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Eine Hochzeit und Drei Happy-Ends

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Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

PROLOG

Poppy Carlton blickte traurig auf den Garten und versuchte dabei wütend, die Tränen wegzublinzeln.

Ihr schien es, als hätte sie erst gestern mit Chris hier gespielt. Damals war sie glücklich gewesen und hatte nie daran gedacht, dass einmal eine Zeit kommen würde, in der sie und ihr Cousin sich nicht mehr so nahestehen würden und jemand anders – eine andere Frau – der Mittelpunkt seines Lebens wäre.

Wieder traten ihr Tränen in die Augen, und sie wischte sie mit dem Handrücken fort.

Natürlich hatte sie schon Monate vorher gewusst, dass Chris und Sally heiraten würden. Trotzdem hatte sie bis zum Tag der Hochzeit gehofft, Chris würde seine Meinung ändern und sie, Poppy, als Frau betrachten und lieben – und nicht nur als seine Cousine.

“Du bist die Nächste”, hatte er lachend zu ihr gesagt, als sie zusammen mit Claire, Sallys Stiefmutter, und Star, ihrer besten Freundin, nach vorn gestürzt war, um den Brautstrauß zu fangen, den Sally beim Stolpern auf der Treppe “aus Versehen” hatte fallen lassen.

Doch da hatte Chris sich getäuscht. Sie würde ganz bestimmt nicht heiraten. Wieso auch, wenn der einzige Mann, den sie je geliebt hatte und je lieben würde, nun vergeben war?

Zu allem Überfluss hatte ihr anderer Cousin, James, Chris’ älterer Bruder und dessen Trauzeuge, alles beobachtet. Das Schlimmste war jedoch für sie gewesen, dass Chris sie mit diesem mitleidigen und zugleich erleichterten Ausdruck in den Augen angesehen und bemerkt hatte, sie solle mit dem Heiraten allerdings warten, bis Sally und er aus den Flitterwochen zurückgekehrt seien.

Wie nicht anders zu erwarten, zog James ihre Gefühle dann auch noch ins Lächerliche, indem er zu ihr sagte: “Werde erst einmal erwachsen, Poppy. Dann wirst du es begreifen. Es wäre niemals gut gegangen. Wenn Chris so dumm gewesen wäre, von dir zu nehmen, was du ihm geben wolltest, wäret ihr beide innerhalb von zwölf Monaten vor dem Scheidungsrichter gelandet.”

“Was weißt du denn schon davon!”, rief sie aufgebracht. “Du hast doch keine Ahnung!”

“Von wegen”, meinte er spöttisch. “Du weißt nicht, was ich weiß. Und wenn du es wüsstest …” Er legte eine bedeutungsvolle Pause ein und lächelte boshaft, bevor er hinzufügte: “Aber wenn du es irgendwann erfahren willst …”

“Ich hasse dich, James!”, hatte sie leidenschaftlich entgegnet.

Nein, sie würde auf keinen Fall heiraten. Und dass Sally ihr den Brautstrauß absichtlich zugespielt hatte, hatte sie in ihrem Entschluss nur bestärkt.

1. KAPITEL

Umständlich kniete Poppy sich vor die Zweige, die sie zum Feuermachen aufgeschichtet hatte. Dabei bemerkte sie gar nicht, dass ihre Jeans an den Knien nass wurden. Im Licht der untergehenden Sonne schimmerte ihr seidiges braunes Haar rötlich. Poppy neigte den Kopf und zündete das Streichholz so feierlich an, als würde sie eine rituelle Handlung begehen.

Und genau das tue ich auch, rief sie sich resigniert ins Gedächtnis, während sie beobachtete, wie die Zweige Feuer fingen und die Flammen schließlich auf das hölzerne Schmuckkästchen übergriffen, das darunterstand.

Als sie wieder aufstand, schob sie die Hände tief in die Hosentaschen, damit sie nicht in Versuchung geriet, das Kästchen im letzten Moment wieder aus dem Feuer zu reißen.

