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Ein Mann für jede Übung

Seufzend stand ich an der Reling und schaute ins dunkelblaue Meer. Allmählich nahm die Fähre nach Amrum Fahrt auf, doch es schien mir, als ob es nur ganz langsam voranging. Der Himmel hing tief, und die Wolken waren grau und regenschwer. Doch noch war es trocken, und ich konnte mir auf jeden Fall einen gemütlichen Platz am Fenster im Innendeck suchen, wenn ich es warm und heimelig wünschte. Ich stand aber lieber draußen und atmete den frischen Meereswind, der mir pfeifend um die Nase fegte. Mein weißer Twingo parkte zwischen all den anderen Limousinen auf dem Parkdeck und würde sich die zwei Stunden ebenso ausruhen wie ich. Mein Auto hatte mich brav durch halb Deutschland gefahren, um endlich zur Insel Amrum zu kommen. Ein mittelgroßer Koffer, ein Schirm und eine Trainingstasche mit weicher, elastischer Yogakleidung waren meine einzigen Mitreisenden. Zufrieden legte ich meine Hände auf die Reling und richtete meine Augen auf die wogenden Wellen. Da klingelte mein Handy. Ich erkannte die sanfte Melodie nicht gleich. Wer wollte jetzt was von mir? Ungeduldig kramte ich in meiner Handtasche.

»Marie Weiland, hallo!« Der Wind riss mir die Worte von den Lippen.

»Du brauchst nicht zu schreien. Ich verstehe dich gut.«

»Aber ich dich nicht. Bin auf der Fähre im Wind!«

»Dann geh halt unter Deck!«

»Du hast mir nichts mehr zu befehlen, hörst du! Wir sind seit einem halben Jahr geschieden!«

»Jetzt stell dich nicht so an. Ich habe eine wichtige Frage, was Lisa betrifft.«

Der Wind blies mir die Haare in den Mund. Mit einem Ruck fuhr ich mir mit dem Handrücken über die Lippen und senkte den Kopf. Es war wohl besser, hineinzugehen. Ich räusperte mich und ließ mir Zeit mit der Antwort.

»Hör mal zu, Erik«, sagte ich ruhig, »es sind nur zwei Wochen, in denen du auf unsere Mädchen aufpassen musst. Das wirst du wohl noch hinbekommen, du und deine Neue.«

»Darum geht es doch gar nicht. Lisa vermisst irgendein Glitzerdings und behauptet, dass nur du weißt, wo es ist.«

»Erik«, antwortete ich seufzend und setzte mich ans Fenster. Die Fähre schaukelte ganz sanft, aber ich spürte den Seegang unangenehm in meinem Magen. Oder lag es an Erik? »Erik, die Mädchen sind sechzehn und keine sechs mehr. Wenn sie was brauchen, dann sollen sie es sich zu Hause holen. Einmal in die U-Bahn und gut ist. Und jetzt bitte ich dich, dass du mich mit solchen Kinkerlitzchen in Ruhe lässt. Dies ist mein Urlaub! Ich habe ihn verdammt nötig! Klar?«

Ich drückte die Aus-Taste, ohne Eriks Antwort abzuwarten, und schaltete dann das Handy ab. So, das war geschafft. Ich fasste mir an meine glühenden Wangen. Typisch, dass ich mich aufregte, wenn ich mit Erik telefonierte. Der Blick aufs raue Meer würde mich wieder beruhigen. Das Wasser schäumte regelrecht und wies eine tief dunkelblaue Farbe auf. Ich löste den Schal und schüttelte die Haare. Unter Deck war es warm, so dass ich nicht nur meinen Schal, sondern auch meine Jacke ausziehen konnte. Dann öffnete ich meine Handtasche und holte den Prospekt meines Yogahotels »Rosenoase« heraus. Eine meiner Massagekundinnen hatte ihn mir geschenkt, und nun war ich selbst auf dem Weg dorthin. Warum nicht Yoga? In kleiner Runde, inmitten eines hübschen Rosengartens in einem reetgedeckten Romantikhotel pries der Prospekt die Vorteile eines Yogaurlaubs an. Wieder zu sich selbst finden, sich mit Leib und Seele erholen, die Grundzüge heilsamer Yogaübungen kennenlernen und gestärkt den Anforderungen des Lebens entgegentreten können – das klang wirklich gut. Hinzu kam die idyllische Lage des Hotels mitten im Hauptort der Insel, in Nebel, und das wirklich reizende Ambiente mit dem Rosengarten, in dem bei schönem Wetter die Übungen im Freien stattfinden sollten. Ebenso war von wenigen Teilnehmern die Rede und einer ayurvedisch-vegetarischen Küche, die verjüngend und regenerierend wirken sollte. Die Zimmer waren laut Prospekt klein, aber liebevoll eingerichtet und überwiegend auf Alleinreisende ausgelegt, die zum ersten Mal Kontakt mit Yoga aufnehmen und gleichzeitig die Insel und den riesigen Strand, den Kniepsand, genießen wollten.

