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Ein Mann mit Sahnehäubchen

Über dieses Buch

Lulu Knospe surft auf Wolke sieben: Niko ist ihr absoluter Traummann. Tochter Lilli, Baby Coco und Nikos Zwillinge Max und Moritz machen das Glück perfekt. Noch dazu logiert Lulu mit ihrer Patchwork-Familie am sonnigen Strand von Mallorca und schreibt Artikel über den Wellnesswahnsinn im Aussteigerparadies. Bald sollen die Hochzeitsglocken läuten. Doch plötzlich zerbröselt die Idylle: Der Traummann wandelt auf Abwegen, ein verlockendes Job-Angebot flattert ins Haus, und dann kommt auch noch Paul in ihr Leben spaziert. Ein Mann mit Sahnehäubchen …

Über die Autorin

Nina Kresswitz wurde 1960 in Regensburg geboren. Sie studierte in München Romanistik und Archäologie. 1996 kam ihre Tochter Anna zur Welt.

BASTEI ENTERTAINMENT

Lulu?«

Ich presse das Handy an mein Ohr. Nikos Stimme hat dieses leicht angeraute Etwas, einen Gänsehaut-Groove, der mir immer wieder wohlige Schauer über den Rücken treibt.

»Ja?«

»Ich habe etwas Furchtbares entdeckt.«

Bitte nicht. Was denn nur?

»Es gibt eine Stelle an deinem Körper, die ich noch nie geküsst habe.«

Ich schließe die Augen. Niko hat die unglaubliche Gabe, mich im Handumdrehen in eine erogene Zone auf zwei Beinen zu verwandeln.

»Es sind mindestens drei Quadratmillimeter. Meinst du, ich kann das heute Abend wieder gutmachen?«

Auf der Stelle zerfließe ich zu Vanillecreme. Allein die Vorstellung, was Niko meinen könnte, nähert mich der Kernschmelze.

»Ich denke schon«, antworte ich schwer atmend.

»Also, bis später, Prinzessin«, sagt Niko. »Dein Prinz muss noch zwei, drei Turniere ausfechten, dann galoppiert er direkt in deine Arme.«

Klick. Aufgelegt. Ich lehne mich zurück.

Whow. Glück. Vollkommenes Glück. Und ich dachte immer, das gibt es gar nicht. Einen Mann, der mich auf Wolke sieben surfen lässt und der dennoch den Alltagstest besteht. Der mir rote Rosen schenkt und trotzdem Windeln wechseln kann. Der nach Sonne riecht und auch im Mondenschein seinen Mann steht. Ein Blick aus seinen grünen Augen, und in meinem Bauch veranstalten dreitausend Düsenjets ein Familientreffen.

Niko ist mein Traummann, keine Frage. Vor kurzem hat er mir einen Heiratsantrag gemacht, und seitdem laufe ich mit einer rosaroten Brille durch die Welt, deren Gläser so dick sind wie Likörgläser aus Bleikristall.

Ein Traummann. Ein Lebenstraum. Und wer hätte gedacht, dass dieses Hochglanzglück noch dazu auf Mallorca stattfindet? Vergessen sind die grauen Wolken des Nordens. Ich habe ganz fest beschlossen, von nun an die Sonnenseiten des Lebens zu genießen. Und zwar in vollen Zügen. Verzückt sitze ich auf unserer Terrasse direkt am Meer und überlasse mich lustvoll einer gewissen Taubheit des Hirns, die mich befallen hat. Jetzt ist mal mein Herz dran.

Apropos Sonnenseiten – seit drei Monaten lebe ich nun auf Mallorca, aber ich kann immer noch staunen über die Schönheit dieses viel geliebten und viel gescholtenen Eilandes. Ein leichter Wind bewegt die Oleanderbüsche, deren helles Rot fast zu explodieren scheint. Der Himmel hat ein Blau, das man in Deutschland nur von schrill kolorierten Postkarten kennt. Und das Meer kräuselt sich zu kleinen Wellenspielen, auf denen die Schaumkronen der Glückseligkeit dümpeln. Dies ist das Paradies. Und keine Schlange ist in Sicht.

Gibt’s das wirklich? Das perfekte Glück? Irgendeine hartnäckige kleine Stimme in mir zetert sofort drauflos, dass es so etwas nur im Kino gibt. Oder in Romanen. Ist schon gut, du kleine pessimistische Stänkerstimme, nun mach mal Pause. Lulu Knospe hat das große Los gezogen. Basta.

Ich sehe mich um. An einen Steilhang geschmiegt liegt unser Haus in einer verwunschenen Bucht, wo außer ein paar neugierigen Fischern niemand die Idylle stört. Villa Wunderbar nenne ich das Domizil, in dem unsere schräge Patchworkfamilie logiert. Die traditionelle Mama-Papa-Kind-Nummer haben wir nämlich kreativ erweitert und eine vielköpfige Großfamilie gegründet. So nach dem Motto: meine Kinder, deine Kinder. Familie Mustermann sind wir jedenfalls nicht gerade. Komischerweise funktioniert die Sache.

Auch heute. Meine Tochter Lilli spielt mit Nikos Söhnen Max und Moritz am Strand, während Baby Coco im Schatten seinen Mittagsschlaf hält. Der Kleine ist nicht von Niko, sondern von Robert, Nikos Vorgänger. Tja. Mein Liebesleben war bis jetzt eben eher sprunghaft. In der Küche werkelt Timmi, mein Dauer-Ex-Lover mit Kuscheleffekt, der Küchenchef, Gartenguru und Kindermädchen in Personalunion ist.

