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Ein Märchen nur für eine Nacht?

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PROLOG

Mark erwachte langsam. Sein Mund war seltsam trocken und seine Glieder waren schwer. Er drehte sich zur Seite in der Hoffnung, sie zu sehen. Doch nur ein leeres Kopfkissen lag neben ihm.

Verschlafen stützte er sich auf beide Ellbogen und sah sich im Raum um. Er hatte die letzte Nacht doch nicht nur geträumt? Aus dem Augenwinkel nahm er einen Schreibtisch mit seinem Laptop darauf wahr und ein Fenster mit Aussicht auf Las Vegas im Morgengrauen. Zumindest der Ort war also Wirklichkeit.

Sein Blick fiel auf zwei Weingläser und eine umgestürzte Flasche Merlot. Verdammt – wegen der Flecken auf dem Teppich müsste er sicher eine saftige Zusatzkostenrechnung begleichen. Er sah zur Zimmertür und entdeckte ein paar High Heels mit Leopardenmuster.

Und schlagartig war die Erinnerung zurück.

Daran, wie er sich zu dem großen Ballsaal aufgemacht hatte, in dem die Abschlussparty zu AdWorld, dem alljährlichen Kongress der besten Werbeagenturen des Landes, stattfand. Im dunklen Garderobenraum hatte er seinen Mantel abgegeben, und da war sie ihm aufgefallen: Die hübsche Blondine, die lachend in ihr Telefon sprach. Augenblicklich hatte er sich nichts mehr gewünscht, als mit ihr reden zu können. Und als sie mit ihren leuchtenden grünen Augen zu ihm aufsah – boom! –, da fühlte er sich wie vom Blitz getroffen.

Mark hätte alles getan, um diese Frau kennenzulernen. Um ihr nah zu sein.

Und das war wohl der Grund, warum er gestern Abend wieder einmal die Rolle des galanten Ritters gespielt hatte, in der die Welt ihn so gerne sah.

Mit den Worten „Ich bin Mark“ hatte er die rechte Hand der attraktiven Blondine ergriffen und einen Kuss darauf gehaucht. „Erweisen Sie mir die Ehre, heute Abend Ihr Begleiter zu sein?“

Die schöne Unbekannte hatte ihn zuerst sprachlos angeblickt. Doch das Begehren in ihren weit aufgerissenen Augen war unübersehbar gewesen, als sie schließlich antwortete: „Mit dem größten Vergnügen.“

Er hatte ihr seinen Arm angeboten, und gemeinsam waren sie durch die Glastüren ins Licht des Ballsaals getreten.

Seinen Kopfschmerzen nach zu urteilen musste er einiges getrunken haben. Er erinnerte sich, dass die fremde Schönheit ihr Tequilaglas erhoben hatte. „Auf eine wilde Nacht“, hatte sie mit zitternder Stimme erklärt.

Und dann waren sie auf die Tanzfläche getreten. Mark fiel wieder ein, wie die hinreißende Blondine lachend neben im getanzt hatte und sich schließlich an ihn schmiegte, als er sie in seine Arme zog. Und wie süß ihre Lippen geschmeckt hatten, als er sie endlich küsste …

Der erste Kuss von vielen.

Irgendwann hatte sie ihre Arme um seinen Hals gelegt und geflüstert: „Mark, ich kann nicht glauben, dass ich das sage – aber ich brauche dich. Können wir in dein Hotelzimmer gehen?“

Was folgte, war eine der heißesten … nein, die heißeste Nacht seines Lebens gewesen.

Die schöne Fremde hatte sich überaus leidenschaftlich gezeigt. Willig und entschlossen, Träume zum Leben zu erwecken. Und als alles vorbei war, hatte sie ihm in die Augen gesehen und gefragt: „Willst du es noch einmal tun?“

„Selbst wenn ich dafür in die Hölle käme“, hatte Mark geantwortet.

Während sich die letzte Nacht wie ein Film vor seinen Augen abspielte, öffnete sich die Badezimmertür, und der blonde Engel trat auf ihn zu.

Und da fiel es Mark wieder ein. Becky. Ihr Name war Becky.

