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Ein Märchenprinz aus dem Orient

Barbara McMahon

Ein Märchenprinz aus dem Orient

1. KAPITEL

Bethanne Sanders begann sich auf die Landung vorzubereiten. Mit dem leicht zu manövrierenden neuen Jet war der lange Flug von Texas zum Persischen Golf ein reines Vergnügen gewesen. Am liebsten hätte sie damit aber einmal die Welt umrundet. Doch leider stand jetzt schon fest, dass sie den Rückflug von Quishari als Passagierin einer gewöhnlichen Linienmaschine antreten würde.

Vielleicht bekam sie ja bald wieder einen ähnlich spannenden Auftrag. Doch zunächst betrachtete sie aufmerksam die Landschaft, während sie die Maschine tiefer zog. Das Meer glitzerte in den verschiedensten Blauschattierungen. Gleißend hell lag ein feiner Sandstrand unter ihr. Da sie viel über Quishari gelesen und ihr Vater ihr viel über das Land berichtet hatte, kam es ihr vor, als würde sie es bereits kennen. Ihr Herz begann schneller zu schlagen. Endlich war ihr Traum wahr geworden.

Irgendwann wäre sie ohnehin hierhergekommen. Es hätte nur länger gedauert, da sie die Reisekosten erst hätte zusammensparen müssen. Zum Glück war ihr das Schicksal hold gewesen, und nun überführte sie also einen funkelnagelneuen Starcraft-Jet für Scheich Rashid al Harum. Außerdem befand sich ein besonderer Gast an Bord: seine zukünftige Verlobte.

Sah man von einigen kurzen Erprobungen in Texas ab, handelte es sich um den Jungfernflug der Maschine. Falls sie dem Scheich gefiel und er sie behielt, wäre er damit stolzer Besitzer des modernsten Jets von Starcraft.

Sie hoffte, dass die Auserwählte des Scheichs die Annehmlichkeiten der Luxuskabine zu schätzen gewusst und die Reise genossen hatte. Bethanne hatte sich bemüht, Turbulenzen möglichst auszuweichen. Sie fand den Gedanken äußerst romantisch, aber auch etwas ungewöhnlich, dass der Scheich und die schöne Unbekannte, die einander noch nie begegnet waren, heiraten wollten.

Bestimmt empfand es die junge Frau als äußerst schmeichelhaft, vom sagenhaft reichen Scheich von Quishari erwählt worden zu sein. Man hatte Fotos ausgetauscht und die Verhandlungen den Eltern überlassen. Wie mochte sich wohl ein vierunddreißigjähriger Mann fühlen, für den die Mutter auf Brautschau gegangen war? Eigentlich war es mit einer modernen Internet-Partnervermittlung vergleichbar. Man suchte jemanden mit ähnlichen Vorstellungen, passendem Hintergrund, und dann traf man sich.

Würden sie sich bei der ersten Begegnung küssen? Oder zeigte man hier im Orient in der Öffentlichkeit keine Gefühle?

Während des langen Fluges mit Autopilot hatte Bethanne sich ausgemalt, wie es wäre, wenn auch sie endlich den Richtigen kennenlernte. Einen Mann, der ihre Interessen teilte und ihr jeden Wunsch von den Augen ablas. Schön wäre aber auch schon, wenn ihr Vater ihr über das Rollfeld entgegenkäme und sie wie üblich ungestüm umarmen würde.

Sie blinzelte kurz und konzentrierte sich dann darauf, den mehrere Millionen Dollar teuren Jet sicher zu Boden zu bringen.

Auf dem schneeweißen Rumpf der Maschine prangten bereits drei Streifen in Blau, Gold und Grün, den Farben von Quishari. Das Innere glich dem Salon eines Luxushotels. Auf den weichen rot-goldenen Perserteppichen standen bequeme Sessel und Sofas, die alle über Sitzgurte verfügten. Es gab einen kleinen, in edlem Walnussholz gehaltenen Speisebereich und eine voll ausgestattete Bordküche mit Herd, Backofen und Mikrowelle sowie einem gut bestückten Kühlschrank. Sogar das Bad war geräumig.

Vor dem Start hatte Bethanne die zukünftige Frau des Scheichs, Haile al Benqura, die im Gegensatz zu ihrer sehr viel älteren Begleiterin Englisch sprach, durch die Kabine geführt und ihr alles gezeigt. Ohne die geringste Aufregung oder auch nur irgendeine Regung zu zeigen, hatte sie Bethannes Erläuterungen gelauscht.