Es ist vorbei, sagte sie sich unerbittlich und schloss die Augen. Sie konnte nicht mit ansehen, wie das Symbol für eine Liebe, die fast zehn Jahre gedauert hatte, in Flammen aufging. Ein plötzlicher Windstoß zerzauste ihr das Haar und wirbelte die Überreste einiger Fotos im Feuer auf. Nur eines war noch zu erkennen. Es war eine Porträtaufnahme von Chris, und sie hatte mit Lippenstift zahlreiche Kussmünder daraufgedrückt.

Tränen glitzerten in ihren Augen, und ihr Herz krampfte sich zusammen, als die Gefühle sie zu überwältigen drohten. Hilflos streckte Poppy die Hand aus, um das Foto zu fassen, das wie durch eine Fügung des Schicksals von den Flammen verschont geblieben war.

Als das Bild von einem weiteren Windstoß fortgeweht wurde, schrie sie auf und versuchte es zu fangen. Jemand anders kam ihr jedoch zuvor. Nachdem er es mit finsterer Miene betrachtet hatte, blickte er Poppy an.

“James!”, rief sie verächtlich, als er mit dem Foto in der Hand auf sie zukam. Sie unterzog ihn einer eingehenden Musterung und dachte daran, wie verschieden Chris und er waren.

Chris war unkompliziert, gutmütig und offen. Genau deswegen hatte sie sich ja auch in ihn verliebt. James dagegen war genau das Gegenteil von seinem Bruder. Er lächelte selten und war alles andere als gutmütig und unkompliziert. Selbst die Menschen, die ihn mochten, wie zum Beispiel ihre Mutter, mussten zugeben, dass er sehr schwierig sein konnte.

“Es liegt daran, dass er so früh in die Fußstapfen seines Vaters treten musste”, verteidigte ihre Mutter ihn immer. “Schließlich war er erst zwanzig, als Howard starb, und er musste nicht nur die Verantwortung für seine Mutter und Chris, sondern auch für die Firma übernehmen.”

Es war kein Wunder, dass ihre Mutter ihn in Schutz nahm, denn immerhin war er ihr Neffe. Poppy jedoch hasste und verachtete ihn. Und sie wusste, dass er ihr gegenüber genauso empfand, obwohl er es sich nicht anmerken ließ. Dass alle, die die beiden Brüder nicht so gut kannten, behaupteten, James sei der Attraktivere von beiden, konnte sie überhaupt nicht verstehen.

“Er ist sehr sexy, und das macht ihn gefährlich”, hatte eine der jungen Frauen, die für seine Firma arbeitete, einmal zu Poppy gesagt.

“Ich wette darauf, dass es ein einmaliges Erlebnis ist, mit ihm zu schlafen”, hatte die junge Frau hinzugefügt.

Wenn sie wüsste, wie grausam und hart er sein kann, würde sie so etwas nicht behaupten, hatte Poppy mit Schaudern gedacht. James war der Letzte, den sie sich als Liebhaber wünschte, aber schließlich gab es für sie auch nur einen Mann.

An ihrem zwölften Geburtstag hatte sie sich in Chris verliebt. Seitdem hatte sie sich nach ihm gesehnt und stets gehofft, dass er ihre Gefühle erwidern würde. Allerdings hatte er in ihr immer nur die Cousine gesehen.

Er hatte sich in eine andere Frau verliebt – in die hübsche, lustige Sally, mit der er jetzt verheiratet war. Doch sosehr Poppy es auch versucht hatte, sie konnte Sally einfach nicht hassen.

Chris und James sahen sich nicht einmal besonders ähnlich, wenn man unberücksichtigt ließ, dass sie beide groß und breitschultrig waren. Dieser Gedanke ging Poppy durch den Kopf, als sie James wütend betrachtete. Während Chris mit seinem weichen braunen Haar, den klaren blauen Augen und der getönten Haut wie ein junger Sonnengott ausschaute, wirkte James eher dämonisch.

Obwohl er wie Chris von seiner italienischen Großmutter den dunklen Teint geerbt hatte, ließ dieser ihn härter, fast aggressiv erscheinen, ebenso wie seine Augen, deren Blau viel kälter wirkte. Manchmal ließen seine Blicke einem das Blut in den Adern gefrieren. Auch sein Haar war wesentlich dunkler als das von Chris – dunkelbraun, mit helleren Strähnen.

