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Ein Mann, ein Ring

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. 1
  6. 2
  7. 3
  8. 4
  9. 5
  10. 6
  11. 7
  12. 8
  13. 9
  14. 10
  15. 11
  16. 12
  17. 13
  18. 14
  19. 15
  20. 16
  21. 17
  22. 18
  23. 19
  24. 20
  25. 21
  26. 22
  27. 23
  28. 24
  29. 25
  30. 26
  31. 27
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  33. 29
  34. 30
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  36. 32
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  39. 35
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  41. 37
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  44. 40
  45. 41
  46. 42
  47. Danke!

Über den Autor

Mathias Taddigs ist in Ostfriesland geboren und aufgewachsen, was ihn für eine Karriere als Comedy-Drehbuchautor geradezu prädestinierte. Seine vielfältigen Preise und Auszeichnungen belegen, wie gut der trockene norddeutsche Humor auch im Rest der Republik ankommt. Zusammen mit seiner Frau Haja Taddigs lebt und arbeitet er als freier Autor in Hamburg.

1

Neben mir schläft die Frau, die ich heiraten möchte. Klingt, als hätte ich alles richtig gemacht! Stimmt allerdings nicht ganz. Das merkt man schon daran, dass sie nicht mit dem Kopf auf einem weichen Kissen in einem gemütlichen Doppelbett liegt, sondern auf einer harten Tischplatte in einer Lache aus billigem Kräuterlikör. Die Ursache dafür findet man in einer grundlegenden Tatsache: Frauen sind anders! Frauen merken sich Sachen. Unwesentliche Sachen. Zum Beispiel Jahrestage oder wann und wie der Heiratsantrag war. Das ist für die Männer unpraktisch, aber wenn man das weiß, kann man sich darauf einstellen. Ich hab’s zumindest probiert.

Irgendwie bin ich eben doch ein alter Romantikaffe, und so habe ich noch nie in meinem Leben etwas so spektakulär geplant wie die Verlobung mit Nina. Und noch nie ist etwas so spektakulär danebengegangen wie genau das. Es war für sie letztendlich weniger romantisch als traumatisch. Na ja, immerhin habe ich ihr einige unvergessliche Erinnerungen beschert. Sie hat den spanischen Thronfolger ohne Badehose gesehen – toll! Weil ich sie ihm gerade zerrissen hatte – nicht so toll! Es gab eine Menge zu erklären, als ich dann endlich wieder aus dem Knast raus war. Das ist gerade mal ein paar Stunden her. Aktueller Stand: Heiraten werden wir wohl erst mal nicht, aber meine Freundin ist sie noch, denke ich. Ich werde sie direkt fragen, wenn sie wieder wach ist. Oder besser, nachdem sie dann einige Tabletten genommen hat, um den Kater in den Griff zu kriegen.

»Mach dir keinen Kopf«, sagte ich ihr noch. Ich war aber letztendlich selbst schuld daran, dass sie einen hat, genauer einen Riesenbrummschädel. Sich innerhalb kurzer Zeit eine komplette Flasche spanischen Kräuterlikör reinzukippen ist sowieso schon schlimm. Wenn es dann noch der billige Ersatzfusel ist, den jemand in die teure Flasche gefüllt hat, ist das noch viel schlimmer. Natürlich war ich es, der das Zeug ausgetauscht hat, aber da dachte ich doch noch, dass diese kleine böse Aktion die mitgereisten Hobbysäufer Stefan und Claudia trifft, und nicht meine Nina. Jetzt hoffe ich, dass bei dieser Alkoholüberdosis genügend Hirnzellen abgestorben sind, dann steht sie ab jetzt ja vielleicht auf Volltrottel. Und dann habe ich möglicherweise noch eine Chance. Wenn nicht, wird’s schwierig. Ich habe mal bei RTL einen offensichtlichen Idioten gesehen, der seiner kettenrauchenden Bratze einen Antrag gemacht hat. Dazu schrieb er ihren Namen auf einen zackigen gelben Zettel, den er an die Zimmerdecke tackerte. Dann sang er: »Ein Stern, der deinen Namen trägt.« Die Frau war hin und weg! Na gut, optisch war sie sowieso hin und geistig auch dauerhaft weg. Aber im Nachhinein denke ich, dass sogar so ein Antrag besser gewesen wäre als meine tolle Idee. Aber Nina ist ja eine besondere Frau, und deshalb sollte es ein unvergessliches Erlebnis sein. Ist es ja auch geworden – diese Reise werden wir definitiv nie vergessen. Leider.

2

Das Unheil begann per Telefon. Als ich nach Hause kam und Nina mich mit dem Handy in der Hand erwartete, ahnte ich noch nichts. Sie gab mir einen intensiven Kuss. Vielleicht hätte ich da Verdacht schöpfen sollen, aber wie üblich schaltete sich mein Hirn dabei nach wenigen Sekundenbruchteilen in den Stand-by-Modus. Das war ein billiger Trick, wenn Nina etwas wollte – aber er funktionierte leider echt jedes Mal!

»Ich habe gerade mit Anja telefoniert«, hörte ich sie durch meinen »Ich will mehr!«-Nebel sagen. Ich versuchte, Nina von meinen höchst unanständigen Gedanken abzulenken, bevor meine Absichten buchstäblich zu offensichtlich würden.

»Ach, die feinen Münchner Herrschaften! Wie geht’s denen denn, von denen kriegt man ja gar nichts mehr mit!«

Arne und Anja hatten früher bei uns in Köln um die Ecke gewohnt, waren aber vor einem Jahr nach München gezogen. Seitdem hatten wir uns nur noch selten gesehen.