Es hatte nur einer kleinen Andeutung des Scheichs bedurft, und Bethannes Chef hatte ihm angeboten, einen Zwischenstopp in Hailes Heimatland Marokko zu arrangieren. Dort war die junge Frau an Bord gegangen, um ihre Reise nach Quishari anzutreten.

Bethanne warf ihrem Copiloten Jess Bradshaw einen kurzen Seitenblick zu. Auch für ihn war es der erste Langstreckenflug mit so einem Jet gewesen. Sie hatten sich abgewechselt, um ihr Ziel möglichst schnell zu erreichen.

„Willst du übernehmen?“

„Nein. Es läuft doch alles wie am Schnürchen.“

Sie zuckte die Schultern und legte eine Bilderbuch-Landung hin.

„Gut gemacht“, lobte Jess sie.

„Danke. Die Maschine ist einfach super. Der Scheich kann sich glücklich schätzen.“

Den Anweisungen des Towers folgend, lenkte sie den Jet zu einer abgelegenen Halle, wo sie bereits vom Bodenpersonal erwartet wurden. Alle betrachteten die Maschine bewundernd, während Bethanne sie am vorgesehenen Platz zum Stehen brachte.

Am liebsten wäre sie sofort ausgestiegen, um die Luft von Quishari tief einzuatmen. Doch zuerst musste sie das Flugzeug ordnungsgemäß übergeben.

„Zum Glück können wir auf dem Rückweg schlafen“, murmelte Jess und wartete, bis Bethanne sich erhoben hatte. Dann folgte er ihr zur Kabinentür, die sich auf Knopfdruck hin öffnete. Während die Gangway ausfuhr, drehte Bethanne sich um und ließ den Blick durchs Innere schweifen. Da saß die Anstandsdame. Doch wo war Haile? Machte sie sich noch frisch? Sicher wollte sie bei ihrer ersten Begegnung mit ihrem zukünftigen Mann so gut wie möglich aussehen.

Die Begleiterin wirkte nervös und wich Bethannes Blick aus. Hatte sie etwa unter Flugangst gelitten? Kaum vorstellbar, dachte Bethanne, denn es hatte unterwegs keine Turbulenzen gegeben.

Zwei Männer warteten abseits der Piste, und nachdem die Gangway vollständig ausgefahren und gesichert war, ging der größere sie hinauf. Bethanne fiel auf, dass er sie, die mit ihren einsachtundsiebzig für eine Frau schon sehr groß war, um mindestens zehn Zentimeter überragte. Sein dunkles Haar glänzte in der Sonne, und sein Teint war gebräunt. Außerdem hatte er breite Schultern und markante Gesichtszüge, die ihn hochmütig und durchsetzungsfähig wirken ließen.

Ihr Herz schlug schneller. Der Fremde, der ein makelloses weißes Hemd und einen dunklen Anzug trug, faszinierte sie. Schlagartig verspürte sie das Bedürfnis, sich zu kämmen, und hoffte, dass ihr Zopf noch ansehnlich aussah. Inzwischen hatte der Unbekannte Bethanne fast erreicht. Ihr fiel auf, dass sein Haar leicht gewellt war. Wie würde er wohl aussehen, wenn es zerzaust war? Oder wenn sie mit den Händen hindurchfahren würde?

Sie schluckte und versuchte, den Blick abzuwenden. Solche Fantasien brachten nichts. Der Mann musste Scheich Rashid al Harum sein, der zukünftige Verlobte ihrer Passagierin. Haile al Benqura konnte sich glücklich schätzen. Vermutlich hatte sie sich bereits beim Anblick seines Fotos Hals über Kopf in ihn verliebt. Jetzt holte er seine Braut ab, der eine traumhafte Zukunft an der Seite eines umwerfenden Mannes bevorstand.

„Ich bin Rashid al Harum. Willkommen in Quishari“, sagte er auf Englisch und betrat das Flugzeug.

„Danke.“ Bethanne räusperte sich. Normalerweise klang ihre Stimme nicht so heiser. Der Typ machte sie eindeutig nervös. „Bethanne Sanders. Mein Copilot Jess Bradshaw.“ Sie sah, wie sich seine Augen kurz vor Überraschung weiteten. Daran war sie gewöhnt. Obwohl immer mehr Frauen Flugzeuge führten, gab es nach wie vor wesentlich mehr männliche Piloten. Besonders außerhalb der Vereinigten Staaten.

