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Ein Los fürs Leben

Das große Los des Lebens fällt nur denen zu,
die es auf gut Glück kaufen.

Fernando Pessoa:

Das Buch der Unruhe des
Hilfsbuchhalters
Bernardo Soares

BERLIN

Es war ein höllisch heißer Sonntag im Mai. Berlin lag unter einer dunstigen Hitzeglocke. Über den spärlich befahrenen Straßen flirrte die Luft. Wer zu Fuß gehen musste, suchte noch das winzigste Fleckchen Schatten. Es war gegen Mittag. Durch die geöffneten Fenster klangen gedämpfte Geräusche von Gläsern und Besteck.

Martin und Franka waren auf den schattigen Nordbalkon geflüchtet. Sie klebten auf ihren Liegestühlen und lasen. Er arbeitete sich durch die Wochenendausgaben hiesiger Zeitungen. Franka hatte die Augen geschlossen, ihr Buch lag auf ihrem Bauch.

Wie durch Watte hörten sie dreimal dicht hintereinander ein dumpfes Knallen. Kurz danach folgten in größeren Abständen drei weitere Knalltöne.

„Fehlzündung!“, lautete der gemurmelte Kommentar an seiner Seite. Er brummte zustimmend. Kaum eine Minute später klingelte es an ihrer Wohnungstür.

Man brauchte ärztliche Hilfe.

Er sprang die zwei Treppen hinab und trat in den glühenden Sonnenschein.

~

Zwei, stellenweise drei Kreisringe aus hochsommerlich Gekleideten standen atemlos still. Martin schlüpfte durch eine spontan gebildete Lücke, und jemand murmelte: „Sie kommen zu spät.“ Im Zentrum befanden sich zwei Männer, von denen einer mit gesenktem Kopf dastand. Der andere lag auf dem Gehweg, lag auf dem Rücken, als wäre er ausgerutscht. Alle Kraft hatte ihn verlassen, und er starrte in den wolkenlosen Himmel. Sein heller, leichter Sommeranzug konnte nicht alles Blut aufsaugen, das aus seinem Körper floss. Neben ihm bildeten sich kleine dunkelrote Lachen auf dem Bürgersteig. Der Lauf einer Pistole, die im vertrockneten Gras lag, zeigte wegen einer leichten Bodenunebenheit auf den Bauch des Liegenden.

Der Ordnung halber beugte Martin sich zu ihm hinab und registrierte dabei 3 Einschusslöcher. Später zählte man sechs. Er beobachtete, wie der Tod Einzug hielt. Der gebräunte Teint verwandelte sich in gelbliche Blässe. Er schätzte ihn auf mehr oder weniger 60 Jahre. Trotz der Zerstörungswut, die durch ihn hindurch gefegt war, erkannte er eine gepflegte Erscheinung. Ebenso zeigte sein Mörder, der auf der anderen Seite der Leiche stand, ein kultiviertes Äußeres. Gleichfalls sorgfältig gekleidet, ebenso grauhaarig, aber im Gegensatz zu seinem korpulenten Opfer schlank und durchtrainiert.

In dieser bürgerlichen Gegend kannte man sich, wusste, wer die ruhigen Straßen bevölkerte. Sogar die Gesichter der meisten Gäste, die den gegenüberliegenden Landkrug besuchten, waren vertraut. Diese beiden gehörten nicht hierhin.

Die Zuschauer wirkten, als bewachten sie den Toten, die Waffe und die Lebendigen in ihrer Mitte. Ein derart schönschauerliches Ereignis störte die behäbige Sonntagsruhe, belebte Einfälle über Gewalt und Endlichkeit. Mit kritischen und abweisenden Mienen, in denen die Augen vor Neugier und Spannung blitzten, folgten sie jeder Bewegung. Der Täter bot mit gesenktem Kopf ein Bild tiefer Trauer. Vorsichtig setzte Martin seine Schritte, als er um die Leiche herum auf ihn zuging. Der hob den Kopf und sah ihn aus hellblauen Augen an. „Schwarz“, sagte Martin leise. „Arzt und Psychotherapeut.“ Und noch ein wenig leiser fragte er: „Sie haben geschossen?“ Mit einer geringen Verzögerung beugte der andere den Oberkörper leicht und nickte knapp.

Ein schwaches Raunen kommentierte diese Bewegung. Dann lauschten alle dem anschwellenden Ton der Martinshörner.

Als Polizei und Krankenwagen mit quietschenden Reifen anhielten, war das Blut des Toten stellenweise getrocknet.

Martins Bekanntschaft mit der Polizei beschränkte sich auf Kriminalfilme. Deshalb registrierte er erleichtert, dass sie sich nicht so pampig wie ihre Fernseh- und Filmdouble benahmen.

Als Zeuge kam Dr. Martin Schwarz nicht infrage, so wenig wie seine Frau, Franka Reich, die unbemerkt im Schatten der Haustür gestanden hatte. Schweigend kehrten sie auf ihren Balkon zurück.

~

Wortlos tranken sie Zitronenwasser. Er wischte sich die Schweißperlen mit einem Zipfel seines T-Shirts vom Gesicht. Frankas feuchte Haare kringelten sich an den Schläfen. „Zum Glück“, fand sie, „nicht an der Stirn wie bei einem Schaf.“

„Niemand hat ein Handyfoto gemacht, oder?“, staunte Franka.

„Der Beamte erkundigte sich, ob ich die kenne. Dabei habe ich so ein vages Gefühl, als wäre ich dem Opfer irgendwo begegnet.“ Martin rollte die Augen stirnwärts, als sähe er in sich nach, ehe er nachdenklich sagte: „Mindestens 3 Einschüsse direkt ins Herz. Als hätte seine Hand nicht gezittert.“

Franka fügte hinzu: „Anfangs kam mir der Typ bedrohlich vor. Ich befürchtete, gleich schnappt er sich die Knarre, um los zu ballern. Hast du das auch so gesehen?“

Martin legte zwei Finger an Mundwinkel und Kinn, beugte sich leicht vor: „Er wirkte nicht wie ein Amokläufer. Der hatte seine Aufgabe erledigt. Ein ehrenhafter Mensch, er sah doch seriös aus, hat sich diesen Mord abverlangt.“

„Du hattest keine Angst vor ihm?“ Franka stülpte skeptisch die Lippen vor, auf Martins Reaktion achtend.

„Höchstens vor der Möglichkeit, bei einem Schussverletzten erste Hilfe leisten zu müssen. Es ist ewig her, seit ich einen Notfall versorgt habe.“

Franka sprang auf, stellte sich breitbeinig vor ihn und ließ die Muskelmäuse springen. „So einer, der aussieht, als könnte er unser Vater sein, mäht einen um, der eher sein Partner oder sogar Freund sein könnte.“

„An welchen Krimi denkst du?“, erkundigte sich Martin, ließ sich rückwärts in den Liegestuhl plumpsen und ergänzte blasiert: „Die Theorie kennen wir: ‚Auch in dir steckt ein Mörder.‘ Oder: ‚Jeder Mord ist eine exklusive Angelegenheit.‘ Oder: ‚Wenn eine Waffe auf dem Tisch liegt, muss sie abgefeuert werden.‘ Letzteres lässt sich nur mit Phantasie verstehen.“

„Martin!“, sie stemmt ihre Arme in die Seiten. Es war zu heiß für Martin, um sie an sich zu ziehen.

„Das war eine geplante Hinrichtung! Hast du noch nie mit Verbrechern zu tun gehabt?“ Sie riss fragend die Augen auf.

Darüber, Erlebnisse aus seiner Klinikzeit, wollte er schweigen. Wie ihn die durchtrainierte Unverschämtheit der wenigen Gewaltverbrecher, die er gesehen hatte, erstaunt und getroffen hatte. Sie wollten irgendetwas haben, was ihnen schon immer zugestanden hat. An Stelle einer Bitte forderten sie variantenreich. Es war ihm schwergefallen zu verstehen, was sie inszenierten. Sicher war, sie wollten ihn und die Situation kontrollieren. Sie wollten ihn demütigen, belügen, dumm aussehen lassen. Er hatte sich auf große Distanz gebracht. Und er hatte versucht, seine behandelnden Kollegen aus der Inneren Medizin oder Chirurgie zu informieren, damit sie sich nicht manipulieren ließen.

Zum Glück verschwanden sie schnell wieder hinter Gittern. Keinen hätte er zum Patienten haben wollen.

Ganz anders dieser Kranich mit dieser Aura von Trauer.

Martin nickte: „Gesehen habe ich die beiden in unserer Gegend vorher nie.“

Franka machte ein arrogantes Gesicht und näselte: „Niemals ist so einer hier zuhause, wir sind sooo gediegen, sooo wohlerzogen. In unseren Reihen kann es vielleicht mal bei der Steuerabgabe saisonale Dyskalkulie geben. Wie sonst überleben, mein Lieber?“ Sie küsste seinen feuchten Nacken. „Irgendjemand hat gesagt, der Täter war ewig im Ausland und ist erst vor Kurzem zurückgekommen.“

Eine halbe Stunde lang lagen sie noch in den ausgeleierten Liegestühlen, sahen in die dunkelgrüne Kastanie.

Franka, gesegnet und geplagt mit einem fotografischen Gedächtnis, schloss die Augen, um zu betrachten, was sie sich gemerkt hatte. Als sie aus dem Haus traten, hatten Frau und Herr Memel aus der 1. Etage Martin Platz gemacht. Dann hatte sich der Kreis aus 16 Personen, 10 Männern und 6 Frauen, geschlossen. In der zweiten Reihe standen Uli und Peter, die Inhaber ihres Stammlokals auf der gegenüberliegenden Seite.

Nur die alte Dame mit dem ostpreußischen Akzent, mit der sie gelegentlich beim Bäcker anstand, war wie die beiden Toten sorgfältig gekleidet. Sie trug ein blaugraues Kostüm, alle anderen hatten der sommerlichen Hitze nachgegeben und kurze Hosen, leichte Shirts und dünne Kleidchen angezogen. Der weißhaarige Mörder, braune Haut wie zartes Leder, trug den goldenen Ehering an der Linken hatte Franka mit überscharfen Augen entdeckt. Das altrosa Hemd, die Ärmel hochgekrempelt, kleidete ihn, dazu anthrazitfarbene Jeans und blitzblanke schwarze Schnürschuhe. Feingemacht zum Töten. Den Blick hatte er bis auf den Moment, als Martin zu ihm trat, gesenkt.

Der Tote lag auf dem Rücken, sein rechter Arm zeigte auf den Mörder, der linke war, vielleicht auf dem Weg zum Herzen, auf den Oberschenkel gefallen. Leicht gebräunte Haut mit dem Label von Wohlstand. Sein verletzter Kopf floss wie sein Bauch in die Breite. Trotz des Blutes um ihn, dekorativ fast, zählte Franka 5 Einschüsse, aber sie war unsicher, nie zuvor hatte sie Schussverletzungen gesehen. Aus seinem Gesicht ließ sich nicht ablesen, was er in den letzten Sekunden seines Lebens empfunden hatte. Dass er einfach niedergemäht, zerstört und vernichtet worden war, empörte sie. Welche Anmaßung, sich derart über einen anderen Menschen zu stellen, die Todesstrafe für irgendetwas, was dem Täter nicht passte! Die Begründung interessierte sie nicht, es gab dafür keine. Vielmehr dachte sie an das vernichtete Leben, an die Familie und die Freunde.

Was ihr gefiel war, dass tatsächlich niemand auf die Idee gekommen war, Handyfotos zu machen. Das hätte sie nicht geduldet. Niemand hatte gesprochen, alle warteten still Blicke wechselnd, schwer oder schnell atmend, und Martin an der Seite dieses Gangsters, das störte sie bei ihrer nachträglichen Betrachtung. Er hätte doch gehen können, nachdem seine Hilfe nicht mehr gebraucht wurde. Es waren genug andere da, um den Schützen am Davonlaufen zu hindern.

Franka musste am nächsten Morgen ein Flugzeug voller Urlauber von Frankfurt nach Mumbai steuern. Deshalb lag ihr an einem frühen Abendessen, garniert mit Gesprächen über die Neuigkeiten, über das Thema des Tages. Beides gab es im Landkrug, wenige Schritte vom Tatort entfernt.

~

Im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts wurden die Häuser der Landhausstraße im Gartenterrassenstil gebaut. Die Straße wurde wegen des geringen Verkehrs schmal angelegt mit breiten Gehwegen und großzügigen Vorgärten. Bald danach eröffnete der „Landkrug“. Der Krieg hatte nur wenige Lücken geschlagen, die unvollkommen geschlossen wurden. Im Wesentlichen blieb der englische Landhausstil des Viertels erhalten. Eine dörfliche Atmosphäre hing in den ruhigen Stunden der Wochenenden und nach Geschäftsschluss über dieser Gegend. Deren Beliebtheit stieg nach dem Mauerfall. Die Hausbesitzer sanierten seither um die Wette und vermieteten zu horrenden Preisen.

Franka und Martin hatten die Wohnung von Frankas Eltern übernommen. Auf diese Weise war sie zwar teuer aber für sie bezahlbar geblieben. Die Erben des damaligen Besitzers, dem die Beziehung zu seinen Bewohnern noch wichtiger als die zu seinem Konto gewesen war, ärgerten sich, sobald sie ihren alteingesessenen Mieter begegneten.

Martin konnte aus den Fenstern seiner Praxis auf den „Landkrug“ sehen, wo an heiteren Tagen bereits mittags der Betrieb auf Hochtouren lief. Am Feierabend gab es zur Sommerzeit, auf der ebenerdigen Terrasse vor dem Restaurant, selten einen freien Platz.

Franka und Martin schafften es schnell in die Hierarchie der Stammgäste. Zum Ausklang des Tages ein einfaches Essen, danach einen Spaziergang durch die nahen Schrebergärten, waren ein gerne gepflegtes Ritual.

Die beiden Chefs, aufmerksame Abkömmlinge der 68er Jahre, hatten das Lokal saniert und aus einer Studentenkneipe ein bürgerliches Restaurant gemacht. Sie teilten sich die Aufgaben. Peter, ein unvollendeter Geisteswissenschaftler, schätzte ein gutes Gespräch, blieb gerne im Verborgenen. Über Uli waren verschiedene Gerüchte im Umlauf. Peter hätte ihn aus Bhagwans Schlund oder dem der Drogen oder des Alkohols gerettet. Das netteste schilderte, wie es ihm, dem Taxifahrer, gelungen war, mit seinem Freund, dem Langzeitstudenten, das mittelprächtige Lokal zu vergolden.

Franka hatte gehofft, Uli hätte frei. Sie sahen ihn, als er aus den dunklen Innenräumen heraus eilte. Kernig, fesch mit weißer Schürze, steuerte er auf sie zu. „Mit euch habe ich nicht mehr gerechnet“, nölte er bräsig. „Wir haben uns schon bis auf den Gehweg ausgebreitet. Der nächste freie Platz ist eurer.“

Es entging ihr nicht, wie intensiv seine Blicke sie betasteten. „Darfst du bald wieder nette Herren bedienen, Franka?“ Trotz seiner vielfältigen Fähigkeiten tat er so, als könne er sich nicht merken, dass sie Pilotin war.

„Was wissen wir denn inzwischen über unseren Krimi?“, lenkte sie ab.

Martin schwieg, zufrieden nach dem unkomplizierten Sex im kühlen Badezimmer. Nicht unter der Dusche, Klischee einfallsloser Filme oder vielleicht neugierige Versuche verträumter Jugendlicher.

„Da drüben ist Horst“, wies Uli in die Menge. „Der hat im Internet alles gefunden“ Er rief: „Hallo Horst, bring doch unser Prinzenpaar auf den Stand.“

Horst, ein leicht fettiger T-Shirt-Typ, winkte lahm. „Ihr habt doch bestimmt ooch Internet“, antwortete er über die Köpfe der anderen hinweg.

„Schon gut, wir warten nur auf einen Platz“, wehrte Martin ab. Ein Pärchen rückte zusammen. „Bringen Sie Stühle mit, hier ist noch Platz für zwei! Wir sind doch Nachbarn, oder irre ich?“, fragte der Mann. Er trug einen luftigen Sommerhut und kam Martin entfernt bekannt vor.

Beide hatten sie diese freundlichen, aufgeräumten Gesichter von Menschen, die das Glück gehabt hatten, die ersten 30 Jahre ihres Daseins ohne schwerwiegenden Kummer zu durchleben.

Franka knüpfte gleich die Verbindung zum Drama. „Hier auf der Terrasse sitzen wir alle so, scheint mir jedenfalls, als wollten wir den Tatort im Blick haben“, startete sie. Sie stellten sich vor, und die beiden berichteten ihnen, was sie bisher erfahren hatten:

Irgendjemand kannte die Namen der Kontrahenten, ein anderer war sogar Student bei dem Täter gewesen, einem Physikprofessor an der TU. Dann surften ein paar Leute im Internet, bis alles eindeutig schien.

Der Tote war der Herzchirurg Türmer, wie sein Todfeind Kranich um die 60 Jahre alt. Beide hatten Familien, aber Kranich war emeritiert und dann irgendwohin verschwunden, ins Ausland wahrscheinlich. Sie hatten beide hübsche Frauen. Und der Jaguar, der hellblaue, gehörte dem Türmer. Der besaß einen guten Namen in seiner Klinik.

„Wir wohnen um die Ecke und haben sogar die Schüsse gehört“, erklärten die freundlichen Nachbarn. „Sicherheitshalber sind wir im Haus geblieben, bis die Polizei kam. Sechs Schüsse hat der abgegeben. Er soll ihm aufgelauert haben, als er parkte, um einen Freund zu besuchen.“

„Und steht so, dass er andere behindert“, mischte sich ein Gast vom Nebentisch ein. „Der wusste ja nich, dass er nich mehr wegfahren wird.“, übernahm der Nächste die Stafette. Mit dem Zusatz: „So sind die eben, kennen keine Grenzen.“, ebbte die kleine Unmutswoge ab.

