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Mit Lust und Liebe: Ein Mann für alle Lagen

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Jennifer Crusie

Mit Lust und Liebe: Ein Mann für alle Lagen

Roman

Übersetzung aus dem Amerikanischen von
Johannes Heitmann

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1. KAPITEL

„Spring lieber nicht hinunter. Das Blut würde niemals wieder aus deiner Seidenbluse rausgehen.“

„Ich sehe nur nach, wie das Wetter ist“, erwiderte Kate Svenson geduldig und blickte weiterhin aus ihrem Apartmentfenster. Sie wusste, dass Jessie sich wieder ihrer Zeitung widmen würde, wenn sie, Kate, nicht weiter auf sie einging.

Draußen herrschte strahlendes Augustwetter. Dennoch fühlte Kate sich einsam und verzweifelt, daran konnte auch ihre beste Freundin Jessie am Frühstückstisch nichts ändern. Sie wandte sich ab und setzte sich wieder an den gedeckten Tisch. Obwohl sie versuchte, sich auf den Wirtschaftsteil der Sonntagszeitung zu konzentrieren, musste sie ständig darüber nachdenken, wie erbärmlich ihr Leben war.

Dabei geht es mir gar nicht mal schlecht, überlegte sie. Ich habe eine tolle Karriere in der Unternehmensberatung. Die Firma gehört zwar leider meinem Vater, und manchmal ist es langweilig, aber es ist eine ganz ordentliche Karriere.

Sie verdrängte ihren Beruf und dachte an die anderen guten Seiten ihres Lebens. Sie war gesund, besaß genug Geld und hervorragende Freunde. Dazu dieses schöne Apartment, das mit teuren französischen Antiquitäten möbliert war. Über den Rand der Zeitung hinweg musterte Kate ihre brünette Freundin, die gerade den Kopf hob.

„Was ist los?“ fragte sie, als sie Kates Blick bemerkte.

„Nichts. Ich dachte an die guten Dinge in meinem Leben, und du gehörst zu den besten.“

„Ich bin das Beste in deinem Leben, und das sagt viel darüber aus, wie mies es dir geht“, erwiderte Jessie und las weiter.

Jessie trifft immer den wunden Punkt, dachte Kate. Da sitzt sie und sieht mit ihren dunklen Locken viel jugendlicher aus als ich. Dabei sind wir beide fünfunddreißig. Macht es ihr vielleicht nichts aus, dass ihr Leben vorüberzieht?

Aber im Gegensatz zu mir lebt Jessie ihr Leben aus, und sie ist mit ihrem Beruf vollkommen glücklich. Falls man das Verzieren von Torten als Beruf bezeichnen kann. Wie sie davon leben kann, werde ich nie verstehen. Vielleicht hätte ich auch einen anderen Beruf wählen sollen …

Hör auf, sagte Kate sich in Gedanken. Sie war eine sehr gute Unternehmensberaterin und verdiente damit viel Geld. Außerdem machte ihr das Privatleben viel mehr zu schaffen. Natürlich war Jessie glücklicher. Immerhin hatte sie nicht drei gescheiterte Verlobungen hinter sich, und ihr machte es auch nichts aus, mit fünfunddreißig nicht verheiratet zu sein. Hör auf zu jammern, sagte Kate sich, und genieße, was du hast.

Aufseufzend widmete sie sich wieder der Zeitung.

Jessie blickte auf und ließ nach kurzem Zögern die Zeitung auf den Tisch fallen. „Das alles ist nur die Schuld deines Vaters.“

Verblüfft blickte Kate auf. „Wovon sprichst du?“

„Das weißt du genau.“ Jessie verschränkte die Arme und blickte Kate prüfend an. Blond, gebildet, liebenswert – und todunglücklich, schoss es ihr durch den Kopf. „Du bist unglücklich“, stellte sie fest.

„Nein, bin ich nicht.“ Kate zwang sich zu lächeln. „Liest du etwa gerade die Kontaktanzeigen? Das bringt dich nur auf dumme Gedanken. Blättere lieber zum Sportteil weiter.“ Sie hob die Zeitung wie einen Schutzschild hoch.