Langsam schlürfe ich den Schaum des Latte macchiato. Ich habe Sehnsucht. Niko ist in Palma, um mit seinen Kollegen von der Werbeagentur neue Tricks auszuhecken, wie man Dinge, die keiner braucht, zu unentbehrlichen Basics hochtoupieren kann. Spätestens zum Abendessen will er zurück sein. Mein Niko. Mein Traummann. Ich bin verliebt wie ein Backfisch.

Unentschlossen blättere ich im Adressbuch. Eine Gästeliste muss her. Vier Wochen noch, dann werden Niko und ich in der kleinen Kapelle von Santanyi zum Altar schreiten. Ich kann es selbst kaum glauben. Lulu Knospe, die wilde Hummel, die ihr ganzes vierzigjähriges Leben lang von Blüte zu Blüte flog, um vom Nektar der Leidenschaft zu naschen, Lulu Knospe will nur noch diesen einen Mann.

Zugegeben, ich hätte auch nicht gedacht, dass ich ausgerechnet hier mein Glück finden würde. Mallorca. Eine Insel wie ein Musterkoffer angeschrägter Lebensentwürfe, die unter südlicher Sonne ausprobiert werden. Alle sind sie da, das ganze Sortiment. Alerte Börsenjongleure, die selbst noch am Strand auf ihre Laptops einhämmern. Windige Immobilienhändler, die verfallene Scheunen als authentische Residenzen anpreisen. Verlassene Gattinnen, die ihren Unterhalt in permanent umgestylten Edelanwesen verschleudern. Verbitterte Lehrer, die sich in der Kunst des Weinbaus versuchen.

Und ich? Ich habe meinen Job als Fernseh-Moderatorin an den Nagel gehängt und schreibe nun Kolumnen über den ganz normalen Wahnsinn dieser Insel. Meine Spezialität sind die neuesten Wellnesstrends. Ob Ayurveda-Trennkost mit Synchrongymnastik oder Feng Shui für das beziehungstechnisch ausbalancierte Schlafzimmer, nichts Menschliches ist mir fremd.

Ratlos blättere ich weiter in meinem Leben herum. Adressbücher sind schon seltsam. Namen tauchen auf, die sich plötzlich wieder mit Leben füllen, Karteileichen und Überlebensretter teilen sich einträchtig den Platz. Ob ich Robert einladen soll, Cocos Vater? Und was ist mit den anderen Ehemaligen? Ich rufe mich zur Ordnung. Schließlich geht es hier um eine Hochzeit und nicht um ein Kriegsveteranen-Treffen. Überhaupt werden wohl wenige meiner Freunde den weiten Weg auf sich nehmen, um mit mir auf Mallorca Hochzeit zu feiern. Schade eigentlich. Aber Nikos Idee mit der Kapelle in Santanyi finde ich natürlich brillant. Eine kleine, feine Feier, das hat er sich vorgestellt. Vielleicht ist es auch besser so. Die Freunde aus dem alten Leben erscheinen mir sowieso weit, weit weg, nicht nur wegen der Kilometer, die zwischen uns liegen.

Aber die Frage aller Fragen ist natürlich: Was werde ich anziehen? Eine Weile stöbere ich in dem Hochzeitskatalog herum, der heute Morgen mit der Post gekommen ist – oder besser gesagt, von Rosa gebracht wurde, der rasantesten und indiskretesten Postbotin aller Zeiten. Leider habe ich sie heute Morgen verpasst, weil ich die Kinder zur Schule und in den Kindergarten gebracht habe. Rosa ersetzt locker eine Tageszeitung, so viel Geheimwissen ist in ihrem großen Herzen verborgen.

Der Katalog mit Hochzeitskleidern ist dick wie eine Bibel und konventionell wie ein Cremeschnittchen. Nur Mut. Es wird schon was dabei sein. Kurz oder lang? Schleier oder Hut? Oder einfach Yasminblüten ins Haar stecken? Was für wunderbare Luxusprobleme.

Rasch sehe ich das übrige Zeug durch. Ein rosa Brief fällt mir in die Hände. Rosa? Sieht mehr nach einem verliebten Backfisch aus. Ist der hier wirklich richtig gelandet? Ich schaue auf die Adresse. Alles korrekt. Niko Westermann steht da. In einer schönen, ebenmäßigen Handschrift. Stimmt, so heißt mein Niko. Es ist eine Frauenhandschrift, das sehe ich sofort. Na und? Niko bekommt jeden Tag jede Menge Briefe. Durch seinen Job hat er nun mal mit vielen Menschen zu tun.

Jetzt kommen die Rechnungen. Ich reiße als Erstes den Brief von der Kreditkartenfirma auf. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich eine Menge Shopping-Schandtaten auf dem Kerbholz habe. Die roten Sandaletten, die ich unbedingt zu dem gestreiften Strandkleid haben musste, die völlig überteuerte Supercreme mit dem AHA-Komplex, ein Schlemmeressen mit Yvonne, dann noch – Moment, was ist das? Romantikhotel Rosenhöhe in Königstein, lese ich, Doppelzimmer 250 EURO und Diverses 300 EURO. Ich war noch nie im Romantikhotel Rosenhöhe. Ich war noch nicht mal in Königstein. Ich bin platt. Dann schaue ich aufs Datum. Das war vor drei Wochen. Was war denn bloß vor drei Wochen?