„Es wird interessant sein, zu erfahren, was zwischen den beiden war“, stocherte Franka.

„Vielleicht hat der Türmer dem anderen die Frau weggenommen. So was steckt doch oft dahinter“, schlug der Nachbar vor.

„Klar“, griente Franka, „der nimmt sie sich wie ein lebloses Stück Holz, und der andere wird sauer.“ Sie lachten ein wenig gequält. Martin hatte Spaß an Frankas unverhohlenem Ärger über diese abgewetzten Mythen über den Besitz von Frauen. Sie bestellten Wasser und entschieden sich für erfrischende Salate.

Dann kreiste ihre Unterhaltung um eingetrocknete Blutflecke, die Todesstrafe in den USA und kehrte zurück zu dem Anlass, den so einer zu so einer Tat haben müsste.

Ehe der Abend vorüber war, legten sie leicht die Arme um ihre Taillen und wateten durch die brühwarme Luft zur anderen Straßenseite. Martin konnte es nicht lassen, für einen Moment den Bürgersteig nach Zeichen abzusuchen. „Es war eine Hinrichtung!“, empörte sich Franka.

„Und dazu soll er extra aus dem Ausland hergekommen sein?“, überlegte Martin.

~

In den Locken auf dem Sofakissen blitzten vereinzelt silbrige Lichter. Angespannte Muskelfasern formten ein leichtes Hohlkreuz. Die Füße lagen eng aneinander. Auf dem Bauch knibbelten Finger ruhelos. „Mach es dir nicht so schwer!“, feuerte Martin ihn innerlich an. „Wir wissen beide, was geschehen ist.“

Zehn Minuten Schweigen signalisierten meist Scham bei Herrn Paulsen. Möglicherweise kämpfte er gegen die Versuchung, sich ein zweites Mal an seinen Gemeinheiten zu weiden, während er sie Martin genüsslich erzählte. Selten war es ihm gelungen, selbstkritisch zu berichten.

Paulsen musste, wollte er einen Blick auf Martin werfen, seinen Kopf nur leicht nach rechts drehen.

Traditionell am Kopfende zu sitzen, lehnte Martin ab. Manche Menschen fühlten sich dadurch verfolgt, gedemütigt oder terrorisiert. Es war ihm gleichgültig, was Freud dazu gesagt hätte. Vermutlich wäre er einverstanden gewesen. Er selbst hatte einen lockeren Umgang mit seinen Patienten gepflegt.

Martin atmete hörbar durch, und Paulsens Füße bildeten ein leichtes V. „Sie sind doch schon ganz geil darauf, davon zu hören!“, unterstellte er mit aufgesetzter Heiterkeit.

Das war der vertraute Ton, es gab nichts dazu zu sagen.

„Genau diese Schuhe sollte sie für mich tragen. Diese unglaublichen steilen Dinger haben bestimmt was gekostet.“ Jetzt bremste er ab, unterbrach sich. Er verzichtete darauf, lustvoll jedem Detail des Dramas nachzuschmecken. Die Wut, die in seiner Stimme vibrierte, ließ Martin gespannter zuhören. Gab er seiner Freundin die Schuld, dass ihre Schuhe zerrissen waren, sie geweint hatte? Martin fragte nicht nach. Unterließ es, sich darüber zu informieren, ob sie schon ausgezogen war oder damit drohte, sondern forschte stattdessen: „Was hat Sie bedrückt?“

Einen kleinen Nachschlag gönnte sich Herr Paulsen: „Schon im Büro habe ich diese Vorzimmerschickse von meinem Chef schikaniert. Die biedert sich an wie ne Nutte.“

Angegriffen, Herr Paulsen fühlte sich angegriffen, stellte Martin fest und sorgte für ein wenig Balance: „Wie fühlt es sich an, wenn Sie mir ihre Macht vorführen?“

„Sie bewundern mich doch sowieso nicht. Steht nicht im Konzept.“

Paulsen lächelte. Richtig, dachte Martin: „Trotzdem verlockt es Sie, mich damit zu unterhalten?“

Paulsens Lächeln wurde breiter: „Wenn ich mir vorstelle, wie es war, dann alles erzähle, müssen Sie zuhören.“

Martin unterstrich seine Feststellung: „Alles muss ich mir anhören!“

Paulsen stimmte ein: „Den ganzen Scheiß!“, und legte eine kleine Pause ein, ehe er anfügte: „Aber heute nicht.“ Dabei linste er vorsichtig zu Martin, der den Kopf leicht schüttelte und ihm zustimmte: „Nein, gerade eben nicht.“

Seine berlinernde Stimme klang weniger grell. Sein Sprechen im demonstrativen Berliner Dialekt hatte er längst aufgegeben.

Nachdenklich betrachtete er seine Finger, schlug die Beine übereinander und erzählte: „Es war wie auf der Bühne. Der Chef kommt: ‚Ach!‘, sagt er. ‚Hätten Sie nicht Lust, mit in unsere Tennisgruppe zu kommen?‘ Wozu, frage ich mich? Damit er mir vorführen kann, wie toll er Tennis spielt? Ich kann kaum einen Schläger richtig halten. Bei uns hat niemand Tennis gespielt. Soll ich jetzt einen Tenniskurs machen? Der hat immer wieder was auf Lager, womit er mir zeigen kann, was er so draufhat. Was passiert als Nächstes?“ Mit einem angedeuteten Lächeln, die Augen für eine halbe Sekunde auf Martin gerichtet, der in der gleichen Zeit vom Schreibblock auf ihn sah, fragte er: „Spielen Sie Tennis?“

Wie empfindlich er auf die Reaktionen seiner Kollegenwelt reagierte, wusste Paulsen. Über sein Vergnügen, selbst herab zu setzen, dachte er ungern nach.

Vorläufig blieb es beim momentanen Erkenntnisschritt, der keiner Deutung bedurfte. Paulsen, erfolgreich und tüchtig, ahnte längst, worauf es ankam.

An guten Tagen konnte er erinnern, wie es war, als er als ohnmächtiger Prinz seiner Eltern nichts vermochte. Wie ihn die unvorhersehbare Gewalt des Vaters gegen die Mutter und deren aggressive Demut gelähmt hatten. Wie er, als das einzig Gute, das seine Eltern teilten, von den Wogen ihrer Überverwöhnung und Überhöhung durch seine frühen Jahre geschleudert wurde. Damals hörten sie nur auf seine Stimme.

Nach jeder Sitzung öffnete Martin ein Fenster seines Behandlungsraumes und sah kurz auf die Landhausstraße. Dieses Mal suchte er sekundenlang nach Spuren der Begebenheit vom Wochenende. Ärgerlich über sich selbst riss er sich los. Sein plump schnappender Voyeurismus war ihm peinlich, fremd. Als Arztsohn, dessen Vater nur das Thema Medizin kannte, wusste er, wie gerne er in die Leben der Patienten blickte. Lange vor seiner Lehranalyse fühlte er, wie neugierig er auf die Wahrheit hinter der Stirn der anderen war. Dieses vulgäre Empfinden war neu, unbekannt und ein wenig unangenehm.

Im angrenzenden Arbeitszimmer trank er Tee und notierte sich die Essenz der vergangenen Stunde.

Fünfzehn Minuten später würde er erfahren, ob Frau Möller weiter besser schlief und ein schlechtes Gewissen nach einem kleinen Vergnügen nährte oder etwa schon eine angenehmere Variante gefunden hatte.

Der letzte Vormittagspatient schloss die Türe hinter sich.

Die Tageszeitungen wandten sich bereits am zweiten Tag nach dem mörderischen Ereignis anderen Neuigkeiten zu. Sie waren ohnehin vorsichtig, weil sie ihre Interessen schützten. Zudem zählte nur das Allerneuste.

Im Web, in dem eher die Geschichte von Ereignissen nachvollziehbar war als Reflexion, gab es keine neuen Informationen über Mörder und Opfer.

Türmer hatte als Chirurg mit Transplantationsmedizin zu tun. Möglicherweise lag der Anlass für den Mord in diesem Bereich. Zudem gab es dort längst veraltete Bildchen der beiden Männer. Für ihre Lebenswelten interessierte sich der Boulevard noch nicht.

Martin wünschte erklärende und ergänzende Mosaiksteinchen zur Persönlichkeit des Physikers zu erfahren.

Wenn sie Kranich anklagen würden, gab es bestimmt Fundamentales über ihn zu lesen. Bis dahin würde viel Zeit vergehen.

~

Martins Praxisräume lagen nach Westen parallel zur Landkrug-Straße in der zweiten Etage. Sie bestanden aus zwei nebeneinander liegenden, durch eine Tür verbundene große Zimmer. Das Arbeitszimmer besaß einen Balkon und das größere Behandlungszimmer einen Kachelofen, der wie sein Bruder in der Wohnung nicht mehr benutzt wurde. Er war ein Hinweis auf das Alter des Hauses und eine Erinnerung daran, wie die Berliner sich noch vor 50 Jahren durch Auffüllen ihrer Kohlenkeller auf den Winter vorbereiteten.

Martin benötigte keine Sprechstundenhilfe und kein großes Wartezimmer, weil er nicht in seinem Fachgebiet als Arzt für Neurologie und Psychiatrie, sondern ausschließlich als Psychoanalytiker praktizierte. Schriftliche Arbeiten erledigte er auf dem Computer oder traditionell handschriftlich. Schrieb er größere Texte, gab er sie an einen Schreibdienst. Das kam in den letzten 2-3 Jahren jedoch selten vor, weil er immer weniger an Veranstaltungen seines Institutes, das ihn ausgebildet hatte, teilnahm. Ihn reizte es weder Vorträge über Altbekanntes zu hören noch ebensolche zu halten.

Über eine kleine Diele, die Platz für zwei gemütliche Sessel bot, gelangte er in den größten Raum der Wohnung, das Berliner Zimmer mit Stuck an der hohen Decke, großen Fenstern, durch die die riesige Kastanie, die den angrenzenden Balkon beschattete, sichtbar wurde. Hier stand ein heimeliger grüner Kachelofen mit Sitzbank. Richtung Osten führte ein langer Flur vorbei an Kleiderzimmer, großzügiger Küche mit Zugang zu Balkon sowie ehemaligem Dienstbotenaufgang und Badezimmer. Am Ende lagen zwei helle, strahlende Räume, einer war zum Schlafzimmer geworden und der größere mit einem kleinen Balkon war sowohl Frankas Arbeitszimmer als auch ihr gemeinsamer Fitnessraum. Hier stand Franka, bekleidet in federleichter Unterwäsche und packte Koffer. Martin stellte sich vor die Fenster und sah ihr schweigend zu.

Ernst blickten ihre klaren Augen ihn an. Nur bei ihr hatte er solche Augen gesehen. Umrandet von einem dunkelgrauen Ring, wurde die blaugraue Iris von einem inneren Licht bestrahlt. In ihrer Mitte sog die pulsierende Pupille die Welt ein.

Durch die Rauchschwaden der Kiffer, die auf Melanies Party herumgelungert hatten, hatte er ihren Blick das erste Mal aufgefangen. Seine Schwester hatte sie nicht vorgestellt, weil sie in Begleitung eines Gastes gekommen war.

Sie waren beide stocknüchtern bei diesem dionysischen Fest vor mehr als 10 Jahren und fehl am Platz gewesen. Sie war bereits als Copilotin im letzten Teil ihrer Ausbildung geflogen, und er hatte Bereitschaftsdienst gehabt. Seine konzentrierte Art, ihr zuzuhören, blieb ihr im Gedächtnis.

Sexuell versorgt waren sie nicht aufeinander gestürzt. Gelegentlich, wenn sie aneinander gedacht hatten, hatten sie telefoniert oder sich verabredet. Während eines Jahres hatten sich die Abstände zwischen ihren Gesprächen verkürzt. Zur Wertschätzung füreinander hatte sich sexuelle Anziehung addiert. Heiraten war ihnen konsequent erschienen.

Franka hatte ihren größten Koffer, den für die weiten Reisen, genommen. Barfüßig eilte sie hin und her.

Der Weg aus der Praxis in die Wohnung war zu kurz, als dass Martin aus der Rolle des Therapeuten in die des Partners schlüpfen konnte. Franka registrierte das abwesende Gesicht, die Augen auf die Innenwelt gerichtet. Sie kannte es und wartete wie stets, bis er in der Gegenwart angekommen war.

Sie sprachen beide wenig über ihre jeweilige Arbeit. Das hatte sich mit den Jahren so ergeben. Über Patienten redete er äußerst selten, und im Laufe der Jahre besprachen sie lediglich Besonderheiten. Franka hängte von Zeit zu Zeit einen Dienstplan auf, ein grobes Gerüst, das immer wieder verändert wurde. Fliegen bedeutete, zeitlich flexibel zu sein.

Martin trug ein zart blau gestreiftes Hemd, dessen Ärmel er ein wenig hochgekrempelt hatte. Sein braunes Haar lag ordentlich gescheitelt wie bereits beim Frühstück.

Verblüfft sah er, dass Franka zum Abschluss Badeanzug, Schwimmflossen und ihr Badehandtuch einpackte. Erst vor fünf Wochen hatte sie einen kurzen, privaten Abstecher in die Provence gemacht.

Sie fragten sich nicht gegenseitig aus. Martin übertrieb es nach Frankas Ansicht etwas mit seiner Verschwiegenheit.

„Von Mumbai nehme ich einen Freiflug nach Sri Lanka. Nach vier Tagen steuere ich die 333 wieder von Mumbai nach Frankfurt“, beantwortete sie seinen erstaunten Blick.

„Ist dort nicht Regenzeit?“, erkundigte er sich.

„Zu Beginn der Regenzeit ist es noch nicht so schlimm“, erklärte sie und verschwand ins Badezimmer.

Er war keiner dieser allzeit herumschwirrenden Jungs, die zum gegenseitigen Nutzen Frauen hinterherliefen, Ganesh, der Meisterkoch und Liebhaber. Er war ein singhalesischer Lehrer, der auf ihrem zweiten privaten Flug von Mumbai nach Sri Lanka neben ihr gesessen hatte. In seiner Freizeit fertigte er meist abstrakte Batikbilder. Im Bett war er frei von der zielgerichteten Ungeduld europäischer Männer. Seine konzentrierte Aufmerksamkeit galt allem, was er tat.

Mit einem Griff raffte Franka ihr schulterlanges Haar zu einem Pferdeschwanz und befestigte eine Zopfklammer. Sie tuschte für den Dienst nur ihre Wimpern.

Als sie aus dem Badezimmer zurückkehre, stand Martin unverändert vor den Fenstern. „Wirst du zu Mutters Geburtstag kommen?“, fragte er, als fände er bereits am nächsten Tag statt.

Sie zog die Augenbrauen hoch: „Planst du ihn jetzt schon?“ Sie wusste, er ging ungern allein zu seinen Eltern. „Vielleicht kann ich ihn bei der Dienstplanung berücksichtigen“, fügte sie hinzu, zog sich die Uniform an und schlüpfte in halbwegs bequeme Stöckelschuhe.

Er hob den Koffer vom Tisch. Ihre Lippen wischten sacht aneinander vorbei.

Schon lange blickte er nicht mehr auf die Straße, um zuzusehen, wie sie in ein Taxi stieg. Er glitt, während er sich ein Glas Wasser mit auf den Balkon nahm, in seine träumerische Innenwelt, die lange Gestalt auf seinen Liegestuhl im mittäglichen Schatten der uralten Kastanie gebettet.

~

Sobald Frau T. den Behandlungsraum betrat, wurde es heller und die Raumtemperatur stieg. Sie war fast so groß wie Martin und betrat stets mit lebhaften Bewegungen den Raum. Häufig gönnte sie Martin einige freundliche Worte, die so natürlich über ihre Lippen kamen, wie Äpfel von den Bäumen fallen, ehe sie der Couch zustrebte. Heute rief sie: „Ach, wie beneide ich sie um diese kühle Altbauwohnung.“ In manchen Stunden drückte ihr Körper eine robuste Präsenz aus, in anderen schien er fragil zu sein wie hauchdünnes Glas. Immer strahlten ihre glänzende Nasenspitze, ihre zarte Haut und die Puppenaugen vereinnahmende Lebendigkeit aus.

Sie stellte ihre flachen Schuhe ordentlich vor die Liege und bettete sich sorgfältig. Dann wischte sie etwas Unsichtbares von der Stirn und faltete die Hände unter den Kopf.

Martin wartete. Ihr Schweigen füllte den Raum. Sie kam nicht, um sich zu verstecken, sie war sich auf der Spur.

„Können gestutzte Flügel nachwachsen? Und wo stoße ich an, wenn ich meine Flügel ausbreite?“ Sie schwieg kurz: „Und dann nicht gefalle.“ Martin erwiderte stumm: „Mir würdest du schon gefallen.“ Dann überlegte er, ob Vogel eine Metapher für sie war. Eine vitale Frau, hinter deren Stirn mehr Verstand steckte, als er bei sich selbst vermutete. Sie kleidete sich bevorzugt in Tarnfarben: graugrün, grau und selten ein scheußliches hellbraun.

„Vogel?“, bemerkte Martin.

Das Wort schwebte lange in der Luft.

