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Ein Lord für Miss Lily

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1. KAPITEL

Almack’s, Ende März 1815

Ich gebe zu, meine Liebe, die Sache wäre amüsant, wenn sich nicht mein eigener Cousin mit diesem Geschöpf eingelassen hätte, aber bei ihm finde ich es einfach nicht lustig.“

Lily France, die hinter dem Wandschirm ihr Strumpfband neu befestigte, erkannte die Stimme von Lady Angela Hardy, sobald die junge Dame den Raum betrat. Nach einer Schrecksekunde ballte sie ihre Finger zur Faust zusammen.

„Oh, ich verstehe das und fühle mit Ihnen.“ Die Stimme der zweiten Sprecherin triefte vor Verständnis. „Sie ist so gewöhnlich – die ganze Familie wird am Boden zerstört sein, wenn Ihr Verdacht stimmt. Diese unmöglichen Haare! Und ihre Kleidung. Kein Wunder, dass sie noch ledig ist.“

„Bei der Menge Geld?“ Die dritte Frauenstimme klang schroffer. „Ich kann Ihnen nicht beipflichten. Ich persönlich wundere mich, dass sie sich keiner bis jetzt geschnappt hat, trotz ihres Großvaters, des Teehändlers, ihrer roten Locken und ihres Alters. Im ton wimmelt es ja nur so von Gentlemen, die dringend eine Erbin heiraten müssen, weil es mit ihrem eigenen Vermögen nicht zum Besten steht. Man hat schon oft genug schlimmere Eigenschaften als rotes Haar und eine niedere Geburt vernachlässigt – und wenigstens sind ihre Eltern bereits tot.“

Lily zerrte heftig an dem unfertigen Knoten und band das Strumpfband so eng, dass es ihr das Bein abzuschnüren drohte. Beim Aufrichten erblickte sie flüchtig ihr Spiegelbild und schob eine lose Strähne kastanienbraunen Haares hinters Ohr. Es war nicht rot. Und was genau war an ihren Kleidern auszusetzen? Nichts, außer dass die drei Hexen sich so etwas Feines nicht leisten konnten.

Lady Angela und ihren zwei Busenfreundinnen, Miss Fenella George und Lady Caroline Blackstock, schien es nicht eilig zu sein, in den Ballsaal zurückzukehren. Bestimmt haben sie keine Tanzpartner, dachte Lily herzlos und lugte durch eine offene Fuge in der Schirmtäfelung. Dem Gesichtsausdruck Angelas nach zu urteilen würden ihre Freundinnen ihre spöttischen Bemerkungen über das Alter noch bereuen; Lily, der die giftigen Worte galten, war zwar sechsundzwanzig, aber Angela zählte so gut wie fünfundzwanzig Jahre und stand genauso in Gefahr, sitzen zu bleiben.

Wie sie es von ihrem Vater gelernt hatte, schloss Lily die Augen und dachte an etwas Beruhigendes. „Lass dich nie von deinen Launen beherrschen, Lily, mein Mädchen“, hatte Papa oft gesagt. „Wir Rotschöpfe sind schon genug im Nachteil, auch ohne zusätzlich Aufsehen zu erregen. In Wut zu geraten ist schlecht – behalte die Ruhe und zahle es ihnen später heim.“

Die Tür ging wieder auf und ließ eine Schar junger Mädchen herein, die Gesichter noch gerötet von den Anstrengungen eines ländlichen Tanzes. Nein, ich zahle es ihnen jetzt heim. Bestimmt würde sie es bereuen, aber sie hatte es gründlich satt, die sanftmütige junge Dame zu spielen und so zu tun, als ob sie die schnippischen Bemerkungen über ihre Herkunft, ihr Geld oder ihr Aussehen nicht hörte.

Mit schwingenden, rüschenbesetzten Seidenröcken rauschte Lily hinter dem Wandschirm hervor. Ihr Anblick brachte Angela wirkungsvoll zum Schweigen.

„Lady Angela, Lady Caroline, Miss George.“ Lily machte einen anmutigen kleinen Knicks. „Es war wie immer sehr erbaulich, Ihre Ansichten zu vernehmen, aber dürfte ich mir erlauben, einen kleinen Hinweis zu geben, Lady Angela? Ich hörte, wie zwei der Patronessen am frühen Abend darüber sprachen, dass Sie diese Saison wieder das Pech hatten, keinen Antrag zu erhalten. Die Damen waren der Meinung, es liege an Ihrem Hang zu spitzen Bemerkungen. Als was wurden Sie noch bezeichnet?“ Lily runzelte kurz die Stirn, als müsse sie nachdenken. „Ach ja, als die ‚blassgesichtige alte Jungfer mit der Zunge einer Kreuzotter‘. Ich fand das ungerecht. Zumal ich sicher bin, dass genügend hochwertige Hautcreme selbst den blässlichsten Teint verbessern kann. Gegen eine solche Zunge kann sie natürlich nichts tun.“

Mit süßem Lächeln fegte Lily an den gerade hereinkommenden Mädchen vorbei und ignorierte die helle Wut auf den Gesichtern des Trios, zu dem sie gesprochen hatte. Bevor die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, hörte sie gerade noch die ersten Worte, die Lady Angela hervorstieß.

„Dieses ordinäre kleine Frauenzimmer! Das wird sie noch bereuen, falls sie …“

Musik und das Gemurmel vieler Stimmen übertönten die folgenden Drohungen, während Lily den größten Gesellschaftsraum bei Almack’s betrat. Zwar bereute sie, die Fassung verloren zu haben, doch war sie wenigstens so diskret gewesen, den Namen der Patronesse nicht zu nennen, von der das vernichtende Urteil stammte.

Auf dem Weg zu ihrer Anstandsdame fiel ihr Blick auf die elegante Gestalt eines Mannes, der gerade hereinkam.

Adrian.

Endlich! Wie üblich war er kurz angebunden gewesen, als sie vor ein paar Tagen vorsichtig herauszufinden versucht hatte, ob er an diesem Abend da sein würde, und Lily war inzwischen so klug, seine Geduld nicht auf die Probe zu stellen, indem sie insistierte. Aufregend genug, dass ein Baron Interesse an ihr zeigte; aber dass der gut aussehende, selbstsichere, überaus stolze Lord Randall drauf und dran war, ihr einen Antrag zu machen, grenzte an ein Wunder.