Wie üblich gab Jessie nicht auf. „Du seufzt ständig. Wie soll ich mich da aufs Lesen konzentrieren?“

„Ich seufze nicht.“ Kate blickte nicht auf. „Das ist eine Erkältung.“

„Lüg nicht. Du denkst doch nicht etwa immer noch an diesen Mistkerl Derek, oder?“

„Nein.“ Kate schüttelte den Kopf. „Das wäre auch vollkommen sinnlos. Jetzt lies weiter.“

Jessie drückte mit einem Finger den Wirtschaftsteil der Zeitung nach unten, um ihrer Freundin ins Gesicht zu sehen. „Du willst heiraten“, stellte sie gnadenlos fest.

„Natürlich will ich das“, entgegnete Kate nüchtern. „Irgendwann. Also nimm bitte deinen Finger weg.“

„Du willst jetzt heiraten.“ Jessie blickte sie nachdenklich an. „Das muss mit deiner inneren Uhr zusammenhängen.“

„Dein Nagellack ist zerkratzt“, wich Kate aus. Außerdem ist die Farbe hässlich, aber das sage ich nicht, weil es mich nichts angeht.“

„Du warst in den letzten drei Jahren dreimal verlobt“, stellte Jessie fest. „Und du hast diese Männer alle verlassen. Wieso verlobst du dich mit Männern, die du dann doch nicht heiraten willst?“

Kate atmete tief durch. „Derek wollte unbedingt einen Ehevertrag schließen, noch bevor wir überhaupt wussten, wann wir heiraten sollen. Paul empfand meinen beruflichen Erfolg als Bedrohung und verlangte von mir, nicht mehr so viel zu arbeiten, falls ich ihn wirklich liebe. Terence meinte, ich hätte als seine Ehefrau sowieso zu viel mit den gesellschaftlichen Verpflichtungen zu tun, um selbst noch zu arbeiten. Und du findest, ich hätte einen von ihnen heiraten sollen?“

„Offen gesagt finde ich, du hättest dich mit den dreien nicht einmal verabreden sollen. Dein Vater hat dir ganz merkwürdige Ansichten über das Leben, die Männer und die Ehe in den Kopf gesetzt. Und dein Unglück macht mich auch unglücklich. Deshalb werden wir etwas dagegen unternehmen.“

Kate legte die Zeitung weg. „Nein, das werden wir nicht.“

„Doch“, widersprach Jessie. „Wir sorgen dafür, dass du ein bisschen mehr wie ich wirst.“

„Ich will nicht wie du sein.“ Kate musste lachen.

„Moment mal.“ Jessie richtete sich auf. „Was hast du denn dagegen?“

„Zum einen verzierst du Torten“, sagte Kate. „Zugegeben, es sind schöne Torten, aber …“

„Ich bin eine Künstlerin.“

„Du bist eine Verrückte.“ Kate lachte wieder. Aber du bist meine Freundin, und deshalb ist mir das egal.“

„Auch wenn ich verrückt bin, macht mir meine Arbeit Spaß und dir nicht. Erinnerst du dich, als du für die Behörden gearbeitet und kleinen Unternehmern auf die Beine geholfen hast? Du hast mir immer erzählt, wie glücklich dich diese Arbeit macht.“

„Ich habe damit kaum etwas verdient und hatte keine Aufstiegsmöglichkeiten.“ Kate wollte die Zeitung wieder aufnehmen, aber Jessie hielt ihren Arm fest.

„Erinnere dich an Mrs. Borden und ihre Kindertagesstätte. Oder an diesen alten Mann mit seiner kleinen Schusterwerkstatt. Und an alle anderen Geschäfte, für die du den rettenden Engel gespielt hast.“

„Du bist ja äußerst feinfühlig, Jessie. Aber ich mache heutzutage noch genau dasselbe.“ Auf Jessies skeptischen Blick hin fügte sie hinzu: „Wirklich. Es geht jetzt nur um größere Unternehmen und sehr viel mehr Geld. Ich helfe den Menschen immer noch.“

„Du hilfst den reichen Unternehmern.“ Jessie stützte das Kinn auf die Hände.