Ich unterbrach meine Gedanken und suchte die Bordtoilette auf, um mich kurz frisch zu machen und meine blonden Haare in Ordnung zu bringen, die durch den Meereswind völlig durcheinandergeraten waren und sich aus dem hochgesteckten Knoten gelöst hatten.

Ein Blick in den Spiegel sagte mir, wie urlaubsreif ich wirklich war. Meine blauen Augen wirkten müde und abgespannt. Ich sah wirklich nicht gut aus, ein wenig ausgezehrt und vom Leben enttäuscht. Auch meine Schultern hingen herab, so dass ich mich vor dem Spiegel erst einmal wieder aufrichten musste. Meine Haltung war eine einzige Katastrophe. Mir würden die Yogaübungen wirklich guttun, um wieder aufrecht zu stehen und die volle Größe meiner einssiebzig auszufüllen. Mit nassen Fingern klemmte ich die Haarsträhnen zurück ins Haargummi und befestigte den Rest mit den verrutschten Haarspangen. Perfekt!

Ich öffnete die Toilettentür und prallte in diesem Moment direkt mit einem großen, schlanken Mann zusammen, der mich missbilligend aus pechschwarzen Augen musterte. Er wirkte ein wenig düster und furchteinflößend, so ganz in Schwarz gekleidet, mit bleichem Gesicht und rabenschwarzen Haaren, die seine Ohren bedeckten. Erschrocken sah ich zu ihm auf.

»Entschuldigung«, murmelte ich und beeilte mich, an ihm vorbeizukommen.

»Macht nichts«, entgegnete er so leise, dass ich es fast nicht hörte. Seine Stimme klang samtig und ebenso dunkel wie seine ganze Erscheinung. Wir kamen nicht aneinander vorbei. Der Gang zwischen der Herren- und der Damentoilette war einfach zu schmal.

»Sie zuerst«, sagte er, doch da hatte ich mich schon in Bewegung gesetzt und prallte noch einmal gegen ihn. Ich kippte aus meinen Halbschuhen und musste mich an seiner Schulter festhalten.

»O je. Auch das noch! Entschuldigen Sie.«

»Keine Ursache. Das ist hier wirklich sehr eng, und das Schiff schwankt ja auch!«

Er grinste, während ich mich bückte, um wieder in meinen Schuh zu schlüpfen. Dann lehnte er sich gegen die Wand, um mir den Vortritt zu lassen. Ich nickte ihm noch einmal zu und setzte mich wieder ans Fenster.

»Wie ungeschickt«, flüsterte ich und drehte mich um, aber der Fremde war nicht mehr zu sehen.

Als die Fähre in Wittdün anlegte, dämmerte es bereits. Es dauerte dann noch eine Weile, bis alle Autos von Bord fahren konnten. Wartend saß ich im Auto und schaltete das Licht ein, um der Dämmerung entgegenzufahren. Gemächlich tuckerte ich dann von Wittdün nach Nebel und erreichte das kleine Hotel ohne Umwege. Die blühenden Rosen und Stauden waren tatsächlich eine Pracht. Das reetgedeckte Dach mit den weißen Giebeln und den Sprossenfenstern wirkte genauso einladend und romantisch, wie im Prospekt beschrieben. Ich setzte den Blinker und bemerkte, dass mir ein schwarzer Audi gefolgt war, der wahrscheinlich wie ich gerade von der Fähre kam. Den Twingo parkte ich im Hof hinter dem Hotel. Der Audi nahm den anderen freien Parkplatz drei Autos neben mir ein. Ich spähte neugierig zu dem Audi, konnte aber nichts erkennen. Alles an diesem Auto war dunkel, selbst die Scheiben, durch die niemand blicken konnte. Kopfschüttelnd packte ich meine Sachen, klemmte den Schirm unter den Arm und rollte mit meinem Koffer und der Trainingstasche in Richtung Rezeption.

»Hallo!« Eine samtige Stimme hinter mir ließ mich zusammenzucken.

Ruckartig drehte ich mich um, wobei mir der Schirm herunterfiel. Hinter mir stand der dunkle Mann, mit dem ich die peinliche Begegnung an Bord der Fähre gehabt hatte. Wir bückten uns gleichzeitig, und unsere Hände berührten sich, als wir nach dem Schirm griffen. Ich schluckte.

