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Ein Mann für ein Jahr

Tina Leonard

Ein Mann für ein Jahr

1. KAPITEL

Suzy Winterstone mochte die Morgan-Ranch nicht. Sie war zu groß, zu abgelegen und bei Nacht sehr unheimlich. Als sie das Haus betrat, fröstelte sie, aber nicht vom Januarwind. Wie in einem alten Film quietschte die Tür, wenn sie geöffnet wurde. Suzy sagte sich, dass die Scharniere alt und verrostet waren, doch dann fiel ihr ein, was Josiah Morgan ihr erzählt hatte: dass ein Farmhelfer sich um das Anwesen kümmerte. Also waren die Scharniere nicht verrostet, sondern einfach nur gruselig.

Mit einem Meter achtundsechzig und vierundfünfzig Kilo fühlte Suzy sich Gespenstern nicht gewachsen. Josiah hatte ihr geschrieben, dass die Ranch dringend eine Haushälterin brauchte. Sie suchte einen Job und träumte von einer Arbeit, bei der sie ihre Kinder um sich haben konnte. Dies war die einmalige Chance, diesen Traum zu verwirklichen. Josiah Morgan hatte gesagt, dass sie ihm einen Gefallen tun würde. Er war immer sehr großzügig zu ihr gewesen, und dieses Angebot war keine Ausnahme.

Als er hörte, dass ihr Freund nach drei Jahren Beziehung verschwunden war und sie mit den Zwillingen zurückgelassen hatte, richtete er ein Sparkonto ein, damit die Mädchen später aufs College gehen könnten. Suzy konnte ihr Glück kaum fassen, aber Mr Morgan war in Union Junction als spendabler Mensch bekannt. Manche Leute behaupteten, er sei verrückt, doch die meisten – Suzy eingeschlossen – fanden ihn freundlich und großväterlich.

Bis zum Mutterschaftsurlaub hatte Suzy als Krankenschwester gearbeitet und war daher versichert. Natürlich hätte sie wieder in der Klinik anfangen können, aber abgesehen von den quietschenden Türen war die Ranch bei Tageslicht besehen ein ganz schöner Ort, und sie freute sich auf den Job. Josiah wollte, dass alles sauber war und das Haus zu jedem Feiertag geschmückt wurde, als würde eine Familie darin wohnen. Da sie nähen konnte, hatte er bei ihr neue Vorhänge bestellt. Die Stoffe, die er dafür ausgesucht hatte, lagen irgendwo herum, aber wenn sie wollte, konnte sie andere kaufen – solange sie das Haus zu dem machte, was Mr Morgan „eine kultivierte und enkelkindgerechte Umgebung“ nannte.

Suzy betrat ein großes Zimmer mit einem Kamin und hohen Fenstern. Sie ging die Treppe hinauf und warf einen Blick in die ungeheizten Schlafzimmer. Dem Haus fehlte die menschliche Wärme, und sie konnte verstehen, warum Josiah darauf bestand, dass sie in seiner Abwesenheit mit ihren kleinen Töchtern hier wohnte.

Sie entschied sich, den Job anzunehmen – und gleich morgen früh die Tür zu ölen.

In Gedanken noch bei den quietschenden Scharnieren, ging sie in das letzte Zimmer am hinteren Korridor. Wie die anderen war es dunkel und kalt. Josiah hatte die Heizung heruntergedreht, aber jetzt, im Januar, wollte sie es für die Babys wärmer haben. Vielleicht sollte sie in dieses Zimmer ziehen und die Kinder gegenüber unterbringen.

Suzy schrie auf, als etwas sie packte und aufs Bett warf. Geistesgegenwärtig rollte sie sich auf den Boden und kroch auf allen vieren zur Wand, bevor kräftige Hände nach ihr griffen. Dann ging das Licht an, und sie sah, wer sie festhielt – der attraktivste Mann, dem sie je begegnet war. Seine dunklen Augen glitzerten wie die eines Piraten, der zufrieden seine Beute bewunderte.