In einem langen weißen Hotelbademantel und mit ihren goldenen Locken, die im Licht der aufgehenden Sonne schimmerten, wirkte sie tatsächlich wie ein Wesen aus einer anderen Welt. Ihre grünen Augen leuchteten auf, als sie merkte, dass Mark aufgewacht war.

Noch einmal fühlte er sich wie vom Blitz getroffen.

„Hallo Hübscher“, sagte Becky.

„Hallo Engel. Warum bist du so früh schon auf?“

„Oh“, sagte sie, und Schatten traten in ihre Augen. „Mein Flug geht in ein paar Stunden, und ich habe vorher noch ein paar Dinge zu erledigen. Deshalb muss ich jetzt gehen.“

„Verstehe“, sagte er, während ihn eine unerklärliche Traurigkeit überkam. „Ich hatte gedacht, wir könnten frühstücken. Unten im Restaurant oder hier oben im Bett.“ Obwohl Frühstück offen gestanden das Letzte war, woran er denken konnte, seit Becky im Türrahmen seines Badezimmers erschienen war. Allein der Wunsch, den Bademantel von ihrem schmalen Körper zu ziehen, beherrschte Mark.

Sie lächelte ihm vorsichtig zu und setzte sich dann auf die Ecke seines Bettes. „Frühstück wäre schön, aber du weißt doch, wie das ist. Die Pflicht ruft.“

Ihre angespannte Körperhaltung verriet, dass Beckys Entscheidung unwiderruflich war. Auch wenn Mark nicht wollte, dass der blonde Engel ihn verließ. Noch nicht. „In Ordnung. Ich verstehe“, sagte er langsam. Und nur um noch ein paar Sekunden mit ihr reden zu können, fügte er hinzu: „Wo arbeitest du?“

„Bei einer Agentur in New York – SBD.“

„Wirklich? Was für ein Zufall. Kommende Woche werde ich ebenfalls …“

Sanft legte sie ihre Finger auf seine Lippen. „Lass uns nicht vom wahren Leben reden. Die letzte Nacht war wie ein Märchen, und ich möchte nicht, dass es vom Alltag zerstört wird. Wenn es dir nichts ausmacht, würde ich dich gerne als Mark, den Märchenprinzen aus Las Vegas, in Erinnerung behalten. Nicht als jemanden, der ein ganz normales Leben führt.“

Wow. So etwas war ihm noch nie passiert. Normalerweise war er es, der in aller Frühe das Schlafzimmer eines One-Night-Stands verließ und dabei versuchte, so wenig wie möglich von sich preiszugeben. Mark spürte, dass es ihm nicht gefiel, die Situation aus der anderen Perspektive zu erleben. Doch nicht einmal vor sich selbst hätte er das zugegeben.

„Hmmm“, sagte er langsam. „Es war schön, ein Märchenprinz zu sein. Vielleicht hat das mein Leben etwas weniger normal gemacht.“

Noch einmal hörte er Beckys hinreißendes Lachen. Dann strich sie sich ihr Haar aus dem Gesicht, beugte sich über Mark und küsste ihn, als gäbe es kein Morgen mehr.

„Danke für diese Nacht. Ich werde das, was passiert ist, niemals vergessen.“

Mark lächelte. „Ich auch nicht.“ Er meinte jedes Wort ernst.

Ein paar Augenblicke später stand Becky vollständig angezogen an der Tür seines Hotelzimmers. Sie warf Mark eine Kusshand zu, bevor sie flüsterte: „Mach’s gut, mein Prinz.“

„Mach’s gut, mein Engel.“

Und dann war sie verschwunden.

Mark griff nach seinem Laptop und loggte sich ins Internet ein. Es war Zeit, ein paar Details über seine hinreißende neue Kollegin herauszufinden.

1. KAPITEL

Becky war mit der langweiligen Aufgabe betraut, ihren Posteingang zu überprüfen und sich durch die dreihundertsiebenundfünfzig E-Mails zu arbeiten, die während ihres Aufenthaltes in Las Vegas angekommen waren. Als ein Pappbecher mit Kaffee auf ihren Schreibtisch gestellt wurde, blickte sie vom Bildschirm auf.

„Ein doppelter Espresso mit einem Schuss Sojamilch. Dein Lieblingskaffee.“

Becky lächelte. Jessie, ihre persönliche Assistentin und langjährige Freundin, wusste immer, was sie brauchte.