Trotz ihrer Abneigung ihm gegenüber war Poppy klar, dass es durchaus Frauen gab, die sich körperlich zu einem Mann wie ihm hingezogen fühlten, und dass er durchaus etwas Besonderes war, wenn man seinen Typ mochte. Sie dagegen würde ihn niemals attraktiv finden. Zu oft war sie mit ihm aneinandergeraten, weil er so eiskalt und sarkastisch sein konnte.

“Was geht hier eigentlich vor?”, erkundigte sich James nun, als er auf sie zukam.

Poppy sah ihn finster an. Er hatte noch keinen Blick auf das Foto geworfen, und ihr Magen krampfte sich zusammen, weil sie es unbedingt wiederhaben wollte.

“Mum und Dad sind nicht da”, entgegnete sie ungnädig. “Ich bin allein.”

“Dich wollte ich ja auch besuchen”, erklärte James verbindlich. Dann ging er an ihr vorbei und hockte sich vor das Feuer.

Während sie ihn argwöhnisch beobachtete, fragte sie sich unwillkürlich, warum dies bei jedem anderen Mann in einem solchen Aufzug – teurer maßgeschneiderter Anzug, makellos weißes Hemd und auf Hochglanz polierte Schuhe – lächerlich gewirkt hätte, er jedoch dabei eher eindrucksvoll aussah. Und warum wehte der Wind die Funken und die Asche ausgerechnet in ihre Richtung und nicht in seine?

Das Leben war wirklich ungerecht!

Wieder traten ihr Tränen in die Augen, und sie blinzelte sie rasch fort.

Im selben Moment erkundigte sich James: “Was bezweckst du eigentlich mit deinem rührseligen Verhalten, Poppy? Du hoffst doch nicht etwa, dass aus diesem Feuer wie ein Phönix aus der Asche eine neue, stärkere Liebe für Chris steigen wird – allerdings eine, die er diesmal erwidert, weil …”

“Natürlich nicht”, fiel sie ihm ins Wort. Seine verächtlichen Worte schockierten sie so, dass sie gar nicht auf die Idee kam, so zu tun, als wüsste sie nicht, wovon er sprach, oder den Sinn und Zweck des Feuers zu leugnen.

Das Ganze war wieder einmal typisch für ihn. Nur James konnte solche Schlussfolgerungen ziehen, was ihre Motive betraf. Nur James machte ihr derart ungerechtfertigte Vorwürfe.

“Wenn du es unbedingt wissen willst”, fuhr sie bitter fort, “ich habe versucht, das zu tun, was ich deiner Meinung nach schon seit Jahren hätte tun sollen, nämlich zu akzeptieren, dass Chris mich nicht … dass er niemals …” Sie verstummte und schluckte krampfhaft, da die Gefühle sie erneut überwältigten.

“Fahr zur Hölle, James!”, fauchte sie ihn schließlich an. “Das hier geht dich nichts an … und du hast kein Recht dazu …”

“Ich bin Chris’ Bruder”, erinnerte er sie, “und daher ist es meine Pflicht, ihn und seine Ehe davor zu schützen …”

“Wovor? Vor mir?” Poppy lachte bitter auf. “Vor mir. Vor mir und meiner Liebe …”

“Deine Liebe!” Verächtlich verzog er den Mund. “Du hast doch überhaupt keine Ahnung, was das Wort bedeutet. Für andere magst du eine erwachsene Frau sein, aber im Grunde bist du noch ein pubertierender Teenager. Und damit bist du eine Gefahr für dich und andere.”

“Ich bin kein pubertierender Teenager mehr!” Vor Wut stieg ihr hektische Röte in die Wangen.

“Dass du deine Gefühle nicht unter Kontrolle hast, beweist, dass du es bist”, korrigierte James sie kalt. “Und genau wie ein pubertierender Teenager badest du in Selbstmitleid, obwohl du dir alles selbst zuzuschreiben hast, weil du Chris zu lieben glaubst. Es ist typisch für dich, dass du alle da mit hineinziehen musst.”