So schnell ließ Kate sich nicht aus der Ruhe bringen. ‚Also gut. Ich habe an deinem Job etwas auszusetzen und du an meinem. Können wir es nicht dabei belassen?“

„Du hast mir damals geholfen mit meinem Job“, widersprach Jessie.

„Ich konnte nicht anders, als du so jämmerlich in meinem Büro standest. Du hast in den schillerndsten Farben von deinen wundervollen Torten gesprochen.“ Lächelnd schüttelte sie den Kopf. „So jemanden hatte ich noch nie getroffen.“

Jessie erwiderte das Lächeln. „Das ging mir genauso. Ich hatte noch nie eine so makellose Frau wie dich gesehen. Du sahst wie eine Statue aus. Ich dachte nur: Oh nein, ich bin beinahe bankrott, und eine Barbie-Puppe im Designerkostüm soll mir helfen.“ Ihr Blick wurde dankbar. „Und dann hast du mein Geschäft gerettet.“

„Es war es wert. Du machst wirklich die schönsten Torten der zivilisierten Welt.“

„Und der unzivilisierten Welt. Damit sind wir beim Thema: Männer.“

„Jessie“, wandte Kate ein. „Du bist doch im Umgang mit Männern noch unbeholfener als ich. Du triffst dich mit diesen ziellosen, antriebsarmen Männern, die jemanden brauchen, der sich um sie kümmert. Wie willst gerade du mir helfen?“ Sie blickte wieder in die Zeitung.

„Hör zu“, erklärte Jessie entschlossen. „Wir werden die Sache auf deine Art angehen.“

‚Auf meine Art?“

„Genau. Mit Verstand und Logik.“ Jessie verzog das Gesicht. „Davon halte ich zwar nicht viel, aber hier geht es schließlich um dich. Also, du willst heiraten, stimmt’s?“

Kate sah sie misstrauisch an. „Stimmt.“

„Also werden wir das tun, was du dein ganzes Leben lang getan hast, wenn du ein Ziel erreichen wolltest. Wir stellen einen Plan auf.“ Sie lehnte sich nachdenklich zurück. „Das wird der erste Plan sein, den ich aufstelle, aber das schulde ich dir. Immerhin hast du mein Geschäft gerettet.“

„Wenn du meinem Plan für dich gefolgt wärst, wärst du mittlerweile eine reiche Frau. Was ist aus der Geschäftserweiterung geworden?“

„Alles braucht seine Zeit.“ Jessie winkte ab. „Nach deinem Plan hätte ich schon lange keine Freude an der Arbeit mehr, sondern würde die Torten in Rekordzeit und wie am Fließband herstellen.“ Triumphierend blickte sie Kate an, doch die schien nicht beeindruckt.

„Du willst einfach keinen Erfolg haben. Stattdessen spielst du mit Zuckerkram herum und amüsierst dich.“

„Und du willst den Erfolg zu sehr. Es geht im Leben nicht nur ums Geldverdienen. Man muss sich auch amüsieren, und weil du das nicht tust, geht es dir im Augenblick so schlecht. Abgesehen davon spiele ich nicht herum. Ich bin eine Künstlerin.“

„Jessie …“ Doch Kate wurde von ihrer Freundin unterbrochen.

„Los jetzt. Wie fangen wir mit diesem Plan an?“

Aufseufzend fügte Kate sich in ihr Schicksal. Wahrscheinlich war es leichter, als sich gegen Jessie aufzulehnen. „Zuerst müssen wir die Ziele stecken.“

„Okay.“ Jessie schnappte sich einen Zettel und Kates goldenen Füller. „Also was ist dein Ziel? Den Richtigen finden und heiraten, nicht?“

„Genau.“

„Wie soll er denn aussehen, der Glückliche? Zunächst muss er reich sein.“

„Muss er nicht“, widersprach Kate. „Ich bin nicht geldgierig.“

Geduldig blickte Jessie sie an. „Dein Vater ist reich, und es wäre sicher besser, wenn dein Zukünftiger mehr Geld besitzt, als du erben wirst. Schließlich soll er dich nicht wegen deines Vermögens nehmen.“

„Wahrscheinlich erbt meine Stiefmutter ohnehin alles.“ Es sei denn, Daddy ist mit Janice als Ehefrau Nummer fünf auch nicht zufrieden, fügte sie im Stillen hinzu.