„Lieber Tiger!“, meinte sie vorsichtig und lachte dann laut. „Wirklich, ich möchte springen, jagen, kratzen und beißen. Meine wahre Natur ist nicht der Piepmatz. Aber sie werden mich töten. Jagen und töten, bestenfalls einsperren.“

Diese Befürchtungen verdankten sich dem Leiden des Bruders, dessen zahlreichen Bestrafungen dem sie als Jüngere zusehen mußte.

Sie hing noch eine Weile ihrer Fantasie nach, ehe sie fröhlich erzählte: „Stellen sie sich vor, mit schlappen 30 Jahren entdecke ich das Berliner Nachtleben! Hannes nahm mich mit, als ich ihn darum bat. Nicht nur der Club war interessant. Es war ein One-Night-Stand. Der Typ war sympathisch, potent, und ich war heilfroh, als ich allein abdampfen konnte. Ich hatte natürlich Angst. Angst, ich befinde mich auf dem Weg in den Abgrund. Bald werde ich arbeitslos, verhurt und versoffen in der Gosse landen. Dabei will ich Chefin in dem Laden werden.“

„Strafe muss sein: entweder Angst oder Verwahrlosung.“, bemerkte Martin.

„Angst, meine Eltern lassen mich im Stich wie Bruno, wenn sie davon erfahren. Mein Vater spricht von Weibern, und es verletzt mich. Weiber sind diese minderwertigen Menschen, ohne richtiges Benehmen, ohne vorzeigbaren Partner. Naja, also diese Tigerinnen, die man hört und sieht.“

„Und ihre Mutter?“, warf Martin ein.

Sie hob ihre glänzende Nase ein Stückchen höher und überlegte. Martin legte sein Klemmbrett zur Seite und dachte an die Beschreibung, die sie von ihrer Mutter gegeben hatte.

„Sie ist so fixiert auf ihre Schönheit, ihr goldenes Kalb. Von mir erwartet sie nur, freundlich zu sein, und im Hintergrund zu bleiben.“, warf sie die Worte in die Luft.

Diesen Ton hatte Martin noch nicht von ihr gehört. Verachtung, dachte er, das klingt wegwerfend, und fragte sie, ob das stimmen könnte.

„Wir uns gegenseitig, vermutlich. Ja, ich verachte sie! Sobald eine 3. Person anwesend ist, die sie bewundern könnte, kennt sie weder Freund noch Feind.“ Die liebenswürdige Frau T. explodierte, sie erlaubte es sich, sie sprang den Feind quasi als Tigerin an. Und Martin staunte, welche Kräfte an einen Strick aus Hass gebunden waren.

„Sie haben Recht! Ich verachte sie und mich, weil wir so sind, wie wir sind: Versessen darauf, anerkannt zu werden. Aber ich kann nicht aufhören, darauf zu hoffen, sie sieht mich eines Tages an und sagt: ‚Biggi, wie hübsch du bist. Sag´, was macht dein Job.‘“ Sie lachte, bis ihr die Tränen kamen. „Und was werde ich tun? Vermutlich muss ich dann unbedingt antworten: ‚Wieso hast du das nicht früher gesagt?‘“ Zur Bekräftigung klopfte sie mit beiden Händen auf die Couch.

Frau T. war viel zu fügsam, um nicht zu wissen, wann die Stunde zu Ende ging. Sie schwieg noch einen kurzen Augenblick, ehe sie nach ihren Schuhen angelte. Kaum stand sie, breitete sich wieder diese Aura von Heiterkeit aus. Sie wusste darum, empfand es als ihr unbeeinflussbares Naturell.

Martin öffnete das Fenster, obwohl es ihm sinnlos erschien. Die Hitze lähmte jede Luftbewegung.

Er setzte sich vor den PC, und seine Finger zogen energisch über die Tastatur, um für sich das Stundenprotokoll anzufertigen. Er schätzte diese persönlichen Reflexionen.

Noch ein weiterer Patient, und dieser Arbeitstag würde zu Ende sein.

Als er ein letztes Mal den Behandlungsraum lüftete, ließ er das Fenster offen, hörte das Murmeln vom gegenüberliegenden Landkrug, dessen Terrasse bereits am frühen Abend überfüllt war. Im Arbeitszimmer blinkte der Anrufbeantworter. Die zweite Nachricht kam von der Anwaltskanzlei von Borby, die Harald Kranich vertrat. Sie baten ihn um Rückruf.

~

Brüder von Borby nannte sich die Kanzlei, die auf Wunsch von Achim Kranich seinen Vater vertrat. Martin hatte nachgesehen, ob er die Kanzlei im Internet fand, ehe er dort anrief. Die Brüder Bernhard und Burger von Borby präsentierten sich herrschaftlich, sogar mit einem Wappen. Mit dieser Vorinformation rief er an. Der barsche Tonfall des Anwalts brachte Martin auf Abstand. Obwohl er beinahe vor Neugier zersprang, gab er sich zugeknöpft. Professionell milderte von Borby seinen forschen Ton und erklärte: „Herr Kranich ist auf Wunsch seines Sohnes Achim mein Mandant. Bisher schwieg er bei allen Gesprächsangeboten. Plötzlich ließ er mir sagen, er möchte mit Ihnen sprechen. Wären Sie dazu bereit?“

Trotz seines kaum verhohlenen Interesses zögerte er, ehe er sich mit dem Anwalt verabredete.

Bislang zählte nur die alltägliche, die verschleierte und heimtückische Gewalt zu seinen Erfahrungen in der Praxis, selten die offene und noch nie die unmittelbar mörderische.

Im frühsommerlichen Sonnenschein wartete Martin vor dem Gefängnis. Mit ihm starrten noch drei Frauen auf den gelblichroten Klinkerbau. Im Gegensatz zu ihm, kannten sie vermutlich die Häftlinge, die auf sie warteten. Einen von 1300 Straf- oder Untersuchungshäftlingen.

Sie würden nicht ins Gespräch kommen, um sich die Warterei zu verkürzen. Die eine, knapp bekleidet, schwang zum Klang aus ihren rosafarbenen Kopfhörern leicht auf hohen Absätzen hin und her. Die Augen der Frau im schwarzen Tschador blitzten ständig von einer zur anderen Seite. Die unauffällige Dritte sah mit verschlossener Miene auf das Gebäude.

Vor fast 150 Jahren hatte man es mit einer Verbindung zum Kriminalgericht in das arme Moabit gebaut. Heute werden hier alle Untersuchungshäftlinge Berlins eingesperrt. Das erspart der Justiz den Transport durch die überquellenden Straßen der Stadt und den Häftlingen Ausbruchspläne für die Fahrt zur Verhandlung.

Zu der Tschadorfrau gesellte sich ein Begleiter unter dessen kurzärmeligem Hemd sich propere Muskelpakete abzeichneten. Unverhohlen musterte er die Beschwingte.

Die Gruppe vergrößerte sich, gleich würde sich das Tor öffnen.

Falls von Borby nicht pünktlich kam, würde Martin ihm maximal zehn Minuten geben. Kaum hatte er sich das vorgenommen, eilte ein Mann herbei. Seine Bekleidung signalisierte, wer er war. Im anthrazitfarbenen Anzug steckten rund zwei Meter Mann. Dort, wo die Taille sein sollte, blähte sich das Jackett gewaltig. An den konischen Enden dieses Körpers saßen jeweils winzige Füße und ein kleiner ovaler Kopf mit üppigem, welligen, braunen Haar.

Intuitiv strebte er auf Martin zu und stellte sich zackig vor. Er, Bernhard, führte mit Burger die Kanzlei Brüder von Borby, B. von B.

Bereits beim Händeschütteln packt er aus: „Mich hat Kranichs Sohn hinzugezogen. Kranich will keine Verteidigung. Aus seiner Sicht ist alles klar. Weshalb er Sie sprechen will, hat er nicht verraten.“ Während sie eingelassen wurden, unterbrach er sich, um Beamte zu grüßen. Er schien allen vertraut.

„Übrigens der Sohn will keinen Kontakt zum Vater. Er wirft ihm Rücksichtslosigkeit vor. Er war mit seiner Mutter, ehe sie starb, bei Türmer. Immerhin scheinen sich beide Kranichs über Türmer einig zu sein. Sie bezeichnen ihn als Gangster.“

„Wie lange wird es bis zum Prozessbeginn dauern?“, unterbrach Martin von Borby.

„Das weiß der Himmel! Hier häufen sich die Akten.“

„Also hören Sie!“, setzte er seine Erläuterung fort. „Normalerweise ist die Besuchszeit auf 60 Minuten limitiert. Ich habe eine Sonderregelung für Sie bekommen, weil weder Vater noch Sohn sich zum Motiv der Tat äußern. Außerdem erhofft man sich, dass Sie ihn stabilisieren. Für die Beamten hier ist er nicht einschätzbar.“ Martins Ohr befand sich über Borbys Brustkasten und er lauschte seinen kurzen, fauchenden Atemzügen. Er fragte nicht, was er sich denn erhoffte. Seine Erfahrung sagte ihm, Wissenslücken füllten sich besser, wenn er den Gedankengang seines Gegenübers nicht mit Fragen störte.

„Sie bekommen einen gesonderten Raum. Ich begleite Sie dorthin. Ein Beamter wird Sie wieder herausführen. Darf ich Sie bitten, mich anschließend anzurufen?“

„Falls es die Schweigepflicht nicht tangiert“, wehrte Martin ab. Möglicherweise wirkte Borbys blaues Blut noch und verlangte nach Domestiken. Martin reichte ihm seine Visitenkarte. „Sie können mich zu den angegebenen Anrufzeiten immer erreichen.“ Vielleicht sah der Anwalt von seiner Höhe herab Martins kleines Lächeln.

Zu Kranichs Zelle kamen sie nicht. Sie wurden zu einem schmalen Raum gebracht, der wie eine leerstehende Einzelzelle aussah. Von Borby plumpste auf einen Stuhl.

„Waren Sie schon mal im Knast?“, griente er.

„Möchten Sie verraten, wie Sie Kranich einschätzen?“, überging Martin die Frage.

„Ob meine Einschätzungen für Sie relevant sind?“, konterte von Borby beleidigt.

„Müssen gute Anwälte nicht auch ein gutes psychologisches Gespür haben?“, schlug Martin eine andere Saite an.

Dieser Ton versöhnte von Borby. Er heftete seine hellen blaugrauen Augen an Martins Gesicht: „Kranich gehört zu den Einsamen. Er trifft alle Entscheidungen allein, diskutiert nicht über sich oder seine Beziehungen. Vermutlich ist er sehr zuverlässig.“ Von Borby stützte den Kopf in seine zarte, schmale Hand. „Diese Sorte schämt sich mehr als andere. Es wäre leicht, ihn zu verteidigen. Er würde sich nicht einmischen und hat vermutlich ein schwerwiegendes Motiv. Aus seiner Sicht schwerwiegend.“

Von Borby wirkte nachdenklich. Martin ahnte, welche Leute er meinte. Sie suchten keine therapeutische Hilfe, selbst wenn alle anderen Familienmitglieder therapiert wurden. Sie brachten sich um, soffen oder starben früh an einer zu spät diagnostizierten Krankheit.

„Haben sie öfter mit diesem Menschenschlag zu tun?“, erkundigte er sich vorsichtig.

Von Borby wirkte, als erinnerte er sich an jemanden. „Selten. Die sind eigentlich korrekt. Sie versuchen aber, alles nach ihren Vorstellungen zu lenken, auch ihre vermeintlichen Wohltaten drücken sie anderen auf.“ Er schwieg und betrachtete den fleckigen Fußboden. „Wenn es knallt, dann kapiert man oft nicht, wieso sie das nicht anders regeln konnten.“

Als Harald Kranich eintraf, verabschiedete sich von Borby sogleich, schließlich war er nicht für ihn, sondern für seinen Sohn tätig.

Sie reichten sich kurz die Hände und setzten sich an ein Resopaltischchen. Kranichs Ausstrahlung überraschte Martin. Er wirkte schmaler als bei ihrer ersten Begegnung, beinahe hager. Dennoch war er kräftig mit gebräuntem Teint und einem Hauch Rosa über Nase und Wangen. Obwohl er sich sehr gerade hielt, verströmte er unfassbare Trauer. Trauer in seinen großen hellgrauen Augen unter schweren Lidern. Trauer in der leichten Neigung seines Kopfes. Trauer in der bedächtigen Weise, mit der er seine kräftigen Hände auf dem Tisch faltete. Trauer in dem ruhigen Ton, mit dem er das Gespräch eröffnete und sich bei Martin bedankte.

Er senkte den Kopf ein wenig mehr, als er fortfuhr: „Es wurde extra viel Zeit für dieses Treffen bewilligt, weil man glaubt, ich suche Ihre therapeutische Hilfe. Mag sein, Ihr Beruf ist bei meinem Ansinnen nicht ohne Bedeutung, ausschlaggebend war er nicht.“ Sie sahen sich zwischen zwei Lidschlägen in die Augen. Martin wusste, er würde ihm nichts abschlagen, außer es ginge um einen weiteren Mord.

„Mein Sohn besucht mich nicht. Meine Briefe werden nicht beantwortet. Ich verstehe ihn, seine Empörung, seine Verbitterung. Seine Mutter und ich hatten uns getrennt. Ich hielt keinen regelmäßigen Kontakt zu ihr. Ich kenne nur das Ende des Dramas. Wie es dazu kam, weiß ich nicht. Um mehr zu erfahren und zu verstehen, brauche ich Sie. Wie erging es meiner Frau, was durchlitt sie und weshalb?“ Er unterbrach sich und sackte ein wenig zusammen, bis er nach einer kleinen Weile den Rücken streckte. „Erst dachte ich, mit Türmers Tod ist der Gerechtigkeit Genüge getan. Aber ich finde keine Ruhe. Was hat sich nur zugetragen? Weshalb fiel sie diesem Türmer in die Hände? Hätte es vielleicht einen Ausweg für sie gegeben? Einiges könnte ich aus ihrem Tagebuch erfahren. Es liegt bei ihr zuhause. Ich kann es nicht lesen. Ich würde sie sprechen hören, sie kehrte zurück, und ich könnte nicht antworten. Ich könnte ihr nichts mehr erklären, vielleicht möchte ich mich sogar verteidigen.“ Er sah Martin an. „Wenn sie es lesen, mir mit ihren Worten schildern, … erfahren, was sich wirklich zugetragen hat.“

Martin fielen Schlagzeilen ein: „Zu alt für ein Herz! Ehemann erschoss berühmten Herzchirurgen“, oder „Organ wurde verweigert, Ehemann erschoss Arzt“, oder „Kein Herz für Mama!“ und Ähnliches.

Martin waren organtransplantierte Menschen, vor allem herztransplantierte, nur begegnet, wenn ihre Seelen sich mit dem fremden Herzen nicht anfreunden konnten.

Kranich fuhr mit belegter Stimme fort: „Ich kam noch gerade rechtzeitig zur Beerdigung. Achim, mein Sohn, sagte, Türmer habe sie weggejagt. Man hatte sie zur Transplantation einbestellt und ohne jede Begründung weggeschickt. Er hatte seine Mutter begleitet, aber man hatte auch ihm jede Erklärung verweigert. Achim glaubt, ich hätte es verhindern können. Was hätte ich wie verhindern können?“

„Wäre ein Detektiv nicht angebrachter für diese Nachforschungen?“, warf Martin ein.

Kranich nickte: „Natürlich habe ich daran gedacht. Mich interessiert aber auch, wie sich meine Frau zu den Vorgängen gestellt hat. Nicht nur nüchterne Fakten.“ Er blickte sein Gegenüber offen an. „Hätten Sie mich nicht angesprochen, hätte ich vermutlich einen Detektiv gewählt. Jetzt vertraue ich Ihnen, obwohl ich Sie gar nicht kenne. Haben Sie Vorbehalte, brauchen Sie Bedenkzeit?“

Seine Fragen erschienen Martin rhetorisch. Wie viel von seiner unausgesprochenen Zustimmung hatte Kranich längst der Atmosphäre zwischen ihnen entnommen? Wie viel von seinem unklaren Gefühl der Verpflichtung und einer undeutlichen Verbindung bereits erspürt?

„Ich habe keinerlei Erfahrung in investigativer Forschung“, versuchte Martin der Realität Raum zu geben.

„Sie haben Erfahrungen im Erforschen oder? Erforscht ein Psychoanalytiker nicht, forscht ein guter Arzt nicht?“

„Die Modalitäten unterscheiden sich gewaltig, sowohl zwischen Arzt und Analytiker als auch zwischen unserer Situation hier und der in einer Praxis.“

Seine Einwände beachtete Kranich nicht.

„Ich veranlasse, dass sie alles Nötige bekommen.“

„Geben Sie mir noch die Anschrift ihres Sohnes!“, bat Martin.

Sie lächelten beide für einen kleinen Augenblick.

„Gilt die ärztliche Schweigepflicht, oder kann ich offen, zum Beispiel mit Ihrem Anwalt, sprechen? Von Borby will mehr über Sie wissen.“

„Reden Sie, mit wem Sie wollen“, antwortete Kranich fast ein wenig unwirsch. Er lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. „Wie wollen Sie bezahlt werden?“

Die Bezahlung und ihre Bedeutung, ein wissenschaftlich intensiv durchleuchteter Aspekt der therapeutischen Beziehung. Zu oft war sie nebensächlich für ihn. Darüber sollte er noch nachdenken. „Darf ich ihnen einen Vorschlag zuschicken?“

Kranich schüttelte den Kopf und einige graue Haare flogen federleicht auf.