“Das stimmt nicht”, brachte sie außer sich vor Zorn hervor. “Du …”

“Allerdings stimmt es”, unterbrach er sie finster. “Denk daran, wie du dich auf der Hochzeit benommen hast. Glaubst du, auch nur einem der Gäste wäre entgangen, was du getan hast und wie dir zumute war?”

“Ich habe nichts getan.” Nun war alle Farbe aus ihrem Gesicht gewichen.

“Oh doch, das hast du. Du hast versucht, Chris ein schlechtes Gewissen zu machen und das Mitleid aller Anwesenden zu erregen. Aber du verdienst kein Mitleid, sondern Verachtung, Poppy. Wenn du Chris wirklich lieben würdest, würde dir sein Glück mehr am Herzen liegen als dein Kummer. Du behauptest, dass du kein pubertierender Teenager mehr bist. Also, dann versuch endlich, dich wie eine erwachsene Frau zu benehmen”, fügte er vernichtend hinzu.

“Du hast nicht das Recht, so mit mir zu sprechen”, erklärte Poppy mit erstickter Stimme. “Du hast doch keine Ahnung, was ich empfinde oder …”

Sie erstarrte, als er plötzlich verächtlich zu lachen begann.

“Ach nein? Meine liebe Poppy, die ganze Stadt weiß, was du empfindest.”

Entgeistert blickte sie ihn an.

“Und? Fällt dir dazu nichts mehr ein?”, höhnte er.

Wieder schluckte sie krampfhaft. Natürlich wussten alle, was sie für Chris empfand. Das lag aber nicht daran, dass sie ihre Gefühle gezeigt hatte, um ihm ein schlechtes Gewissen zu machen, wie James ihr unfairerweise vorhielt.

Da sie so jung gewesen war, als sie sich in Chris verliebt hatte, hatte sie ihre Gefühle nicht verbergen können. Sie liebte ihn nun schon so lange, dass es zwangsläufig jeder gemerkt haben musste. Doch sie hatte niemals versucht, Chris ein schlechtes Gewissen zu machen oder das Mitleid der anderen zu erregen, wie James behauptete.

Natürlich war es ihr unangenehm, dass alle von ihrer Liebe zu Chris wussten. Warum hätte sie sich sonst an jenem Abend, als Chris und Sally ihre Verlobung bekannt gegeben hatten, im Stillen geschworen, dass sie einen Weg finden musste, um Chris zu vergessen?

Vielleicht hatte sie damit bisher keinen Erfolg gehabt, aber sie hatte es wenigstens versucht – und tat es noch immer.

Die Erkenntnis, dass Sally so gut zu Chris passte und die beiden so ineinander verliebt waren, hätte ihr eigentlich dabei helfen müssen, wie Poppy durchaus klar war. Bei jeder anderen Frau hätte sie den Trick mit dem Brautstrauß ganz anders interpretiert – im günstigsten Fall als Warnung, dass sie sich nun endlich einen anderen Mann suchen sollte, und im schlimmsten Fall als Zeichen dafür, dass sie Chris für immer verloren hatte. Sally war jedoch viel zu nett und warmherzig, um so etwas zu tun, wie Poppy wusste.

Trotzdem war der Schmerz dadurch nicht weniger schlimm gewesen. Und nun streute James noch Salz in ihre Wunden.

“Was ich empfinde und tue, geht dich nichts an”, brachte sie schließlich hervor, da ihr nichts Besseres einfiel.

“Ach nein?” Er warf ihr einen ironischen Blick zu. “Was mich aber etwas angeht, ist die Tatsache, dass du als Dolmetscherin und Übersetzerin für mich arbeitest. Und deswegen musst du wegen der internationalen Konferenz am nächsten Mittwoch nach Italien fliegen.”

“Ja”, bestätigte sie teilnahmslos. Als die Konferenz im Vorjahr anberaumt worden war, hatte Poppy geglaubt, Chris würde die Firma dort vertreten. Und als er sie gefragt hatte, ob sie ebenfalls daran teilnehmen wolle, hatte sie tagelang im siebten Himmel geschwebt und sich den wildesten romantischen Fantasien hingegeben. Rückblickend war ihr natürlich bewusst, dass es Hirngespinste gewesen waren.