»Tja, so sieht man sich wieder.«

»Gleich zweimal innerhalb einer Stunde«, bestätigte er. Wir kauerten immer noch am Boden und sahen uns sekundenlang schweigend an. Dann ließ er mich und meinen Schirm los und richtete sich wieder auf. Mir taten die Knie weh, als ich mich ebenfalls wieder aufrichtete. Ein paar Yogaübungen waren wohl dringend nötig, um mich vor dem Einrosten zu bewahren. Ich packte meine Sachen und wandte mich der jungen Frau an der Rezeption zu, die mich herzlich willkommen hieß und mir zur Begrüßung einen heißen Yogitee anbot.

»Sie müssen Frau Weiland sein. Willkommen in unserem Yogahotel. Möchten Sie Milch in Ihren Tee? Der Yogitee wird original mit Milch getrunken. Aber nicht all unsere Gäste mögen das.«

»Oh. Kein Problem. Ich probiere das mit der Milch.«

Die junge Frau mit den langen Haaren begrüßte meine Fährenbekanntschaft ebenfalls mit einem Yogitee. »Sie sind heute unsere einzigen Anreisenden«, erklärte sie und lächelte charmant, »Frau Weiland, Sie haben die Zimmernummer 3, Herr Ventura, für Sie ist die 4 reserviert. In einer halben Stunde gibt es Abendessen. Gleich hier unten in unserem Gastraum. Dort wird für Sie dann auch das Frühstück ab halb acht serviert.«

Sie zeigte auf den großen Raum gleich neben dem Empfang. Herr Ventura und ich warfen gleichzeitig einen Blick in die Gaststube. Kurz blieben seine Augen noch einmal an meinen hängen. Ein Kribbeln lief mir dabei durch den Körper, während meine Finger fest die Teetasse umschlossen. Wir erledigten dann die Aufnahmeformalitäten, ohne uns noch einmal anzusehen. Der Yogitee schmeckte seltsam würzig, fast scharf, aber er wärmte sofort und beruhigte meine Nerven. Ich verkniff mir einen wohligen Seufzer, stellte meine Tasse ab und stieg die Stufen zu den Zimmern hinauf.

Dort warf ich den Schirm aufs Bett, stellte den Koffer und die Trainingstasche an die Seite, trat ans Fenster und zog die Gardine zurück. Der Blick in den verwunschenen Rosengarten war atemberaubend! Ein Blütenmeer verzauberte die Stimmung und ließ märchenhafte Gedanken der Freude entstehen. Meine Güte, wie schön das hier war! Yoga wie im Märchen im Yogahotel »Rosenoase«! Der Prospekt hatte nicht zu viel versprochen. Selbst die Sprossenfenster wirkten schnuckelig.

Ich öffnete das Fenster und streckte den Kopf weit hinaus! Neben mir ging ebenfalls das Fenster auf. Herr Ventura schien also auch verzaubert zu sein von diesem überwältigenden Anblick. Wir nickten uns lächelnd zu und schlossen dann wieder die Fenster.

Auf dem Bett entdeckte ich eine Mappe mit Informationen und einigen Hinweisen für den Aufenthalt in diesem Yogahotel. Wer wollte, konnte an der frühmorgendlichen Meditation und dem Mantrasingen im Yogaraum teilnehmen, so zwischen sechs und sieben Uhr. Die eigentlichen Übungen sollten dann um 9.30 Uhr beginnen. Dazwischen blieb genügend Zeit für ein gemütliches Frühstück. Um 16  Uhr würde es dann noch einmal eine Yogaeinheit geben, die dann ebenfalls mit einer Meditation und Mantrasingen ausklingen würde. Wir sollten darauf achten, nicht zu viel zu essen, um nicht mit einem vollen Magen üben zu müssen. Der Yogitee würde uns den ganzen Tag begleiten, ebenso heißes Wasser zum Entschlacken. Alle anderen Getränke waren im Preis nicht inbegriffen, und Alkohol wurde sowieso nicht angeboten. Jedem Gast war bewusst, dass die Verpflegung vegetarisch war und dass keinerlei Genussgifte erwünscht waren, also auch kein herkömmlicher Kaffee. Das Rauchen war im gesamten Hotel sowie im Garten untersagt. Yoga würde zur Klärung der Sinne beitragen, den Geist befreien und die Seele verwöhnen. Aus diesem Grunde war zwar die frühmorgendliche Meditation freiwillig, die beiden anderen Übungseinheiten allerdings mehr oder weniger Pflicht. Aber das wollten wir ja alle so. Deshalb kamen wir hierher. Einfach nur herumsitzen und in den Tag hinein leben, hätten wir überall gekonnt. Yoga war anders, und ich ahnte, dass ein wenig Disziplin dazugehören würde, um wirklich von diesen zwei Wochen profitieren zu können. Ich sah mich im Zimmer um. Einen Fernseher suchte man hier vergeblich. Stattdessen hingen wunderschöne Gemälde von Lotusblüten über dem Bett und an der gegenüberliegenden Wand. Ein Wasserkocher und etliche Yogiteebeutel standen auf der Kommode, und auf dem kleinen Sekretär fand ich ein Büchlein, auf dem »Mein Yogatagebuch« stand. Mit den Fingern strich ich über den ledernen Buchrücken und zog die Augenbrauen hoch. Das Büchlein war leer und für den Gast bestimmt, um Eindrücke und Fortschritte festzuhalten. So konnte sich jeder sein eigenes Tagebuch erstellen. Ich öffnete die Seiten und starrte auf das frische weiße Papier mit dem feinen Goldrand.