„Was haben wir denn hier?“, fragte er, schien jedoch keine Antwort zu erwarten. Panik stieg in ihr auf. „Eine sehr hübsche, sehr böse Einbrecherin?“

„Ich würde niemals etwas stehlen!“, protestierte sie.

Langsam ließ er den Blick an ihr hinabwandern. Und wieder hinauf. Sie war ihm dankbar, dass er nicht auf ihre Brüste starrte, dennoch hatte sie das Gefühl, als hätte er sie gerade mit den Augen ausgezogen. Sie konnte ein Frösteln nicht unterdrücken.

„Trotzdem haben Sie dieses Land und dieses Haus unbefugt betreten.“ Er lächelte. „Ich muss die Polizei rufen. Zum Glück für Sie kenne ich ein paar der Deputies.“ Ohne den Blick von ihrem Gesicht zu nehmen, drückte er sie ein wenig fester an sich.

Keine Frage, er genoss die Situation. Ein Adrenalinstoß machte sie mutig, und sie riss den Arm aus seinem Griff. „Ich bin die neue Haushälterin. Und da Mr Morgan mir gesagt hat, dass außer meiner Familie und mir niemand hier ist, sind Sie der Eindringling, und ich rufe die Polizei.“

Der gut aussehende Mann runzelte die Stirn. „Tja, dann haben wir ein Problem. Zufällig lebe ich allein auf dieser Ranch, oder mit einem meiner Brüder, falls er auftaucht. Von einer Frau war nie die Rede. Ich bin Dane Morgan, Josiah Morgans drittältester Sohn. Und wer zum Teufel sind Sie?“

Sie hob das Kinn. „Suzy Winterstone. Ihr Vater hat mich eingestellt.“

Er wich etwas zurück. „Suzy Winterstone?“

Sie nickte. „Ja.“ Dass er ihren Namen zu kennen schien, war kein gutes Zeichen.

„Mein Dad hat Sie als Haushälterin eingestellt?“, fragte er ungläubig. „Hier?“

„Ja, das hat er.“

Er starrte sie einen Moment lang an, und in seinem Blick lag nichts als Zorn. Der Mann machte ihr Angst. Er sah aus wie jemand, der imstande war, sie aus dem Haus zu werfen, nur um sich abzureagieren.

„Verdammter Dad“, entfuhr es ihm schließlich. „Gerade hoffe ich, dass er endlich zur Vernunft kommt, da erweist er sich mal wieder als störrischster Esel aller Zeiten.“

„Mr Morgan war sehr gut zu mir und meinen …“

Er zog sie an sich und küsste sie kurz, aber heftig. Genauso plötzlich schob er sie von sich. „Ich bin nicht mein Vater. Wenn Sie den Job annehmen, sollten Sie wissen, dass Sie mit mir hier leben werden. Und glauben Sie mir, ich bin kein sehr umgänglicher Mensch.“

Suzy ließ sich nicht anmerken, wie sehr er sie aus der Fassung gebracht hatte. „Das soll mich wohl einschüchtern? Offenbar hoffen Sie, dass Sie mich davon abhalten können, die Stelle zu nehmen. Tut mir leid, aber Mr Morgan will mich haben, und ich brauche den Job. Und Sie zu ertragen ist mir immer noch lieber, als mit meinen Babys ganz allein auf der Ranch zu wohnen.“

„Ach ja, die Babys. Die süßen kleinen Schätzchen, die meinem Vater den Ruhestand versüßen sollen.“

„Haben Sie damit ein Problem?“ Sie betrachtete ihn unauffällig. Er war sexy, aber das machte ihn noch lange nicht vertrauenswürdig. „Sie scheinen eine Abneigung gegen Kinder zu haben, da kann es Ihnen doch egal sein, ob Ihr Vater sich für meine Babys interessiert.“

Er schüttelte den Kopf und verschränkte die Arme vor der breiten Brust. „Seien Sie gewarnt – was immer zwischen uns beiden passiert, es wird Ihnen keinen Ehering einbringen.“