„Ich meinte bar oder per Überweisung. Ich will Ihnen 200 € pro Stunde bezahlen, und wenn Sie sehr schnell, spätestens vor Ende dieses Jahres, abschließen können, und ich noch etwas übrig habe, bekommen Sie ein Extrahonorar.“

Obwohl er mit diesem Angebot einverstanden war, erbat Martin sich Bedenkzeit. Der zeitliche Rahmen von ca. fünf Monaten irritierte ihn. „Weshalb möchten Sie, dass ich noch vor Ende des Jahres fertig werde?“

Kranich fixierte einen Punkt hinter Martin: „Nehmen Sie an, ich möchte meinen Frieden machen.“

„In welcher Form möchten Sie meine Ergebnisse erfahren. Soll ich Ihnen alles aufschreiben oder lieber persönlich berichten?“, ließ Martin nicht locker.

Kranichs Erstarrung löste sich ein klein wenig. „Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht“, erklärte er. „Nein, lesen, nein, besser Sie erzählen mir, ich brauche ein Gegenüber. Ginge das?“

„Wenn von Borby das arrangieren kann.“, nickte Martin.

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Gedanken zu dem Mörder brachen unregelmäßig in Martins Alltag ein, ließen ihn in der Nacht nach seinem Gefängnisbesuch nicht schlafen.

Was hatte ihn an diesem Mann angerührt, als er ihn neben seinem Opfer stehen sah? Warum galt sein Mitgefühl nicht in gleicher Weise dem Opfer?

Selbstverständlich überließ er sich seinen Einfällen und Assoziationen, seinen Erinnerungen. Er staunte, als ihm einfiel, wie sich seine Familie über einen Täter empörte, der hinter Schloss und Riegel gehörte. Obwohl es ihnen dort noch immer viel zu gut ging. Und er hatte überlegt, was man wohl tun müsste, um dahin zu kommen. Er hatte es sich wie das Ferienlager vorgestellt, in dem er als 8-jähriger war. Endlich mit den Freunden zusammen und Ruhe vor den Eltern, vor Marianne und Melanie. Nur auf Melissa hätte er ungern verzichtet.

Er hatte Haralds Zelle nicht gesehen, vielleicht triumphierte sie gegen die Tristesse der Mauern. Martin kannte das von Patienten, die es schafften, in die pflegeleichte Grausamkeit der Krankenzimmer eine persönliche Atmosphäre zu schmuggeln.

Er bezweifelte, dass Kranich genug Kraft dazu besaß.

Er telefonierte mit einem ehemaligen Kollegen, der in der gleichen Klinik wie Türmer arbeitete. Der hatte sich an ihn erinnert und die Zeit, als er Praktikant dort war. Zum Glück wusste der Kollege nicht mehr genau, wer er war, wie sollte er auch nach so langer Zeit, er tat nur so. Martin erklärte, der Täter hätte mit ihm, dem Psychoanalytiker, Kontakt aufgenommen. Dann ließ der Kollege, aber nicht für andere Ohren bestimmt, seine Ansichten über den schwierigen, egomanischen Türmer vom Stapel. Unfreundlich, unkollegial und unbeliebt. Kein Wunder, dass …, naja, wem wünscht man das. „Sein Nachfolger ist nicht ganz so narzisstisch, sagt man doch so, oder?“

Das hatte sicher nichts mit dem Mordmotiv zu tun.

Martin probierte all die hydraulischen Methoden, um aus seiner Seele Motive für sein Interesse an Kranich zu heben. Er selbst spürte keine Sehnsucht, jemanden um sein Leben zu bringen, sich einer Vaterfigur zu zuwenden, die nicht so massiv auftrat wie sein eigener Vater. Das erleichternde Gefühl des Verstehens stellte sich nicht ein. Eher füllte er das Vakuum vorläufig mit der Empfindung des Mitgefühls, ohne zu wissen, was er wirklich mit Kranich teilte.

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Franka schnaufte und zählte. Ein ausgetüfteltes Trainingsprogramm sollte sie für die Rückenbelastung durch dauerndes Sitzen stärken und schützen vor Hilfsangeboten, eingepackt in schmähende Sprüche über einen Wechsel zum Bodenpersonal, oder vor der mitfühlenden Frage, ob ihr Mann nicht genug verdiene, und Schlimmerem. Sie trainierte konsequent jeden zweiten Tag, die Krönung waren Liegestütze.

„Wie viele sollen es heute werden?“, fragte Martin.

Franka stöhnte: „55!“, und zählte laut weiter.

Sie wollte 100 schaffen, und Martin fand diesen Ehrgeiz komisch.

„Ich habe dich nicht kommen hören.“ Er setzte sich neben sie und küsste sie. „Hast du was mitgebracht?“, er griff nach ihrem Nacken und fragte: „Und wie war es in Sri Lanka?“

„Wenn er bloß jetzt nicht vögeln will.“, dachte Franka und antwortete: „1.Garnelen und Salat, und 2. herrlich!“

Einmal hatte sie ihn gefragt, ob Psychoanalytiker von Tricks wussten, wie sie Frauen verführen können.

Es gelang ihm auch dieses Mal. Obwohl sie die Empfindung hatte, er wollte ihr beweisen, dass er besser als ihr Liebhaber war.

Sie würden nicht darüber reden, so hielten sie es immer, ohne Verabredung oder gar Gespräch darüber.

Als sie gegessen hatten und in ihren Bademänteln faul auf dem Balkon saßen, verriet er mit einem angedeuteten Lächeln: „Ich habe Herrn Kranich, den Mörder, im Knast kennengelernt.“

„Aha, den Herrn Mörder“, dachte Franka, hörte ihm aufmerksam zu, ehe sie unwirsch fragte: „Du willst das wirklich machen?“

Martin beugte sich vor, sah ihr in die Augen, und griff nach seinem Weinglas: „Vielleicht will er verstehen, was ihn getrieben hat.“

„Zu spät!“ Frankas Lippen wurden schmaler: „Mich würde interessieren, warum er nicht bei ihr war. Weshalb war sie denn allein?“

„Sie hatten sich eben getrennt. Ist das jetzt noch wichtig?“

Franka überlief ein kleiner Schauer, als sie Martin versonnen mit schief gelegtem Kopf in den Wein stieren sah, und sie fragte: „Eben getrennt? Das kann eben mal passieren? Meinst du das im Ernst?“

Seine Gesichtsfarbe belebte sich: „Weshalb vertiefst du dich in Begrifflichkeiten?“

„Du meinst, man trennt sich so eben mal?“, fragte sie mit einem leisen Hohn und schlug sich mit beiden Händen auf die Knie.

Martin hielt sich das Weinglas vor das rechte Auge, richtete sich auf und antwortete ernst: „Sollten wir uns trennen, dann nicht mal so eben, auch nicht in gegenseitigem Einvernehmen. Erst wenn das Mobiliar zertrümmert, das Geschirr aus dem Fenster geflogen und du geflohen bist, werde ich …“

Franka ließ ihn nicht ausreden, sie stand auf und stupste ihn an: „Lass uns spazieren gehen!“

Vorher rief noch ihre Mutter an, und sie konnte sich nicht von ihr lösen. Martin fühlte wie immer diesen leisen, spitzen Neid darauf, wie gut sie sich mit beiden Eltern verstand. Dann schwang ihr zart orangenfarbenes Lieblingskleid um ihre nackten Beine, und er ging mit Jeans und weißem Polohemd neben ihr her, sehr schmal, fast mager, das glatte dunkelblonde Haar ordentlich gescheitelt und aus der Stirn gekämmt.

Ihr bevorzugter Trampelpfad führte durch die Kleingartenkolonie „Alt-Rheingau“ mit aufwendig gepflegten Parzellen voller Blumen und Duft.

Franka blieb stehen und beobachtete ihren Mann genau, als sie fragte: „Dieser Typ, dieser Kranich, der ist doch nicht dein Patient, richtig?“

Er schüttelte den Kopf, und eine braune Strähne legte sich über eine Augenbraue: „Bis jetzt noch nicht.“

Franka fixierte ihn aufmerksam: „Könnte er dich nicht in etwas hineinziehen, was du nicht richtig beurteilen kannst? Was für ein Mensch? Vorsätzlich, absichtlich knallt der einen anderen ab. Das ist ungeheuerlich. Und mit dem und vor allem für den willst du arbeiten? Warum nur, du hast doch mehr als genug Patienten.“

Martin schleuderte die Strähne mit einer heftigen Kopfbewegung aus der Stirn: „Keine Ahnung. Mich interessiert der Typ.“

Franka versuchte, ihren Ärger zurückzudrängen, und dachte: „Verdammt, das war wieder einmal so eine unsinnige Sache, wie sein Stundenabsagen, sein abruptes Unterwegssein, Gottweißwo, oder sein stummes Versinken in Gedanken, die er totschwieg. Er würde diesen Elenden im Gefängnis besuchen.“

Vorsichtig erkundigte sie sich: „Hast du nicht immer gesagt, du glaubst, niemand, der sonst unauffällig ist, nimmt plötzlich eine Knarre und schießt um sich?“ Sie atmete heftiger und ärgerte sich auch darüber. „Du sagst doch, dahinter steckt eine gewalttätige Haltung oder so ähnlich. So sind doch deine Patienten nicht. Mit solchen hast du keinerlei Erfahrung. So einer kann dich in Schwierigkeiten bringen. Es gibt doch Knastpsychologen für solche Leute.“

„Stimmt alles!“, er legte ihr den Arm um die Schulter. „Was befürchtest du denn nun genau?“

„Dass er dich in seinen Bann zieht, dass du Ärger mit deiner Zunft bekommst. Er hat schließlich einen Kollegen von dir abgemurkst.“ Sie überlegte und spähte in eine Parzelle mit duftendem Flieder: „Er will vielleicht, dass du ihm die Last der Verantwortung von den Schultern nimmst. Mann, ich stelle mir vor, so einer kommt ins Cockpit und bedroht uns. Ist doch schon vorgekommen. Der soll sich von seinen Freunden oder Verwandten versorgen lassen.“

„Franka!“, Martin dehnte das a zu lang, als dass sie sich nicht lächerlich gemacht fühlte. „Zu der Sorte gehört er wahrscheinlich nicht. Außerdem habe ich zugesagt. Deswegen wird der noch lange nicht mein Freund.“

„Wärst du so bereitwillig zu einem Opfer gegangen?“, rief sie beinahe.

„Opfer bevölkern meine Praxis, Opfer sind wir alle mehr oder weniger. So richtige, wahrhaftige Täter sind rar.“

Franka blies verächtlich in die Luft, und Martin lachte: „Naja, oder so.“

„Wie sieht dein Dienstplan aus?“, lenkte er ab.

„Bereitschaftsdienst bis morgen und dann noch 1 ½ Tage frei,“ murmelte sie verstimmt und murrte: „Wie kann man bloß so eine Menge Hortensien pflanzen, eine grässlicher als die andere?“

~

Wie sie in den Atelierturm an der Spree gekommen war, hat Martin nie gefragt. Edle Ateliers gehörten zu den Raritäten im von Künstlern überfluteten Berlin. Vermutlich ebenso wie sie an ihn gekommen war. Ein Freund, Kunstsammler, sein Ohr immer am Tratsch über die Kunstszene, schleppte ihn mit auf eine Vernissage.

Sie erinnerte ihn an Berichte über Groupies, die im Kielwasser erfolgreicher Künstler in eine ungesicherte Zukunft schwammen. Aber Petra war selbst Künstlerin, Malerin, und wie die meisten Künstler erfolglos oder besser gesagt, sie verkaufte nicht.

Sehr blondiert, sehr dünn und sehr körperbetont gekleidet hatte sie an eine Wand angelehnt mit wässrig blauen Augen die Besucher inspiziert. Inzwischen hatte er sich daran gewöhnt, wie sie ihm das Becken entgegenkippte und den Kopf schief legte.

Sie öffnete im beklecksten Malkittel die Tür und kehrte ihm den Rücken zu, um weiter zu arbeiten.

„Jetzt weiß ich genau, was ich machen werde. Das wird der Hammer.“

Martin übersetzte, damit werde ich endlich verkaufen. Es würde nicht klappen. Er würde ihr auch nichts abkaufen.

Er angelte sich einen Farbeimer als Sitzgelegenheit und betrachtete das energielose Wesen in pastellblau und hellgrün auf der Leinwand, eine Frau wie aus der Werbung.

„Hast du daran nicht schon neulich gearbeitet?“, erkundigte er sich.

Sobald sie sich nicht richtig wahrgenommen fühlte, explodierte sie, so wie jetzt. Es hatte keinen Sinn, sie zu beschwichtigen. Ein schlechter Einstieg, Martin wartete ab, sah sie ruhig an und hörte ihrer Tirade über die Banausen, die keine Ahnung von Kunst hätten, zu.

Eigentlich wollte er sie nicht mehr besuchen, obwohl er sie mochte, aber ihrer Beziehung fehlte das berührende Gespräch.

„Hast du heute Unterricht?“, warf er in die anschließende Stille.

„Zum Glück nicht. Kein Malen nach Zahlen.“, lachte sie, ging zu ihm und stellte sich mit gespreizten Beinen über seine Knie. Er geriet unter ihren Malkittel und genoss sie wie eine Delikatesse. Auch ihr Angebot für einen Nachschlag probierte er. Als sie von der für die Modelle vorgesehenen Matratze stiegen, überfiel ihn die Fantasie, wie die gemalten Damen sich wie ihre Erfinderin gebärden und mit ihr einen lüsternen Harem bilden würden.

„Wann hast du wieder eine Ausstellung?“, fragte er.

Sich mit ihr zu zeigen, war die Währung, in der er bezahlen musste. Sie wollte sich mit ihm schmücken, einem attraktiven Mann, der einen bürgerlichen Beruf hatte, der in ihren Augen Geist verkörperte, mit dem sie sich veredeln konnte. Sie wollte nicht mit ihm zusammenleben. Sie hatte schon eine Reihe anderer Männer vor ihm weggeschickt, und das würde sie auch mit ihm machen. „Als ich bemerkt habe, dass alles, was der zu bieten hatte, nur Schau war, Angeberei, da habe ich ihn abserviert“, erklärte sie fast jedes Ende einer Beziehung. „Mit Männern hatte ich bisher kein Glück.“

Es beruhigte Martin, dass sie ihn nicht festhalten würde, aber es stimmte ihn melancholisch, wie sie sich als Dummchen verkaufte und sich zugleich ärgerte, wenn sie niemand ernst nahm.

Heute hatte sie Hunger auf ihn und thailändische Küche. Mit ein bisschen Achtsamkeit auf seine Wortwahl konnte er sich an Wochenenden ohne Franka mit ihr vergnügen.

Ihr Lieblingslokal lag wenige Schritte von ihrem Arbeitsplatz entfernt. Als das dampfende Essen auf dem Tisch stand, fragte sie ihn, ob in seinem Leben alles ok sei. Martin verbog die Wahrheit ein wenig, als er ihr seinen neuen Auftrag schilderte. Er wollte nicht, dass sie die Bedeutung von Kranich für ihn bemerkte.

Sie schrie leise auf, als stünde Harald Kranich mit gezückter Pistole vor ihr. Spürbar, dass sie das nur tat, weil es ihrer Vorstellung von der Reaktion eines richtigen Weibchens entsprach.

„Wirklich, meine Güte! Denkst du, er hat auch seine Frau ermordet?“

„Er will wissen, was mit ihr geschehen ist. Vermutlich hat er sie geliebt.“

„Und du arbeitest für so einen?“

Das stimmte. So hatte er es noch gar nicht gesehen. Er empfand es eher als Unterstützung, Hilfe oder Nachforschung. Aus ihrem Munde klang es, als wäre er der Hiwi für einen Gangster.

„So kann man es auch sagen. Mir geht es eher darum, jemandem, der vielleicht aus Verzweiflung gehandelt hat, zu helfen.“

Und nun weiß ich genau, dass das keinesfalls zutrifft, dachte Martin. Seine plötzliche Sicherheit darüber, dass Kranich nicht verzweifelt war, löste sich rasch auf.

„Was hast du denn davon? Bezahlt der dich hervorragend?“, sie streckte ihm ihren Kopf entgegen.

Was für ein langer Hals, dachte er.

„Ausschließlich für Geld würde ich nur dann arbeiten, wenn ich arm wäre.“, antwortete er schroff. Schon wieder hatte er diesen Punkt außer Acht gelassen, obwohl Kranich noch nicht einmal verhandelt vielmehr quasi mit einer übermäßig akzeptablen Summe das Thema unterdrückt hatte.

„Na gut“, gab sie missmutig zurück, „lieber für Geld arbeiten als dafür heiraten. Ihr Doppelverdiener habt sowieso nie Not.“

Gleich würde sie die Idee von der Tauschgesellschaft anschneiden, fürchtete Martin. Mit ihr in einer Tauschgesellschaft würde er verhungern.

„Liebst du deine Arbeit immer?“, bohrte er.

Sie schaufelte noch eine Portion Reis in ihre Schale und hielt inne. Den Kopf schief gelegt sezierte ihn ihr Blick.

„Du als Psychoanalytiker müsstest doch wissen, was Freud über die Arbeitsfähigkeit sagte, oder?“, quoll ihre Wut über.

„Zu Freuds Zeiten war sie nicht mehr nur biblische Fron. Das sagt mir noch lange nicht, wie du dich damit fühlst.“, hielt Martin ihr vor.

„Scheiße, Mann, ich fühle mich Scheiße damit. Tag für Tag etwas zu produzieren, dass keiner will. Mich verkaufen zu müssen an irgendein reiches Arschloch, das den Begriff Kunst als Pinnwand für Banknoten versteht. Da kommen die Scheißtypen in mein Atelier und inspizieren mich, denken, wie sie mich ins Bett kriegen, und quatschen irgendein angelesenes Zeug über Malerei. Tage später schicken sie dir schlussendlich ne SMS, dass sie nichts kaufen. Und warum? Weil sie zwar mit dir pennen, aber das ist nichts gegen ein gemeinsames Besäufnis oder einen einträchtigen Bordellbesuch.“

Martin nickte und beschwor sich zu schweigen. Sie konnte nicht einsehen, dass sie mit Kunden nicht ins Bett gehen sollte.