Er ließ den Blick seiner kühlen blauen Augen durch den Raum wandern, bevor er sich umdrehte und etwas zu den Gentlemen sagte, die mit ihm hereingekommen waren. Wen suchte er? Etwa sie selbst? Oder ein Familienmitglied – seine Cousine Angela, zum Beispiel? Und würde Angela ausplaudern, dass die vulgäre Miss Lily France sie beleidigt hatte? Natürlich würde sie das.

Lily fuhr sich mit der Zungenspitze über ihre plötzlich trockenen Lippen. Wenn Lord Randall ihr jetzt durch die Finger glitt, wäre der Ehrgeiz ihres Vaters umsonst gewesen und die zukünftigen gesellschaftlichen Aussichten ihrer Familie und ihr eigenes sorgfältig geplantes Leben ebenfalls dahin. Adrian Randall galt als führendes Mitglied des ton, trotz seiner allseits bekannten Schulden und seiner verschwenderischen Lebensweise, und sollte er die „Enkelin des Lebensmittelhändlers“ verschmähen, würden es sich die anderen wohlhabenden Anwärter zweimal überlegen, diejenige, die er zurückgewiesen hatte, doch noch zu nehmen.

Nun kam Adrian auf sie zu. Er hatte es nicht eilig und begrüßte Freunde auf seinem Weg. Weil sie an die scharfe Kritik ihrer Anstandsdame und die Warnungen ihrer Tante dachte, beherrschte Lily ihre Ungeduld und wartete bescheiden. Ja, er sah wirklich gut aus: schlank, blond und gelassen – ein echter Gegensatz zu ihrem kastanienroten Haar, ihren lebhaften grünen Augen und ihrer unerschöpflichen Energie.

Schließlich stand er vor ihr, und sie brachte einen Anschein von Überraschung zustande. Lady Billington, ihre Anstandsdame, der sie eine horrende Summe für ihre Dienste zahlte, wäre zutiefst befriedigt gewesen, wenn sie hätte zusehen können.

„Mylord.“ Auch ihr Knicks war ein Erfolg hart erlernter Etikette.

„Lily.“ In Randalls kühlem Ton lag ein Funke Leidenschaft, als er ihre Hand an seine Lippen hob und sie für einen gewagten Augenblick zu lange in der seinen hielt. „Sie sind wunderschön heute Abend. Ich glaube nicht, dass ich Ihre Augen schon einmal so habe funkeln sehen.“ Ihr Herz schlug schneller, und ihr wurde etwas flau. Die Nerven, nichts weiter.

Tante Herrick, die völlig in der Mission aufging, ihre Nichte an ein Mitglied der Aristokratie zu verheiraten, hatte es unverblümt ausgesprochen. Gib ihm, was er möchte, Lily – was es auch ist. Jetzt darfst du nicht zimperlich sein. Er ist ein Gentleman und wird tun, was sich ziemt. Und überhaupt: Wer wird schon wissen, was vorher war, wenn ihr erst einmal verheiratet seid?

Beim Gedanken daran, was Adrian zu wünschen schien, wurde es Lily eher schwindlig, als dass sie etwas für ihn empfand. Sie war sich nicht einmal sicher, ob sie ihn mochte. Das stellte aber durchaus kein Hindernis für eine Heirat dar, wie ihre Tante ihr versichert hatte. Sympathie spielte dabei keine Rolle. Und Liebe schon gar nicht.

Sie, die Urenkelin eines hart arbeitenden Zimmermannes, die Enkelin eines ehrgeizigen Kaufmanns und die Tochter eines Teehändlers – eines sehr, sehr reichen Teehändlers – gehorchte einem Schicksal, das man im Augenblick ihrer Geburt bereits festgelegt hatte. Sie war dazu bestimmt, einen hohen Adligen zu heiraten und die Mutter englischer Gentlemen zu werden. Das war die Pflicht, die sie erfüllen musste.

Papa hatte ihr sogar erklärt, was für ein Glück es bedeutete, dass sie ein Mädchen war, weil es für einen Sohn viel schwieriger gewesen wäre, die Mauern zu überwinden, die Englands Oberschicht umgaben.

Aber seine lange, todbringende Krankheit, die ihn während eines gemeinsamen Besuches von Teeplantagen in Indien ereilt hatte, ihre Trauerzeit, die lange Reise zurück nach England und die Notwendigkeit, eine passende Anstandsdame zu finden – all das verzögerte ihre Einführung in die Gesellschaft, sodass sie inzwischen unmögliche fünfundzwanzig Jahre alt und nur noch wegen ihres großen Vermögens für den Heiratsmarkt interessant war.

Lily rang sich dazu durch, Lord Randall ins Vertrauen zu ziehen. Wenn er sie mit Missbilligung strafte, war der Fall hoffnungslos. „Ich muss Ihnen gestehen, dass ich gerade meine Fassung verloren und höchst unklug gehandelt habe“, erklärte sie.

„Ach wirklich?“ In Adrians himmelblauen Augen schimmerte Interesse. „Lassen Sie hören.“

„Sie werden verärgert sein.“

„Das könnte anregend wirken.“ Er senkte seine Stimme, sodass es sie an das Schnurren eines Katers erinnerte.

Lily verstand nicht ganz, was in ihm vorging, aber sie spürte, wie sie unter seinem Blick errötete.

„Ich habe Ihre Cousine, Lady Angela, beleidigt“, platzte sie heraus, ganz ohne die eigentlich beabsichtigte Finesse. „Ich fürchte, etwas, das sie über mich sagte …“

„Sprechen Sie nicht weiter.“ Adrian winkte mit seiner gepflegten Hand ab. „Angela ist ein zänkisches Weib. Sie braucht einen Ehemann, doch mit ihrer bösen Zunge wird sie nie einen bekommen. Sie wird sitzen bleiben, und das hat sie nur sich selbst zuzuschreiben.“

„Aber …“

Das offensichtliche Missfallen in seiner Miene erschreckte sie. Adrian mochte keinen Widerspruch. „Angela ist langweilig. Und ich hasse Langeweile.“ Er blickte sich in dem vollen, stickigen Saal um. „Genau genommen ist die ganze Gesellschaft hier fürchterlich fade. Ich kann mir wirklich Interessanteres vorstellen.“

Plötzlich kehrte die Leidenschaft in seine Augen zurück und rührte etwas unmittelbar in ihr an. Das Gefühl war nicht wirklich angenehm, denn ihr stockte der Atem, und ihr Herz schlug schneller. Aber es war erregend, so angesehen zu werden, sich geliebt und begehrt zu fühlen. Sittsam schlug Lily die Wimpern nieder.

„Etwas Interessanteres? Wohl kaum hier, bei Almack’s?“ Ihr eigenes Lachen klang falsch in ihren Ohren.