Noch einmal strich ich lächelnd über das Büchlein, klappte es dann wieder zu und wandte mich meinem dunkelroten Koffer zu. Ich zog den Reißverschluss auf, befreite meine Unterwäsche und hängte meine Hosen und Jacken in den Schrank. Den Inhalt meiner Trainingstasche schüttelte ich aus und legte ihn dann auf den Stuhl. Und dann war es auch schon Zeit für das Abendessen. Schnell wusch ich mir die Hände in dem blitzsauberen Bad, kämmte meine Haare und schnappte mir den Türschlüssel. Auf der Treppe traf ich erneut Herrn Ventura.

»Wir laufen uns immer wieder über den Weg«, bemerkte ich, aber Herr Ventura lachte nur und meinte, das sei in so einem kleinen Hotel gar nicht anders möglich.

»Wir werden uns noch viel öfter sehen«, setzte er geheimnisvoll hinzu, so dass ich prompt rot wurde. Umständlich überholte er mich auf der Treppe, entschuldigte sich kurz und bog mit eiligen Schritten ab. Ich sah, wie er über den Kiesweg nach draußen zu seinem Wagen ging, und überlegte noch, ob ich auf ihn warten sollte, aber da wurde ich schon von der Seite in einem breiten bayrischen Akzent angesprochen.

»Madl, hier geht’s zur Gaststuben. Komm glei mit. I zeig’s dir.«

Ein paar knochige Finger bohrten sich in meinen Oberarm, und ein wirklich fröhliches Lächeln entblößte ein perfekt sitzendes Gebiss. Die kleine, ältere Frau mit den schlohweißen Haaren sah eher aus wie ein merkwürdiges Fabelwesen aus einem Zauberland mit ihrem fließend weißen Gewand, der mageren Figur, dem leicht gerundeten Rücken und den vielen Silberringen an den knorrigen Fingern. Ich schätzte sie auf mindestens siebzig Jahre, aber auch das konnte täuschen, denn ihr Gesicht wies etliche Falten auf. »I bin die Trudi. Und du? Wir sagen doch glei du, des is am besten, des machen die Yogaleut so.«

Ich starrte sie weiterhin an und war fasziniert von ihren leuchtend grünen Augen, die eine besondere Lebendigkeit und Lebensfreude versprühten.

»Äh, ich, ich bin die Marie. Marie aus Stuttgart.«

»Jo, des hört ma scho. I bin aus München. Hört ma auch.«

Sie kicherte und zog mich in den kleinen Speisesaal, wo eine kleine Gruppe unterschiedlicher Frauen vergnügt um einen schön gedeckten Tisch saß. Trudi zupfte mich am Ärmel und hielt eine Hand vor den Mund. Sie wollte mir anscheinend etwas ins Ohr flüstern. Ich beugte mich zu ihr herab, um sie besser verstehen zu können, und spitzte die Ohren, als sie mir mit ihrer leicht feuchten Aussprache ihre Geheimnisse offenbarte.

»Des is hier ganz privat. Kein Massenbetrieb. Da hast a persönliche Betreuung, erste Sahne sog i, erste Sahne. Jährlich wechselnde Yogalehrer haben die zwar, aber die sind alle ganz toll. Da kannst dich wie zu Haus fühlen. I komm scho das vierte Jahr her und fühl mich super wohl. Aber jetzt is die Besitzerin vor drei Monaten verstorben, und die Erben habens glei verkauft. Den neuen Besitzer kenn i aber net. Keiner kennt den hier. Der hat sich noch net blicken lassen, hat dafür die Susi eingstellt. Die kümmert sich um olles!«

Trudi zeigte auf eine großgewachsene Frau mittleren Alters mit aschblonden, aufgesteckten Haaren und einem leicht verhärmten Gesicht. Ihr schlanker Körper verbarg sich hinter leger geschnittenen weißen Leinenhosen und einer gleichfarbigen Tunika. Ein wenig sah sie aus wie aus einem Katalog für Yogamode, nur ein Lächeln fehlte. Susi wirkte ein wenig gehetzt, als sie uns förmlich begrüßte und uns zu der Frauengruppe führte. In akzentfreiem Hochdeutsch stellte sie mich den anderen Hotelgästen vor.