„Darauf können Sie wetten, Mister. Dieses Haus ist groß genug für uns beide, und wir müssen uns nicht begegnen. Ich erwarte, dass genug Holz für die Kamine da ist, und möchte weder schmutzige Fußabdrücke noch leere Bierdosen sehen. Mr Morgan hat nichts davon gesagt, dass ich das Haus mit einem Mann teilen oder ihn sogar noch bedienen muss. Ich werde ihm mitteilen, worauf wir beide uns geeinigt haben.“

Ich habe mich auf überhaupt nichts geeinigt.“

Sie ging zur Tür, bevor er erneut nach ihr greifen konnte. Es war gar nicht mal so unangenehm gewesen. Im Gegenteil, Dane Morgan küsste ziemlich gut. Aber es passte ihr nicht, dass der Adonis sie vorher nicht um Erlaubnis gefragt hatte. Sie nahm nie ein Blatt vor den Mund. Am besten, sie machte ihm gleich klar, wo die Grenzen lagen. „Falls Sie sich über mich beschweren wollen, wenden Sie sich an meinen Arbeitgeber.“

„Und zweifellos würde Dad für die schnippische kleine Miss Babymaker Partei ergreifen.“ Er machte einen Schritt auf sie zu und lachte schallend, als sie auf den Flur flüchtete.

„Idiot“, murmelte sie auf dem Weg nach unten, „wollen wir doch mal sehen, wie er reagierte, wenn ich ihm Reis ins Bett streue. Das Lachen wird ihm schon noch vergehen!“

Falls der arrogante Kerl glaubte, er würde sie daran hindern können, einen anständig bezahlten Job anzunehmen und bei ihren Kindern zu bleiben, würde er sein blaues Wunder erleben. Dane Morgan schien sich auf sein Aussehen einiges einzubilden und war entschieden zu selbstsicher.

Sie nahm sich vor, ihm eine Lektion zu erteilen.

„Und wir losen aus, wer welches Schlafzimmer bekommt!“, rief Suzy nach oben.

Sein fröhliches Lachen hallte durchs Haus.

„Suzy Winterstone ist also süß“, sagte Gabriel Morgan zu seinem älteren Bruder Dane, der bei ihm und seiner Frau Laura zu Besuch war.

Dane musste zugeben, dass Gabriel sich als junger Familienvater wohlzufühlen schien. Aber das änderte nichts daran, dass der jüngste Sohn der Morgans seinem Vater auf den Leim gegangen war.

Das würde Dane nicht passieren. „Sie ist viel attraktiver, als ich erwartet habe. Das muss man Dad lassen – er hat einen guten Geschmack.“ Er seufzte. „Leider hat sie auch ein ziemlich loses Mundwerk.“ Ein Mundwerk, das er geküsst hatte und gern wieder küssen würde. Er mochte Blondinen, vor allem kurvige und schlagfertige.

Trotzdem hätte er sich niemals dazu hinreißen lassen dürfen.

Laura war in der Küche, und Dane hörte sie über seine Bemerkung lachen. Ihre Kinder – seine Nichte und sein Neffe – backten Plätzchen. Hoffentlich bekomme ich welche ab, dachte er, als sein Magen knurrte.

„Was für ein Mundwerk?“, fragte Laura, während sie ihm ein Glas Milch hinstellte. „Rosig und verlockend?“

„Ich meinte nur, dass sie viel redet“, erwiderte er. Nie im Leben würde er zugeben, dass er Suzy geküsst hatte – den Triumph gönnte er seinem Vater nicht, der seit Langem versuchte, seine Söhne vor den Traualtar zu bekommen. „Sie hört einfach nicht auf.“

„Hmm, wie konnte sie denn in so kurzer Zeit so viel sagen?“, entgegnete seine Schwägerin mit einem spöttischen Lächeln. „Angeblich habt ihr doch nur fünf Minuten miteinander gesprochen.“

„Und das war schon zu viel. In der kurzen Zeit hat sie Regeln aufgestellt, Anweisungen erteilt und mir zu zeigen versucht, wer der Chef im Haus ist.“ Er schaute zur Küche hinüber und hoffte, dass das Geständnis ihm einen Keks einbringen würde.