Rashid al Harum neigte leicht den Kopf. Dann sah er sich in der Kabine um.

Hailes Begleiterin erhob sich und begann schnell und mit erregter Stimme auf ihn einzureden.

Bethanne konnte Haile noch immer nicht entdecken. Ging es ihr nicht gut? Sie blickte von der Frau zum Scheich und wünschte, sie würde ihre Sprache verstehen. Die Miene des Scheichs verfinsterte sich zusehends. Dann wandte er sich Bethanne zu und bedachte sie mit einem durchdringenden Blick. „Was wissen Sie über Hailes Verschwinden?“, fragte er auf Englisch.

Erschrocken sah sie sich um. „Ist sie denn nicht im Bad?“ Ein ungutes Gefühl überkam sie. Was hatte die Begleiterin gesagt? Wo war Haile al Benqura?

„Allem Anschein nach hat sie Marokko nicht verlassen“, sagte der Scheich aufgebracht.

„Wie bitte? Das ist unmöglich. Ich habe sie persönlich in der Maschine herumgeführt. Sie war an Bord, als wir uns zum Start bereit machten.“ Sie wandte sich an Jess. „Du hast sie doch auch gesehen.“

Jess schüttelte leicht den Kopf. „Daran kann mich nicht erinnern. Ein Bordtechniker lief die Gangway hinab, als ich in die Maschine stieg. Sonst hat niemand das Flugzeug verlassen.“

„Wir hatten aber keinen angefordert. Hier war alles in Ordnung“, erklärte Bethanne. Was wurde hier gespielt? Wo befand sich Haile? „Was hat sie gesagt?“, erkundigte sie und deutete auf Hailes Begleiterin.

Der Scheich musterte Bethanne einen Moment durchdringend. Dann antwortete er mit leiser, beherrschter Stimme, die nicht dazu angetan war, sie zu beruhigen. „Ich schlage vor, dass wir beide uns unter vier Augen unterhalten.“

Sie erwiderte seinen Blick und erschauerte leicht. Irgendetwas war schiefgelaufen. Bedrohlich hatte sich der Scheich vor ihr aufgebaut.

„Ich kontrolliere dann mal, ob am Boden alles in Ordnung ist“, ließ Jess sich mit offensichtlicher Erleichterung vernehmen und verschwand. Als er sich außer Hörweite befand, sprach der Scheich kurz auf die ältere Frau ein.

Die wandte den Blick ab und nickte. Dann nahm sie auf der Kante des Sofas Platz und sah aus einem der kleinen Fenster.

„Sie sagt, dass Haile die Maschine vor dem Start in Marokko wieder verlassen hat, um mit einem Liebhaber durchzubrennen.“

„Wie bitte? Das kann doch nicht sein. Ich dachte, sie wollte zu Ihnen. Sie ist doch Ihre Verlobte. Jedenfalls so gut wie“, platzte Bethanne heraus, ehe sie sich bremsen konnte. Sie fand es unvorstellbar, dass eine Frau mit einem anderen davonlief, wenn sie diesen Mann haben konnte.

„So war es jedenfalls geplant. Wir verhandeln schon seit Monaten über ein Erdölabkommen zum Vorteil beider Länder. Gleichzeitig sollten unsere Familien durch eine Heirat verbunden werden. Meine Verwandten und viele Leute im Land erwarten die Ankunft meiner zukünftigen Frau. Und jetzt ist sie nicht hier.“

Bethanne schluckte, als sie seine Augen vor Zorn aufblitzen sah. Dann riss sie sich zusammen und entgegnete mit erhobenem Kinn: „Ich trage nicht die Verantwortung dafür, dass sie das Flugzeug wieder verlassen hat. Ich war der Überzeugung, sie sei in der Kabine. Dort habe ich sie zuletzt gesehen.“

„Sie sind der Kapitän dieser Maschine und tragen die Verantwortung für alles, was an Bord vor sich geht. Ich werde Sie zur Rechenschaft ziehen. Wie konnten Sie zulassen, dass sie einfach aussteigt?“ Der Blick seiner dunklen Augen schien sie zu durchbohren. Seine ganze Haltung verriet seinen Ärger. Auch wenn er sich im Griff hatte, wirkte er auf sie nicht weniger bedrohlich.