Alles würde nun ganz anders verlaufen, als sie es sich ausgemalt hatte. Selbst wenn Chris wie geplant an der Konferenz teilgenommen hätte, hätte sie nicht mit dem kleinen Verkaufsteam der Firma zusammengearbeitet, sondern die meiste Zeit in ihrem Hotelzimmer verbracht, um zu übersetzen und die Schreibarbeit zu erledigen.

“Die Abflugzeit hat sich geändert”, informierte James sie. “Ich hole dich um halb sieben ab, weil ich auf dem Weg zum Flughafen sowieso hier vorbeikomme.”

Du holst mich ab?”, erkundigte sie sich schockiert. “Du fliegst doch gar nicht nach Italien. Chris …”

Chris ist in den Flitterwochen, wie du weißt, und kommt erst übernächste Woche zurück.” James warf ihr einen spöttischen Blick zu, als er hinzufügte: “Nicht einmal du würdest dir einreden, dass er früher aus den Flitterwochen zurückkehrt, um mit dir nach Italien fliegen zu können, stimmt’s? Oder hattest du das insgeheim gehofft? Verdammt, wann wirst du endlich erwachsen und erkennen, dass …?”

“Was?”, unterbrach sie ihn erbost. Ihre Lippen bebten, und sie versuchte sich wieder zu fassen. “Na los, sag es schon! Wir wissen schließlich beide, dass du darauf brennst, es mir aufs Brot zu schmieren. Oder soll ich es für dich tun?”

Hoch erhobenen Hauptes bemühte sie sich, seinem Blick standzuhalten. “Wann ich endlich erkenne, dass Chris mich nicht liebt, dass er mich nie lieben wird … dass er Sally liebt …”, brachte Poppy tapfer hervor.

Ihr war klar, dass ihre Augen verdächtig glänzten, doch sie konnte nichts dagegen tun. Sie hatte ihre Gefühle einfach nicht mehr unter Kontrolle.

“Natürlich weiß ich, dass Chris nicht nach Italien fliegt”, fuhr sie resigniert fort. Dann wandte sie sich von James ab, weil in diesem Moment das Schmuckkästchen laut knackte, bevor es in Flammen aufging.

Der Schmerz, den sie bei diesem Anblick empfand, war so übermächtig, dass sie sich mit aller Kraft zusammennehmen musste, um das Kästchen nicht aus dem Feuer zu reißen. Darin befanden sich alle Erinnerungsstücke aus den letzten zehn Jahren, die für sie so kostbar waren: das Geschenk, das sie zum zwölften Geburtstag von Chris bekommen hatte, die Karte, die er ihr geschickt hatte, und all die anderen Geschenke, die sie im Laufe der Jahre von ihm erhalten hatte.

Es waren vermutlich ganz normale Geschenke, nicht die eines Liebenden. Wenn James sie sah, würde er nur eine verächtliche Bemerkung machen.

Ja, sie hatte gewusst, dass Chris nicht nach Italien fliegen würde, aber ihr war nie der Gedanke gekommen, dass James an der Konferenz teilnehmen könnte. Plötzlich fiel ihr etwas ein, und sie runzelte die Stirn.

“Wenn du nach Italien fliegst, brauchst du mich nicht”, erklärte sie, nachdem sie sich ihm wieder zugewandt hatte. “Schließlich sprichst du fließend Italienisch.”

Und das aus gutem Grund, fügte sie im Stillen hinzu. Immerhin war seine Großmutter mütterlicherseits Italienerin, und Chris und er hatten oft die Sommerferien bei ihren Verwandten in Italien verbracht. Allerdings sprach Chris die Sprache lange nicht so gut wie James.

“Italienisch, ja”, bestätigte er kühl, “aber wie du weißt, handelt es sich um eine internationale Konferenz, und deine japanischen Sprachkenntnisse werden verlangt. Falls du also vorhattest, deine Zeit damit zu verbringen, von Chris zu träumen, warne ich dich. Wir fliegen nach Italien, um dort zu arbeiten …”

“Du hast nicht das Recht, mich vor irgendetwas zu warnen!” Poppy kochte innerlich vor Wut, weil er ihre Arbeitsauffassung infrage gestellt hatte.