Jessie winkte ab. „Du bist nur eifersüchtig, weil sie zehn Jahre jünger ist als du. Weiter jetzt. Er muss älter sein als du. Ungefähr fünfzehn Jahre.“

„Wieso?“ fragte Kate verständnislos.

„Weil du ganz offensichtlich nach einer Vaterfigur suchst.“

„Das stimmt nicht. Gib her.“ Kate nahm ihr den Zettel ab und strich die beiden Punkte wieder durch. „Zum Ersten muss er intelligent sein. Sehr intelligent.“

„Das ist gut“, stimmte Jessie lächelnd zu.

„Und zwar nicht nur im wissenschaftlichen Sinne. Er muss auch anspruchsvoll sein und Wert auf Qualität legen.“

„Ein Mann in Designerkleidung?“ Jessie verzog das Gesicht. „So sieht dein Traummann aus?“

„Und vornehm“, fuhr Kate fort. „Gute Manieren. Jemand, der sich in der Oper wohl fühlt.“

„Du hasst Opern.“

Kate schüttelte missbilligend den Kopf. „Du weißt genau, was ich meine.“

Jessie musste an Kates Vater und die drei Männer denken, mit denen sie verlobt gewesen war. Groß, schlank, gut aussehend und vornehm. Mit guten Manieren. „Ja, ich weiß, was du meinst.“

„Und ehrgeizig. Er muss wissen, was er will, und zielstrebig darauf hinarbeiten.“

„In Ordnung.“ Jessie dachte über Kates Vorstellungen nach. Was für ein Mist!

„Und erfolgreich. Er muss erfolgreich sein.“

„Wer soll das entscheiden? Erfolg wird von verschiedenen Menschen unterschiedlich beurteilt“, wandte Jessie ein.

„Er muss viel verdienen, und gute berufliche Aufstiegschancen besitzen“, antwortete Kate wie aus der Pistole geschossen und konzentrierte sich wieder auf ihre Liste.

„Klingt, als hätte dir das dein Vater eingetrichtert. Kommen wir doch mal zu den guten Eigenschaften.“

„Was denn noch?“ fragte Kate nach.

„Na, Sinn für Humor, Gleichberechtigung der Frau in der Partnerschaft, phantastisch im Bett. Er muss dich wie verrückt lieben.“

„Ja, richtig. Natürlich.“ Kate sah wieder auf die Liste. „Habe ich schon erfolgreich erwähnt?“

„Einige Male.“ Jessie nahm ihr den Zettel wieder ab. „Jetzt haben wir den Wundermann also beschrieben. Und was nun? Nun muss er noch gefunden werden, habe ich Recht?“

„Ja, aber das wird nicht so leicht …“

Jessie unterbrach sie. „Schon erledigt.“ Sie reichte Kate den Zettel zurück. „Behalte das. Und dann sieh dir dies hier an.“ Sie wies auf die Zeitung.

Kate blickte auf die Anzeige, die Jessie aufgeschlagen hatte. Ein gepflegter Mann stand mit einem Golfschläger auf einem Golfplatz, der aussah, als sei er mitten im Wald auf lauter Hügeln angelegt. „Komm in die Wildnis, und stell dich dem schwierigsten Golfplatz von ganz Amerika“, hieß es in der Anzeige. „Komm nach ‚The Cabins‘.“

„Ein Golfplatz? In Kentucky?“

„Da gibt es noch mehr außer Golf“, sagte Jessie. „Sie bieten auch Reiten, Wandern und andere Aktivitäten an. Es gibt sogar einen See. Du könntest nackt baden.“

Verächtlich blickte Kate sie an.