»Gut geht’s denen. Sie möchten mit uns Urlaub machen. Ich hab zugesagt.«

Okay, ein bisschen Mitspracherecht wäre nicht schlecht gewesen. Aber da ich die beiden echt gerne mal wiedersehen wollte und außerdem eigentlich immer urlaubsreif war, freute ich mich wirklich – erst mal.

»Spitze! Wohin denn?«

»Mallorca!«

Tja, und da war die Freude auch schon gleich wieder zu Ende. Ausgerechnet Mallorca! Ich war schon mal da gewesen und hatte einen katastrophalen Urlaub erlebt.

Ich hätte nie für möglich gehalten, dass man das noch toppen könnte. Konnte man aber, nur ahnte ich davon noch nichts. Trotzdem war alles, was ich rausbrachte, ein wenig überzeugtes »Aha«.

Nina hatte meine spontane Magenübersäuerung anscheinend nicht bemerkt. Eigentlich wusste sie, dass ich die Insel nicht mochte, aber sie überging diese Tatsache mit einer beeindruckenden Fröhlichkeit.

»Sie haben eine Finca gemietet im Südwesten der Insel. In fünf Wochen geht’s los. Ich freue mich total drauf!«

Ich versuchte, ein erfreutes Gesicht zu machen, kriegte aber nur eine Grimasse hin, ähnlich der, als ich zum ersten Mal Jägermeister getrunken habe. Zu meiner Abneigung gegen Mallorca kam jetzt noch dazu, dass Nina mich nicht vorher gefragt hatte. Trotzdem war Urlaub auf einer Finca wohl etwas ganz anderes als im Betonbunker in Can Pastilla, direkt neben El Arenal und noch direkter in der Einflugschneise des Flughafens. Da hatte ich beim ersten Mal auf der Insel gehaust. Aber mich jetzt noch zu ärgern brachte sowieso nichts – die Sache lief. Die Münchner kümmerten sich um die Unterkunft, wir mussten nur noch die Flüge buchen und unsere Sachen packen. Damit wollte Nina anscheinend sofort anfangen, denn sie holte sich meine fachliche Meinung dazu ein, welche Bikinis sie denn mitnehmen sollte. Sie hielt drei verschiedene hoch. Ich grinste sie scheinheilig an:

»Oh, das kann ich mir ganz schlecht vorstellen, das müsste ich getragen sehen.«

Ich setzte mich auf das Wohnzimmersofa und wartete auf die Vorführung. Schon als sie mit dem ersten Bikini um die Ecke kam, war für mich die Vorführung beendet. Sie sah einfach spektakulär aus.

»Ähm … da ist etwas verdreht«, sagte ich, stand auf und tat so, als wollte ich ein Bändchen des Tops zurechtrücken. In Wirklichkeit nahm ich sie aber in den Arm, hob sie hoch, küsste sie und trug sie direkt ins Schlafzimmer. Auch sie schien es kaum erwarten zu können, denn sie hatte mir meine kompletten Klamotten fast so schnell ausgezogen wie ich ihr den kleinen Bikini. Ich freute mich sogar schon darauf, ihr das Ding auf Mallorca wieder auszuziehen, und zwar so oft es ging!

Nach dem Sex war ich müde wie immer, aber Nina hellwach – auch wie immer.

»Kann sein, dass ich die Firma wechsle«, sagte sie.

Ich war sofort wieder topfit, ließ mir das aber nicht anmerken. Während mein Äußeres den schläfrigen Nach-Sex-Felix gab, war mein Inneres auf Alarmstufe Rot und arbeitete fieberhaft. Das Thema Karriere war bei Nina schon öfter aufgetaucht, und bisher hatte ich es immer irgendwie klein halten können. Nicht, dass ich ihr nicht gönnen würde, mehr zu verdienen, aber irgendwie wollte ich derjenige sein, der das Geld nach Hause bringt. Schon jetzt kratzte ihr Gehalt mächtig an meinem Ego. Ich hatte schlicht Angst, dass ich ihr als jemand, der auf dem Bau arbeitete, irgendwann vielleicht nicht mehr gut genug war. Bisher war ich mit meinen schwachen Ausreden, dass sie doch einen sicheren Job und ganz coole Kollegen habe, immer durchgekommen. Dieses Mal klappte das nicht, und ich konnte ihr keinen ehrlichen Grund nennen, warum sie es nicht versuchen sollte. Ich musste nachdenken.

»Wenn ich jetzt Ja sage, darf ich dann ein bisschen schlafen?«, knurrte ich möglichst müde.

»Ja«, antwortete sie.

»Ja«, gab ich ihr den Freibrief, sich zu bewerben.

Nina gab mir einen langen, intensiven Kuss, der mich schon wieder fast alles vergessen ließ, und ging dann, nackt, wie sie war, ins Wohnzimmer. Ich schaute ihr hinterher. Meine Freundin war das Heißeste, was ich jemals gesehen hatte. Ich musste alles dafür tun, dass sie bei mir blieb. Vielleicht sollte ich ihr auch einen Vertrag anbieten, grübelte ich, und dann dämmerte es mir endlich. Sie brauchte keinen Vertrag, sie brauchte einen Antrag! Wir waren jetzt fünf Jahre zusammen, da war das sogar mal höchste Zeit! In meinem Kopf lief automatisch der komplette Film des Antrags ab. Ich würde das Ganze nämlich auf Mallorca durchziehen. Ich machte die Reise quasi zu meiner eigenen Idee. Ich würde Nina hochromantisch einen Heiratsantrag machen und das unter Wasser, weil sie so gerne schnorchelte. Perfekt! Ich starrte so intensiv an die Schlafzimmerdecke, auf die meine Fantasie Szenen mit türkisfarbenem Wasser und Nina in ihrem sexy Bikini projizierte, dass ich gar nicht merkte, dass meine zukünftige Frau schon wieder hereingekommen war.