Ihr war durchaus bewusst, wie hartnäckig er sich dagegen ausgesprochen hatte, dass sie die Stelle in der Firma erhielt. Es wäre Vetternwirtschaft, so hatte er argumentiert, und außerdem wäre es wesentlich kostengünstiger, die Arbeiten extern zu vergeben.

Poppy hatte ihre Mutter im Büro besuchen wollen und dabei unfreiwillig gelauscht, als diese und James das Thema lautstark erörtert hatten. Nun hatte sie deswegen ein schlechtes Gewissen.

Was James damals über sie gesagt hatte, hatte sie jedoch in ihrem Entschluss bestärkt, ihm zu beweisen, wie sehr er sich irrte. Ursprünglich hatte sie nämlich selbst daran gezweifelt, ob es klug wäre, für die familieneigene Elektronikfirma zu arbeiten.

Als ihre Mutter es ihr vorgeschlagen hatte, hatte Poppy zuerst gezögert, weil sie sich ein eigenes Leben aufbauen wollte. Da es allerdings nicht einfach gewesen wäre, einen Job zu finden, und die Aussicht, mit Chris zusammenzuarbeiten, sehr verlockend war, hatte Poppy ihre Bedenken über Bord geworfen. Nun war sie der Meinung, dass sie ihre Fähigkeiten bereits unter Beweis gestellt hatte, obwohl sie noch nicht lange für die Firma arbeitete.

“Ich weiß, dass ich nach Italien fliege, um dort zu arbeiten”, betonte sie. “Schließlich bin ich nicht diejenige, die …”

Sie verstummte betroffen, denn der Ausdruck in James’ Augen zeigte ihr, dass sie zu weit gegangen war.

“Sprich weiter”, ermunterte James sie trügerisch sanft.

“Na ja, ich bin nicht diejenige, deren Familie in Italien lebt”, erklärte sie.

“Willst du damit behaupten, dass ich die Reise für private Zwecke missbrauche?”, meinte er in Unheil verkündendem Ton.

“Mit dem Verkauf hast du ja im Grunde nichts zu tun, oder?”, erkundigte sie sich streitlustig.

“Als Geschäftsführer und Vorsitzender der Firma habe ich mit allem zu tun”, belehrte er sie leise. “Es verschwindet nicht einmal eine Büroklammer, ohne dass ich davon weiß. Da kannst du dir sicher sein, Poppy.” Unter seinem eisigen Blick errötete sie verlegen, als sie daran dachte, dass sie gelegentlich Büromaterial aus der Firma hatte mitgehen lassen.

“Und was das Verkaufsteam betrifft …”, fuhr er fort. “Diesmal wird es uns nicht begleiten.”

Uns?” Poppy schaute ihn ungläubig an. “Heißt das, nur wir beide …?”

“Nur wir beide, du und ich”, bestätigte James.

“Ich werde nicht …”, begann sie, verstummte aber, als er sie anlächelte. Sein Lächeln war trügerisch sanft, sodass sie sich nervös fragte, ob er sie entlassen würde, wenn sie sich weigerte, ihn nach Italien zu begleiten. Raffiniert wie er war, traute sie es ihm nämlich durchaus zu.

“Du bist der Boss.” Betont lässig zuckte sie die Schultern, doch er ließ sich dadurch offenbar nicht täuschen, wie der spöttische Ausdruck in seinen Augen bewies.

Vier Tage in Italien mit James … Für sie würde es die Hölle sein.

In diesem Moment wehte ihr eine Rauchwolke ins Gesicht, und Poppy musste husten. Als der Rauch sich verzogen hatte, sah sie, dass James das Foto betrachtete, das er aufgefangen hatte, und errötete beschämt.

Was ihr zu schaffen machte, war allerdings nicht die Tatsache, dass es ein Foto von Chris war. Er war damals siebzehn gewesen und sie vierzehn, und Poppy hatte es mit ihrer neuen Kamera auf einer Familienfeier aufgenommen. Später hatte sie es vergrößern lassen.

