst du ihn haben.«

»Schon gut. An was hattest du denn gedacht?«

»Superkorrekt mit unterirdisch brodelndem Sex-Appeal.«

»Hoppala. Mittag oder Abend?«

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