»Du bist ja noch wach«, sagte sie erfreut.

»Du wolltest mir doch noch die anderen Bikinis vorführen«, antwortete ich.

Sie lächelte mich an.

»Weißt du was«, meinte ich, »lass sie direkt aus!«

Sie legte sich wieder zu mir, und wir machten da weiter, wo wir vorhin aufgehört hatten.

3

Fünf Wochen später standen wir also in der Schlange am Check-in des Kölner Flughafens. Nina freute sich wie Bolle auf die Reise. Ihre grünen Augen leuchteten.

»Das wird spitze!«

»Absolut!«

Ich hatte alles für den Heiratsantrag vorbereitet, es konnte eigentlich nichts schieflaufen. Es ging uns echt gut. Mit dieser Vorfreude am Gate zu stehen, das waren die schönsten zwanzig Sekunden des ganzen Urlaubs.

Dann sah ich eine Frau mit mittellangen blonden, leicht gelockten Haaren, die ein paar Meter vor uns stand. Und sie drehte sich gerade um und sah mich. »Sie« war meine Ex Claudia und machte das Schlimmste, was sie in dieser Situation nur tun konnte: Sie lächelte mir zu.

Das reichte für Nina. Sie wusste zwar nicht, dass Claudia meine Ex war, aber sie wurde generell schnell eifersüchtig. Da sie selbst brünett war, entsprachen Blondinen sowieso grundsätzlich ihrem Feindbild. Und ihr Eifersuchtsvorrat füllte sich jetzt mit jeder Sekunde. Das Reservoir dafür befand sich offensichtlich unter der Zunge, denn Ninas Unterkiefer ging sichtlich in Richtung Boden.

Ich wusste nicht so recht, was ich sagen sollte, also ergriff Claudia das Wort:

»Felix! Das ist ja toll! Fliegst du auch nach Malle?«

Cool bleiben, dachte ich. Aber ich sagte: »Äääh … was? Ja, mit ’nem Flugzeug. Nach Mallorca.«

»Das ist ja’n Ding! So ein Zufall! Komm doch hier nach vorne! Fliegst du alleine?«

Offensichtlich hatte Claudia tatsächlich nicht realisiert, dass direkt neben mir jemand sie mit bösen Blicken bombardierte. Ich war mir relativ sicher, dass wir nur durch die Sicherheitskontrolle kommen würden, wenn Nina die Augen zumachte. Jetzt gewann sie aber erst mal die Kontrolle über ihren Unterkiefer zurück.

»Nein, er fliegt mit mir, und er steht sehr gerne hinten an«, giftete sie, und ich bin mir sicher, dass auch sie sich vorgenommen hatte, cool zu bleiben. Tja, wir passten eben zusammen.

»Ach so«, meinte Claudia, »entschuldige bitte. Ich bin Claudia …«

»… wir kennen uns von der Uni«, fügte ich schnell hinzu, bevor Claudia zu viel verraten konnte. Wenn ich überhaupt von ihr erzählt hatte, hatte ich ihren Kosenamen benutzt – eigentlich eine peinliche Nummer, aber jetzt half mir das aus der Klemme. »Fliegst du denn allein?«, fragte ich Claudia.

»Ja, leider …«

Ich wusste genau, was jetzt in Ninas Kopf vorging – eine komplette Gefahrenanalyse: Ist die solo? Macht die einen auf Mitleid? Was will die von meinem Felix? Warum heute? Ist die dünner als ich? Und das alles in einem Bruchteil einer Sekunde. Mehr Zeit hatte sie nicht, denn der Satz von Claudia ging ja noch weiter:

»… mein Mann und mein Junior sind schon vorgeflogen. Wir leben jetzt in München, aber ich war heute noch bei meinen Eltern im Bergischen Land.«

Gefahr gebannt. Nina entspannte sich wieder und lächelte Claudia sogar an.

»Na, dann einen schönen Urlaub«, sagte sie noch und zog mich wieder nach hinten in die Schlange.

»Euch auch!«, erwiderte Claudia, obwohl man ihr ansah, dass sie sich gerne noch länger unterhalten hätte. Ich war froh, dass das Gespräch so schnell wieder vorbei war.

Im Flieger saß Claudia ein paar Reihen vor uns. Nina hatte jetzt allerdings auch anderes zu tun, als eifersüchtig zu sein. Sie war schwer damit beschäftigt, dass ihr die Flugangst nicht zu den Ohren rauskam. Ich spürte ihr Problem, das ganze Ausmaß war mir allerdings nicht klar. Ich zog sie stattdessen damit auf:

»Ich habe mich immer schon gefragt: Wenn die Piloten es doch gewohnt sind, dass man nach der Landung klatscht – was machen die, wenn man während des Fluges klatscht? Stellen die dann die Triebwerke ab und steigen aus? Soll ich mal probieren?«

»Wag’s bloß nicht!«

»Ist doch nur ein Witz«, beruhigte ich sie, fügte dann schnell hinzu: »Ich möchte es aber wirklich gerne wissen!«

Ich klatschte einmal, da riss Nina meine Hände schon nach unten. Jetzt wurde mir klar, warum wir in den ganzen fünf Jahren, die wir inzwischen zusammen waren, bisher nie irgendwohin geflogen waren.