„Nein. Nicht hier. Kommen Sie mit mir, Lily.“ Er streichelte die Innenseite ihres Handgelenks und stand ungehörig dicht bei ihr. Sie fühlte seine Körperwärme, was die verwirrenden Empfindungen in ihr noch verstärkte, auch wenn es nicht unangenehm war.

„Aber wohin denn?“

Er lachte leise. „Ich denke, wir sollten uns besser kennenlernen, meine Liebe – bevor wir es öffentlich bekannt geben.“

„Sie meinen … Mylord, machen Sie mir einen Antrag?“

Adrian zog sie hinter einen Vorhang und umarmte sie. Der schwere Brokat schied sie ab von all dem Geplauder und der Musik, als ob sie an einem geheimen Ort verborgen wären. „Heißt das, ich wäre willkommen, Lily? Meine schöne Lily …“ Sein Mund war dem ihren auf einmal sehr nah. Beinahe vermischte sich ihrer beider Atem.

„Ja. Und ich glaube, dass Sie das wissen sollten, Sir.“ Eigentlich war sie sich überhaupt nicht sicher, aber so, wie sie Adrian Randall in den vergangenen Wochen ermutigt hatte, wäre es abgefeimt und kokett gewesen, hätte sie es nicht ehrlich gemeint. Schließlich war sie es ihrer Pflicht schuldig, einen Mann wie ihn zu finden: adlig, vornehm und mit Verbindungen zu allen Kreisen der aristokratischen Welt.

„Dann kommen Sie mit mir. Wir können … alles besprechen. Allein.“

„Sie meinen, Sie fahren mich nach Hause?“ Es war ihr klar, dass er das nicht beabsichtigte. Aber die Tante hatte ihr erklärt, dass man das Spiel mitspielen musste.

„Schon möglich.“ Adrian lächelte, die blauen Augen belustigt zusammengekniffen.

„Aber meine Anstandsdame? Lady Billington …“

„Janey Billington wird ein Auge zudrücken. Ich denke, sie wäre überrascht und enttäuscht, wenn wir den ganzen Abend hierblieben, meinen Sie nicht?“ Nun strich er mit dem Handrücken über die weiche Haut ihres Nackens.

Lily fühlte ihre Lider vor Hingabe schwer werden. Kann das die Liebe sein? Sonst würde ich doch so etwas nicht empfinden?

„Also gut.“ Es war, wie ins Dunkel hinauszutreten. Wohin würde er sie führen?

„Gehen Sie nur und sagen Sie Lady Billington, dass Sie Kopfschmerzen haben und ich Sie nach Hause bringe.“ Er nahm ihren Arm, und sie traten hinter dem Vorhang hervor, wobei er den entrüsteten Blick einer Matrone völlig unbekümmert ignorierte. „Ich komme mit Ihnen.“

Als sie sich den Anstandsdamen näherten, stellte sich ihnen Lady Angela mit hochroten Wangen in den Weg. „Adrian! Dieses gemeine Frauenzimmer …“

„Hast du wieder mal in eine Zitrone gebissen, Angela?“ Adrian sprach in scharfem Ton. „Ich glaube kaum, dass wir dein boshaftes Gerede hören wollen. Und gib acht, liebste Cousine, oder dieser Gesichtsausdruck bleibt an dir hängen.“

Als sie beide kurz darauf das Almack’s verließen, meinte Lily, alles nur zu träumen. Angelas zorniges Gesicht, als Adrian sie einfach hatte stehen lassen, Lady Billingtons entgegenkommendes, wissendes Lächeln, die übertrieben höflichen Gesichter der Diener, die ihre Umhänge holten – alles wirbelte durcheinander. Und in ihrem Kopf hallte Tante Herricks Stimme: Du kannst es dir nicht leisten, so wählerisch wie die kleinen adligen Damen zu sein. Dein Geld ist schön und gut, aber du wirst ihm die bittere Pille versüßen müssen, die deine niedere Geburt für ihn bedeutet. Du kaufst seinen Namen, und dafür brauchst du jeden Penny und noch etwas obendrauf.

Er half ihr in die Kutsche, seine Hand lag warm auf ihrem Arm; jede seiner Gesten war elegant und respektvoll. „Nach Hause, Granger.“

Der Wagen fuhr schnell in den nächtlichen Nebel auf den St. James’s Square hinaus. Dort loderten Fackeln, und aus den Hauseingängen schien Licht durch die trüben feuchten Schwaden des Abends. Die bittere Pille versüßen. Nein, bestimmt wollte Adrian sie genauso um ihrer selbst willen wie ihres Geldes wegen! Ganz sicher war sie sich aber nicht.

Adrian rutschte neben sie und ergriff ihre Finger. Lily erwartete, dass er ihr die Hand küssen werde, doch stattdessen bog er sie zurück, um die zarte Haut an der Innenseite ihres Handgelenks zwischen den winzigen Perlknöpfen ihrer langen Abendhandschuhe zu liebkosen. Seine Lippen waren sehr warm – und fühlten sich noch heißer an, als er sie in seine Arme zog und ihren Hals zu küssen begann.

Lily erstarrte und versuchte dann, sich zu entspannen. Schließlich war er der Mann, den sie heiraten würde, und sie sollte seinen Annäherungsversuchen nicht zurückhaltend begegnen. Aber niemand hatte bisher versucht, sie körperlich zu besitzen, sodass es sich einfach … merkwürdig anfühlte.

Nein, nicht nur das. Es fühlte sich furchtbar an. Sie schluckte eine aufkommende Panik hinunter und versuchte, ein wenig wegzurutschen. Adrians Atem ging schwer; sein Mund, der über ihre Haut wanderte, war nicht nur heiß, sondern auch feucht, und seine Hände schienen überall zu sein.

Als Lily sich wehrte, drückte er sie nach hinten auf den Sitz. Er umklammerte ihren Oberarm ein wenig zu fest, aber seine Lippen und sein Gewicht erstickten ihren Protest.

„Nein!“ Lily schaffte es, ihren Mund freizubekommen. „Adrian …“

Seine andere Hand war unter ihren Röcken und schob sich geübt und mühelos über ihre Strumpfbänder auf die bloße Haut ihrer Schenkel. In ihrer Angst warf sich Lily krampfhaft hin und her, zu vernünftigem Denken oder gar Sprechen nicht mehr in der Lage. Da neigte die Kutsche sich in der Kurve ruckartig zur Seite, und er rollte fluchend von ihr hinunter.