„Woher sollte ich denn wissen, dass sie gar nicht hierherkommen wollte? Ich dachte, alles sei abgesprochen.“ Sie konnte ihm wohl schlecht sagen, wie romantisch sie die ganze Geschichte fand – eine arrangierte Ehe mit Flucht der Braut. „Nun, da ich weiß, dass Haile gar nicht mitfliegen wollte, bin ich froh, dass ich sie nicht gegen ihren Willen hierhergebracht habe.“ Sie blickte zu der älteren Frau hinüber. „Wenn Sie schon jemanden zur Rechenschaft ziehen wollen, dann sind Sie bei ihr da an der richtigen Adresse. Mein Chef wollte Ihnen nur einen Gefallen tun, indem er sich erbot, die beiden von Marokko nach Quishari zu bringen.“

„Und Sie haben dabei versagt. Haile ist nicht hier.“

„Das sehe ich auch. Und was erwarten Sie jetzt von mir?“

„Diese Ehe sollte zum Vorteil beider Länder geschlossen werden. Es ist Ihre Schuld, dass daraus nun nichts wird.“

Bethanne hielt seinem Blick tapfer stand. Sie wusste, dass sie dafür nichts konnte. Warum hatte die Anstandsdame ihren Schützling nicht zurückgehalten? Oder jemanden von der Flucht informiert? Mehr gab es dazu nicht zu sagen.

Jedenfalls hatte sie sich ihre Ankunft in Quishari, auf die sie sich so sehr gefreut hatte, völlig anders vorgestellt.

„Das Wichtigste ist jetzt erst einmal, den Schaden zu begrenzen“, fuhr er nach einer Weile fort, und sie meinte förmlich zu sehen, wie er krampfhaft überlegte.

„Es tut mir leid, dass ich Ihnen dabei nicht helfen kann“, sagte sie in dem Versuch, die Spannung zwischen ihnen zu entschärfen. Sie hatte ihre Pflicht erfüllt und den Jet überführt. Nun musste der Scheich nur noch die Papiere unterzeichnen, dann konnte sie ihren Urlaub in Quishari beginnen, nach ihrem Vater suchen und sich die Sehenswürdigkeiten des Landes ansehen. Jess hingegen wollte mit der nächsten Maschine zurück nach Texas fliegen.

„Ah, das können Sie sehr wohl. Und ich bestehe sogar darauf“, sagte der Scheich mit einem festen Unterton in der Stimme.

„Wie stellen Sie sich das vor? Soll ich zurück nach Marokko fliegen und sie dort aufspüren? Ich wüsste gar nicht, wo ich anfangen sollte.“

„Das wird nicht nötig sein.“ Er machte eine abwehrende Handbewegung. „Trotz der Bemühungen meiner Familie um Diskretion sind Gerüchte im Umlauf. Es ist bekannt geworden, dass ich demnächst einen besonderen Gast erwarte. Nun werden Sie eben einspringen.“

„Wie bitte?“

„Sie werden die gute Freundin sein, die mich besucht.“

Ungläubig blickte sie ihn an. „Haben Sie den Verstand verloren? Ich meine …“ Dann wurde ihr bewusst, dass sie mit einem bedeutenden Kunden ihres Unternehmens sprach, und verstummte. Er konnte doch nicht im Ernst daran denken, sie als seine Verlobte auszugeben. Die Familie al Harum gehörte zu den reichsten im Land. So viel wusste sie von ihrem Vater. Sie vertrieb das Öl ihrer riesigen Vorkommen auf dem Weltmarkt. Auch in der Regierung saßen zahlreiche Verwandte.

Ihre Gedanken jagten einander. Ausgerechnet sie sollte nun die Verlobte des Scheichs spielen?

Der sprach unterdessen in schnellem Arabisch auf die Anstandsdame ein. Stirnrunzelnd blickte die Frau Bethanne an. Mit einem resignierten Gesichtsausdruck nickte sie schließlich.

Bethanne hatte kein Wort verstanden. In Gedanken spielte sie verschiedene Möglichkeiten durch und verwarf sie wieder.