»Sag mal, hast du Angst vorm Fliegen?«, fragte ich sie.

»Ich? Nein. Na ja. Ich geb’s zu. Ein bisschen. Was tut man nicht alles für seine Freunde. Es wäre mir lieber gewesen, Anja und Arne hätten sich für den Urlaub eine Villa in der Toscana gemietet, da hätten wir mit dem Auto hinfahren können. Wenn wir die nicht so selten sehen würden, hätte ich Mallorca abgesagt.«

Ninas Flugangst lief auf höheren Touren als die Triebwerke.

»Ich hasse Flugzeuge«, gab sie zu. »Vögel können fliegen. Schneeflocken können fliegen. Ballons können fliegen. Stahl nicht! Und Plastik, Leder, Gummi, und woraus dieses Ding sonst noch gebaut ist, auch nicht. Hast du gemerkt, dass diese Maschine vier Klos hat? Klos können nicht fliegen!«

»Wenn es dir lieber ist, buche ich nächstes Mal ein Flugzeug ohne Klo.«

»Das ist nicht witzig!«

Zum Glück unterbrach uns der Flugkapitän mit einer Ansage.

»Hier spricht noch mal Ihr Kapitän. Wir haben aktuelle Wetterdaten aus Palma de Mallorca erhalten, dort wütet momentan ein Gewitter. Wir denken aber, dass wir Sie trotzdem gut runterbringen werden. Wir erwarten allerdings Turbulenzen, weshalb wir Sie bitten, die Waschräume nicht mehr aufzusuchen, zu Ihren Sitzplätzen zurückzukehren und Ihre Sitzgurte fest zu schließen.«

»Siehste«, sagte ich, »jetzt darf gar keiner mehr auf den Klos herumfliegen.«

»Nicht witzig. Nicht witzig!«

Der Flug machte Nina offensichtlich erst so richtig urlaubsreif. In der Tat fing das Flugzeug in der Schlechtwetterfront an ein bisschen zu vibrieren. Das verursachte bei Nina blanke Panik und bei mir echte Schmerzen, denn bei dem Versuch, sich irgendwo festzuhalten, bohrten sich ihre Fingernägel tief in meine Oberschenkel. In der Ferne zuckten ein paar Blitze, aber der Flug blieb relativ ruhig, abgesehen von einigen Kegelclubs und mindestens einer Junggesellinnentruppe, die ihre Braut offensichtlich nicht erst am Ballermann in möglichst viele peinliche Situationen bringen wollte. Alle trugen T-Shirts, auf denen »Germany’s next Topfwife« stand, und ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich dieses Wortspiel oder die blaue Perücke auf dem Kopf der Braut schlimmer fand. Vielleicht dünsteten die Plastikhaare ja genügend Chemie aus, um das arme Mädel in einen Dauerdämmerzustand zu versetzen, mit dem sie die nächsten Tage überstehen konnte. Aber während man bei Heidi Klum kein Foto bekam, wenn es mal schlecht lief, würde bei »Germany’s next Topfwife« schon alles bei Facebook zu sehen sein, bevor auch nur eine von denen wieder nüchtern war.

Bei der Landung hatte es sogar aufgehört zu regnen, der Flieger setzte ganz sanft auf.

»Dafür machen die so ’nen Wind? Hier gelten anscheinend ein paar Regentropfen als schlechtes Wetter«, lästerte ich.

Aber dann schaltete der Pilot den Umkehrschub ein, und etwa eine Milliarde Liter Wasser, die bisher auf der Landebahn gestanden hatten, türmten sich vor den Tragflächen zu einer Wand auf. Der Pilot kämpfte schwer mit dem Aquaplaning und brachte die Maschine gerade noch vor dem Ende der Landebahn zum Stehen. Seit diesem Moment habe ich zwar immer noch keine Angst vorm Fliegen, aber eine tierische Angst vorm Landen. Und ich habe Angst vor dem Humor von Flugbegleitern, denn eine von denen machte jetzt eine Durchsage:

»Wir sind soeben auf dem Flughafen von Palma de Mallorca aufgeschlagen. Soweit ich das von hier überblicken kann, haben Sie alle den Flug überlebt, dazu herzlichen Glückwunsch! Kapitän Bense und die gesamte Besatzung wünschen Ihnen einen angenehmen Aufenthalt auf Mallorca. Erholen Sie sich gut, die Nerven werden Sie für den Rückflug wieder brauchen. Wir freuen uns auf unser nächstes Abenteuer mit Ihnen. Adios und tschüs!«

Ich dachte ernsthaft darüber nach, mit dem Schiff zurückzufahren.

4

Am Gepäckband hatte ich noch nie Pech. Meine alte Sporttasche betrachtete es schlicht als ihr Gewohnheitsrecht, dass sie selbstverständlich immer ganz am Schluss kam. Danach sah es auch jetzt aus, obwohl Nina ihre Sachen, die sie gleichzeitig mit meinen aufgegeben hatte, schon eine Viertelstunde früher erhielt. So blieb mal wieder viel Zeit, sich die anderen Touristen anzuschauen.