Jessie zuckte mit den Schultern. „Okay, du nicht, aber jemand, der Spaß und Aufregung sucht, könnte es tun.“ Sie beugte sich vor. „Aber das wirklich Tolle ist der Golfplatz. Sogar ich habe schon davon gehört. Die Leute zahlen ein Vermögen, um dort zu spielen. Du kannst dir vorstellen, was für Leute dort herumlaufen.“ Schmunzelnd lehnte sie sich zurück. „Ich möchte dort nicht einmal begraben werden, aber dein Traummann müsste dort gleich im Dutzend vorhanden sein. Du kannst die Augen verbinden und blind in die Menge greifen.“

„Tja, es klingt tatsächlich … interessant“, gab Kate nachdenklich zu. Aber ich …“

„Es ist ein Ziel und ein Plan“, erwiderte Jessie. „Du hast bisher alles im Leben erreicht. Also wirst du das jetzt auch schaffen.“

„Wie kommst du darauf, ich hätte alles erreicht?“ Auf Jessies verdutzten Blick hin fuhr sie fort: „Wenn ich schon am Ziel meiner Wünsche wäre, würde ich mich nicht mehr so anstrengen. Ich bin zwar erfolgreich …“

„Ich weiß schon. Du verdienst gut und hast gute Aufstiegsmöglichkeiten.“ Jessie verdrehte die Augen.

„… aber ich bin nicht glücklich. Ich will …“

Kate verstummte, und Jessie blickte sie gespannt an. Sprich es aus, dachte sie. Was willst du?

„Ich möchte eine Beziehung mit einem Mann“, sagte Kate schließlich.

„Beziehung klingt gut“, stimmte Jessie zu. „Dann mal los.“

Kate fand langsam Gefallen an der Vorstellung und sah sich bereits an der Seite eines Mannes, mit dem sie Hand in Hand einen riesigen Konzern aufbaute. „Ich möchte mit meinem Mann zusammenarbeiten, um ein Imperium zu gründen. Ich will …“

„Ein Imperium!“ Jessie konnte ihren Abscheu nicht verbergen. „Vergiss das Geschäft. Denk an dein Privatleben.“

„Das kann ich nicht. Ich kenne mich doch nur im Geschäft aus.“

„Falsch.“ Jessie atmete tief durch. „Du bist warmherzig und fürsorglich. Du kümmerst dich um die Menschen. Wenigstens hast du das früher getan.“ Sie griff über den Tisch hinweg nach Kates Arm. „Heute arbeitest du mit Leuten zusammen, die sich nur im dunklen Anzug wohl fühlen. Und deswegen gehst du immer allein nach Hause. Das ist doch unsinnig, und du hasst es.“ Aufseufzend lehnte sie sich zurück. „Ich kann nicht glauben, dass Geld und Erfolg dir so wichtig geworden sind.“

„Tja, es war nett, mit dir zu frühstücken“, sagte Kate. „Musst du nicht bald gehen?“

Jessie schloss einen Moment die Augen und versuchte es ein letztes Mal. „Kate, bitte hör mir zu. Fahr zu ‚The Cabins’, such dir einen netten Kerl, der alle Forderungen deiner Liste erfüllt und werde glücklich mit ihm. Du kannst es schaffen.“

Der aufrichtig besorgte Tonfall gab Kate zu denken. „Das soll also alles sein“, machte sie sich lustig. „Ich muss mir nur den Richtigen aussuchen.“

Jessie nickte. „Ja.“

Kate blickte wieder in die Anzeige. Der Mann auf dem Bild war zwar sicher ein Fotomodell, aber er sah perfekt aus. Bis zum Ende des Sommers wollte sie ohnehin noch Urlaub machen, und sie hatte seit Jahren kein Golf mehr gespielt.