Nur nicht nervös werden. Mal überlegen. Vor drei Wochen war Niko zu einem informellen Kundengespräch in Frankfurt. Aber Romantikhotel Rosenhöhe? Und wieso unglaubliche 300 EURO für Diverses?

Irgendwie fängt mein Magen an zu schlingern. Ein ganz schlechtes Zeichen. Mein Bauch ist ein zuverlässiger Seismograph für atmosphärische Störungen. Das Wort »Diverses« bläht sich vor mir auf. Eine große, fette Blase, in der Champagnerflaschen herumgondeln. Was um Gottes willen hat Niko in diesem Romantikhotel gemacht? Und wieso brauchte er ein Doppelzimmer? Und warum ist Diverses teurer als das ohnehin überzahlte Zimmer?

Siehste, höhnt die kleine mäkelige Stimme von vorhin. Siehste, auch die schönste Schüssel bekommt mal einen Sprung. Allmählich werde ich richtig wütend. Was heißt denn hier siehste? Ruhe im Karton!

So, und nun noch mal langsam und von vorn. Romantikhotel Rosenhöhe. Königstein, das liegt doch im Taunus. Und der liegt wiederum in der Nähe von Frankfurt. Ganz ruhig. In Frankfurt war bestimmt Messe, und da musste Niko außerhalb übernachten. Klar. Zu Messezeiten ist Frankfurt dicht. Völlig klar. Und dann war nur noch ein Doppelzimmer frei. Kommt doch vor, oder?

Plötzlich durchfährt es mich heiß. Ich wühle in dem Poststapel und ziehe den rosafarbenen Brief noch einmal hervor. Der Absender steht hinten drauf. Vanessa Markus, steht da. Weilerstraße 15, Königstein. Jetzt ist mir speiübel. Aber richtig.

»Was ist los, Lulu? Du siehst so blass aus. Bestimmt hast du heute noch nichts gegessen!«

Timmi stellt mir ein Stück Käse und Oliven hin.

»Hochzeitskleider?«, fragt er zögernd und nimmt den Katalog in die Hand, der aufgeschlagen auf dem Tisch liegt.

»Mensch, Lulu, ich freu mich für euch, ehrlich, finde ich toll, dass du heiratest, aber tu mir einen Gefallen und zieh bloß nicht so eine Kutte an. Das passt überhaupt nicht zu dir.«

Ich bin auf einmal nicht mal mehr sicher, ob der Mann noch zu mir passt. Und auf der Stelle schäme ich mich wieder, dass ich so leicht ins Wanken zu bringen bin. Niko trägt mich auf Händen, er ist ein ebenso phantasievoller wie liebevoller Vater für Lilli und Coco, ganz so wie für Max und Moritz, er akzeptiert dieses ganze Durcheinander nebst Timmi, und er erotisiert mich bis zum Pupillenstillstand.

»Nun guck nicht so erschrocken, ich meine ja nur …«

»Schon gut, Timmi. Du hast ja recht. Diese ganzen Prinzessinnen-Outfits sind zu madammig. Ich brauche etwas Unkonventionelles, etwas Witziges, etwas …«

Ich rede einfach drauflos. Nur nichts anmerken lassen.

»Lulu?« Timmis Stimme klingt weich. Vor ihm kann ich schwer verbergen, wenn etwas nicht stimmt.

»Alles roger?«, fragt er leise und setzt sich.

»Natürlich!«, rufe ich laut. »Und wenn wir nichts finden, dann nähe ich mir eben irgend so ein Teil.«

»Ich meine nicht das Kleid«, sagt Timmi sanft, aber beharrlich.

»Ach Timmi«, antworte ich und sehe aufs Meer hinaus. Wo sind bloß die Schaumkronen geblieben? Träge plätschern die Wellen heran und laufen im Sand aus. Vanessa Markus. Wer, verflixt noch mal, ist Vanessa Markus?

»Pass auf, wenn irgendetwas danebenläuft, dann canceln wir die Sache«, sagt Timmi und nimmt meine Hand. Er trägt wie immer ein leicht ramponiertes Bayern-München-T-Shirt, auf dem der Speiseplan des heutigen Tages unverkennbar Spuren hinterlassen hat. Tomatensauce zum Beispiel. Und Rotwein. Oder ist das Cola? Egal. Ich kenne Timmi seit zehn Jahren. Damals hatte er gerade sein Biologiestudium abgebrochen, fuhr Taxi und hauste in einer hoffnungslos verschlampten Gartenlaube, inmitten von Brennnesseln und wildem Wein. Seit ein paar Jahren zieht er mit dem Lulu-Knospe-Wanderzirkus herum und ist großer Bruder, Freund und guter Geist in einem.

»Danke, Timmi«, erwidere ich. »Weißt du, es ist das erste Mal, dass es ernst wird. Ich meine, so eine Heirat ist wirklich eine ernste Sache.«

»Niko ist gut für dich«, philosophiert Timmi drauflos. »Der Mann hat den richtigen Mix: cool und warm, spritzig und geerdet. Das gibt es nicht so häufig. Aber trotzdem: Tu es nur, wenn du dich danach fühlst. Mallorca ist echt heiß. Aber ich gehe mit dir auch nach Grönland, verstanden?«

»Verstanden«, flüstere ich. Lieber Timmi.

»Heute Abend gibt es den sagenhaften Auberginenauflauf à la Lulu«, wechselt mein Dauer-Ex-Lover das Thema. »Und Erdbeermousse!«

»Toll«, antworte ich, aber es klingt leider nicht so richtig begeistert. Romantikhotel Rosenhöhe, flüstert es in meinem Kopf. Was mache ich jetzt bloß?