»Herzlich willkommen in unserem Yogahotel«, begann sie, »wie Sie wissen, ist bei uns immer samstags Anreiseund Abreisetag. Zwei neue Gäste dürfen wir heute begrüßen, Frau Weiland und Herrn Ventura.«

Susi sah sich nach Herrn Ventura um, der sich soeben eingefunden hatte und neben mir und Trudi stehen blieb. Die Frauengruppe applaudierte, und Susi wartete höflich, bis sich der Beifall legte, um dann fortzufahren:

»Ich freue mich zudem, unsere Gäste, die jetzt bereits in die zweite Woche starten, begrüßen zu dürfen.«

Susi räusperte sich und nickte wohlwollend den Frauen zu. Wieder wurde applaudiert.

»Wie jeden Samstag wird uns nach dem Essen unsere Mantragruppe ›Earth Prayers‹ musikalisch verwöhnen. Wir wünschen Ihnen allen einen angenehmen Aufenthalt, eine gute Erholung und viel Freude, in die Weisheit des Yoga mit Leib und Seele einzutauchen. Unser diesjähriger Yogalehrer Reimund Mack, der ab morgen früh für Sie da ist, Linda an der Rezeption und natürlich ich, Susanne Stein, haben jederzeit ein offenes Ohr für Sie. Unser Küchenteam wird Sie zudem mit kulinarischen Genüssen aus der ayurvedischen Küche verzaubern. So, und nun lassen Sie es sich schmecken.«

Brav applaudierten alle ein letztes Mal, um anschließend an dem großen runden Tisch Platz zu nehmen.

»Mir sitzen abends olle am gloachen Tisch. Ham die extra so gmacht«, raunte mir Trudi zu und fügte spitzbübisch hinzu: »Morgens könn ma dann vor uns hin schlurchen, jeder an so am Einzeltisch. Dös is dann a net schlecht.«

»Aha«, war alles, was ich dazu sagen konnte.

Der Yogalehrer war wohl nicht da, und Herr Ventura war anscheinend der einzige Mann in der Frauenrunde. Trudi setzte sich gleich neben mich und zog Herrn Ventura auf den anderen Stuhl neben sich. Neugierig blickte ich mich um. Trudi war mit Abstand die Älteste.

»Mir san komplett, passt scho!«, verkündete sie und eröffnete somit in der Runde das Gespräch. Alle nickten, bis auf die schmale junge Frau mir gegenüber, die sehr mürrisch dreinblickte, die Augenbrauen zusammenzog und mich sowie Herrn Ventura missbilligend mit ihren runden, braunen Augen inspizierte. Sie war die Jüngste hier im Raum, fast noch ein Kind, wohl kaum älter als meine Zwillinge. Ich wusste nicht, was sie so erzürnt haben konnte, und wich ihrem stechenden Blick aus, bis sie ebenfalls wegblickte, an ihren Fingerkuppen zu knabbern begann und gleichzeitig mit der anderen Hand in ihren rotbraunen Locken zupfte. Genervt schaute sie auf ihren Teller, als sie bemerkte, dass sie von Herrn Ventura abschätzig gemustert wurde. Ich wunderte mich über das junge Ding und überlegte, warum sie sich einen Yogaurlaub überhaupt antat. Mädchen ihres Alters hatten doch eigentlich ganz andere Reiseziele.

Direkt neben mir saß eine sehr mollige Mittfünfzigerin mit einem mittellangen, rot gefärbten Pagenkopf. Sie wischte sich ständig den Schweiß von der Stirn und schnaufte demonstrativ, um sich dann mit der Leinenserviette Luft zuzufächeln, obwohl es gar nicht heiß war.

Für Anfang September war die Luft überaus klar, und die Temperaturen waren angenehm mild. Ich verzog mitleidig die Lippen, als ich sah, wie sie mit einer Hitzewallung kämpfte. Den Platz neben Herrn Ventura hatte eine gut durchtrainierte, aber auch etwas herbe und burschikose Frau mit einem rassigen blauschwarzen Ultrakurzhaarschnitt und engen Jeans sowie einem roten Boxershirt eingenommen. Ihre gutgeformten Armmuskeln traten deutlich hervor, als sie nach ihrer Teetasse griff. Ihr Blick wirkte sehr hart, und ihrer gesamten Ausstrahlung fehlte die weibliche, etwas weichere Note. Es war unmöglich, ihr Alter zu schätzen. Sie war vielleicht ein paar Jahre jünger als ich.