Und sie war so einsam, dass es manchmal wehtat. „In Ordnung“, sagte sie leise. „Ich werde dort hinfahren.“ „Prima!“ Jessie deutete auf das Telefon. „Dann ruf gleich an.“ „Das mache ich später“, erwiderte Kate. „Lass mich eine Weile darüber nachdenken.“

„Nein.“ Jessie verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich gehe nicht, bevor du nicht angerufen hast.“

„Ich habe doch gesagt, dass ich fahre. Vertraust du mir nicht?“

„Nein“, erwiderte Jessie nur. „Diesmal behalte ich dich im Auge, denn du schaffst es immer wieder, deinem Glück davonzulaufen. Ruf an. Jetzt!“

Dreihundert Kilometer von Kate entfernt saß Jack Templeton in einem großen Liegestuhl auf der hinteren Veranda des Anwesens seines Bruders in Kentucky. Er hatte die Füße auf das Geländer gelegt und beobachtete den Sonnenaufgang über dem See. Dabei gab er sich große Mühe, Zufriedenheit zu empfinden. Doch wie so oft in letzter Zeit plagte ihn dieses Gefühl, als fehle ihm irgendetwas.

In seiner Ehe, die lange zurücklag, hatte er das Verdrängen gelernt: Immerhin lebte er in einem schönen Land, ihm ging es gut, und er musste sich um nichts kümmern, als dass das Gras bewachsene Land gewässert und gepflegt wurde. Ansonsten plagten ihn keine echten Sorgen. Natürlich fand er es nicht ideal, dass sein Bruder aus diesem guten Farmland ein Feriengelände gemacht hatte, wo sich die reichen Geschäftsleute erholten und amüsierten, aber diese Leute brachten viel Geld mit, und davon konnte die Dorfbevölkerung leben. Jake hatte nicht viel mit den Urlaubern zu tun.

Im Großen und Ganzen ging es ihm gut. Er zog sich den hellen Cowboyhut über die Augen und genoss die Aussicht. „Ich habe es geschafft“, sagte er leise.

Mit zwei Bechern heißem Kaffee kam sein Bruder zu ihm heraus. Will trug bereits seinen Anzug, um die ersten Gäste zu begrüßen, die jeden Moment ankommen würden. Er betrachtete Jakes abgetragene Jeans und das verwaschene Baumwollhemd und schüttelte den Kopf. Jake blickte ihn an und lachte.

„Du bist schrecklich“, stellte Will fest.

„Was habe ich jetzt schon wieder gemacht?“ fragte Jake unbeteiligt.

„Es geht eher darum, was du nicht tust. Du könntest reich sein.“

„Das war ich“, stellte Jake richtig. „Dann habe ich alles dir gegeben, und du hast davon das Freizeitgelände aufgebaut.“

„Immerhin gehört dir immer noch die Hälfte davon.“

„Dann wirst du mich im Alter wohl durchfüttern müssen“, erwiderte Jake lachend. „Ich bin schließlich nicht dumm.“

Will schüttelte den Kopf. „Du bist Jurist und hast als Steuerberater gearbeitet, und das alles hast du aufgegeben, um für deinen kleinen Bruder Rasen mähen zu können. Schäm dich.“

„Ich mähe den Rasen nicht, sondern sorge nur dafür, dass andere den Rasen mähen“, stellte Jake richtig. „Ein toller Sonnenaufgang, findest du nicht?“

„Der Sonnenaufgang war vor ein paar Stunden. Jetzt ist es neun.“

„So hoch steht die Sonne aber noch nicht.“ Jake ließ sich tiefer in den Stuhl rutschen. „Sie steigt immer noch, also ist noch Sonnenaufgang.“

„Mir ist klar, dass ich das alles hier ohne dich nicht schaffen würde, aber du weißt so gut wie ich, dass du hier deine Zeit und deine Talente vergeudest. Seit fünf Jahren. Dafür kannst du nicht nur deine gescheiterte Ehe verantwortlich machen.“

„Du nimmst das Leben viel zu ernst. Wenn ich geahnt hätte, dass du dich so sehr in die Arbeit stürzt, hätte ich dir das Geld niemals gegeben. Du bekommst bestimmt bald einen Herzinfarkt, und dann muss ich mich um alles hier kümmern.“

„Na, einer von uns beiden muss sich ja wie ein Erwachsener benehmen. Hör mir zu, Jake, du warst immer mein …“

„Vorbild? Dein Held?“ riet Jake.