„Wow, danke Jessie. Du bist die Beste.“

Jessie schlüpfte aus ihrem Mantel und ließ sich dann auf den Besucherstuhl vor Beckys Schreibtisch fallen.

„Es ist ein Bestechungsversuch. Erzähl mir alles.“

„Alles über den Kongress in Vegas?“

Lachend warf Jessie ihren bunten Schal in Beckys Richtung. „Nein, du Scherzkeks. Du weißt, was ich hören will. Was ist am Freitagabend passiert, nachdem wir telefoniert hatten? Hast du deinem Zölibat endlich ein Ende gesetzt?“

Becky errötete. „Kann man so sagen.“

„Juhuuu – du hast jemanden kennengelernt. Ich wusste, dass es in Vegas klappen würde. Jetzt erzähl mir alle brisanten Details.“

Becky schüttelte den Kopf. „Die würde ich gerne für mich behalten“, erwiderte sie mit einem Lächeln.

„Was ist denn mit dir los?“, fragte Jessie und rollte theatralisch mit den Augen. „In den zehn Jahren, seit wir uns kennen, haben wir noch nie Geheimnisse voreinander gehabt.“

Noch einmal schüttelte Becky den Kopf. Auch wenn Jessie und sie einander immer alles erzählt hatten – das hier war etwas anderes. Etwas Besonderes.

„Es tut mir leid, Jessie. Es fühlt sich einfach nicht richtig an, darüber zu sprechen. Außerdem kennst du doch das Sprichwort: Was in Las Vegas passiert …

Gerade in diesem Augenblick ertönte die Stimme ihres Chefs dicht neben Beckys offener Bürotür. „… sollte man niemals preisgeben. Ist es nicht so?“

Becky sprang von ihrem Stuhl auf und bemühte sich um einen möglichst gleichgültigen Gegenkommentar. Doch was sie sah, drohte ihren Verstand zu lähmen.

Ihr Chef David stand in der Tür und lächelte. Und neben ihm stand … Mark.

Mark? Wie konnte er in ihrem Büro auftauchen? Becky starrte ihn mit offenem Mund an. Das war doch vollkommen unmöglich.

Dieser Mann gehörte nach Vegas, nicht nach New York City.

Hitze sammelte sich in Beckys Schoß, als sie an die erste Begegnung mit Mark dachte. Sie hatte gerade ihr Telefongespräch mit Jessie beendet und all ihr Selbstbewusstsein zusammengenommen, um sich allein auf die AdWorld-Abschlussparty zu wagen. Die Party, auf der sie den Plan, endlich wieder mit einem Mann zu flirten, in die Tat umsetzen wollte.

„Stell dir einfach alle Anwesenden in Unterwäsche vor“, hatte Jessie sie ermutigt. „Vor allem die gutaussehenden Typen!“

Becky hatte lachend den Hörer aufgelegt. „Ich stelle sie mir in Unterwäsche vor“, hatte sie anschließend zu sich selbst gesagt.

Und in diesem Moment hatte sie zum ersten Mal Marks Stimme hinter sich gehört. „Mich?“

„Was?“, hatte Becky erschrocken gestammelt und von ihrem Handy aufgeblickt. Dann war ihr Herz für ein paar Sekunden stehen geblieben. Der Typ, der vor ihr stand und sie anlächelte, war genau die Sorte Mann, von dem Jessie gerade am Telefon gesprochen hatte. Gutaussehend von den Spitzen seines raffiniert zerzausten schwarzen Haars bis zu den Sohlen seiner glänzend polierten Lederschuhe.

„Nein, nicht Sie – sondern sie … alle.“

Ein amüsiertes Leuchten trat in seine dunklen Augen.

Becky starrte ihn mit glühenden Wangen an. Sein schönes Gesicht und die weißen, ebenmäßigen Zähne. „Ich … äh … Sie hätten das eigentlich gar nicht hören dürfen. Ich habe nur ein kleines Problem damit, allein auf diese Party zu gehen. Meine beste Freundin hat mir vorgeschlagen, mir die anderen Gäste einfach in Unterwäsche vorzustellen. Sie wissen schon … als eine Art Mutmacher.“

Ihr gutaussehendes Gegenüber hatte den Kopf ein wenig schief gelegt und gelacht. Und in diesem Moment hatte Becky es endlich wieder gespürt. Die Hitze. Das Kribbeln. Wenn sie alleine gewesen wäre, hätte sie vor Freude getanzt. Dieser Mann hatte gerade bewiesen, dass sie noch romantische Gefühle haben konnte. Dass der Zeitpunkt gekommen war, um ihrem selbst auferlegten Zölibat ein Ende zu setzen …

Jetzt, wo Mark in ihrem Büro stand, wünschte sie sich allerdings, sie hätte das letzte Wochenende in einem Kloster statt in Vegas verbracht.