„Es ist abgemacht. Hailes Begleiterin wird sich in den nächsten Tagen um Sie kümmern. Ihr Name ist Fatima. Sie kann kein Englisch, aber eine Verständigung kriegen wir schon irgendwie hin.“

„Einen Moment. Ich kann nicht …“

Er hob die Hand. „Sie befinden sich hier in meinem Land, Ms. Sanders. Hier gelten meine Regeln. Gewisse einflussreiche Persönlichkeiten beobachten mein Privatleben sehr genau. Glücklicherweise hat meine Familie die Verhandlungen sehr diskret geführt, sodass niemand weiß, wen ich erwarte. Da Sie dafür verantwortlich sind, dass Haile nicht hier angekommen ist, werden Sie nun an ihre Stelle treten.“

„Das ist doch lächerlich. Denken Sie doch noch einmal in Ruhe darüber nach. Sicher gibt es eine bessere Alternative.“

„Mir gefällt die Idee. Außerdem haben wir nicht viel Zeit. Und jetzt setzen Sie bitte ein verbindliches Lächeln auf, und folgen Sie mir“, befahl er.

„Einen Augenblick. Ich habe nicht gesagt, dass ich einverstanden bin.“

„Möchten Sie den Jet lieber sofort zurück in die Vereinigten Staaten fliegen, weil ich den Kauf platzen lasse?“, fragte er.

Seine unnachgiebige Miene überzeugte sie, dass er es völlig ernst meinte. Ihre Lage war äußerst unangenehm. Dann fiel ihr ein, dass sie noch aus einem anderen Grund nach Quishari gekommen war. Sie wollte nach ihrem Vater suchen. Vielleicht kam ein Gast des Scheichs ja schneller an Informationen als eine gewöhnliche Touristin. Sie hatte nicht viel Zeit, sich zu entscheiden.

„Wie haben Sie sich das Ganze vorgestellt?“, erkundigte sie sich vorsichtig.

„Sie brauchen nicht lange zu bleiben. Wir stellen Sie als meinen Gast vor. Sollte das Gerücht entstehen, dass wir uns verloben wollen, so widersprechen wir nicht. Sobald alle wichtigen Verträge unterzeichnet sind, können Sie wieder abreisen. Dann spielt es keine Rolle mehr, was hinter meinem Rücken getratscht wird. Bis dahin sind Sie als gute Freundin bei mir zu Gast.“

„Und wie soll das funktionieren? Wir kennen uns doch gar nicht“, wandte sie ein. Gleichwohl stellte sie zu ihrer Überraschung fest, dass sie sich stark zu ihm hingezogen fühlte. Sie konnte sich doch nicht einfach Hals über Kopf in einen Fremden verlieben, oder? Sicher litt sie unter Jetlag. Dann kam ihr der Gedanke, dass er ihr bei der Suche nach ihrem Vater vielleicht von großer Hilfe sein könnte.

Auch schien er nicht von ihr zu erwarten, dass sie sich wie eine verliebte Braut benahm. Sie musste sich eingestehen, dass die Vorstellung, Näheres über ihn zu erfahren, sie durchaus reizte. Würden sie sich möglicherweise sogar küssen?

Was ist nur in mich gefahren? fragte sie sich, während sie den Blick über seinen Mund gleiten ließ und sich vorstellte, wie er seine Lippen auf ihre presste.

„Haben Sie sich das auch wirklich gut überlegt? Was werden Sie antworten, wenn man Sie fragt, wie wir uns kennengelernt haben und warum wir uns zueinander hingezogen fühlen? Meine Herkunft dürfte dafür jedenfalls nicht ausschlaggebend gewesen sein.“

„Warum sagen wir nicht einfach, dass wir uns ineinander verliebt haben?“, schlug er mit leiser Ironie in der Stimme vor.

Sie sah ihn skeptisch an. Das klang nicht gerade, als glaubte er an die Liebe. Sein abschätziger Blick verriet, dass er nichts von großen Gefühlen hielt. Mit Sicherheit eine harte Nuss für jede Frau, dachte sie. Zum Glück fand sie ihn einfach nur faszinierend. Wenn sie ihn erst einmal besser durchschaute, würde er ihr mit Sicherheit ziemlich auf die Nerven gehen.

„Selbst in einer arrangierten Ehe sollten die Partner zumindest freundliche Gefühle füreinander hegen“, sagte sie übertrieben liebenswürdig.

„Und Sie denken, ich könne nicht freundlich sein?“, fragte er mit samtiger Stimme und trat näher an sie heran. Zart strich er ihr eine Haarsträhne hinter das Ohr. Sein Gesicht war ihrem so nahe, dass sie die winzigen goldenen Sprenkel in seinen dunklen Augen sehen konnte. Die Geste elektrisierte sie. Am liebsten hätte sie sich an ihn gelehnt, sein Gesicht berührt und seine Lippen auf ihren gespürt.