Gleichzeitig mit dem Flieger aus Köln waren Maschinen aus Düsseldorf, Frankfurt und Liverpool gelandet. Ein großer Teil der Ankömmlinge hatte schon im Flieger heftig gebechert, und da war festzustellen, dass sich eigentlich ganz unterschiedliche Sprachen im Lallen letztendlich doch wieder annähern. Erstaunlich genug, dass das Lallen in UN-Statistiken nicht als meistgesprochene Sprache der Welt angegeben wird. Wenigstens bei Facebook sollte man es als besondere Fähigkeit anklicken können. Aber auch die nüchternen Touristen boten echtes Entertainment. Ich bemerkte, dass Nina jemanden anstarrte.

»Was ist denn?«, fragte ich.

Sie nickte nur mit dem Kopf in eine Richtung. Ich folgte ihrem Blick und entdeckte eine aufgetakelte blondierte Frau im Alter von irgendwas zwischen gut gemeinten sechsunddreißig und sechsundvierzig. Sie schien irgendwie in einer geistigen Umnachtungsschleife gefangen zu sein, denn sie fummelte sich eine Zigarette aus der Jackentasche, dann ein Feuerzeug aus der zu engen Jeans, nur um schließlich mit Blick auf das Rauchverbotsschild, dem sie direkt gegenüberstand, alles wieder einzupacken. Dann schaute sie auf die Uhr, anschließend auf das Gepäckband, seufzte, fühlte sich offensichtlich vom Warten ziemlich gestresst, kramte sich deshalb zur Beruhigung eine Zigarette aus der Jackentasche …! Der ganze Vorgang ging wieder von vorne los: Zigarette – Feuerzeug – Schild – Wegpacken – Gepäckband – Seufzen – Zigarette – Feuerzeug …! Ich fragte mich gerade, was sie wohl aus diesem Entzugsdelirium retten könnte, als ein Krachen die Halle durchdröhnte. Ein etwa fünfjähriger Junge hatte einen Kofferwagen als eine Art Skateboard benutzt und war damit in einen Prospektständer gebrettert, der umkippte und dabei noch einige Schilder mitriss. Dann herrschte Stille. Für endlose fünf Sekunden wollte sich offensichtlich niemand zu dem Kind bekennen, bis eine tiefe Stimme den Namen des Jungen rief:

»Speedo!«

Ich sah mich nach dem Vater des Kindes um. Fehlanzeige! Nix Vater! Die Zigarettenfrau war aus ihrer Choreografie ausgebrochen und marschierte nun auf den Jungen zu.

»Speedo!«

Ihre Stimme verriet, dass sie sich normalerweise nicht im Rauchverbot aufhielt. Wenn man die Augen zumachte, konnte man sich dreißig Jahre in die Vergangenheit katapultiert fühlen. Nur dass diese Stimme damals nicht »Speedo« gerufen hatte, sondern »Nach Hause telefonieren«. Speedos Mama klang definitiv exakt wie E. T.! Und jetzt rannte E. T. brüllend über den Flughafen von Palma de Mallorca.

Dieses akustische Highlight hätte mich beinahe davon abgelenkt, dass der arme Junge tatsächlich Speedo hieß. In dem Moment der Namensauswahl war Tabak wahrscheinlich die geringste aller Zutaten von dem, was sie geraucht hatte. Jetzt zog sie Speedo zeternd von seinem Werk weg, natürlich ohne das Chaos aufzuräumen, stellte sich wieder ans Gepäckband und wartete auf ihre Koffer. Alle in der Halle drückten ihr die Daumen, dass sie endlich wegkam, und hätten dafür gerne einen Moment länger auf ihr eigenes Gepäck verzichtet.

Nina und ich schauten uns an. Wir dachten beide das Gleiche. Was für ein Name!

»Speedo«, grinste ich.

»Süß, oder?«, erwiderte Nina.

Wir dachten wohl doch nicht das Gleiche.

5

Als wir dann endlich mit unserem ganzen Gepäck in die Ankunftshalle marschierten, standen E. T. und Speedo immer noch am Kofferband. E. T. hatte das Unmögliche vollbracht und meinen Taschenfluch gebrochen. Sie bekam ihre Koffer tatsächlich als Letzte. Damit war dann definitiv bewiesen, dass sie ein Alien war.

Da Anja und Arne mit ihrem Flieger aus München ein paar Stunden vor uns angekommen waren, hatten wir mit ihnen abgemacht, dass sie sich schon mal um einen Leihwagen kümmern und wir sie an der Plaça d’Espanya in Palma treffen. Wir nahmen also unsere Koffer und marschierten in Richtung der Busse. Das Vorhaben war allerdings an der Flughafentür wieder zu Ende, denn wir realisierten erst jetzt, dass wir mit unserer katastrophalen Landung tierisch Glück gehabt hatten. Denn während wir auf unser Gepäck gewartet hatten, hatte es nicht etwa angefangen zu regnen. Nein, Regen ist etwas ganz anderes – das Wasser hielt sich hier nicht mehr mit einzelnen Tropfen auf, sondern kam jetzt am Stück vom Himmel. Meerblick ist ja ganz schön – aber doch nicht, wenn man nach oben schaut! Das war nicht unbedingt das Wetter, das wir auf Mallorca erwartet hatten, aber es hatte offensichtlich uns erwartet.

»Ich denke, wir können noch einen Moment warten«, sagte ich.

»Das hört sicher gleich auf«, stimmte Nina mir zu.