*

»Hallo, Prinzessin!«

Mein Herz klopft einen wilden Hip-Hop. Niko nimmt mir immer noch den Atem. Ich gebe zu, dass ich durchaus empfänglich bin für männliche Schönheit, und bei diesem Exemplar der Herrenwelt hat sich Mutter Natur nun wirklich außerordentlich viel Mühe gegeben. Grüne Augen. Da werde ich sowieso schon mal schwach. Ein brauner Haarschopf, der ihm immer dekorativ nachlässig in die Stirn fällt. Ein muskulöser Körper, stets leicht gebräunt von der mallorquinischen Sonne. Und ein Flirtfaktor, der auf der nach oben offenen Richterskala wie ein Pfeil nach oben schießt.

»Hallo, Niko!«

Er nimmt mich in die Arme, und ich schnuppere an seinem Hals. Er riecht so gut. Ich bin immer wie betrunken von seinem Duft. Und wenn ich meinen Kopf an seine Schulter lege, dann ist die Welt einfach in Ordnung. Fast. Denn Worte wie »Romantikhotel« und »Diverses« können ziemlich peinigend sein. Ich löse mich aus seiner Umarmung.

»Sieh doch mal. Jede Menge Post heute«, seufze ich. Er soll sie in meiner Gegenwart lesen. Dann kann ich wenigstens testen, ob er sich irgendwie schuldbewusst aufführt. Oder sogar ertappt.

»Das hat doch Zeit«, sagt Niko. »Erst mal möchte ich duschen – und vielleicht cremst du mich dann ja ein.«

Er lächelt mich verschwörerisch an. Jajaja, ich weiß doch, Duschen und Eincremen und …, das sind die schönsten Momente des Tages, ein immerwährender Honeymoon. Ach, vergessen wir einfach die Briefe, das Leben findet hier und jetzt statt. Und der Post-Test kann ja schließlich auch später noch funktionieren.

Ich schaue noch rasch nach Coco, der zufrieden in seiner Babywippe schaukelt und den Kindern zusieht, die gerade Ameisen fangen und in Marmeladengläser setzen.

»In einer halben Stunde wird gegessen!«, rufe ich den Kiddies zu.

»Kann man Ameisen essen?«, fragt Lilli.

»Klar«, antwortet Max. »Mit Ketchup eine Delikatesse!«

»Die haben jede Menge Proteine«, fügt Moritz hinzu. Max und Moritz sind Nikos achtjährige Zwillinge, die es lieben, der vierjährigen Lilli einen immensen Wissensvorsprung vorzugaukeln.

»Mama, was ist Protiiiene?«, fragt Lilli.

»Was Gesundes natürlich!«, ruft Max. »Davon wird man groß und stark!«

»Ich esse sie jeden Morgen«, behauptet Moritz. »Mit Müsli sind sie phantastisch!«

»Schluss jetzt mit dem Unsinn«, beendet Niko die Diskussion. »Ich werde jetzt das Badezimmer aufsuchen, und in dreißig Minuten sitzt ihr mit gewaschenen Händen am Tisch, klar?«

»Voll krass, jetzt duschen sie wieder«, sagt Max und grinst.

»Bitte nicht stören«, kichert Moritz. »Küsschen, Küsschen!«

»Ich will auch ein Küsschen«, mault Lilli.

»Kannst du haben«, sagt Moritz und gibt ihr einen Schmatz auf die Nase.

»Mama, Mama!«, schreit Lilli.

Villa Wahnsinn eben. Familienleben und Liebesleben, ein ewiges Dilemma. Kinder haben ein untrügliches Gespür dafür, wenn ihre Erziehungsberechtigten mal Intimsphäre brauchen. Eine kleine Auszeit für die Liebe. Und sie sind Meister darin, diesen lustvollen Rückzug zu durchkreuzen.

»Also gut«, greift Niko ein. »Ausnahmsweise, aber wirklich nur ausnahmsweise gibt es ein kleines Eis als Vorspeise.«

»Voll krass, der Alte«, sagt Moritz anerkennend, während Moritz »oh yeah« ruft wie ein Groupie beim Popkonzert und Lilli begeistert juchzend in die Küche läuft.

»Ein kleines Eis, habe ich gesagt!«, ruft Niko noch.

»Das war nicht gerade pädagogisch wertvoll«, raune ich ihm zu.

»Aber ausgesprochen lustfördernd«, raunt Niko zurück und nimmt meine Hand. »Ich habe dir doch versprochen, mich dem ungeküssten Stückchen Haut zu widmen!«

Immer schon habe ich die Leichtigkeit bewundert, mit der er sich noch im größten Alltagschaos die kleinen Momente des Genusses stiehlt. Ein Lebenskünstler, wie er im Buche steht. Und wenn er nun diese Fähigkeit auch woanders einsetzt? Vielleicht gibt es noch ganz andere solcher gestohlenen Momente, von denen ich gar nichts weiß?

»Was ist los? Kommst du nicht mit?«, fragt Niko erstaunt, denn meine Gedanken haben mich soeben ein wenig erstarren lassen.

»Aber klar doch«, sage ich leichthin. Mein Herz hämmert immer noch. Aber es sind ein paar Klopfzeichen dabei, die nicht so recht zu seiner Flitterwochenstimmung passen wollen.

»Mach dir keine Sorgen, den Kindern geht’s gut«, versucht Niko mich zu beruhigen.