Tief durchatmend versuchte sie, einen kühlen Kopf zu bewahren. Doch der Duft seines Aftershaves raubte ihr völlig die Sinne.

„Vielleicht“, sagte sie mit zittriger Stimme.

„Und Sie?“ Sein Blick hielt sie gefangen.

„Ich kann durchaus entgegenkommend sein. Aber auf einen flüchtigen Flirt lasse ich mich nicht ein.“ Sie durfte den Gefühlen, die er in ihr wachrief, nicht nachgeben. Ein Kuss von ihm und sie würde vergessen, weshalb sie eigentlich hier war.

In seinen Augen blitzte es amüsiert auf. „Einverstanden, kein Flirt. Trotzdem sollten wir uns besser ab sofort duzen. Du musst mich Rashid nennen und ich dich Bethanne. In der Öffentlichkeit wirst du mir mit großer Zuneigung begegnen.“

„Und privat?“ Sie fragte sich bereits, wie sie sich nur auf diese Komödie hatte einlassen können.

„Da habe ich ebenfalls nichts gegen die Hingabe einer Frau. Ich habe jedoch Verständnis dafür, wenn du dich lieber zurückhältst.“ Er bedachte sie mit einem belustigten Blick.

Verwirrt fragte sie sich, ob er sie überhaupt ernst nahm.

„Fatima wird dich zu der Villa am Meer begleiten, in der auch Haile hätte wohnen sollen. Du wirst dort ungestört sein. Natürlich erwarte ich, dass du an den geplanten Feierlichkeiten teilnimmst. Und auch, dass du meine Mutter durch dein Auftreten überzeugst.“

„Deine Mutter? Du willst ihr etwas vorspielen? Du bist ja verrückt.“

Bethanne, die zu ihrer Mutter kein besonders enges Verhältnis hatte, konnte sich trotzdem nicht vorstellen, sie anzulügen. War denn die Beziehung der beiden so schlecht?

Sein Gesichtsausdruck wurde schlagartig ernst. „Ich werde auf keinen Fall riskieren, dass irgendetwas den Vertragsabschluss mit Hailes Vater gefährdet. Es gibt Kräfte hier im Land, die gegen das Geschäft sind. Der Finanzminister ist einer davon. Er würde Hailes Verhalten sofort in eine Beleidigung für unser ganzes Land ummünzen. Wer weiß, vielleicht ist es durchaus von Vorteil, dass alles so gekommen ist. Al Benqura wird sich sehr für das Benehmen seiner Tochter schämen und mir möglicherweise in einigen noch offenen Punkten der Verhandlungen entgegenkommen. Wenn du mir jetzt hilfst, kannst du auch auf meine Unterstützung zählen.“

Sie musste sich schnell entscheiden. Einerseits würde ihr sicher niemand abnehmen, dass ein so dynamischer Mann wie Rashid al Harum sich ernsthaft für sie interessierte. Schon beim ersten gemeinsamen Auftritt würde man sie durchschauen. Andererseits erregte die Vorstellung sie, ein paar Tage mit ihm zu verbringen.

Was tun?

Jess erschien an der Tür des Jets. „Alles in Ordnung?“, fragte er.

Rashid sah Bethanne unverwandt an.

„Alles in Ordnung“, bestätigte sie schließlich und hoffte, dass sie nicht gerade im Begriff war, den Fehler ihres Lebens zu begehen.

Die Haltung des Scheichs veränderte sich kaum wahrnehmbar. Hatte er daran gezweifelt, dass sie mitspielen würde? Dazu hatte er allen Grund. Ginge es ihr nicht darum, ihren Vater zu finden, hätte sie sein Ansinnen rundweg abgelehnt. Zumindest hätte sie sich nicht so schnell überreden lassen. Sie konnte den Blick nicht von ihm lösen.

Rashid drehte sich nun rasch zu Jess um. „Sie brauchen hier nicht mehr länger zu bleiben. In einer Stunde geht eine Maschine in die Vereinigten Staaten.“ Er rief seinen Begleiter, der noch immer am Fuß der Gangway gewartet hatte, zu sich und erteilte ihm einen kurzen Befehl.

Bloß keine überflüssigen Mitwisser, dachte Bethanne.

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