„Adrian, bitte nicht, nicht hier, nicht so …“

„Oh doch, genau so.“ Im Licht der Straßenlaternen, welches das Innere des Gefährts von Zeit zu Zeit erhellte, erblickte Lily flüchtig Adrians Gesicht. Es war gerötet; er keuchte mit offenem Mund, und den Ausdruck auf seinen Zügen konnte sie trotz ihrer Unerfahrenheit unschwer verstehen. Ihre Furcht erregte ihn genauso wie die Tatsache, dass sie halb öffentlich in einer Kutsche mit hochgezogenen Rouleaus unterwegs waren – und er war offensichtlich nicht geneigt, Widerstand zu dulden.

Adrian griff nach ihr, und Lily zuckte zurück. Dabei riss er ihr den Umhang auf. „Verdammt, halt still! Ich werde dir nicht wehtun.“

Aber das würde er tun. Auch wenn sie darauf gefasst war, dass es ein wenig schmerzen würde, wenn sie ihre Jungfräulichkeit verlor – Adrian versuchte nicht einmal, vorsichtig zu sein. Mit einem sehnsuchtsvollen Stöhnen griff er nach dem Ausschnitt ihres Kleides und zog sie zu sich heran. „Mach nicht so ein Getue, Lily.“ Damit presste er seinen Mund auf den ihren.

Lily tastete auf der Rückenlehne blind nach etwas, das sie als Waffe verwenden könnte, hielt aber plötzlich die Arretierleine in der Hand. Erleichtert zog sie daran, worauf die Kutsche langsamer wurde und anhielt.

„Verflucht, was ist los?“ Adrian löste sich von ihr und schob das Fenster mit einem Ruck herunter. „Granger, was zum Teufel fällt Ihnen ein?“

Lily riss derweil am Türgriff auf der anderen Seite des Wagens. Halb sprang sie, halb fiel sie auf den Fahrdamm. Wo war sie? Wie in einem Albtraum waberte Nebel um die Fackeln und Laternen der Durchgangsstraße, die von Droschken und Privatkutschen, Handkarren und Sänften verstopft war. Auf dem Gehsteig befanden sich hauptsächlich Männer, aber auch stark geschminkte, federgeschmückte Damen. Lily kämpfte, den Griff immer noch festhaltend, um ihr Gleichgewicht und blickte sich um. Piccadilly also – wenigstens wusste sie, wo sie war.

„Komm sofort wieder rein, Lily!“ Adrian rutschte über den Sitz und langte nach ihr. Lily rannte los und fühlte, wie ihr das Cape von den Schultern gerissen wurde. Sie wandte den Kopf und sah Adrian aus der Kutsche springen. Dieser Moment der Unachtsamkeit wurde ihr fast zum Verhängnis, denn sie stolperte über den Randstein und stürzte; aber nur, um von einem grobschlächtigen Hünen aufgefangen zu werden.

„Ich soll verdammt sein, was fällt mir denn hier Hübsches in die Arme!“ Der riesenhafte Kerl schob ihr seine dicken Finger unters Kinn. „Lass dich anschauen, Liebling!“

„Nein!“, schrie Lily auf, riss sich los und rannte weiter, auf der Suche nach einem Versteck. Nebelschwaden umgaben sie, als neben ihr eine Tür aufging und sie einen Blick ins Innere eines Hauses erhaschte – einen Raum, der so bunt und unwirklich wirkte wie ein Bühnenbild. „Hatchett’s Coffee House“ stand auf dem Schild über der Tür. Ihre rettende Zuflucht!

In der hinteren Ecknische saß ein hoch gewachsener Gast und schaute in Richtung der Tür, die sich gerade geschlossen hatte. Seine Miene blieb genauso ausdruckslos wie vorher, als er seinem Gegenüber die Hand geschüttelt und ihm Gute Nacht gewünscht hatte. Jetzt lehnte er sich zurück und rieb sich mit beiden Händen über das Gesicht, als könne er die Anstrengungen des Abends, all die diplomatische Überzeugungsarbeit, die zu nichts geführt hatte, auf diese Weise wegwischen.

Was blieb noch übrig, nun, da ihm auch sein Hauptinteressent Hotchkinson eine Absage erteilt hatte? Der Mann blätterte in seinem Notizbuch. Ein paar Bekanntschaften, die er auffrischen konnte, eine oder zwei Ideen, die vielleicht zu Ergebnissen führen mochten, bevor ihm das Geld ausging und er wieder nach Hause fahren musste. Für das Londoner Wagnis hatte er sich einhundert Pfund zugestanden, die er genauso vorsichtig einteilte wie eine kluge junge Dame ihr Budget für die Einführungssaison. Seine Ausgaben waren von weit nüchternerem Charakter, hatten aber dasselbe Ziel: einen reichen Mann zu kapern. Indes war er rasch zu dem Schluss gekommen, dass das, was er anzubieten hatte, weit weniger attraktiv war.

Er rief den Kellner und bestellte das Menü des Hauses. Es gab billigere Speiselokale, aber er hatte dieses ausgewählt, um Hotchkinson zu beeindrucken. Nun jedoch, da er schon einmal hier war, wollte er sich auch etwas gönnen. Als der Diener mit dem Essen und einem Humpen Porter kam, bat er um Papier und Tinte. Es war angenehmer, den Abend an diesem warmen, lauten Ort zu verbringen, als in seinem Zimmer im Green Dragon in der Nähe der Compton Street.

Er schaufelte gekochten Schinken und Gemüse in sich hinein, zog dann wieder sein Notizbuch hervor und begann, eine Anzeige zu entwerfen.

Investitionswillige Personen … Nein, zu langatmig. Eine attraktive Investition … Offensichtlich wurde sein Unternehmen aber als unattraktiv und altmodisch eingestuft. Für einen Kanalbau zu werben wäre da schon etwas anderes.

Er machte eine Pause, um ein Stück Brot abzubrechen und sich zur Anregung die Anzeigen im aktuellen „Morning Chronicle“ anzusehen.

werden die näheren Umstände im Gasthaus Green Dragon erklärt

Und wenn das nicht klappte? Wie lange konnte er es sich noch leisten, in London zu bleiben? Er blätterte zum Ende des Buches und rechnete schnell nach, denn er musste vorsichtig kalkulieren, wenn er nicht im Gepäcknetz der Postkutsche nach Hause fahren wollte.

Krachend schlug die Tür auf, und feuchte Luft wallte in den warmen Raum. Er blickte hoch, wie die meisten Männer an den Tischen um ihn herum, und ließ langsam seine Feder sinken. Denn die Person, die hereinstolperte, war nicht betrunken, wie man hätte erwarten können; niemand, der eine Tasse starken Kaffee oder eine Mahlzeit brauchte, um nüchtern zu werden.