Laura entging es nicht. Sie lachte, und Gabriel schmunzelte wissend.

„Penny, bringst du deinem Onkel und deinem Dad bitte einen Teller mit Keksen?“, sagte Laura. „Für mich klingt das nach einer Frau, die ihren Job versteht, Dane.“

„Ja, wie ein Ordnungshüter, und von solchen Leuten habe ich genug.“ Dankbar nahm Dane von seiner Nichte den Teller entgegen. „Die sehen lecker aus. Wie viele darf ich nehmen?“

„Nur zwei, wenn du dir nicht den Appetit aufs Abendessen verderben willst.“ Penny war fünf und kannte sich mit den Hausregeln aus.

„Nur zwei? Wahrscheinlich bekomme ich gar kein Abendessen.“

„Weil du es dir mit deiner Haushälterin verdorben hast.“ Gabriel griff nach dem Teller, legte zwei Kekse auf Danes, drei auf seinen und gab Penny den Rest zurück. „Führ deinen Onkel nicht in Versuchung, Honey.“

Das Mädchen lächelte Dane zu und ging wieder in die Küche, gefolgt von ihrem Bruder Perrin.

„Du bekommst drei?“, fragte Dane. „Ich will ja nicht undankbar sein, aber ich bin älter als du.“

„Ich stelle mich eben mit den Frauen in meinem Haus gut.“

„Na toll.“ Dane biss einem zuckrigen Rentier den Kopf ab. „Sie singt, Gabriel. Dauernd.“

„Bruderherz, sie lebt doch erst seit heute Morgen hier.“

„Ja, aber es hört einfach nicht auf. Sie singt den Kindern nonstop etwas vor. Die Kinder singen zurück, und sie lobt sie dafür. Der Lärmpegel ist konstant.“

Laura lachte noch lauter.

Er schaute auf den leise rieselnden Schnee und den grauen Himmel hinaus. „Ich kann nicht lange bleiben. Ich muss Holz für alle vier Kamine hereinholen – eine der vielen Aufgaben, die ich zugeteilt bekommen habe.“

Erstaunt sah Gabriel ihn an. „Rechnet ihr mit einer neuen Eiszeit?“

Dane seufzte. „Es ist einfach nicht so still und friedlich, wie ich es mir vorgestellt habe. Ich dachte, ich wäre allein dort draußen, jedenfalls bis du auftauchst oder Pete oder Jack.“

„Ich habe meine Million“, gestand Gabriel. „Ich komme nicht zurück. Du hast die Ranch und dein weibliches Gesangstrio ganz für dich allein.“

Verblüfft starrte Dane ihn an. „Seit wann?“

„Dad hat mir das Geld gegeben, bevor er nach Frankreich zurückgeflogen ist.“

„Du hast dich kaufen lassen“, flüsterte Dane. „Kaum läuten die Hochzeitsglocken, drückt Dad beide Augen zu und besteht nicht mehr darauf, dass du mindestens ein Jahr auf der Ranch wohnst.“

Sein Bruder schüttelte den Kopf. „Nein. Er fand nur, dass ich mich bewährt habe.“

„Dich bewährt?“ Dane sah sich um. „Du hast es nicht gerade schwer, Gabriel.“

„Du kapierst es nicht.“

„Immerhin kapiere ich, dass du getan hast, was Dad von dir erwartet hat.“

„Na und? Alles, was er will, ist eine harmonische Familie.“

„Und Enkelkinder!“ Dane versuchte, entsetzt – und vielleicht sogar vorwurfsvoll – zu klingen, aber ein Blick auf Lauras sanft gerundeten Bauch nahm seiner Stimme die Schärfe.