„Sagen wir ruhig Vorbild“, sagte Will. „Ich wollte immer wie du sein, weil du in jeder Hinsicht der Beste warst.“

„Nein, das war ich nicht“, widersprach Jake. „Das dachtest du bloß, weil du mein jüngerer Bruder bist.“

„Jake, du hast seit fünf Jahren nichts mehr getan. Seit du hier bist.“ Jake wollte etwas sagen, aber Will ließ ihn nicht zu Wort kommen. „Ich weiß, dass du die Arbeitskräfte beaufsichtigst, doch das könntest du auch vom Bett aus. Und im Grunde tust du das ja auch.“

„Moment mal“, beschwerte Jake sich.

„Du bist mir eine große Hilfe, aber auch wenn es mir nicht gefällt, musst du zurück in die Stadt.“

„Mein Leben hier gefällt mir“, stellte Jake klar. „Glaub ja nicht, dass ich mich für dich und diesen Freizeitclub aufopfere. Ich bin gern hier und werde hier bleiben.“

Will versuchte es anders. „Willst du nie wieder heiraten?“

„Nein. Wie kommst du jetzt darauf?“

„Wenn es hier in ‚Toby’s Corners’ eine Frau für dich gäbe, hättest du sie mittlerweile gefunden. Also ist das ein weiterer Grund für dich, in die Stadt zurückzukehren.“

„Kannst du mir verraten, was eigentlich los ist?“ fragte Jake verständnislos. „Spuck es schon aus. Vielleicht geht es dir dann besser.“

„Mom macht sich um dich Sorgen.“ Will setzte sich auf einen zweiten Stuhl. „Und Valerie findet, dass ich dich ausnutze. Wenn es im Hotel manchmal drunter und drüber geht, denke ich: Zum Glück hat Jake dort draußen alles unter Kontrolle. Das meine ich ernst. Du hilfst mir sehr.“

„Das weiß ich. Noch ein Grund mehr, um hier zu bleiben.“ Er trank einen Schluck Kaffee. „Valerie macht sich also Gedanken um mein Wohlergehen.“

Will blickte ihn prüfend an. „Ja. Das kam mir auch etwas seltsam vor.“

„Ich habe mich schon gefragt, wann sie zur Tat schreitet.“

Fragend sah Will ihn an. „Wovon sprichst du?“

„Valerie sieht sich als deine Partnerin, was das Hotel angeht. Ich bin ihr im Weg.“

„Das verstehe ich immer noch nicht“, warf Will ein.

„Sie möchte, dass ihr beide zusammen den Mittleren Westen mit solchen Freizeitanlagen beherrscht.“

„Nicht mit mir.“ Will wirkte nachdenklich. „Weißt du, diese Frau wird langsam zu einem Problem.“

Jake lächelte bitter. „Wahrscheinlich kannst du das nicht klar beurteilen, weil sie mit dir zusammenwohnt und hervorragende Arbeit in der Hotelleitung leistet, aber sie ist genau seit dem Zeitpunkt ein Problem, als sie hier auftauchte.“

„Tja, das Problem wird sich bald lösen“, sagte Will. „Aber da ist noch Mom, und sie macht sich wirklich Sorgen um uns beide. Am meisten um dich, weil du schon älter bist.“

"Ach komm“, wehrte Jake ab. „Was will sie denn?“

„Sie will, dass wir heiraten und sie zur Großmutter machen.“

Jake zuckte mit den Schultern. „Dann tu deine Pflicht.“

„Ich bin nicht verheiratet, und das wird auch so bleiben.“

„Valerie denkt da sicher anders.“

Will schüttelte den Kopf. „Mit Valeries Zukunftsplänen habe ich zum Glück nichts zu tun. Eine große Hotelkette möchte sie gern einstellen. In der nächsten Zeit bekommt sie bestimmt ein hervorragendes Angebot, und dann ist sie weg.“