Die junge Frau, die die Tür hinter sich zustieß und sich dagegenlehnte, war keine Straßendirne. Auch keine der teuren Kurtisanen, wie sie sich in der eleganten beau monde tummelten. Dies war eine Dame, die nicht hierher gehörte und so durcheinander wirkte, als habe ein Wirbelwind sie von Almack’s in dieses Kaffeehaus getragen.

Über ihrem Kleid, das, wie sogar er erkennen konnte, nach der letzten Mode geschnitten war, trug sie keinen Umhang. An ihren Ohren und auf ihrem Dekolleté blitzten Diamanten mit dem unverwechselbaren klaren Feuer echter Edelsteine. Ihr volles kastanienbraunes Haar war sorgfältig frisiert und unter Verwendung weiterer Pretiosen hochgesteckt. Er korrigierte sich: Sie schien nicht von Almack’s, sondern vom königlichen „Carlton House“ hierher gefegt worden zu sein. Es hätte ihn nicht überrascht, den Prinzregenten ihr hinterdrein stolpern zu sehen. Die anderen Gäste glotzten sie an wie ein Traumbild, ohne sich zu rühren.

Mit weit aufgerissenen grünen Augen starrte die junge Frau in die Runde und blickte ihn an – und ehe er sich’s versah, stand er auf. Ihr Kleid war zerrissen, ihr Haar halb aufgelöst; sie steckte offenbar in Schwierigkeiten. Als er auf sie zutrat, streckte sie ihm ihre Hand entgegen. „Bitte, Sir, ich flehe Sie an, helfen Sie mir, mich zu verstecken!“

2. KAPITEL

Lily hätte nicht sagen können, warum sie sich ausgerechnet an diesen Mann wandte. Vielleicht nur, weil er so groß war, dass sie sich unwillkürlich sicher bei ihm fühlte. Als er aufstand, bemerkte sie die breiten Schultern unter seinem nicht gerade modischen, aber anständigen Gehrock. Das dunkle Haar, das einen Schnitt dringend nötig hatte, trug er zurückgebunden. Er unterschied sich so stark von Adrian, dass sie vor Erleichterung beinah in Tränen ausgebrochen wäre.

„Bitte, Sir, verstecken Sie mich! Ad… ich werde verfolgt.“

Sein Blick verweilte kurz auf ihrem Ausschnitt, dann presste er die Lippen zusammen. „Er hat Ihnen wehgetan“, stellte er fest und reichte ihr die Hand. „Kommen Sie zu mir.“ Lily ließ sich auf die Bank neben ihn ziehen, hinter deren hohem Seitenteil sie vom Eingang aus nicht gesehen werden konnte. Er aber blieb stehen und ließ seinen Blick über die sichtlich interessierten Gäste des gut besuchten Kaffeehauses wandern. „Niemand ist hier während der letzten fünf Minuten hereingekommen“, sagte er fest. Seine Stimme trug, ohne dass er sich anstrengen musste. „Diese Dame ist nicht anwesend.“

Daraufhin wandten sich die Leute einander wieder zu, nahmen erneut ihre Gespräche auf, und so belebte sich der Raum aufs Neue. Lily atmete auf.

„Ich danke Ihnen, Sir …“

„Ducken Sie sich!“ Er schob sie nach unten, als die Tür aufschwang. Lily rutschte unbeholfen zwischen Bank und Tisch, bis sie neben dem Bein ihres Retters kauerte. Es gab so gut wie keinen Platz, und sie musste ihre Arme um seine Waden legen und ihre Wange an sein Knie pressen. Im Raum war es wieder still geworden, sodass man aus der Küche laute Stimmen und das Klappern von Geschirr hören konnte.

„Eine Dame ist gerade hier hereingekommen. Wo steckt sie?“ Lord Randall sprach zwar ruhig und herablassend, doch Lily merkte, dass er innerlich vor Wut schäumte.

Derart in die Falle geraten, zuckte sie zusammen, überzeugt davon, dass jeder mit dem Finger auf den Tisch zeigte, unter dem sie sich versteckt hielt. Aber dann spürte sie eine große Hand auf ihrem Kopf, die sie streichelte, als gelte es, eine ängstliche Katze zu beruhigen.

„Eine Dame ist hier nicht reingekommen, Sir.“ Der Saaldiener klang so gelangweilt, als wäre Adrian nichts weiter als ein junger Bursche auf Stadtausgang. „Und wir lassen auch keine anderen Frauen hier rein, falls sie welche suchen. An diesem Ort gibt es nur Gentlemen. Wenn Sie ein Paradiesvögelchen wollen, gibt’s weiter die Straße runter …“

„Nein, verdammt, ich suche keine Hure, du unverschämter Kerl! Komm schon, jemand muss sie gesehen haben!“ Adrian sprach fordernd, in herrischem Ton. Auch ohne nur ein einziges Gesicht sehen zu können, spürte Lily die Feindseligkeit ihrer Beschützer ihm gegenüber. Und wenn er Napoleon Bonaparte persönlich gejagt hätte; diesem hochfahrenden Herrchen hätten sie selbst den nicht ausgeliefert.

„Ich schätze, Sie irren sich, Sir“, sagte jemand mit spöttischer Höflichkeit. „Die Dame ist Ihnen wohl entwischt.“

Zwar schlug Adrian nun die Tür hinter sich zu, aber Lily stellte mit Befriedigung fest, dass ihn das einsetzende höhnische Gelächter noch erreicht haben musste.

„So ein ungehobelter Klotz“, stellte ein älterer Mann am Nebentisch fest. „Sie können sie nun wieder aufstehen lassen, Sir. Er ist weg.“

Lily tauchte auf und lächelte den interessierten Gesichter ringsum schüchtern zu. „Ich danke Ihnen“, sagte sie, womit sie einiges Nicken und Grinsen erntete; dann beschäftigten sich alle wieder mit ihren eigenen Angelegenheiten.

Der Saaldiener kam an den Tisch, nahm die leeren Teller weg und legte ein Tuch auf. „Eine Tasse Kaffee, Miss? Oder lieber eine Schokolade?“

„Eine Schokolade, bitte. Oh, aber ich habe kein Geld dabei.“ Sie zog einen Ring von ihrem kleinen Finger. „Würde es gehen, dass ich den zum Pfand hierlasse und morgen einen Lakai herschicke?“

Das ließ ihr Beschützer nicht zu. „Setzen Sie es auf meine Rechnung. Und das ist für Ihre überzeugende Darbietung.“ Damit gab er dem Saaldiener eine Münze.