Tatsache war, Gabriel hatte getan, was Dane, Pete und Jack auf keinen Fall tun wollten. Jack würde sich niemals mit seinem Vater versöhnen, nachdem der ihn damals aus dem Haus geworfen hatte, weil er seine Brüder zum Rodeo gelockt hatte. Dane und Pete hegten genug Groll gegen ihn, um nie wieder ein Wort mit ihm zu wechseln. Trotzdem konnte er es Gabriel nicht verdenken. „Schon gut“, sagte er und knabberte mürrisch an einem Plätzchen. „Das Nesthäkchen hat es immer am leichtesten.“

Er wischte sich die Krümel ab und stand auf. Laura reichte ihm eine Handvoll Kekse in einer Spitzenserviette. Er ging zur Tür und warf noch einen Blick auf Gabriel und seine Familie, auf das Leben, für das sein kleiner Bruder sich entschieden hatte. Dann tippte er sich an die Hutkrempe, gab den Kindern einen Kuss, dankte ihnen für die leckeren Plätzchen und machte sich auf den eisigen Wind gefasst, der draußen wehte.

Der war allerdings harmlos, verglichen mit der Kälte, die er auf der Ranch ertragen musste. Nur noch 364 Tage.

Dane kam angesichts des schlechten Wetters ins Grübeln: Damals, bei den Ordnungshütern, hatte er seinen Dienst nach einigen Jahren quittiert. Zum Militär war er nur gegangen, um von seinem Vater wegzukommen, danach aufs College und nach dem Abschluss auf die Polizeiakademie. Als einer der Besten hatte er sie verlassen und bei einer Spezialeinheit der Polizei, den Texas Rangers, Karriere gemacht.

Und dann, mit achtundzwanzig, hatte er sich ausgebrannt gefühlt. Er hatte seine Mitmenschen von ihrer schlimmsten Seite erlebt, aber immer geglaubt, sich auf seine Freunde verlassen zu können. Das war ein Fehler gewesen, denn ausgerechnet sein bester Freund hatte ihn um seine Ersparnisse gebracht. Spätestens da war Dane bewusst geworden, dass er keineswegs der harte Kerl war, für den er sich immer gehalten hatte. Er hatte immer nur das Gute in den Menschen sehen wollen, aber das war leichtsinnig gewesen.

Suzy schien ganz in Ordnung zu sein. Andererseits hatte sie sich mühelos in das Leben seines Vaters geschlichen. Dabei bildete sich doch auch sein Dad ein, dass er ein harter Kerl sei.

Vielleicht fielen die Morgans auch nur auf jede traurige Geschichte herein. Na ja, ihm blieb noch ein ganzes Jahr mit der strengen Miss Winterstone, um es herauszufinden.

Dane stieg in seinen Truck und legte die Kekse auf den Beifahrersitz. Er war nicht sicher, ob er die nächsten 364 Tage überleben würde. Schließlich musste er sie mit einer Frau verbringen, die er geküsst hatte – und auch wenn es unvernünftig wäre, gegen eine Wiederholung hätte er nichts einzuwenden.

Zum Leidwesen seines Vaters war er immer ein Rebell gewesen. Die junge Mutter war für ihn tabu, aber gerade das machte sie ja so reizvoll. Unglücklicherweise hatte sein Vater es genau darauf abgesehen, und deshalb hatte Dane es am Morgen nicht mal gewagt, nach ihren Zwillingen zu schauen – aus Angst, es könnte ihm so ergehen wie Gabriel.

Suzy deckte ihre Töchter sorgfältig zu und legte sich zu ihnen. Sie hatte das hintere Zimmer genommen, weil es groß genug für sie drei war. Hier musste sie auch nicht riskieren, mitten in der Nacht dem attraktiven Dane über den Weg zu laufen, wenn sie nach ihren Töchtern sah. Sie traute ihm nicht. Vermutlich würde er aus der Dunkelheit auftauchen und sie packen, nur um sie zu erschrecken. Und heute Morgen hatte er keinen Zweifel daran gelassen, dass er sie nicht im Haus haben wollte. Kein Wort hatte er seitdem mit ihr gewechselt. Also hatte sie gesungen, um die frostige Stimmung ein wenig aufzutauen.