Noch mehr als ihre überwiegend männlichen Interessenten hasste sie ihre Schülerinnen. Schüler waren eine Rarität. „Die wollen zeichnen wie Michelangelo und können noch nicht mal eine gerade Linie ziehen. Die kaufen sich Farbe, für die ich Monate schuften muss, und glauben, damit wird aus ihren Kitschbildern Kunst. Diese hässlichen Akademikerinnen und hohlen Akademikerfrauen, die sich langweilen und mich aussaugen wollen. Was wissen die schon von Malerei?“

Martin bestellte sich ein Glas Wein, von der Sorte, die sie inzwischen reichlich getrunken hatte. Er kannte jedes Wort und inzwischen wusste er, dass sie Malerin geworden war, weil sie sich nichts anderes zugetraut hatte. Es war eine Flucht wie sie in der halben Republik üblich war. Seine Motive waren von den ihren vielleicht nur ein haarbreit entfernt, nur hasste er seinen Beruf nicht. Und vor allem schätzte er seine Klienten. Seine Patienten, die ihm täglich blitzende Kaleidoskope der Lebensgestaltung zeigten. Ihnen freundlich zuzuhören war ihm Bedürfnis und nicht zwanghafte Verbiegung, wie sie Petra vollführte.

Er hob das Glas, wartete auf eine Pause und sagte, „Auf eine bessere Zukunft für dich!“

Sie machte Kulleraugen und Schmollmund, ließ sich aber darauf ein.

Nach diesem Essen würde sie wieder tagelang fasten, um die Kalorien, die ihre neidvolle Gier ihr eingetragen hatte, loszuwerden.

Vor ihrer nächtlichen Tour durch die angesagten Ausstellungseröffnungen des Wochenendes musste sie seine Rechnung noch mit einer Riesenportion Nachtisch erhöhen.

Sie ahnte nicht, wie sehr er es liebte, wenn sie ihn durch die Galerien und Ateliers schleifte, und er eine Lebendigkeit aus einem Sicherheitsabstand wahrnahm, die seine Bahnen nicht gefährden konnte. Für ihn Doping ohne Nachwehen.

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Am späten Sonntagvormittag schlich Martin mit der Tasse Kaffee in der Hand durch die Wohnung und konnte sich nicht zwischen Hinsetzen oder Hinlegen entscheiden. Was würde seinem alkoholgeprüften Gehirn die geringsten Schwingungen zumuten? In diesem Moment rief Franka an. Sie rief selten an, meist wenn sich ihr Einsatzplan verändert hatte. Das war auch der Fall, aber sie wollte auch erfahren, ob Martin schon in der Wohnung der Frau des Mörders gewesen war.

Martin wand sich, er fühlte sich unbehaglich: „Mir wird nicht klar, was mein Interesse an diesen Mann nährt. Darüber grüble ich ein wenig.“

„Ach Martin!“, rief sie fröhlich, „Du brauchst doch immer einen mehr oder weniger langen Anlauf. Ohne Anlauf springst du nicht.“

„Spontanität ist eben deine, Reflexion meine Stärke.“, spottete er.

„Idiot! Also höre. Ich rate zu nix, aber ich bin auch neugierig, genauso wie du es auch bist.“

„Mein Interesse gilt ihm und nicht ihr, der Toten“, korrigierte Martin ohne innerliche Zustimmung. „Heute erscheint mir alles ein wenig flach, was mir dazu einfällt“

„Ich finde die Reduktion des Menschen auf seine Triebe auch flach. Vielleicht liegt dein Motiv im undefinierten Leerraum, den demnächst die Hirnforscher besetzen werden.“

Martin vertraute darauf, dass Franka seinen Beruf nie herabsetzen würde. Aber die psychoanalytische Theoriefülle ließ ihr naturwissenschaftliches Denken an der Aussagekraft dieser Wissenschaft zweifeln. Eine physikalische Beschreibung schien ihr detaillierter, viel exakter. Und sie war sicher, dass der Mensch als Teil der Natur eines Tages korrekt und präziser erfasst werden würde.

„Vielleicht sollte ich fliegen“, griff Martin Frankas Motto und persönliches Heilmittel auf. „Fliegen erdet.“

Er hörte ihr Lächeln, als sie ihm anbot, nach einem freien Platz für ihn Ausschau zu halten.

„Das wäre doch ein Novum, ich als dein Fluggast, und du im Cockpit hast mein Leben in deinen Händen. Wenigstens in diesem Fall.“, blödelte er weiter und hoffte, sie würde nicht so schnell auflegen, damit er nicht seinen Kopfschmerzen und Gedanken ausgeliefert wäre.

Dieser Wunsch wurde nicht erfüllt, weil sie ihre Pause bis zum nächsten Flug zum Schlafen nutzen wollte.

Es war gestern zu spät und zu feucht geworden. Weil Petra kein Morgenmensch war, war er beim Morgengrauen vor ihrer ungebremst schlechten Laune geflüchtet.

Mit Franka besuchte er im Sommer gelegentlich den Botanischen Garten, der auch an Sonntagen selten überfüllt war.

Dorthin ging er jetzt, spazierte durch die verschiedenen botanischen Regionen der Welt, ohne den Rhododendron, den Salbei oder die frühen Rosen zu sehen. Er zwang sich, nach seinem Motiv zu fahnden. Auf seinem Notizblock landeten verschiedene Einfälle und Assoziationen: Erinnerungen, Patientengeschichten, Begriffe und Bilder.

Als die schräg einfallende Abendsonne die Pflanzenfarben zum Tanz aufforderte, schloss er einige Beweggründe aus oder hielt sie für wenig bedeutsam. Weder spürte er die Macht und Stärke in sich wie jene Frauen, die glauben, sie könnten böse Buben in gute verwandeln. Sie verbanden sich mit Straftätern und wollten das Gute in ihnen stimulieren. Überlebten sie es, waren sie nicht selten verarmt oder schwer beschädigt.

Für Geld allein würde er nicht arbeiten, weil er annahm, dass man nie die Leistung, sondern immer nur die Arbeitszeit bezahlen konnte. Er wollte gut verdienen, doch bei seinem Schaffen wäre Geld allein Profanierung einer besonderen Beziehung. Zudem könnte er für seine Tätigkeit auch Vergnügungssteuer entrichten, Entschädigung erhalten oder Lehrgeld bezahlen. Triviale Beweggründe, wie eigene mörderische Wünsche oder homoerotische Aspekte, würde er aufmerksam berücksichtigen. Stellte er sich die erste Begegnung mit dem Mann vor, empfand er Mitgefühl mit seiner Trauer und Einsamkeit und Bewunderung für eine vermutete Stärke, eine Art Gradlinigkeit und Unbeugsamkeit. Von Borbys Einschätzung lag ganz auf seiner Linie. Er wollte auf der Hut sein vor gängigen Klischees, nicht simple Deutungen benutzen, auf seine Empfindungen, Gegenübertragungen wie gewohnt achten.

Beim Abendessen im „Landkrug“ fasste er das Wesentliche seiner Überlegungen auf dem Notizblock zusammen. Dabei stellte er fest, dass ihn nicht die tote Frau des Mörders selbst sondern eher interessierte, was für eine Frau sie war und welche Art Beziehung sie gelebt haben. Zuerst würde er in den Tagebüchern nach den Umständen ihres Todes suchen. „An den Sohn denken!“, schrieb er als letzte Zeile.

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Im Westend, nahe Funkturm und Theodor-Heuss-Platz, befindet sich ein von schnurgeraden Alleen durchzogenes Villenviertel, ursprünglich nach seinem Londoner Vorbild in den 20er Jahren geplant. Inzwischen hatten sich modernere Bauten dazwischen gedrängelt. Martin fand in der Ebereschenallee einen Parkplatz. Versteckt hinter den Bäumen lag eine ausladende Villa, die zur Straßenseite hin eine großzügige Veranda besaß. Albertinas Wohnung, die Schlüssel hatte von Borby ihm gegeben, lag im Hochparterre zur Gartenseite.

Leise, als könnte er jemanden stören, stieg Martin die wenigen Treppen hinauf. Vorsichtig öffnete er die schwarzbraune Tür, hinter der ein ellenlanger Flur begann. Die durchgehende Wand zur Linken verriet, dass diese Räume einmal Teil einer Etagenwohnung waren. Rechts neben einer kleinen Toilette lag das Badezimmer, dem folgte die Küche, und am Ende befand sich ein geräumiges Zimmer mit hohen Fenstern, das durch eine geöffnete Schiebetür mit einem nur unwesentlich kleineren Raum verbunden war. Das bestimmende Interieur waren Bücher. Regale voller Bücher. Auf dem Schreibtisch Bücher, Büchertürmchen neben der sonnengelben Ottomane auf einem runden Tischchen, Bücher auf dem Beistelltischen neben dem Bett. Nach einer zweiten Runde durch die stillen Zimmer sah Martin das Sauerstoffgerät neben dem Bett. Zu allerletzt blickte er auf die ausgedehnte Terrasse, die zu einem angrenzenden Garten führte. Er öffnete die Terrassentür, schritt über die schlichten schwarzweißen Fliesen. Es war ihm, als sei er aus der Zeit gefallen, in eine ferne Vergangenheit. Getier war eingezogen: Spinnennetze funkelten im Sonnenlicht, Vögel unterhielten sich eifrig, zielstrebig kroch eine braune Raupe vorbei, und in den Büschen knackte und raschelte es.

Mit einem energischen Ruck verließ Martin die Terrasse und betrat die Wohnung. Er zog eine Notiz aus der Hosentasche. In einer steilen, eckigen Handschrift hatte Kranich notiert: „Die Tagebücher stehen chronologisch geordnet in der untersten Reihe im Bücherregal. Die frühen sind in in ihrer Heimatsprache Portugiesisch, die folgenden in Französisch und Englisch. Erst ab 1979, als sie nach Berlin kommt, um ihre Ausbildung als Dolmetscherin abzuschließen, schreibt sie in Deutsch.“ Martin schritt die Regalreihen ab.

Aufmerksam sah er in Regale, in denen neben den Büchern Fotografien, kleine Gemälde oder Drucke, Nippes, mehrere Etagen Schallplatten, Tonbänder und CDs verteilt waren.

Eine Schwarz-Weiß-Fotografie zeigte eine dicht gedrängte Gruppe. In der Mitte stand ein Paar, nicht mehr jung, aber faltenlos, schmal, mit einem Lächeln, das dem Betrachter galt. Alle anderen schienen durch unterschiedliche Mimik und Gestik dem Adressaten aus weiter Ferne etwas mitzuteilen. Alle wirkten festlich gekleidet. Einige Männer mit Hüten zu ihren zeitlosen Anzügen, die Frauen in Röcken und Blusen mit und ohne Schultertuch. Das Paar trug keine Hüte, aber der Mann einen buschigen Schnurrbart und die Frau eine üppige Mähne, die sie aus der Stirn gekämmt hatte.

Es mochten ihre portugiesischen Verwandten sein. Einfache Landarbeiter vielleicht. Leute, die ihren Kindern so altmodische Namen wie Albertina gaben, wie der Inhaberin dieser Wohnung.

Auf dem riesigen, klassischen Schreibtisch sah er Wörterbücher in Deutsch, Französisch, Englisch, Portugiesisch und Latein, auch brasilianische und spanische waren dabei. Derjenige, der ganz offensichtlich aufgeräumt hatte, hatte vermieden, diese Bücher zu ordnen. Kreuz und quer standen sie griffbereit zwischen zwei Bücherständern.

Das zweite Foto, das gegenüber den Nachschlagewerken stand, zeigte Harald Kranich mit einem halbwüchsigen Jungen.

Martin setzte sich an den alten, ausziehbaren Esstisch auf einen der Stühle, der wie die Ottomane ebenfalls sonnengelb gepolstert war. Es widerstrebte ihm, Schubladen zu öffnen, in geschlossene Schränke zu sehen. Er starrte auf den Schreibtisch. Vermutlich hatte sie übersetzt.

Martin fühlte sich als Einbrecher. Psychoanalytiker entrissen dem Anderen nichts von dem, was zu seinem Leben und seiner Identität gehörte. Sie bekamen nur das zu sehen und zu hören, was freiwillig preisgegeben wurde.

Wollte Albertina, dass ein Fremder in ihren Sachen herumkramte? Irgendjemand würde es tun, wenn die Wohnung geräumt werden musste. Der Blick dieser Leute sortierte nach dem vermeintlichen pekuniären Wert. Für Bücher gab heute niemand mehr viel, falls es nicht besondere Ausgaben waren. Die wenigen Möbel, sorgfältig ausgesucht, würden dem Verkäufer einiges einbringen. Vielleicht hatte Albertina ihre Tagebücher vernichtet. Aus den Bücherrealen, wo Harald Kranich sie gesehen hatte, waren sie verschwunden. Kannte Kranich seine Frau so gut, dass er sicher sein konnte, er würde sie finden?

Im Flur standen ein großer Kleiderschrank und eine schwere Kommode. Widerwillig zog Martin, die großen Schubladen heraus. Zuerst die unterste und dann rasch die beiden folgenden.

Ordentlich und datiert, wie angekündigt, lagen die unterschiedlich großen Hefte und Bücher aufeinander. Im mittleren Schubfach lagen einige Tagebücher aus den letzten Jahren. Außerdem gab es Fotoalben, Briefe und ein Schmuckkästchen.

Reglos betrachte Martin den Inhalt. Eine tiefe Betrübnis überfiel ihn beim Anblick dieser Zeichen eines vergangenen Daseins, packte ihn wie ein Raubtier, dessen Käfig versehentlich geöffnet wurde.

Endlich ging er in die Küche, ließ kaltes Wasser laufen und trank davon aus der hohlen Hand. An der Hose wischte er sich die Hände trocken und blickte aus dem Küchenfenster auf den Gartenzaun.

Er fühlte sich, als umarme ihn die Endlichkeit mit jedem Herzschlag unerbittlicher. Es war Zeit zu gehen. In den Tagebüchern lesen konnte er noch nicht.

Trotz der gewittrigen Schwüle atmete er befreit durch und freute sich über das Flimmern des Lichtes in den Blättern der Bäume.

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Martin nutzte die Mittagspause, um Melissa, seine 10 Jahre ältere Schwester, anzurufen.

Melissa führte eine Praxis für Allgemeinmedizin. Über die Jahre hatte sie ein festes Angestelltenteam, freundlich und kompetent. Ihr Telefon hatte keine Warteschleifen, sondern das bekannte Besetztzeichen. Der vierte Versuch brachte ihm seine Schwester ans Ohr.

„Mamas Geburtstag quält Dich, was?“, lachte sie.

„Hast Du schon ein Geschenk für sie?“

„Du meinst eines, an dem du dich beteiligen kannst? In diesem Jahr läuft es anders. Reinhard möchte unbedingt nach Wien und will, dass Mama mitkommt.“

„Dein Reinhard, der alte Kriecher. Wieso lasst ihr mich in diesem Jahr im Stich?“

„Weil Reinhard mit unserer Mutter mehr Mitleid hat als mit dir. Du wirst auch allein ein passendes Präsent für sie finden. Außerdem weißt du doch, wie sehr sie auf ihn fixiert ist. Sie würde doch am liebsten bei uns einziehen, wenn ich nicht wäre.“

Sie lachten einvernehmlich. Melissas mütterliche Zuneigung zum jüngeren Bruder hatte sich in eine enge Freundschaft gewandelt. Sie waren wie alle vier Kinder für ihre Eltern eine Enttäuschung. Sie beide ganz besonders. Melissa ähnelte dem Vater zu sehr und Martin ihm zu wenig.

Die väterlichen Gene präsentierten sich in Melissas kompakter Gestalt, dabei einen halben Kopf größer als ihr mittelgroßer Vater, ihrem störrischen, dicken hellbraunen Drahthaar und schwerem Knochenbau. Entgegen allen Vorhersagen fand sie in Reinhard nicht nur einen physisch Ebenbürtigen. Sie lebten seit Jahren zusammen, erfüllten aber den Eltern nicht den Wunsch zu heiraten. Er arbeitete in der Orthopädie als Chirurg und war zufrieden mit seinem geregelten Alltag als Oberarzt, der ihm wenige Nacht- und Wochenendeinsätze bescherte. Damit war er ungeeignet, die Praxis von Schwarz Senior zu übernehmen.

Dafür war ursprünglich Martin, vorgesehen, der zwar das richtige Geschlecht hatte, es durch seine Facharztwahl, nach Ansicht seines Vaters, absichtlich verhindert hatte.

„Kommt er denn mit zur Geburtstagsfeier?“

„Das ist noch nicht raus. Er musste mit einem Kollegen tauschen, weil dessen Baby kam. Und jetzt ist es da, und der Kollege muss noch häufiger Einsatzzeiten austauschen.“

„Habt ihr das mit der Wienreise schon an die anderen weitergegeben?“

„Noch nicht“, erwidert Melissa, und Martin antwortete erleichtert: „Literatur über Wien kriegt sie von mir. Kann sein, ich finde auch etwas über den Botanischen Garten.“

„Kommt Franka mit?“

Martin versicherte ihr, dass sie sich darum bemühte. Dann wären alle Kinder und Schwiegerkinder da und die Eltern zufrieden, weil sie ihnen ihre Zeit und Aufmerksamkeit schenkten.