Nein, sie schämte sich deswegen, weil sein Gesicht auf dem Foto über und über mit Kussmündern bedeckt war. Peinlich berührt rief sie sich ins Gedächtnis, wie sie ihre Lippen leidenschaftlich auf seine gepresst hatte.

Ihr wurde plötzlich ganz heiß, denn noch nie im Leben hatte sie sich so geschämt. Sie verspannte sich unwillkürlich, weil sie darauf wartete, dass James in spöttisches Gelächter ausbrach. Dabei widerstand sie dem Drang, ihm das Foto aus der Hand zu reißen. Damit hätte sie alles nur noch schlimmer gemacht.

Statt sich über sie lustig zu machen, schaute er jedoch auf und betrachtete einen Moment lang ihren Mund.

Da sie sein Schweigen und seine Blicke nicht länger ertragen konnte, gab Poppy schließlich der Versuchung nach und tat genau das, wozu sie sich eigentlich nicht hatte hinreißen lassen wollen: Sie stürzte auf ihn zu und streckte die Hand aus, um ihm das Foto wegzunehmen. James reagierte jedoch blitzschnell, indem er das Foto in die andere Hand nahm und ihren Arm umfasste.

“Lass mich los!” Verzweifelt versuchte sie sich aus seinem Griff zu befreien, und trommelte mit der freien Hand, die sie zur Faust geballt hatte, gegen seine Brust. Dabei war ihr natürlich klar, dass sie ihm körperlich unterlegen war.

Mit seinen ein Meter neunzig war James fast einen Kopf größer als sie. Da er außerdem regelmäßig Sport trieb – Schwimmen, Joggen und Aikido –, hatte sie natürlich keine Chance gegen ihn.

“Lass mich los, James!”, wiederholte sie. “Und gib mir mein Foto zurück.”

“Dein Foto.” Nun lachte er tatsächlich. Es klang so verächtlich, dass sie sich am liebsten die Ohren zugehalten hätte. “Ich schätze, das hier waren die leidenschaftlichsten Küsse, die du einem Mann je gegeben hast, stimmt’s? Schließlich …”

“Nein, es stimmt nicht”, log Poppy. Sie wollte sich von James nicht noch mehr erniedrigen lassen.

“Nein?” Als sie unwillkürlich zu ihm aufsah, stellte sie fest, dass er sie zynisch betrachtete. “Und wer war er? Chris kann es jedenfalls nicht gewesen sein, obwohl er angeblich der einzige Mann ist, den du je geliebt hast … und den du je lieben wirst …”

Poppy errötete vor Wut, als ihr klar wurde, dass er nur ihre Worte zitierte. Als sie sechzehn gewesen war, hatte sie es ihm gesagt, nachdem er sie gefragt hatte, ob sie mittlerweile von ihrer Schwärmerei für Chris kuriert sei.

“Es ist niemand, den du kennst!”, rief sie aufgebracht.

“Dass niemand ihn kennt, auch du nicht, würde den Nagel wohl eher auf den Kopf treffen”, konterte er trocken.

“Das stimmt nicht!”

“Ach nein? Wir wollen doch mal sehen …”

Ehe sie wusste, wie ihr geschah, hatte James das Gewicht verlagert, sodass sie plötzlich das Gleichgewicht verlor und sich an ihm festhalten musste. Das nutzte er aus, indem er seinen Griff verstärkte und sie an sich zog – so dicht, dass sie seine muskulösen Oberschenkel an ihren spürte und seinen Herzschlag wahrnahm.

“James.” Sie warf den Kopf zurück, um ihn anzusehen und ihm zu zeigen, wie wütend sie war. Sie brachte jedoch kein Wort mehr über die Lippen, als sie bemerkte, wie er sie anschaute. Ihr Herz begann zu rasen, und ihr stockte der Atem. Unwillkürlich öffnete sie den Mund, um tief einzuatmen.

Sie stieß einen schwachen Laut aus. Ob es ein Seufzer war oder Protest, wusste sie selbst nicht. Im nächsten Moment presste James die Lippen auf ihre.

Das kann nicht wahr sein, ...

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