„Soll mir recht sein“, sagte sie zu den Mädchen. „Uns geht es besser, wenn der Miesepeter nicht da ist, habe ich recht?“

Ihre Kinder ließen sich nicht stören, sondern schliefen weiter. Sie hatte ihnen die beiden Namen ihrer Mutter gegeben – Nicole und Sandra. Zum hundertsten Mal dachte sie daran, sie anzurufen, aber das wäre keine gute Idee. Ihre Mutter lebte in Fort Wylie und hatte keinen Hehl daraus gemacht, dass sie es für eine Schande hielt, unverheiratet schwanger zu werden. Ihre Eltern gehörten zu den Honoratioren der Kleinstadt. Ihr Ruf war ihnen wichtig.

Sie schämten sich für ihre Tochter, hatte ihre Mutter gesagt und seitdem kein Wort mehr mit Suzy gesprochen. Sie war nicht mal ins Krankenhaus gekommen, um ihre Enkelinnen zu sehen. Es brach Suzy das Herz, aber auch eine Großmutter hatte ein Recht auf ihre Gefühle.

„Ich war auch nicht gerade begeistert, als euer Vater sich abgesetzt hat“, flüsterte sie ihren Töchtern zu. „Ich konnte nicht wissen, dass Frank eine so große Angst vor Verantwortung hat.“

Interessiert hatte ihn vor allem das Geld ihrer Familie, aber dann hatte er schnell gemerkt, dass das Verhältnis der Winterstones zu ihren neuen Enkelkindern eher … frostig war. Und als sie dann auch noch das Treuhandkonto sperrten, über das Suzy an ihrem dreißigsten Geburtstag verfügen sollte, verschwand er wie eine Staubflocke in einem Staubsauger.

„Da wir gerade beim Thema Staubsaugen sind“, begann sie und schloss die Augen. „Sobald wir mit unserem Schönheitsschlaf fertig sind, wuchten wir das riesige Ding nach oben und machen sämtliche Zimmer gründlich sauber. Ich glaube, das hat seit dreißig Jahren niemand mehr getan.“

Eigentlich wollte sie kein Nickerchen machen, aber draußen heulte der Wind, es schneite, und im Moment war es einfach herrlich, mit ihren Kindern auf dem Bett zu liegen.

Dane betrat das Haus mit einer Ladung Kaminholz, dachte gerade noch rechtzeitig an Suzys Ermahnung und fegte Schnee und Eis so gut es ging von den Scheiten und seinen Stiefeln. Das Letzte, was er wollte, war noch ein Vortrag über seine Unsitten. Er trug das Holz nach oben, wo sich zwei der vier Kamine befanden. Als einziger Sohn auf der Ranch hatte er das große Schlafzimmer seines Vaters mit Beschlag belegt, und dieser Januarabend war wie geschaffen für ein behagliches Feuer.

Er verdiente es, das Leben ausnahmsweise mal zu genießen. Erstens, weil es ihn in diese Einöde verschlagen hatte. Und zweitens, weil er das Haus mit Suzy und ihrem Anhang teilen musste.

An der Tür zum großen Schlafzimmer blieb er abrupt stehen. Auf seinem Bett lag Suzy, neben ihr die zwei kleinen Engel. Na ja, Engel sind sie nicht gerade, eher Zeitbomben, dachte er und wich langsam zurück. Zwei Zeitbomben, die seine Welt in die Luft jagen würden, wenn er nicht aufpasste. Obwohl er dabei eine Gänsehaut bekam, erlaubte er sich, einen kurzen, sehr kurzen Blick auf die junge Haushälterin zu werfen.

„Du meine Güte, das war knapp“, murmelte er, bevor er ins kleinere Schlafzimmer ging und das Holz neben den Kamin stapelte. Was zum Teufel tat sie in seinem Zimmer? Auf seinem Bett? Dort konnte sie nicht bleiben, das stand fest. Irgendwie musste er ihr erklären, dass sie nicht einfach bei der Arbeit einschlafen durfte. Sein Bett war sein Reich – und hatte sie ihm nicht deutlich gesagt, dass sie keinen Fuß in sein Zimmer setzen würde?

Er atmete tief durch. Sein Vater verbrachte fast das ganze Jahr in Frankreich und überließ den Jungen, sich über sein schlaues Angebot den Kopf zu zerbrechen. Dane freute sich darüber, dass er noch gerissener gewesen war. Sein Dad war überzeugt, dass man mit Geld sogar Liebe kaufen konnte, aber Dane wusste, dass Geld und Liebe sich nicht immer vertrugen.