Lily strich sich das Haar aus der Stirn und wandte sich ihrem Retter zu. „Ich danke Ihnen, Sir. Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn Sie mich nicht versteckt hätten.“

Die Augen unter seinen gleichmäßigen schwarzen Brauen waren dunkelgrau wie Schiefer, und sie schienen ihr direkt ins Herz zu blicken. Lily, die den Mann bisher kaum angesehen hatte, musterte nun sein Gesicht. Er hatte breite Wangenknochen, eine ausgeprägte Nase und ein starkes Kinn. Für seine Größe war er vielleicht ein wenig dünn; in letzter Zeit schien er ein paar Mahlzeiten ausgelassen zu haben.

Er wirkte auf Lily, als sei er es gewohnt, Befehle zu geben. Und ausgesprochen stark, besonders im Gegensatz zu Adrians nonchalanter Eleganz. Es lag nicht so sehr an seiner Größe, obwohl sie ihn, ausgehend von ihren eigenen ein Meter fünfundsechzig, auf über einen Meter achtzig schätzte. Vielmehr war er so muskulös wie jemand, der körperlich schwer arbeitete.

War er Handwerker? Oder Seemann? Aber er sprach gebildet, und seine Haltung verriet Selbstvertrauen.

„Soll ich nach jemandem schicken?“, unterbrach er ihre Gedanken. Lily merkte, dass er den Platz gewechselt hatte, um sie besser von den Rauchschwaden im Raum abschirmen zu können.

„Nein danke, aber vielleicht könnten Sie mir eine Mietkutsche rufen?“

„Sie werden ihn doch anzeigen?“ Dies war kaum als Frage gemeint.

„Nein! Warum sollte ich so etwas tun?“

„Wegen versuchter Notzucht“, schlug er mit sanfter Stimme vor.

„Oh.“ Lily lief dunkelrot an. „Nein … Ich meine, so war es nicht. Nicht wirklich.“

Er sagte nichts dazu, aber sein Blick auf ihr zerrissenes Kleid sprach Bände.

„Lord … ich meine, dieser Gentleman ist mein Verlobter. Wir haben uns missverstanden. Es war meine Schuld; ich hätte nicht mit ihm allein in der Kutsche fahren dürfen.“

„Es war keinesfalls Ihre Schuld. Er hatte kein Recht, Sie so zu behandeln. Lassen Sie mich das nicht noch einmal hören.“ Seine tiefe, ruhige Stimme bebte nun vor Ärger.

„Ich bezweifle, dass wir uns je wiedersehen“, gab Lily in leicht unterkühltem Ton zurück, „sodass sich dieses Problem nicht stellen wird.“ Ihr dämmerte, dass sie sich in alles fügen würde, was dieser Mann wünschte, wenn sie ihm jetzt nicht widersprach. Was eigentlich lächerlich war, denn er schien sie lediglich beschützen zu wollen.

Ihre kühle Haltung rief bei ihm nur ein Lächeln hervor, das ihn jünger wirken ließ. Wie alt mochte er sein? Ende zwanzig? „Ich sollte mich Ihnen vorstellen. Mein Name ist Jack Lovell.“ Dann fügte er hinzu: „Aus Northumberland.“

„Lily France. Aus London.“ Sie gab ihm die Hand, und er umschloss sie mit der seinen.

„Welch ein hübscher Name, Miss France.“

„Vielen Dank, Mr Lovell. Sie befinden sich weit weg von zu Hause. Sind Sie geschäftlich in London?“

„Ja, ich bin auf der Suche nach Investoren.“ Der Saaldiener erschien und stellte eine Tasse vor Lily hin, aus der ihr ein köstlicher, tröstlicher Duft in die Nase stieg.

„Investoren? Für was denn?“ Interessiert wandte sie sich ihm zu und vergaß Adrian für den Moment.

„Es geht um Dampfmaschinen für eine Kohlengrube. Nichts, worüber man sich mit einer jungen Dame unterhält, fürchte ich.“

„Ganz im Gegenteil“, protestierte sie. „Das Thema interessiert mich sehr. Sind Sie Maschinist, Mr Lovell?“ War er deshalb so muskulös?

„Nur als Amateur. Mir gehört die Grube.“

„Dann haben Sie wohl wegen des Transports auch mit Kanalbau zu tun?“ Sie trank einen Schluck von ihrer Schokolade. „Ich habe in einige Kanalbaugesellschaften investiert, aber noch von keinen Kanälen so weit im Norden gehört. Transportieren Sie Kohle für Privatkunden auf dem Seeweg über Newcastle nach London, oder versorgen Sie die benachbarte Industrie?“

Jack Lovells Gesichtsausdruck brachte sie zum Lachen. „Mein Vermögen wird zwar von Treuhändern verwaltet“, erklärte sie ihm, „doch ich möchte über die Investitionen Bescheid wissen. Mein Vater war Teehändler, das heißt, dass ich mehr vom Importieren verstehe als vom Herstellen von Gütern. Und nur sehr wenig über Bergbau.“ Sie merkte, wie wohltuend es war, offen über ihre Familie und ihre Geschäfte sprechen zu können, ohne vorgeben zu müssen, mit dem unfeinen Streben nach Gewinn nichts zu tun zu haben.

„Wir versorgen hauptsächlich London mit Kohle auf dem Seeweg. Ich würde gern auch mehr Industriebetriebe im Binnenland erreichen, aber in der Nähe der Grube gibt es noch keine Kanäle, sodass wir die Fracht vorerst ausschließlich übers Meer verschiffen müssen.“

Nachdenklich trank Lily ihre Schokolade. „Wozu benötigen Sie die Dampfmaschinen? Zum Abbau der Kohle oder um Wasser abzupumpen?“

„Miss France, Sie wissen wirklich, worüber Sie reden, nicht wahr? Normalerweise dauert es eine halbe Stunde, bis ich mit einem potenziellen Investor zu diesem Punkt gelange.“ Er lächelte sie an.

Lily genoss das Lob und lächelte zurück. Ihre Treuhänder hielten es für selbstverständlich, dass sie die sie betreffenden Fakten prüfte, alle anderen hingegen unterlagen der Vorstellung, dass Frauen keine nennenswerten geistigen Fähigkeiten besaßen. So war sie es nicht gewohnt, dass ihre Kenntnisse gewürdigt wurden.