Petrus stimmte uns aber gar nicht zu. Nach einer Viertelstunde ohne Wetteränderung hatten wir die Schnauze voll und wagten uns zu den Bussen. Die Mallorquiner hatten sich ja auf Regen eingestellt und dem Weg zu den Bussen einen langen Bürgersteig mit einem schmalen Dach spendiert. Aber das, was da vom Himmel kam, hatte nun mal mit Regen nichts mehr zu tun. Das Dach wurde einfach von allen Seiten ins Wasser eingetaucht. Nina schaute auf den Busplan.

»Wir müssen zu dem da hinten!«, brüllte sie gegen den Lärm des Regens an.

»Was wir brauchen, ist kein Bus, sondern eine Arche!«, brüllte ich zurück.

Wir rannten los und kamen fünfzehn Sekunden später komplett durchnässt am Bus an. Der war wenigstens recht leer. Wir gingen zur Rückbank, verstauten unser Gepäck unter den Sitzen, und schon bald ging es los. Der Busfahrer schaltete wohl auf so eine Art Autopilot, denn sehen konnte er bei der Wassermenge definitiv nichts. Die Autobahn war aber frei, und so waren wir auch schnell in Palma. Die Uferstraße dort ist etwas schief, was kein Problem wäre, wenn sie sich in Richtung Meer neigen würde. Sie ist aber zur Landseite hin recht abschüssig, und deshalb staute sich auf der rechten Fahrspur das Wasser meterhoch, was ich erst daran erkannte, dass ein Mopedfahrer sein Gefährt durch das Wasser schob und davon nur noch der Lenker und die Lampe zu sehen waren. Er selbst war bis zum Bauchnabel weg. Dadurch fühlte ich mich gleich nicht mehr so durchnässt, weil ich wusste, dass es zumindest diesem armen Kerl deutlich schlechter ging als mir. Kein feiner Zug von mir, und direkt wurde ich dafür auch schon bestraft. Der Bus fuhr zwar auf der höheren linken Spur, aber das Wasser lief langsam durch die Türspalten herein. Als die Straße dann endlich gerade wurde, floss dieses eingesammelte Wasser quer durch den Bus und überschwemmte nicht nur meine auf Sommer programmierten Turnschuhe, sondern auch meine alte Sporttasche. Ich riss sie schnell unter dem Sitz hervor, da war sie allerdings schon vollgelaufen. Nina grinste mich an.

»Findest du die Löcher in der Tasche immer noch cool?«

»Das ist Used-Look! Und immerhin kann das Wasser dadurch auch schnell wieder rauslaufen«, meinte ich.

Der Bus schwenkte in eine Rechtskurve ein und fuhr bergauf in Richtung Innenstadt. Das veranlasste die ganze Brühe leider, komplett nach hinten zu laufen, und da saßen nun mal wir – jetzt in einem Meter hohem Wasser. Nina sprang mit einem Schrei auf. Das hätte ich auch gerne gemacht, aber meine Tasche, die ich immer noch auf dem Schoß hatte, verhedderte sich an der Sitzlehne, und so blieb ich eben in meiner übergroßen mobilen Badewanne sitzen. Das Tolle: In meiner Tasche hatte sich wohl eine Shampooflasche geöffnet, was man daran erkannte, dass Unmengen von Schaum herauskamen. So wurde ich sogar ein bisschen sauber!

»Praktisch! Besser als die Erfrischungstücher im Flieger«, sagte ich.

»Hast du auch Klamotten von dir in meinem Koffer?«, fragte Nina.

»Nein, alles in dieser Wasserbombe.«

»Oh, dann hast du ja gar nichts Trockenes, was du gleich anziehen kannst?«

»Nope.«

»Kannst dir nachher ein trockenes Kleid von mir leihen.«

Wenn sie gewusst hätte, was sie damit auslöst. Aber erst mal kamen wir an der Plaça Espanya an.

6

Die Bushaltestelle lag unterirdisch. Viele Touristen hatten sich vor dem Unwetter dort versteckt, denn da war es wenigstens trocken. Zumindest so lange, bis unser Busfahrer die Türen aufmachte, dann liefen nämlich die paar Hundert Liter Wasser aus dem Bus. Die wartenden Passagiere schreckten einige Meter zurück.

»Mist! Kann der nicht aufpassen? Jetzt hab ich nasse Füße«, meckerte ein dicker Deutscher, der sich, um als Erster im Bus zu sein, wohl ganz nach vorne gedrängelt hatte und einen Wasserschwall abbekommen hatte.

Seine Frau setzte ebenfalls zur Beschwerde an: »Echt ’ne Unversch …«

Weiter kam sie nicht, denn dann stiegen Nina und ich aus. Wir waren dermaßen nass, dass es den Wartenden die Sprache verschlug. Hinzu kam meine kaputte Tasche, aus der noch immer genügend Schaum lief, um eine mittlere Schaumparty am Ballermann zu versorgen. Mindestens fünf Touristen zückten ihre Handys und fotografierten und filmten uns. Sogar die Leute, die im Bus weiter vorne gesessen hatten, taten das. Ich beschloss, alle zu ignorieren, und so schlurften wir zum Ausgang.

Als wir oben aus dem Fahrstuhl stiegen, wurde das Wetter etwas besser: Das Wasser kam nicht mehr am Stück vom Himmel, es regnete nur noch in Strömen. Trotzdem war der Mietwagen, den Arne besorgt hatte, nicht zu übersehen. Es war ein riesengroßer weißer Landrover, etwa fünf Meter lang, zwei Meter hoch und zwei Meter breit. Solche Autos hatte ich bisher nur bei Reportagen über Großwildjäger in Afrika gesehen, aber nie in der Zivilisation, egal, ob die gerade unterging oder nicht. Den Beulen nach zu urteilen, hatte der Wagen wohl nicht alle Rennen mit den Nashörnern gewonnen. Arne sprang raus und öffnete direkt die Hecktüren.