»Hast ja Recht«, sage ich, und Hand in Hand gehen wir ins Haus. Schnellen Schritts laufen wir die knarrende Holztreppe hoch zum Schlafzimmer. Ich lege mich aufs Bett und höre, wie Niko die Dusche aufdreht. Er pfeift und summt wie immer unternehmungslustig in das Wassergeprassel hinein. Eifersucht steigt in mir auf wie Sodbrennen. Himmel, ich möchte diesen Mann nicht verlieren. Sicher, ich selbst bin so oft weggelaufen, habe mich auf der Achterbahn meiner Gefühle hin und her werfen lassen, habe dem Verlangen nachgegeben und das eine oder andere Männerherz gebrochen. Doch diesmal geht es um alles. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich das Gefühl, dass ich angekommen bin, dass dieses ganze Durcheinander meiner Zickzack-Biographie in ruhige Bahnen gleitet. Dass ich ein Zuhause habe, und meine Kinder auch. So etwas wie Niko begegnet einem nur einmal im Leben.

Niko kommt aus der Dusche, die Wassertropfen glitzern noch auf seiner Haut. Die feuchten Haare hängen wie gegelt in seine Stirn, das lässig um die Hüften geschlungene Handtuch betont seine makellose Figur. Muss ich mich denn wundern, dass so ein attraktiver Kerl Angebote ohne Ende bekommt?

Blitzartig rollt vor meinem geistigen Auge das Szenario seines Tages ab. Die Kellnerin, die ihm zulächelt, wenn er morgens in der Espressobar noch einen schnellen Cappuccino trinkt. Die Sekretärin in der Agentur, die ihn anhimmelt, wenn er mit Schwung seine Papiere auf den Schreibtisch wirft. Die Marketingchefin von der Keksfabrik, die nur mit ihm zusammenarbeiten möchte, angeblich, weil er die besten Kampagnen entwirft. Die Welt ist voller Frauen, die es auf Niko abgesehen haben, durchfährt es mich heiß. Und ich kann nichts dagegen tun. Das heißt, ich könnte ihn natürlich einsperren und dreimal am Tag füttern; oder im Museum an die Wand hängen, mit einem Schild, auf dem »Bitte nicht berühren« steht. Oder …

»Prinzessin?«

Ich schrecke auf. Ach ja. Niko.

»Du bist aber ganz schön geistesabwesend heute«, flüstert er und hält mir die Flasche mit der Bodylotion hin. Er hat das Handtuch auf einen Stuhl geworfen und legt sich neben mich. Wie ich diese Härchen auf seinem Bauch liebe. Eine Ameisenstraße vom Bauchnabel bis zum – oh Gott, wenn nur Lilli keine Ameisen isst. Die Jungs bringen es fertig und schwatzen ihr Eis mit Ameisengarnitur auf.

»Moment, bin gleich wieder da«, sage ich leise und husche die Treppe hinunter in die Küche.

»Timmi, bitte pass auf, dass Lilli keine Ameisen isst, sei so gut, ja?«

Timmi blinzelt mich erstaunt an. »Sag mal, bist du irgendwie ausgetickt heute?«

»Nein, nein, ist nur …«

»Alles klar, ich behalte sie im Auge!«

Ich rase wieder die Treppe hoch. Niko liegt auf dem Bett und mustert mich nachdenklich.

»Hör mal, Prinzessin, wenn dir nicht danach ist, dann …«

Auch das noch. Verständnis. Verzicht. Das ist das Letzte, was ich jetzt will. Ich will doch ihn, mit Haut und Haar. Und Härchen.

»Mir ist sehr danach«, flüstere ich lüstern. »Dreh dich auf den Bauch.«

Ich greife zur Bodylotion und erwärme eine große Portion in den Händen. Niko hasst es, wenn man ihm die Lotion direkt auf die Haut tröpfelt. Dann beginne ich ihn zu massieren.

»Mmmh, das tut gut«, murmelt er wohlig.

Unter meinen Händen beginnt sein Rücken sich zu bewegen. Kleine brummende Seufzer sind zu hören. Ich ziehe mein T-Shirt aus und schmiege mich an diesen herrlichen breiten Rücken.

Aus der Küche ist ein Schrei zu hören. Ich fahre hoch.

»Bleib hier, bitte«, bittet Niko.

Ich massiere weiter, doch meine Ohren sind auf Fein-Empfang getunt. Was tut sich da unten? Was ist mit Lilli? Und mit den Ameisen? Und was ist eigentlich »Diverses«?

Unvermittelt dreht sich Niko um, sodass ich fast aus dem Bett falle.

»Irgendwie bist du heute nicht bei der Sache«, sagt er enttäuscht.

»Doch, doch«, schwindele ich.

Was für ein Desaster. Das kann auch nur mir passieren. Die anderen Frauen sind bestimmt allzeit bereite Liebesgöttinnen, nur ich, Lulu Knospe die Drama-Queen, ich habe den Kopf voller Gedankenameisen, die durch mein Gehirn krabbeln und das Lustzentrum lahm legen.

»Weißt du was?«, sagt Niko. »Du bist so gestresst – heute werde ich zur Abwechslung mal dich massieren.«

Ach Niko. Mein wunderbarer, süßer Niko.

Drei Sekunden später liegen wir einander in den Armen. Ich lasse mich fallen, genieße seine Küsse, spüre jeden Muskel seines Körpers, liebkose jeden Millimeter seiner straffen Haut und segele schließlich über alle Schaumkronen dieser Welt in einen knallblauen Himmel hinein.