Becky schüttelte heftig den Kopf. Sie musste sich auf das Gespräch konzentrieren, wenn sie die Situation unter Kontrolle halten wollte.

„Ich kenne das Sprichwort“, hörte sie Jessie sagen. „Und dennoch war ich gerade dabei, Becky zu überzeugen, dass man interessante Details niemals vor seiner besten Freundin geheim halten soll.“

„Hatten Sie Glück?“, erkundigte sich Mark. Becky spürte, dass er sie von der Seite musterte.

„Nein.“ Jessie machte einen Schmollmund.

„Na ja … ich war ebenfalls auf dem Kongress“, erklärte er in gleichgültigem Ton. „Sie haben nicht viel verpasst. Obwohl die Abschlussparty am Freitag ziemlich gelungen war.“

Becky blickte ihn an. Wollte Mister Gutaussehend sie ärgern? Und wenn es so war – warum mussten Männer stets so unsensibel sein? Er blickte Becky an, und seine dunklen Augen funkelten schelmisch. Ein unterdrücktes Grinsen umspielte seine Lippen.

„Becky hat genau das Gleiche gesagt“, erklärte Jessie. „Sind Sie ihr dort zufällig über den Weg gelaufen?“

„Nein!“, rief Becky etwas zu laut.

„Könnte man so sagen“, murmelte Mark im selben Augenblick.

Becky starrte ihn an. Er sagte nichts und blickte sie nur mit hochgezogenen Augenbrauen an, während er sich gegen den Türrahmen lehnte und mit offensichtlicher Genugtuung beobachtete, wie sich die Lage zuspitzte.

„Nun, was ich sagen will ist, dass wir nicht wirklich viel Zeit miteinander verbracht haben“, stammelte Becky.

Nur zwölf umwerfende Stunden und dreiundfünfzig alles überwältigende Minuten. Nicht, dass sie auf die Uhr gesehen hätte, oder so.

Ihre verräterischen Gedanken wanderten zurück zu Marks erstem Kuss. Zu dem Moment, als er jeden Winkel ihres Mundes liebkost und dadurch ihren ganzen Körper in Flammen gesetzt hatte.

Innerhalb von Sekunden hatte sie gewusst, dass sie mehr von ihm wollte als nur Küsse.

Doch was sie mit ihm erlebte, sollte nur ein Märchen für eine Nacht sein. Eine Erfahrung, die sie wieder zu einer vollwertigen Frau machen sollte. Wenn sie gewusst hätte, dass er am folgenden Montag in ihrem Büro erscheinen würde, dann hätte sie doch niemals …

„Dieser junge Mann hier ist ein überaus begabter Werbedesigner“, sagte David und klopfte Mark kameradschaftlich auf die Schulter. „Ich habe ihn auf freiberuflicher Basis eingestellt, damit er ein Spezialprojekt für uns übernimmt. Ich möchte, dass Sie mit ihm zusammenarbeiten, Becky.“

„Ich?“, brachte sie mühsam hervor. „Aber ich bin beschäftigt. Ich meine, ich bin vollkommen eingebunden in …“

„Was auch immer Sie gegenwärtig zu tun haben, wird jemand anderem übertragen“, entgegnete ihr Chef. „Ich brauche auch Sie für dieses Spezialprojekt. Kommen Sie um elf in mein Büro. Dann besprechen wir alles Weitere.“

Becky, die wusste, dass jeder weitere Protest sinnlose Zeitverschwendung war, biss sich auf die Unterlippe und schwieg. Einer Entscheidung, die David getroffen hatte, musste man sich fügen. Zumindest, wenn man auf einen Job in seiner Firma angewiesen war.

Was leider in ihrem Fall zutraf.