An diesem Tag wollten noch fünf Patienten kommen. Die Erste, Frau Möller, trug an manchen Tagen neben einem Sack körperlicher Beschwerden noch einen genauso schweren voller Unzufriedenheit. Sie warf sich schon zu Beginn der Stunde mit Wut in den Sessel. Sie würde sich niemals auf eine Couch legen, auf der sich die Massen wälzten. Gleichgültig welche Reinigungsmaßnahmen Martin ihr aufzählte, ihre hygienischen Maßstäbe waren eine Festung, hinter der Ungenanntes lebte.

Sie benahm sich wie zu Beginn ihrer Therapie. Wütend beschuldigte sie alle und jeden, sie im Stich zu lassen. Sie allein war Sisyphos, der der Stein hochrollen musste. Und der Rest der Welt sah zu oder warf zusätzliche Hindernisse in den Weg.

Martin war bereits nach 10 Minuten erschöpft: „Wie schaffen Sie es nur, all die Dinge zu leisten, wenn Sie von so vielen inkompetenten Menschen umgeben sind?“, erkundigte er sich mitfühlend und ergänzte vorsichtig: „Möglicherweise geht es Ihnen mit mir nicht anders, und Sie sind hier auch allein gelassen?“

Frau Möller, die nebenbei einen ihrer Fingernägel, der sich anschickte, länger zu werden, bis auf das Nagelbett herunterriss, unterbrach ihr Werk und blickte ihn an.

In ihren Augenwinkeln hüpfte ein kleines Lächeln: „Das klingt vielleicht arrogant, aber ich bin doch ein bisschen stolz, wenn ich Dinge geradebiegen kann.“

„Hier bei mir auch?“, fragte Martin.

„Sie verstehen doch oft nicht, was ich meine. Das trage ich Ihnen nicht nach, Sie haben so viel zu tun. Außerdem kann ich mir, aus dem, was Sie sagen, die richtigen Bausteine heraussuchen.“

Wieder einmal fragte er so beiläufig, wie es nur ging, was wohl wäre, wenn er Vieles richtig machen würde?

Dieses Mal ließ sie die Frage nicht unbeantwortet.

„Das können Sie gar nicht!“ Und ihr Lächeln pflanzte Grübchen in die Wangen. Es war ein schmerzliches Lächeln, fand Martin.

„Und Sie? Sie können das?“, erkundigte Martin sich so behutsam, wie es diese Anmaßung zuließ.

„Möchte ich, möchte doch jeder“, antwortete sie, schluckte tränenvoll und fiel über einen heilen Fingernagel her. Dazu blaffte sie: „In einer Welt wie dieser muss jeder sein Bestes geben.“

Dieses Ausweichen auf allgemeine Phrasen konnte bedeuten, dass sie eine innere Hürde erreicht hatte.

Martin schlug einen anderen Weg ein und hoffte, sie würde so ihrem Schmerz näherkommen: „Frau Möller, fällt Ihnen vielleicht eine Situation ein, wo Ihnen etwas daneben ging?“

„Wo mir etwas missriet ohne den negativen Einfluss eines anderen Menschen, meinen Sie?“

Martin brummte zustimmend.

Sie schwieg, bis Martin dachte, sie könnte nicht antworten.

„Gott, ist das lange her“, flüsterte sie. „Mir ist das auch so peinlich. Und mein Mann sagt, lass doch, das kann schon mal passieren. Das macht das Unglück ja nicht kleiner. Wenn ich mir das anhören muss, dann könnte ich erst recht versinken.“

„Sie könnten vor Scham versinken?“

Frau Möller starrte ihn an.

Die Luft zwischen ihnen schien dicker und heißer zu werden, der Raum begann sich zu erwärmen, sie wurde rot, und in Martin schossen Bilder hoch und Erinnerungen an brennende Haut.

Frau Möller blieb stumm, sah aber aus, als wollte sie weinen.

Martin gab ihr genug Zeit, um sich zu fassen. Erstmals gelang es ihr, ihre Empfindungen nicht durch eine Flut von Worten zu kühlen.

Diese Stunde verschattete den Tag. Frau Möllers Beschämtsein regte, wie gelegentlich, wenn Patienten dieses Thema ansprachen, Erinnerungen an seine Schwestern, vor allem Melissa an. Sie ähnelte dem Vater, der sie entschieden ablehnte, ihr Eigenschaften zuschrieb, denen sie tapfer zu entkommen suchte, fleißig, liebevoll und schließlich stumm rebellierend.

Niemand widersprach dem Vater, auch er nicht, nicht die Mutter oder seine Schwestern. Er schmorte in der Glut von Scham wegen seiner Familie, wegen sich selbst und brannte in der Hitze seiner Wut, zuerst gegen Melissa, weil sie sich nicht wehrte.

Martin verabredete sich mit Petra. Er war nahe daran, den Arbeitstag zu beenden für eine kleine Erholungszeit. Nur die Aussicht auf gedankenleere, animalische Lust hielt ihn davon ab, den nachfolgenden Patienten abzusagen.

Mit nassen aus der Stirn gekämmten Haaren, in einem weißen Bademantel und nackten Füßen kam Petra ihm entgegen. Sie sah jünger aus als sonst und wütender.

Kaum hatte er die mitgebrachten Delikatessen abgestellt, fiel sie über ihn her. Sie sagte lauter wahre Dinge wie, dass er nur zum Bumsen gekommen war, ihre gemeinsamen Ausflüge in die Szene genoss, und dass er ihre Bilder wirklich langweilig fand, zu angepasst. Schließlich warf sie noch einige Gemeinheiten in die Waagschale, die Martins Achtung und Mitgefühl für sie extrem widersprachen. Und zu guter Letzt hatte sie ein paar verhöhnende Sätze für den „Experten für innerseelische Angelegenheiten“ übrig.

Sein Gehirn fühlte sich wie abgestorben an, kein Gedanke, nicht der geringste Widerspruch. Dieses Mal konnte er sie nicht beruhigen. Er strich sich mit beiden Händen durch die Haare, nahm sein Jackett und verließ sie.

Unterwegs zu einer Buchhandlung war der erste klare Satz, den er wieder denken konnte, eine Entgegnung gegen Petras Vorwurf, er interessiere sich gar nicht für Kunst, nie hätte er ein Bild gekauft: „Doch, ich habe Bilder gekauft. Unter anderem ein Stadtbild von Sigurd Kuschnerus.“ Damals hatte sie das Werk taxiert: „Kein Sammlerstück, steigt nicht im Wert.“ Und er hatte entgegnet: „Unwichtig für mich, ich finde es großartig.“

Mit einem Stapel Bücher über Wien kam er zuhause an. Unterwegs dachte er an Albertina und Harald. Er versuchte, Achim Kranich, den Sohn des Mörders, zu erreichen, konnte ihm aber nur eine Nachricht hinterlassen.

~

Der Arbeitstag war lang und ruhig verlaufen. Martin arrangierte sein Abendbrot auf einem Tablett. Dann entschied er sich, diesen einsamen Abend zum Lesen von Albertinas Tagebüchern zu nutzen. Mit einem Käsebrot in der Hand begab er sich auf den Weg ins Westend.

Er betrachtete die beiden Tagebücher von Albertina Kranich. Das bunte Tagebuch von 1979 voller eingeklebter Erinnerungen. Das terrakottafarbene Heft von 2014 dagegen war dünn und in ihrer runden Schrift, deren Buchstaben unordentlich über die Blätter tanzten.

Ein seltsamer Widerwille hatte ihn bei seinem ersten Besuch gehindert, es geradewegs zu öffnen.

Er schlug die erste Seite des letzten Jahres ihres Lebens auf:

01.01.2014

“ Para além da curva da estrada

Talvez haja um poço, e talvez um castelo,

E talvez apenas a continuação da estrada.

…”1

„Jenseits der Wegbiegung

Ist vielleicht ein Schacht, und vielleicht ein Schloß,

Vielleicht nur die Fortsetzung des Weges …“

Es ist mir nicht möglich, den einen Gedanken ohne den anderen zu denken:

Werde ich 31.12.2014 schreiben können, oder bleibt dieses Heft geschlossen?

Stirbt jemand für mich, oder sterbe ich?

Die Kraft kommt von Dir, Achim. Vielleicht liest Du dieses letzte Heft. Liest Du es nicht, war es wert, beim Schreiben an

Dich gedacht zu haben.

Eigentlich wollte ich in der Silvesternacht fernsehen, bis ich müde bin. Es gab nichts, das mich ablenken konnte. Sogar lesen kann ich schlecht.

Meine Gedanken nehmen Reißaus, wollen sich auf Pfähle der Hoffnung setzen und Ausschau nach Zeichen halten.

22: 3oh wurde ich noch müder als gewöhnlich. Da machte ich mich auf den Weg, um mir die Champagnerflasche aus dem Kühlschrank zu holen. Beate hatte sie nachmittags geöffnet. Den leichten Flaschenverschluss konnte ich alleine herausziehen. Alkohol ist wegen der Medikamente verboten.

Verbote?

Egal, einmal etwas genießen, auf das ich Lust habe.

Champagner, Du staunst Achim, den kann ich mir jetzt leisten, weil ich mir sonst nichts mehr leisten kann. Oder hast Du schon mal eine Frau gesehen, die mit schweren Beinen, ein Sauerstoffgerät ziehend ins Theater, in die Oper, ins Restaurant oder sich Kleidung kaufen geht?

Beate und Doris wollten mich in ihre Familien holen.

Der Anblick einer grauen, mit schwarzen Strähnen melierten Mähne, hohle Wangen und als Zier Sauerstoffröhrchen in der Nase hätte jede Heiterkeit zerquetscht.

Wer hätte von Zukunft gesprochen, wer von Plänen, und wer wäre ausgelassen gewesen?

Wie an Weihnachten wollte ich allein sein.

Wahrhaftig, wirklich, ich wollte allein sein. Niemanden beschweren und von Niemandem beschwert werden.

Beispielsweise hat Beate wieder ein neues interessantes Projekt. Seit Wochen spricht sie nur dann, wenn ich frage, darüber. Sie will mich schonen und zieht unabsichtlich eine Grenze.

Die Silvester, die mein Gedächtnis aufbewahrt hat, erinnern mich an viele gute Jahre.

Lange habe ich mir Gedanken an Harald verboten.

Deutschland versank im Schnee, und wir feierten zwischen Küche und Bett unser erstes gemeinsames Silvester. Wir erzählten uns unsere Träume. Hörten Amália Rodrigues und Carlos do Carmo bei mir, weil Harald keinen Plattenspieler hatte. Beate, mit der ich die Wohnung teilte, verbrachte die Nacht bei ihrem Freund.

Martin legte das Heft auf seine Knie. Er hatte, wie er es täglich trainierte, seine Erwartungen niedrig gehalten. Das war leicht bei einer Unsichtbaren. Sie war tot, und er las für Harald Kranich.

Er griff nach dem prallen Tagebuch von 1979 und blätterte auf der Suche nach Fotografien darin herum.

Hier zogen ihre runden Buchstaben gerade Linien, und sie hatte alles sorgfältig eingeklebt.

Die Seiten verschwammen, als hätte er eine plötzliche Augenerkrankung. Er kannte das.

Warum gelang es ihm nicht, sich an das Ende eines, seines, Daseins zu gewöhnen? Er wollte sich dazu zwingen. Seit Beginn seines Studiums, als er sich im Anatomiekurs über die erste Leiche in seinem Leben beugte. Damals versuchte er, mit unauffälligen Atemübungen der bizarren Mischung aus Angst, Erschütterung und Ekel zu begegnen. Und heute dachte er im Alltag nicht mehr darüber nach. Hörte oder sah in den Nachrichten von den Gewinnen, die der Tod gemacht hat, ohne an die Bedeutung für andere oder gar für sich zu denken. Starb plötzlich jemand aus seinem Lebenskreis, ging er zur Beerdigung, erlebte den Verlust, die Vergänglichkeit wie eine unerträgliche Zumutung. Erst Wochen später gelang es ihm wieder, ungerührt über die Gemordeten der Menschheit zu lesen.

Er blätterte und staunte über die junge Albertina. Harald Kranich hatte ihm aufgeschrieben, dass sie ihr Tagebuch immer in der Sprache des Landes schrieb, in dem sie lebte. Nach Frankreich und England, wo sie jeweils ein Jahr lang Dolmetscherschulen besucht hatte, war das 1979 in ihrem 21. Lebensjahr Deutschland.

Zeitgleich übersetzte und dolmetschte sie, um ihre Ausbildung und den Lebensunterhalt zu finanzieren.

Unter einer Fotografie stand: „Beate und ich. Wir wohnen in einem Haus.“

Die Farben der Fotografie hatten gelitten.

Bis zu den Schultern reichte die wellige, schwarze Haarpracht, die ihre Form vermutlich eigener Handarbeit verdankte. Unter diesem Helm lugten zwei ungewöhnlich große Augen hervor.

Ihr Lächeln dehnte sich wie das eines lebhaften Menschen bis in die Augenwinkel aus. Neben der hellen Beate wirkte sie vielleicht dunkler, als sie tatsächlich war. Beide trugen pastellfarbene Pullover von unübertrefflicher Schmucklosigkeit.

Die Heiterkeit der Beiden war gegenwärtig.

Martin las:

„Beate ist ein Freund, é verdade! Tag auf Tag eine neue Idee. Jede platzt! Sie ist gluckvoll mit jede von ihnen. Heute will sie Hundezucht machen. Kommt von ihrem sehen von ganz, ganz kleinen Babyhunden.“

Sie gingen viel Tanzen, aber auch ins Theater, sogar in die Schaubühne am Halleschen Ufer, wo Peter Stein mit einer edlen Schauspielergruppe den Ton angab. Und natürlich gingen sie ins Kino. Woody Allen: „Manhattan“, Fassbinder: „Die Ehe der Maria Braun“ und zweimal waren sie in der „Blechtrommel“. Albertina konnte sich nicht mit diesem Film anfreunden. Nicht die Sexszenen, über die man sich damals empörte, sondern das „Fehlen von Seele. Man sagt hart und kalt hier.“, irritierte sie.

Martin kannte nur die Titel nicht die Filme Aber er staunte über die Neugier der jungen Frauen.

Albertinas Zeilen erzählten von einem Alltag, der ernsthaft mit einem Hang zur Komik geschildert wurde. Der bestimmende Ton war heiter.

Martin starrte auf Albertinas letztes Heft.

Welche Ereignisse hatten das Paar Albertina und Harald auseinandergerissen? Woran litten sie, und gab es vor dem Mord, den Harald begangen hatte, eine andere mörderische Katastrophe?

Im Internet hatte Albertina kaum Spuren und keine Fotografie hinterlassen. Außer ihrer Anzeige als Dolmetscherin und Übersetzerin, die auch Sprachunterricht gab, ließ sich nichts finden. Ebenso wie Harald Kranich selbst nur auf einer veralteten Uni-Web-Site zu finden war.

Martin plante, in Albertinas Wohnung nächstens nach Fotos von ihr suchen. Er wollte Fotografien sehen, sich ein Bild von der Frau machen. Und noch in späteren Tagebüchern blättern.

~

Alle Türen standen offen, und durch das Oberlicht der Praxistür im Parterre schien Licht. Martin wusste das, konnte sich aber einen kurzen Kontrollblick nicht verkneifen, ehe er die Treppen hinaufsprang. Bis zur festgelegten Grenze von 68 Lebensjahren arbeite sein Vater sowohl für Kassenpatienten als auch für Privatpatienten. Als er empört seine Kassenzulassung abgab, blieben ihm seine privaten Kranken treu. Inzwischen gab es keine Altersbeschränkung mehr, und er erwog, sich wieder um eine Kassenzulassung zu bemühen. Im Gegensatz zu ländlichen Regionen litt Berlin nicht unter Ärztemangel, was seine Chancen, sie zurück zu bekommen, erheblich minderte. Auch wenn kein Patient an diesem Sonnabend den Vater beanspruchte, würde Martin nicht zu ihm gehen. Familienmitglieder hatten keinen Zutritt, außer sie bedurften ärztlicher Hilfe. Das letzte Mal hinkte er mit 16 Jahren hinein, als er mit dem Fahrrad von einer feuchten Bordsteinkante gerutscht war. Schweigend hatte sich sein Vater über die tiefe Platzwunde gebeugt. Seine behutsame Versorgung der Wunde hatten Wellen von Übelkeit in Martin ausgelöst. Nie wieder wollte er fühlen, wozu sein Vater fähig war, wenn er wollte.

In der oberen Etage des plumpen Einfamilienhauses, das von einem kleinen Garten umgeben in einer Seitenstraße wenige hundert Meter vom U-Bahnhof Oskar-Helene-Heim entfernt lag, wohnte die Familie Schwarz.

Der Sohn seiner Schwester Marianne saß in der Diele und drückte die Knöpfe eines Gameboys. „Hallo“, nuschelte er und warf ein unfreundlich verkniffenes Auge auf seinen Onkel.

Martin beugte sich zu ihm herab, sah ihm ins Gesicht und fragte: „Alles ok?“

Der Junge nickte, und Martin klopfte an die Küchentür.

Melissa stand am Fenster und rauchte. „Nur noch du und Papa fehlen. Verdammter Idiot! Mama ist empört.“, schimpfte sie.

Sie umarmte ihn heftig, Martin grinste sie frech an und streckte ihr den dicken Fliederstrauß für seine Mutter entgegen. Melissa und ihr Mann, für ihre Eltern nur der Lebensgefährte, überragten alle anderen Familienmitglieder. Beim Kampf mit der ungewohnten Küchenarbeit hatte sie ihre Frisur ruiniert, und das störrische Bärenfell stand vom Kopf ab. Sie schob ihn aus der Küche.

„Welches Organ?“, flüstere er.

„Magen!“, antwortete Melissa.