»Hey, da seid ihr ja! Wie geht’s euch?«, rief er uns entgegen.

»Na ja«, antwortete ich, »ein bisschen nass halt.«

»Hatte der Wetterbericht ja schon vorhergesagt, deshalb habe ich auch die Regensachen mitgenommen.«

Das fiel mir jetzt erst auf: Tatsächlich war Arne angezogen, als wolle er bei Windstärke 12 zum Hochseefischen. Ich hätte ihn normalerweise gerne damit aufgezogen, aber leider war das jetzt gerade nun wirklich die perfekte Kleidung für Mallorca.

»Echt, war das vorhergesagt?«, fragte Nina und sah mich dann sauer an. »Und wo hattest du das mit der Sonne her?«

»Ich hab das echt nachgeschaut, da stand nichts von Regen«, erwiderte ich.

Das war nicht gelogen. Ich hatte nämlich in einem Reiseführer zufällig die Kurve mit den durchschnittlichen Höchsttemperaturen der letzten fünfzig Jahre gesehen. Die waren nicht schlecht. Und wer schaut schon auf den Wetterbericht, wenn er nach Mallorca fliegt!

Nachdem wir unsere Taschen auf der Ladefläche verstaut hatten, blickte Arne uns an.

»Ich glaube, mit den nassen Klamotten kann ich euch nicht auf die Sitze lassen, das zieht da voll ein. Ihr geht am besten auch nach hinten.«

Gesagt, getan – wir kletterten auf die Sitzbänke, die quer zur Fahrtrichtung im Laderaum angebracht waren. Jetzt befanden wir uns auch erstmals in Rufweite von Anja, die auf dem Beifahrersitz saß.

»Buenos dias! Willkommen auf der Sonneninsel Mallorca!«, rief sie nach hinten.

»Danke, wir reden gleich!«, brüllte ich zurück, denn der Regen trommelte laut auf das Dach des Landrovers.

Als wir dann losfuhren, sorgte eine Mischung aus Motorengeräuschen, Wassertrommeln und -rauschen von allen Seiten für einen Lärmgesamtpegel, dass ich mich spontan auf eine Autobahnbaustelle wünschte, denn ein Presslufthammer wäre dagegen fast schon lieblich gewesen.

Nachdem wir gedacht hatten, dass die Fahrt vom Flughafen in die Stadt schon abenteuerlich gewesen war, belehrte uns das Safari-Ungetüm eines Besseren. Auf der Autobahn war es hinten einfach nur laut, aber in den Seitenstraßen kam eine gesunde Portion Lebensgefahr hinzu. Die angemietete Finca lag äußerst abgelegen im Osten der Insel zwischen Felanitx und Manacor. Da wir ja hinten im Gepäckraum saßen und uns lärmmäßig kaum verständigen konnten, haben wir uns die Strecke nur mit den Arschbacken gemerkt. Die Autobahn – angenehm; Landstraße – gut; Seitenstraße – unangenehm; Kiesweg – schmerzhaft; Feldweg – Auaauaauaaua! Den Ich-kann-nicht-mehr-sitzen-Effekt, den man im Kino erst gegen Ende des dritten Teils einer Herr-der-Ringe-Nacht bekommt, hatten wir hier innerhalb von Sekunden. Arne hatte dafür Schmerzen in den Armen, weil er permanent am Lenkrad kurbeln musste, um nicht vom schlammigen Feldweg abzukommen. Der Landrover hatte Fahreigenschaften, die irgendwo in der Mitte zwischen Mähdrescher und Krabbenkutter lagen. Aber ich will mich gar nicht beschweren: Ohne diese Karre hätten wir die Finca auf diesen Schlammpfaden wohl gar nicht erreicht. Ich hatte mich an die Schmerzen schon fast gewöhnt, als Arne plötzlich bremste – wir waren da! Und das nächste Wunder geschah: Es hörte auf zu regnen.

7

Wir kletterten aus unserer blechernen Folterkammer und landeten knöcheltief in einer riesigen Pfütze. Da meine Hose ja sowieso schon nass war, dachte ich ernsthaft kurz darüber nach, mich da reinzusetzen, um mit dem kalten Wasser die gelähmten Gesäßmuskeln wiederzubeleben.

Die Finca war ein zweistöckiges kleines Gebäude aus Natursteinen mit hölzernen Fensterläden und einem Dach aus Tonziegeln. Irgendwie sah das Haus ein bisschen aus wie ein aufgeblasener Ziegenstall – was es auch war, wie wir erst später erfuhren. Ein mallorquinischer Bauer hatte erkannt, dass es ertragreicher ist, Feriengäste zu züchten als Ziegen. Und weil er sich mit Meckern schon auskannte, vermietete er hauptsächlich an Deutsche.

Arne und Anja kamen ums Auto herum.

»War die Fahrt okay da hinten?«, fragte Arne.

»Überlebt«, antwortete Nina knapp.

»Ich fürchte, mein sexy Hintern wird nie wieder so sein wie früher«, jammerte ich.

»Und der war wirklich schön«, stimmte Nina mir zu. »Ich habe schon oft gehört, dass jemand über dich sagt: Was für’n Arsch!«

Sie war offensichtlich immer noch sauer, dass ich nicht auf die Wettervorhersage geschaut hatte.