„Ich brauche sie zum Abpumpen, sie können aber auch zum Belüften eingesetzt werden. Das Heben der Kohleladungen wäre eine dritte Möglichkeit.“

„Ich muss zugeben, dass die Grenze meiner Kenntnisse über Dampfmaschinen erreicht ist“, teilte sie ihm mit. „Sagen Sie bitte …“

„Nein. Sie sollten nicht länger an einem Ort wie diesem bleiben, noch dazu mit einem fremden Mann. Nun, da Sie sich ein wenig erholt haben, werde ich Ihnen eine Droschke rufen. Trinken Sie in Ruhe Ihre Schokolade; ich bin bald zurück.“

Lily sah ihm nachdenklich hinterher, als er auf die Tür zusteuerte. Mr Lovells Dampfmaschinen könnten eine Investition wert sein, sagte sie sich. Sie würde mehr darüber herausfinden müssen. Natürlich hatten seine breiten Schultern und seine männlich ruhige, überlegene Art nichts damit zu tun, auch wenn sie beides auf angenehme Weise aufregend fand. Spontan riss sie sich die Tanzkarte vom Handgelenk und kritzelte mit der Feder ihres Retters ihre Adresse darauf.

Dieser stand plötzlich wieder neben ihr. „Draußen wartet eine annehmbar saubere Kutsche. Der Fahrer wird Sie heimbringen.“

Also erhob Lily sich und hielt ihm die Karte hin. „Ich danke Ihnen, Mr Lovell. Hier ist meine Adresse. Wenn Sie noch einen Investor für Ihre Dampfmaschinen brauchen, lassen Sie es mich wissen.“

„Madam, erlauben Sie?“ Galant begleitete er sie nach draußen zu dem wartenden Gefährt. „Darf ich es wagen, einen Rat auszusprechen? Finden Sie einen anderen Mann, der versteht, dass Sie es wert sind, auf Sie zu warten.“ Hastig stieg sie ein. Durchs Fenster konnte sie ihm gerade noch die Hand reichen und ein paar Dankesworte sagen, als er auch schon zurücktrat, um dem Fahrer ihre Adresse zu geben. Dann winkte er zum Abschied.

Ich weiß nicht, wie ich ihn wiederfinden kann. Lily lehnte sich schnell aus dem Fenster, aber er war schon im Nebel verschwunden. Enttäuscht ließ sie sich in die zerknautschten Polster sinken und zwang sich, darüber nachzudenken, wie es mit Adrian weitergehen sollte.

Die Illustrationen im Modemagazin La belle Epoque waren diesen Monat ganz entzückend. Lily glättete die Seiten des Journals und versuchte, beim Betrachten der neuen Straßenkleider Zerstreuung zu finden. Drei Reihen Rüschen mit Lochstickerei am Saum, betont durch französische Knoten aus dunkelblauem Band; der Rock aus Baumwollstoff wurde unter der Brust geschnürt und kontrastierte mit dem aus blauem Samt gefertigten Mieder sowie Ärmeln aus dem gleichen Stoff. Sie kniff die Augen zusammen und überlegte, welche Exemplare aus ihrem Schmuckkästchen wohl am besten dazu passen würden. Erste Wahl waren natürlich die goldgefassten Smaragde, aber es gab ja eine verstaubte Regel, die farbige Edelsteine am Morgen für unpassend erklärte. Wie auch immer: Selbst wenn sie nur Perlen trug, würde Adrian ihr Aussehen bewundern.

Gedankenverloren biss Lily in ihren kalt gewordenen Toast. Sie war dankbar dafür, dass Tante Herrick wie üblich das Frühstück in ihrem Zimmer einnahm, wo sie nahezu den halben Tag verbrachte, bis sie sich später für eine Kutschfahrt oder zum Einkaufen hervorbequemte.

Es war ein Zugeständnis an die Regeln der Ehrbarkeit, dass die Schwester ihrer Mutter bei ihr wohnte, aber Mrs Herrick war ihrer Nichte keine besonders aufmerksame Wächterin. Die etwas exzentrische Tante hielt für ihre Nachlässigkeit eine treffende Ausrede parat. Als Müllerswitwe könne sie ihr sowieso nicht helfen, höheres Ansehen zu gewinnen, und dies getrost der Begleitung Lady Billingtons überlassen, wann immer Lily einem gesellschaftlichen Ereignis beiwohnte.

Aber Mrs Herrick war eine begierige Zeitungsleserin und damit bestens über die Glitzerwelt informiert, in die sie Lily hingebungsvoll hineinzumanövrieren versuchte. Und da sie schon früher, als sie den wohlhabenden Mr Herrick für sich gewinnen wollte, hinsichtlich der Vorgehensweise keine Bedenken gehabt hatte, war sie ähnlich frei von Vorbehalten, wenn es nun galt, Lord Randall einzufangen.

Ihre Strategie hatte sich als nur allzu wirkungsvoll erwiesen. Zu Lilys Verblüffung war Adrian noch am Morgen nach dem vernichtenden Vorfall in Piccadilly auf ihrer Schwelle erschienen und hatte seinen Heiratsantrag wiederholt.

„Aber letzte Nacht …“, hatte sie gestammelt und dabei gemerkt, dass sie davon ausgegangen war, ihn nie wiederzusehen.

„Lily, Liebling …“ Er hatte nach ihrer Hand gegriffen und einen züchtigen Kuss daraufgehaucht. „Mit einem verliebten Mann müssen Sie Nachsicht üben. Es hätte mir nicht entgehen dürfen, wie scheu und unschuldig Sie sind; kein Wunder, dass Sie so reagiert haben. Ich kann nicht vorgeben, genauso unerfahren zu sein – das wissen Sie. Aber ich habe daraus gelernt und verspreche, mich von jetzt an zu benehmen.“

Zu ihrer eigenen Überraschung akzeptierte sie seine Entschuldigung. Angesichts seiner Zerknirschung schien sie sich nicht anders verhalten zu können. Wie hätte er wohl auf eine Zurückweisung reagiert? Es war ihm ohnehin nicht eilig, die Verlobung in die Anzeigenblätter zu setzen, da er erst die langweiligen Ehevertragsabwicklungen, wie er es nannte, hinter sich bringen wollte.

Mit anderen Worten, er möchte erst den zu erwartenden Geldbetrag einsehen, den ihm meine Treuhänder als meine Erbschaft offenlegen, überlegte Lily. Sicher setzt er voraus, dass ihm als meinem Ehemann mein gesamtes Vermögen zugänglich sein wird. Sie runzelte die Stirn, was Lady Billington scharf getadelt hätte. Würde Adrian sehr verstimmt sein, wenn man ihm die Bedingungen, die an das Treuhandvermögen geknüpft waren, erklärte, und er herausfand, dass die Sachlage nicht so simpel war, wie er dachte? Und was mochte er erst dazu sagen, dass sie selbst so viel mit der Verwaltung ihres Erbes zu tun hatte?