Soweit seine Erinnerung zurückreichte, war seine Mutter krank oder leidend oder gequält. An ihrem Geburtstag plagte sie also dieses Mal der Magen. Was war es im letzten Jahr, überlegte Martin. Das malträtierte Organ konnte rasch wechseln und ebenso die damit verbundenen Symptome. Schließlich war seine Mutter Ärztin und hatte sogar einige Zeit in einer Klinik als Assistenzärztin gearbeitet, ehe das erste Kind auf dem Weg war.

Magen war ein ungefährliches Organ hatte Martin früh gelernt.

Reizbarkeit und Aggressivität begleiteten Kopf- oder Rückenbeschwerden. Heute saß sie mager und blass in ihrem Lieblingssessel, und Martin fiel es leicht, sie zu fragen wie es ihr ginge. „Gott weiß, wie lange es noch dauern wird, bei meinem empfindlichen Magen“, klagte sie.

„Dabei hat Melissa deine Leibspeisen für Dich gekocht“, sagte Martin.

„Nicht nur Melissa“, rief Melanie, „auch wir Armen hier haben geholfen.“

Seine Mutter zog die Augenbrauen hoch: „Das klingt wie Fronarbeit, um die ich nicht gebeten habe.“

Melissa brachte Martins Blumen in einer Vase. „Von Martin“, erklärte sie knapp und stellte sie auf eine Anrichte.

Martin begrüßte Marianne, ihre beiden rosa gekleideten Töchter, die noch die Grundschule besuchten, und ihren Erstgeborenen, der gerade ins Gymnasium gewechselt hatte, aber Anzug und Schlips trug. Marianne, eine rundliche Schönheit, die sich und ihr Leben hinter der Mutterschaft verbarg. Ihr gelangen Sätze wie: „Unsere Kleinen werden unruhig, wir müssen gehen, ich möchte sie nicht zu sehr belasten.“, während ihre Gören munter im Garten herumrannten. Sie wählte gerne das Pronomen uns. Es stand für ihre ganze Familie, insbesondere für ihren meist abwesenden Ehemann. Er war seinem Schwiegervater zu ähnlich, als dass beide es auf einem Quadratkilometer miteinander ausgehalten hätten. Ihre Kleinen umringten, schirmten sie ab, vor persönlichen Unbilden. „Wir sind heute so erschöpft, wir müssen uns morgen anstrengen.“ So bettete sie in „uns“ und „wir“ alle ihre Wünsche und Leiden, die denen ihrer Mutter stark ähnelten.

Als sie mit ihrem Beruf als Grundschullehrerin nicht zurechtkam, hatte Martin interpretiert: „Manche Lehrer lieben das Kind sein mehr als Kinder.“ Marianne hatte ihrem Kleinen die Ohren zugehalten. „Das müsst ihr nicht ertragen.“, hatte sie geflüstert und war verschwunden.

Sie war regelmäßig irritiert, wenn ihre Kinder freudestrahlend den Tanten Melanie und Franka entgegensprangen. Was konnten sie schon mit den Erzählungen einer Pilotin anfangen oder gar den Fantasiegeschichten ihrer jüngsten Schwester, die nun wirklich kein gutes Beispiel für Kinder abgab?

Auch dieses Mal erkundigten sich die Kinder bei Martin: „Kommt Tante Franka?“

„Meine Kinder, inzwischen solltet ihr wissen, dass sie fast nie zu uns kommt und wenn, dann unpünktlich.“, antwortete das Geburtstagskind streng.

Aus dem Hintergrund des Wohnzimmers löste sich ein Riese und legte seine Hand auf Martins Schulter: „Schwiegermama, wie soll eine Pilotin die ganzen Dienstplanänderungen beeinflussen?“

„Reinhard muss alle Welt verteidigen“, lächelte sie ihn an und wandte sich dann an Martin: „Seit einem Jahr weiß sie um dieses Datum.“

„Und deshalb hat sie es auch eingeplant. Seit 4 Stunden sollte sie in Berlin sein. Leider legt sie die Abflugzeiten nicht fest“, erwiderte Martin und sah, wie seine Mutter sich davon nicht beeindrucken ließ.

„Arbeitet sie auch an deinem Geburtstag?“, stocherte sie.

Martin verschluckte seine Antwort, als sein Vater den Raum betrat.

Er trug immer einen Vollbart, was wegen der noch dichten, grauen Borsten wenig von seinem Gesicht sehen ließ. Die Augen versanken in rosigen Fettpolstern, und zwischen Kopf und Hals fehlte der Übergang. Seine überschüssigen Pfunde verteilten sich über den gesamten Körper. Darunter steckte eine ehemals athletische Gestalt, deren Präsenz vom Alter nicht eingeschränkt wurde. Ohne sich um die Anwesenden zu kümmern, ging er auf seine Frau zu: „Kannst du inzwischen zu Mittag essen?“

Sie nickte und stand auf. Stand in ihrem hellblauen Kleid neben ihrem breiten und dickbäuchigen Mann wie eine blasse Nymphe neben Poseidon. Er reichte ihr den Arm und geleitete sie ins Esszimmer.

Reinhard und Martin grienten sich an. Melanie eilte mit Melissa in die Küche.

Die Platzkärtchen vom vergangenen Jahr trugen die Handschrift der Mutter. Martin saß zur Linken seines Vaters und seine Mutter zur Rechten. Neben der Mutter reihten sich alle weiblichen und neben Martin alle männlichen Familienmitglieder.

Melissa und Melanie hatten schon seit Stunden gemeinsam mit der Haushaltshilfe das Festessen vorbereitet. Nun servierten sie, und die Kinder beobachteten vergnügt, wie die Erwachsenen sich bedeutungsvolle Blicke zuwarfen. Bei Magenschmerzen waren Essen und Trinken weniger denn je ein Thema.

„Was ist mit deinem Mann?“, fragte Schwarz Senior, und Marianne lief leicht an: „Ich hab Mama schon gesagt, dass er ein Projekt im Ausland hat.“

„Ein Projekt, das keinen Tag Freizeit erlaubt, nicht einmal am Sonnabend? Wir haben wichtige Leute in der Familie. Der eine hat Projekte, die andere fliegt, und niemand, der schlicht genug ist, meine Praxis zu übernehmen. Das nenne ich Familienzusammenhalt.“

„Wir sind eben alle etwas anders als deine Generation. Das weißt du doch, Papa. Nimm es uns doch nicht so übel!“, warf Melissa ein, und Martin konnte mit Mühe ein Lachen unterdrücken, weil sie vergessen hatte, ihre Frisur zu glätten. Ihr Vater schüttelte den Kopf, ob als Verneinung oder wegen ihrer Aufmachung blieb offen.

Er stand auf, hob das Weinglas mit Mutters Lieblingsstoff und sprach mit Pathos: „Trinken wir auf die Genesung Eurer Mutter! Ich wünsche ihr ein langes Leben, und dass ihre Kinder ihr den gebührenden Dank entrichten, den sie als aufopfernde Mutter verdient hat.“

Nun stellten sich die beiden kleinen Mädchen hinter ihre Stühle und sangen, während die Suppe abkühlte: „Viel Glück und viel Segen.“

„Hast du als Sohn deiner Mutter etwas zu sagen?“, fragte sein Vater streng.

Martin blickte ihn irritiert an. „Als du noch in deiner Praxis warst, habe ich ihr bereits gratuliert.“, antwortete er trocken.

Unwirsch griff der Senior nach seiner Serviette: „Ach, ich meinte ein besonderes Wort zu diesem besonderen Tag, Martin, nicht das übliche Allerweltsgefasel.“

„Esst bitte!“, mahnte Melissa und blinzelte Martin zu, „Du magst doch Hühnersuppe so gerne, Mama.“

„Wie alt ist deine Mutter, Reinhard?“ fragte der Vater, obwohl alle wussten, dass sie bereits gestorben war. Für ihn gehörte der Partner seiner Ältesten nicht zur Familie, gleichgültig wie viel Jahre sie bereits zusammenlebten. Reinhard erinnerte ihn ruhig und fügte hinzu: „Deswegen freue ich mich über meine junggebliebene Schwiegermutter und hab ihr auch schon gratuliert, wie wir alle hier am Tisch, Schwiegervater.“

Zwischen zwei Löffeln Suppe schaffte es Martin Schwarz Senior zu reagieren: „Du als Psychologe ahnst nicht im Geringsten, was es bedeutet, eine große Praxis zu führen. Zeit für den Papierkram, zum Lesen und Nachdenken bleiben nur am Wochenende, wenn Deine Sorte zum Golf spielen geht.“

Martin bohrte den Löffel in den Teller: „Es ist gar nicht so schwer, Vater. Ein Psychologe ist weder Arzt, noch Therapeut. Sowohl er wie ich müssen eine Ausbildung machen. Wie Du weißt, bin ich also Psychoanalytiker, weil ich ein besonderes therapeutisches Verfah…“

„Bleibe mir mit diesen Beckmessereien vom Hals. Tatsache ist, dass ich eine Praxis habe, die mich von morgens bis abends beansprucht. Und ich werde mir Fremde ins Haus holen müssen, die sie übernehmen, weil mein eigener Sohn sich weigert, mein Nachfolger zu werden, obwohl er Arzt sein will.“

Martin lehnte sich zurück und schwieg. Alle schwiegen bis auf Martins jüngste Nichte: „Oma?“, dehnte sie die Anrede, „wenn man Geburtstag hat, darf mach sich alles wünschen, stimmt doch, oder? Was ist dein allergrößter Wunsch?“

Oma hatte die Suppe kalt gerührt, ohne davon zu essen, was in diesem Moment alle bemerkten. Sie blickte ein wenig ratlos und vielleicht auch leicht verärgert auf das Kind.

Marianne hatte inzwischen den Arm um die Schultern des Mädchens gelegt. Niemand wollte einem Kind von Marianne etwas abschlagen, das käme einer Kriegserklärung an die Mutter gleich.

Oma schlug einen besonders sanften Ton an, dem sie eine unbekannte Brüchigkeit hinzufügte mit einer Andeutung von Gebrechlichkeit: „Schätzchen, in meinem Alter gelten die Wünsche vor allem den Kindern und Enkeln! Wenn dein Onkel Martin sich besser mit seinem Vater vertragen würde, würde mir ein Stein vom Herzen fallen. Und natürlich wünsche ich mir, dass ihr alle gesund bleibt.“

„Und du musst auch gesund werden“, trompetete die Kleine freundlich ihrer Oma zu.

Melanie, die hinter den Kindern versteckt saß, riss die Serviette an den Mund, um nicht über den Tisch zu prusten.

Melissa kam ihr zur Hilfe: „Kindermund, tut Wahrheit kund! Komm wir holen den nächsten Gang!“

Reinhard und Martin deckten ab. „Der Alte ist schlecht aufgelegt.“, wandte der Schwager sich an Martin, der neben dem leicht übergewichtigen Hünen filigraner als sonst wirkte.

Martin klärte ihn auf: „Er hat irgendjemanden aufgetan, der ihm sagte, ich könnte in kurzer Zeit den Facharzt für Allgemeinmedizin machen. Diesen Vorschlag habe ich ohne Reaktion versiegen lassen.“

Reinhard riss die Augen auf. „Oha! Da hast du aber richtig Ärger, was?“

„Wir sind so selten zusammen, da hält es sich noch in Grenzen.“

Melissa strich Martin über den Rücken: „Du könntest auch mal aus der Haut fahren.“

Martin zog die Augenbrauen hoch: „Ich bedauere nur, dass du die Praxis nicht willst, sonst könnte ich ihn fragen, warum er dich als vom eigenen Fach, nicht zur Nachfolgerin macht.“

Melanie beendete das Gespräch: „Kommt Kinder, erst mal stärken, wer weiß was am Gabentisch noch auf uns zukommt!“

Bis alle im Wohnzimmer zu Kaffee und alkoholischen Getränken zusammenkamen, lagen Garnelencocktail, Rehrücken und Pfirsich Melba vor ihnen.

Zur Freude der Schwestern und der Kinder ergänzte Franka wenig später die Gruppe. Das köstliche Menü hatte die Gemüter etwas träger und friedlicher gestimmt. Martin hatte ohnehin den Verdacht, seine Mutter bevorzugte das Dessert nur, weil es sein Vater stets genoss. Meist bekam er noch die Hälfte von ihr ab.

Weil die Kinder drängten, erzählte Franka von ihrem letzten Flug. Das Umhängetuch aus Indien lockerte die Leidensmiene seiner Mutter auf. Alle weiteren Geschenke bewegten sie nicht sehr. Sie konnte die Person dahinter nicht sehen und verlor sich in immer gleichen Dankesfloskeln. Dabei saß sie aufrecht und erstarrt wie eine Fürstin auf Herrscherporträts.

Zwischen dem Öffnen der einzelnen Präsente schilderte sie detailreich die Entwicklung ihrer Magenverstimmung: „Pilze esse ich doch so gerne, aber was mit diesen Shiitake los war … Sie sollen so gesund sein. … Es ist, als hätten sie sich eingenistet und sonderten ein Toxin ab, oder …“ Vier Ärzte staunten. Nur der kleine Gymnasiast fragte hörbar für alle: „Tante Melissa, warum tötet das Toxin Oma nicht?“

Die Anstrengung, aufsteigendes Lachen zu unterdrücken, ließ sich auf manchen Gesichtern mühelos ablesen, wenn man wie Martin lesen wollte. Und er ärgerte sich über seine Mutter und empörte sich zugleich über seine Geschwister. Alle fürchteten die unkalkulierbaren Folgen von Gelächter an dieser Stelle.

Marianne legte präventiv dem Sohn die Hand auf Kopf und antwortete sanft: „Manche Gifte töten nicht.“

Martin nahm ein Buch zur Hand, während die übrigen im Gesicht des Geburtstagskindes zu lesen versuchten.

Franka sprang in die Leere: „Ausgerechnet zu deinem Geburtstag! Ist dir das schon einmal passiert?“

Karin sah ihre Schwiegertochter entgeistert an. „Das ist aller Wahrscheinlichkeit nach kaum denkbar.“, knatterte sie empört und griff nach einer hübsch verpackten Schachtel.

Ehe sie zum nahen Botanischen Garten gingen, legten sie eine Ruhepause ein. Karin verschwand im Schlafzimmer, und alle übrigen suchten ein Sonnenplätzchen im Garten. Martin lag im Gras, ihm war entgangen, dass auch sein Vater hinzugekommen war. Mit geschlossenen Augen fragte er: „Kennt irgendjemand von euch den Türmer?“

Er war verblüfft, dass alle ihn kannten, sogar Melanie wusste, ihn einzuordnen. „Mich würde interessieren, weshalb er ermordet wurde? Den Mörder kenne ich.“

„Türmer ist mit mir jahrelang in derselben Klinik gewesen. Er war jünger als ich und ein sehr begabter Herzchirurg.“, traf ihn der entrüstete Ton des Vaters.

„Er gehörte zu deiner Burschenschaft?“, fragte Martin, obwohl sein Vater über diese Zugehörigkeit nicht gerne sprach.

„Er war derart ausgebucht, da konnte er sich selten an unseren Treffen beteiligen. Was willst ausgerechnet du von ihm wissen?“

„Was könnte er getan haben, um so viel Wut gegen sich zu mobilisieren?“, bohrte Martin weiter.

„Du willst doch nicht nach alter Psychositte behaupten, er sei selbst schuld an seiner Ermordung?“

„Der Mord fand vor unserer Haustür statt.“, klärte Franka auf.

Sie lag mit den Kindern auf einer Decke im Gras. Martin Senior überging ihre Bemerkung.

„Meinst du das, Martin? Meinst du, wenn einer mit seiner Therapie nicht einverstanden ist, kann er seinen Arzt abmurksen? Sind wir schon soweit?“, insistierte Schwarz Senior.

Martin wandte sich seinem Vater zu: „Diese Frage ist unnötig. Mich interessiert der Türmer. Die Persönlichkeit.“

Melissa, mutige Doppelgängerin des Vaters, setzte ihre Furchtlosigkeit für egalitäre Vorstellungen ein und sagte: „Ich erinnere mich, Reinhard hat mal von ihm erzählt, nicht wahr, Reinhard, du kanntest ihn? Der schien nicht ohne zu sein. Sehr durchsetzungsfähig, so nennt man das doch. Hatte wohl diktatorische Züge.“

„Zum Glück war er nicht mein Vorgesetzter. Der kannte keine Grenzen.“, ergänzte Reinhard.

„Schließlich musste er den Laden zusammenhalten. Ohne Autorität geht es nicht.“, verteidigte der Senior seinen Verbindungsbruder.

„Für meinen Geschmack haben die Herren häufig einen zu diktatorischen Führungsstil. Das wird durch die paramilitärische Ordnung der Hierarchien in der Medizin doch nur gefördert und behindert die Arbeit zum Nachteil der Patienten. Statt offen zu reden, tut jeder so, als wüsste er alles.“, parierte Melissa.

„Eine Koryphäe braucht Spielraum. Da müssen auch mal Opfer gebracht werden.“, murrte der Vater und plumpste in einen Gartenstuhl, nachdem er eine verblühte Rose entfernt hatte.

Martin schwieg zu den letzten Worten des Vaters.

Franka wollte wissen, ob er eine Frau hatte. Entrüstet beantwortete ihr Schwiegervater die Frage: „Er hinterlässt eine Frau und zwei Kinder. Sein Sohn tritt in seine Fußstapfen, so wie ich in die meines Vaters getreten bin. So wie es sein sollte!“ Diese Mitteilung wurde durch einen heftigen Schlag auf die Armlehnen unterstrichen, und sein Gesicht unter dem grauen Haar lief rot an und schien auch ein wenig anzuschwellen.