»Jetzt hört auf zu flirten«, sprang Anja ein, »und lasst uns die Sachen ins Haus bringen. Es fängt gleich wieder an zu gießen.«

Da war wohl was dran – obwohl es erst kurz nach siebzehn Uhr war, verdunkelten schwere Gewitterwolken den Himmel, als wäre es Mitternacht. Also legten wir los und hoben schnell die Taschen aus dem Auto. Ein Mann kam aus der Finca. Nina vermutete wie immer einen Raubüberfall und versteckte sich instinktiv hinter mir. Im Nachhinein betrachtet gar keine schlechte Reaktion, wenn man bedenkt, was wir in den nächsten Tagen erleben sollten.

»Soll ich euch ein paar Taschen abnehmen?«, fragte der Mann.

»Sind Sie der Vermieter?«, fragte ich zurück. Immerhin wollte ich meinen Schwamm, der mal meine Reisetasche gewesen war, nicht irgendwem geben.

»Nein, ich bin von der Mallorca-Mafia. Ihr seht eure Sachen nie wieder. Höchstens bei eBay«, antwortete der Kerl.

Arne grinste. »Das ist Stefan, ein Freund von uns aus München. Er hat die Finca besorgt und ist auch diese Woche mit uns hier.«

»Ach so, ich dachte, wir sind zu viert. Sind wir zu fünft?« In Ninas Stimme schwang ungefähr so viel Freude mit wie bei »Morgen muss ich wieder zum Zahnarzt zur Wurzelbehandlung«.

»Zu siebt«, legte Anja nach. »Stefans Frau und Sohn sind auch da. Hat Arne euch nicht Bescheid gesagt?«

»Oh«, war Arnes Antwort.

Stefan war das Ganze ein bisschen unangenehm, aber jetzt gab’s ja nichts mehr zu verlieren. Er reichte Nina die Hand.

»Stefan.«

»Nina«, antwortete sie und fügte noch »Freut mich« hinzu. In dem Moment donnerte es. Und es fing wieder an zu regnen. Petrus war echt auf Zack und ließ keine Lügen durchgehen. Besonders nicht die offensichtlichen. Wir schnappten uns die Taschen und rannten ins Haus.

Der Eingang führte direkt in einen großen Raum, der Wohnzimmer, Küche und Esszimmer in einem war. Die Böden waren mit Terracottafliesen bedeckt und die Wände hellgelb gestrichen. Kurz: Es sah nett aus, für einen Ziegenstall sogar spektakulär.

»Stefan ist mit Lenny schon seit gestern da, heute ist auch seine Frau angekommen«, berichtete Arne.

Ich ahnte Böses und schickte sofort ein Stoßgebet zum Himmel. Aber die Gewitterwolken ließen diese Eilzustellung wohl nicht durchdringen, denn um die Ecke kam jetzt tatsächlich Claudia! Meine Ex, von der die Frau, der ich hier einen Heiratsantrag machen wollte, nicht wusste, dass wir überhaupt zusammen gewesen waren. Das war zwar schon über fünf Jahre her, aber Nina kann auch nachträglich noch extrem eifersüchtig sein. Wenn es eine Zeitmaschine gäbe, würde Nina in die Vergangenheit reisen und jedes Mädchen, das ich je angeschaut habe, ausradieren, und ich müsste quasi jungfräulich in die Ehe. Abgesehen vom Sex mit ihr, wenn ich Glück hatte.

Ich musste dringend verhindern, dass Nina von meiner Vergangenheit mit Claudia erfuhr. Am Flughafen war das in dem kurzen Gespräch noch gut gegangen, in einer Woche gemeinsamen Urlaubs würde das schon schwieriger. Ich merkte bereits, dass Nina gerade in Angriffsposition ging, weil ihr schon allein unsere gemeinsame Studienzeit missfiel. Und dabei hatte sie keine Ahnung, wie ausführlich ich Claudia studiert hatte.

Auch Claudia war überrascht.

»Das ist ja’n Ding!«, sagte sie.

»Verfolgst du mich?«, fragte ich.

»Uns!«, ergänzte Nina leicht angesäuert.

»Uns«, verbesserte ich pflichtbewusst.

»Moment, bisher war ich immer noch zuerst da, sowohl am Flughafen als auch hier, also verfolgt ihr mich«, stellte Claudia klar.

»Stimmt«, gab ich zu. »Wie bist du denn so schnell hierhergekommen?«

»Ich hatte ja nur Handgepäck, weil Stefan und Lenny schon vorausgeflogen sind. Ich bin direkt ins Taxi gestiegen, und es war gerade trocken.«

»Da hatten wir nicht ganz so viel Glück. Man kann guten Gewissens behaupten, wir wären direkt am ersten Urlaubstag schwimmen gewesen. Die Wassertemperatur hat mich irgendwie nicht so überzeugt!«

»Du kannst sagen, was du willst – ich finde den Regen hier wärmer als in Deutschland«, tönte Nina. »Und ich habe wenigstens was Trockenes zum Anziehen. Und das würde ich jetzt auch gerne mal nutzen. Wie teilen wir denn die Zimmer auf?«

»Das habe ich gestern schon durchgeplant«, sagte Stefan. »Damit wir hier unten nicht so leise sein müssen, hat Lenny sein Zimmer oben. Da schläft er übrigens auch jetzt gerade, falls ihr euch gefragt habt, ob er schon in den Pool gegangen ist.«

Wir schauten instinktiv alle zum Fenster raus, wo es wieder in Strömen goss.

»Lenny hat ein eigenes Zimmer? Ich dachte, der schläft bei euch?«

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