Schuldbewusst wurde ihr klar, dass sie fast hoffte, er würde es sich anders überlegen – obwohl er das nach allem, was zwischen ihnen vorgefallen war, als Gentleman eigentlich nicht tun konnte. Und sie als Dame der Gesellschaft durfte ein solches Verhalten auch keinesfalls tolerieren … falls man eine Händlerstochter, die sich auf eine nächtliche Kutschfahrt mit einem Mann einließ, als Dame bezeichnen konnte.

Energisch zog sie an der Klingelschnur und wies den kurz darauf eintretenden Lakaien an, ihr eine Tasse Schokolade zu bringen.

Ihre Vorfahren hatten Opfer gebracht, um das Kapital der Familie zu vermehren. Schon ihr Großvater war sparsam gewesen, um das Erbe anzusammeln, das ihr Vater dann in ein Vermögen verwandelt hatte. Ihre Mutter war in Indien im Kindbett gestorben, und ihr Vater hatte seine Gesundheit mit langen Arbeitsstunden und weiten Reisen geschwächt. Es war einfach ihre Pflicht, einen Adelstitel und gesellschaftliches Ansehen zu erringen, auch auf Kosten ihrer zarteren Gefühle. So würden Papas Enkelsöhne als Gentlemen heranwachsen, was sein innigster Wunsch gewesen war.

Wenn sie Adrian nur etwas sympathischer fände! Sie hatte ja nicht erwartet, ihn lieben zu können, aber wenigstens herzlich zugetan wollte sie ihm sein. Doch selbst das kurze Aufflackern körperlicher Anziehung war nach dem Vorfall in der Kutsche verflogen und bisher nicht wieder zum Vorschein gekommen.

Oh je! Wie sie zurückblickend erkannte, lag hinter ihr verbranntes Land. Hätte sie noch einmal die Wahl, würde sie nicht mit ihm gehen, egal welche Ratschläge man ihr auch gab – sogar auf die Gefahr hin, dass er seinen Antrag zurückzog.

In der Erinnerung hörte sie, wie eine tiefe, ernste Stimme zu ihr sprach. Finden Sie einen anderen Mann … Wie immer war sie berührt, wenn sie an die breiten Schultern, die ruhige Kraft und die tiefgrauen Augen ihres Retters dachte.

Die Tür öffnete sich, und Blake kam herein, mit ihm die Schokolade und ein aufgeregtes Stimmengewirr, das wohl von der Straße hereindrang, trotz der Entfernung zwischen Eingangstür und hinterem Frühstückssalon.

„Blake, was um alles in der Welt bedeutet dieser Lärm da draußen?“

„Ich wollte Sie gerade dazu befragen, Miss France. Haben Sie vielleicht Kohlen bestellt?“

„Kohlen?“ Was dachte er sich? „Blake, Mrs Oakman erledigt die Kohlenbestellungen, nicht ich.“

Der Diener stellte die Schokolade vor sie hin. „Das weiß ich, Miss France. Aber sie sagt, dass sie es nicht war, und da sind drei Männer, die behaupten, Sie hätten schriftlich vier Zentner bester Schiffskohle zur heutigen Anlieferung geordert.“

„Nun, das habe ich nicht. Es liegt offensichtlich ein Missverständnis vor. Schicken Sie die Männer weg.“

„Und was ist mit dem Fischhändler und dem Milchmädchen?“

„Fischhändler? Milchmädchen?“, fragte Lily verständnislos. „Wo um Himmels willen ist Fakenham?“

„Er diskutiert mit ihnen, Miss France.“ Die Miene des Lakaien wurde immer unglücklicher, während man nun deutlich hörte, wie der alte Butler die Stimme erhob. „Die Fuhrleute mit dem Gemüse sind auch noch da. Und der Mann mit dem Pianoforte beschwert sich, dass die Kohlelieferanten ihn anrempeln, Miss France.“

Als jemand die Eingangstür zuschlug, verringerte sich der Geräuschpegel beträchtlich. „Sag Fakenham bitte, er soll zu mir zu kommen.“ Lily warf die Serviette auf den Tisch und erhob sich, als ihr für gewöhnlich höchst überlegen auftretender Butler erschien, hochrot im Gesicht und vor Ärger stotternd. „Fakenham, was geht da draußen vor?“

„Ich w…weiß es nicht, Miss France.“ Der Bedienstete riss sich sichtlich zusammen. „Die Straße ist voller Händler, und alle berufen sich darauf, dass sie Aufträge erhalten haben oder hier auf Sie warten sollen.“

„Dann schicken Sie sie eben wieder weg!“

„Miss France …“ Heftiges, lautes Klopfen rief Fakenham zurück an die Eingangstür. Lily eilte hinter ihm her und schlüpfte in den vorderen Salon, wo sie durch einen Vorhangspalt spähte.

Vier würdevoll wirkende Männer, von denen jeder einen mit schwarzem Tüll umwundenen Hut in der Hand hielt, bahnten sich ihren Weg die Treppe herauf. Hinter ihnen, vor dem Hauseingang, hielt ein offenes schwarzes Fuhrwerk, auf dem ein prunkvoller Sarg stand.

Wenigstens bei ihnen schienen Fakenhams erklärende Worte zu fruchten. Nach einer gleichzeitigen steifen Verbeugung traten sie den Rückweg an, nur um von einem halben Dutzend kräftiger Träger beiseitegedrängt zu werden, die Holzkisten auf der Treppe abstellten.

„Nein!“, hörte Lily ihren Butler protestieren. „Wir haben keinen Madeirawein bestellt!“

Verwirrt trat sie zurück. Auf der Straße spielten sich tumultartige Szenen ab. Mehrere Kutschen versuchten an dem Sargwagen und dem lauthals streitenden Menschenauflauf vorbeizumanövrieren.

Gerade kämpfte sich ein Trupp von fünf Frauen, jede von ihnen die Hutschachtel, die von ihrem Handgelenk baumelte, wie eine Waffe schwingend, durch die Menge. Sie eroberten die ersten Stufen.

„Lily, was ist das für ein Radau? Findet ein Aufstand statt?“

Als sie die schrille Stimme der Tante hinter sich vernahm, drehte Lily sich um. „Ich habe keine Ahnung. Aber wenigstens kannst du es auch sehen – ich dachte schon, ich bin verrückt geworden und leide an ...

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