„Okay“, sagte sie. „Ich werde da sein.“

„Gut“, antwortete David. „Dann halte ich Sie nicht noch länger von Ihren Aufgaben ab. Kommen Sie, Mark.“

Sobald die beiden Männer fort waren, brach Becky über ihrem Schreibtisch zusammen. „Warum, warum, warum passiert so etwas immer mir?“

„Was ist denn jetzt los?“, erkundigte sich Jessie.

Becky schüttelte stumm den Kopf.

„Komm, du kannst es mir sagen. Du musst.“

Becky wusste, dass ihre Freundin recht hatte. Der Versuch, ihre missliche Lage zu vertuschen, würde das alles nur noch schlimmer machen. Und wenn es eine Person gab, auf deren Verständnis sie hoffen konnte, dann war es Jessie.

Sie allein kannte Beckys Vorgeschichte. Und Jessie wusste, was Becky sich am vergangenen Samstag in Vegas beweisen wollte.

Becky stand auf und schloss die Tür, bevor sie ihre Freundin mit gequälter Miene anblickte. Während sie sich ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht strich, brachte sie mit zitternder Stimme hervor: „Er war es.“

„Er? Wer? Ich verstehe nicht …“

„Mark. Er war der Mann, den ich in Las Vegas getroffen habe. Und die Ereignisse haben sich ein wenig überstürzt.“

„Was meinst du damit?“

„Ich habe die ganze Nacht mit ihm verbracht“, seufzte Becky.

„Machst du Witze?“, fragte Jessie und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück.

Becky schüttelte den Kopf.

Jessie presste für einen Moment beide Hände auf ihren Mund. Dann brach sie in schallendes Gelächter aus. „Oh, mein Gott. So etwas kann wirklich nur dir passieren. Das ist … das ist unglaublich.“

Becky starrte ihre Freundin an. „Ich finde das nicht besonders lustig!“

„Natürlich nicht. Aber irgendwann wirst du darauf zurückblicken und es lustig finden. Glaube mir!“

Das bezweifelte Becky. Sie durchlebte gerade einen Albtraum.

Nach ein paar Minuten hörte Jessie endlich auf zu lachen. „Also, dein Mister One-Night-Stand ist plötzlich Mister Kollege. Was wirst du jetzt tun?“

„Nichts“, sagte Becky tonlos.

„Warum? Ist er eine Enttäuschung gewesen?“

Vor ihrem geistigen Auge sah Becky Bilder ihrer Nacht mit Mark. Seine Lippen, die sanft ihren Mund berührten. Seine Zunge auf ihren Brüsten. Seine Hände überall.

„Er war unglaublich.“

„Unglaublich? Dann hattest du also endlich mal wieder einen O…?“

Becky errötete. „Ja. Nicht nur einmal.“

Jessie blickte ihre Freundin nachdenklich an. „Warum wartest du dann nicht einfach ab, wohin eure Bekanntschaft führen kann? Vielleicht könnt ihr euch gelegentlich treffen. Vielleicht will das Schicksal, dass es nicht nur bei einer Nacht für euch bleibt.“

Unruhig lief Becky zum Fenster. „So etwas wie Schicksal gibt es nicht. Nach allem, was zwischen mir und Pence passiert ist, weiß ich das mit ziemlicher Sicherheit. Und ebenso sicher weiß ich, dass Beziehungen zwischen Kollegen bei SBD verboten sind.“

Jessie stand plötzlich hinter ihrer Freundin und umarmte sie. „Becky, die Sache mit Pence ist so lange her. Und mehrere Leute hier brechen Davids Regel mit dem Beziehungsverbot. Man muss nur diskret bleiben. Lass nicht noch einmal zu, dass ein Chef dir das Leben ruiniert.“

Die Uhr an der Wand stand auf fünf vor elf. „Wir sehen uns später, Jessie. Ich muss jetzt erst einmal in Davids Büro und mehr über dieses Spezialprojekt erfahren.“

Mark war nicht sicher, wie viel Small Talk er noch ertragen konnte.

Er hatte in den zwei Stunden, seit er bei SBD arbeitete, so ziemlich alles über das Leben seines Chefs erfahren, doch rein gar nichts über das Projekt, an dem er mitwirken sollte. Er wusste jetzt nur, wo Davids bevorzugter Golfplatz war (in South Carolina), was David am liebsten trank (Bourbon ohne Eis) und wie David zu seinem Namen gekommen war (seine Mutter hatte ihn nach Michelangelos Statue benannt).