Direkt daneben saß ein drolliges Zwillingspärchen, zwei dunkelblonde Frauen Anfang sechzig mit schlecht gefärbten Topffrisuren, rosafarbenen Pullovern, dezentem Goldschmuck und babyblauen, offenherzigen Augen. Die beiden sahen sich so ähnlich, dass man sie auf den ersten Blick nicht voneinander unterscheiden konnte, zumal sie sich auch noch gleich gekleidet hatten und fast synchron in die Runde lächelten.

Und dann gab es da noch eine große Frau um die vierzig mit einem gekonnt geschlungenen grünen Tuch um den Kopf und hellbraunen, etwas müden Augen. Sie sah ungewöhnlich bleich und hohlwangig aus und musterte jeden von uns ganz ungeniert, ohne zu lächeln. Endlich wurde die ayurvedische Abendsuppe, angerichtet mit Gemüse und einer Menge Kreuzkümmel, serviert.

»Abends sollte man stets eine bekömmliche Suppe zu sich nehmen«, dozierte die Frau mit dem Turban in einem leicht sächsischen Tonfall, den man aber nur wahrnahm, wenn man ganz genau hinhörte. »Im Ayurveda heißt es, dass eine Suppe aus Kartoffeln und Wurzelgemüse Entspannung, Ruhe und Ausgleich schenkt. Wir werden alle gut schlafen können. Gleichzeitig hilft die Abendsuppe bei der Entsäuerung, Entschlackung und der inneren Reinigung.«

»Ach, Elena, das erzählst du jeden Abend«, maulte die Mollige neben mir. »Wenn das mit der Entschlackung stimmen würde, dann müsste sich das doch schon auf meinen Hüften zeigen.«

»Ja, klar, aber nur, wenn man am Nachmittag nicht zusätzlich Schokoladenkuchen isst«, antwortete die Durchtrainierte knochentrocken.

Die Mollige lief rot an.

»Du hast gut reden mit deinen Muskeln und deinen noch gut funktionierenden Hormonen, Tabitha. Aber komm du erst mal in mein Alter …«

Die Zwillinge kicherten.

Herr Ventura versenkte seine Nase beinahe im Suppenteller, und das junge Mädchen verdrehte die Augen. Nur Trudi schien gänzlich unberührt von diesem Disput. Sie löffelte die Brühe in sich hinein.

»Äh, sollen wir uns nicht mal vorstellen? Ich meine, wir werden ja jetzt eine ganze Woche lang zusammen Yoga üben. Und ich weiß noch gar nicht, wer ihr seid«, ergriff ich das Wort.

»Das erfährst du noch früh genug«, säuselte eine von den Zwillingen, »aber wir sollten es trotzdem wirklich machen. Oder was meinst du, Annabel?«

Damit war die Schwester gemeint, die sofort nickte und ihren Löffel zur Seite legte. Die Zwillinge rollten das R so lustig, dass ich schon wusste, woher sie kamen. Es war nicht zu überhören.

»Wir sind Annabel und Gisela aus Würzburg«, eröffneten sie die Vorstellungsrunde, »es ist unser erster Yogaurlaub. Davor haben wir einen Volkshochschulkurs besucht. Jetzt, wo wir in Rente sind, haben wir richtig viel Zeit dafür. Wir wollen tiefer eintauchen in die Yogalehre. Seit einigen Monaten sind wir auch Vegetarier. Deshalb wollten wir unbedingt in dieses Hotel mit der vegetarischen ayurvedischen Küche. Das Essen hier ist wirklich ein Traum. Die sind alle so bemüht hier … und erst der Garten! Diese Rosen, da kann man sich nicht sattsehen! Jetzt du, Elena.« Annabel stupfte die Frau mit dem Kopftuch in die Seite. Elena rückte auf ihrem Platz hin und her und straffte die Schultern. Mit aufrechter Wirbelsäule blickte sie feierlich in die Runde. Alle, außer dem jungen Mädchen, sahen sie an. »Ich heiße Elena, komme aus Dresden, bin 45 Jahre alt und habe eine schwere Krankheit hinter mir. Dies ist mein erster Urlaub nach der Reha und ein erster Schritt in ein neues Leben. Davor war ich im Büro tätig, die rechte Hand des Chefs, und das hat der gnadenlos ausgenutzt … Yoga tut mir wirklich gut. Nie wieder werde ich zurückkehren in den alten Stress. Viel zu lange habe ich nicht auf meinen Körper gehört, habe nur geackert, war für alle da und habe mich selbst vergessen. Aber nun ist Schluss! Die Krankheit hat mich wachgerüttelt! Alles muss jetzt anders werden. Yoga hilft mir dabei!«

Elenas flammende Rede war einen Applaus wert.