Sobald Goldlöckchen aufwachte, würde er ihr klarmachen, dass sie in seinem Bett nichts verloren hatte. Als Haushälterin stand ihr nur das kleinere Zimmer zu.

Nein. Seufzend gestand er sich ein, dass er den Mund halten würde. Sie und ihre Töchter waren zu dritt, er allein. Er konnte durchaus ein Gentleman sein, wenn es nötig war, und in Suzys Fall war es das vermutlich. Außerdem brauchte er kein Bidet mit vergoldeten Armaturen, mit dem das Bad seines Vaters ausgestattet war. Er brauchte weder eine Couch noch die weichen Teppiche, die das wuchtige Himmelbett umgaben. Nein, ein wesentlich spartanischer eingerichtetes Zimmer wie das hier reichte völlig.

Ungeduldig machte er Feuer in dem kleinen Kamin. Es dauerte eine Weile, da die Scheite noch kalt und feucht waren.

Er musste sich damit abfinden – das nächste Jahr würde eins der schwersten seines Lebens werden. Dane wusste, dass sein Vater ihn auslachen würde. Aber er hatte sich diese unerfreuliche Situation selbst eingebrockt und war heilfroh, dass der Mann ihn jetzt nicht sah – leise, mit sauberen Stiefeln und noch dazu im kleinsten Schlafzimmer des Hauses.

2. KAPITEL

Am Morgen erwachte Suzy, als ihre Kinder sich bewegten. Nicole berührte sanft das Gesicht ihrer Mutter, Sandra tastete mit winziger Hand nach einem Sonnenstrahl. Lächelnd genoss Suzy den gemächlichen Beginn des Tages. „Bestimmt habt ihr Hunger“, sagte sie zu den Mädchen und dachte erst jetzt daran, dass sie die ganze Nacht in ihrem neuen Zuhause verbracht hatten, ohne dass es zu einem Vorfall mit Dane Morgan gekommen war. „Alles wird gut“, flüsterte sie beim Aufstehen.

Sie half ihren Töchtern beim Anziehen, was eine Weile dauerte, da die beiden in einem Alter waren, in dem sie es lieber allein tun wollten. Aber schließlich war die kleine Familie fertig und machte sich auf den Weg nach unten.

„Nehmt meine Hände“, bat Suzy die Mädchen. „Auf der Treppe müssen wir sehr aufpassen.“ Auf Zehenspitzen schlich sie über den Flur, um Josiahs Sohn nicht zu wecken. Erst an der Küchentür atmete sie erleichtert durch.

Doch dann schrie sie auf, als sie einen fremden, dunkelhaarigen Mann mit kühlem Blick am Tisch sitzen sah. Er sprang auf, kippte sich heißen Kaffee auf die Hand und stieß einen Fluch aus. Ihre Töchter begannen zu weinen. Sie drückte sie an sich und funkelte den Fremden an. „Wer sind Sie?“

„Wer sind Sie?“, entgegnete er. „Sie wohnen nicht hier.“

Suzy straffte die Schultern. „Doch, ich wohne hier. Und wenn Sie nicht sofort gehen, schreie ich. Oben schläft ein Mann, und der kommt, sobald …“

Die Hintertür ging auf. „Verdammt kalt draußen …“ Dane blieb stehen. Er sah erst Suzy an, dann den Fremden und ging gelassen zur Spüle, um sich die Hände zu waschen.

„Was tun Sie da?“, fragte sie empört.

„Ich wärme mir die Hände mit heißem Wasser.“ Dane lächelte. „Gibt es ein Problem?“

Sie blinzelte. „Kennen Sie diese Person?“

Der Mann nahm den Hut ab und nickte ihr zu. „Mein Name ist Pete. Ich bin einer von Danes Brüdern und habe mir erlaubt, nicht zu klopfen. Es tut mir leid, dass ich Sie erschreckt habe.

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