Doch er hatte nicht den Hauch einer Ahnung, was sein erster Auftrag war oder warum David so ein Geheimnis daraus machte. Als er angerufen hatte, um Mark die freiberufliche Tätigkeit in seiner Firma anzubieten, hatte er nur verlauten lassen, dass er Unterstützung bei einem gewaltigen neuen Projekt bräuchte. Ein Projekt mit dem Potenzial, die Zukunft von SBD zu verändern.

Natürlich hatte das Marks Interesse geweckt. Doch es war Davids Argumentation, die Mark dazu gebracht hatte, den Auftrag in New York anzunehmen. „Ich habe überall nach jemandem gesucht, der mir helfen kann, diese Sache unter Dach und Fach zu bringen. Als Ihr Name fiel, wusste ich, dass Sie der richtige Mann für den Job sind. Ich brauche Sie.“

„Wo ist mein Name gefallen?“, hatte Mark gefragt und dabei befürchtet, dass es wieder einmal sein Stiefvater war, der – voller Missgunst, Zynik und Verachtung – von ihm gesprochen hatte.

„Sie haben beinahe jede große Werbeagentur des Landes unterstützt. Die meisten meiner Konkurrenten haben Ihnen viel zu verdanken.“

Dass David offenbar nichts über Marks Familie wusste, war ein Glücksfall. Ebenso wie das Sahnehäubchen, das der Chef von SBD seinem Angebot aufsetzte: Sollte das freiberufliche Projekt gelingen, winkte Mark eine feste Stelle als Leiter der kreativen Abteilung.

Es war die Gelegenheit, auf die er die letzten zehn Jahre gewartet hatte. Diese Herausforderung nicht anzunehmen, wäre pure Idiotie gewesen.

Er wünschte nur, er würde endlich erfahren, worum genau es ging. Und was Becky damit zu tun hatte.

Bereits nach seiner kurzen Internetrecherche am Samstagmorgen war er beeindruckt von ihrem großen Talent. In den letzten fünf Jahren, in denen sie als Werbetexterin für SBD tätig war, hatte sie zahlreiche Preise gewonnen. Auch auf dem Kongress in Vegas hatte man ihre letzte Arbeit – eine soziale Medienkampagne, die im ganzen Land bekannt war – des Öfteren lobend erwähnt.

Alles in allem musste sie wohl in ihrem Beruf ebenso grandios sein wie im Bett.

Vielleicht hatte er ja das Glück, diese Grandiosität noch einmal hautnah zu erleben. In jeder Hinsicht …

Er erinnerte sich daran, wie sehnsüchtig sie ihn im sanften Licht seines Hotelzimmers angeblickt hatte. Wie wunderschön sie aussah – nur mit ihrem roten Spitzen-BH und passendem Slip bekleidet. Und noch schöner, als er ihr die Wäsche schließlich ausgezogen hatte.

Und auch wenn die Frau, die er vor einer guten Stunde in ihrem Büro aufgesucht hatte, in Blazer und Jeans beinahe ebenso hinreißend aussah wie in roter Unterwäsche – der Blick in ihren Augen war alles andere als sehnsüchtig gewesen. Eher entsetzt. Verwirrt. Und – wenn Mark nicht alles täuschte – irgendwie wütend.

Ein leises Klopfen an der Tür riss Mark aus seinen Gedanken.

„Kommen Sie herein“, rief David.

Becky betrat wortlos das Zimmer.

Sie sah kurz zu Mark hinüber und errötete, als ihre Blicke sich trafen. Oh Mann, wie gerne hätte er gesehen, ob sich die Röte auf ihrer gesamten Haut ausbreitete.

„Danke, dass Sie gekommen sind, meine liebe Becky“, strahlte David.

Obwohl er nicht viel älter als vierzig sein konnte, wirkte Marks neuer Chef wie ein Relikt aus vergangenen Jahrhunderten. Er legte die Manieren eines selbstgefälligen Großgrundbesitzers an den Tag, was in einer Werbeagentur im schnelllebigen New York völlig fehl am Platz wirkte. „Setzen Sie sich, meine Liebe, setzen Sie sich. Wir haben viel zu besprechen.“

Becky schritt über den pompösen roten Teppich, der Davids Büro zierte, und setzte sich gehorsam in den übergroßen Sessel neben Mark.