»Sehr gut, Elena!«, rief die Durchtrainierte, die sich als Tabitha vorstellte und bekannte, dass sie als Fitnesslehrerin auch mal etwas anderes brauchte als Hanteln, Therabänder und Kraftmaschinen. Ihr Alter verriet sie uns nicht. Dafür erwähnte sie, dass der Yogakurs für sie gleichzeitig Fortbildung und Urlaub in einem war. Sie kam aus Berlin und arbeitete dort in einem großen Studio. Die Ruhe auf der Insel war ihr anfangs fast unheimlich. Aber sie wollte schon immer mal nach Amrum und den Kniepsand sehen.

Als Nächste erzählte Trudi von ihrem langen Weg der Selbsterkenntnis. Die bayrische Frohnatur hatte es gewagt, sich nach über vierzig Jahren des Hausfrauendaseins und der Kindererziehung von ihrem Ehemann zu trennen und einen Secondhandshop für Trachtenmode am Stadtrand von München zu eröffnen. Aber seit einiger Zeit zog es sie im Urlaub nach Amrum und zum Yoga, um einen Kontrast zu erleben und neue Ideen zu sammeln.

»Raus ausm Dirndl, rein in die Yogakluft. Wos ganz anders holt, aber ehrlich super.«

Trudi nickte der Jüngsten in der Runde zu. »Nina, Spatzl, jetzt bist du dran.«

Die junge Frau schnaubte leise, als Trudi sie so offen ansprach. Sie ließ einige Sekunden verstreichen, bis sie Luft holte.

»Ich bin nicht freiwillig hier«, spie sie giftig in die Runde. »Das habe ich letzte Woche auch schon gesagt. Und damit ihr es gleich wisst, auch die zweite Woche wird nicht besser als die erste sein! Yoga ist was für alte Leute! Ehrlich! Ich weiß wirklich nicht, warum mir meine Eltern diesen Urlaub zum bestandenen Abitur geschenkt haben! Das ist der pure Wahnsinn! Drei Wochen Yoga im Romantikhotel auf Amrum! Ha!«

Nina klang, als hätte man ihr die Pest an den Hals gehext. »Ich möchte endlich raus aus all diesen Käffern! Zu Hause war schon nichts los in unserem ach so idyllischen Neustadt an der Weinstraße. Auch die Pfalz ist nur was für alte Leute! Zum Einschlafen! Während all meine Freundinnen nach Berlin, London oder Paris fahren, muss ich mutterseelenallein auf dieser mistigen Insel hocken und grässliche Verrenkungen machen, die kein Mensch braucht. Dabei habe ich ein ganz gutes Abi gemacht! Ich möchte die Welt sehen, nach Australien oder Neuseeland. Und dann studieren. Das ist die reinste Schikane von meinem Vater! Ich gönne es euch ja, wenn ihr das alles hier genießt. Aber jetzt mal ehrlich, wem schmeckt schon diese allabendliche Brühe? Und dann dieser Tee …«

»He, stopp, Nina«, mischte ich mich ein, »warum lässt du dir das gefallen, wenn du das alles nicht willst? Keiner kann dich zwingen …«

»Doch. Mein Vater kann! Dieser Yogakurs ist die Bedingung, damit er mir meinen Au-pair-Aufenthalt in Australien finanziert und anschließend mein Studium. Damit ich Besonnenheit und Gelassenheit lerne! So ein Schwachsinn! Wer braucht schon Besonnenheit und Gelassenheit, wenn er Politik studieren will oder Windeln wechselt?«

Ich schmunzelte und dachte an meine beiden Mädchen, die manchmal ebenso hitzköpfig waren wie Nina.