Ermattet drängen wir uns schließlich aneinander.

»Ich liebe dich«, sagt Niko leise. »Du bist meine Traumfrau.«

Und ich blödes Schaf habe an ihm gezweifelt. Vor Scham und Erleichterung kommen mir die Tränen.

»Nicht weinen, was ist denn?«, fragt Niko unsicher.

»Ich bin einfach nur so unfassbar glücklich mit dir«, schluchze ich. »So irre, irre glücklich!«

»Und bald bist du meine Frau, schon vergessen?«, sagt Niko.

»Ich freue mich so wahnsinnig darauf«, erwidere ich. »Das wird der schönste Tag in meinem Leben.« Wenn ich es nur oft genug sage, dann wird es am Ende schon stimmen, oder?

»In unserem Leben«, verbessert mich Niko. »Ich habe eine Überraschung für dich. Den Entwurf für die Einladung. Ich war heute Nachmittag noch in der Druckerei.«

Sofort sehe ich eine aufreizend angezogene Mitarbeiterin der Druckerei vor mir, die mit einem lasziven Lächeln meinem zukünftigen Mann den Entwurf überreicht. Ein Barbie-Geschoss vom Feinsten. So. Jetzt ist es so weit. Ich habe einen Tick, einen echten Tick. Nie hätte ich geahnt, dass Eifersucht eine solche Droge sein kann.

»Oh, ich bin schon ganz neugierig«, sage ich schnell. Bloß nichts anmerken lassen von meiner neuen Obsession. Männer stehen nicht auf eifersüchtige Frauen, das ist allgemein bekannt.

»Übrigens, ich habe schon angefangen mit der Gästeliste«, füge ich hinzu.

»Sehr gut. Wir werden das schon schaffen. Immerhin sind es noch vier Wochen bis zum Tag X. Ich muss zwar noch ein großes Projekt stemmen bis dahin, aber ich werde einen Teil an unsere neue Kollegin delegieren, damit du nicht die ganze Arbeit allein machen musst.«

Mein Alarmsystem ist mit einem Schlag aktiviert. Eine neue Kollegin? Wieder geht meine Phantasie in die Offensive. Eine kurvenreiche brünette Schönheit entsteigt meiner Vorstellungskraft, die unter dem grauen Designerkostüm nichts als Spitzenwäsche trägt, welche vorwitzig aus dem Dekolleté herausguckt.

»Eine neue Kollegin, aha«, sage ich so harmlos wie möglich. »Seit wann ist sie denn in der Agentur?«

»Sie kommt in zwei Wochen. Sie wollte eigentlich nicht weg aus Deutschland, weißt du, aber ich konnte sie schließlich doch noch überreden, wenigstens für ein Vierteljahr auf Probe nach Mallorca zu kommen. Du hast mir Glück gebracht, Prinzessin, die Agentur läuft wie Sahne. Ich brauchte dringend qualifizierte Mitarbeiter.«

Das passt alles so gut zusammen, dass ich am liebsten schreien möchte. Wie er sie wohl überredet hat? Bestimmt mit »Diverses«. Champagner bis zum Abwinken, Dinner für zwei auf dem Zimmer, und das alles im Romantikhotel.

Niko seufzt tief. »Nächste Woche muss ich noch mal in die Heimat. Aber dann bleibe ich hier und bereite mit dir alles vor.«

»Nächste Woche. Hm. Und wohin fährst du genau?«, frage ich mit bangem Herzen.

»Nach Frankfurt«, sagt Niko wie aus der Pistole geschossen. Ein Schuss mitten ins Herz. Ich kann ein Ächzen nicht unterdrücken.

»Nimm es doch nicht so tragisch«, sagt Niko und betrachtet mich besorgt. »Es sind nur zwei Tage und zwei Nächte. Dann bin ich wieder hier bei dir.«

Zwei Tage und zwei Nächte im Romantikhotel. Na, dann gute Nacht, Marie.

»Lulu?«, fragt Niko mit behutsamer Stimme und streichelt meinen Arm.

»Ja?«, Oh, Niko. Tu mir das nicht an.

»Bist du sicher, dass du es immer noch willst?«

»Was?« Ruhe bewahren! Lulu, reiß dich zusammen!

»Heiraten.«

»Wieso?« Was ist denn das jetzt für eine Frage? Ist denn alles schon wieder vorbei?

»Du bist heute so komisch.«

»Das ist … das sind … die Hormone«, stammele ich. »Du weißt doch, nach der Geburt sind Frauen Sklaven ihres Hormonspiegels. Coco ist jetzt drei Monate alt, da passiert eine Menge im weiblichen Körper. Und das Stillen gibt mir den Rest. Nimm es nicht so tragisch. Das gibt sich wieder. Ich bin die glücklichste Frau der Welt.«

Niko sieht mich noch eine Weile zweifelnd an, während ich mich um das reizendste Lächeln bemühe, dann nimmt er meinen Kopf in seine Hände und küsst mich auf die Stirn.

»Du bist das Beste, was mir jemals in meinem Leben passiert ist«, sagt er zärtlich. »Aber tu mir den Gefallen und bleib genauso wie du bist, ja? Spiel mir bitte nie etwas vor. Ich mag dich mit allen Ecken und Kanten.«

Ich presse mich eng an ihn.