„Ich gehe davon aus, dass Sie eine gute Zeit in Vegas hatten, Becky?“, erkundigte sich David.

Becky zwang sich zu einem Lächeln. „Es war wunderbar, David. Vielen Dank, dass ich SBD auf dem Kongress vertreten durfte.“

„Das war doch selbstverständlich. Sie haben es sich verdient. Außerdem hätte ich niemals eine Ihrer Teamkolleginnen schicken können. Die hätten sich in dieser sündhaften Stadt ganz sicher in Schwierigkeiten gebracht.“

Beckys Lachen klang gequält. „Alles, worauf ich mich konzentriere, ist mein Job.“

„Aber das weiß ich doch, Becky. Und irgendwann wird eine so fleißige und gutaussehende Frau wie Sie als Belohnung einen Ehemann finden. Dann werden Sie ihm wunderbare Kinder schenken und viel zu beschäftigt sein, um weitere brillante Werbekampagnen für mich zu entwickeln. So ist der Lauf der Welt. Nicht wahr, Mark?“

Mark war sprachlos. Es gab tatsächlich noch Männer, die so mit einer Frau redeten? In der Öffentlichkeit? Es war ein Wunder, dass man David noch nicht wegen Diskriminierung verklagt hatte. Der Empörung in Beckys Augen nach zu urteilen wurde sie hier nicht zum ersten Mal mit Davids vorsintflutlichen Lebensweisheiten konfrontiert.

„Ich bezweifle, dass dieser Weg vorgegeben ist, David. Viele Frauen bringen Familie und Karriere unter einen Hu…“

David unterbrach ihn. „Ich weiß, ich weiß. Doch derartiges Gerede ist nur heiße Luft!“

Becky rang nach Atem und war gerade im Begriff, etwas zu sagen, als David auch ihr ins Wort fiel: „Genug von diesem Geschwätz! Reden wir nun über unser Projekt. Mark, Becky – Sie beide sind die hellsten Köpfe, die mir unsere Branche zu bieten hat. Ich beabsichtige, mir Ihre überdurchschnittliche Kreativität zunutze zu machen. Wir haben den Auftrag, eine Kampagne für Eden zu entwickeln. Sie beide wissen, von welcher Firma ich spreche?“

Becky nickte. „Sie sind die Nummer eins in Sachen Milchprodukte!“

„Ganz genau“, fuhr David fort. „Eden bringt eine neue Linie von fettarmen Joghurts heraus – genau das, was selbstbewusste, trendige Frauen ansprechen sollte. Unsere Aufgabe ist es, die Zielgruppe von diesem Produkt zu überzeugen. Und da der Werbeetat unseres Neukunden einer viertel Milliarde Dollar pro Kampagne entspricht, sollten wir Nägel mit Köpfen machen, um uns jede Menge Folgeaufträge zu sichern.“

Becky sprang von ihrem Stuhl auf. „Ich würde alles tun, um diese Firma als Dauerkunden zu behalten“, rief sie beeindruckt.

„Das verlange ich auch von Ihnen. Und ebenso von Ihnen, Mark. Ich möchte, dass Sie beide so richtig zur Sache gehen! Glauben Sie, dass Sie das schaffen?“

„Davon bin ich überzeugt“, antwortete Mark mit etwas zu heiserer Stimme.

Gott sei Dank schien David es nicht zu bemerken. „Das ist die richtige Einstellung!“, erklärte er mit einem gönnerhaften Lächeln. „Die Manager von Eden haben mir explizit gesagt, dass sie neue Ideen wollen. Etwas, das dem Geist junger und origineller Mitarbeiter entspringt. Was bedeutet, dass Sie beide vor der Chance Ihres Lebens stehen.“

David erhob sich von seinem Stuhl und begann, seinen roten Teppich auf und ab zu schreiten. „Es wird also folgendermaßen ablaufen: Wir werden unsere Kreativabteilung in zwei Teams gruppieren. Becky – Sie werden eines davon leiten. Mark das andere.

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