Sonnenschein, wie es sich jeder an seinem Geburtstag wünscht.

„Ein magisches Flüstern aus dem Himmel.“, dachte Franka. Nur wenige Schäfchenwolken schwammen dahin, und es wehte ein mildes Lüftchen.

Das Geburtstagskind hatte nach dem Studium ihre Neigung zur Naturwissenschaft zur Botanik gelenkt. Deshalb stand vor dem geplanten Abendessen in größerem Kreis ein Besuch im botanischen Garten bevor. Franka war zum ersten Mal mit dabei.

Sie erinnerte sich an Martins Erzählungen, wenn sie von der Mutter, was sehr selten war, mitgenommen wurden. Er und Melissa wichen ihr nicht von der Seite. Marianne und Melanie sorgten dafür, dass es Eis und Getränke gab.

Auch heute vergaß sie ihre Umgebung, betrachtete die Pflanzen und breitete auf Nachfragen ihr Wissen aus. Martin nahm an, sein Wunsch, seiner Mutter, der heimlichen Botanikerin, zu gefallen, hatte ihn mehr als das väterliche Vorbild zum Medizinstudium getrieben.

Franka reihte Frage an Frage, und ihre Schwiegermutter sah sie misstrauisch an. Die Bitte, ihr doch etwas über Päonien zu erzählen, sie fragte tatsächlich nicht nach Pfingstrosen, verunsicherte Karin vollends. Zuhause schenkte sie Franka mit einem Lächeln ein Buch über Päonien aus ihrer Bibliothek.

Dann trennten sie sich. Um 20: 00 h trafen sich die ganze Familie und die wenigen Freunde, die noch lebten, besonders alte Verbindungsbrüder mit ihren Frauen, in dem Stammlokal der Eltern mit deutscher Küche.

Die Bedeutung des Abends, besonders für die Eltern, wurde durch die festliche Kleidung aller Familienmitglieder unterstrichen.

Marianne konnte wie erwartet nicht dabei sein, Marianne musste bei ihren Kindern bleiben. Sie hatte wie gewohnt, keinen Babysitter bekommen, niemand dem sie die drei anvertrauen mochte. Franka, die an diesem Nachmittag einen Ehrenplatz neben ihrer Schwiegermutter errungen hatte, saß jetzt Martin gegenüber. Melissa kniff sie sacht in den Arm und raunte: „Wie hast du denn das gedreht?“

Franka wirkte neben der in einem roten Futteral steckenden molligen Melissa äußerst grazil. Sie setzte einen arroganten Gesichtsausdruck auf und flüsterte: „Wenn du in all den Jahren deine Chancen nicht nutzen konntest, lohnt die Mühe nicht mehr.“ Martin schüttelte leicht den Kopf, und Franka fuhr fort: „Dein Bruder sorgt sich, ich könnte deine zarte Seite treffen. Also gut, ich liebe wie deine Mutter Pflanzen. Leider kenne ich von den meisten die Vornamen nicht. Und Karin hat das entdeckt.“

Sie blickten rasch zu den Eltern, die verstrickt in Begrüßungen nicht wahrnahmen, was sich sonst ereignete. Melanie, mit sehr rotem Lippenstift und tiefem Dekolleté, hatte einen unbekannten, etwas verlebt aussehenden Mann mitgebracht. Melanie hatte von der Natur all das bekommen, was sich Eltern für ihre Nachwuchs wünschen: Sprühende Intelligenz verpackt in ein attraktives Äußeres und offeriert mit einem freundlichen Wesen. Statt mit diesen Pfunden zu wuchern, hatte sie sich und ihrem Körper keine Erfahrung erspart. Nach mehreren abgebrochenen Studiengängen, vielen verschiedenen Jobs, dem Genuss harter und weicher Drogen und dem Austesten vieler Partner lebte sie als Stadtnomadin. Gegenwärtig wirkte sie als Stadtführerin, plante aber für den Winter einen Wechsel. Hin und wieder musste sie den Vater um Geld bitten. Ohne zusätzlichen Kommentar gab er es ihr. Alle wussten, wie sehr es ihn bedrückte, wie sie lebte, und schwiegen wie er dazu. Sie griff auf diese Möglichkeit ohnehin selten zurück. Martin wünschte sich für sie, sie würde endlich irgendetwas festhalten wollen.

Sie pirschte sich an ihre Geschwister heran: „Kinder, Kinder, falls ihr Lust auf besten Stoff habt, lasst es mich wissen!“ Ihr Atem verriet, dass sie schon etwas getrunken hatte.

Endlich fehlte keiner mehr, und es wurden Lobeshymnen auf die Mutter, die Mütterlichkeit und die stützende und schützende Ehefrau gesungen. Melanie zischte: „Von wem ist die Rede?“ Schließlich stimmte Martin in den Chor mit ein. Er rang sich nur wenige Dankesworte ab. Seine Mutter, die vielleicht doch etwas von der Überwindung spürte, die ihn das kostete, beglich das mit einem ihrer raren Lächeln. Franka deute einen Kuss in seine Richtung an. Melissa hob die Daumen. Und Martin entsandte lautlose Flüche in das Geplapper, das vom Klirren der Gläser begleitet wurde.

Melanie, deren Begleiter ab und zu die Zähne zeigte und dabei die Mundwinkel hob und senkte, breitete ihre neuesten Erlebnisse als Stadtführerin aus. Sie wusste, welcher Klub angesagt, wo was verhökert wurde und was die Typen wollten. Ihre Führungen wurden von Firmen für ihre leitenden Angestellten organisiert. Während ihrer verschiedenen Studiengänge hatte sie nebenbei mehrere Sprachen gelernt.

Martin hörte aus der Gruppe älterer Herrn Begriffe, die ihn anlockten.

Er stellte sich dazu und fragte: „Ist von Türmer die Rede.“

Sein Vater blickte gereizt zu ihm auf und erklärte der Runde: „Aus irgendeinem Grund interessiert Martin sich für ihn.“

„Nicht irgendein Grund“, korrigierte Martin und nahm einen Schluck von seinem 3. Glas Rotwein, „ich möchte wissen, was seinen Mörder zu dem Mord angestachelt hat.“

Einer der Ältesten antwortete: „Türmer war ein äußerst begabter Mann, ein Verlust für die gesamte Medizin besonders die Thoraxchirurgie.“

„Worauf hatte er sich denn im Besonderen spezialisiert?“, bohrte Martin weiter.

„Na, auf alles was so im Brustkorb an Wichtigem versammelt ist. Lunge und Herz vor allem.“ antwortete ein anderer Verbindungsbruder.

„Lass es für heute gut sein,“ polterte sein Vater, „wir feiern Geburtstag, ein anderes Mal.“

„Also auch Transplantationen?“, ließ sich Martin nicht abbringen.

„Mehr oder weniger“, antwortete einer, den er nicht kannte, und wandte sich Schwarz Senior zu: „Dein Sohn hat schon recht, mein Lieber. Wie muss einer beschaffen sein, der ein so tüchtiges Mitglied der Gesellschaft vernichtet?“

„Kennen Sie den Mann etwa, diesen Mörder oder leitet Sie ein ganz allgemeines Interesse?“, wollte ein Burschenschaftler in zünftigen Vereinsfarben wissen.

„Großer Gott, seit wann interessierst du dich für Medizin und Mediziner? Dein Gebiet sind doch die Seelen, wo immer sie stecken mögen“, setzte sein Vater nach. „Schluss für heute.“

„Besuchen Sie uns, dann erzählen wir Ihnen von Türmer!“, versprach jemand.

Melissa kam hinzu: „Mama ist eingeschlafen, wir sollten sie wecken und noch ein wenig mit ihr reden!“

Anschließend standen die Geschwister und ihre Partner vor dem Restaurant und teilten sich eine Tüte und eine zweite. Sie lachten nur noch über Blödsinniges. Franka blieb als einzige nüchtern.

~

Die Geburtstagsfeier hatte Martin in gehobene Stimmung versetzt. Sie war wesentlich friedlicher abgelaufen als die vorhergehenden, und er hatte vor Publikum einen anderen Standpunkt als sein Vater signalisiert. Das war noch ausbaufähig, aber immerhin besser als bisher. Verblüffend, wie seine Schwestern trotz aller Verschiedenheit zu ihm standen und Franka akzeptierten, außer mit Einschränkungen Marianne, für die sie zu souverän war.

Franka registrierte seine gute Laune an der Art, wie er sich durch das Haar fuhr, mit glänzenden Augen entspannt und elastisch wie eine Katze beidbeinig aus dem Bett sprang, um barfuß in die Küche zu eilen.

Als er den Kaffee ans Bett brachte, bemerkte er, sein Hangover hielte sich erstaunlicherweise in Grenzen. Einen kleinen Eimer Wasser würde er dennoch nebenbei in sich hineinschütten müssen.

Dieses Nacharbeiten eines Treffens mit anderen mochte Franka nicht. Sie wollte aber Martins Wunsch, ihm zu schildern, was sie denn alles mit seiner Mutter durchgenommen hätte, erfüllen: „Was hast du mit ihr beredet, dass sie dir sogar eines ihrer Herzensbücher geschenkt hat? Andere dürfen ihre botanischen Werke nicht einmal anfassen.“

Es war eine angenehme Nachlese für Franka. Bis zu diesem Geburtstag ihrer Schwiegermutter hatte sie angenommen, ihre botanischen Leidenschaften pflegte sie nur für sich allein. Gestern hatte sie entdeckt, wie gerne Karin über die botanischen Biografien von Pflanzen sprach. Das war eine atemberaubende Flughöhe, auf der sie ihr nicht folgen konnte. Sie hatte sich aufs Fragen beschränkt und las, konnte sie das Schildchen der Pflanzen entdecken, den Namen, memorierte ihn schnell ein paar Mal, während Karin ihr etwas dazu erzählte. Franka kannte nur sehr wenige Pflanzen. Martin hatte ihr einmal etwas von dem Götterarzt der griechischen Mythologie, Paian, erzählt, der die Pfingstrose zur Heilung der Krieger verwandt haben sollte, weshalb die Gattung Päonie genannt wurde. An Karins Strahlen erkannte Franka, wie sie absichtslos bei ihr angekommen war, endlich nach einigen Jahren mit herabgezogenen Mundwinkeln, hochgezogenen Augenbrauen und Ignoriertwerden, was sie meist wortlos hingenommen hatte. Selten hatte sie Martin gefragt, weshalb seine Mutter sie so ablehnte. „Hat nichts mit dir zu tun.“, war eine seiner Antwortvarianten. Das Buchgeschenk über Päonien, unter den staunenden Blicken derjenigen, die es gewahr wurden, es weitererzählen würden, hatte ihr Empfinden nur bestätigt. Ab jetzt würde sie etwas über Pflanzen lernen. Marianne wirkte nahezu bestürzt, als sie diese Szene beobachtete. Da wusste sie noch nicht, dass es ein Geschenk war.

„Sonst habt ihr nur über Pflanzen gequakt?“, lästerte Martin, um seine Rührung abzuschütteln.

„Sie hat gequakt, und ich habe nachgequakt, du Oberquaker aller Quaker, oder sollte ich Quäker sagen?“, ulkte Franka und schmiss sich im blauen Pyjama lachend in die Kissen.

Für Sekunden tauchte das Bild einer freundlichen Frau auf, die ihr etwas über Quäker erzählt hatte. Sie konnte sich jedoch nicht mehr erinnern, wohin diese überzählige Erinnerung gehörte und schwieg sie tot.

Martin verschränkte seine Arme und sprach im tiefsten Bass: „Lasst hören, meine Teuerste, welche Pflanzen hat meine edle Botanikerin und Mutter ihnen gezeigt?“

Zuerst fiel Franka aber die Szene ein, wie Karin plötzlich im asiatischen Teil sehnsuchtsvoll gefragt hatte: „Hast du auf deinen vielen Reisen vielleicht Hawaii kennengelernt. Oder warst du in deren botanischen Gärten? Es muss etwas ganz Besonderes sein.“

Das hätte Franka gerne bejaht, um ihr ein wenig von Hawaii zu erzählen. Wäre sie jemals dort gewesen, hätte sie außer dem Strand nichts gesehen, wenn überhaupt. Ihr „Leider nein!“ hatte Karin mit einem „Ach wie schade!“ beantwortet. „Würdest du sehr gerne dorthin fliegen?“, hatte sie schnell nachgehakt.

Karin hatte die dünnen Arme angehoben und fallen lassen, sich dann der nächsten Blüte zugeneigt.

„Ist es mir entgangen, dass du dich für Grünzeug interessierst?“, bohrte Martin.

„Deine Mutter ist eine Alleinfliegerin. Sag mal, sind nicht die die wahren Forscher, die nicht auf you must have, you must do hören, sich in Höhen und Weiten begeben, nur weil sie etwas wissen und erfahren, vielleicht auch erleben wollen?“

Martin plumpste ins Kissen, zog sich die Decke über den Kopf und Franka verstand: „Innenleben … Mutter … heute … nicht …“, und ließ ihn damit in Ruhe.

Er aber drängelte ein weiteres Mal, ihm von den Pflanzen zu erzählen, die sie Franka gezeigt hatte.

Franka meinte, diese Art Fragen diente nur Martins Unterhaltung und seiner unausgesprochenen Überprüfung ihrer Fähigkeiten und schwieg. Sie hatte noch nie über ihre Art der Wahrnehmung gesprochen und würde es aus Sorge, sie dann zu verlieren, auch niemals wollen. Martin hatte sich, als sie sich kennengelernt hatten, ein wenig über eidetische Merkfähigkeit informiert. Er wusste, sie hatte ein überdurchschnittliches Gedächtnis, das hie und da aufschien. Selten bezog er sich darauf, weil sie das nicht mochte, kalkulierte es aber oft ein.

Sie lagen nebeneinander, sahen aus dem Fenster.

„Hast du etwas vor?“ fragte sie, als er leicht über ihre Wange strich und tief durchatmete.

Franka befand sich bereits im Aufbruch in ihre Welt. „Willst du nicht vor mir ins Bad?“

Er knurrte und verschwand mit wenigen Riesenschritten.

Franka blickte nach innen gewandt, auf die, mit denen sie heute an Bord war. Sie kannte jeden, den sie nur einmal gesehen hatte, ohne das an die große Glocke zu hängen. Wenn sie es nicht schaffte, sich auf den jeweiligen Typ einzustellen, würde der beleidigt die Luft im Cockpit verpesten. Bei ihrem Langzeitflugprojekt Richtung Ausbilderin, Checkkapitänin, musste sie den engen Pfad zwischen souverän eindeutig und elastisch vieldeutig einhalten. Konflikte belasteten nur ihr Konto. Es war viel leichter geworden als zu Beginn ihrer Ausbildung, wo sie häufig über unsichtbare Schnüre stolperte und beinahe aufgegeben hätte. Damals half ihr ihr Vater, und später konnte sie mit Martin manchen Knoten aufdröseln.

Ein Kollege hatte ihr schon eine Nachricht geschickt, mit wem sie zusammen nach Australien fliegen würden. Da konnte sie vielleicht ein paar gemeinsame Stunden mit einer sympathischen Crew verbringen.

Dieser Abschied unterschied sich nicht von den vielen vorausgegangenen. Franka, in Uniform, geistig abwesend, wollte Martin nicht genau ansehen. Wollte nicht spüren, was es ein ums andere Mal bedeutete, sich zu trennen, in völlig unverbundene Sphären zu verschwinden. Sie telefonierten wenig, weil Franka in den Pausen gerade schlief, sich erholen musste, oder durch den Himmel zog und dieses Leben nicht mit ihm teilen konnte. Die Mischung aus Technik, Natur und konzentriertem Arbeiten ließ sich für sie nicht mitteilen.

So lange wie möglich wollte sie auf Langstreckenflügen unterwegs sein, einige Zeit an Orten verbringen, die in Reiseprospekten als Traumziele standen. Autogenes Training half ihr mühelos in den Schlaf, so dass Jetlag sie äußerst selten im Griff hatte.

Sie fühlte noch seinen prüfenden Blick, sein Bedauern, die Wärme seiner Hand auf ihrem Rücken. Ohne sich umzudrehen, verließ sie Wohnung und Haus, sah nicht zum Fenster empor, aus dem Martin ihr nachsah. Sie spürte, wie sein Blick ihr bis zum Taxi folgte. Weshalb ihm dieses Mal der Abschied schwer fiel, wollte sie nicht wissen. Er hatte einmal erzählt, welche Gedanken ihn beunruhigten, sobald er sie im Flugzeug vermutete. Sie verstand sie, lehnte sie angesichts der Realität, in der kaum Flugzeuge abstürzten oder gekidnappt wurden, als überflüssig ab.

~

Vielleicht lag es an diesem grauen Tag, der Berlin einen schmuddeligen Anstrich verlieh. Vielleicht entstand Martins gedämpfte Stimmung durch sein Grübeln über den Geburtstag seiner Mutter oder Petras Verhalten beim allerletzten Mal.

Er schloss die Praxistür ohne die Empfindung, einen guten Arbeitstag hinter sich zu haben. Rasch trank er Wasser, schmierte sich ein belegtes Brot, das er auf der Fahrt ins Westend aß.

Diesmal stieg er die wenigen Stufen zu Albertinas Wohnung im Hochparterre in Gedanken an sie hoch. Sie mussten ihrem schwachen Herzen irgendwann zum Hindernis geworden sein.

Er wanderte langsam durch die Wohnung, in der sie ihre letzten Tage verbracht hatte. Behutsamer als bei seinem ersten Besuch bewegte er sich durch die hohen Räume. Es war ihm, als dürfte er nicht stören, sich nicht zu sehr ausbreiten.

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