»Oder willst du doch lieber in der Heimat heiraten?«, fragt Niko. »Mit deinen Freunden, mit deiner Familie? Ich habe schon länger den Eindruck, dass du eigentlich lieber im Kreise deiner Lieben feiern möchtest.«

»Nein, nein«, erwidere ich und reibe meine Nase an seinem Hals, »es ist schon besser so. Ein neues Leben beginnt.« Aber so ganz sicher bin ich mir nicht. Die Weggefährten von einst hätte ich schon ganz gern dabei gehabt an meinem großen Tag.

Plötzlich kratzt etwas an der Tür.

»Abendessen!«, rufen Max und Moritz im Chor und laufen krakeelend die Treppe hinunter.

*

»Ciao, meine Süße!«

Ein wilder Kuss, dann ist Niko samt Kindern verschwunden. Und ich genieße ein zweites Frühstück auf der Terrasse, während Coco eine vorzeitige Siesta im Schatten des großen Sonnenschirms hält. Was für eine paradiesische Ruhe plötzlich einkehrt.

Das Handy klingelt.

»Süße?«

Es ist Niko.

»Ich wollte dir nur noch mal sagen, wie sehr ich dich liebe.« Im Hintergrund hört man die Jungs kichern.

»Dito«, sage ich selig, »und nun leg schnell auf, damit du heil ankommst. Du weißt ja, Auto fahren und telefonieren, das ist ganz schön brenzlig.«

Wenn nur dieser rosa Brief nicht wäre. Er liegt noch immer ungeöffnet in der Küche. Am liebsten würde ich ihn agentenmäßig über Wasserdampf öffnen, so neugierig bin ich. Aber ich beherrsche mich. Nur keine Sorge, der Mann macht keine Dummheiten. Bestimmt nicht. Oder?

Das Handy klingelt noch einmal. Erwartungsvoll nehme ich es in die Hand. »Mutter«, blinkt es auf dem Display. Au weia. Ich lasse es klingeln. Nichts soll mich jetzt aus meinen Tagträumen reißen. Und Sinnkrisen wegen Eifersucht sollte ich nicht ausgerechnet mit meiner Mutter besprechen. Nach einer kurzen Pause legt das Handy von neuem los. Immer noch »Mutter«. Also gut. Ich drücke auf die Taste mit dem grünen Hörer. Grünes Licht für mütterliche Ratschläge. Schön stark sein, Lulu Knospe.

»Hallo, Schätzchen, wie geht’s? Willst du immer noch freiwillig in den Eheknast?«

»Hallo, Mutter«, antworte ich matt und greife zur Kaffeetasse. »Danke für deine aufmunternden Worte.«

Ciao, Tagtraum. Mutter ist natürlich gegen diese Heirat. Männer sind ausschließlich dazu da, um Spaß zu haben, sagt sie immer. Sobald du dich bindest, trinkst du keinen Champagner mehr, sondern nur noch Kamillentee. Und überrascht mich dann beiläufig mit einem neuen rasend jugendlichen Lover, Spaßfaktor und Unverbindlichkeit inklusive. Ich habe es aufgegeben, mir die Namen ihrer Auserwählten auf Zeit zu merken und nenne sie alle »Bello«. Das klingt zwar nach einem Schoßhund, aber die meisten strahlen mich dann an und sagen »Bella« zu mir.

Mutter ist gerade an der Sechzig vorbeigeschrammt, aber irgendwie hat sie es geschafft, sich bemerkenswert jung zu halten. Für eine straffe Haut brauche ich keine teuren Cremes, sagt sie immer, nur dreimal täglich Sex. Manchmal wünsche ich mir eine ganz normale Mutter. Aber nur manchmal. Jetzt zum Beispiel.

»Er ist der Mann meines Lebens«, verteidige ich mich. Soll ich ihr etwa erzählen, dass ich sogar die Fusseln in seinem Bauchnabel liebe? Und dass ich gerade in den Untiefen des Argwohns schlingere?

»Schon klar«, sagt Mutter. »Aber das ist doch kein Grund für lebenslängliche Einzelhaft.«

Gleich schreie ich. Womit, bitteschön, habe ich das denn nun wieder verdient? Wie wäre es denn mal mit mütterlicher Gerührtheit? Oder einfach freundlicher Anteilnahme?

»Okay, dann streiche ich dich eben von der Gästeliste«, grantele ich. »Schade eigentlich. Du hättest die perfekte Brautjungfer abgegeben.«

Damit hat sie nicht gerechnet. Eine Weile ist es still. Ich höre nur das Rauschen des Meeres.

»Lulu?«, meldet sich die Stimme meiner Mutter schließlich. Klingt irgendwie ungewohnt zaghaft.

»Ist noch was, Mutter?«

»Du kannst mich jederzeit anrufen, wenn was ist.«

»Klar. Mache ich. Und fall bloß nicht in die Hochzeitstorte, sei so gut.«

»Lulu? Ich meine es ernst.«

»Niko auch. Und du wirst einen Teufel tun und es mir ausreden, klar?«

»Bis bald, Kleine«, haucht Mutter und legt auf.

Mutter ist der Knaller. Aber schwer gewöhnungsbedürftig. Einst gab sie Orgasmuskurse auf ihrer mallorquinischen Finca, jetzt hat sie das Anwesen an ein Wellnessteam vermietet, das Turbo-Tai-Chi und diversen Psycho-Krempel für melancholische deutsche Aussteiger anbietet.