»Gerade in der Politik brauchst du das. Und beim Umgang mit kleinen Kindern als Au-pair erst recht. Da kannst du nicht immer mit dem Kopf durch die Wand. Diplomatie, Verhandlungsgeschick, aber auch Engagement und Überzeugungskraft wirst du brauchen. Im Yoga schulst du Leib und Seele gleichermaßen. Die Meditation schenkt dir die Kontrolle über deine Gedanken, hilft dir, auch mal zwischen den Zeilen zu sehen, und gibt dir Energie, um aufreibende Situationen zu meistern.«

»Bravo!«, lobte mich die Mollige. »Es wird Zeit, dass du dich vorstellst.«

»Danke, danke«, antwortete ich und wandte mich noch einmal verständnisvoll an Nina. »Meine Töchter Lisa und Lena sind gerade 16 Jahre alt. Ich kann also verstehen, dass du nicht begeistert bist, hier mit solch … alten Leuten in einem Yogakurs festzustecken. Aber es sind doch nur drei Wochen, die deine Eltern dir finanzieren. Nimm es einfach wie ein Abenteuer, wie einen Einblick in eine ganz andere Welt, jenseits deiner bisherigen Vorstellungswelt. Dieses Erlebnis kann dir niemand nehmen, und du hast die Möglichkeit, die Welt noch einmal aus einer völlig anderen Perspektive zu betrachten. Solche Wechsel der Perspektive tun Menschen gut, die in die Politik wollen und später vielleicht auch einmal unser Land mitregieren! Du kannst dich besser einfühlen und hineindenken in andere Menschen und Situationen.«

Nina sah mich mit großen Augen an. Im Grunde sahen mich alle mit großen Augen an. Es war plötzlich so still im Raum, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören. Man konnte richtig sehen, wie es in Ninas Kopf arbeitete und in so einigen anderen Köpfen auch. Und ich staunte selbst über mich. Wer oder was hatte mich nur dazu gebracht, eine solche Rede zu schwingen?

»Boh«, sagte Nina, »das ist ja der Hammer, wie du reden kannst! Wahrscheinlich ist das der Grund, warum ich hier bin. Damit ich dich hier treffe. Krass!«

Mir zog die Röte ins Gesicht. Ich wandte mich jetzt an die ganze Gruppe.

»Ja, also, ich … ich bin Marie aus Stuttgart. Dort führe ich eine kleine Praxis für Wellnessmassagen. Ich bin geschieden, Mitte vierzig, habe zwei Teenager, die gerade bei meinem Exmann sind, und brauche dringend Urlaub. Aber gleichzeitig wollte ich mich – wie einige von euch auch – auf was ganz Neues einlassen. Ganzheitlich sollte es sein, etwas für Leib und Seele gleichermaßen. Deshalb probiere ich diesen Yogakurs aus. Ich habe vorher noch nie Yoga gemacht.« Ich schluckte und zuckte mit den Schultern.

»Das ist mein Stichwort«, griff Herr Ventura das Wort auf und lenkte die Aufmerksamkeit der Frauen damit auf sich. »Auch ich bin neugierig und möchte einmal etwas ganz anderes machen. Meine Geschäfte lassen mir nicht viel Zeit dazu. Deshalb nutze ich diesen Urlaub, um wieder Kraft zu tanken. Ich heiße Lukas, bin wie Marie ebenfalls Mitte vierzig und wohl der einzige Mann hier.«

»Hi, hi, wir werden dich schon nicht fressen, Lukas«, amüsierte sich Annabel.

Lukas verzog die Mundwinkel, aber sein Lächeln erreichte nicht die Augen. Stattdessen wandte er seinen Blick auf die mollige Frau neben mir, die sich bisher noch nicht vorgestellt hatte. Er nickte ihr aufmunternd zu.

»Isch bin a kölsche Mädsche«, zwinkerte die Mollige in die Runde, »und heeisse Gitta. Bin a janz jeck, wenn et um Karneval jeht. Aber sonst …«

Sie wechselte ins Hochdeutsche und zog die Augenbrauen zusammen. »Wir sind ja unter uns hier, Mädels, und Lukas zählt nicht. Ihr anderen wisst es sowieso schon, dass meine Hormone auch nicht mehr so richtig arbeiten. Aber bevor ich es mit künstlichen Hormonen versuche, will ich das mit dem Yoga probieren. Das soll ja wahre Wunder wirken bei Hitzewallungen und so. Und ich habe auch tatsächlich das Gefühl, dass es mir guttut. Dazu diese Insel, die ist ja so traumhaft. Dieses Meer … diese Weite … diese hübschen Häuser … und unser schnuckeliges Hotel … Allerdings – Nina, wo du recht hast, hast du recht, das Essen hier ist nicht ganz das, was mich satt und glücklich macht. Ständig nur Suppe, Tee, Gemüse, Nudeln oder Reis … Wir Kölner können genießen. Da gehört auch mal wat Herzhaftes dazu. Und a richtisch Kölsch statt de Tee wär auch mal nich schlescht.«

Wir lachten alle, als in diesem Augenblick eine kleine Portion geschmortes Gemüse als Hauptgericht serviert wurde. »Wo ist eigentlich der Yogalehrer?«, fragte Lukas.

»Der hat samstags frei«,

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