Neugierig sah Jake seinen Bruder an. „Und das macht dir nichts aus?“

„Ich bin eher erleichtert. Valerie ist eine wunderbare Frau, und ich schätze die Arbeit, die sie hier geleistet hat, aber sie fängt an, mich zu nerven. Ich weiß nicht einmal, wie es dazu gekommen ist, dass wir zusammen wohnen.“

„Ich aber“, wandte Jake ein. „Durch Sex. Das ist eine mächtige Waffe, und Frauen wissen sie einzusetzen.“

„Willst du deshalb nichts mehr von Frauen wissen?“ fragte Will mitfühlend. „Das klingt fast nach Verfolgungswahn.“

„Mit Wahn hat das nichts zu tun, wenn sie hinter dir her sind“, sagte Jake. „Und offen gesagt, ich glaube, dass Valerie dich geschnappt hat. Und sie denkt das sicher auch.“

„Niemand hat mich geschnappt“, erwiderte Will. „Ich bin mit meiner Arbeit verheiratet.“

Jake sah ihn an, als sei er verrückt geworden.

„Im Gegensatz zu dir habe ich beruflich noch Ziele, und außerdem bin ich noch nicht bereit für eine feste Bindung.“

„Drei Jahre Zusammenleben ist für dich keine feste Bindung?“

„Genau so etwas bekomme ich auch von Mom zu hören.“ Will blickte seinen Bruder misstrauisch an. „Damit komme ich wieder zum Thema. Ich finde, Mom und Valerie haben Recht.“

„Hör doch auf“, sagte Jake. „Du hast ein schlechtes Gewissen, und deswegen muss ich leiden.“

„Du brauchst neue Ziele, und du solltest, wenn du schon nicht zurück in die Stadt gehst, wenigstens heiraten.“

Jake blickte wieder auf den See. „Ich war verheiratet, und es hat mir nicht gefallen. Du bist an der Reihe, dir dein Leben zu vermasseln.“

„Dann bist du also gern allein und einsam in deinem Ferienhäuschen am Ende der Straße. Allein in dem kalten Bett.“

„Psychologie ist nicht deine Stärke. Du hast das Feingefühl eines Felsblocks. Meine Traumfrau ist eins siebzig, um die Zwanzig, dumm wie Stroh und davon überzeugt, dass ich der Größte bin. Jetzt mal ernsthaft. Ich glaube, dass Frauen so viele Jahrhunderte gelernt haben, Männer hintenrum zu irgendwelchen Sachen zu überreden, dass sie gar nicht mehr anders können. Bei Frauen weißt du nie genau, was sie wollen, und dann regen sie sich auf und schreien dich an.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich habe wirklich genug von diesen wortgewandten, überklugen Frauen, die mit einem machen, was sie wollen.“

„Dann heirate nicht wieder eine Frau wie Tiffany“, sagte Will ruhig. „Finde dein gut aussehendes Dummchen und heirate sie. Und dann mach wieder etwas aus deinem Leben, bevor du Wurzeln schlägst und täglich gegossen werden musst.“

Jake ging nicht auf ihn ein. „Wenn ich mich jemals wieder auf jemanden einlasse, dann muss sie davon überzeugt sein, dass nur ein Mann sie glücklich machen kann, der dafür sorgt, dass Rasenflächen gesprengt und gemäht werden.“

„Da kannst du sicher lange warten.“ Will wollte noch etwas sagen, aber im Haus klingelte ein Telefon.

„Noch einer, der verrückt danach ist, an einem Berghang Golf zu spielen“, sagte Jake kopfschüttelnd. „Ich dachte, du spinnst, als du den Platz angelegt hast, aber die Leute rennen dir die Tür ein.“

Das Telefon klingelte wieder. Kümmere du dich um deine zukünftige Frau. Vielleicht ist sie es, die gerade hier anruft.“

„Da bin ich ja ziemlich gespannt.“ Jake zog sich den Hut wieder tiefer ins Gesicht.

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