»Hola«, sagt Rosa, die Postbotin. Ich sehe auf. Rosa ist mindestens achtundfünfzig, aber radelt immer noch die Küstenstraßen entlang, als ginge es um das gelbe Trikot. Ihr pflaumenschwarzes Haar trägt sie zu einer vogelnestartigen Turmfrisur aufgesteckt, ihre Röcke sind kurz und ihr Lächeln würde einen Eiswürfel zum Bersten bringen. Fröhlich winkt sie mit einer Hand voller Briefumschläge.

»Post für Señora«, sagt sie und hält mir strahlend das Bündel hin. Rosa ist einfach klasse. Sie kennt jeden, weiß alles und ist so etwas wie die mallorquinische »Frau im Spiegel«. Klatsch as Klatsch can. Frei Haus und garantiert sinnfrei. Zum Glück spricht Rosa fließend Deutsch, mit einem leichten Bottroper Akzent, denn sie war lange mit einem Rentner aus dem Ruhrgebiet liiert.

»Eine kleine Erfrischung?«, frage ich zwinkernd, und Rosa zwinkert zurück.

Das Glas Weißwein gehört zu unserem Ritual. Erst die Briefe, dann ein Glas Wein, und schon geht die Post ab. Klatschtechnisch, versteht sich.

Ich schaukele Coco in seiner Babywippe und schaue Rosa nach, die sich von Timmi ein gut gefülltes Glas aus dem Küchenfenster reichen lässt. Sie trinkt einen kleinen Schluck und kommt dann wieder zu mir auf die Terrasse.

»Na, was gibt das Briefgeheimnis denn heute so her?«, frage ich, wie immer.

»Eigentlich darf ich Ihnen das gar nicht erzählen«, sagt Rosa und droht mir scherzhaft mit dem Zeigefinger. Der übliche Auftakt für ihre genüsslich vorgetragenen Indiskretionen. Dann setzt sie sich.

»Aber wenn Sie mich so bedrängen … Señora Bragato hat schon wieder ein Paket aus dem Versandhaus für Wäsche bekommen. Die hat bestimmt einen Geliebten, wenn Sie mich fragen. Ich meine, wer kauft schon schöne Wäsche für den Ehemann, woll?«

Na – ich, möchte ich laut rufen. Ich werde Niko auch noch mit Dessous erfreuen, wenn ich längst den Ehering am Finger habe. Jawohl. Aber das muss ich Rosa ja nicht gleich auf die Nase binden.

»Señor Gandoza bekommt nur noch Rechnungen«, fährt sie mit gedämpfter Stimme fort. »So welche mit Fenster. Der lebt über seine Verhältnisse, das kracht bald, warten Sie’s ab. Señora Verrana hat einen Katalog von ›Babyboom‹ bekommen, da ist garantiert was Kleines unterwegs. Und Señor Gonzales bekommt fast täglich lila Briefe aus Palma, die riechen nach Veilchen, da steckt bestimmt ein Mann dahinter. Ich sage ja immer: Der Señor Gonzales liebt das starke Geschlecht, doch, da bin ich mir ganz sicher.«

Sherlock Holmes könnte neidisch werden, wie Kommissar Zufall die interessantesten Indizien direkt in Rosas Hände spielt.

»Und für Sie habe ich – schon wieder einen Katalog mit Hochzeitskleidern! Aus Paris! Hätten Sie mir ruhig sagen können, dass Sie heiraten, schließlich bin ich eine Frau, der man vertrauen kann, woll?«

Olala. Nun weiß es die ganze Insel. Wer hat mir denn bloß schon wieder einen Katalog geschickt? Das kann eigentlich nur Yvonne sein. Meine schräge Freundin, die eine Boutique in Deia hat. Sie ist stets um meine äußere Erscheinung besorgt, und um mein seelisches Erscheinungsbild kümmert sie sich ebenfalls seit vielen Jahren mit großer Sachkenntnis.

»Also, dann darf man ja bald gratulieren«, raunt Rosa und trinkt ihr Glas aus. »Na ja. Ich muss weiter. Señor Gottmann wartet schon auf seine Zeitung, wissen Sie.«

Señor Gottmann wartet nicht nur auf seine Zeitung, der rüstige Ruheständler aus Gelsenkirchen wartet auch auf Rosas Liebeskünste, wie sie mir einst gestanden hat, als sie einem zweiten Glas Wein nicht hatte widerstehen können.

»Na, dann noch frohe Verrichtung«, sage ich. Rosa lacht. Wenn ich mit achtundfünfzig noch so kernig drauf bin wie Rosa, kann ich froh sein. Mit flinken Bewegungen besteigt sie ihr Fahrrad und saust davon.

Ich blättere kurz in dem neuen Katalog, aber dann schleicht sich wieder das Romantikhotel Rosenhöhe in mein Herz. Zeit für einen Mädelstalk. Ich muss unbedingt Yvonne konsultieren. Rasch tippe ich ihre Nummer ins Handy.

*

»Guck mal, das ist ein superscharfes Teil, ganz frisch geordert, die Spaghettiträger sind mit Sicherheitsnadeln aus Strass befestigt, da geht den Herren doch der Hut hoch, oder?«

Yvonne ist in ihrem Element. Sie trippelt auf atemberaubenden High-Heels durch ihre kleine Boutique und zeigt mir stolz die neuesten Errungenschaften der Textilindustrie, kleine fesche Sommerkleidchen aus fast nichts. Immer, wenn ich Gesprächsbedarf habe, setze ich mich ins Auto und brause die kurvigen Straßen hoch nach Deia, wo Yvonne seit ein paar Wochen eine rasend erfolgreiche Boutique mit ausgefallenen und verlässlich aufreizenden Designerstücken betreibt. ...

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